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Folgen eines Ausflugs

Es klingt zunächst banal, aber wenn man ein Kind (oder Kinder) hat, sieht man die Welt häufiger mit anderen Augen. Damit ist nicht kitschig und kuschelig gemeint, dass man die Welt wieder mit kindlicher Naivität neu entdeckt. Sondern vielmehr, dass man versucht, potentielle Gefahren für das Kind zu erkennen. Man lernt irgendwann, diese einzuschätzen und vertraut (mit einem Rest Misstrauen) zu gegebener Zeit darauf, dass andere dies auch können. Menschen, die einen Freizeitpark betreiben, werden, so meint man als Elternteil, mittlerweile wissen, wo etwaige Gefahren lauern könnten und weist darauf hin oder räumt sie aus. Das schafft eine entspannte Atmosphäre und das ist nutzbringend für Eltern und Kinder – vielleicht auch in wirtschaftlicher Hinsicht.
Warum schreibe ich das? Zuweilen verlasse auch ich mal das Ruhrgebiet um dem Rest der Familie aus der schwülen Hitze des Unsommers zu holen. Vermutlich kennt jedes Kind in der Region den Wildpark Frankenhof im münsterländischen Reken. Waldluft, Waldtiere, Waldboden, Spielplätze und vielleicht ein wenig Entspannung. Man müsste die regenfreien Tage auch nutzen. Der Tag versprach das auch. Allerdings wollte er das nicht einhalten. Nach den ersten Metern im Park Kettensägengeräusche, Tiere schreckten auf. Im Streichelgehege warf ein Arbeiter mit großen Zweigen umher. Einige Meter entfernt von uns stand auf dem Hauptweweg ein Fahrzeug mit Kran. Am Kran ein Korb mit zwei Arbeitern die da an einem Baum herumsägten. Allerdings ohne Absperrband oder Hinweis, dass da etwas an den Bäumen gemacht wird. Wird schon richtig sein. Deshalb schrieb ich, dass man irgendwann einen Blick dafür entwickelt, wo sich Gefahren befinden könnten, aber auch darauf vertraut, dass verantwortungsbewusste Menschen den Blick für Gefahren auch haben.
So wunderten wir uns und lamentierten noch über den Lärm der Kettensäge, als unter dem Kran ein Mann mit den Armen fuchtelte und lauthals forderte, man solle endlich etwas tun.
Zu seinen Füßen lag ein kleines Kind.
Ein Arbeiter kam hinunter und entgegnete, alles was man tun könne, wäre es, einen Arzt zu rufen und das würde man nun tun. Das Kind blutet stark schrie der Mann aus Leibeskräften und man hat verstanden, dass zumindest das eigene Kind dort nichts verloren hatte. Bei den ungesicherten Arbeiten passierte der Mann, der jetzt neben dem unbeweglichen Körper des Kindes stand nur wenige Momente zuvor den Wagen und von oben traf ein abgesägter Holzklotz das Kind auf den Kopf. Jemand forderte, das Kind an einen anderen Ort zu bringen. Die Erwachsenen, die zu dem Kind gehörten lehnten ab und wollten die Lage des Kindes nicht verändern. Um nicht als Schaulustige den Ablauf zu stören und das eigene Kind nicht zu verstören, hatten wir bereits räumlichen Abstand gewonnen.
Nur wenige Minuten später traf ein Rettungswagen ein, ein Notarzt und Polizei folgten. Eine ganze Weile später ein Rettungshubschrauber. Wir gingen weiter, waren jedoch besorgt und schockiert über die Ereignisse. Wenigstens waren Ärzte und Rettungsmöglichkeiten verfügbar.
Als wir wieder zuhause waren, erfuhren wir, dass der Junge es nicht geschafft hatte. Der vierjährige Junge starb im Krankenhaus. Das liest sich in der Lokalpresse lapidar, als sei es eine einfache Verkettung ungünstiger Umstände. Wenn man unmittelbar den Beteiligten ins Gesicht sah, etwa dem abwinkenden Waldarbeiter, dann empfindet man das anders.
Das Schicksal des Jungen, der auf dem Bauch neben dem Mann lag, hat mich mehr als schockiert.

Verblüfft bin ich jedoch darüber, dass der Betreiber des Wildparks den Unfall und seine Folgen nicht verantwortungsbewusst kommuniziert. Auf der Website wurde nichts erwähnt (etwa ein öffentliches Wort des Bedauerns). Hatte ich kurz vor dem Ausflug noch zur Kenntnis genommen, dass man eine facebook-Präsenz anbietet, so ist diese am Abend des gleichen Tages bereits gelöscht bzw. nicht mehr aufrufbar (nur im google-Cache) und der entsprechende Hinweis auf die facebook-Geschichte fehlt auf der Internetseite.

Der Tagesausflug rückte plötzlich existentielle Fragen in den Vordergrund, wie wir sie uns üblicherweise allerspätestens zu Rosch haSchanah stellen. Am Neujahrstag wird es geschrieben und am Versöhnungstag besiegelt, wieviele vergehen und wieviele entstehen, wer leben wird und wer sterben, wer an sein Ende gelangt und wer nicht an sein Ende gelangt heißt es in Unetane Tokef und zwingt uns zum Innehalten über die existentiellsten Fragen. Zugleich wird uns immer wieder deutlich gemacht, dass wir selber für unsere Taten verantwortlich sind und bereit sein müssen, die Verantwortung zu übernehmen. Vor HaSchem, aber auch oder gerade vor Anderen.

Das ist nicht die übliche Themenauswahl der Blogbeiträge hier, jedoch sei auch mir mal eine persönliche Anmerkung gestattet.