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Die A* Frage

Im deutschen Sprachraum gibt es eine Frage die Juden recht häufig gestellt wird und die man gemeinhin durchaus als A****l*chfrage bezeichnen kann einige jüdische Leser werden das kennen: Man unterhält sich einige Sätze lang. Es wird klar Aha. Deutscher Jude und es könnte sein, dass man recht schnell gefragt wird Watt sagen Sie denn dazu, watt Israel da mit den Palästinensern macht? Das ist die A****l*chfrage.
Michael Wuliger (Autor des Der koschere Knigge) beschreibt das etwas diplomatischer:

Gehen Sie mal davon aus, dass dieser Jude höchstwahrscheinlich Ihnen ähnlicher ist, als Sie vermuten. Die Bundesliga interessiert ihn mehr als die Lage in Gaza, über die Fahreigenschaften seines Wagen denkt er häufiger nach als über die Vergangenheitsbewältigung. ABBA hört er lieber als Klezmermusik. Und öfter als den Talmud liest er den Kicker. Also nerven Sie den armen Mann oder die Frau – nicht mit Ihrer Betroffenheit beim Besuch des Holocaustmahnmals oder Ihren Ideen zum Nahostkonflikt. Fragen Sie ihn bitte auch nicht nach komplexen Details der religiösen Speisegesetze. Er kennt sie wahrscheinlich nicht. Sie würden ja auch, wenn Sie Katholik sind, beim Bier keine Debatte über die theologischen Aspekte der Transsubstantion führen wollen. Ach und noch was: Sie müssen einen Juden auf der Fete nicht zwingend mit Schalom begrüßen. Ein freundliches Guten Tag reicht völlig aus.
Interview mit Cicero (hier)

Das gilt offenbar auch für andere Länder. Kurz geschildert aus meiner Sicht: Drei Frauen kommen in einen Laden. Es stellt sich heraus, dass der Laden einem jüdischen Marokkaner gehört. Die erste Konversation gilt noch dem Zusammenleben von jüdischen und muslimischen Marokkanern und *zack* sind wir schon bei Israel:

Was der Besitzer erzählt, erinnert Maya an eine Theorie, die wir kürzlich in einem Comic über Palästina lasen: Nicht die Religion, sondern die ethnische Herkunft von “weißen” Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels. Juden aus Nordafrika seien unvoreingenommener gegenüber Palästinensern. “Wären alle in Israel so wie der Verkäufer, könnte man dort in Frieden leben”, sagt Maya zu mir. von hier

Der Text von Kübra Yücel (die auch bemerkenswert nette Artikel zum Miteinander von Juden und Muslimen schreiben kann) aus der taz zeigt zum einen, wie man sich auf gar keinen Fall verhalten sollte, wenn man mit jemandem ein interessantes Gespräch führen möchte und transportiert zum anderen eine recht krude These zum Nahostkonflikt (bei Lila eine nette Replik entdeckt).
Warum das Iii-bäh ist, einen jüdischen Marokkaner, jüdischen Deutschen, jüdischen Russen oder jüdischen Briten für irgendwelche Vorgänge irgendwo auf der Welt zur Verantwortung zu ziehen, beschreibt die Autorin aber eigentlich selber in einem Interview:

Ich lebe hier in Deutschland. Natürlich finde ich es schrecklich, was in einigen Ländern geschieht und vielen anderen Muslimen geht das mit Sicherheit genauso. Aber unser Lebensmittelpunkt ist hier, wir sind nicht verantwortlich für die Verbrechen, die anderswo geschehen. von hier

Bemerkenswert erscheint mir die Haltung, dass man gerne so lange weiterdiskutieren möchte, bis man sein Gegenüber mit der eigenen Meinung missioniert hat und diese Meinung/Haltung auch selber nicht hinterfragt. Der Marokkaner aus der Geschichte weiß das offenbar:

Mich trifft das tief. “Sag ihm, ich habe kein Problem”, raunze ich. “Er hat anscheinend eines.” Kritisch kuckt mich der Verkäufer an. Dann lacht er freundlich, auf einmal wäre es ganz leicht, zu der friedlichen Stimmung von vorhin zurückzukehren.
Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: “Kein Land auf dem Blut eines anderen.” Der Verkäufer lacht und sagt: “inschallah, inschallah.” von hier

Diese Verbissenheit ist kein sehr sympathischer Charakterzug und keine Einladung zum Austausch von Meinungen; sondern lediglich ein Ausdruck von besonderem Sendungsbewusstsein. Nur: Wenn alle Akteure vor Ort (Israel-Palästina) so handeln würden (es gibt Ausnahmen und Konfliktparteien die per Definition nicht an einem Kompromiss interessiert sind), dann wäre die politische Situation um ein Vielfaches schlimmer.