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Abrissbirnen, Desillusionen und der SPIEGEL

Matthias Schulz schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über Religion. In der Regel bekommt er ein Titelthema zum Jahresende. Und das beschäftigt sich vorwiegend mit der Dekonstruktion von Religion, genauer gesagt des Judentums und des Christentums. Damit lag er oft komplett daneben. Selbst die Autoren, auf die er sich berief, widersprachen ihm und seiner recht eigenwilligen Exegese der Texte, die sie geschrieben haben.
So versucht Schulz folgendes seit Jahren zu zeigen:

Moderne Bibelkundler klopfen schon seit längerer Zeit wie mit der Abrissbirne gegen das Alte Testament. Sichtbar wird ein Gespinst aus Legenden.
DER SPIEGEL Nr. 51/2002

In diesem Jahr heißt es:

Überall wird enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt. Die moderne theologische Forschung gleicht einer einzigen Desillusion.
DER SPIEGEL Nr. 52/2014

2006 sollte gezeigt werden, dass der jüdische Monotheismus eigentlich eine Erfindung der Ägypter gewesen sei.

Nun, also 2014, ist G-tt keine Erfindung der Ägypter, sondern stammt aus einem Vulkan. Zwei sprachliche Bilder über Feuer (Psalm 97) und von bebenden Bergen (2.B.M. 19) reichen aus, um zu zeigen: »G-tt war ein Vulkan«.
Schulz schreibt (DER SPIEGEL 52/2014, Seite 113) »Angesichts der Vielzahl feuerspuckender Sprachbilder…«. Andere werden nicht genannt.

Dann beginnt ein wilder Ritt in dem er verschiedene Theorien präsentiert, diese vermischt und oft mit Konjunktiven eigene Schlussfolgerungen zieht. Jede Theorie für sich ist vielleicht interessant und führt zu Erkenntnisgewinn, in der Zusammenstellung wird dem Leser schwindelig und nicht immer will man den Folgerungen des Autoren folgen.
Die Vulkan-Theorie wird mit dem Versuch untermauert, Midian geographisch zu verorten. Das ist ein interessanter Schachzug, den Tanach wörtlicher zu nehmen, als diejenigen, die ihn nicht für ein Hirngespinst halten. Denn einige diese Gläubigen suchen nicht unbedingt nur nach dem geographischen Ort, sondern nahmen zur Kenntnis, dass Midjan auch mit Streitsache übersetzt werden kann und vielleicht eine Metapher sein könnte.
Für Schulz steht fest, der Name stehe für eine »Gegend im Nordwesten Saudi-Arabiens«. Insbesondere der Vulkan Hala l-Badr hat es ihm angetan. Dass diese These schon Sigmund Freud (»Der Mann Moses und die monotheistische Religion« – dort findet sich auch die G-tt kam aus dem Vulkan-These) aufstellte, erwähnt Schulz übrigens nicht.
Irgendwo im Süden soll der Tanach den Berg verorten (ohne Quellenangabe), an dem die Torah übergeben worden sei und nennt dann als Quelle auch den Koran. Mit seinem Nachweis beweist Schulz zweierlei: Dass er die Quellenangabe selber nicht geprüft hat und dass er Quellen anerkennt, die erst viel später entstanden. Mohammed wurde ja erst um das Jahr 570 geboren.
Im Korantext den Schulz nennt, Sure 7,85, heißt es:

Und zu den Madjan (haben wir) ihren Bruder Schu’aib (als unseren Boten gesandt).
Übersetzung nach Paret von corpuscoranicum.de

Madjan ist die arabische Variante von Midjan – mehr nicht. Eine geographische Angabe bringt der Text also überhaupt nicht.
Der Eintrag Midian in der englischsprachigen Wikipedia führt uns weiter. Dort hat ein Autor eingetragen, der Kommentator Abdullah Yusuf Ali würde vulkanische Aktivitäten beschreiben und dann fügt der Wikipedia-Autor in Klammern nach dem Zitat hinzu: »The volcano Hala-‘l Badr is in Madyan.« Das scheint die Quelle des SPIEGEL zu sein.

Dann behauptet Matthias Schulz, Flavius Josephus hätte geschildert, wie sich Mosche bis zu einer Oase namens Madiana vorgekämpft hätte. Ohne Stellenangabe. Sicher meinte er Kapitel 11 des zweiten Buches der Jüdischen Altertümer. Dort heißt es aber lediglich, Mosche sei bis zu einer Stadt (!) namens Madiana gekommen. Diese läge am Roten Meer. Madiana ist die griechische Schreibweise (Μαδιάμ) von Midian.

Ein richtiges Highlight des Artikels ist natürlich auch 2014 das Licht in dem die Juden dargestellt werden.
Fest steht für Schulz auch, dass die Israeliten/Juden von den Schasu abstammen und bemüht sich, sie besonders hässlich aussehen zu lassen:

»Bei den Ägyptern hießen die Hirten Sandwanderer und waren als Räuber und Wegelagerer verschrien.«
DER SPIEGEL Nr. 52/2014, Seite 114

und zitiert dann einen nicht näher spezifizierten Papyrus:
»sie haben grimmige Gesichter, sie sind feindlich« (diese Übersetzung von Schulz einer englischsprachigen Quelle ist übrigens aus der deutschen Wikipedia kopiert, siehe hier)
Auf der anderen Seite erwähnt Schulz nicht den Papyrus Anastasi 6, der daran erinnert, wie die Söhne Ja’akows nach Ägypten ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen: »Wir haben die Schasu von Edom durch die Festung Merneptah, in Tjeku, passieren lassen bis zu den Teichen von Pe-Atum des Merneptah in Tjeku, um sie und ihr Vieh durch den guten Willen des Pharao am Leben zu erhalten.«

Einen möglichen Zusammenhang zu einer Volksgruppe namens Apiru verschweigt Schulz zunächst und bringt sie erst am Ende seines Artikels als Outlaws. Es ist heute denkbar, dass die Bnej Israel eine Untergruppe der Schasu gewesen sein könnten. Der Sammelbegriff Schasu kennt mehrere Untergruppen und scheint ein Konglomerat von Gruppen zu beschreiben.
Schulz ist jedoch vorsichtig und kleidet seine Behauptungen mit dem Konjunktiv: »Vereinfacht könnte man die neue G-ttesformel deshalb so ausdrücken: Schasu = auserwähltes Volk«
Der Leser könnte meinen, die Bibelwissenschaft habe das so festgestellt.
Wie schon in den Jahren zuvor, geht es offenbar nicht nur um die Bestandsaufnahme des Wissenstands der Bibelwissenschaft.
Übrigens: Wann immer von den wichtigen Schlüsselfiguren die Rede ist, wird die Rede nicht so sehr nett. Die Israeliten tragen nicht die Bundeslade, sondern schleppen sie (Seite 115) und das Zelt der Begegnung (oder Stiftshütte) ist ein zusammenklappbarer Tempel. König David ist ein Räuber Hotzenplotz, oder ein Strauchdieb. Ersteres ist angeblich eine bahnbrechende Einsicht des Archäologen Israel Finkelstein. Dabei hat schon vor Jahrzehnten Me’ir Schalew in seinen Texten zum Tanach ausgelegt, Davids Benehmen erinnere zuweilen eher an eine Gruppe von Räubern. Juden gähnen also nur müde.
Aber Israel Finkelstein ist zwischen all den negativen Dingen für Schulz ein Lichtblick. Ein zivilisierter Zeitgenosse:
»Er liebt gutes Essen und Rotwein. Daheim spricht er Französisch, seine Frau ist eine Jüdin aus Paris.« (Seite 116)
Im Text heißt es dann, angeblich gehe Finkelstein unsentimental mit dem »Erbe seiner Ahnen« um. Man könnte den Eindruck gewinnen, Finkelstein, der nichts anderes tut, als wissenschaftlich zu arbeiten, werde zu einer Art Gegenpol aufgebaut – inmitten unzivilisierter Menschen. Dabei sagte Finkelstein »New archaeological discoveries should not erode one’s sense of tradition and identity. (Quelle

Ein anderes Thema ist das politische. Behauptete Schulz 2002 noch:

Auf jenem Hügel der Stadt, wo sich heute die Aksa-Moschee und der Felsendom erheben, lag einst das Zentralheiligtum der Stadt.

Gemeint ist natürlich Jerusalem. 2014 heißt es:
»Ebenso beharren Nationalkonservative darauf, dass der Tempelberg nicht den Arabern, sondern ihnen zuzusprechen sei – schließlich hätten ihre Vorfahren dort einst ein glänzendes G-tteshaus erbaut. Gunnar nennt das eine >romantische< Vorstellung.« (Seite 117) Vom Tempel »ließ sich bislang kein Krümel nachweisen.« heißt es weiter. Das sehen Archäologen in Israel möglicherweise anders und die Menschen an der Westmauer vielleicht auch.

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Miqra al pi ha-Mesorah

Chumasch

Oberflächlich betrachtet, geben die meisten Torah-Ausgaben den gleichen hebräischen Text wieder. Das gilt auch für die Vokalzeichen und für die Teamim (Kantillationszeichen). Tatsächlich geht es hier ins Detail. Wenige Ausgaben sind genau gleich. Tatsächlich sind die Herausgeber der jeweiligen Ausgaben häufig auch redaktionell tätig geworden. Beispiele sind etwa Mordechai Breuer, der den Text der Ausgabe Keter Jeruschalajim editiert hat, oder die (in Deutschland gängige) Ausgabe von Wolf Heidenheim, oder auch der Tanach von Koren. Zudem gibt es noch, die bei christlichen Theologen verbreitete Biblia Hebraica Stuttgartensia, die nun ebenfalls erneut überarbeitet wurde.
Online gibt es eine Ausgabe von Mechon Mamre, zu der vermerkt ist, dass sie sorgfältig überarbeitet wurde, allerdings ist nicht ganz klar, was dort überarbeitet wurde. Wer also den Text weiternutzen möchte, darf das nicht tun, weil er mit einem Copyright versehen ist. Die anderen Texte übrigens schon gar nich und wer tippt schon den Text komplett ab?

Nun gibt es eine Ausgabe, die Miqra `al pi ha-Mesorah מקרא על פי המסורה , die sich am Aleppo-Codex und zahlreichen weiteren masoretischen Texten orientiert und den redaktionellen Prozess auch transparent gemacht hat (in hebräischer Sprache hier). Auch im Text selber wird auf Varianten hingewiesen:

maso_phrase
maso_hinweis_fussnote1

Und auch wichtig: Der Inhalt steht unter einer Creative Commons Lizenz – kann also für andere Projekte weiterverwendet werden. Einige Teile sind noch in Arbeit, aber das vorliegende Ergebnis ist bereits beachtenswert.

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Jüdische Texte Open Source

Sefaria.org

Kürzlich erst berichtete ich von der Idee, wichtige Texte des Judentums so abzulegen, dass sie für alle bereitstehen und auch von allen Nutzern theoretisch erweitert werden könnten. Ein gutes Werkzeug ist google docs und tatsächlich haben viele Nutzer sich die Seiten angeschaut und einige haben pdfs und Word-Dateien heruntergeladen. Den Inhalt verbessert oder verändert hat zunächst niemand.

Während die Dokumente online gingen (buchstäblich zeitgleich), ging jedoch auch sefaria.org testweise an den Start und das bewegt das Vorhaben auf eine neue Ebene. Die Seite ist sehr einfach zu benutzen und macht optisch den Eindruck einer Mischung zwischen Buch und Webanwendung. Für das Offener Talmud Vorhaben wird die Seite sich in Zukunft auch öffnen, denn Deutsch wird als Pflegesprache hinzugefügt werden, das sagte mir der Kopf hinter dem Projekt bereits zu.
Aber nicht nur den Talmud wird es geben, sondern vermutlich auch jeden anderen hebräischen Text. Das Projekt ist eine Benutzeroberfläche für jüdische Texte und hat einige Elemente des klassischen jüdischen Buches übernommen: Randglossen. Allerdings in digitaler Form.

Nun könnte man viel zur Funktionsweise von sefaria.org schreiben, aber die Grundfunktionen habe ich in einem kurzen Video zusammengestellt. Es ist ein kleiner Rundgang:

Was noch fehlt sind Druckfunktionen und Exportformate. Sicher wird das bald folgen. Natürlich fehlen auch weitere Pflegefreiwillige. Das gesamte Projekt kann auch auf einem anderen Server installiert werden. Alle Quellen sind über github verfügbar (programmiert in Python). Hier.

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Tanach von Koren

Ma'alot Edition

Was soll es neues geben, wenn man sich einen Tanach kauft? Vor allem, wenn man sich einen unübersetzten zulegt. Der Text ist doch überall der gleiche? Das stimmt nicht unbedingt. Einige Ausgaben wurden übernommen von jemandem, der sie übernommen hat, der sie übernommen hat. Dazu kommt: In einigen älteren Ausgaben ist die Typographie nicht die allerbeste. Die wenigsten Tanachausgaben waren tatsächlich ein vollständig jüdisches Unternehmungen. Erst Elijahu Koren veröffentlichte 1962 einen Tanach, der vollständig unter jüdischer Regie entstand und gedruckt wurde. Der überarbeitete Text basierte zu einem großen Teil auf der Arbeit des deutschen Rabbiners Wolf Heidenheim – der deutschsprachigen Juden durch den Siddur Sefat Emet bekannt sein dürfte. Dennoch wurde der Text aufmerksamst überarbeitet und Fehler entfernt. Elijahu Koren (der übrigens der 1907 in Nürnberg als Elijahu Korngold geboren wurde) schuf zudem eine eigene Schrift für seine Ausgabe. Aus Israel kannte man die Ausgabe vielleicht, später kam dann auch eine englisch-hebräische Ausgabe heraus, die mäßige Beachtung fand, wie überhaupt die Siddurim und Tanach-Ausgaben außerhalb Israels eher am Rande wahrgenommen wurden, wenn überhaupt. Weiterlesen