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Geboren werden – oder lieber nicht?

Man kann buchstäblich erwarten, dass jede und jeder mit Wurzeln in einem der Länder der ehemaligen Sowjetunion den Film »Ironie des Schicksals – Ирония судьбы« kennt. Dieser Film läuft in jedem Jahr am 31. Dezember im Fernsehen. Der dreistündige Film ist voller Balladen und eine davon klingt recht zynisch: »Wenn du kein Haus hast, dann kann es nicht abbrennen. Wenn du keinen Hund hast, kann der Nachbar ihn nicht vergiften.« Es folgen weitere Abwägungen. Das Lied endet mit »Wenn du niemals lebst, dann kannst du nicht sterben.« Auch dieses Lied dürften nahezu »alle« kennen.
Hillel und Schammaj haben im Talmud diskutiert, was besser ist: Nicht geboren zu werden, oder eben doch geboren zu werden. Den gesamten Text (von mir) dazu findet man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen.

Talmudisches – Geboren werden – oder lieber nicht?

Artikel

Jeden Tag eine Seite Talmud

Blick auf ein Blatt Talmud

Sind schon mehr als sieben Jahre herum?
So lange dauert es, den vollständigen Talmud zu lesen – wenn man jeden Tag zwei Seiten, also ein Blatt liest. Die Ordnung stammt von Rabbiner Meir Schapiro (1887–1933) – ist also nicht sehr alt. Rabbiner Schapiro bemerkte in den 1920er Jahren, dass einige Traktate des Talmud häufiger studiert als andere. Zudem lasen Juden den Talmud an vielen Orten der Welt unabhängig voneinander irgendwie chaotisch. Wer auf Reisen war oder den Wohnort wechselte, war zudem häufig mit der Tatsache konfrontiert, dass die örtliche Jeschiwa sich mit einem vollkommen anderen Stoff beschäftigte als das heimische Lehrhaus. Der in Litauen geborene und damals schon in New York lebende Rabbiner Schapiro präsentierte deshalb 1923 in Wien ein Programm mit dem Ziel, weltweit gemeinsam – und zwar unabhängig vom Ort – den gesamten Talmud zu studieren. Das war die Geburt von »Daf Jomi«, der »täglichen Seite«. Man beginnt zu einem festgelegten Datum, mit dem ersten, beidseitig bedruckten Blatt des ersten Traktats Berachot und lernt täglich ein weiteres Blatt.
Bei den 2.711 Blättern des Talmud ergibt dies eine Gesamtdauer von sieben Jahren und etwas mehr als vier Monaten. In dieser Zeit hat man den gesamten Talmud durchgearbeitet. Der Vorteil dieser Methode ist, dass alle, die den Plan kennen, überall auf der Welt das gleiche Blatt lesen – vorausgesetzt, sie haben einen Kalender, der das berücksichtigt. Der neue Zyklus beginnt jetzt bald. Am 5. Januar 2020.

Heute kann man sich recht unkompliziert verbinden. Über facebook, WhatsApp, Twitter könnte man sich überall über das Blatt austauschen, oder sich zu Gruppen zusammenfinden. Die Idee von Rabbiner Schapiro ist heute, so wage ich mal zu behaupten, populärer als jemals zuvor und hat sich auch außerhalb seines charedischen Spektrums durchgesetzt.
Damit auch Juden davon profitieren können, die keine Jeschiwa besucht haben und ohne Hilfe im »Meer des Talmud« schwimmen müssen, gibt es mehrere Angebote, die für jeden Kenntnisstand geeignet sind. Eine bloße Übersetzung wird leider nicht ausreichen.
Zahlreiche Konzepte und Schlüsselbegriffe wollen eindeutig erklärt und erläutert werden. Die knappe Ausdrucksweise des Textes wäre mit einer reinen Übersetzung nicht zu durchschauen. Fraglich auch, ob man überhaupt einer Diskussion folgen kann.

Wo soll man lesen? Online!

Print regiert hier noch immer. Der Artscroll-Verlag bietet die 2.711 Seiten in 73 Bänden und mehreren Formaten an. In der englisch-aramäischen »Schottenstein-Edition« entsprechen die acht Seiten der Übersetzung etwa einem Blatt, zahllose Fußnoten vertiefen einzelne Themen, liefern Quellennachweise und Verweise auf die klassischen Kommentare. Im Zentrum steht aber der vokalisierte Originaltext, der Satz für Satz übersetzt und erklärt wird. Das klassische Blatt der Ausgabe von Vilna ist den meisten Ausgaben jeweils der Übersetzung gegenübergestellt. Das kann sich nicht jeder leisten und kaum eine Gemeinde hat das Werk bisher angeschafft (im deutschsprachigen Raum).

Koren aus Jerusalem hat seine englisch-aramäische Ausgabe des Steinsaltz-Talmud in 41 Bänden mit Ende des letzten Zyklus abgeschlossen und liegt nun vollständig vor. Diese basiert wiederum auf einer hebräisch-aramäischen Ausgabe mit einer hebräischen Übersetzung des Textes von Rabbiner Adin Steinsaltz. Sie ist als Studienhilfe bereits weit verbreitet und wartet mit einem intelligenten Kommentar und Erklärungen auf – sei es zu Personen des Talmud, behandelten Themen oder des Umfelds, in dem der Text entstand. Diese Ausgabe enthält auch Bilder und Illustrationen von Tieren, Pflanzen oder Gegenständen, von denen im Text die Rede ist. Die englische Übersetzung steht jeweils neben einem hebräischen oder aramäischen Absatz, ist jedoch viel länger, weil sie mit erklärenden Einschüben versehen ist. Am Blattrand und am Seitenende sind die Kommentare und Bilder untergebracht. Es gibt große und farbige Ausgaben und etwas günstigere in schwarz-weißem Druck. ABER! Diese Ausgabe gibt es auch teilweise online: Bei sefaria.org gibt es die englische Übersetzung von Steinsaltz mit dem erklärenden Text. Hier klicken.

Und auf Deutsch? Kommt!

Irgendwie wird es hoffentlich funktionieren, dass talmud.de seinem Namen gerecht wird und in den laufenden Zyklus mit einer großen deutschsprachigen Online-Ausgabe einsteigt. Es ist einiges in der Vorbereitung.

Rabbiner Adin Steinsaltz schrieb einmal, der Talmud wurde niemals beendet. Hoffen wir, dass die Diskussion weitergeht und verschiedenste Menschen, verschiedene Ansätze finden, sich mit dem Talmud zu beschäftigen. In den letzten Jahren habe ich Menschen getroffen, die sich aus religiöser Überzeugung (natürlich) mit dem Talmud beschäftigt haben, aber auch Agnostiker, Atheisten oder ohne eine klare Haltung mit diesem vielschichtigen Text auseinandergesetzt haben. Gesprächsstoff gibt es genug.

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Die Legende von Rabbi Akiwa

Pünktlich zu Lag BaOmer ist es verfügbar!
Ein e-Book mit dem Titel »Die Legende von Rabbi Akiwa«. In diesem Büchlein (darf man ein e-Book »Büchlein« nennen?) erzählt Emil Bernhard Cohn (er war Rabbiner in Bonn, Essen, New York und später Dozent für Hebräische Literatur an der Stanford University in Palo Alto), das Leben von Rabbi Akiwa spannend nach. Von seiner »Erleuchtung«, bis zu seinem grausamen Tod durch die Römer. Cohn hangelt sich dazu an den Stellen aus Midrasch und Talmud entlang, die etwas über ihn verraten. In einem kleinen Anmerkungsteil habe ich diese Stellen identifiziert und angemerkt. So könnte der geneigte Leser im Talmud diese Stellen finden. Zusätzlich gibt es die Schilderung seines Martyriums als übersetzten Text aus dem Talmud. Da es das Buch bisher nicht (mehr) zu kaufen gab, habe ich nun diese »erweiterte« und Fassung veröffentlicht. Die Orthografie wurde stellenweise etwas aktualisiert. Ich denke derzeit nicht, dass es für eine gedruckte Version ausreichend Nachfrage gäbe.

Moment! Das e-book kostet ja Geld?! Ja. Manchmal gibt es kommerzielle Projekte. Die ermöglichen dann den Betrieb von talmud.de und dieses Blogs. Das finde ich etwas smarter, als schnöde Werbung zu schalten. Direkt nach Geld werde ich sicher nicht fragen.
Sicher wird es den Text auch auf talmud.de geben. Aber in der Aufbereitung und Bearbeitung steckte auch ein wenig Zeit.

In Kürze sollte es das Buch in allen deutschsprachigen Shops für e-Books geben.
Ihr findet es etwa hier:

Danke für Eure Aufmerksamkeit für diesen kleinen Werbeblock.

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Aus dem Talmud – Hexen, Alkohol und Paare

Der Talmud warnt davor, Dinge »in Paaren« zu tun und erzählt zudem eine bemerkenswerte Geschichte: Eine Frau verhext einen Stalker bzw. ihren Ex-Mann. Wie man sich vor derartigen Dingen schützt, schildert der Talmud jedoch auch.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich die Geschichte aufgeschrieben.
Den gesamten Text gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen… hier unter dem Titel »Von Wein und Hexen«.

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Erst heiraten und dann Tora lernen – oder umgekehrt?

Die Weisen des Talmuds waren Männer. Doch wir erfahren auch etwas über ihre Frauen – oder aber auch, warum man keine haben sollte, bevor man mit dem Studium fertig ist – je nach Sichtweise. Für die Jüdische Allgemeine habe ich die Sichtweisen kurz erläutert:

Talmudisches – Erst heiraten und dann Tora lernen – oder umgekehrt?

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Adah und Schimon

Schabbat 13a – unten

An den Tagen, an denen der Wind aus dem Süden Sand und Hitze durch das Tal drückte, wartete Adah mit Wasser vor dem Haus. Wenn Schimon kam, küsste er sie auf die Stirn, nahm ihre rechte Hand und lächelte sie an.
Er trank und sie erzählte von ihrem Tag und wer in die Schneiderei gekommen war. Und üblicherweise blickte Schimon auf den Boden und sagte »Wenn ich ein Rabbi bin, dann musst du das nicht machen. Dann handele ich mit Stoffen, so wie mein Vater. Du sollst es gut haben. Nicht mehr lange. Aber wenn ich mich bemühe, werde ich vielleicht eines Tages so gut, wie du es bist.«
Und Adah antwortete »Ich habe nicht gedacht, jemanden wie dich zu finden.«

Er ging früh aus dem Haus, half den jüngeren Studenten, diskutierte mit den Rabbinern und bemühte sich, ebenfalls Vorbild zu sein. Dann kehrte er schnell zurück zu Adah.
Sie gingen dann gemeinsam ins Haus und aßen. Schimon sprach immer gemeinsam mit Adah das Tischgebet. Und oft ging Schimon noch zur alten, fast blinden, Hannah und bereitete ihr Feuerholz vor. Erst nachdem er das getan hatte, sprachen Adah und er über das, was er während des Tages diskutiert hatte. Dann küsste er sie sanft und sie liebten sich. An den Tagen, an denen sie Niddah war, stellte sie das Wasser auf einen Tisch vor dem Haus und beide wussten, dass sie einander nicht berühren würden und warteten ungeduldig auf die Zeit nach der Mikwe.
Dann kam die bleibende Hitze des Sommers und die Regenfälle des Winters. Schimon ging zum Lehrhaus und wurde am Abend von Adah empfangen. Dass sie noch kein Kind hatten, bedauerten sie nicht. Sie hatten einander und genossen die Zeit. Dann kam der Frühling und aus dem Süden kam der Wind auf und Adah wartete vor dem Haus. An einem Tag, an dem der Wind sich legte, kam nicht Schimon den Weg zum Haus herauf.

Als Schimon aus dem Lehrhaus kam, hatte der Wind sich gelegt und alle genossen den kurzen Moment der Entspannung. Die anderen Studenten, die Rabbiner, Kinder liefen wieder umher, die Bäume standen still und man konnte das Wasser des nahen Baches hören. Eine gute Idee, sich hier kurz aufzufrischen, um nicht vollgeschwitzt zuhause anzukommen.
Es war leicht, sich kurz neben den Bach zu knien. Der Boden war fest.
»Schmeckt dir das Wasser mein Freund?«
Schimon wollte sich umschauen, konnte aber nicht, weil ihm die Stimme eine Hand auf den Rücken drückte. Die Stimme erwartete keine Antwort:
»Das Wasser kostet nichts. Aber ich brauche auch etwas zu essen. Gib mir eine Münze mein Freund! Wo ist dein Geldbeutel?«
»Ich habe keinen. Ich war im Lehrhaus.«
»Im Lehrhaus? Wandelt auf dem Pfad des Friedens. Gut ist, wer Torah verbindet mit richtiger Arbeit. Hättest du eine ehrliche Arbeit, dann hättest du mir eine Münze geben können.«

Nicht Schimon stand vor der Tür, sondern zwei seiner Studienfreunde. Sie trugen ein Bündel bei sich. Wortlos reichten die beiden ihr das Bündel. Sie brauchte nicht hinzusehen. Adah wusste, was in dem Bündel war. Sie erinnerte Schimon jeden Tag daran, es nicht zu vergessen.

Die Stimme drückte etwas fester auf den Rücken von Schimon. Er konnte dem Druck nicht lange standhalten. Die Stimme musste nun mit dem gesamten Körper auf Schimons Rücken drücken. Er versuchte, dagegen zu drücken. Seine Arme schmerzten und zitterten und schließlich lag sein Oberkörper auf dem Boden. Wasserspritzer kühlten sein Gesicht. Schimon konnte die Augen nicht geöffnet halten, kleine Wassertropfen drangen in sein Auge. Es fiel ihm schwer zu atmen. Die Stimme musste sich auf seinen Rücken gesetzt haben.
»Mein Freund – du wirst ja ganz nass. Dabei ist der Bach nicht einmal tief. Jonah, mein Freund. Jonah. ›Ströme umgeben mich, all deine Brandungen und deine Wogen, sie fahren über mich her‹ – wie wird sich Jonah wohl gefühlt haben?«
Jetzt schrie Schimon mit der Kraft, die ihm noch geblieben war. Aber sein Schrei endete in einem Gurgeln. Schimon versuchte seinen Kopf mit aller Gewalt nach oben zu drücken, aber hielt nicht lange durch. Er schluckte Wasser.

Adah starrte die beiden an und drückte das Bündel gegen ihren Körper. An den Äderchen ihrer Arme konnte man erkennen, wie fest sie es an sich presste.
»Wir haben einen Schrei gehört – als wir am Bach ankamen, haben wir Schimon gefunden.«

An das, was folgte, konnte sich Adah nur noch schwach erinnern. Daran, dass sie die beiden ihr hilflos zusahen, wie sie sich vor Schmerz auf dem Boden krümmte. Daran, dass Schimon am gleichen Abend noch beerdigt wurde. Daran, dass Frauen zu ihr kamen um sie zu trösten und dass sie immer wieder geschrien hatte, als wollte sie das ganze Tal mit ihrem Schmerz füllen.
Tagelang aß sie nichts, wartete vor dem Haus, ging spät schlafen. Wachte in der Nacht auf, weil sie hoffte, er käme doch wieder. So vergingen Tage und in die Trauer mischte sich Wut. Das Bündel, das sie seit der Nachricht ständig bei sich trug, brachte sie nun ins Lehrhaus.

Als Adah eintrat, saßen um die beiden Rabbiner ein paar Studenten herum. Sie diskutierten lebhaft und niemand bemerkte sie, bis sie in die Mitte trat und sie ansah. Kaum war sie im Blickfeld, verstummten die Stimmen der Studenten und die Rabbiner suchten mit ihren Augen nach Halt irgendwo an der Rückseite des Raums. Die Blicke der Studenten waren auf das Bündel gerichtet. Adah griff hinein und zog die Tefillin ihres Mannes heraus.
»Steht nicht geschrieben, dass derjenige, der Tefillin anlegt, ein langes Leben hat? Steht nicht geschrieben, dass derjenige, der sich mit der Torah beschäftigt, ein langes Leben haben wird?«
Niemand antwortete.
»Mein Mann hat mit euch studiert, er hat Torah gelernt, er hat die Mischnah gelernt, er hat den Rabbinern geholfen – warum ist er also so früh gestorben? Habt ihr eine Antwort für mich?«
Noch immer antwortete niemand. Die Rabbiner sahen in die Leere. Die Studenten ebenfalls. Einer sah sie voller Mitleid und Tränen in den Augen an und lief hinaus. Sie folgte seinem Beispiel und ging ohne eine Antwort in ihr Haus zurück.

»Das, meine Damen und Herren, ist die Tragik einer Geschichte aus dem Traktat Schabbat. Im Talmud hat sie nur wenige Verse, aber sie verdient es erzählt zu werden. Es ist nämlich nicht nur die Geschichte von Adah und Schimon. Es ist auch meine Geschichte. Auch mein Mann hat studiert, hat mich und die Familie geliebt. Er hat das Judentum ebenso so unerbittlich geliebt und keine Kompromisse gemacht. Und dennoch wurde er in seinen besten Jahren umgebracht. Ich kenne die Wut dieser Frau und ich kenne die Wut und die Trauer der Generationen zwischen ihr und mir. Ich befürchte, es wird auch in folgenden Generationen Frauen und Männer geben, die sich die gleichen Fragen stellen.
Warum ist das Versprechen der Torah nicht wahr?
Ist es nicht wahr?
Warum leiden gute Menschen?«

Hadar sah in den Raum. Ihr Vortrag war beendet. Sie hatte keine Antwort auf ihre eigene Frage und wollte die Zuhörer mit dieser Frage hinausschicken. Nachdem das Publikum brav applaudierte und alle sich auf den Weg machten, hielt sie ein junger Mann auf.
»Wissen Sie, dass die Geschichte im Talmud noch einige Zeilen mehr hat?«
»Ja. Ich weiß, der Prophet Elijahu persönlich kümmert sich um die Frau.«
»Warum erzählen sie das den Leuten nicht?«
»Weil Elijahu sich hier nicht kümmert, sondern eine halachische Diskussion führen wird.«
Hadar konnte im Gesicht ihres Gegenübers ablesen, dass er keine Frage gestellt hatte, sondern nur sich selber aufforderte, ihre Ausführung zu kommentieren.
»Wissen sie, der Prophet fragt die Frau, ob sich das Paar an die Reinheitsgesetze gehalten haben und die Frau stimmte zu. Wissen sie das? Dann fragt der Prophet, ob sie sich auch nach der Periode an die Reinheitsgesetze gehalten haben?«
Er räusperte sich beim Wort »Periode« ein wenig. Offenbar war ihm das unangenehm. Aber er fuhr fort:
»Nein und ein klares Nein. Sie gibt dann zu, dass die beiden gemeinsam gegessen und getrunken haben, ja sie haben sogar nah beieinander geschlafen!«
Hadar versuchte einzulenken:
»Sie sagt aber, dass sie sich nicht berührt haben, bis die sieben Tage nach der Menstruation vorüber waren.«
»Ja, ja das kann sein. Aber sie wissen doch, was Elijahu sagt? Er sagt daraufhin ›Gepriesen ist der G-tt der ihn tötete – er zeigte der Torah gegenüber keinen Respekt‹, die Torah hat ja verboten, sich der Frau zu nähern.«
Zum Ende des Satzes wurde der junge Mann ein wenig energischer und auch ein wenig lauter.
Hadar kannte den Text natürlich, war aber schockiert, dass jemand das mit einer solchen Inbrunst verteidigte:
»Sie meinen, Schimon hat seine Strafe erhalten? Ich meine, hier soll nur die Auslegung von Rabbi Akiwah verteidigt werden, denn nur er war der Ansicht, man dürfe in dieser Zeit seiner Frau nicht nahekommen. Wissen Sie, was Raschi schreibt? Ein wahrhaftiger Gelehrter braucht keinen physischen Schutz vor Übertretung eines Gebots. Er hat sich im Griff. Ich wünschte, sie hätten das auch. Haben sie vielleicht daran gedacht, dass Elijahus Antwort auch abschreckend gemeint sein könnte, oder dass er die Frau vielleicht verletzt?«
»So steht es aber geschrieben« sagte ihr Gegenüber und verließ den Raum.

Nach Schabbat 13a/13b
Der Text im Talmud ist knapp gehalten und so liest man ihn schnell herunter und macht sich vielleicht nicht klar, welche Emotionen eigentlich auf den handelnden Personen lasten müssen. Dieser Text ist der Versuch, das zu schildern und es vielleicht ein wenig eindrücklicher zu machen. Ausnahmsweise also keine satirische Geschichte. Feedback ist dementsprechend besonders erwünscht.

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Talmudisches: Von Räubern und Dieben

Jeder kennt das Wort »Ganove«. Es kommt vom hebräischen »Ganav« und ist über das Jiddische ins Deutsche gelangt. Der Ganove ist ein Dieb oder jemand, dem man nicht trauen kann.

Auch im Talmud, etwa im Traktat Bawa Kamma (79ab), begegnen wir dem »Ganav«. Wie so oft im Talmud wird auch dieser Begriff ganz genau definiert, und wir sehen, dass es, verglichen mit dem heutigen Sprachgebrauch, mitunter Abweichungen gibt. Das zeigt wieder einmal, dass die Verwendung unkommentierter Übersetzungen eine heikle Sache ist.

Den gesamten Text findet man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen, hier.