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Mitgliederstatistik 2019

Die Entwicklung der Mitgliedschaftszahlen 1946–2019

Dass die Zahl der Gemeindemitglieder kontinuierlich sinkt, ist kein Geheimnis. Dass der Trend sich fortsetzt, war zu erwarten. Nun schauen wir, wie »stark« der Rückgang ist. Am Ende des Jahres 2019 hatten die Jüdischen Gemeinden 94.771 Mitglieder (2018 waren es noch 96.195). Das wäre ein Rückgang von 1,5 Prozent.
245 Geburten standen 1.434 Todesfälle gegenüber.
146 Menschen sind ausgewandert, aber 527 Menschen eingewandert. Das ist gar keine kleine Zahl.
Mit 372 ist die Zahl der Austritte zurückgegangen. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen, dürften die Austritte je Tausend Mitglieder sein: 2018 waren das etwa 215 (hier gab es im liberalen Landesverband Schleswig-Holstein eine Austrittswelle) und 2019 nur noch 67.
Spitzenreiter bei diesen Austritten ist (ungebrochen) Berlin. Hier bewegt sich die Anzahl von Austritten je Tausend stabil zwischen 15 und 16.
Interessant ist noch immer, dass nicht alle Menschen die umziehen (397) auch in anderen Gemeinden ankommen (382). Diese Zahl muss man jedoch über einen längeren Zeitraum verfolgen und so feststellen, wie hoch die Zahl derjenigen ist, die sich nicht wieder in einer Gemeinde angemeldet haben. Hier steckt übrigens dann Potential für erneute »Eintritte«.
2019 gab es 102 Übertritte. Mit 19 ist der Landesverband Niedersachsen (nicht der liberale) hier anscheinend der Spitzenreiter.

Werfen wir also einen Blick darauf, wie sich das Wachstum der Gemeinden entwickelt:

Entwicklung des Wachstums seit 1990

Schon 2018 wurde Berlin als größte Gemeinde des Landes »abgelöst« und München überholte die Gemeinde der Hauptstadt. Was wir von Berlin nicht wissen, ist wie sich das Wachstum der zwei Adass Jisroel Gemeinden entwickelt.
Von den größten jüdischen Gemeinden in Deutschland, schrumpft München am »langsamsten«. Für einen Vergleich wurde hier das Jahr 2010 gewählt (der »Höhepunkt« der Gemeindemitgliedschaften war 2006 mit 107.794 Personen. Mit diesem Jahr wird also die Entwicklung betrachtet. Nimmt man etwa das Jahr 1989, den der Zuwanderung, dann schreiben wir natürlich immer eine Erfolgsgeschichte, aber wir wollen ja den gegenwärtigen Zustand betrachten und vielleicht sogar einen Blick in die Zukunft werfen. Unter dieser Voraussetzung hat Berlin in 9 Jahren 14,7 Prozent (also gerundet 15) der Gemeindemitglieder verloren. Das sind 1.562 Personen, oder eine mittelgroße Gemeinde.

Für die sechs größten Gemeinden sieht man die Entwicklung in der folgenden Tabelle. Schnell sieht man, dass München – im Vergleich jedenfalls – ziemlich gut ausschaut. Hier hat man in 9 Jahren »nur« zwei Prozent der Mitglieder verloren:

Stadt20102019WachstumWachstum/Prozent
München9.4619.274-187-2,0 %
Berlin10.5999.037-1.562-14,7 %
Düsseldorf7.0806.657-423-6,0 %
Frankfurt a.M.6.8326.316-516-7,6 %
Hannover4.4894114-375-8,4 %
Köln4.4184071-347-7,9 %
Die sechs größten Jüdischen Gemeinden in Deutschland 2019 / Wachstum im Vergleich zu 2010

Auf der folgenden Karte werden die zehn größten Gemeinden dargestellt. Diese zehn Gemeinden stellen 53 Prozent der Mitglieder aller Gemeinden! Bei 104 jüdischen Gemeinden in Deutschland sagt das viel über die Verteilung. Etwa die Hälfte der Gemeinden stellen also Kleingemeinden. Es ist auch vermerkt, mit welcher Wachstumsrate die Gemeinden seit 2010 gewachsen sind, oder eben geschrumpft.

Die Entwicklung der 10 größten jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 2010.

Interessant ist es vielleicht, die letzten Synagogeneröffnungen mit den entsprechenden Entwicklungen der Mitgliederzahlen zu betrachten. Auf talmud.de gibt es seit kurzer Zeit eine chronologisch sortierte Liste der Synagogenbauten. Wir betrachten die letzten vier (für die Gemeinden Unna und Ulm gibt es keine Zahlen):

StadtJahr d. EröffnungMitglieder 2010Mitglieder 2019
Konstanz2019456331
Regensburg20191.0011.006
Rottweil2017257279
Cottbus2015342498

Es ist offensichtlich, dass sich die Zahlen hier zunächst recht positiv entwickelt haben.

Aber weitere Gemeinden sind seit 2010 gewachsen! Etwa Nürnberg. Nürnberg hatte 2010 1.883 Gemeindemitglieder. 2019 waren es dann 2271. Das wäre ein Zuwachs von 21 Prozent. Oder das »Jüdisch-Sefardisch-Bucharisches Zentrum« Hannover. Von 240 Mitgliedern 2010 zu 340 Mitgliedern 2019. Das wäre ein Zuwachs von 42 Prozent. Fürth (also in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nürnberg) um 14 Prozent, von 298 auf 341 Mitglieder. Die Minigemeinde Minden wuchs auf 90 Mitglieder an. 2010 waren es noch 82, aber zwischenzeitlich (2017) waren es auch schon 95 Menschen. Die weitere Entwicklung ist hier stark anhängig von der ungünstigen Altersverteilung und ist vielleicht eher eine verzögerte Entwicklung, als eine gegenläufige.

Zur Altersstruktur: Noch immer machen die Senioren (hier zähle ich alle Leute ab 61 Jahren dazu) den größten Teil (48 Prozent) aus:

Altersstruktur der Jüdischen Gemeinden.

Was man nicht auf den ersten Blick erkennt: Ab dem 31. Lebensjahr gibt es einen massiven Überhang von Frauen. Bedeutet: Eigentlich müsste ein Wettstreit um jüdische Männer ausgebrochen sein. OK, in der Alterskohorte 31 bis 40 sind es nur 33 Frauen mehr. Zwischen 41 und 50 sind es aber bereits 930 (!) und zwischen 50 und 60 dann 950.

Die kleinste Gemeinde des Landes war Ahrensburg-Stormarn mit 20 Mitgliedern (eine liberale Gemeinde, etwa 30 Kilometer von Hamburg entfernt).

Fazit Weiterer Rückgang

Es bleibt dramatisch, auch wenn sich zwischenzeitlich Chancen ergeben, dass sich lokal etwas ändert. Die großen Gemeinden, die ja den größten Teil der Mitglieder repräsentieren, zeigen vermutlich heute schon eine Entwicklung, die später kleinere Gemeinden einholen wird. Wie es für sie dann ausschaut, wird sich zeigen. Eines steht fest: München wird für längere Zeit die größte Gemeinde bleiben.

Die gesamte Liste kann bei der ZWST direkt heruntergeladen werden.

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Über den Verlust der Mitglieder reden

von links nach rechts: Marat Schlafstein, Chajm Guski, Laura Cazés, Anja Olejnik und Marc Grünbaum.

Der Gemeindetag des Zentralrates fand am Wochenende direkt vor Chanukkah in Berlin statt. In zahlreichen Sessions wurde viel über die große Politik und die Gemeinden diskutiert. Eine Diskussionsrunde widmete sich dem Thema »Die Gemeinde, ein Platz für alle? #claimyourspace« und stellte die Frage, wie man Gemeinden zu Orten machen könnte, an denen sich alle Generationen und Gruppen wohlfühlen. So wurde, vermutlich stellvertretend für viele Gruppen, die lgbtqi* Gruppe eingeladen bzw. der stellvertretende Vorsitzende von Keschet Deutschland Professor Leo Schapiro. Für die Gruppe der Studierenden nahm Avital Grinberg, von der Jüdischen Studierendenunion teil. Die Diskussion oszillierte zunächst zwischen der Frage, ob queere Juden in den Gemeinden willkommen wären und was Gemeinden für die jüngere Generation im Angebot hätten. Und tatsächlich gab es eine Diskussion und kein wechselseitiges Bedauern, was alles noch nicht optimal funktionieren würde. Es wurden sachlich, aber engagiert Standpunkte ausgetauscht und von guten und schlechten Erfahrungen berichtet. Die Perspektive der Gemeinden verteidigte Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Irgendwo zwischen »die Jugend kommt nur zu BBQs« und »die Jugend braucht einen Platz« wurde nach Möglichkeiten gefragt, wirklich »alle« in die Gemeinde zu holen. Wer hat die Hol- und wer die Bringschuld? Müssen die Leute auf die Gemeinde zugehen, oder die Gemeinden auf die Leute? Als Konsens ließ sich festhalten, dass die Gemeinden sich natürlich allen öffnen müssten, aber das »wie« noch ausgestaltet werden müsste.
Das hat recht viel mit der Entwicklung der Gemeinden zu tun. Wie sieht die Gemeinde in x Jahren wohl aus? Wer wird das gestalten?

Im Grunde genommen, war das indirekt Thema einer Runde unter dem Motto »Der letzte macht das Licht aus?« über die sehr ungute Entwicklung der Mitgliedszahlen. Hier diskutierten Marat Schlafstein, Jugendreferent beim Zentralrat, Anja Olejnik, Programmmangerin beim American Jewish Joint Distribution Committee in Deutschland, Marc Grünbaum, Kultur- und Jugenddezernent und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und meine Wenigkeit als »Beobachter« der Situation, der das Thema Demographie und Gemeindestatistik immer wieder aufgreift. Laura Cazés, Beraterin der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) moderierte das Thema. Die ZWST veröffentlicht jährlich tapfer die Mitgliedszahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Licht aus? Konstruktiv

Die Diskussion zeigte schnell, dass die Beobachtungen geteilt werden, aber die Schlussfolgerungen im Detail voneinander abweichen. Muss das Licht tatsächlich ausgemacht werden? Ich vertrete die Meinung, dass dies für eine Reihe von Gemeinden gelten wird. Vor allem Kleinst- und Kleingemeinden. Ich nannte das in der Diskussion den »Umzug« des Lichts, wenn Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Immerhin ist die demographische Entwicklung nicht zu ignorieren. Würde man die Gemeinden mit 10 Personen abbilden, dann wären dies 5 Senioren, 4 Erwachsene und lediglich eine Person ein Kind/Jugendlicher. Hier zeigt sich, wo der Fokus liegen muss.

Marat Schlafstein verwies darauf, dass man etwas falsch gemacht haben müsse, wenn es dazu kommen sollte. Er legte aber den Finger schnell direkt in die Wunden. Die Kommunikation der Gemeinden sei oft unpersönlich und es werde mehr verwaltet, als mit Menschen gearbeitet. Wer schon zu einer Gemeinde käme, um sich etwa anzumelden, der solle dann schon freundlich empfangen werden.
Marc Grünbaum hob den Faktor »Religion« hervor, die ihn ein wichtiger Bestandteil der Gemeindearbeit sein sollte: Eine klare jüdische Struktur. Seine Schilderung der Gemeinde Frankfurt (am Main), als eine der Gemeinden, in der vieles (oder alles?) funktioniere, wurde mir übrigens von Mitgliedern der Gemeinde nahezu begeistert bestätigt. Das, was man für die Kultussteuer erhalte, müsse dementsprechend auch kommuniziert werden. Anja Olejnik erzählte von ihren guten Erfahrungen mit ihrer Heimatgemeinde und das Bewusstsein dafür, was die Gemeinde für Menschen in schwierigen Situationen tue. Das stärke auch die Verbindung mit der Gemeinde. Mir schien, solche Geschichten müssten jedoch auch andere Gemeindemitglieder erreichen. Was sollten aber kleine oder Kleinstgemeinden kommunizieren, die keinen Kindergarten, keine Grundschule und auch sonst wenige Einrichtungen unterhalten können? Könnte das die Zahl derjenigen reduzieren, die aus den Gemeinden austreten? Weshalb machen sie diesen Schritt überhaupt? Marc Grünbaum hielt das Motiv »Geld sparen« für denkbar – es liegt sehr nahe, aber gesicherte Daten liegen dazu nicht vor. Aus meiner Sicht ist das Gemeindebarometer ein guter Schritt in Richtung »Evaluation«, also fortwährende Betrachtung der Daten und Fakten. Sowohl Vorsitzende, als auch »Opposition«, sehen die eigene Gemeinde immer aus einer Perspektive, die keinen unbefangenen Blick zulässt. Genau dafür wären Daten hilfreich.

Und richtig wurde erkannt, dass es eine massive Differenz zwischen den Menschen gibt, die aus Gemeinden wegziehen und denjenigen, die sich in anderen Gemeinden anmelden. Es gibt eine recht große Gruppe von Menschen, die sich nicht in der neuen Stadt in der Gemeinde anmelden. Was müsste diesbezüglich unternommen werden?

Die Zuhörer, die von Moderatorin Laura Cazés direkt gebeten wurden, ihr Statement abzugeben, statt dieses kompliziert in eine Frage zu verpacken, bestätigten das Bild. Eigentlich war niemand mehr der Meinung, der abnehmende Trend werde sich aufhalten lassen. Ein Mitarbeiter einer Gemeinde zeigte sich genervt davon, dass man nicht schneller zum Schritt »Aktion« übergehe und weiter darüber spreche, was gemacht werden müsste. Der konstruktive Ansatz gefiel mir gut – aber für die Strategien war am Ende zu wenig Zeit. Hier konnten die Teilnehmer nur die wichtigsten Punkte aufzählen. Einige meiner Vorschläge (die Liste kann nur unvollständig sein) habe ich bereits hier aufgeschrieben.

Bei Twitter und der Jüdischen Allgemeinen

Die Jüdische Allgemeine hat ebenfalls über die Session berichtet, hier.

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Erste große Umfrage zum jüdischen Deutschland

Wie sehen die Gemeindemitglieder ihre Gemeinden heute?
Wie sehen potentielle Gemeindemitglieder die Gemeinden und warum kommen sie nicht in die Gemeinden?
Gibt es eine Entwicklung in irgendeine Richtung?

Dazu haben viele Menschen, verschiedene Meinungen. Hört man einigen Gemeindevorsitzenden zu, sind alle ganz glücklich und alles läuft gut. Fragt man jemanden von der »Opposition«, dann ist alles ganz furchtbar und alle sind unglücklich. Irgendwo dazwischen bewegen sich die Meinungen der Mitglieder – den Anspruch, die »Realität« abzubilden, kann man nicht mehr ernsthaft erheben wollen, wenn jemand Dinge sagt wie »er habe den Eindruck«, oder »für mich sieht es so aus«. Diese Bauchmeinungen können auch nicht dazu herangezogen werden, eine Entwicklung nachzuvollziehen. Das wäre dann von gut zu hervorragend, oder von sehr schlecht bis ganz schlecht. Abhängig davon, wen man fragt. Eines sei aber an dieser Stelle festgehalten: Wenn jemand behauptet, das Gemeindeleben sei vollständig harmonisch, dann könnte das ein Indikator für Stillstand sein. Neue Ideen entstehen zuweilen durch Reibung und die Tatsache, dass man einen Mangel erkannt hat.

Diesem Bauchwissen kann man nachvollziehbare Daten entgegensetzen. Als ich das im Rahmen dieses Blogs gemacht habe (das war 2016), war ich überrascht darüber, dass es tatsächlich Resonanz gab. Es wurde viel diskutiert und die Ergebnisse waren sehr interessant. In einem größeren Maßstab wurden bisher Gemeindemitglieder nur 2002 in Berlin befragt.

Jetzt überrascht der Zentralrat der Juden in Deutschland mit einer großen Umfrage die feststellen will, wie die allgemeine Lage ist. OK. Genau genommen geschieht das in Zusammenarbeit mit dem Jewish Joint Distribution Committe (JDC) und den Profis von infas.

Und dafür zielt man nicht nur auf die Bestandsmitglieder.
Man wirft auch einen Blick auf Leute, die keine Gemeindemitglieder sind und auf Menschen, die einen jüdischen Vater haben und keine Möglichkeit zur Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde haben. Die Fragen decken einen großen Bogen ab und sind nicht nur so gestellt, dass man seine Zufriedenheit irgendwie ausdrücken kann. Dabei gibt es eine Umfrage, die sich für jede Zielgruppe unterschiedlich gestaltet. Die Umfrage ist in deutscher, englischer, russischer und hebräischer Sprache verfügbar – sollte also die Hauptsprachen des jüdischen Deutschlands abdecken.
Ohne Untertreibung kann man behaupten, dass dies ein riesiger Meilenstein ist. Es ist der Willen und die Absicht da, sich den nackten Fakten zu stellen. Das sollten alle, die es betrifft, auch durch Rückmeldungen unterstützen.

Am Ende werden richtige und wichtige Daten vorliegen und wenn man diese irgendwann in Zukunft erneut erhebt, könnte man sogar Entwicklungen nachvollziehen. Man könnte also überprüfen, ob bestimmte Maßnahmen sinnvoll waren.

Richtig richtig richtig gespannt dürfen wir dann auf einen Einblick in die Ergebnisse sein.

Die Umfrage ist ab sofort online unter: gemeindebarometer.de

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Mitgliederstatistik 2018

Entwicklung 1955 – 2018

Die Zahl der Gemeindemitglieder geht, wie erwartet, in größeren Schritten zurück. 1.596 weniger Mitglieder hatten die Gemeinde im Jahr 2018 als noch 2017. Das wäre ein Rückgang von 1,7 Prozent. In den Vorjahren lag der Rückgang rund um die »Ein-Prozent-Marke«. Eine Überraschung gibt es jedoch. Die wird erst weiter unten enthüllt.

Jahr Anzahl
2009 104.241
2010 104.024
2011 102.797
2012 102.135
2013 101.338
2014 100.437
2015 99.695
2016 98.594
2017 97.791
2018 96.195

Verlassen etwa so viele Juden das Land? Nein. 151 Mitglieder von jüdischen Gemeinden haben 2018 das Land verlassen.

Auswanderer 2009 – 2018

In der Übersicht erkennt man, dass Auswanderungen weniger ins Gewicht fallen als Austritte und Sterbefälle.

Verluste der Gemeinden 2018

Im Detail. Die Anzahl der Geburten geht weiter zurück und die Zahl der Sterbefälle steigt leider:

Geburten im Vergleich

Jahr Sterbefälle Geburten
2008 1038 171
2011 1195 212
2012 1282 199
2013 1244 250
2014 1330 241
2015 1476 277
2016 1498 265
2017 1505 251
2018 1572 227

Die größte jüdische Gemeinde in Deutschland – Überraschungen

Die Zahlen für die Stadt Düsseldorf aus dem Jahr 2017 müssen leider revidiert werden. Hier gab es wohl auch ein Problem bei der Erstellung oder der Vorlage der Zahlen. Im Jahr 2017 gewann die Gemeinde Düsseldorf, laut Statistik, massiv an Mitgliedern. Das hat sich leider als falsch erwiesen. In diesem Jahr erhalten wir korrigierte Zahlen. Dafür hat Köln massiv an Mitgliedern gewonnen (warum?). Dennoch bleibt Düsseldorf eine Top 6 Gemeinde.

Allerdings ist spannend zu sehen, welche Gemeinde die größte in Deutschland ist.

Berlin?

Nein. Seit 2018 nicht mehr. 152 Austritte und 160 Todesfälle. Aber nur insgesamt 108 Zugänge, davon nur 15 Geburten (!) und 77 Zuzüge aus dem Ausland, hinterlassen Spuren.
München hat Berlin abgelöst. München wächst zwar nicht, aber schrumpft nicht so stark wie Berlin.

In Berlin gab es 2018 1,6 Austritte pro 100 Gemeindemitglieder zu verzeichnen. In München waren es hingegen »nur« 0,3 pro 100 Gemeindemitglieder. In Berlin sind 49 Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre. In München sind es 43 Prozent. Aber dennoch: In Berlin passiert eine Menge jüdisches Leben. Zahlreiche Gruppen und Initiativen senden Impulse aus. Oft außerhalb der Gemeinden. Aus München liest oder hört man weniger von kleinen Gruppen außerhalb der Gemeinde. Es kann auch sein, dass diese nicht so sehr stark wahrgenommen werden.

Hier in der Übersicht:

2015 2016 2017 2018
München 9507 9485 9365 9316
Berlin 9865 9735 9526 9255
Düsseldorf 6800 6713 6713 6695
Frankfurt am Main 6604 6503 6464 6428
Köln 4077 4026 3970 4100
Hamburg 2445 2447 2422 2383

(In der Übersicht habe ich für das Jahr 2017 bei Düsseldorf den Wert des Vorjahres eingetragen, da er für 2017 nicht stimmte)

Rekorde?

Die (liberale) jüdische Gemeinde Pinneberg hat sich innerhalb eines Jahres halbiert. Hatte sie 2017 noch 250 Mitglieder, so hatte sie 2018 nur noch 112 Mitglieder.
Das bedeutet für den entsprechenden Landesverband, dass dieser im vergangenen Jahr 13 Prozent seiner Mitglieder verloren hat. Wir erinnern uns, dass die Gemeinde Pinneberg im vergangenen Jahr einen kleinen Skandal hatte.
Der gesamte Landesverband dieser Gemeinde lohnt einen Blick. Das ist der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Der Gegenpart zum einheitsgemeindlichen »Landesverband Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein«. Die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa lassen grüßen.
Dieser Landesverband verzeichnete nicht nur die meisten Austritte, er hat auch keine Geburten zu verzeichnen. Hier stehen 12 Zugänge 566 Abgängen gegenüber.

Seit 2011 sieht das so aus:

2011 2018
Ahrensburg-Stormarn 18 20
Bad Segeberg 216 183
Elmshorn 49 43
Kiel 133 208
Pinneberg 256 112

Altersstruktur

Altersstruktur 2017/2018

Baden-Baden fällt auf. 61 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre. Die Gemeinde verliert weiterhin Mitglieder. Für alle Gemeinden Deutschlands gilt übrigens, dass 48 Prozent der Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre sind. Die Gemeinde hatte 2011 1.001 Mitglieder. 2018 waren es 999. Hier scheint es ein paar günstige Faktoren zu geben.

Im Februar 2019 wurde in Regensburg eine neue Synagoge eröffnet. Hier sind 38 Prozent aller Mitglieder über 60 Jahre.

Überlegungen zu Schlussfolgerungen habe ich bereits hier angestellt – aber man kann es nicht häufig genug wiederholen – die Infrastruktur muss auch abwärts skalierbar sein, damit die Einrichtungen auch in fünf Jahren noch betrieben werden können. Ressourcen, sowohl menschliche, als auch finanzielle, müssen für Projekte eingesetzt werden, die sich in die Gemeinden hinein richten.

In Ballungsräumen wären möglicherweise »Fusionen« ein gutes Mittel, um Kosten für Infrastrukturen zu senken. Fusionen bedeuten allerdings auch, dass sich zwei Vorstände für ihre Gemeinden einigen müssten und am Ende einer die Gemeinde leitet. Da sind Leute gefragt, deren Sorge in erster Linie der Fortbestand der Gemeinde ist.

Die Statistik der ZWST gibt es hier, auf zwst.org. An dieser Stelle einen Dank an die ZWST für die Transparenz.

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Migrationsbericht und jüdische Zuwanderung

Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion

Der aktuelle Migrationsbericht 2016/2017 brauchte einige Zeit, um dann im Januar 2019 veröffentlicht zu werden. Gerade in hysterischen Zeiten kann ein solches Dokument jedoch helfen, die Wogen etwas zu glätten. Einfach nur mit nüchternen Zahlen. Wer kam wann woher und wie sieht die Entwicklung aus?

Der Bericht enthält jedoch auch die Zahlen der jüdischen Zuwanderung.
Das ist nicht so uninteressant.
Wir erfahren, dass zwischen 1993 und 2017 207.223 jüdische Zuwanderer (einschließlich ihrer Familienangehörigen) aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Bis Ende 1992 kamen 8.535 Menschen nach Deutschland.

Als Tabelle:

Jahr Zuwanderung
1991 12583
1992 15879
1993 16597
1994 8811
1995 15184
1996 15959
1997 19437
1998 17788
1999 18205
2000 16538
2001 16711
2002 19262
2003 15442
2004 11208
2005 5968
2006 1079
2007 2502
2008 1436
2009 1088
2010 1015
2011 986
2012 458
2013 246
2014 237
2015 378
2016 688
2017 873

Im Bericht heißt es, die Zuzüge bzw. Anträge aus der Ukraine haben zugenommen. Das überrascht nicht. Das hänge mit den »politischen Entwicklungen« dort zusammen, so schreibt das BAMF.

Betrachten wir speziell die letzten zehn Jahre, denn diese Jahre sieht man auf der Darstellung des gesamten Zeitraums fast gar nicht:

Zuwanderung nach Deutschland 2007 – 2017 – gegenübergestellt die Anmeldungen in den jüdischen Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe

Die rötliche Linie zeigt die Zahlen der Anmeldungen in den Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe im gleichen Zeitraum. Natürlich kann es hier immer zu Verschiebungen zwischen den Jahren kommen. Vermutlich wird sich nicht jeder, der irgendwo neu angekommen ist, sich direkt bei der entsprechenden Gemeinde anmelden.

Es gibt sie also noch, die Zuwanderung. Aber sie reicht nicht aus, um die Abgänge auszugleichen, oder abzufedern. 2017 hat in erster Linie der Landesverband Nordrhein davon profitiert. Da in Düsseldorf die Mitgliedszahlen gestiegen sind, dürfte klar sein, dass sich viele Einwanderer Düsseldorf ausgewählt haben. Übrigens eine verständliche Wahl: Düsseldorf ist die drittgrößte Gemeinde Deutschlands und durchaus nicht unattraktiv. Die Prognose sieht hier also sehr gut aus.

Sieben große Gemeinden

Die sieben größten jüdischen Gemeinden Deutschlands sind derzeit:

Stadt Mitglieder 2010 Mitglieder 2017
Berlin 10599 9.865
München 9.461 9.507
Düsseldorf 7.080 7.087
Frankfurt am Main 6.832 6.604
Hannover 4.489 4.217
Köln 4.418 4.077
Dortmund 3.200 2.871

Hier ist bemerkenswert, dass München demnächst Berlin als Spitzenreiter ablösen könnte. Im betrachteten Zeitraum (hier 2010 bis 2017) hat Berlin 7 Prozent der Mitglieder verloren, München um 0,5 Prozent zugelegt. Frankfurt hat etwa 3 Prozent der Mitglieder verloren, Köln fast 8 Prozent und Dortmund etwa 10 Prozent.

Wo wir gerade beim Wachstum sind und den Zeitraum 2010 bis 2017 betrachten: Hier gibt es auch Gemeinden mit größeren Verlusten. Die Jüdische Gemeinde Münster hat 22 Prozent der Mitglieder verloren (von 789 auf 612) und Amberg 28 Prozent (von 146 auf 105).

Wir schauen also gespannt auf die Zahlen für das Jahr 2018.

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Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur

Vor nur einer Woche gab es ein Gespräch mit dem WDR über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden mit einem besonderen Blick auf Nordrhein-Westfalen. Nun gab es für die Sendung »Aus der Jüdischen Welt« von Deutschlandfunk Kultur ein Gespräch über den Rückgang mit einem Blick auf die Gesamtentwicklung in Deutschland.
Gibt es Grund für Optimismus? Was könnte/sollte man jetzt tun?
Interessanterweise hat der Sender das Interview mit »Kein Grund für sinnlosen Optimismus« betitelt und das trifft es eigentlich auch ganz gut.

Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

Hier ein Link mit einem Onlineplayer (Pocket Casts).

Einen Blogbeitrag mit vielen Zahlen und den Schlussfolgerungen findet man hier »Sag zum Abschied leise Tschüß«.

































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Im Gespräch mit dem WDR: Kleinere Gemeinden werden schließen müssen.

Die Folgen des Mitgliederverlustes der Jüdischen Gemeinden werden schwerwiegend sein.
Einige Maßnahmen (die nur die Folgen mildern können, aber den Trend schwerlich aufhalten) schilderte ich hier.

In einem Interview mit dem WDR, für die Sendung »Jüdisches Leben«, habe ich die Situation für Nordrhein-Westfalen geschildert – oder besser – über die gegenwärtige Situation gesprochen:
Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

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Gemeindemitglieder 2017: interessante Zahlen

Entwicklung der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Die Anzahl der Gemeindemitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland sinkt kontinuierlich. Das habe ich kürzlich erst in Essen vorgestellt und auch skizziert, was nun zu unternehmen wäre (siehe hier). Nun hat die ZWST auch die Zahlen für das Jahr 2017 veröffentlicht. Weiterlesen

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Sag zum Abschied leise Tschüß

»Sag zum Abschied leise Tschüß« war der Titel eines kurzen Talks in der Alten Synagoge Essen, im Rahmen von Limmud Essen (besser: Limmud Ruhrgebiet). Dort stellte ich die aktuelle Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden vor. Einen besonderen Blick richtete ich natürlich auf die lokale Situation im Ruhrgebiet und diskutierte mit den anwesenden Leuten aus den verschiedensten Gemeinden die, eher ungute, Entwicklung der Mitgliederzahlen der Gemeinden.
Alle kannten oder kennen die Situation bereits, aber dass der Mitgliederrückgang so schnell voranschreitet, ist erst dann offensichtlich, wenn man ihn visualisiert und sich die Konsequenzen bewusst macht.

Allem voran stand die Behauptung meinerseits, dass es die, oft beschworene, Renaissance des Judentums in Deutschland nie gegeben habe. Es entstand nicht an jedem Ort lebendiges jüdisches Leben, schon gar kein Anknüpfen an eine Tradition. Es war vielerorts neues jüdisches Leben, mancherorts ein kurzes Aufblitzen. Ob es Bestand hat, zeigt sich gerade jetzt.
Jahrelang stiegen die Mitgliederzahlen, nun fallen sie wieder.
Dieses Aufblitzen belebte auch Gemeinden, die irgendwie noch existierten, aber in einer Art Winterschlaf. Eine Teilnehmerin meldete sich zu Wort und berichtete von Gemeinden in Ostdeutschland, die während der DDR formal noch bestanden, aber praktisch keine Mitglieder hatten und erst mit dem Zuzug von Kontingentflüchtlingen wieder Mitglieder hatten. Formal gab es diese Gemeinden natürlich, aber praktisch nicht.

Chajm bei Limmud Essen/Ruhr

Wir haben gemeinsam betrachtet, dass die Mitgliedszahlen sowohl in den kleinen, als auch in den großen Gemeinden zurückgehen. Die Zahlen der großen Gemeinden dienen hier als Beispiel.

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Berlin

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Frankfurt am Main

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Düsseldorf

Hier lautete eine Frage aus dem Plenum, ob Juden einfach zu wenig Kinder bekämen. Offenbar haben Juden in Deutschland durchschnittlich viele Kinder (also nicht sehr viel), aber selbst wenn sie viele hätten, stünde dem die Altersstruktur gegenüber.

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Wir haben uns gemeinsam gefragt, ob jüdische Infrastruktur wie Kindergarten, Grundschule und Gymnasium die Mitgliedersituation verändert. Messbar wäre das erst dann, wenn die Zahlen vor einer entsprechenden Einrichtung hätte und dann schauen könnte, wie die Zahl der Zuzüge sich dann verändert. Überhaupt wäre es interessant zu erfahren, ob das ein Argument für einen Umzug wäre. Dazu fehlen derzeit die Zahlen und Daten.

Eine weitere Frage war, was mit Übertritten sei. Wie fallen die ins Gewicht?
Gar nicht.

Sind Übertritte die Rettung?

Schon gar nicht, wenn man ihnen die Zahl von 400 Austritten aus den Gemeinden gegenüberstellt:

Austritte und Übertritte in Relation

Die Anzahl der Gemeindemitglieder insgesamt sinkt, aber die Anzahl der Austritte bleibt nahezu konstant. Theoretisch müsste auch diese Zahl etwas sinken. Auch hier das Problem: Wir wissen nicht, warum die einzelnen Personen ausgetreten sind. Vielleicht um Geld zu sparen? Vielleicht kein Interesse an der konkreten Gemeinde? Vielleicht die Hinwendung zu einer anderen Religion?

Wie groß sind die anderen Gemeinden? Das wissen wir nur dann, wenn sie auch im Zentralrat organisiert sind. Die meisten liberalen Gemeinden machen keine genauen Angaben zu ihren Mitgliedern, aber die Statistik dürfte es nicht retten.
Die neue Kahal Adass Jisroel gibt ihre Mitgliederanzahl mit »über 300« (hier) an.

Was wir wissen ist, dass kleine Gemeinden – die ja auch gebraucht werden – eigentlich nur kleine Chancen, auch in zwanzig Jahren noch zu existieren.

Was nun?

Diese Frage stand ebenfalls im Raum: Was wäre jetzt zu tun?
An der Situation kann man nicht viel ändern. Neue Gemeindemitglieder zu gewinnen, ist schwierig (siehe hier den Ansatz der Israelitischen Gemeinde Basel), vielleicht kann man ausgetretene bewegen, zurückzukommen. Frankfurt am Main hat den Vorteil, dass immer wieder neue Einrichtungen und Firmen dorthin ziehen. Mit ihnen auch vielleicht jüdische Mitarbeiter.

Einige Punkte wurden kurz andiskutiert, für viele war einfach keine Zeit mehr. Deshalb hier eine Liste, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Anspruch auf Polemik. Gerne darf widersprochen werden. Es geht in erster Linie darum, ein neues Denken zu ermöglichen und die Perspektive zu wechseln.

  • Daten sammeln. Klingt langweilig. Ist es aber nicht. Je mehr man über die Mitglieder weiß, desto besser kann man verstehen, welche Entwicklungen gerade vor sich gehen. Natürlich wäre es interessant zu erfahren, warum jemand ausgetreten ist. Ein Fragebogen wäre hervorragend. Zudem fehlt es an Daten darüber, warum jemand nicht an Gemeindeangeboten teilnimmt, oder auch, warum er eigentlich teilnimmt. Maßnahmen sind ansonsten nur schwer zu messen. Wer kennt die Gemeinde? Wer ist über Angebote informiert?
    Wer erwägt eine Mitarbeit? Was hat ihn oder sie bisher davon abgehalten? Alle anderen Einschätzungen sind lediglich Bauchgefühle: »Ich habe das Gefühl, das Gebet ist zu langweilig.« Kann sein, aber es ist nur eine Einzelwahrnehmung. Die kann man nicht generalisieren.
    Das müsste in regelmäßigen Abständen erfolgen.
  • Ein Ende der Politik in den Gemeinden Ein beliebte Beschäftigung ist der Streit über Gemeindeangelegenheiten. Dafür ist keine Zeit mehr. Mitglieder können nicht nur verwaltet werden und um Eitelkeiten kann es nicht mehr gehen. Es geht um Kompetenzen. Wer kompetente Gemeindemitglieder hat, sollte diese als Ressource auch nutzen. Viele Projekte werden scheitern, aber unter 15 könnte eines funktionieren.
    Um dieses geht es.
    Übrigens bringen sich zahlreiche Menschen gerne auch ehrenamtlich ein. Sie müssen es nur wissen, dass ihre Hilfe gebraucht wird.
  • Gemeinden öffnen und Freiräume schaffen Die Infrastrukturen könnten für Gruppen zur Verfügung stehen, die sich ad hoc und nach Interessenlage bilden. Häufig werden Gruppen geplant organisiert. Wo es möglich ist, sollten auch Freiräume für ein einfach so entstehen.
  • Große Infrastrukturen skalieren Meint: Große Synagogen durch Gebäude oder Räume ersetzen, die auch bespielbar sind. Synagogen sind und waren immer auch Symbole an die Außenwelt: Hier gibt es jüdisches Leben. Große Infrastrukturen erzeugen aber auch hohe Kosten. Zudem liegen Synagogen heute häufig in Zentrumsnähe und nicht immer sind dies die Orte, an denen die meisten Gemeindemitglieder wohnen. Die Jüdische Gemeinde München liegt im Herzen der Stadt. Ein schönes Zeichen. Wer aber in Gehweite wohnen möchte, muss ein paar Scheinchen auf den Tisch legen. In der Vergangenheit sind Synagogen dort entstanden,
    wo ihre Mitglieder und Beter lebten.
  • Zum jetzigen Zeitpunkt keine großen Bauprojekte mehr durchführen. In der Diskussion wurde berichtet, dass es vergleichsweise einfach sei, Gelder für Neubauten zu beschaffen, einfacher als Gelder für konkrete Projekte wie Religionsunterricht oder Jugendarbeit. Oft kommen die Kommunen und Städte den Gemeinden entgegen. Natürlich freut man sich, dass jüdische Gemeinden sichtbar existieren (siehe den Punkt über diesem), aber die Belastung beginnt erst richtig mit dem Unterhalt des Gebäudes.
    In Baden-Baden (2016 720 Gemeindemitglieder, im Jahr 2012 waren es 736); soll demnächst eine Synagoge gebaut werden. Sie soll 140 Plätze haben. Das wären etwa 20% der gesamten Gemeindemitglieder. Es ist unwahrscheinlich, dass die jemals alle besetzt werden. Es gibt größere Gemeinden mit Minjanproblemen. Die Statistik zeigt, dass viele Gemeindemitglieder eher Senioren sind. Hier müsste etwas entstehen, um diese zu versorgen. Ein kleiner Betsaal dürfte hier vermutlich ausreichen – wie auch in vielen anderen Gemeinden. Regensburg (2016 999 Mitglieder) ist ebenfalls im Bau.
    Eine Infrastruktur vorzuhalten und zu hoffen, dass sie gefüllt wird, dürfte nicht der Königsweg sein.
  • Es wird zahlreiche ältere Gemeindemitglieder geben. Man könnte einen günstigen Mittagstisch anbieten. So bleiben die Senioren nicht alleine und haben eine Anlaufstelle. Andere Einrichtungen werden vermutlich auch benötigt.
  • Synagogenführungen? Gibt es Synagogenführungen mit kompetenten Gemeindemitgliedern? Sofort damit aufhören und diejenigen, die Ahnung haben, für die Mitglieder der Gemeinde nutzen. Es kann passieren, dass das Angebot zunächst nur von sehr sehr wenigen Menschen in Anspruch genommen wird, aber wenn man nur eine Person erreichen kann, ist das schon viel. In zahlreichen Städten gibt es andere Organisationen die ebenfalls Führungen zum Judentum anbieten können. Im Ruhrgebiet gibt es die Alte Synagoge Essen und das Jüdische Museum Dorsten. In der Regel finden Synagogenführungen nicht während des laufenden Betriebes statt, so dass die Geführten ohnehin nicht viel vom echten jüdischen Leben mitbekommen. Das kann man also ruhig an Profis delegieren.
    In meiner Gemeinde gibt es im Rahmen einer anderen Veranstaltung die Möglichkeit, an einem Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Das wird gut angenommen, wird groß aufgezogen und ist immer sehr nett. Dieses Vorgehen kann man durchaus empfehlen.
    Schwierig wird es, wenn Besucher immer bei Gemeindeaktivitäten anwesend sind. Für weitere Schritte sollte gelten: Innerreligiöses Gespräch hat Vorrang vor dem interreligösen. Nur wenn die Basis stimmt, kann man auch nach außen kommunizieren.
  • Gleichgesinnte sammeln. Massives Netzwerken auch außerhalb und zwischen den Gemeinden und Gemeindemitgliedern um Gemeinsamkeiten besser abgleichen zu können und sich zu spontanen Gruppen zusammentun zu können.

Die Diskussion hat gezeigt, dass es weiteren Gesprächsbedarf gibt. Es gibt Bedarf über jüdische Inhalte zu reden, über kulturelle Anlegen, über Kinder und Erziehung, über Schule etc. Auch dafür könnten übrigens Gemeinden Räume schaffen.

Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Dringlichkeit dieses Themas immer mehr Menschen bewusst.

Artikel

Mitgliederstatistik überrascht nicht

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden 1955 – 2016

Nach Pessach veröffentlicht die ZWST traditionell die Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden für das Vorjahr. Wie viele Mitglieder haben die Gemeinden insgesamt? Wie viele hatten sie im Vorjahr? In der Gesamtbetrachtung kann man daraus eine Entwicklung ablesen. Und diese ist seit 2007 rückläufig. Seit diesem Jahr verlieren die Jüdischen Gemeinden Mitglieder. 2006 also hatten die Gemeinden mit 107.794 Personen die höchste Anzahl von Mitgliedern seit 1949. 2015 sank die Zahl erstmals unter die Grenze von 100.000. 2016 nun liegt die Zahl der Gemeindemitglieder bei 98.594.

Woran das liegt, ist offensichtlich. Die Anzahl der »Abgänge« übersteigt die Anzahl der »Zugänge«. Oder weniger euphemistisch formuliert: Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Es fehlen mindestens 1244 Babys um das aufzufangen.
Zunächst die wichtigsten Eckdaten in der Übersicht:

2013 2014 2015 2016
Geburten 250 243 277 265
Sterbefälle 1244 1335 1476 1498
Übertritte 70 68 59 98
Austritte 418 528 422 412
Einwanderer 444 652 674 409
Auswanderer 150 169 142 187

Wo wir schon bei Babys sind: 1989 gab es in Deutschland 807 Kinder im Alter zwischen 0 und 3.

2016 waren es 1.051. Kling unspektakulär?
Dann formulieren wir das anders. 2016 hatten die Gemeinden mehr als als dreieinhalb mal soviel Mitglieder als 1989 (98.594 gegen 27.711). Wir könnten also 2.800 Kinder in diesem Alter erwarten…

Betrachten wir die Zu- und Abgänge im Detail für das Jahr 2016:

Zugänge versus Abgänge 2016

Und nun noch die Entwicklung der Zu- und Abänge: Hier wird leider eine Tendenz deutlich – bei einer kleiner werdenden Gesamtzahl – steigt die Zahl der Todesfälle.

Entwicklung der Zugänge und Abgänge

Für 2016 kann man festhalten, dass diese Entwicklung nahezu jede Gemeinde erfasst hat. Warum nahezu? Bevor diese Frage beantwortet wird, zunächst ein Blick auf »Gewinne und Verluste« auf Ebene der Landesverbände:

Landesverband 2015 2016 Differenz zum Vorjahr
Baden 5457 5383 -74
Bayern 8753 8709 -44
Berlin 9865 9735 -130
Brandenburg 1091 1224 133
Bremen 940 907 -33
Frankfurt/M. 6604 6503 -101
Hamburg 2445 2447 2
Hessen 4758 4676 -82
Köln 4077 4026 -51
Mecklenburg-Vorpommern 1412 1342 -70
München 9507 9485 -22
Niedersachsen 6843 6724 -119
Niedersachsen (liberale) 1233 1222 -11
Nordrhein 16311 16200 -111
Potsdam 416 414 -2
Rheinland-Pfalz 3181 3145 -36
Saar 918 894 -24
Sachsen 2560 2533 -27
Sachsen-Anhalt 1355 1340 -15
Schleswig-Holstein 1210 1161 -49
Schleswig-Holstein 748 698 -50
Thüringen 739 710 -29
Westfalen 6356 6251 -105
Württemberg 2916 2865 -51

Warum also nahezu? Weil es zwei Ausnahmen gibt: Eine davon ist Hamburg. Hamburg konnte seine Anzahl der Mitglieder von 2.445 in 2015 auf 2.447 im Jahr 2016 steigern. Zwei Personen kamen hinzu. Wenn man sieht, dass die Gemeinde Frankfurt am Main genau 100 Mitglieder verloren hat, dann mag man nicht mehr über einen Zuwachs von 2 schmunzeln. Eine weitere Ausnahme ist Brandenburg. Hier kamen 133 Mitglieder hinzu. Besonders Oranienburg hat Mitglieder hinzugewonnen. Potsdam hingegen massiv verloren. Hatte die Gemeinde 2010 noch 393 Mitglieder, so waren es 2016 nur noch 210. Es scheint, als müsste man bei der Planung der neuen Synagoge berücksichtigen, dass man die Infrastruktur für eine kleine Gemeinde anlegt.
Im Landesverband Nordrhein dürfte die Gemeinde Düsseldorf den größten Verlust von Mitgliedern erleiden. Waren es 2010 noch 7.080, so waren es 2016 noch 6.713. Und das obwohl Düsseldorf als Stadt eigentlich immer mehr Menschen anzieht.

Israelis und Berlin

Berlin liegt im Fokus wenn es um Israelis geht. Wie viele mag es dort geben? Die Jüdische Gemeinde Berlins (135 Mitglieder weniger als im Vorjahr) scheint nicht von dem Boom, sofern es einen gibt, zu profitieren. Da sie dementsprechend nicht bei der Gemeinde angemeldet sind, gehen sie auch nicht in die Statistik ein.

In Berlin waren am 31.12.2016 4.680 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit gemeldet. Israelis, die mit deutscher Staatsbürgerschaft in Berlin leben, dürften damit nicht erfasst sein (rein technisch sind sie ja auch keine Israelis mehr). Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat eine smarte Schnittstelle für Datensammler. Die folgenden Daten entstammen dem Einwohnerregister Berlins:

Bezirk Personen
01 Mitte 685
02 Friedrichshain-Kreuzberg 678
03 Pankow 566
04 Charlottenburg-Wilmersdorf 1319
05 Spandau 79
06 Steglitz-Zehlendorf 314
07 Tempelhof-Schöneberg 434
08 Neukölln 375
09 Treptow-Köpenick 54
10 Marzahn-Hellersdorf 32
11 Lichtenberg 70
12 Reinickendorf 74
Berlin insgesamt 4680

Sind sie alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin? Natürlich nicht.
Wir machen die Gegenprobe. Für den 31.12.2014 hielt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg fest, dass 3.991 Personen mit israelischer Staatsangehörigkeit lebten. Die Zahl hat sich also in zwei Jahren um 689 erhöht. Das müsste dann bedeuten, die Gemeinde hätte in zwei Jahren etwa 680 neue Mitglieder haben können. 2016 meldeten sich 215 Einwanderer (aus welchem Land sie kamen ist unbekannt) bei der Gemeinde an, 2015 waren es überhaupt keine. Also tatsächlich: Diese Gruppe kommt in der Gemeinde nicht an. Aber man stelle sich das vor?! Berlin hat 9.735 Mitglieder. Die Israelis könnten eine große Gruppe innerhalb der Gemeinde bilden und den Kurs erheblich beeinflussen.

Daten

Alle Daten kann man bei der ZWST nachlesen.