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Jude für beschränkte Zeit

Isaac Lewinson kam nach Ende des Krieges aus Theresienstadt nach Siegburg und war dort aktives Gemeindemitglied, denn damals gab es dort noch eine Gemeinde. Heute gehört dieser Bezirk zur Synagogengemeinde Bonn. Er lies sich sogar in den Vorstand der Gemeinde wählen, mit Anfang 30 schon beeindruckend. Bei Beschneidungen war er dabei, bei Versammlungen stets einer der Wortführer und sammelte eifrig Geld für andere Verfolgte des Nazi-Regimes. Isaac Lewinson war aber auch fleißig und betrieb einen Großhandel. Startkapital könnte das Geld gewesen sein, dass der VVN den Opfern auszahlte. 2000 RM waren das damals. Als Mitglied des Gemeindevorstandes stand Herrn Lewinson auch die doppelte Ration von Care Paketen zur Verfügung, die doppelte Menge Lebensmittelkarten stand ihm ebenfalls zur Verfügung. Aber Herr Lewinson konnte auch anders. Wenn es darum ging, seine Interessen bei den Behörden durchzusetzen, wurde er auch mal laut, pöbelte herum und schließlich gingen mehrere Beschwerden über ihn bei der Gemeinde ein. Aus heutiger Sicht eine typische Nachkriegsgeschichte und auch keine Ungewöhnlichkeit.

Tatsächlich aber war Isaac Lewinson ein Nazi, also ein echter Nazi und hieß eigentlich Alfred Mende. Er kam 1945 aus der Nähe von Chemnitz nach Siegburg und konnte alle nötigen Dokumente vorweisen, wurde dann aber in Siegburg erkannt. Seine jüdische Existenz dauerte also nur wenige Jahre. Er soll bereits Kreisorganisationsleiter der NSDAP in Dresden gewesen sein und Absolvent der Kaderschmiede Krössinsee in Pommern. In einem Zeitungsbericht aus dem August 1948 heißt es, er solle selber auch Aufseher in Theresienstadt gewesen sein – möglicherweise liegt da aber eine Verwechslung mit Herbert Mende vor. Zu einem Jahr und drei Monaten Haft wurde Mende verurteilt und der Fall verschwand wieder in totaler Vergessenheit. Bemerkenswerterweise war er auch nicht der einzige Nazi, der so untertauchen konnte. Von einigen Fällen nahm ich bisher an, es handele sich um urbane (jüdische) Mythen, aber offensichtliche ist auch das undenkbare möglich.

Leider sind die Gerichtsakten, die uns heute mehr über Mende und sein Leben in der Gemeinde hätten verraten können, mittlerweile vernichtet.
Aufmerksam auf den Fall wurde ich durch Dr. Harry Maors Beschreibung der Nachkriegsgemeinden »Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden nach 1945« (Mainz, 1961). Maor schrieb:

»Bei der Unsicherheit der Aufnahmekriterien – sollte das Religionsbekenntnis zählen oder genügte die jüdische Abstammung – und infolge des geschilderten Umstandes, dass oft beide Kriterien unvollständig waren, ist es nicht verwunderlich, dass in einigen Fällen sogar Betrüger Erfolg haben konnten, von denen es einer, ein ehemaliger KZ-Aufseher aus Dresden, bis zum Vorsteher einer kleinen Gemeinde brachte. «

Das war eben »Isaac Lewinson«. Falls jemand weitere Hinweise irgendwoher beitragen kann, wäre das sehr fein. Die Geschichte würde ich gerne weiterverfolgen.