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Sederabende in Kirchengemeinden

Bernd das Brot wurde entfernt (verbrannt?) – an seine Stelle ist Max die Matze gerückt.

Sie sind sehr beliebt, die Sederabende in Kirchengemeinden.
Oft gefeiert am Donnerstag vor Karfreitag. In diesem Jahr überschneiden sich Pessach und Ostern einmal wieder. So wird die Karwoche, in der man sich regelmäßig an den »Christusmördern« rächte, heute als Ausdruck der Gemeinsamkeit verstanden. In Kirchengemeinden werden Matzot gegessen, es wird beseelt »Ma Nischtana« gesungen und Segenssprüche aus der Haggadah aufgesagt. In denen heißt es, dass G-tt »uns« die Mitzwot gegeben hat dieses oder jenes zu tun. Wer ist dieses »wir«, wenn nichtjüdische Feiernde das sprechen? Es ist kein Geheimnis, dass jüdische Gemeinden das heute nicht sonderlich angenehm finden, wenn der Sederabend hier mal eben für eigene Zwecke enteignet wird.

Fun Fact Sederabend

Jesus hat wohl keinen Sederabend gefeiert. Den gab es noch gar nicht. Der entwickelte sich so, wie wir ihn heute kennen, erst später. Übrigens entwickelt er sich fortwährend weiter. Pessach »authentisch« zu feiern würde bedeuten, ein Lamm zu opfern und mit Bitterkraut zu verzehren. Nur: Schächten hat gerade keine gute Lobby.

Hier einmal eine zufällige Auswahl:

Klar gibt es auch ein einfaches Interesse an dem Abend. Da die jüdischen Gemeinden nicht in der Lage sind, allen Interessierten die Türen für die eigenen Sederabende zu öffnen: Gibt es Abhilfe? Jedenfalls ist die symbolische Enteignung keine. Oder um es anders zu formulieren: »Lieber gar nicht feiern, als falsch feiern.«

Vielleicht könnte man einfach dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden ihr Judentum »draußen« zeigen können. Denn dann könnte es auch sein, dass man auch jüdischerseits einmal Nachbarn einlädt und diese das Fest authentisch erleben.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich einen kurzen Kommentar zu diesem Phänomen geschrieben – der ist in der Pessachausgabe zu finden – hier.

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Pessach!

Pessach CD

Pessach! das ist kurz und einprägsam. Pessach! ist der Titel einer CD auf der Rabbiner Michael Goldberger (er war von 1993 bis 2003 Rabbiner in Düsseldorf und lebt und arbeitet heute wieder in seinem Heimatland Schweiz) Lieder und Melodien für den Sederabend ein- und vorgesungen hat.
Neben der technischen Vorbereitung (Chametz wegräumen, aufräumen, Mazzen besorgen, einkaufen, Kochen, Haggadot vorbereiten etc.) ist das das Bestandteil einer inhaltlichen Vorbereitung die den Seder sehr viel lebendiger machen. Klar, man kann den Seder runterspulen und die notwendigen Texte lesen und die richtigen Handlungen in der richtigen Reihenfolge durchführen, aber ist das ein Erlebnis?
Im Booklet zur CD schreibt Rabbiner Goldberger:

Die Sederabende waren nie Geschichtslektionen. Sie waren immer persönlich. Es ging stets um ureigene Ägypten, ureigene Wüsten und ureigene gelobte Länder. Oft bin ich an Pessach selbst ausgezogen und wiedergeboren worden.

Das muss ja nicht einmal perfekt gesungen werden. Rabbiner Goldberger fasst das im Booklet zur CD ganz gut zusammen:

Die Haggada ist wie Trockenpulver. Die persönlichen Erzählungen sind das Wasser, welche es beleben und geniessbar machen. Die Melodien aber sind die Gewürze, die Geschmack und Sinn verleihen.

Allerdings singt Rabbiner Goldberger die 65 (!) Stücke mit einer angenehmen Stimme die nicht abhebt und so zumindest mitsingbar bleibt. Ich würde sogar sagen, die Melodien sind zugänglich. Es ist ja etwas anderes, ob ein Sänger versucht Klasse zu beweisen und stimmliche Mätzchen macht, oder ob er eine Melodie so darbietet, dass der Hörer in die Lage versetzt wird, mit einzustimmen und dadurch erst eine gewisse Kunst zeigt.
Zudem wird nicht ein Seder präsentiert, was diese CD von anderen CDs gleicher Art unterscheidet. Es wurden ja bereits einige ähnliche CDs von Rabbinern und Kantoren vorgestellt, die es dem Hörer ermöglichen wollen, den Seder zu führen. Pessach! präsentiert zu vielen Bestandteilen des Seders verschiedene Varianten wie etwa traditionell (gemeint ist wohl aschkenasisch traditionell, traditionell ist wohl eine Frage des Blickwinkels), sefardisch, Modziz, Chabad und Carlebach. Echad Mi Jodea ist in fünf Varianten vorhanden, Ma Nischtana in drei.

Pessach! Cover

Vielen die den traditionellen Ablauf des Seders aus der Familien kennen, dürfte die CD ein paar neue Impulse geben. Denjenigen, die etwas Hilfe benötigen, bietet die CD diese an. Will sagen: Sie ist etwas für Anfänger und Fortgeschrittene.
Ihren eigentlichen Zweck dürfte die CD dann erfüllt haben, wenn wir die erlernten Melodien dann etwas schief (für mich selber gilt: sehr schief) und gemeinsam am Sedertisch singen.

Von meiner Seite aus ergeht eindeutig ein Kaufbefehl!

Die CD gibt es bei amazon und bei books&bagels

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Orangen und Sederteller

Sederteller und Banane

Im Ruhrgebiet legt man ein Stück Kohle auf den Sederteller. Ein Symbol für den Strukturwandel und den Niedergang der Industrie in der Region.
Kaffeebohnen auf dem Sederteller erinnern uns an die ausgebeuteten Arbeiter auf den Kaffeeplantagen der Welt, eine Banane erinnert uns an die Globalisierung.
Sufganijot erinnern uns an Chanukkah und die Feiertage die an Pessach keine Rolle spielen, ja skandalös marginalisiert werden!
Ich weiß nicht, ob bei Broder(s) eine Kartoffel auf dem Sederteller liegt, als Symbol für die deutsche Bevölkerung die irgendwie mit dem Islam zurecht kommen muss.

Oben genannte Symbole gibt es natürlich nicht. Aber man könnte sich einige gut vorstellen. Je nach Region und politischem Anliegen kann man sich weitere Varianten überlegen und wenn man politisch besonders sensitiv ist, legt man sich alle anderen auch auf den Teller. Bis der überquillt.
Aber die Realität ist dieser Fiktion hart auf den Fersen. Auf einigen Sedertellern findet man heute zuweilen Orangen. Zuweilen hört man, das sei ein feministisches Symbol. Tatsächlich geht es aber um die Anerkennung von homosexuellen Juden. Dann gibt es noch Oliven. Die sollen für die israelische Besatzung Palästinas stehen.
Artischocken schlägt Rabbi Geela Rayzel Raphael vor. Im gleichen Dokument schlägt Jim Keen Kiwis vor. Er beruft sich bei der Einführung der Kiwi auf die Einführung von Orangen. Die Kiwi soll die Nichtjuden symbolisieren, die am Seder teilnehmen.
Weil Veganer keine Eier essen, muss auch hierfür ein Ersatz gefunden werden. Noch interessanter wird es, wenn die Sederorganisierer den politischen (und scheinbar religiösen) Grund für das neue Symbol ausschweifend erklären können, aber bei den Klassik-Symbolen ins Stottern geraten.
Das musste auch mal gesagt werden

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Liberale Pessach Haggadah


Zwar steht Purim vor der Tür, aber Pessach wird kurz darauf folgen. Haggadot in deutscher Sprache gibt es ein paar, allerdings sind die wenigsten aktuelle Ausgaben. Eine liberale Haggadah gab es vor einiger Zeit im Knesebeck Verlag, doch diese war eher liberale darin, dass man den traditionellen Text etwas besser übersetzte und im Tischgebet die Imahot mit einbezog. Das führte bei einigen Familien, die nicht alles sprechen wollten, zu herumgeblättere.
Doch eine liberale Haggadah, wie es sie vor der Schoah in Deutschland gegeben hat, gab es in vielen Gruppen nur noch als Kopiervorlage. Rabbiner Caesar Seligmann beispielsweise schuf eine recht intensiv bearbeitete Haggadah und diese war ein Stück weit Vorbild für die aktuelle Ausgabe einer deutschsprachigen (und hebräischsprachigen natürlich) Haggadah. An dieser habe ich die letzten Nächte verbracht und mache sie nun als Buch der Welt verfügbar.
Erhältlich ist sie ab sofort hier für 5,50 Euro. Großbesteller erhalten Rabatt 😉 Hinweis für Besteller: Die Lieferung dauert etwa 8 Tage.
Oben ist ein kleiner Querschnitt zu blätterzwecken eingebunden.