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Unfassbare Bilder der Pogromnacht

In der Synagoge (Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Bei Twitter wurden zum 9. November unfassbare Bilder der Pogromnacht gepostet. Ein »Blick hinter die Kulissen« der Vorgänge um die Zerstörung der Synagoge, der Plünderung und Demütigung von jüdischen Familien in der Stadt. Es könnte die Synagoge von Fürth sein. Die Bilder stammen von einem Fotografen aus Nürnberg.

Grinsende Männer plündern eine Wohnung (in Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Elisheva Avital hat Bilder veröffentlicht, die irgendwie in den Besitz ihres Großvaters gelangten. Vieles daran ist verstörend. Ich fand das Grinsen aller Beteiligten widerwärtig. Derzeit machen die Bilder auch bei facebook die Runde.

Da möglichst viele Menschen diese Bilder sehen sollten, gebe ich hier die Tweets wieder bzw. weiter:

Die Synagoge

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Zuckerberg und die Holocaustleugnung

»Warum macht eigentlich Mark Zuckerberg nix gegen Antisemitismus auf Facebook? Der ist doch selber Jude« könnte der einfältige Nutzer von Facebook sagen und damit liegt er falsch. Ja klar, Mark Zuckerberg ist Jude, aber in erster Linie ist er Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Facebook und als solcher daran interessiert, sein Unternehmen profitabel zu halten.

Das erreicht man nur, wenn die Plattform von vielen Menschen besucht wird, die viel Zeit dort verbringen. Deshalb werden sie ständig mit neuen Nachrichten gefüttert. Wer sagt, dass das immer angenehme Nachrichten sein sollen? Eine gute Nachricht lese ich, like sie und teile sie vielleicht. Andere sehen das möglicherweise. Das entscheidet ein Algorithmus.
Mehr Zeit verbrennen die Nutzer, wenn sie sich aufregen, den Post melden, sich vielleicht noch andere Beiträge der Gruppe oder des Nutzers durchlesen, den Beitrag anderen zusenden mit dem Ziel, den Beitrag ebenfalls zu melden, oder sich auch darüber aufzuregen. Das ist Aufmerksamkeitsökonomie.
Dazu kommt: Die Gruppen und Seiten, auf denen man sich mal richtig austoben und auskotzen kann, werden rege frequentiert. Warum also sollte man die entfernen?

Deshalb überrascht es wenig, dass Mark Zuckerberg nicht begeistert über die Löschung von Beiträgen ist, die den Holocaust leugnen. Jedenfalls kann man das einem Interview entnehmen, das Zuckerberg in diesen Tagen dem Technikblog recode gegeben hat.

»I’m Jewish, and there’s a set of people who deny that the Holocaust happened.
I find that deeply offensive. But at the end of the day, I don’t believe that our platform should take that down because I think there are things that different people get wrong.«

Später fügte er hinzu (weil das Feedback auf sein Interview wohl nicht nur positiv war):

»I personally find Holocaust denial deeply offensive, and I absolutely didn’t intend to defend the intent of people who deny that.«

Er fügt weiterhin hinzu:

I personally find Holocaust denial deeply offensive, and I absolutely didn’t intend to defend the intent of people who deny that.

Our goal with fake news is not to prevent anyone from saying something untrue — but to stop fake news and misinformation spreading across our services.

Er führt dann aus, dass man die Inhalte nicht löschen möchte. Sie werden anscheinend nur durch »gute« Inhalte überflügelt:

»These issues are very challenging but I believe that often the best way to fight offensive bad speech is with good speech.«

Man kann jetzt viel dazu sagen oder schreiben, aber eines sollte klar sein – auch Mark Zuckerberg, wenn er ein empathischer Mensch wäre: Die Leugnung des Holocausts ist nicht nur offensive (das Wort erscheint mir viel zu klein), sondern sie verfolgt konkrete Ziele. Zudem ist es unerheblich, ob er oder seine Mitarbeiter das für eine zulässige »Meinung« halten: In Deutschland ist die Leugnung des Holocaust strafbar – auch wenn das nicht immer so gehandhabt wird. Das gilt eigentlich für die gesamte europäische Union, aber auch für andere Länder wie Israel. Derartige Beiträge werden aktuell in Deutschland übrigens genau deshalb entfernt, aber eben nicht weltweit.

Zudem ist die Leugnung der Schoah keine »Meinung«. Die Schoah, der Holocaust, ist eine Tatsache. Dass die Addition von 1 und 1 das Ergebnis 2 hat, steht auch nicht zur Debatte. Die Leugnung dessen, ist keine historische »Debatte«, sondern verfolgt ausschließlich andere Ziele.

Zuckerbergs Einlassungen haben gezeigt, wenn man die »Meinungsfreiheit-Nebelkerzen« weglässt: Ob Facebook das nun unterstützt oder nicht, ist keine moralische Entscheidung, sondern eine rein ökonomische. Es geht darum, ob sich eine Entscheidung rechnet oder nicht.
Offenbar rechnet sich Antisemitismus aber.

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Yolocaust

Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.
Peter Eisenman, Architekt des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Spiegel Online vom 10.05.2005

Mit Mahnmal ist natürlich die Zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas in Berlin gemeint. Berlin erinnert im Herzen der Stadt an die ermordeten Juden Europas. Mit einem eindrucksvollen Mahnmal. Dieses Mahnmal, die Gedenkstätte, ist jedoch kein Friedhof und kein »heiliger« Ort.
Mit-Initiatorin Lea Rosh wollte dort zwar den Zahn eines Schoah-Opfers beisetzen (den sie mit sich herumtrug), das hat sie jedoch dann nicht getan. Es ist ein Ort an dem die Leute herausfinden müssen, wie sie mit dem Thema und dem »Gedenken« umgehen. In dieser Funktion ist das Mahnmal ein Touristenmagnet geworden. Nicht alle Besucher erfassen dementsprechend, worum es dort geht und benehmen sich dort genau so, wie an allen anderen Orten eines Ausflugs: Die Orte werden zur Kulisse für Selfies. Mal in nachdenklicher Pose, mal »cool« posierend, mal leicht angezogen. Im Sommer legen sich Menschen auch schon mal auf die niedrigeren Steine. Selfies landen oft auf instagram oder bei facebook. Kein smartes Benehmen. Darüber herrscht Einigkeit – vermutlich.
Shahak Shapira scheint die Respektlosigkeit auch nicht besonders zu passen. Verständlich. In seinem Projekt Yolocaust greift er den unsmarten Umgang auf und hinterlegt die Selfies mit Bildern von Opfern der Schoah. Plötzlich stehen die Poser auf einem Leichenberg. Man sieht Bilder der Opfer.
Das Mahnmal steht aber nicht auf dem Geländer eines Konzentrationslagers. Es ist kein »historischer« Ort.
Warum muss man die Bildern von Opfern für einen solchen Zweck verwenden? Das Projekt ist, laut Shapira, als »drastische« Satire angelegt. Man verwendet also die Bilder von Opfern der Schoah für Satire?

Aber was genau ist daran so treffend und so wachrüttelnd, dass das Projekt #yolocaust gerade viral geht?

Es ist günstig für diejenigen, die es teilen. Man kann irgendwie zeigen, dass man die Schoah doof findet, muss sich dafür aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Man muss sich nicht umständlich darum kümmern, dass sich jemand für diejenigen einsetzt, die als Zwangsarbeiter für die Nazis arbeiten mussten (»Ghettorenten«). Das sind die Renten, bei denen solange mit der Auszahlung gewartet wurde, bis die meisten Empfänger verstorben sind.
Man muss sich nicht darum kümmern, dass in Freiburg die letzten Reste einer Synagoge abgerissen werden.
Man kann die Demonstration gegen Antisemitismus der jüdischen Community überlassen. Das stört sonst niemanden. Beispiele gibt es genug.

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Stolpersteine Ja, Nein, Vielleicht

Stolpersteine:
Es gibt Orte, an denen werden sie verlegt.
Es gibt Orte an denen werden sie nicht verlegt.
Jüngst gab es erneut eine Meldung aus München darüber, dass die Stadt eine Verlegung nicht wünscht. In so mancher Stadt sind erneut Diskussionen darüber entbrannt. Oft, weil Lokalzeitungen natürlich vor Ort geforscht haben, ob das Münchner Votum irgendetwas an der Haltung geändert haben könnte.

Hier ein paar Dinge, die man in der Diskussion darüber und vielleicht bei der Verlegung beachten sollte. Weil die Welt nicht Schwarz-Weiß ist, ist es diese Liste auch nicht. Falls also jemand nur Pro-Argumente abfischen will: Sorry.

  • Die Stolpersteine sind eine Form des Gedenkens, sie sind kein Projekt, welches andere Formen der Erinnerung ausschließt (»Aber wir haben doch schon Stolpersteine verlegt!«).
  • Die Stolpersteine sind aber auch nicht DIE Form des Gedenkens. Es werden im Laufe der Zeit sicherlich neue Formen entstehen.
  • Das Argument »Jude XY hat gesagt« oder »Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde XY-hausen ist auch dagegen« hat keinen Bestand. Kein Jude spricht für alle anderen. Während die Vorsitzende der Gemeinde München Charlotte Knobloch das Projekt vollständig ablehnt, hat die Jüdische Gemeinde Düsseldorf dem Vater des Projekts, Gunter Demnig, einen Preis verliehen (hier|hier).
  • Einwände von Angehörigen oder Verwandten derjenigen, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen werden, sollten hingegen ohne jede Rückfrage respektiert werden. Das versteht sich vermutlich von selbst. Auch wenn man die Argumente für falsch hält.
  • Der Verleger der Stolpersteine ist kein Heiliger. Er hat, wenn man das so ausdrücken kann, eine Exklusivrecht auf diese Form des Gedenkens. Ob ein Stein verlegt wird oder nicht, liegt letztendlich auch an ihm. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn eine demokratische Art des Gedenkens (siehe nächsten Punkt) nicht von einer Einzelperson abhängt. 2011 kündigte Demnig an, in Hannover keine Steine mehr verlegen zu wollen.
    Es ist nicht einleuchtend, warum die Öffentlichkeit dieses de facto Monopol nicht hinterfragt und nicht einen Bruch verlangt. Es soll sich ja auch um ein Kunstprojekt handeln und was ist das für eine Kunst, die nur ein Künstler schaffen darf?
  • Die Stolpersteine sind eine Form des Gedenkens, an deren Realisierung viele Einzelpersonen oder Gruppen mitwirken können. Es braucht keine übergeordnete Instanz, die eine Verlegung beauftragt. Wenn man so will, eine demokratisierte Form des Gedenkens – und eine dezentrale.
  • Die Stolpersteine werden von den Bewohnern eines Ortes (oder einem Teil der Bewohner verlegt) und regen damit auch einen kleinen gesellschaftlichen Prozess an. Man muss sich mit den Menschen, deren Namen auf den Steinen steht, beschäftigen.
  • Die Stolpersteine sollten aus der Gesellschaft kommen – deshalb sollten unter keinen Umständen die Nachfahren oder Verwandte derjenigen, deren Namen auf den Steinen stehen wird, für sie zahlen müssen – oder gar die Verlegung organisieren. Das ist Aufgabe der Gesellschaft.
  • Wo wir bei der Verlegung sind:
    Wenn diejenigen, deren Namen auf den Steinen stehen wird, nicht gerade aus Osteuropa stammen, ist Klezmermusik wirklich deplatziert. Klezmer ist nicht DIE jüdische Musik.
  • Wo wir gerade von Kitsch sprechen:
    Auch Paul Celans »Todesfuge« ist durch ihren übermäßigen Einsatz für derartige Zwecke nicht unbedingt zu empfehlen. »Jeder Mensch hat einen Namen – Lechol isch jesch schem« (Download hier) der Dichterin Zelda Schneersohn Mischkovsky passt in den Kontext schon eher. Man bringt mit den Stolpersteinen den Namen einer Person wieder zurück in die Öffentlichkeit.
  • Die Stolpersteine sind keine Grabsteine. Sie sind als solche dementsprechend auch nicht zu behandeln.
  • Ja. Man kann über sie hinweggehen und sie werden als Teil des Bodenbelags auch den gleichen Belastungen ausgesetzt. Sie können bespuckt werden oder Hunde können sich auf ihnen entleeren. Auf der anderen Seite: Man kann sie nirgends herunterreißen und nicht umstürzen.
  • Stolpersteine halten lange, aber nicht ewig. Die Messingplatte wird irgendwann abgewetzt sein. Der Text wird unleserlich etc.
  • Wer eine Erinnerungstafel schänden will, wird das tun. Ganz gleich wo sie hängt. Solchen Personen wird es auch gelingen, einen Stolperstein zu beschädigen.
  • Das sind einige Punkte zu den Stolpersteinen.
    Ein Ende wird die Diskussion erst dann haben, wenn auch das Projekt nicht weitergeführt wird. Vielleicht weil Gunter Demnig eines Tages nicht mehr weitermacht oder vielleicht, weil es eine neue Form geben wird, die einen breiten Konsens findet.
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Oberrabbiner Jonathan Sacks zum Holocaust-Gedenktag

Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks gehört ohne Zweifel zu den eloquentesten jüdischen Figuren der Gegenwart. Das muss ich eigentlich gar nicht mehr extra hinzufügen. Zum britischen Holocaust-Gedenktag hielt Oberrabbiner Sacks nun eine Rede vor der London Assembly, einer Art erweiterter Stadtverwaltung. Bemerkenswert ist der Bogen, den er in die Gegenwart schlägt: Bosnien und Ruanda nennt er explizit.

But what puzzles me though [] is that no-one in Eishyshok said a word. There were no protests before it happened, none when it happened, and none after it happened.
And so it was in Bosnia amongst the Serbs and the Croats and the Muslims. And so it was in Rwanda amongst the Hutus and the Tutsis. Families who had been friends for a lifetime almost overnight became enemies and started killing one another. In Rwanda, 800 000 people murdered in the space of 100 days.
[] And let us never think it could not happen again.
Hier lesbar

Hier ist die gesamte Rede als Video:

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Schoah als Kulisse

Gerade las ich die Rezension von Hannes Stein über Alvin Rosenfelds Polemik gegen die Banalisierung des Schoa-Gedenkens (siehe hier), da werde ich auf Rainbow in the Night aufmerksam gemacht.
In dem Musikvideo, singt (Kantor) Yaakov Lemmer zwischendurch auch als Häftling eines Konzentrationslagers. Wenn er eine Frau wäre, würde man seine Erscheinung vielleicht saftik nennen jedenfalls hat das nichts mit der Realität in Konzentrationslager zu tun.

Die Häftlinge sahen auch nach ihrer Befreiung nicht so aus, wie im Video imaginiert:
Auschwitz Liberated January 1945

Wohl genährt, bärtig, singt er hinter einem Stacheldrahtzaun sein Lied. Das Ghetto ist bestenfalls verzerrt dargestellt. Pathos rettet das nicht. Ein gutes Beispiel dafür, wie man das Andenken verzerren kann.

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Katzen und die Schoah

In verschiedenen Blogs heißt es, Katzen-Content geht immer, aber dieser Katzen-Content ist schon sehr sehr speziell. Hatten wir schon einen Roman aus der Perspektive von Hitlers Schäferhund Blondi, so gibt es nun auch die Reichspogromnacht aus Sicht einer Katze. Benno and the Night of Broken Glass (Homepage des Verlags mit Buchvorstellung) heißt das Bilderbuch von Meg Wiviott, das Kindern von 7 bis 11 die Schoah näher bringen soll. Das Buch schildert aus Sicht der Katze, wie Juden zunächst als Teil der Gesellschaft leben, ausgegrenzt werden, Bücherverbrennungen, die Reichspogromnacht und schließlich, dass die jüdischen Familien nicht mehr da sind. Die Perspektive ist distanziert, die Illustrationen eher Collagen. Mehr erfährt man eigentlich nicht über das Schicksal der Familien oder Personen: Familien sind da, füttern Katze, Familien werden weggebracht, Fütterer weg. Dazu kommt die Frage, ob man so etwas Kindern in dem Alter zumuten kann und ob das die richtige Herangehensweise ist. Niedliche Tiere zu malen, um etwas kindgerecht zu gestalten, dürfte nicht ausreichen. Kinder, die solche Geschichten ernst nehmen, wird es möglicherweise schockieren, auch wenn die emotionale Bindung zu den jüdischen Figuren kaum besteht, weil diese eigentlich nicht charakterisiert werden.

Einige Bilder aus dem Buch kann man sich auf der Homepage von Illustrator Jose Bisaillon anschauen (hier)
Wer es sich unbedingt als Buch anschauen will, kann es in Deutschland über amazon kaufen.

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Jude für beschränkte Zeit

Isaac Lewinson kam nach Ende des Krieges aus Theresienstadt nach Siegburg und war dort aktives Gemeindemitglied, denn damals gab es dort noch eine Gemeinde. Heute gehört dieser Bezirk zur Synagogengemeinde Bonn. Er lies sich sogar in den Vorstand der Gemeinde wählen, mit Anfang 30 schon beeindruckend. Bei Beschneidungen war er dabei, bei Versammlungen stets einer der Wortführer und sammelte eifrig Geld für andere Verfolgte des Nazi-Regimes. Isaac Lewinson war aber auch fleißig und betrieb einen Großhandel. Startkapital könnte das Geld gewesen sein, dass der VVN den Opfern auszahlte. 2000 RM waren das damals. Als Mitglied des Gemeindevorstandes stand Herrn Lewinson auch die doppelte Ration von Care Paketen zur Verfügung, die doppelte Menge Lebensmittelkarten stand ihm ebenfalls zur Verfügung. Aber Herr Lewinson konnte auch anders. Wenn es darum ging, seine Interessen bei den Behörden durchzusetzen, wurde er auch mal laut, pöbelte herum und schließlich gingen mehrere Beschwerden über ihn bei der Gemeinde ein. Aus heutiger Sicht eine typische Nachkriegsgeschichte und auch keine Ungewöhnlichkeit.

Tatsächlich aber war Isaac Lewinson ein Nazi, also ein echter Nazi und hieß eigentlich Alfred Mende. Er kam 1945 aus der Nähe von Chemnitz nach Siegburg und konnte alle nötigen Dokumente vorweisen, wurde dann aber in Siegburg erkannt. Seine jüdische Existenz dauerte also nur wenige Jahre. Er soll bereits Kreisorganisationsleiter der NSDAP in Dresden gewesen sein und Absolvent der Kaderschmiede Krössinsee in Pommern. In einem Zeitungsbericht aus dem August 1948 heißt es, er solle selber auch Aufseher in Theresienstadt gewesen sein möglicherweise liegt da aber eine Verwechslung mit Herbert Mende vor. Zu einem Jahr und drei Monaten Haft wurde Mende verurteilt und der Fall verschwand wieder in totaler Vergessenheit. Bemerkenswerterweise war er auch nicht der einzige Nazi, der so untertauchen konnte. Von einigen Fällen nahm ich bisher an, es handele sich um urbane (jüdische) Mythen, aber offensichtliche ist auch das undenkbare möglich.

Leider sind die Gerichtsakten, die uns heute mehr über Mende und sein Leben in der Gemeinde hätten verraten können, mittlerweile vernichtet.
Aufmerksam auf den Fall wurde ich durch Dr. Harry Maors Beschreibung der Nachkriegsgemeinden Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden nach 1945 (Mainz, 1961). Maor schrieb:

Bei der Unsicherheit der Aufnahmekriterien – sollte das Religionsbekenntnis zählen oder genügte die jüdische Abstammung – und infolge des geschilderten Umstandes, dass oft beide Kriterien unvollständig waren, ist es nicht verwunderlich, dass in einigen Fällen sogar Betrüger Erfolg haben konnten, von denen es einer, ein ehemaliger KZ-Aufseher aus Dresden, bis zum Vorsteher einer kleinen Gemeinde brachte.

Das war eben Isaac Lewinson. Falls jemand weitere Hinweise irgendwoher beitragen kann, wäre das sehr fein. Die Geschichte würde ich gerne weiterverfolgen.

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Der Blick in die Unbeugsam Kritiken

Unbeugsam startet heute in Deutschland und das Medienecho ist groß und die Kritiken doch sehr unterschiedlich. Einige Kritiker scheinen beleidigt zu sein, dass Juden in einem Film über die Schoah keine passive Rolle spielen (SZ-Kritik). Besonders beliebt ist auch die Formulierung Bielski, Tuvia Bielski (hier und hier, hier, hier etc. etc. etc. manchmal sollte man das naheliegende, ja simple, lieber nicht schreiben) einige übertreiben es maßlos und titeln: James Bond bekämpft Hitler, so wie die Bildzeitung. Es gibt also keine Kritik, die sich mit dem Film ausschließlich beschäftigt. Jeder Artikel referenziert auf James Bond, auch wohlwollende Artikel wie dieser hier. Ein Kommentator sieht die Aufforderung, nicht kampflos unterzugehen im heutigen Zeitgeist begründet, es ist ein Kommentator der Zeitung Neues Deutschland (hier). Fazit aus den Berichten der deutschen Medien wäre eine indirekt gestellte Frage: Warum stellt man diesen Ausschnitt aus der Geschichte der Schoah nicht schön sentimental dar? So sind wir es gewohnt!.
Peter Zander von der Welt stellt fest:

In der letzten Zeit gibt es überraschend viele ausländische Produktionen, die sich dem Thema Widerstand gegen die Nazis widmen. Man denke an „Black Book“ aus den Niederlanden oder „Tage des Zorns“ aus Dänemark und nicht zuletzt an den Stauffenberg-Film „Operation: Walküre“ mit Tom Cruise. Sie zeigten den äußeren wie den inneren Widerstand. von hier

Wenngleich Zanders Kritik zu den differenzierten gehört, so unterstellt auch er Stauffenberg auch Widerstand gegen die Nazis. Widerstand gegen Hitler hätte man da vielleicht lieber schreiben sollen. Aber an dieser Heldengeschichte kratzen wir lieber nicht.

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Unbeugsam – Nachkommen der Bielskibrüder über den Film

Unbeugsam

Nur noch wenige Tage bis Unbeugsam in die deutschen Kinos kommt (siehe hier). Bemerkenswert ist die Beschreibung auf einer Website von Chabad über die Nachkommen der Bielskibrüder die sich den Film ansahen.

Growing up, people had often told the New Jersey girl that her grandfather Zus had been a hero. But the full extent of his valor didn’t hit the teenager until she saw it for herself onscreen. Jessica first saw the picture in a special screening for all of the Bielski family at the Jewish Heritage Museum in Manhattan last September.
We were all crying, said Jessica, recalling the reaction of her aunts, uncles and cousins who attended the event. But it was happy at the same time because it was finally on the big screen for the entire world to see. I loved it. It was amazing. von hier

beeindruckend:

Today, over 20,000 people who would have died or never would have been born are alive as a result of their actions, said Jessica’s mother, Roz Moscowitz-Bielski. von hier

In einer Besprechung im Forward kommt der Film nicht so gut weg, der Autor Ralph Seliger kritisiert die Machart des Films

The awesome achievement of the Bielskis to save so many innocents otherwise doomed is cheapened by the image of Hollywood heroes mowing down the enemy, as weve seen before in scores of World War II movies. These real heroes had to kill at times, but their story deserves more than a war movie. von hier

und wird selber von Nachkommen der Partisanen kritisiert…

That was a true simcha, they had lived to see the day. This is a film , I repeat a film, the events that it is based on, did happen, I and my fathers Grandchildren live because of Tuvia Bielsky.his bros. Gary Resnik von hier

Die wenigen anderen Kommentatoren sind dankbar dafür, dass Juden nicht nur als hilflose Opfer dargestellt worden sind und das scheint mir doch im Zentrum zu stehen.