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Schlaflos in Bosnien – nun online

Im Januar berichtete ich an dieser Stelle über das Tagebuch von Saudin Bećirević, dessen Aufzeichnungen zu einem dokumentarischen Spielfilm verarbeitet worden sind.

Nun hat die Regisseurin Sabina Sidro ihren Film online gestellt:

Der Film ist OmEU (Original mit englischen Untertiteln)

Thematisch passt es doch in die Zeit nach Jom Kippur. Rabbiner Jonathan Sacks schreibt in seinem Vorwort zum Jom Kippur Machzor:

Will we train our inner ear to hear the cry of the lonely and the poor? Will we live a life that makes a difference,bringing the world-that-is a little closer to being the world-that-ought-to-be?
Aus der Einführung in den Koren Machzor für Jom Kippur

Havala!

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Der Feind ist der Krieg – Schlaflos in Bosnien

Paradajz Plakat Saudin Bećirević hat den Krieg in Bosnien beschrieben.
Wir erinnern uns: Derjenige, der vor unserer Haustür stattfand und dennoch jeder hier die Chutzpe hatte, weiterhin Nie wieder! zu mahnen.
Er beschrieb den Krieg in Tagebüchern, später in einem Blog und wie Mirella Sidro (Balkanblogger) schreibt, beschreibt er nicht den politischen Feind:

Das Feindbild in seinen Büchern ist nie der Soldat auf der anderen Seite, sondern der Krieg selbst.
von hier

Der erste Teil seiner Aufzeichnungen ist zu einem dokumentarischen Spielfilm verarbeitet worden. Paradajz, was in deutscher Sprache Tomate bedeutet (auf den verlinkten Seiten wird klar, warum), heißt der und kommt mit deutschen Untertiteln daher.

Im letzten Jahr hatte der Film schon Premiere – in Sarajevo. Nun soll der Film auch in Deutschland und Österreich gezeigt werden. Das ist allerdings abhängig von der freundlichen Unterstützung der Öffentlichkeit und deshalb hier mein bescheidener Beitrag zur Weiterreichung des Anliegens:
Die Filmtour soll nun durch Crowdfunding unterstützt werden. Hier ist die entsprechende Seite für das Anliegen. Hoffen wir, dass die eine oder andere Gelegenheit entsteht, den Film einem breiten Publikum zeigen zu können.

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Was passiert mit der Haggadah von Sarajevo?

Sarajevo Haggadah - Sedertisch

Aus der Sarajevo Haggadah: Sedertisch. Man beachte die Frau unten links. Ist es die Frau von Mosche, von der in der Torah gesagt wird, sie sei schwarz gewesen?

In meinem aktuellen Artikel für die Jüdische Allgemeine beschäftige ich mich mit der Schließung des Nationalmuseums von Bosnien und Herzegowina. Im Nationalmuseum wird die Sarajevo-Haggadah ausgestellt. Für mich ist die Schließung dieses Museums ein Hinweis darauf, dass der Nation-Building Prozess nicht so funktioniert, wie man sich das zunächst vorstellte. Zudem ist die Schließung des Museums, die noch recht unbeachtet hierzulande blieb, auch kein gutes Zeugnis für die europäische Gemeinschaft. Sie hat weder den Krieg verhindert, noch es vermocht, die Bevölkerung zu schützen. Dabei war Sarajevo ein besseres Beispiel für das Zusammenleben von Judentum, Islam und Christentum, als es das vielbeschworene Al Andalus war. Schon nach der Gründung der Stadt lebten Juden in Sarajevo. Ohne Ghettomauern zunächst sefardische, später auch ein paar aschkenasische Juden. 1921 sprachen 10 000 von 70 000 Einwohnern Sarajevos Ladino (siehe hier). Stets waren es Konflikte, die anderswo ausbrachen, die das Zusammenlebten verkomplizierten oder unmöglich machten.
Heute dürfte es noch etwa 1000 Juden in Sarajevo geben. Der Hauptaugenmerk des Artikels liegt jedoch auf der Haggadah und die unausgesprochene Angst, dass man im Ausland meint, man könne besser auf die Haggadah aufpassen, als die Bosnier und vielleicht bei der Gelegenheit auch an das Dokument gelangen.
Den gesamten Artikel gibt es hier online.

Szene aus der Sarajevo Haggadah

Szene aus der Sarajevo Haggadah

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Die Geschichte der Sarajevo Haggadah

Sarajevo Haggadah
Die Geschichte der Haggadah von Sarajevo an sich ist schon höchst faszinierend und für mich schon seit langer Zeit der Inbegriff dessen, was vielleicht nur in Bosnien möglich war. Ein jüdisches Buch, eine herrlich bebilderte Haggadah, wird von Muslimen vor den Nazis, dann vor serbischem Artilleriefeuer gerettet und taucht dann kurz nach dem Krieg zu Pessach wieder in der jüdischen Gemeinde Sarajevo auf. Sie trägt sichtbare Spuren ihrer Benutzung am Sederabend und zahlreiche Hinweise darauf, was mit ihr passiert sein könnte. Sie wurde um 1350 in Spanien geschrieben (entweder in Saragossa oder Barcelona) und gelangte mit sefardische Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 über Umwege auf den Balkan.
2007 machte Geraldine Brooks aus der faszinierenden Geschichte (hier detailliert nachzulesen) einen Roman namens People of the book, der nun unter dem Titel Die Hochzeitsgabe erschienen ist und die fehlenden Puzzlestücke in der Geschichte der Haggadah in einer fiktiven Rahmenhandlung erzählt. Immer jedoch in Anlehnung an die wahre Geschichte des Buches. Ich hatte das Vergnügen, die deutsche Ausgabe vor Erscheinen lesen zu dürfen. Zum einen wird die Geschichte der Buchrestauratorin und Wissenschaftlerin Hanna erzählt, die sich der Geschichte des Buches über Hinweise nähert, zum anderen in Episoden die Geschichte der Haggadah. In diesen Episoden begleitet der Leser Personen die mit der Haggadah zu tun hatten bzw. Teil ihrer Geschichte gewesen sein könnten. Das erzählt, völlig nebenher auch kleine Fetzen europäisch-jüdischer Geschichte (und auch über diesen geographischen Raum hinaus). In diesem Zusammenhang betrachtet, erscheint es dem Leser als viel größeres Wunder, dass die Haggadah die letzten 600 Jahre unbeschadet überstand. Die Ausweisung der Juden aus Spanien, die Inquisition, die Weltkriege und den Balkankrieg. Der Titel der deutschen Übersetzung führt etwas auf den Holzweg, den es geht eigentlich weniger um eine Hochzeit (wohingegen eine im Verlauf der Handlung vorkommt), sondern eigentlich ausschließlich um die Haggadah und diejenigen, die mit ihr zu tun hatten. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht eine Kette von Happy Ends ist und teilweise geht Brooks bis an die Schmerzgrenze. Vielleicht ist das der Lesestoff für den herannahenden Winterabend.
Die Hochzeitsgabe bei amazon. In der aktuellen Ausgabe derZeitschrift der Jüdischen Gemeinden Kroatiens findet sich die Geschichte übrigens ausführlich in kroatischer Sprache KNJIGA O EGZODUSU.