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Schrödingers Antizionist

Die Ruhrtriennale ist für 2020 abgesagt. Der Planet hat eine Diskussion beendet, bevor sie so richtig aufkam. War der Fall 2018 sehr offensichtlich, so war es 2020 etwas komplexer gelagert. Als 2018 die schottische Band Young Fathers auftreten sollte, konnte man recht einfach argumentieren. Die Verbindung der Band mit der BDS-Bewegung war offensichtlich. Die Bewegung setzt sich für den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Boykott des Staates Israel ein. Das muss man hervorheben: Des Staates Israel. Nicht der Organe der aktuellen Regierung, es gibt also keinerlei Einschränkung. Die Bewegung stört auch in Deutschland regelmäßig Kulturveranstaltungen mit Bezug zu Israel. 2017 störte die Bewegung eine Zeitzeugen-Begegnung mit einer Schoah-Überlebenden an der Berliner Humboldt-Universität. Die deutsche Politik hat sich größtenteils gegen die Bewegung gestellt; insbesondere der Bundestag hat BDS verurteilt.

Schnell geriet 2018 die Intendantin Stefanie Carp in die Kritik und sie machte bei der ganzen Angelegenheit kein besonders gutes Bild, um hier einen Euphemismus zu verwenden. Allen Beteiligten war klar, dass Stefanie Carp das vielleicht nicht wiederholen sollte. Als Achille Mbembe eingeladen wurde, hatte man schnell Textfragmente von ihm aufgetrieben und eine Unterschrift unter einem Boykottaufruf gegen eine israelische Universität. Das ventilierte etwas und machte sich schnell selbständig. Mbembe habe die Schoah relativiert. Kann man so machen, ist aber am Ende nicht besonders hilfreich. Wäre der Vorwurf der Schoahrelativierung vom Tisch (und er war sehr dünn formuliert), wären die Vorwürfe entkräftet.

Mbembe ist ein recht beliebter und eloquenter Intellektueller mit großer Fanbase. Seine Arbeiten zum Postkolonialismus haben viele bewegt und einige Kommentatoren scheinen richtiggehend verliebt in den Mann zu sein, der an der Pariser Sorbonne promoviert hat – im Fach Geschichte übrigens.

Textschnipsel mit Bezug zu Israel oder BDS im Internet zu finden, war kein geeignetes Mittel, um Achille Mbembes Standpunkt genau zu verorten. Man müsste sich also etwas genauer mit Mbembes Texten auseinandersetzen, um seinen Standpunkt zu verstehen. Die ZEIT hat nun einen Text von ihm veröffentlicht, in dem er auf die »Kritik« reagiert und es lohnt sich, diesen Text zu lesen, denn das erspart uns einen Streifzug durch seine Publikationen.

Mbembes Kompetenzen Die Welt der Philosophen

Man merkt recht schnell, auf welchem Gebiet Mbembes Kompetenzen liegen: Er ist in der Welt der französischsprachigen Philosophen zuhause. Aber wenn man seinen Argumenten sorgfältig folgt, kommt man zu dem Schluss, dass Mbembe ein Problem mit dem Staat Israel hat und irgendwie auch mit dem Judentum. Nur, dass er das so nicht schreiben würde, sondern etwas mäandernd argumentiert. Für unaufmerksame Leser bleibt Schrödingers-Antizionismus. Er ist da und er ist nicht da. Wenn man Mbembe »entlasten« möchte, kann man durchaus Ansatzpunkte dafür finden. Aber das scheint seine Art der Argumentation zu sein. Schauen wir uns das gemeinsam an:

»Die Welt reparieren« ist der Titel des Textes. Das könnte man als Reverenz an das Prinzip des »Tikkun Olam« deuten, insbesondere weil Mbembe einleitend darüber schreibt, wie seine ideale Welt ausschaut:

»… die Hoffnung auf die Herausbildung einer wirklich universellen menschlichen Gemeinschaft, von deren Tisch niemand ausgeschlossen wird.«

(Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44)

Da muss dem empathischen Leser doch das Herz aufgehen. Achille Mbembe weiß, wie er seinen Leserinnen und Lesern das Herz erwärmt. Man könnte das auch als Gemeinplatz betrachten. Aber er hat einen weiteren cleveren Move in der Hand, um die deutsche Leserschaft hinter sich zu bringen. Die Bestätigung, »gut« geworden zu sein, kommt gut an.
Es geht um Deutschland:

»Ob in der nie endenden Arbeit des Erinnerns oder in der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Wiedergutmachung, das Land hat jeder Versuchung widerstanden, den Kampf gegen den Antisemitismus mit fremdenfeindlichen Regungen zu vermischen, und sich so mutig seiner Verantwortung gestellt.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Das ist sind interessante Worte von jemandem, der viel zu Kolonialismus geforscht hat. Man kann vieles sagen, aber nicht, dass Deutschland vorbildlich mit dem Völkermord an den Herero und Nama vorgegangen ist. Oder es ist ihm klar und er unterstreicht, dass Deutschland gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel ein besonderes Verhältnis hat.
In einem Nebensatz wird das vielleicht etwas deutlicher. Er schreibt, er befasse sich nicht mit Israel und der Soziologie seines Staates. Auch nicht mit Israels Recht auf Existenz und Sicherheit. Dann heißt es: »[…] auch nicht damit, wofür es den Holocaust in Anspruch nehmen kann.« Dennoch schließt er den Abschnitt mit »das Existenzrecht Israels ist grundlegend für das Gleichgewicht der Welt.« Ein Satz der sich schön anhört, aber eigentlich nicht viel aussagt. Die Welt ist nicht im Gleichgewicht. Nichts ist derzeit in Ordnung.
Ein beliebter »Trick« fehlt nicht:

»Was viele nicht wissen: Diese Hoffnung auf eine Aussöhnung der Menschlichkeit mit der Gesamtheit alles Lebendigen in einer nahen Zukunft, die doch kaum vorhersehbar ist, ist für mich weitgehend durch bestimmte Traditionen des jüdischen und des afrodiasporischen Denkens inspiriert.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Welche Traditionen das genau sind, verrät er nicht. Aber er sagt irgendwie: Leute, ich beziehe mich auf jüdische Traditionen. Die »jüdischen Freunde« auf die so oft verwiesen wird, lassen grüßen:

»Vielen eiligen Lesern ist die Bedeutung gewisser jüdischer Strömungen des jüdischen Denkens für meine Arbeit nicht bewusst. Sie sehen nicht, wie weitgehend Denkrichtungen. für die Autoren wie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Ernst Bloch Emmanuel Levinas und viele andere stehen, als Grundlage für meine Beziehung zum Holocaust im Besonderen…«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Was genau, außer der Tatsache, dass die genannten das Judentum philosophisch durchleuchtet haben – mit teils unterschiedlichen »Ergebnissen« (Levinas widersprach Hermann Cohen in bestimmten Punkten), seine Grundlage für die Beziehung zum Holocaust gebildet hat, erfahren wir nicht. Aber wir können daraus eine Top-Four der jüdischen Philosophen ableiten.
Wir haben gerade von ihm gelernt, er befasse sich nicht mit Israel. In seinem Artikel wendet er sich nun aber Palästina zu:
»Palästina hingegen nimmt einen wichtigen Platz in meinem Nachdenken über die ,andere Seite der Welt’ ein, das heißt über die kolonialen Formen der Aufteilung der Erde und des Lebens.« Dann folgt ein kurzer Exkurs über die »Herrschaft« über Palästina. Als würde er damit nicht indirekt oder direkt über den Staat Israel sprechen. Palästina diene ihm dazu, über Fragen nachzudenken »was wir mit denen tun sollen, die mit uns oder neben uns leben, mit denen wir aber keine andere Beziehung als eine der Abspaltung haben wollen.« Dieser Vorwurf an die israelische Seite wird hier als Feststellung verkauft.
»Ich bin gegen jede Form von Kolonialismus« schreibt er. Er bezeichnet Israel – und das wird behandelt, als sei das Konsens – als Kolonialstaat bzw. als Kolonialmacht. Teilt man diese Prämisse nicht, hat Mbembe sowieso ein Problem. Man kann und darf sie nicht teilen, denn sie ist gefährlich und zeigt die Unkenntnis der komplexen Geschichte des Landstrichs zwischen dem Toten- und dem Mittelmeer. Juden wird vorgeworfen ihre eigene Heimat zu kolonialisieren. Was wäre die Konsequenz daraus, wenn man diese Form der Kolonialisierung auflösen möchte?
Aber auch hier wieder der Griff in die Trickkiste: Der israelische Kronzeuge. »Wenn aber die Tatsache, dass man den Kolonialismus nicht unterstützt, ein Verbrechen oder ein Beweis für Antisemitismus wäre, dann würden zweifellos viele Israelis selbst diesen Test nicht bestehen.« Es gibt Israelis, die bestimmte Formen der »Besatzung« missbilligen. Aus finanziellen oder moralischen Gründen. Da gibt es zahlreiche Misch- und Zwischenformen. Derzeit liegen mir keine Statistiken darüber vor, wie viele Israelis tatsächlich die Auflösung des Staates heute befürworten.

Gedanken- und Gewissenfreiheit Was ist das deutsche Dogma?

Im letzten Schritt des Artikel bemüht er die Gedanken- und die Gewissensfreiheit. Sie seien Gegenmittel gegen »Tyrannei und Dogmatismus«. In einer liberalen Gesellschaftsordnung habe der »Vorwurf des Abfalls vom Glauben keinen Platz.« Er erinnert an einen Brief von Kant an Moses Mendelssohn, in dem Kant schreibe, das Subjekt, welches eigenverantwortlich denke, urteile und handele, sei keinem Dogma unterworfen. Bevor wir darauf eingehen, was Mbembe als »Dogma« bezeichnet, erinnern wir daran, dass Kant tatsächlich Antisemit war. Zwar hatte er eine gewisse Form der Beziehung zu Mendelssohn, aber das Judentum verachtete Kant. Unter den Juden schien Mendelssohn für ihn eine Ausnahme zu sein. Mbembe wird das wissen.
Das Dogma scheint die Ablehnung von BDS zu sein:
»Für mich gehört die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit Personen und Institutionen, die an der kolonialen Besatzung eines Volkes durch ein anderes Volk beteiligt sind, zur Ausübung von Gewissensfreiheit.« Damit wäre eigentlich alles gesagt: Israel ist ein Kolonialstaat und der Boykott dieses Staates gerechtfertigt.

Aber er legt noch nach: »All jene, die die koloniale Besetzung kritisieren, in trivialer Weise des Antisemitismus zu bezichtigen leistet dem allgemeinen Kampf gegen den Antisemitismus hingegen einen Bärendienst.«

Da die »besetzten Gebiete« Palästinas geographisch nicht eingegrenzt werden, kann er den gesamten Staat Israel meinen, aber auch Bereiche des Westjordanlandes, oder das gesamte Westjordanland, die gesamte Stadt Jerusalem, oder nur den Osten. Da ist er wieder: Schrödingers Antizionismus.

Nehmen wir einen Satz aus »Politik der Feindschaft« hinzu: »wo das Blut das Gesetz macht, in expliziter Anwendung des alten Diktums der Vergeltung, des Aug-um-Auge […]«

Die Auseinandersetzung muss genau so geführt werden! Jemand muss Mbembe auf seinem Feld begegnen und seine Argumente schrittweise zerpflücken und die schützenden Wortwolken, mit denen er sich umgibt, auf harte Fakten reduzieren. Die Unterkomplexität der Auseinandersetzung hat uns bisher nicht weitergebracht. Vielleicht wird auch seinen Fans klar, dass er auf diesem Gebiet gewisse Defizite aufzuweisen hat.

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Der letzte Antisemit

wird wahrscheinlich niemals geboren werden, sagt ein ein alter, ehemaliger Knesset-Abgeordneter, in der Kurzgeschichte Graben von Amos Oz, die in deutscher Sprache unter dem Titel Geschichten aus Tel Ilan, aber im Hebräischen ?????? ???? ???? also etwa Bilder aus dem Dorfleben heißt und damit schon eine Art Statik in der Zusammensetzung dieser Aufnahmen voraus nimmt. Im Rahmen der Ruhrtriennale las Oz selber aus seinem Werk, er zunächst in hebräischer Sprache und ein genialer Samuel Weiss dann in der deutschen Übersetzung. Leider nicht 1:1, sondern Oz riss immer nur ein Kapitel an und Weiss las dann einen ausführlichen Teil vor. Für einige im Publikum war es offenbar zuviel, wie eine Dame hinter mir sagte. Bemerkenswert wenige junge Leute hatten sich eingefunden, um den großen israelischen Schriftsteller zu hören. Juden noch weniger – orthodoxe Diasporagemeinden feierten ohnehin noch Simchat Torah, aber jüdische Feiertage trafen mit vielen Ruhrtriennaleveranstaltungen zusammen, die für jüdisches Publikum interessant gewesen sein könnten (vgl. Der Jüdischen Kultur begegnen).
Bei der anschließenden Diskussion bat der Autor wohlweislich darum, in erster Linie Fragen zum literarischen Werk zu stellen und nicht den Nahostkonflikt in den Mittelpunkt zu stellen, freute sich über den Nobelpreis für Obama, hielt den Zeitpunkt aber für verfrüht. Er sprach auch kurz über Europa und dass Juden Europa schon immer geliebt hätten, aber Europa den ersten richtigen Europäern (den Juden) zu viel angetan hätte und es somit nicht unbedingt eine erwiderte Liebe war oder ist.
Das Publikum hielt sich dann auch brav an die Anweisung und frug nicht die Fragen die man stets hört, wenn ein Israeli (oder auch nur ein Jude) irgendwo Rede und Antwort steht.

Eine der Geschichten aus Geschichten aus Tel Ilan ist im New Yorker erschienen. Die findet man hier.

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Der jüdischen Kultur begegnen

Nicht nur die Ruhrtriennale zeigt ganz gut, dass die Kulturhauptstadt 2010 doch einiges zu bieten hat und dass kulturell einiges passiert. Zwischen Aalto Theater KiJuKuMa Kindertheater und Zeche Zollverein passiert das gesamte Jahr über einiges. Bei der Ruhrtriennale wird aber noch ein Brikett zugelegt. Es wird zahlreiche interessante Veranstaltungen geben. Es wird auch einen Programmpunkt geben, der sich mit dem beschäftigt, was man gemeinhin für jüdische Kultur hält. Ein Kinderfest. Zum Weltkindertag wird es ein Kinderfest mit dem Titel Paradiese / Gan-Eydns geben. Was jüdische Kultur ist, kann man dem Programm entnehmen:

Lernt jiddische Lieder und Tänze, gestaltet Kunstwerke oder bereitet ein jüdisches Gericht zu. von hier

Zudem wird die Kinderoper Brundibr von Hans Krsa aufgeführt und den Kindern gezeigt, was man mit den Schauspielern aus der Uraufführung der Fassung für das Konzentrationslager Theresienstadt gemacht hat. Die tatsächliche Uraufführung fand im Jahre 1941 in einem jüdischen Kinderheim in Prag statt.
Mirjam Pressler wird aus ihrem Büchern lesen.
Den gesamten Respekt vor jüdischer Kultur, praktisch als Verbeugung vor dem Judentum, hat man dann durch die Wahl des Termins gezeigt. Den 20. September – den zweiten Tag von Rosch haSchanah. So erspart man sich wenigstens den Besuch einiger Jüdinnen und Juden, die sich mit ihrer Kultur tatsächlich auseinandersetzen. Gerne hätte ich auch ein Statement der Organisatoren gebracht, doch leider scheinen Mailanfragen nicht beantwortet zu werden. Bereits vor einigen Wochen frug ich nach…