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Deutschsprachige Jüdische Blogs — Super Projekte und schlechte Nachrichten

Beginnen wir mit Wien! Sarah Egger, die von Wien aus über jüdisches bloggt und damit die extrem übersichtliche deutschsprachige jüdische Blogosphäre (verwendet man das Wort überhaupt noch?) aus Österreich verstärkt, hat beschlossen, dass man mehr jüdischen Kitsch kaufen können darf. Aus der besten Motivation, die man sich denken kann – nein nicht Geld – sie fand selber nichts »in der Nähe«.
Damit möchte sie lokal loslegen, aber ich denke, wenn sie Unterstützung erfährt und zahlreiche Kunden findet, kann man dazu zwingen, auch ins deutschsprachige Ausland (Deutschland) zu expandieren. Wer also mehr über ihr Projekt lernen will, besuche einfach ihren Blogbeitrag dazu, oder direkt die Website schmonzelachuntinef.com – so wird der Shop nämlich heißen. Ach so: Über startnext kann man die Gründung unterstützen.

Die Siedlerin Leider war es das

Die Siedlerin, auch sie hat in deutscher Sprache gebloggt und sich kein einfaches Thema gewählt, denn sie berichtete aus dem Alltag einer Siedlerin. Erstmals konnte man also eine Person dabei begleiten, wie sie ihr Leben in einer Siedlung meistert. Erfreulicherweise hatte sie ein großes Publikum und konnte anscheinend auch damit umgehen. Es gibt ein paar Leute, die mit viel Aufmerksamkeit nicht umgehen können und abheben. Hier war das erfreulicherweise nicht der Fall. Aber an der Vergangenheitsform merkt man es schon: Sie hat ihre Blogtätigkeiten eingestellt (siehe hier) und kümmert sich um anderes.

Ein Podacast zur Mischna Für unterwegs

Igor Itkin hat die Fäden in der Hand, wenn es um die Digitalisierung der deutschen Übersetzung der Mischne Tora auf talmud.de geht. Hat die Ergebnisse redigiert und sich darum bemüht, fehlende Teile hinzuzufügen. Ein Mammutprojekt. Zusätzlich hat er in der vergangenen Woche einen Podcast gestartet, in dem er die Mischna liest und erläutert. Mischna Jomi zum mitnehmen. Das ist auch für diejenigen interessant, die in das Thema erst einsteigen. Jeden Tag ein Teil. Die Folgen findet man hier tora.podigee.io oder hier. Igor hat übrigens eine gute Radiostimme.

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Das Jüdische Museum Wien online sehen!

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien online

Das Jüdische Museum Wien kann man nun auch online anschauen und sich durch Exponate klicken, sie nahezu beliebig vergrößern und sich sehr genau anschauen – wie etwa diesen Vorhang eines Aron haKodesch:

Toravorhang des Diskin Waisenhauses

Toravorhang des Diskin Waisenhauses


Einigen Objekten kommt man so vielleicht näher als bei einem realen Besuch und kann sich jedes Detail anschauen. Das ist bei Kultgegenständen oder Kunst besonders interessant. Dennoch will man natürlich all diese Dinge auch einmal in Wirklichkeit sehen (ich jedenfalls).

Man kann sich das alles jedoch auch alles in Form eines Rundganges anschauen und sich mit ausführlichen Informationen versorgen lassen und sich so ein umfassendes Bild machen und das führt mitunter auch zu Exponaten, die man sich vielleicht nicht direkt angeschaut hätte.
Eines meiner persönlichen Highlights ist deshalb die Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« : »Eine Anleitung zur jüdischen Selbstfindung und zum Engagement im politisch-jüdischen Dschungel Wiens« wie es im Begleittext heißt:

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde«  – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien

Identitätsfindung in der »Freien Gemeinde« – »Ausschnitt« aus einem Exponat des Jüdischen Museums Wien


Man muss wohl dem Jüdischen Museum Wien und google (für die technische) Umsetzung und die tollen Einblicke danken.

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Zeitgleich gewarnt

Was genau passiert ist, kann man nicht sagen. Aber am gleichen Tag warnen die offiziellen Gesichter des Judentums in Deutschland und Österreich vor einem importierten Antisemitismus durch Flüchtlinge. Oskar Deutsch und Ariel Muzicant unterrichteten heute die österreichischen Journalisten darüber. Die Presse berichtet beispielsweise darüber – siehe hier:

Um eine Gesellschaft zu schützen, muss man das schwächste Glied schützen – das sind die Juden.
von hier – Die Presse

In Österreich werden Obergrenzen diskutiert und indirekt auch gefordert. In Deutschland geht zur gleichen Stunde ähnliches durch die Presse. Zentralratsvorsitzender Dr. Josef Schuster überlegt laut, ob das Land alle Flüchtlinge auch integrieren kann (siehe etwa hieroder das originale Interview hier in der Welt) – insbesondere wenn sie aus Staaten kommen, in denen sie antisemitisch und antizionistisch erzogen worden sind.

Spulen wir mal zurück: 2014 gab es zahlreiche Ausschreitungen gegen Juden. Die meisten gingen tatsächlich wohl von Jugendlichen aus, deren Eltern aus dem Nahen Osten oder auch aus der Türkei kamen. Triebfeder war irgendeine kranke Art der Jugendkultur. Das war oder ist eine Kultur von Jugendlichen die in Deutschland sozialisiert wurden. Das offenbarte, dass der Staat eine Entwicklung verschlafen hat. Gesellschaftlichen Rückhalt konnte man nicht verlangen. Den gab es einfach nicht. Die wenigen Demonstrationen gegen Antisemitismus kamen nicht gerade aus der Mitte der Gesellschaft.

Und jetzt: Wir wissen nicht, wie antisemitisch die Flüchtlinge tatsächlich sind. Man kann davon ausgehen, dass Flüchtlinge in Deutschland zunächst einmal andere Probleme haben, als ein paar Juden zu suchen.
Und wie sollten sie auf dumme Ideen kommen?
Die Gesellschaft lebt ihnen doch vor, wie man vorbildlich mit Juden und anderen Minderheiten zusammenlebt. Wartet mal… oh…

Zum Thema Antisemitismus und Flüchtlinge siehe auch hier

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Der Ruf nach jüdischen Opfern – Graz

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Die Synagoge in Graz von Willard (Diskussion) (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

Man kann es ganz kurz zusammenfassen:
Es gibt Menschen, die wollen einfach, dass Juden Opfer sind. Ob es sie erregt, wenn Juden Opfer eines Verbrechens werden, vermag ich nicht zu sagen. Man muss aber keine Übergriffe zusammenreimen, wo keine stattfinden. Es gibt eigentlich schon genug davon.
Die Obsession dass »Juden vielleicht beteiligt« sein könnten, spricht nicht von einer besonderen Liebe, sondern eher dafür, dass man Juden ausschließlich als Opfer sehen will. Klar, wen man dann als Täter sehen will – da schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.
Zuletzt Graz.
Ein Amokfahrer hat drei Menschen getötet. Nur wenige Stunden später hatten einige besonders kluge Menschen herausgefunden, dass der Amokfahrer wohl an der Synagoge vorbeigefahren (!) ist. Eine der Brücken, die über den Fluss Mur führt, liegt in der Nähe der Synagoge – eigentlich direkt gegenüber. Zwischen Synagoge und Fluss bzw. Brücke liegt eine Straße. Von der Straße her sieht man die Ostseite der Synagoge. Also die Rückseite. Das Gebäude (architektonisch nicht der größte Glücksgriff) ist umzäunt. Wenn man in den Innenstadtbereich fahren will, müsste man über diese Brücke.
Der Attentäter hatte etwa 100 Meter von dort entfernt, ein Paar mit einem Messer attackiert.
Die Facebook-Schreiber (und davon gab es leider mehr als einen) und Zeitungs-Website-Kommentarschreiber sind aber, weil sie Wahrheit hinter all den Fakten herauslesen können, vielfach der Meinung, hier handele es sich um ein vertuschtes antisemitisches Attentat.
Der Mann habe seine Fahrt fortgesetzt, nachdem er »keine weiteren Juden« finden konnte.
Davon, dass die attackierte Frau ein Kopftuch trug und Muslima war, erzählen uns die Facebook-Bescheidwisser nichts. Auch nicht davon, dass der Mann, der wohl in Bosnien geboren wurde, sich von »Türken« verfolgt fühlte.
Ich weiß nicht, ob die entsprechenden Experten »enttäuscht« darüber sein werden, dass dieses Attentat mal nicht einer jüdischen Einrichtung galt, aber der Fall in Graz birgt schon ausreichend Grund, sich bestürzt zu zeigen. Das kann man einfach mal sein, ohne so eine Sache zu instrumentalisieren.

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Wer soll zahlen?

Die kleine Jüdische Gemeinde von Innsbruck musste jüngst umbauen und ein neues Sicherheitskonzept umsetzen.
Hintergrund ist, dass man (also das Land) sich die »Rund-um-die-Uhr-Bewachung« der Synagoge gerne sparen würde. Das Konzept sah vor, dass man Fenster nicht mehr öffnen kann. Zusätzlich wurde eine schusssichere Metallfassade angebracht. Und weil das für Räume mit Publikumsverkehr irgendwie unpraktisch ist, musste ein neues Belüftungssystem her. 175.000 Euro soll der Umbau gekostet haben (Quelle: Tiroler Tageszeitung).
Vorfinanziert wurden die Maßnahmen durch die Landesgedächtnisstiftung.
Die Gemeinde ging davon aus, dass das Land – welches ja laufende Kosten einsparen wollte und deshalb die Maßnahmen anordnete, sich auch an den Kosten beteiligen würde. Dem scheint nicht so zu sein und nun hat die Gemeinde ein massives Problem. Offenbar eines, welches sie ohne die Order zur Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen nicht gehabt hätte.
Wer zahlt also die Kosten für den Schutz der Synagoge?
Die Allgemeinheit? Die Jüdische Gemeinde? Wohl eher die Behörden, die auch sonst andere Bürger schützen sollten. Wenn es eine Bedrohungslage innerhalb einer Gesellschaft gibt, ist da nicht Aufgabe dieser Gesellschaft, die Bedrohten zu schützen?

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Mehr Juden nach Wien!

Der Stadttempel von Wien. Foto von Gryffindor (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Der Stadttempel von Wien.
Foto von Gryffindor (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Einwanderung in eine funktionierende jüdische Infrastruktur gefällig?
Wien scheint den allgemeinen Trend des Mitgliederschwunds aktiv abwenden zu wollen.
Offensichtlich gibt es ein Programm der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, mehr Gemeindemitglieder aus dem Ausland zu gewinnen. Jedenfalls kann man dies einem Interview mit Oskar Deutsch (dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde), Ronald Lauder mit dem österreichischen Heute entnehmen. Tatsächlich scheinen auch schon ein paar Juden aus Deutschland und Österreich gekommen zu sein:

„Heute“: Herr Deutsch, Sie wollten jüdische Einwanderung forcieren. Haben Sie die Pläne verworfen?
Deutsch: 2014 wanderten rund 100 Juden ein, die meisten aus Deutschland und Ungarn.
[…]
10.000 in zehn bis 15 Jahren sind nach wie vor ein Ziel. Unsere kleine Gemeinde (rund 8.000 Mitglieder, Anm,) braucht Zuzug um zu überleben. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass 1938 mehr als 200.000 Juden in Österreich gelebt haben.
von hier

Beim Wort genommen!
Ein Problem scheint zu sein, dass die Werbung für dieses Unternehmen eher im Verborgenen ablaufen muss, denn bisher konnte ich auf den Internetseiten der Gemeinde keinen Hinweis dazu finden. Wien wäre nicht die unattraktivste Stadt in Europa.

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Gut gemeint – mehr nicht

Ein Kommentator schrieb einst hier Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint. Ähnliches fällt der Israelititschen Kultusgemeinde Wien wohl auch zu einer Plakataktion in Wien ein:

Es gibt den G-tt des Tanach. Und es gibt Jesus Christus. Letzterer ist für gesetzestreue Juden nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Aber was soll's - Wahrheit ist Wahrheit, so oder so. - Agentur Lowe GGK

Wie Die Presse berichtet, ist die Kultusgemeinde nicht sehr begeistert über die Plakataktion der Aktion Mensch Österreich (ist offenbar keine Sektion der Organisation in Deutschland). Das Motiv stammt von Walther Salvenmoser von der Agentur Lowe GGK. Kleiner Tipp: Die Schrift hätte besser rechtsbündig gesetzt werden sollen ist ja Hebräisch.

Im Wiener Stadtbereich sollen die Plakate für Toleranz werben und wohl eigentlich sagen, dass es in der Religion keine absolute Wahrheit geben soll. Hätte man das in der deutscher Sprache plakatiert, wäre es wohl niemandem aufgefallen. Die hebräische Plakatierung könnte jedoch den Verdacht nahelegen, dass Juden (Israelis?) die eigentliche Zielgruppe sein sollen.
Wenn es als Kunst ist/war, dann dürfte sie ihren Zweck erfüllt haben. Man spricht über etwas, ein Diskurs ist da. Aber irgendwie bleibt es seltsam.

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Kleine Notiz aus Österreich

Die Kleine Zeitung, die den österreichischen Bundesländern Steiermark, Kärnten und Osttirol erscheint, berichtete am 13. Juni 2011 über eine Aktion in Villach (hier – Juden passten nicht zur Landschaft). In dieser wurde daran erinnert, dass der dortige Alpenverein bereits 1920 einen Arierparagraphen forderte. Diesem wurde stattgegeben und so wurde Juden der Eintritt in die Schutzhütte auf dem Dobratsch untersagt. Dort stand (laut Zeitungsbericht):

Juden und Hunden ist der Zutritt verboten

Das ist zunächst ein interessantes Zeugnis über den grassierenden Antisemitismus in der Zeit vor 1933 und den Umgang heute damit.
Interessant sind aber die Leserkommentare:

Screenshot Kleine Zeitung

Dort fordert ein Leser, das oben zitierte Schild heute vor Banken aufzustellen. In Deutschland stünde der Kommentar dort vermutlich nicht sehr lange. Hier dokumentiert er, dass sich die Zeiten ändern, aber die Mentalität der Menschen nicht in allen Fällen. Kleine Notiz also.

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Purimspil in Linz

Flyer zum Purimspil

Flyer zum Purimspil


Wer mich etwas näher kennt weiß, dass ich gewisse Vorbehalte gegenüber den Bewohnern der österreichischen Republik habe, weil mir bei mehreren Wienaufenthalten (und einem in Graz) mehr als einmal mitgeteilt wurde, dass Fremde eigentlich nicht nach Österreich gehörten. Natürlich traf das nicht auf alle Österreicher zu, die kennenlernen durfte. Unter diese Kategorie der Fremden fielen natürlich auch Juden. Dabei war Wien einmal Hauptstadt eines unglaublich multiethnischen Staates und ist eine sehr schöne Stadt und der Stadttempel ist beeindruckend. Außerdem blättere ich gerne in der PRESSE und dem STANDARD. Die seltsamen Wahlergebnisse dagegen trugen zu den Vorbehalten bei.
Nun trägt die Kulturhauptstadt Linz 2009 dazu bei, dass ich Interesse daran habe, nach Linz zu reisen. Hier wird seit gestern (Schuschan Purim) das Purimspil von David Maayan aufgeführt. Hier wird Purim mit der jüngeren Geschichte zusammengeführt:

David Maayan entwickelt aus den Geschichten der PerformerInnen selbst eine künstlerische Realität für sie und das Publikum. Die stets gegenwärtige Vergangenheit des Ortes spielt eine wesentliche Rolle, wie auch der Umstand, dass sie eine Weinkellerei beherbergt. Unterschwellig schwingt während der gesamten Performance die Ungewissheit mit, was in diesem Stollensystem tatsächlich geschehen ist. Diese Frage schwebt ständig im Raum. In Gruppen aufgeteilt, erkundet das Publikum im ersten Teil die Geschichte des jeweiligen Schauspielers, streift durch die unterirdischen Gänge, taucht ein in eine alternative Realität.
In jeder der Geschichten stellen die Stollen eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit in Zeit und Raum dar. Das Publikum trifft auf Personen, die dort leben, als ob der Krieg nie aufgehört hätte. Im zweiten Teil wird das Publikum zusammengeführt und erlebt hautnah die Purimtradition, das Feiern der Rettung der persischen Juden. Die biblische Geschichte wird traditionsgemäß nacherzählt und zum Mitfeiern sind alle herzlich geladen! von hier

Die Art der Aufführung wird sicherlich nicht zum ersten Mal gewählt, aber das Gesamtprojekt klingt doch interessant und herausfordernd, gerade das Purimspiel eignet sich ja für das Spiel mit Verfremdung und Tausch von Identitäten.
Vielleicht doch ein Grund nach Linz zu reisen…