Artikel

Rabbiner Dr. Henry Brandt

Rabbiner Dr. Henry Brandt, Bild: Ilse Paul in Hannover, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

2004 nahm Rabbiner Henry Brandt Abschied von seiner Stelle als Landesrabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. Die Synagoge von Dortmund war, jedenfalls in meiner Erinnerung, voll besetzt. In seinen Ansprache nach der Torahlesung, einer Mischung aus Draschah und Abschiedsrede, sprach er viel von Türen die sich schließen würden und in seinem Alter, damals war er 76, würden sich nicht mehr viele Türen neu öffnen und er sah zurück auf eine bewegte Zeit bis dahin:

Er wurde in München geboren. 1939 musste die Familie des elfjährigen Heinz Georg (später Henry) nach Tel Aviv emigrieren. 1947 meldete sich Hanan (vorher Heinz) zur Marine-Einheit des Palmach – genannt Palmjam – und wurde Leutnant. Später würde er sagen, er habe sich für die Marine gemeldet, weil er sein Bett bei sich haben wollte. So kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Dann ein Schnitt. 1951 ging er nach Belfast und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach seinem Abschluss ging er in die Industrie. 1957, im Alter von 30 Jahren, schlug er eine Beförderung in den Wind und entschied sich für ein Studium am Leo-Beck-College. Er erzählte einmal, dass ihm damals gar nicht bewusst war, dass das College damals vollständig neu eröffnet worden war und er zum ersten Abschlussjahr gehören würde.

Sein Weg führte ihn dann nicht nach Deutschland – warum auch? Er blieb in Großbritannien und wurde Rabbiner in Leeds. In den deutschsprachigen Raum kam er 1971. Bis 1978 war er Rabbiner in Genf und gründete anschließend »Or Chadasch« in Zürich mit. Später wechselte er nach Göteborg. 1983 wurde er Rabbiner in Hannover. Damals war das Thema »liberal« versus »orthodox« noch nicht sonderlich präsent und so gab es auch nur eine gemeinsame Rabbinerkonferenz – wenngleich es während seiner Zeit in Hannover in der dortigen Synagoge durchaus zu hitzigen Diskussionen gekommen sein soll. Das dürfte dann die Zeit des Umbruchs gewesen sein. Das Wachstum der Gemeinden sorgte auch für eine interessante Mischung in den verschiedenen Rabbinaten des Landes.
1995 kam er dann als Landesrabbiner nach Dortmund.

Dass nach der Zeit in Dortmund nur noch der Ruhestand folgen sollte, war natürlich »Understatement«, denn er wurde anschließend noch Rabbiner von Augsburg und pendelte zwischendurch zur Jüdischen Gemeinde Bielefeld. Als wir, kurz vor den Hohen Feiertagen, telefonisch miteinander sprachen, verabredeten wir uns für eine persönliche Begegnung »direkt nach der Pandemie«. Ich schlug ihm vor, ein Podcast anzugehen. Im Laufe der Zeit hatte er einen großen Vorrat an Draschot angesammelt und sicher sei es, gerade heute, interessant, (auf) seine Stimme zu hören. Eine Stimme, die sich nicht unbedingt festlegt auf (oder für) eine bestimmte jüdische Strömung. Ich wollte die Idee noch mit jemand anderem besprechen, aber wie das manchmal so ist: Die Zeit fliegt und die Idee blieb eine Idee.

Einige Einschätzungen von Ereignissen und Personen haben wir geteilt – miteinander – nicht mit Dritten. Im Hinblick auf das Judentum haben wir die Idee geteilt, dass die Auseinandersetzung mit Inhalten und deren Diskussion ein wichtiger Faktor für tatsächliches jüdisches Leben seien. Über die Ausführung waren wir vermutlich unterschiedlicher Meinung – das war aber nie ein Thema.
Unbezahlbar der Blick, als ich ihm einmal ein »Sefer Rasiel« mitbrachte.

Nun hat sich die letzte Tür tatsächlich für immer hinter ihm geschlossen.
Rabbiner Henry Brandt starb am 7. Februar 2022 im Alter von 94 Jahren.
Möge seine Erinnerung ein Segen sein.

Artikel

Miriam Magall – seligen Angedenkens

Wer Alfred Kolatchs »Jüdische Welt verstehen«, Rabbiner Me’ir Laus Werk »Wie Juden leben: Glaube – Alltag – Feste«, oder »Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel« in deutscher Sprache gelesen hat, der hat eine Übersetzung von Miriam Magall gelesen. Das dürften nicht wenige Leser gewesen sein. Sie hat es also durchaus zu Prominenz gebracht.

Aber nicht nur Übersetzerin war sie – sie hat auch eine Reihe von eigenen Bücher geschrieben. »Kindheit in Ägypten«, »Internationale Jüdische Festmahlzeiten« oder unter dem Pseudonym Rachel Kochawi »Das Brot der Armut. Die Geschichte eines versteckten jüdischen Kindes«. Die Geschichte dieses Buches war ihre Geschichte, denn sie (geboren im Dezember 1942) wuchs in der Nähe von Goslar als ein solches »verstecktes« Kind auf. Ihre Mutter Zelda, die aus Warschau kam, starb kurz nach der Geburt und ihr Vater wurde wenig später von den Nazis umgebracht. Eine Angestellte ihrer Eltern nahm sie bei sich als eigene Tochter auf und zog sie auf. Als Miriam 16 wurde, erfuhr sie, dass sie nicht die leibliche Tochter der Frau war, die bis dahin ihre »Mutter« gewesen ist. Zu diesem Zeitpunkt war Miriam allerdings schon weg von »zuhause«. Ihr »jüdisches Erbe« hatte sie sich selber erschlossen und erarbeitet. Der Weg, den sie dabei ging, war dabei keineswegs geradlinig.

Ihre erste Station war Genf, dann England. In Heidelberg und Saarbrücken ließ sie sich zur Übersetzerin ausbilden. 1969 nahm sie von Neapel aus ein Schiff nach Haifa und lebte dann in Tel Aviv. Dort arbeitete sie als Konferenzdolmetscherin. 1988 trennte sie sich von ihrem Mann und kam mit ihrem Sohn, nahezu mittellos, nach Deutschland zurück. Ging zunächst nach Heidelberg, war dort auch Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Dort studierte sie dann auch. Dieses Mal an der Hochschule für Jüdische Studien, sowie Germanistik und Kunstgeschichte.

2002 zog sie dann mit ihrem Sohn nach München und engagierte sich dort ebenfalls in der Gemeinde, arbeitete aber auch verstärkt an eigenen literarischen Werken. Ab 2010 tat sie das von Berlin aus. Hier schuf sie eine Übersetzung des Siddurs (der in diesen Tagen erscheint) – mit dieser Übersetzung wird ihr Name wohl für lange Zeit verknüpft bleiben.

Am 17. August 2017 starb Miriam Magall (זיכרונה לברכה) in Berlin an den Folgen einer Operation.
Möge die Erinnerung an sie ein Segen sein.

Meine »Begegnung« mit ihr war eher anekdotischer Natur und hing zusammen mit einer Reihe von satirischen Geschichten für die Jüdische Allgemeine.