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Online-Minjan revisited

Corona hat zu ziemlich strikten Maßnahmen geführt und auch ohne staatliche Intervention haben viele Menschen verstanden, dass social distancing dazu führen könnte, Menschen vor dem Virus zu schützen. Verantwortungsvolle jüdische Gemeinden haben ohne Druck von außen schnell entschieden, nicht unbedingt ein gemeinsames Gebet anzubieten. Schnell gab es wieder die Frage nach Online-Minjanim. Wäre das keine Alternative?

Würde das also funktionieren? Also über eine Videokonferenz zu beten und einen Minjan zu bilden? Natürlich nicht am Schabbat, das würde ganz andere Probleme aufwerfen.
Die Frage ist leider nicht so leicht zu beantworten. Die Quellenlage ist dünn. Zwar findet man einige Hinweise, aber nichts konkretes.
Rabbi Shraga Simmons von Aish haTorah lehnte es komplett ab, schreibt aber nicht aus welchem Grund.
Ein Minjan wird eben nicht nur aus zehn Personen gebildet, sondern erfordert auch einige andere äußere Einflüsse. So müssten die einzelnen Personen sich im gleichen Raum aufhalten, oder wie Maimonides in den Hilchot Teffilah schreibt, können sie sich in angrenzenden Räumen aufhalten, wenn sie sich in Hörweite befinden.
Der Schulchan Aruch bestimmt (Orach Chajim 55) dagegen, dass die Minjanmenschen sich im gleichen Raum aufhalten müssten. Dort heißt es aber auch, dass eine Person auf der anderen Seite eines Fensters mitgezählt werden dürfe. Später wurde gesagt, man müsste sich sehen (Mischnah Berurah).

Eine gewisse räumliche und physische Nähe scheint also erforderlich zu sein. Die Größe des Raums scheint dabei übrigens keine Rolle zu spielen. Die Gemarah von Sukkah 51b erzählt von einer Synagoge in Alexandria, die so groß gewesen sei, dass denjenigen, die hinten saßen, per Fahne angezeigt bekommen mussten, wann man Amen sprechen musste.
Physische Nähe muss aber dennoch gegeben sein. Jetzt wäre die Frage, ob die elektronische Repräsentation meiner Person, gleichbedeutend mit meiner physischen Anwesenheit (wo überhaupt?), praktisch wie eine Person am Fenster ist. Dies würde jedoch bedeuten, dass sich zumindest ein Teil der Gruppe irgendwo gemeinsam in Mehrzahl befinden müsste. Mein elektronischer Repräsentant ist aber nicht ein Blick durch das Fenster, denn das wäre ja eine überwindbare physische Hürde (um das Haus herumgehen, Tür auf, hinein). Der elektronische Repräsentant kann auch nicht zur Torah aufgerufen werden.

Was nun aber geht Vieles ist möglich!

So smart die Idee eines virtuellen Minjans also ist, es scheint kein Minjan zu sein.
Das bedeutet aber nicht, dass man nicht gemeinsam beten könnte! Rabbiner Zsolt Balla von der jüdischen Gemeinde Leipzig hat am 16. März 2020 damit begonnen, Gebete zu streamen und so für etwas mehr Gemeinschaft gesorgt (hier müsste der Stream erreichbar sein – zur passenden Uhrzeit). Im Augenblick ist es wichtig, den Anschluss an die Gemeinschaft nicht zu verlieren. Man kann nur alle, denen es möglich ist, dazu aufrufen, ein solches Angebot zu schaffen, oder zu unterstützen.

Update!

Die Website kipa.co.il meldete, dass es einen interessanten Kompromiss gäbe. Rabbiner Benjamin (Benni) Lau hätte Rabbiner Elieser Melamed (Autor von Peninei Halakha und Oberhaupt der nationalreligiösen Jeschiwah Har Bracha) vor einem Gebet via »Zoom« (siehe unten auf dieser Seite) zu Regelungen diesbezüglich gefragt. Die Antwort bleibt in Grundzügen die gleiche, aber (!) es gibt ein paar Neuigkeiten: Für Kaddisch Jatom und Kaddisch DeRabban reiche der elektronische Minjan aus. Barechu zu sagen, sei auch in Ordnung. Benni Lau wird im Artikel mit dem Hinweis darauf zitiert, dass der Verzicht auf das tägliche Sprechen des Trauerkaddischs tatsächlich einen intimen Punkt treffe.
Zum Artikel bei kipa.co.il

Womit? Eine Miniliste

Einige Dienste und Werkzeuge sind bekannt, aber nicht die beste Wahl für Streaming oder »Konferenzen«.

  • Skype dürfte das bekannteste Werkzeug zur virtuellen Begegnung sein. Man kann auch in Gruppen miteinander reden. Skype ist für die meisten Geräte verfügbar.
  • Google Hangouts ist ähnlich zu Skype, erlaubt aber das Versenden eines Links zu einem Gruppengespräch. Man müsste also nicht alle Teilnehmer manuell hinzufügen. Hangouts läuft auch über den Browser ohne zusätzliche Software. Auf Smartphones mit Apps von Google. Man benötigt übrigens ein Googlekonto.
  • Zoom wird derzeit häufig verwendet. Zoom kann in einer Gratisversion bis zu 100 Personen »hosten«, Konferenzfunktionen anbieten und Gespräche auch durch einen Moderator steuern lassen. Hier wird aber temporär auf Rechnern eine Software installiert. Für Smartphones gibt es Apps.
  • WhatsApp erlaubt auch Gruppengespräche, allerdings nur für maximal vier (!) Teilnehmer. Das dürfte in den meisten Fällen nicht ausreichen.

Auch wenn also ein Minjan nicht möglich ist, so gibt es ohne großen Aufwand möglich, sich online zu treffen, miteinander zu beten oder zu lernen.

2011 erschien bereits ein Beitrag zum Online-Minjan im Zusammenhang mit google-plus. Dieses soziale Netzwerk gibt es mittlerweile nicht mehrder Kern ist natürlich noch aktuell. Deshalb heißt dieser Artikel »revisited«…

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Der Minjan

Synagogue in Selm-Bork Vielleicht hat man das schon einmal gehört? Es soll angeblich Synagogen mit Problemen geben, einen Minjan zu bilden? Man hört dann vielleicht, dass die Bildung eines Minjans die Gemeinde vor ein Problem stelle.

Brauchen wir wirklich zehn Leute für einen Minjan? Ist die Regelung, für deren Problem mit kleinen Gemeinden eine Lösung gesucht wird, wirklich ein Problem oder nicht viel eher eine Entlastung? In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen bin ich ein paar Fragestellungen nachgegangen. Der Volltext ist hier zu finden.

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Online-Minjan?

google plus ist der neue Facebook-Verfolger und euphorisiert viele Nutzer. Auch weil man nun zwischen den Freunden unterscheiden kann: Familie, Bekannte, Freunde-Freunde. Nicht alle können alles mitlesen und man muss nicht zwangsläufig mit jemanden befreundet sein, um seine öffentlichen Meldungen verfolgen zu können. Wer mehr darüber erfahren will, kann irgendeinen Menschen fragen, der Zugang hat. Der wird begeistert berichten.

Ein großes Feature ist Hangout. Ein Video-(Konferenz-)Chat für bis zu (und jetzt wird es interessant) 10 Teilnehmer. Minjan also? Die Frage ist leider nicht so leicht zu beantworten. Die Quellenlage ist dünn. Zwar findet man einige Hinweise, aber nichts konkretes. Rabbi Shraga Simmons von Aish haTorah lehnt es (hier) komplett ab, schreibt aber nicht aus welchem Grund. Ein Minjan wird eben nicht nur aus zehn Personen gebildet, sondern erfordert auch einige andere äußere Einflüsse. So müssten die einzelnen Personen sich im gleichen Raum aufhalten, oder wie Maimonides in den Hilchot Teffilah schreibt, können sie sich in angrenzenden Räumen aufhalten, wenn sie sich in Hörweite befinden. Der Schulchan Aruch bestimmt (Orach Chajim 55) dagegen, dass die Minjanmenschen sich im gleichen Raum aufhalten müssten. Dort heißt es aber auch, dass eine Person auf der anderen Seite eines Fensters mitgezählt werden dürfe. Später wurde gesagt, man müsste sich sehen (Mischnah Berurah?).

Eine gewisse räumliche und physische Nähe scheint also erforderlich zu sein. Die Größe des Raums scheint dabei übrigens keine Rolle zu spielen. Die Gemarah von Sukkah 51b erzählt von einer Synagoge in Alexandria, die so groß gewesen sei, dass denjenigen, die hinten saßen, per Fahne angezeigt bekommen mussten, wann man Amen sprechen musste. Physische Nähe muss aber dennoch gegeben sein. Jetzt wäre die Frage, ob die elektronische Repräsentation meiner Person, gleichbedeutend mit meiner physischen Anwesenheit (wo überhaupt?), praktisch wie eine Person am Fenster ist. Dies würde jedoch bedeuten, dass sich zumindest ein Teil der Gruppe irgendwo gemeinsam in Mehrzahl befinden müsste. Mein elektronischer Repräsentant ist aber nicht ein Blick durch das Fenster, denn das wäre ja eine überwindbare physische Hürde (um das Haus herumgehen, Tür auf, hinein). Der elektronische Repräsentant kann auch nicht zur Torah aufgerufen werden.

So smart die Idee eines virtuellen Minjans also ist, es scheint kein Minjan zu sein. Ob man von einem bereits vorhandenem Minjan profitieren kann, steht auf einem anderen Blatt. Im Ruhrgebiet wäre es eine gute Ergänzung gewesen, hier gibt es momentan nur zweimal die Woche Wochentagsschacharit (in Dortmund), allerdings zu einer sehr arbeitnehmerfeindlichen Zeit: um 10 Uhr.
Also muss man Hangout dazu verwenden, sich zu einem anfassbaren (echten) Minjan zu verabreden– mit neun anderen. Das dürfte zumindest funktionieren.

Übrigens: Ich bin hier bei google plus zu finden.

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Was für ein Minjan…


Torah 3
Originally uploaded by JE-V.

Im letzten Monat gab es in der Synagoge ein interssantes Gespräch zum Minjan und wir fragten uns, was wohl der Palästinensische Minjan sei, von dem immer wieder geredet worden ist. Die Antwort war leicht, aber alles andere was ich erfahren habe sehr interessant. Zunächst: Ein Palästinensischer Minjan ist keine Ansammlung von Juden die statt eines Tallits eine Kefijah tragen…
Der Palästinensische Minjan ist offenbar der Minhag den es Land Israel gab, bei weniger als 10 Personen einen Minjan zu haben. Ausreichend waren wohl sieben oder auch sechs Personen. Wie man sieht, kurze Antwort auf die Frage. Interessant ist es jedoch, zu beobachten, wie die Weisen sich immer versucht haben, dieses Konstrukt Minjan immer wieder zu redefinieren. Offenbar gab es zu jeder Zeit und an fast jedem Ort das Phänomen der wenigen Synagogenbesucher. Viele deutsche Gemeinden haben heute das Problem nicht mehr; einige kleine Gemeinden jedoch schon.
Hier also mein kleiner Exkurs in die Geschichte der Minjanrezeption:
Der Minjan definiert im rechtlichen (halachischen) Sinne zunächst einmal Öffentlichkeit” (Zibur von zabar [sich vereinigen] Bereschit 41:35) im Gegensatz zum Einzelnen (jachid). Eben durch den Minjan wird die Öffentlichkeit definiert. Der Talmud leitet diese Zahl über das Wort Edah” ab, das an mehreren
Stellen des Tanach im Zusammenhang mit 10 Personen genannt wird.
Interessanterweise definiert die Mischnah eine Große Stadt” als eine, in der 10 Mann den täglichen G-ttesdienst besuchen können; dazu war es ja erforderlich, dass man seine Geschäfte unterbrach (Mischnah Megillah 1:6). Es war also schon in einem Land schwierig einen Minjan zu bilden, in dem die jüdische Siedlungsdichte eher als hoch zu bewerten ist. Die Situation im Galut heute ist heute selbstverständlich wesentlich verschärft.
Neben der Regelung, die sich heute bei traditionellen Gemeinden durchgesetzt hat, dass 10 Erwachsene einen Minjan formen, ist es aber scheinbar durchaus zulässig, dass ein Minjan weniger als 10 Erwachsene erfordert. Wie Massechet Soferim (10:8) (ebenfalls auch Tossafot zu Megillah 23b) berichtet, war es in Palästina/Israel durchaus üblich, dass ein Minjan aus sieben Personen bestehen kann. Letztendlich hat sich babylonische Praxis (10 Personen) durchgesetzt, wie sie sich auch bei dem Zyklus der Torahlesung durchgesetzt hat. Beide Sichtweisen liegen also innerhalb eines klaren halachischen Rahmens. Selbst in Gemeinden, in denen die babylonische Auslegung als bindend empfunden wurde, hat man einiges getan, um sie zugunsten einer
kleineren Gemeinde aufzuweichen: Rab Huna schlägt in Berachot 47b vor, den Aaron haKodesch oder das Sefer Torah als Person mitzuzählen, um ein Gemeinschaftsgebet zu ermöglichen. Weiter wird dort diskutiert, ob es statthaft sei, einen Sklaven zu entlassen um so einen weiteren Minjanmann zu erhalten. Faustregel ist hier, dass die Gruppe wie zehn aussieht bis man sich die Mühe macht nachzuzählen” (Berachot 47b) – Im Judentum ist es übrigens untersagt, Personengruppen direkt zu zählen; beispielsweise mit dem Finger.
Später erlaubt Rabbenu Tam, das man ein Kleinkind in der Wiege mitzählen dürfe, wenn es einen Chumasch in den Händen hat (Or Zaruah 196, Machzor Vitry 82). Selbst im Schulchan Aruch wird das diskutiert (Orach Chajim 55:4). In anderen Quellen heißt es, dass ein Gebet, welches mit einem Zehnerminjan begonnen wurde, selbst dann fortgesetzt werden kann, wenn einige Männer den Raum verlassen und die Mehrheit der Männer im Raum bleibt” – also mindestens 6 (Rambam, Jad, Tefillah 8:8, Schulchan Aruch Orach Chajim 55:4; und Chofetz Chajim, Mishnah Berurah 24). Wenn es also darauf ankam, ein Gemeinschaftsgebet zu ermöglichen, entschied man zum leichten.
Die Situation heute: Der Minjan wurde in deutschen liberalen und gemässigten Reformgemeinden nicht mehr zwingend vorausgesetzt, so beispielsweise 1846 auf der Rabbinerkonferenz in Breslau und 1847 durch den Rabbinischen Oberrat” in Mecklenburg. Der orthodoxe Naphtali Tzevi Jehudah Berlin (genannt Nezib) aus Woloschin (Oberhaupt der Jeschiwa von Woloschin), entschied sich gegen die zwingende Erforderlichkeit eines Minjan. Die Liberale Bewegung in Deutschland heute bestimmt, das Schabbatg-ttesdienste ohne Minjan stattfinden könnten (Progressives Judentum, Seite 129), zitieren jedoch auch die Stelle aus Massechet Soferim. Die “Central Conference of American Rabbis” hat 1936 in einem Responsum (Vol. XLVI, 1936, p. 127) dargelegt, dass der palästinensische Minjan vollkommen ausreiche, um ein vollständiges Gemeinschaftsgebet durchzuführen. Im Juni 1989 wurde dies erneut bekräftigt, jeweils verbunden mit dem Wunsch, dass möglichst viele (jüdische) Personen an einem Gebet teilnehmen und dass man erleichternde Regelungen auf Grundlage der Halachah treffen kann.
Festgehalten werden kann also, dass es nicht unerheblich ist, wie viele (jüdische) Personen an einem Gebet teilnehmen und dass man erleichternde Regelungen auf Grundlage der Halachah treffen kann. Der Minjan soll keine Belastung für die Gemeinde werden, sondern es ermöglichen, dass die mit der Tfillah verbundenen Mitzwot erfüllt werden können. Entsprechende erleichternde Regelungen wurden, wie dargelegt, nicht nur von liberalen Autoritäten getroffen und stehen offen zur Diskussion.