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Mit dem Vorschlaghammer gegen den Vorschlaghammer

Der Vorschlaghammer kommt zum Einsatz gegen die »Kunst« des »ZPS«.
Foto: Enno Lenze | Bestimmte Rechte vorbehalten (Lizenz: Namensnennung-Keine Bearbeitung 2.0 Generic CC BY-ND 2.0)

Um 12 Uhr am Mittag des 5. Januar 2020 zog das »Aktionskünstler-Komitee« (kurz AKK) vor der Säule auf, die das »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS) in Sichtweite des Reichstags aufgestellt hatte. Übrigens hatte das ZPS den Betonsockel bei »Nacht und Nebel« gegossen. Es hieß, die Stele soll Asche von Schoah-Opfer enthalten haben. Die Aktion des »ZPS«, die auf die AfD zielte, erreichte diese nicht unbedingt. Statt dessen war sie ein ziemlich derber Tiefschlag in die Magengrube der Nachkommen von Schoahopfern. Oder wenn man so will: Man agierte mit dem Einfühlungsvermögen eines Vorschlaghammers.
Nicht nur jüdische Verbände verurteilten die Aktion, sondern auch zahlreiche Einzelakteure. Zwar gab es eine halbherzige Entschuldigung der Künstler, aber es folgten keine konkreten Taten – außer dem Abtragen der Asche. Ratlos, wo sie nun hin solle, wurde offenbar Kontakt zur Orthodoxen Rabbinerkonferenz aufgenommen. Die Säule, illegal auf einem öffentlichen Grundstück errichtet (so sieht es laut ZEITonline die Stadt Berlin), verblieb dort aber und man darf sich fragen, warum das so war? Warum gelingt es, dass im Zentrum der Hauptstadt ein »Kunstwerk«, das niemand will, einfach so an Ort und Stelle verbleibt? Hat sich das nicht auch das ZPS gefragt und gewundert?

Es scheint nur folgerichtig zu sein, dass das irgendwann jemand hinterfragt. Und dass sich daraus auch konkrete Überlegungen ergeben, sollte klar sein. Die öffentliche Entfernung mit dem Vorschlaghammer (na gut, und der Flex) konnte nicht metaphorischer sein. Die Schoah sei nicht geeignet »für tagespolitische Forderungen, Warnungen oder Vergleiche«, »die das Verbrechen der Schoah letztlich trivialisieren« – so hieß es in der Pressemitteilung des »AKK«.
Und das »ZPS«?
Erwartet hatte ich ein Statement, in dem man sich verwundert darüber zeigt, dass es über einen Monat gedauert hat, bis die Säule entfernt wird – steht sie doch nicht auf einem Privatgrundstück, bzw. bis der Versuch stattfindet, das Ding zu entfernen. In einer idealen Welt hätte man sich darüber verwundert gezeigt, dass andere »Künstler« einfach nicht darauf reagieren.

Was passierte statt dessen? Der Ruf nach dem Rechtsstaat!

Aber so war es nicht. Wie es hieß, stellte jemand vom »ZPS« (ist das ein Verein, eine Einzelperson mit Helfern?) Strafanzeige (laut FAZ, Zitat des Polizeisprechers). In verschiedenen Medien wurde der Satz »wir werden das auf deren Kosten wieder instand setzen« verbreitet. Sollte das zutreffen, wäre das ein guter Hinweis darauf, dass man nicht in der Lage ist, die eigene Mission zu hinterfragen oder Kritik zuzulassen. Es ginge dann anscheinend überhaupt nicht um Diskurs oder gesellschaftliche Veränderung.

Die einzige Option für das »ZPS« lautet eigentlich: Anzeige zurückziehen und die Säule abbauen.

Das »Aktionskünstler-Komitee« hingegen hat die Tradition des 31. Oktober 1985 aufgegriffen. Damals sorgte das Umfeld der Jüdischen Gemeinde Frankfurt dafür, dass das Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« nicht aufgeführt werden konnte. Es wurde kurzerhand die Bühne im Kammerspiel des Schauspielhauses besetzt. Das Stück wurde als antisemitisch bewertet und letztendlich so die Aufführung verhindert. Vielleicht eine Erinnerungshilfe für das »ZPS« und viele andere gesellschaftliche Akteure, dass Jüdinnen und Juden nicht nur eine passive Verfügungsmasse sind, die man nach Belieben instrumentalisieren kann – sondern durchaus auch aktive (und lebendige) Akteure. Aber genau damit scheint man noch Probleme zu haben.

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Marc Chagall in Münster

Picasso-Museum eröffnet Chagall-Ausstellung: Foto Jürgen Peperhowe

Aus der Dummheit des Facebook-Algorithmus zur Bewertung von Werbeanzeigen hat das Picasso-Museum Münster reines Marketinggold schürfen können:
Das Museum reichte einen Film ein, um diesen als gezielte Werbung einer Zielgruppe zeigen zu können. In besagtem Film wurde das Museum gezeigt und ein paar Bilder aus der Ausstellung. Auch einen Akt – den »Akt über Witebsk«. Übrigens ein Bild, welches man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Es ist nämlich in Privatbesitz.
Facebook möchte aber nichts nacktes zeigen, auch nicht, wenn es sich um Kunst handelt, und deshalb das Ausrollen der Anzeige verhindert. Das wurde bekannt.
Nicht nur in den sozialen Netzwerken.
Schnell berichtete sogar das Radio darüber und das Museum erreichte mehr Leute als eigentlich beabsichtigt — das ist auch gut so.

Chagall? Das ist doch Kitsch?!

Gut so? Chagall ist doch Kitsch?
Das stimmt – Chagall kratzt zuweilen hart am Kitsch vorbei. Das liegt aber vielleicht nicht an seiner Kunst, sondern an deren Wahrnehmung und der Präsentation der immer gleichen Bilder. Natürlich auch an den Phrasen, die man dazu dreschen kann – dazu gleich mehr.

Dass wir nicht auf diese Schiene gesetzt werden, dafür sorgen (aus meiner Sicht) die Bilder (meist sind es Radierungen) zum Tanach, die hier mit ihren jeweiligen Studien dargestellt werden. Jedes der Bilder erzählt eine vollständige Geschichte – der aufmerksame Betrachter merkt an Details, dass Chagall in einer Welt aufgewachsen ist, in der die Torah und der Tanach nicht ohne Raschi oder Midrasch gelesen worden sind. Eigentlich sind sie selber schon fast Midrasch. Das »Gebet des Jesaja« wurde übrigens zuvor noch nirgends gezeigt.
Sie sind eine Art Prolog zu den Bildern in der charakteristischen Farbgebung, etwa von Witebsk oder Paris.
Der »Akt über Witebsk« wurde ja bereits angesprochen. Unter den 120 Gemälden, kolorierten Zeichnungen oder Grafiken sind nicht die Bilder, die man schon so häufig auf Postkarten oder Prints gesehen hat. Der Geigenspieler fehlt also.

Zurück zu den beliebtesten Phrasen. Immer wieder hört man, wie die Betrachter, von den Symbolen auf den Bildern sprechen, oder der Traumwelt, die sie repräsentieren. Nun, die Ausstellung heißt »Der wache Träumer«. Die Ausstellungsmacher haben das also durchaus vorgesehen:

»…taucht die Ausstellung tief in Marc Chagalls phantastische Traumwelt ein und spürt zugleich seinen Inspirationsquellen in der realen Welt nach.«

Richtig interessant wird das, wenn man Chagall selber etwas dazu sagen lässt. Etwa, wenn man dem ein Zitat aus Chagalls »Selbstbiographie« im Heft »Menorah« (»Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur«):

»Es gibt in meiner Kunst weder Phantastisches noch Symbolisches. Ich habe für Wahnsinn nichts übrig – ich mache vertrauensvoll und ohne jede Lust zu Exzessen das für die Konstruktion meines Bildes Erforderliche, indem ich in eine Leere einen Körper oder – je nach meiner Laune – einen Gegenstand stelle.«

Aus: Selbstbiographie, Menorah 5. Jahrgang, Heft 1 (Januar 1927), Seiten 3-4

Was also nun Betrachter?
Die Bilder sind Kompositionen aus verschiedenen Elementen. Es scheint keine Gewichtung der Elemente zu geben. Belebtes oder unbelebtes Element – das spielt keine Rolle. Der Akt über Witebsk erscheint also nur deshalb am Himmel über der Stadt, weil dort einfach noch Platz war. Anscheinend.

Marc Chagall, Braut mit zwei Gesichtern, 1927 (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Antwort auf diese Frage kann man sich durch den Kopf gehen lassen, während man sich die Ausstellung in Münster anschaut. Etwa, oben gezeigte, »Braut mit den zwei Gesichtern«. Anschauen sollte man sich die Ausstellung auf jeden Fall. Sowieso kann man sich dabei Münster anschauen.

Die Ausstellung Der wache Träumer ist noch bis zum 20. Januar 2019 im Picasso-Museum Münster zu sehen.