Artikel

Iftarlade: koscher und halal

Die Idee mag einfach klingen, scheint aber nicht simpel zu sein, denn sonst hätte es bereits jemand gemacht:
Eine Schokolade auf den Markt zu bringen, die ausdrücklich koscher und halal ist. Also sowohl den jüdischen Speisegesetzen entspricht, als auch den muslimischen. Man ermöglicht damit einer kleinen Minderheit und einer nicht so kleinen Minderheit, dass sie auf das gleiche Produkt zugreifen können. Die Firma Hussel vertreibt seit diesem Monat eine solche Schokolade. Die »Iftarlade«.

Wer das Kaschrut-Zertifikat ausgestellt hat und die Herstellung der Schokolade überwacht, wollte Hussel mir nicht verraten. Genau genommen hat Hussel überhaupt nicht auf Anfragen zu dieser Schokolade reagiert und konnte mir dementsprechend auch nicht mitteilen, wo man diese, außer im Onlineshop, erwerben könnte. Im lokalen Handel jedenfalls (noch) nicht. Bei einem Mindestbestellwert von 14 Euro und 4,90 Euro Versandkosten hätten also die Verkostung und der Blick auf die Rückseite (vielleicht versteckt sich ja dort die Information zum beaufsichtigenden Rabbiner) mich 19 Euro gekostet.

Aber zurück zur »Iftarlade«: Ist die Idee »Gold«, so ist die Umsetzung eher »Holz«. Warum? Bei einem interreligiösen Projekt oder Produkt kann es keinen »Juniorpartner« geben.
Die »Iftarlade« ist wegen ihres Namens keine halal-koscher Schokolade. Sie ist eine Schokolade für eine muslimische Zielgruppe – die Juden auch essen dürfen. Mit der Bezeichnung »Iftar«, also das Essen des Fastenbrechens im Ramadan, ist die kulturelle Dominanz einer Gruppe schon im Namen verankert. Ich weiß nicht, ob sensible jüdische Käufer sich eine Schokolade kaufen würden, deren Name sich aus einem religiösen Ritual ableitet. Technisch mag sie koscher sein, aber manchmal reicht das nicht aus.

Übrigens sind zahlreiche Schokoladen in Deutschland koscherzertifiziert. Etwa Duplo, Giotto, Kinder Country, aber auch Twix, Bounty etc. Die Kaschrutliste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz weiß da Rat.

Zusatz/Aktualisierung Anfang November hat Hussel einem Kunden mitgeteilt, die Schokolade befände sich gerade in der Zertifizierung. Diese Information war jedoch nicht zutreffend, sondern Triangel K zertifiziert. Die Öffentlichkeitsarbeit von Hussel ist also optimierbar.

Artikel

Kaschrut und Politik?

Im deutschsprachigen Raum gibt es mehrere Kaschrutlisten; also Listen in denen man ablesen kann, welche Produkte nun koscher sind und welche nicht. Gemeinden und Organisationen verstehen das als Unterstützung der »observanten« Mitglieder.
Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel hat eine erstellt, es gibt eine vom Bet Din Berlin mit Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch, die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt jährlich eine Liste (»Hamadrich«), es gibt eine Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (»Rabbi, ist das koscher?«), die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich gibt ebenfalls eine heraus.

In anderen Ländern (außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz) gibt es mehrere Organisationen die koschere Lebensmittel zertifizieren und mit einem »Stempel« versehen. Natürlich geht jede dieser Organisationen davon aus, gründlicher zu sein als alle anderen und damit auch vertrauenswürdiger. Ob nun alle Kunden allen vertrauen, ist eine andere Frage. Man soll schon von Personen gehört haben, die Produkte mit bestimmten Zertifizierungen mit spitzen Fingern zurückgelegt haben und den Ladenbesitzer angeschaut haben, als würde der Schweinskopfsülze verkaufen.
Es ist ein Gerücht, dass es Listen gibt, welcher Kaschrutaufseher vertrauenswürdig ist, also keine Koscherliste für Koscherlistenersteller.

Umso erstaunlicher ist es, dass es Leute gibt, die bei Facebook fragen: »Warum brauchen wir jetzt eine zweite Kaschrutliste?« Oder: »Was ist die Absicht dahinter?« Man ist versucht zu antworten: »Aus welcher Parallelwelt kommt diese Frage?« Wie weit weg von der Realität ist denn das?
»Warum brauchen Sie noch ein Buch, Sie haben doch schon eines?«
Wie lautet die nächste Frage? Vielleicht: Warum setzen sich nicht einfach alle Beteiligten weltweit an einen Tisch und geben eine gemeinsame Liste heraus?
Jeder, der schon einmal eine Gemeindevollversammlung besucht hat, wird genau wissen, warum diese Frage naiv ist.
Aber zurück zum Hintergrund der Frage – der ist auch für mich ein wenig demotivierend – denn vor wenigen Wochen schrieb ich einen Artikel für die Jüdische Allgemeine, in dem ich einige Listen vorstellte und eine Vision für die Zukunft entwarf (alle Herausgeber stellen Daten zur Verfügung, Profis bauen daraus eine App). Wenige Tage später präsentiert sich eine nagelneue Liste im Netz und der Artikel ist schon wieder überholt. Nachdem sich lange nichts auf dem Gebiet getan hat und die neue Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz nicht nur inhaltlich überzeugen konnte.
Jetzt gibt es eine weitere (online): Die des »Vaad haKaschrut Deutschlands«. Hier gibt es (übrigens sehr smart gelöst) Listen von Produkten die »einfach koscher« sind, Listen mit Produkten die »koscher leMehadrin« (also besonders strikt) sind und Listen mit Produkten von denen die Hersteller sagen, sie seien koscher. Darüber hinaus findet man eine Liste aller Firmen, die sich beteiligte Rabbiner angeschaut haben.

Da müsste man eigentlich »Mazal Tov! Schkojach!«

Aber ich schrieb bereits: Manche fragen sich ernsthaft ob das sein muss. Der Hintergrund ist wohl eher politisch, denn der »Vaad haKaschrut« (die Kaschrutaufsicht) ist eine Einrichtung von Chabad und das scheint einigen (jetzt aufgepasst, thematisch passender Kalauer) »nicht zu schmecken«. Wenn es darum geht, es einfacher zu machen in Deutschland koscher zu leben, sollten wir doch eigentlich zufrieden sein, wenn es mehrere Organisationen gibt, die sich damit beschäftigen. Das erhöht Transparenz, die Zertifizierungen liegen nicht in einer Hand und sind somit hoffentlich keinen politischen Spielchen unterworfen.
Also alles gut und ein Angebot mehr verfügbar.

Artikel

Folgenschwere Vertrauensbrüche

avv_heller

Im Juni schrieb ich über die möglichen Vertrauensbrüche in Frankfurt: ein Händler (Aviv) soll nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Er soll das Fleisch also geradezu gestreckt haben. Würde sich das bewahrheiten, hätten seine Kunden nichtkoscheres Fleisch verzehrt, müssten ihre Küchen neu kaschern und hätten über längere Zeit nichtkoscher gegessen. Jetzt hat der Betreiber des Geschäfts es zugegeben: Er hat Fleisch umdeklariert. Die Folgen dürften verheerend sein. Viele jüdische Einrichtungen bezogen von dort Fleisch und sind somit ab sofort nicht mehr koscher. Die Jüdische Allgemeine berichtet, die Rede sei von 40.000 Kilogramm umdeklarierten Fleisch.
Die Kosten für das neue kaschern müsste theoretisch der Verursacher tragen. Die Kreise die das zieht, dürften groß sein.

Artikel

Koscheres Fleisch – Vertrauensbrüche

avv_heller

Wenn man über Kaschrut und deren Einhaltung spricht, dann spricht man immer auch von Vertrauen: Vertrauen das der Käufer dem Verkäufer entgegenbringt, oder Vertrauen, das der Gast demjenigen entgegenbringt, der ihn bewirtet.
Man kann dem mit einer Flut mit Zertifikaten begegnen (dem Hechscher), es bis auf die Spitze treiben und irgendwann nur noch bestimmten Zertifikaten vertrauen. Das ist keine sehr angenehme Geisteshaltung. Das dürfte nicht also der charmanteste Weg sein. Meint man (vernünftigerweise).

Und dann passieren Dinge, wie diese:
In Frankfurt soll ein Händler (Aviv) nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Die Jüdische Allgemeine spricht von einem Schaden von einer halben Million Euro. irgendwiejüdisch schrieb schon in der vergangenen Woche über den Bericht, hier.
Gab es einen ähnlichen Vorfall nicht auch in Wien?

Der betroffene Lebensmittelhändler belieferte nicht wenige jüdische Einrichtungen im jüdischen Deutschland. So wie es heute ausschaut, mutmaßlich, also mit nicht-koscherem Fleisch. Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (noch ist ja niemand verurteilt), dann hätte er mehrere Schäden verursacht. Zum einen das Grundmisstrauen in Kaschrut weiter geschwächt und denen Recht gegeben, die eine strengere Überwachung wollen, zum anderen hätte er die Kunden in die Irre geführt und sie finanziell geschädigt.
Das bedeutet aber auch: Der Verkäufer kann kein besonders observanter Jude sein. Ansonsten würde er vermutlich fürchten, für diese Irreführung auch irgendwann metaphysisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Innerhalb der eigenen Gemeinde würde er vermutlich kein Bein mehr auf den Boden bekommen.

Eine Frage muss man aber stellen:
Was ist, wenn es nicht stimmt? Bislang sind es nur Vorwürfe.
Die Vorwürfe ergaben sich aus einer anderen Ermittlung der Polizei, so heißt es auch in der Jüdischen Allgemeinen.
Konkret bedeutete dies: Man beobachtete den Lebensmittelhändler wohl wegen des Besitzes und Schmuggels von Drogen.
Woher der Anfangsverdacht stammt, ist derzeit nicht bekannt. Wer in Antwerpen Rosinenkuchen orderte, könnte ja schließlich auch etwas anderes meinen. Das Journal Frankfurt berichtet in diesem Zuge von ergebnislosen Hausdurchsuchungen.
Eine Art Resteverwertung dieser Ermittlungen waren offenbar die Vorwürfe des Weiterverkaufs nicht-koscheren Fleisches. Und so ging die Ermittlungsbehörde taktvoll vor und sandte den Kunden von Aviv zu diesem Thema einen Fragebogen.
Und wie wir gerade sahen, ist der Einkauf koscherer Waren eine Frage des Vertrauens. Was machen also die Kunden, die einen solchen Fragebogen erhalten, der das Ziel hat, zu ermitteln, ob der Händler nicht-koscheres Fleisch verkauft?
Richtig: Sie kaufen woanders und besorgen sich das Fleisch in München oder in Frankreich. Der Markt Aviv musste also schon schließen, bevor etwas konkretes vorlag. Und das, obwohl der Gemeinderabbiner dem Laden sein Vertrauen ausgesprochen hat. Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht? Vertrauten sie einem anderen Händler mehr?

Der Punkt ist: Mit dem Eintreffen des Schreibens bei den Kunden dürfte sich die Geschäftsgrundlage erledigt haben.

Artikel

Die große Kaschrutliste

Die Lebensmittel der großen Marken in Europa stammen häufig aus der gleiche Produktion und sind nahezu überall verfügbar. Nicht selten kann es vorkommen, dass man auch mal im Nachbarland einkauft (das hängt natürlich von der geographischen Situation ab). Deshalb ist es folgerichtig, dass es nicht mehr nur nationale Kaschrutlisten gibt, sondern eine große europäische. Die Europäische Rabbinerkonferenz hat das Projekt an den Start gebracht und eine solche Liste ins Netz gestellt (hier).
Europäische Kaschrutliste

Mann kann, nicht ganz intuitiv, die Liste sortieren oder sich Einträge für bestimmte Länder anzeigen lassen. Um das zu tun, muss man allerdings ein gewisses Verständnis für solche Anwendungen mitbringen. Wer etwa Produkte anzeigen lassen möchte, die für Deutschland relevant sind, muss dies eingrenzen: Zeige mir Einträge für Germany.
Kaschrut-Liste

Man erhält dann alle Einträge für Lebensmittel, die auch in Deutschland verfügbar sind. Das Problem an den Daten ist, dass sie offenbar aus den nationalen Listen stammen. So schleichen sich deutsche Negativeinträge in die Liste. Das Lebensmittel taucht in der Liste auf, ist aber nicht koscher. Einfach, weil der Ersteller der deutschen Liste dies eingetragen hat:

Nicht koscher

Man kann sich fragen, welchen Wert diese Information für jemanden ist, der mit dem Wort Nicht nichts anzufangen weiß. Glücklich derjenige nichtdeutsche Nutzer, der das abstrahieren kann. Es gibt da also noch reichlich Verbesserungspotential. Dass ein Datenpool existiert, ist ein riesiger Fortschritt. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, diese Daten unter eine freie Lizenz zu stellen, so dass man sich mit anderen Tools aus diesen Daten bedienen und Apps oder Onlineanwendungen bauen kann.

Die deutsche Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz findet man übrigens hier.

Artikel

Neues Restaurant in der Bochumer Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde Bochum beherbergt seit einiger Zeit ein Restaurant. Wie man dem Blog genussbereit entnehmen kann, ist es nicht schlecht und nicht koscher:

Die kleine Karte umfasst nur wenige Gerichte aus der ostjüdischen, New Yorker und israelischen Tradition. Auf die Frage, ob die Gerichte koscher seien, ist Aleksander Chraga ein wenig zurückhaltend. Was wir machen, ist kosher style, eine einfacherer Form, erklärt er. Die Zutaten sind koscher, und auch in der Küche besteht durchaus die Möglichkeit, nach den Kaschrut-Regeln zu kochen. von hier

Artikel

Bewusste Ernährung und Kaschrut

Strictly Kosher Beef

Alfred Biolek legt viel (man möchte meinen übertrieben viel) Wert auf gute Küche und ist für seine Auslassungen über gute Produkte in seiner früheren Fernsehsendung Alfredissimo bekannt. Von Alfred Biolek heißt es interessanterweise, er sei Jude, was natürlich nicht so ganz den Tatsachen entspricht.

In der Sendung wußte der Matre zu berichten, woher der Wein kommt, wer die Wurst hergestellt hat, wo das Rind stand, dessen Fleisch gerade verzehrt wird, wann er die Kräuter in Südfrankreich vom Bauer seines Vertrauens abgeholt hat. Übertrieben vielleicht, ja.
Aber mittlerweile gibt es jedoch einen regelrechten Trend in diese Richtung. Nach vielen Skandalen rund um die Lebensmittelindustrie, wenden sich immer mehr (die es sich leisten können) anderen Nahrungsmitteln zu.
Interessantweise greifen da nun die gleichen Mechanismen und ethischen Vorstellungen, die Juden schon etwas länger kennen.
Mein Text in der aktuellen Jüdischen Allgemeinen:

Gut, sauber und gerecht sollen Lebensmittel hergestellt werden. So könnte man knapp die jüdischen Speisegesetze zusammenfassen. Buono, pulito e giusto ist auch das Motto von Carlo Petrini. Der italienische Journalist und Gastroexperte ist kein Jude, sondern Mitbegründer eines Vereins, der sich als Gegenbewegung zur Fast-Food-Wirtschaft versteht und sich dementsprechend Slow Food nennt. Die Bewegung mit Ablegern auch in Deutschland und sogar in Israel fordert eine neue Küche und eine neue Art der Ernährung: Man solle genussvoll und bewusst essen, wann immer möglich auf regionale Produkte zurückgreifen statt auf Importe von weit her. der gesamte Text ist hier lesbar