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Alles über uns – ein Kinderbuch

Woran mangelt es im jüdischen Deutschland? Ja, ok, falsche Frage. Die Antwort lautet meist: An allem außer Streit. Aber speziell? Wenn man Eltern fragt, oder Leute, die Eltern etwas schenken wollen?
Genau. An jüdischen Büchern zum Vorlesen. Zu kurzen Bilderbüchern habe ich häufig gehört, dass man diese improvisiert on the fly während des Vorlesens übersetzt. Solange die Kinder nicht lesen können, ist das auch kein Problem. Für diejenigen, die Wert auf eine religiösere Erziehung legen und Kinder im Vorschulalter haben, gibt es nun ein Buch mehr: »Alles über uns« von Dina Rosenfeld und Bildern von Patti Argoff. Das Buch zeigt verschiedene Körperteile des Menschen, etwa Füße, Ohren oder Augen und erklärt, wozu diese nützlich sind, wenn man jüdisch lebt. Mit den Füßen geht man Schabbat in die Synagoge, oder man läuft damit zu einem Freund, um ihm zu helfen. Mit den Ohren kann man die Megilla an Purim hören oder andere Mitzwot tun. Mit den Augen kann man das Licht der Hawdalahkerze betrachten und so weiter.
Das führt kleinere Kinder schon früh an bestimmte Symbole, Mitzwot und Zeiten heran, zeigt aber auch in Bildern, dass andere Familien und Kinder ebenfalls religiös (orthodox) leben. Mit anderen Worten: Normalität.

Glossar in »Alles über uns«

Für Familien, die noch nicht mit allen Begriffen etwas anfangen können, sind die Begriffe in einem Glossar erklärt. Bei Kinderbüchern eher selten. Aber hier merkt man vielleicht, dass das Buch aus dem Umfeld von Chabad stammt. Es zielt also auch auf »noch nicht« Menschen und öffnet die Tür. Insgesamt ist Chabad in letzter Zeit rege bei der Publikation deutschsprachiger Bücher.

Rückseite des Einbands

Der Umschlag ist stabil und die Seiten nicht zu dünn – was keine schlechte Eigenschaft von Vorlesebüchern ist. Insgesamt keine schlechte Ergänzung des deutschsprachigen Angebots.

Dina Rosenfeld, Patti Argoff »Alles über uns« Edition Books & Bagels, 2018, 28 Seiten, 11,70 €,
Link zu Books & Bagels
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Torah für Kinder

Cover von Erzähl es deinen Kindern

Da wurde eine Lücke geschlossen: Bruno Landthaler und Professorin Hanna Liss legen nach langer Arbeit eine Torah-Ausgabe für Kinder (zwischen 6 und 12) vor. »Endlich« muss man sagen. Jüdische Kinderliteratur ist ja, wegen des kleinen Markts, nicht sonderlich verbreitet.

Liss und Landthaler überarbeiteten die einzelnen Wochenabschnitte kindgerecht und fassten das Ergebnis nun als Buch zusammen. »Erzähl es deinen Kindern« ist der Titel der Reihe. Reihe deshalb, weil es am Ende fünf Bücher sein werden. Also eines zu jedem Buch der Torah.

Zu jedem Wochenabschnitt gibt es eine Einleitung, die sich vermutlich an Eltern oder Vorleser richtet. Dann ein Zitat aus dem hebräischen Originaltext und dann anschließend die entsprechende Erzählung. Mitunter kann es vorkommen, dass nicht jeder Text sich für kleinere Kinder eignet. Dieser Text wurde dann kursiv gesetzt und zeigt so, dass man ihn für kleinere Hörer überspringen kann.

An den Rändern haben die Autoren Hinweise untergebracht. Etwa Erklärungen zu einzelnen Begriffen, oder Hinweise dazu, dass der Abschnitt auch zu bestimmten Gelegenheiten in der Synagoge gelesen wird.
Zwölf Bilder des israelischen Illustrators Darius Gilmont sind jeweils auf Einzelseiten untergebracht.

Die (Vor-)Lesetexte dürften Kindern keine Schwierigkeiten bereiten und sie langsam an die Torah heranführen. Erzählt wird natürlich nicht immer der gesamte Wochenabschnitt, sondern Teile davon. Wie das für, sagen wir mal, vorschriftslastige, Wochenabschnitte gelingt, davon kann man sich schon jetzt ein Bild auf kleinetora.juedische-bibel.de machen.

Im Vorwort wird auf eine weitere kindgerechte Heranführung an das Thema Torah und Tanach Bezug genommen: 1964 hat Dr. Abrascha Stutschinsky seine Bibel für Kinder erzählt im Zürcher Javne Verlag veröffentlicht, später erschien sie auch bei Scriba Verlag Köln. Die Autoren der aktuellen Ausgabe verweisen auch auf das Alter. 50 Jahre sei der Text nun alt. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Texte nicht nach Wochenabschnitten geordnet sind. Dr. Stutschinsky hangelt sich an den Erzählungen des Tanach entlang und verwendet diese als einteilende Abschnitte. Etwa Die Erschaffung der Welt, Der siebente Tag, Der Turm und so weiter. Das sollte jedoch aber nicht heißen, dass die Ausgabe von Dr. Stutschinsky überholt sei. Sie ist noch immer aktuell und folgt auch inhaltlich einer anderen Herangehensweise. Dr. Stutschinsky hat bei seiner Nacherzählung der Geschichten aus der hebräischen Bibel immer wieder Elemente aus dem Midrasch verarbeitet und öffnet kleinen Lesern und Zuhörern ganz selbstverständlich eine Tür zum Textverständnis, welches in der Tradition verankert und ihr verpflichtet ist.

Werfen wir doch einen Blick in beide Texte und stellen sie einander gegenüber. Dies veranschaulicht schon die verschiedenen Hintergründe.
Der Beginn des Wochenabschnitts Bereschit:

Die Bibel für Kinder erzählt von Dr. Abrascha Stutschinsky:

Vor vielen vielen Jahren gab es noch keinen Himmel, keine Sonne, keinen Mond und keine Sterne, keine Erde, keine Menschen und keine Tiere. Es gab nichts. Nur G-tt wohnte ganz hoch oben mit seinen vielen Engeln. Dort oben war es schön und hell von funkelnden Diamanten und Edelsteinen, und es ging sehr fröhlich zu, denn die Engel sangen wunderschön. Aber unten war es dunkel, kalt und still. Alles war mit Wasser bedeckt.
Da sagte G-tt einmal zu seinen Engeln:
»Ich will es auch unten schön machen.«
Und plötzlich hörte man eine Stimme:
»Es werde Licht!«
Das war die Stimme G-ttes.

(Die Bibel für Kinder erzählt, Seite 13)

Erzähl es deinen Kindern von Hanna Liss und Bruno Landthaler:

Ganz zu Anfang, als G’tt Himmel und Erde erschuf, war die Erde ganz leer, und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G’ttes schwebte über dem Wasser.
Da sagte G’tt: »Es soll Licht sein.« Und dann war da ein Licht.

(Erzähl es deinen Kindern, Seite 17)

Die Autoren nutzen durchgängig die Schreibung G’tt (mit Apostroph). Um denjenigen entgegen zu kommen, denen das wichtig ist, so heißt es im Vorwort. Im erklärenden Text zu dieser Schreibung wird G-tt jedoch mit ›o‹ geschrieben. Der frühere Düsseldorfer Rabbiner Michael Goldberger (seligen Angedenkens) frug übrigens einmal, warum wir G-tt immer mit einem Apostroph schreiben, und nicht mit einem Ausrufezeichen? Also: G!tt.

Im hebräischen Text wird ebenfalls auf das Tetragrammatons verzichtet. In der Regel heißt es ה‘. Auf dem Cover jedoch findet man das ausgeschriebene Tetragrammaton. Der G-ttesname ist, nach Moses Mendelssohn, mit »der Ewige« übertragen. Das ist, leider, die verbreitete Übertragung des Namens und deshalb auch hier zu finden. Zumindest bringt es den Vorleser dazu, zu versuchen, die Sache mit dem Namen G-ttes zu erklären. Redaktionell ist es schwierig, einem Text gerecht zu begegnen. Vor dem Hintergrund, dass zwei Juden drei Meinungen haben, muss man zunächst die Tatsache hervorheben, dass die Autoren Mut zu redaktionellen Entscheidungen hatten und nicht unsicher alle Entscheidungen auf die Leser abladen. Lediglich bei einer Entscheidung geht der Autor dieser Zeilen nicht ganz konform mit den Autoren (in aller Bescheidenheit). So bleibt die Arche Noach hier ein Schiff. Zwar erwähnen die Autoren im Text das hebräische Original (tewah), verschweigen aber, dass es sich dabei eher um einen Kasten handelte. Denn, was bedeutet Arche? Eine Frage, die mir während des Vorlesens des Textes gestellt wurde. Kasten, antwortete ich. Noachs Kasten ist aber auch nicht sonderlich charmant.

Das Layout des Textes ist robust (ebenso wie das Papier – bei Kinderbüchern ja auch ein Thema). Bei der Schrift scheint es sich um die Atma Serif zu handeln. Wie bereits erwähnt, ist zusätzlicher Text kursiv gedruckt. Das Vorwort ist jedoch in der gleichen Schrift dargestellt. Hier muss der Leser, der mehr als eine Paraschah am Stück vorlesen möchte, sich also inhaltlich erst einmal ein wenig orientieren und schauen, wo er wieder einsetzt.
An einigen Stellen setzt das hebräische Zitat am Seitenende an und wird dann in der deutschen Übertragung erst auf der nächsten Seite fortgeführt (siehe unten auf der rechten Seite auf dem Foto). Hier wurde eine inhaltliche Einheit voneinander getrennt.

Innenansicht

Der erste Band Bereschit hat 128 Seiten und kostet 24,80 Euro und das ist ein Punkt, den man kritisieren muss. Natürlich ist die Produktion eines Kinderbuchs nicht besonders günstig und der Zentralrat hat dankenswerterweise schon Geld zugeschossen, zumal die Auflage nicht sonderlich hoch sein dürfte. Allerdings bedeuten 24,80 Euro pro Band, dass man am Ende für die gesamte Torah 124 Euro bezahlt. Das ist ein recht hoher Preis und deutet vielleicht darauf hin, dass eher jüdische Einrichtungen und Gemeinden zur hauptsächlichen Zielgruppe gehören. Wer engagiert ist und das notwendige Geld in die Hand nehmen möchte, erhält eine Torah für Kinder, die sicher auch die Eltern animieren wird, sich Gedanken über den Text zu machen.

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Majn Alef Bejs

Majn Alef Bejs

Abbildung aus »Majn Alef Bejs« – © Riva Kaminsky Danzig, Marc Kaminsky, Urszula Palusińska

Vielleicht eines der bestgestalteten jüdischen/jiddischen Kinderbücher der letzten Zeit:
»Majn Alef Bejs« von Jehoszue Kaminski und Illustrationen von Urszula Palusińska. Ein Buch mit dem Alef-Bejt und kurzen Texten dazu – in jiddischer Sprache und polnischer Übersetzung. Die Illustrationen sind zeitlos und erinnern vielleicht ein wenig an Zeichnungen aus den 50er Jahren. Sie kommen ohne Kitsch aus und verzichten auf pseudomoderne Elemente. Die Gedichte sind eingängig und dürften, mit jiddischen Grundkenntnissen, für deutschsprachige Leser zu bewältigen sein.
Herausgegeben wurde das Buch von der Czulent Jewish Association in Krakau.
Und für die potentiellen Leser nicht so schlecht: Man kann es auf der Seite von Czulent herunterladen.
Schon seit 2012 gibt es das Buch, es verwundert, dass man nicht schon damals überall darauf hingewiesen wurde. Auf einer Kinderbuchmesse in Bologna hat es nun den »Bologna Ragazzi Preis« erhalten. Vielleicht wird dies das Buch nun noch mehr Aufmerksamkeit erhalen – die ihm auch zusteht.

Aber nicht nur das! Czulent veröffentlichte auch das Buch »Jontew Lider«, aus dem die folgende Abbildung stammt:

Abbildung aus »Jontew lider«

Abbildung aus »Jontew lieder« © Sheva Csesler, Irving Massey, Urszula Palusińska

Mit Gedichten von Ida Maze und Szmuel Cesler. Auch hier wieder mit Illustrationen von Urszula Palusińska. Wirklich beeindruckend sind die Abbildungen und der Text für דעם טאג צו געדענקען »Der tog cu gedenkn«. Dieses Buch kann man ebenfalls bei Czulent herunterladen.

Misha Beletsky war so freundlich, darauf hinzuweisen.

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Megillat Esther für Kinder

megille_titel
Die Megillah bietet eine Menge Stoff:
Intrigen, Sex, Macht und Tod. Das ganze klassische Material. An Menschen die ums Leben kommen, mangelt es nicht.
Es gibt also ein paar Dinge, mit denen man jüngere Kinder vielleicht nicht direkt konfrontieren möchte. Aus diesem Grund entstand nun eine kurze Nacherzählung der Megillat Esther. Mit einer entsprechenden Portion künstlerischer Freiheit natürlich – aber mit Textnähe.

Die Geschichte kann man online hier auf talmud.de, lesen.

Eine pdf-Datei gibt es hier: Megillat Esther als pdf

Die PDF lässt sich ganz gut mit Klebeband zu einer kleinen Rolle zusammenrollen – die pdf wurde entsprechend angelegt:

Megillah als Rolle

Megillah als Rolle

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Judentum im Kinderbuchformat

Es gibt schon ein paar Bücher, in denen das Judentum Kindern näher gebracht werden soll. Häufig wird aus nichtjüdischer Perspektive das Judentum beschrieben. Ebenso häufig werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Christentum herausgestellt. So wird auf Bekanntes verwiesen und soll die Fremdheit ein wenig relativieren, die Kinder empfinden könnte. Siehe etwa Mona und der alte Mann (siehe auch Beschreibung bei amazon.de) Für jüdische Kinder sind derartige Bücher also eher weniger geeignet. Wer die Feiertage veranschaulichen möchte, kann auf die Bücher über Beni, Bina und die Taube Chagai von Yaffa Ganz und der Illustratorin Liat Benyaminy Ariel zurückgreifen, die in der Schweiz auch in deutscher Sprache erschienen sind. Die setzen allerdings sehr viel voraus, sie handeln in charejdischen Haushalten und sind eigentlich auch für diese Zielgruppe gedacht. Viele hebräische Begriffe tauchen auf und müssten den Kindern erklärt werden. Dafür wird die Geschichte der jeweiligen Feiertage ausführlich erklärt.
Im März erschien nun ein Buch, das die Lücke schließt. Dieses Mal trifft nicht ein nichtjüdisches Kind ein jüdisches, sondern ein Kind nicht observanter Eltern auf ein Kind aus einem orthodoxen Haushalt und das ist ein großartiges Setting. Dinahs Familie geht nur zu den Hohen Feiertagen in die Synagoge, Levis Familie beachtet dagegen alle Feiertage und so erleben die jungen Leser (oder diejenigen, denen vorgelesen wird, ab 4 Jahren) in dem Buch von Alexia Weiss und der Illustratorin Friederike Großkettler die Feiertage und jüdischen Alltag aus erster Hand. Nicht einmal wertend in die eine oder andere Richtung. Die Illustrationen sind großartig und erinnern an die Bilder, wie man sie in altersgerechten Schul- und Vorschulbüchern sehen kann. Ein kleiner Anhang erklärt einige Begriffe detaillierter (allerdings recht knapp).
Dinah und Levi: Wie jüdische Kinder leben und feiern (hier bei amazon) führt ans Judentum heran oder zeigt Kindern, dass jüdischer Alltag nichts ungewöhnliches ist und wie andere jüdische Kinder leben. Nichtjüdische Kinder und Erwachsene haben ebenfalls die Möglichkeit, etwas über das Judentum zu lernen und erfahren zugleich, dass nicht alle Juden ihren Alltag in gleicher Art und Weise gestalten. Wer Kinder hat und gerne mal ein jüdisches Buch über das Judentum hätte (sogar noch in deutscher Sprache), hat jetzt eines.