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Und in wessen Buch stehst Du?

»Chatima Towa« sagt sich leicht. Eine »gute Einschreibung«. Das wünscht man sich bis Jom Kippur. Schwerer ist es, jemanden um »Verzeihung« zu bitten oder sich zu entschuldigen.

Die Einschreibung ist auch das Thema von Untane Tokef:

»An Rosch haSchanah werden sie eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt,
wie viele dahinscheiden und wie viele geboren werden,
wer leben soll und wer sterben wird,
wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit,
wer durch Feuer und wer durch Wasser,
wer durch Schwert und wer durch Hunger,
wer durch den Sturm und wer durch Seuche,
wer Ruhe haben wird und wer Unruhe,
wer Rast findet und umherirrt,
wer frei von Sorgen bleibt und wer voller Schmerzen,
wer hoch und wer niedrig ist,
wer reich und wer arm sein soll.«

Wer bei facebook oder hier kommentiert, da gäbe es doch eine Adaption von Leonard Cohen, der muss 5 Euro an die Jüdische Phrasenkasse überweisen.

Legenden Die Entstehungsgeschichte von Untane Tokef ist bereits Legende.

Angeblich soll Rabbi Kalonymus ben Meschullam (11. Jahrhundert) den Text aufgeschrieben haben, den ein Rabbiner Amnon aus Mainz gesprochen haben soll. Rabbi Amnon aus Main sei vor die Wahl »Tod oder Taufe« gestellt worden und habe sich Bedenkzeit erbeten. Das bereute er anschließend und lehnte es ab, sich taufen zu lassen. Er wurde gefoltert. Kurz bevor er seinen tödlichen Verletzungen erlag, sprach er in der Synagoge ebendieses Gebet. Die Geschichte findet man fast in jedem Machzor mit Kommentar und ist natürlich irgendwie ergreifend und passt in ihre Zeit, ist aber offenbar historisch. Sie basiert auf den Angaben von Rabbiner Jitzchak ben Mosche aus Wien (etwa 1200–1270). Tatsächlich aber fand man den Text auch in der Geniza von Kairo und kann ihn in das 8. Jahrhundert datieren. Das war lange vor Rabbi Amnons Zeit. Aber die Geschichte schafft eine emotionale Verbindung.

Wird man also eingetragen oder nicht eingetragen in ein »Sefer Hachajim«, ein »Buch des Lebens«?
Wir kennen es aus der Tora (2. Buch Mose 32,32): »Nun, wenn du ihre Sünde vergibst, wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast.«

Doch was ist mit denen, die nicht in das Buch des Lebens eingeschrieben werden?
Die vom Weg abgewichen sind?
»Unetane Tokef« gibt eine Antwort: »Doch Rückkehr (Teschuwa), Gebet (Tefilla) und Zedaka wenden das böse Verhängnis ab.« Dies ist ein Zitat aus einem Midrasch (Bereschit Rabba 44,12).

Aber seine Aussage widerspricht unserem Wissen über die Welt!
Gute Menschen sterben, ganz gleich welchen Alters.
Unschuldige Menschen sterben bei Katastrophen wie Vulkanausbrüchen oder Erdbeben.

Das sind Ereignisse, auf die der Mensch keinen Einfluss hat. Der Talmud erklärt in Awoda Sara (54b), dass »die Natur ihren eigenen Lauf« hat, den wir nicht ändern oder beeinflussen können.
Naturkatastrophen haben natürlich eine Ursache, aber die liegt nicht im Fehlverhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe.

Unsere Lebenserfahrung scheint also dem »Unetane Tokef« Unrecht zu geben. Deswegen tun sich viele Menschen schwer mit dem Gebet.

Doch »Unetane Tokef« widerspricht dem Talmud in Wirklichkeit nicht. Denn man kann es auch als Aufzählung verstehen, die uns bewusst macht, dass es Bereiche gibt, auf die wir keinen Einfluss haben – wie eben die Wasserflut oder den Krieg. Wir Menschen können die Naturgesetze oder den freien Willen anderer Menschen nicht ändern. Rabbiner Josef Albo (1380 – circa 1444) hat in seinen »Grundprinzipien« festgestellt, dass unsere Gebete in erster Linie uns ändern sollen – und nicht G-tt.

Gebete sind also keine Zaubersprüche oder magische Formeln.

Die Kombination »Gebet, Zedaka und Teschuwa« kann niemanden vor Naturgewalten schützen, aber eine Gesellschaft fördern, in der das Leben im Vordergrund steht. Alle drei im Zusammenspiel verändern denjenigen, der es tut, und die Gesellschaft, in der er dies tut.

Die Torah wird die »Lehre des Lebens« genannt oder »Baum des Lebens«.
Wir »ändern« das Urteil, wie es in »Unetane Tokef« heißt, indem wir unsere eigene Haltung dazu ändern. Wir verstehen eine Hungersnot nicht als Bestrafung für unmoralisches Handeln, sondern als etwas, das eine andere Ursache hat.

Wenn wir der Lehre des Lebens nachfolgen, werden wir möglicherweise schon früher in die Lage versetzt, den anderen und seine Bedürfnisse zu erkennen. Am »Jom Hadin« (dem Tag des Gerichts) können wir mit uns selbst hart ins Gericht gehen und überprüfen, was wir dazu beigetragen haben, eine lebenswerte Gesellschaft zu erschaffen, und ob wir das auch anderen, nicht zuletzt unseren Kindern, ermöglichen.
Vielleicht geht es bei dem Buch des Lebens auch die Lebensgeschichte der Anderen. Mit welchem Beitrag bin ich verzeichnet im Leben der Anderen.
Habe ich etwas Gutes beigetragen?
Das wäre schön.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Einschreibung.

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Das große Jom Kippur Kochen

Wir sind uns sicher alle einig, dass das Nachfeiern eines Sederabends am Gründonnerstag – dem Tag vor Karfreitag – durch wohlmeinende Menschen, ein zivilisatorischer Fortschritt ist. Jedenfalls besser, als das lokale Ghetto auf links zu ziehen. An diese An- und Enteignung haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Irgendjemand muss ja auch all die deutschsprachigen Haggadot kaufen…

Ein ganz besonderes Sahnestückchen dieser Chuzpe ist jedoch eine Veranstaltung, die am 19. September 2018 in Parchim stattfindet:

»Biblisch Kochen am Jom Kippur – Der Tag der großen Versöhnung«

Weiter heißt es in der Einladung:

Die jüdischen Festtage waren auch die Feste Jesu. Der wichtigste dieser Feiertage ist der Jom Kippur „Tag der großen Versöhnung“. Diesem Fest wollen wir nachgehen. In Anlehnung an die jüdischen Speisegesetze werden wir mit Zutaten aus der Bibel miteinander kochen.

Egal, dass der »Tag der großen Versöhnung« ein »großer Fastentag« ist und Jüdinnen und Juden (versuchen) zu fasten. In »Anlehnung« an die jüdischen Speisegesetze an Jom Kippur zu kochen, ist also aus jüdischer Sicht entweder ein satirischer Beitrag zum Christlich‑Jüdischen Dialog, oder einer mit einer ziemlich überschaubaren intellektuellen Tiefe.

Erinnert zumindest irgendwie an die Geschichte über eine Gruppe von jüdischen Atheisten, die sich an Jom Kippur zu einem Festessen traf, um dem Ewigen eins auszuwischen.

Hier die Veranstaltung bei facebook

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Das war Jom Kippur

[…]denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos

Teschuwah also die Umkehr verlangt eine (zuweilen schmerzhafte) Konfrontation mit sich selbst. Das dürfte der schwierigste Teil sein: Gewohnheiten abzulegen und sich neue (im Idealfall bessere) Verhaltensweisen anzueignen. Es ist schwierig, sich selber kritisch zu hinterfragen. Gut beraten sind diejenigen, die Korrektive haben, also Menschen, die einem die Wahrheit sagen und es dabei nicht böse meinen.
Rabbiner Josef Soloveitchik (1903–1993) schrieb, die Teschuwa sei ein aktiver Akt der Rückkehr zu G’tt und seinen Mizwot. Der Einzelne erschafft in diesem Prozess ein vollkommen neues »Ich«. Das ist echte Arbeit und nicht nur so eine Formel, die man vor Jom Kippur bei facebook postet:
»Hallo. Falls ich jemanden verletzt haben sollte, Sorry.«
Per Mail kommt das auch nicht so gut an.
Aber es gibt auch ein großes Ärgernis. Da gibt es nämlich auch diejenigen, die sagen »ich habe alles richtig gemacht«.
Das ist kein neues Phänomen, das ist schon im Tanach beschrieben: »rein bin ich, ohne Sünde, lauter, frei von Fehl.« (Ijow 33,9) Hochmut heißt das Wort dafür, das ist ein wenig aus der Mode gekommen – das Wort, die Tatsache nicht. Wie man damit umgehen soll, habe ich noch nicht gelernt. Das ist eine der Erkenntnisse von Jom Kippur.
Eine weitere Erkenntnis ist die Neuinterpretation eines Midraschs (Ejchah Rabbah):

Schmuel ben Nachman sagt:
»Gebet ist wie eine Mikwe und Tschuwah ist wie das Meer.
So, wie die Mikwe einige Zeit geöffnet ist und einige Zeit geschlossen, ist es auch bei den Toren für die Gebete, manchmal sind sie geöffnet und manchmal geschlossen.
Auf der anderen Seite ist das Meer immer offen und so sind es auch die Tore der Teschuwah.«

Das ist natürlich (auch) metaphysisch gemeint, aber wohl auch irgendwie ganz konkret, denn so sieht es dann wohl auch in der Synagoge aus. Manchmal fällt es leicht sich zu konzentrieren und manchmal fällt es schwer, besonders wenn das Umfeld nicht sonderlich förderlich ist. Etwa, weil niemand anderes mitbetet, oder die Menschen mit anderen Dingen beschäftigt sind, oder ganz simpel nur desinteressiert.
In diesem Jahr waren die Tore in dieser Hinsicht geöffnet.
Das (oder ein) Geheimnis lag darin, dass die Beter sich verantwortlich fühlten für das, was in der Synagoge passierte. Sie waren tatsächlich aktiv und keine passiven Beobachter und deshalb vielleicht gelangweilt. Der Weg dahin begann vielleicht mit der Erkenntnis, dass man etwas unternehmen müsse. Mit kritischer Selbstbewertung… womit wir wieder am Beginn wären.

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Ne’ilah

Wettkämpfe sind dann besonders spannend, wenn die Kontrahenten nicht nur gegeneinander kämpfen, sondern auch gegen die Zeit. In den letzten Minuten schaut das Publikum gebannt auf die Uhr und das Spielgeschehen. Bis zum Ende ist jeder Spielzug wichtig. Diese Stimmung kann man auf die letzten Minuten von Jom Kippur übertragen. Zehn wichtige Feiertage kommen zu ihrem Ende.

Den gesamten Artikel über die Ne’ilah gibt es hier, auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen.

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Für die zehn Tage: Avinu Malkejnu

In den Tagen vor den Rosch haSchanah gab es hier eine ganze Reihe von Musik-Videos für Rosch haSchanah. Während der gesamten Hohen Feiertage begegnet einem immer wieder Avinu Malkejnu. Die traditionelle Variante gab es hier zu sehen. Menachem Weinstein hat diese Melodie zwar auch verwendet, aber etwas zeitgemäßer ins Bild gesetzt:

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Jom Kippur erschweren

Dieses Jahr hat sich Jom Kippur anders angekündigt als in der Vergangenheit. Zunächst bemerkte ich es gar nicht so genau. Erst als sich das Phänomen häufte, wurde mir klar, was da gerade passierte. Es kündigte sich durch häufige Einladungen zum Kiddusch nächste Woche an. Ja, nächsten Schabbes zahle ich den Kiddusch für euch, war überall zu hören und Aufgepasst zum Kiddusch nächste Woche spendiere ich Lachs und Wein für alle, oder Nächsten Schabbes machen wir einen großen Kiddusch bei uns zu Hause.

Den gesamten Text aus der Reihe Neulich beim Kiddusch, kann man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen lesen hier

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Auf der anderen Seite

Einige, persönliche, introspektive Gedanken nach Jom Kippur.
Auf der anderen Seite von Jom Kippur angekommen… ich hoffe, alle anderen Leserinnen und Leser auch. Dieser Jom Kippur war für mich ein Novum, weil ich das erste Mal die Neilah nicht erlebt habe. Kurz vorher demonstrierte der Körper, dass er seine eigene Meinung zum Ausbleiben von Speis und Trank hatte und ermöglichte seinem Bewohner eine horizontale Perspektive. Vollständiger Kollaps. Sehr unangenehm.
Angenehm war es zuvor in der Synagoge. Sehr lebendig das Spiel darum, wann man den Torahschrank öffnet und wann er geschlossen bleibt. Der Rabbiner, der zweite Vorbeter, sein Begleiter und ich hatten offenbar vollkommen andere Machsorim mit jeweils eigenem Nussach. Es stellte sich heraus, dass die russischen Machsorim Nussach haAri, also Chabadmachsorim waren, der des Rabbiners wohl die Machsorauflage des Rinat Israel, der Begleiter eine Ausgabe des neuen Machsors aus Frankfurt. Ich nutzte eine ArtScrollausgabe (im nächsten Jahr wohl eher Koren). Früher wurde der Rödelheimer Machsor verwendet – der enthält jedoch kein Untane Tokef für Jom Kippur. Dynamik also immer dann, wenn jemand aufstand, um den Vorhang zur Seite zu ziehen und viele der Meinung waren, dass gerade jetzt nicht Zeit dazu sei…
Eine große Mechilah erging bereits hier, auf der anderen Seite hatte ich auch fest mit einer solchen gerechnet von Personen, auf die ich im vergangenen Jahr zugegangen war und denen ich die Hand reichte (Stichwort Wir haben bereits jemanden der das macht und dann Wochen später wieder fragt, wer etwas ehrenamtlich übernimmt). Kurz vor Jom Kippur verstarb aber auch ein jüdischer Mann aus meinem Umfeld, der kein entsprechendes Begräbnis erhalten konnte, weil man ihm die Mitgliedschaft in der Gemeinde verwehrte. Er wandte sich erst im letzten Abschnitt seines Lebens der Gemeinde zu und fand, es war Zeit, sich vielleicht noch ein wenig zu engagieren, auch wenn ihm der religiöse Zugang fehlte. Die wollte ihn jedoch nicht aufnehmen und so bestatten ihn nichtjüdische Verwandte so, wie sie es für richtig hielten.
In kurzen Worten: Im kommenden Jahr gibt es noch ausreichend Möglichkeiten, aus der Welt einen besseren Ort zu machen.