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Wütend

Israel haYom titelt mit dem Bekenntnis der Hamas: 50 der Opfer waren unsere Kämpfer.

Es muss einen empathischen Menschen doch wütend machen, dass es Leute gibt, die in einem den blanken Hass auslösen und das mit Absicht. Leute, die wollen, dass man die Kontrolle verliert und emotional reagiert. Und dass dieses Gefühl auch in mir aufkeimt, macht zumindest mich wütend.

So habe ich mehrere Tage die Situation an der Grenze zu Gaza beobachtet – wie viele andere auch.
Seien wir nicht naiv.
Dass sie entstanden ist, hat nichts mit der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem zu tun. Die Eröffnung markiert ohnehin nur eine Tatsache. Jerusalem ist schon länger als eine Woche die Hauptstadt Israels. Einer besonderen Zeremonie hätte es da gar nicht bedurft, um diese Selbstverständlichkeit zu markieren.

Aber zurück nach Gaza.
Der »große Marsch der Rückkehr« – gemeint ist die Rückkehr in die Dörfer, die man nach dem Angriff auf Israel verlassen musste – wurde schon vor längerer Zeit für den Tag der »Nakba« geplant. Vollkommen unabhängig von der Eröffnung der Botschaft.
Es wäre dumm, anzunehmen, dass die Hamas, die Regierung von Gaza, die Israel vollständig vernichten will (Charta), plötzlich ihre Friedfertigkeit demonstrieren will.

Früher war es bei Auseinandersetzungen so, dass die Kontrahenten die Opferzahlen auf eigener Seite möglichst niedrig halten wollen – und die auf der anderen Seite möglichst hoch oder »effektiv«. Hier ist es genau umgekehrt. Der Staat Israel hat es mit einer Organisation zu tun, die Opferzahlen maximieren möchte. Das dürften sogar die Menschen vor Ort wissen. Dass man das in den Medien hier nicht sehen will, wundert schon ein wenig. Darüber, dass man mehrfach am Grenzübergang Kerem Schalom Feuer gelegt hat, um die Energieversorgung zu unterbrechen und humanitäre Hilfsgüter wieder zurück nach Israel schickt, davon erfährt man hier auch wenig.

Die Berichte zeigen, dass man versucht hat, möglichst viele Menschen dazu zu motivieren, den Grenzzaun zu überwinden (New York Times, hier). Nicht um in die Heimatdörfer der Vorfahren zu marschieren, sondern um Menschen zu töten. Was für einige wenige Kämpfer der Hamas nicht möglich wäre, soll die bloße Flut der Menschen schaffen.
Auf der anderen Seite israelische Soldaten. Verstärkte Posten. Es wird Tränengas eingesetzt, es fallen Schüsse und Menschen sterben.

Jetzt kann man natürlich sagen: »Ja, darauf hat es die Hamas doch angelegt.« Und das ist nicht einmal so falsch. Oder man bedauert auch diese Toten und sieht sie als Opfer ihrer eigenen Regierung und bedauert, dass die israelischen Soldaten gezwungen waren, auf die Menschen zu schießen, die den Grenzzaun überwinden wollten, um möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber in meiner Filterblase habe ich das kaum sehen können. Es muss Zeit bleiben, um sich die Situation anzuschauen und zu bewerten. Nachzudenken. Es kann doch nicht darum gehen, als erster ein Statement dazu bei facebook oder twitter zu posten?!

Das »na und? das war so beabsichtigt« überwiegt und das sind die Auswirkungen einer solchen Auseinandersetzung in den sozialen Medien – eine gewisse Gleichgültigkeit für die Zahlen. Auch wenn wir jüngst gelernt haben, dass 50 der etwa 65 Toten Soldaten der Hamas waren, ist die Tatsache, dass es dazu überhaupt kommen musste, doch tragisch?

Tragisch, dass das Leben der eigenen Kinder so wenig wert ist, dass man es als Waffe verwendet und andere dazu zwingen will, sie zu töten.
Tragisch, dass man anderen Hass aufzwingen will, den diese Leute vielleicht gar nicht empfinden – oder empfinden wollen.

Genau dies ist auch das Ziel derjenigen, die den Hass auf Juden auch in die Diaspora tragen und dort Gemeindehäuser oder gar Menschen angreifen. Sie wollen, dass man sie hasst.
Was sonst?
Einen taktischen Vorteil wird man dadurch ja wohl kaum erringen können. Diese Agenda wird mehr Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verursachen.

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Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne

Diese Rezension musste etwas reifen, denn das Buch, um das es hier geht ist ungewöhnlich.
Spannend zu lesen und zugleich auch anstrengend, auf beunruhigende Weise intelligent und dennoch möchte man nicht jeden Gedanken mitgehen. Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es eine Zusammenstellung von Texten zu Jerusalem oder Israel?
Doch lasst uns vorher einen Schritt zurückgehen. Zum Thema des Buches »Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne«.
Jerusalem – diese Stadt besteht zu drei Vierteln aus Text und was wir in sie hineinprojizieren und zu einem Viertel aus der tatsächlichen Stadt. Die Stadt des Tempels, der Könige und der Propheten. Die Stadt, die im Gebet zur Hoffnung aller Juden im Exil geworden ist, ganz gleich, wie weit sie entfernt waren. Wir können uns vorstellen, dass kein irdischer Ort mit dieser Idealvorstellung mithalten kann. Zehn Maß Schönheit gäbe es in der Welt und neun habe Jerusalem erhalten (Kidduschin 49b). Und dann? Pizza Schemesch statt goldener Sonnenuntergang, Beter vor der Westmauer, Bar Mitzwah Fotos und laut rufende Menschen statt stiller Einkehr. Beständig Streit um die paar Quadratmeter vor der Westmauer. Diese Stadt beschreibt Alexander Ilitschewski aus vielen Perspektiven. Er schildert Menschen, kurze Ausrisse aus Gesprächen von der Straße, Stimmungen oder kurze Momente. Das tut er besser, als es ein Foto könnte:

»An Jom Kippur ist die Stadt gespenstisch still. Eine Stille, die man nicht einfach genießt, sondern in die man gebannt hineinhorcht. Die Fenster sind geöffnet, du lauschst der Stille, lauschst, wie die Stadt schweigt, hörst Gesprächsfetzen vorübergehender Menschen […] Diese Stille erzeugt die Stadt selbst: Es ist kein Schweigen, sondern eine geheime, kaum hörbare Melodie.« (Seite 49)

Dann widmet er sich ausführlich der Topographie der Stadt, vergleicht sie, analysiert sie und schildert die Eindrücke, die der Betrachter an einem bestimmten Ort dadurch gewinnt. Immer wieder geht er auf die Perspektiven ein. Er beschäftigt sich mit der »Durchsichtigkeit« von Jerusalem, die neue Blicke auf andere historische und topographische Schichten freigibt und die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmelzen. Das spiegelt sich auch in der Anordnung der Texte. Einige von ihnen sind eingestreute Gedichte. Das Buch ist also zugleich Reisebericht, als auch Gedichtsammlung. Reisebericht und Einführung in die Geschichte des Ortes. So lässt der Autor den Leser zwar auch an seiner Anreise mit dem Flugzeug teilhaben, oder an seinen Ausflügen ans Tote Meer, nach Haifa oder Tel Aviv. Aber währenddessen gelingt es Ilitschewski auch über das jüdische Volk, das Judentum, über Islamismus und den jüdischen Staat, über jüdische Erfinder und über Psychoanalyse zu schreiben.

Blick ins Buch

Vielleicht konnte dieses Buch nur jemand wie Ilitschewski schreiben, jemand der den »Außenblick« hat. Ilitschewski wurde 1970 geboren, als seine Heimat Aserbaidschan noch Teil eines anderen Staates war – als Jude also in der Sowejtunion.
Er studierte in Moskau dann Physik, lebte aber auch in Kalifornien und heute in Israel. Überall also niemand, der ein »Insider« ist.

Ilitschewskis Studien haben sich nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt. Nicht viele andere Bücher machen derart viele Anspielungen auf andere Texte. Es wird wirklich wenige Leser geben, die wirklich mit jeder Anspielung etwas anzufangen wissen. Das ist sehr belesen und weise von Ilitschewski , aber wirkt zuweilen wie ein literarischer Schwanzvergleich. Und »ja«, er kennt einfach mehr Texte als der Leser.

Ob das in der russischen Originalausgabe auch der Fall ist, kann ich nicht sagen. In der vorliegenden Ausgabe hat sich der Verlag »Matthes und Seitz« jedenfalls Mühe gegeben und einen Anhang mit Anmerkungen erstellen lassen. Darin hat man sich bemüht, nahezu alle genannten Personen und Dinge zu erklären. Das ist lobenswert, leider sind einige biographische Angaben jedoch falsch, aber für ein Buch, das in diesem Ausmaß intertextuell arbeitet, ist das schon sehr mühsam und nimmt dem Leser vielleicht etwas zu viel Arbeit ab. Zitate werden dann in einem weiteren Anhang mit Fußnotenzahlen ausgewiesen. Niemand hat die vielen intertextuellen Stellen in Michel Houellebecqs »Unterwerfung« je erklärt, dabei geben diese dem Buch noch eine ganz andere Perspektive.
Dann wäre da noch der Sch(m)utzumschlag. Da dieser bekanntermaßen in den Müll gehört, verliert man damit auch wichtige Informationen zu den letzten Umschlagklappen.

Für jemanden, der sich aufrichtig für Israel und Jerusalem interessiert und zugleich Sprache zu schätzen weiß, ist »Jerusalem« genau das richtige Buch. Dem Verlag sei an dieser Stelle für das Heben dieses literarischen Schatzes ausdrücklich gedankt.

Infos zum Buch
Alexander Ilitschewski
Jerusalem
Stadt der untergehenden Sonne
224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Gorod Zakata (Russisch)
Übersetzung: Jennie Seitz
Erschienen: Ende 2017
ISBN: 978-3-95757-465-7

Leseprobe

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5 Namen

Ma'ariv Montag 14. März

Ehud Fogel, 35, sel. Ang.
Ruth Fogel, 34, sel. Ang.
Joav, 11, sel. Ang.
Elad, 4, sel. Ang.
Hadas, 3 Monate, sel. Ang.

zuhause erstochen abgeschlachtet durch Angehörige der Al-Aksa-Brigaden, am Erew Schabbat. Auf den Bildern (die ich hier nicht verlinke) kann man sehen, dass der Mörder den Kindern die Kehlen durchschnitt.
Die 12jährige Tochter Tamar (oben auf dem Titelblatt der Ma’aariw, fotografiert während der Beisetzung) der Familie fand ihre ermordete Familie spät in der Nacht zuhause (lies hier).

An der Beisetzung in Jeruschalajim nahmen gestern 20.000 Menschen teil. Dort sprach auch der ehemalige aschkenasische Oberrabbiner Me’ir Lau – Man fühlt den Schmerz, fühlt den Zorn und vor allem die Machtlosigkeit:

Thousands Attend the Funeral of the Fogel Family, Rabbi Lau Adrresses the Crowd from CrownHeights.info on Vimeo.

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Hurva Synagoge besetzt

Das Innere der Hurva Synagoge

Das Innere der Hurva Synagoge

Seit dem 15. März 2010 strahlt die Hurva Synagoge im jüdischen Viertel Jeruschalajims wieder im alten Glanz. Seitdem die Synagoge 1948 von jordanischen Soldaten gesprengt wurde, stand sie als Ruine in der Altstadt und erst 2005 wurde der Beschluss gefasst, die Synagoge nach den alten Originalplänen wieder aufzubauen. Schon drei Jahre vor Fertigstellung der Synagoge, im Februar 2007 wurde Rabbi Simcha HaCohen Kook zum Rabbiner erklärt.

Da es sich hier um ein historisches Monument handelt, war recht schnell klar, dass auch der israelische Staat sich an den Baukosten beteiligen würde, ursprünglich sollte der Staat Israel etwa 5 Millionen Euro beitragen, was in etwa 85% der Baukosten abdecken sollte. Federführend war die Company for the Reconstruction and Development of the Jewish Quarter Tatsächlich beschränkte sich die Summe dann auf etwa 2,3 Millionen Euro. Die restliche Summe zahlte der Geschäftsmann Vadim Rabinovich. Theoretisch der Grundstein für eine grandiose Geschichte und einen weiteren Magneten für jüdische Besucher Jeruschalajims. Tatsächlich ist es aber etwas anders gekommen, wie die Jerusalem Post berichtet.
Einige charejdische Juden nutzen die Synagoge nun für sich und sind nicht besonders begeistert über Besucher. Obwohl die Synagoge mit öffentlichen Mitteln bezahlt wurde, bestimmen sie nun, wer zu welcher Zeit die Synagoge anschauen darf und erheben eine Eintrittsgebühr von etwa 6 Euro. Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung: Zu sehen ist die Synagoge nur vom Frauenbereich aus. Der Bereich für Männer bleibt verschlossen.
Die Charejdim gehören zur Gemeinde von Jitzchak Schlomoh Zilbermann, der 2001 verstarb. Etwa 90 Familien gehören zu dieser Gemeinde in der Altstadt und etwa 20 Männer studieren nun den Tag über in der Hurva Synagoge, die nun anscheinend ihre Synagoge ist. Ein ähnliches Vorgehen wurde ja bereits an der Kotel beobachtet (siehe hier).

Creative Commons License Das Bild der Synagoge fällt unter die Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported License. Es stammt von Ranbar.