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Überraschende Statistik aus der Schweiz

Die Synagoge in Zürich (Löwenstrasse) – Roland zh, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Dden Blick auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen nicht nur auf Deutschland zu richten, kann hilfreich sein, um Vergleiche zu ziehen und allgemeine Trends erkennen zu können. Es kann jedoch auch hilfreich sein zu schauen, was in anderen Ländern getan wird, um Mitgliederrückgänge vielleicht zu verhindern. Ein Blick in die Schweiz scheint da interessant zu sein. Der Blick in die Schweiz hält jedoch eine Überraschung bereit.

Ohne spoilern zu wollen: Im Gegensatz zur Schweiz, ist Deutschland viel weiter. Zumindest mit Blick auf die Zahlen. Der SIG (Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund) hat nämlich keine demographischen Daten. Das berichtete Tachles am 16. Oktober 2020 unter der Überschrift »Gemeindejudentum und seine Grenzen«. Fest steht lediglich, dass es zwei Dachverbände gibt: Den SIG und die Plattform der Liberalen Jüdischen Gemeinden der Schweiz (PLJS) – beide gemeinsam würden etwa 35 Prozent der rund 50.000 Juden der Schweiz vertreten und auch diese Zahlen stammen aus dem Jahr 1997. Nur ein Drittel der Juden in der Schweiz gehören also den Dachverbänden an. Bei einer Volkszählung im Jahr 2000 hätten 17.914 Personen angegeben, jüdisch zu sein.

Und wie sieht es innerhalb der Gemeinden des Dachverbandes aus? Auch hier unklare Zahlen: Die gibt es nicht. Der Dachverband kann darüber keine Auskunft erteilen. Denn die Gemeinden zählten unterschiedlich: Für einige Gemeinden zählten Einzelpersonen ohne Familie, aber auch Ehepaare jeweils als ein Mitglied, bei anderen würden ganze Familien als einzelne Mitglieder aufgeführt. Grob kann man also sagen, dass viele Gemeinden die »Haushalte« erfassen.

Kein Wachstum wohl eher Rückgang

Der Tachles-Artikel zieht aber einen weiteren Bogen und berichtet von Ralph Weill, der auch externe Zahlen betrachtet hat, um herauszufinden, was in Deutschland die ZWST recht sicher erfasst. So fragte man beim israelischen Büro für Statistik an, wie viele Jüdinnen und Juden aus der Schweiz nach Israel eingewandert sind und erfuhr, dass es seit 1990 etwas etwa 1.500 Personen Personen waren.

Er berichtet weiter, dass 60 Prozent der Eheschließungen von Jüdinnen oder Juden mit einer nichtjüdischen Person geschlossen werden würden. Die Gemeinde die Israelitische Gemeinde Basel schrumpfte im laufenden Jahrhundert um ein Drittel (! und das obwohl die Gemeinde offensiv um Mitglieder wirbt), die Israelitische Gemeinde Kreuzlingen löste sich gar auf. Wachstum hingegen gäbe es bei der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich und der Communauté Israélite de Genève (Genf). Zürich bliebe stabil mit 2.500 Mitgliedern (Haushalte? Personen?).

Die Situation scheint also der deutschen zu ähneln, allerdings gibt es in Deutschland mehr Zahlen (überhaupt verlässliche), um Maßnahmen zu begleiten oder überprüfen zu können. Vermutlich sollte man das auch in der Schweiz ins Auge fassen und betrachten, wie überhaupt die demographische Situation ausschaut.

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Hamburgs liberale Gemeinde

Wenn Rabbiner Walter Rothschild eine zusätzliche Superhelden-Identität hätte – ich bin mir nicht sicher, ob er nicht vielleicht eine hat – wäre er vermutlich »Machlojkes-Man«. 
Nicht weil er streitsüchtig wäre, sondern weil er jemand ist, der alles grundsätzlich hinterfragt. Wenn ihm jemand sagt: »Das ist der Status Quo«, wird Rabbiner Rothschild antworten: »Warum?«.Das ist eine hervorragende Eigenschaft für einen Rabbiner, aber eine unangenehme für diejenigen, die es gerne gemütlich und statisch haben. Es wäre euphemistisch zu behaupten, Rabbiner Rothschild wäre damit »angeeckt« (siehe etwa den Tagesspiegel). »Angekantet« oder »angepfostet« wären bessere Begriffe dafür.
In einer rabbinergeführten Gemeinde, wie es sie zuweilen außerhalb Deutschlands gibt, könnte er sein gesamtes Potential entfalten.

Zuletzt wurde er nach Hamburg ge- oder berufen. In die »Liberale Jüdische Gemeinde«, die sich als »Nachfolgegemeinde des Neuen Israelitischen Tempelverein(s) von 1817 (5578)« betrachtet (laut Homepage). 2017 zunächst als »Assistenz-Rabbiner« seines Reform-Amtskollegen Mosche Navon. In diesem Jahr dann als »Vertretung«.
Dieser war zu diesem Zeitpunkt noch Rabbiner dieser Gemeinde und wurde (ernsthaft) krank. Er musste ins Krankenhaus und zog Rabbiner Rothschild ins Vertrauen. Das könnte man durchaus als »verantwortungsbewußt« bezeichnen.
»Machlojkes Man« sollte also den Rabbiner vertreten. Er kam dann auch, allerdings nur für kurze Zeit, denn er erhielt Hausverbot in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg.
Ist das die ganze Geschichte?
Natürlich nicht. Wie in jeder Geschichte über Superhelden, treten sie dann auf den Plan, wenn ihr eigentliches Ich eine Ungerechtigkeit aushalten musste. Hier allerdings ohne einen großen Triumph.
Rabbiner Rothschild ließ nämlich nicht locker, obwohl es nicht mehr nur um ihn ging:

Noch während Navon im Krankenhaus war, meldete der Evangelische Pressedienst am 18. Juni, dass man einen neuen Rabbiner für Hamburg gefunden hätte.

Rabbiner Daniel Alter sei der Nachfolger von Navon bzw. von Rabbiner Rothschild. Das fand schnell den Weg auf »Welt«-Online. Zu diesem Zeitpunkt war die Nachricht allerdings so nicht ganz richtig. Es war wohl geplant, dass Rabbiner Alter die Krankheitsvertretung übernimmt. Irritierend daran war, dass sowohl die Gemeindevorsitzende, als auch Dritte, die es besser hätten wissen müssen, die Meldung über die sozialen Medien weiterreichten. Und zwar in der Form: Rabbiner Alter kommt nach Hamburg. Der Pressedienst hat die Meldung später übrigens geändert und daraus eine Krankheitsvertretung gemacht.

Unbeteiligte haben spätestens jetzt gemerkt: Hier stimmt etwas nicht.

Am 3. Juli, also nur etwa zwei Wochen später, sendet die Gemeinde, besser gesagt, die Vorsitzende, eine Mail aus:

» […] unsere Gemeinde hat heute nach 5-jähriger Tätigkeit den Landesrabbiner Dr. Moshe Navon in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Rabbiner Dr. Navon hat sein Rentenalter bereits im April 2020 erreicht, somit wurde laut Vertrag sein Dienst bei der LJGH e.V beendet.«

Rundmail an Mitglieder des Freundschaftsvereins

Zu diesem Zeitpunkt war Rabbiner Navon noch krankgeschrieben.

Im NDR erfahren wir von Rechtsanwalt Felix Meschenmoser, der Rabbiner Navon mittlerweile vertritt, dass dieser eine Kündigung erhalten habe und vier Monate rückwirkend durch die Gemeinde von der Krankenversicherung abgemeldet wurde – wir erinnern uns – Rabbiner Navon lag im Krankenhaus. Sicherlich kein günstiger Spaß.
Anwalt Meschenmoser berichtet auch, dass ihm eine Zusicherung aus der Vergangenheit vorliege, in der die Gemeindevorsitzende Galina Jarkova, dem Rabbiner verspricht, ihn auch nach dem Eintritt ins Rentenalter weiter zu beschäftigen. Dazu ist es dann aber doch nicht gekommen. Der Anwalt hält das für unzulässig.

Nahezu zeitgleich meldeten sich zwei Mitglieder des Vorstands und berichteten, dass sie von den Vorstandssitzungen ausgeschlossen worden seien. Am Anfang des Jahres seien sie zuletzt bei einer solchen Sitzung anwesend gewesen. Danach seien alle Beschlüsse, inklusive des Haushaltsplans, durch die Vorsitzende und einen Schatzmeister getroffen worden.

Rabbiner Rothschild hat sich also nicht zurückgezogen, sondern machte die Sache dann publik. Der NDR hat, wie beschrieben, darüber berichtet. Die Sache beschäftigt nun ein Gericht.
Offen dürfte noch sein, ob der oder die Vorstandsvorsitzende einfach andere Mitglieder des Vorstands abberufen kann. Wenn das in der Satzung steht, wäre das wohl zulässig, aber irgendwie natürlich eine seltsame Konstruktion.

Der Vorstand hat unterdessen Kontakt zu den Mitgliedern und den »Freundschaftskreis« (der Freundschaftskreis ist offenbar eine Gruppe nichtjüdischer Unterstützer) der Gemeinde aufgenommen: Es wurde deutlich gemacht, dass nur Mails von bestimmten Absenderadressen für die Gemeinde sprechen dürften. Andere seien nicht befugt, zu kommunizieren.

Einer dieser Rundbriefe enthielt ein bemerkenswert offenes Statement und eigentlich hätte man diesen Artikel nur auf dieses Statement herunterbrechen können:

»Es ist zu beachten, dass es in unserer Gemeinde noch immer einzelne Personen gibt, die von persönlichen Interessen geleitet sind, unterschiedliche Meinungen und Aussagen zulassen und damit Spannungen im Kollektiv erzeugen.«

Zitat aus einem Rundbrief

Augenblicklich ist noch alles offen. Machlojkes-Man hat also nicht gewonnen, aber dem Vorstand hätte vermutlich klar sein müssen (siehe etwa den Bericht in der Welt), auf was er sich da einlässt. Einer Auseinandersetzung geht er nicht aus dem Weg. Offenbar geht es Machlojkes-Man nicht um den Sieg, sondern irgendwie um Gerechtigkeit. Was Rabbiner Navon betrifft: Hier ist bis zur gerichtlichen Klärung alles offen. Vielleicht erklärt sich die Gemeinde zuvor noch öffentlich. Der Schaden geht über das hinaus, was Rabbiner Navon passiert ist.

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Mitgliederstatistik 2019

Die Entwicklung der Mitgliedschaftszahlen 1946–2019

Dass die Zahl der Gemeindemitglieder kontinuierlich sinkt, ist kein Geheimnis. Dass der Trend sich fortsetzt, war zu erwarten. Nun schauen wir, wie »stark« der Rückgang ist. Am Ende des Jahres 2019 hatten die Jüdischen Gemeinden 94.771 Mitglieder (2018 waren es noch 96.195). Das wäre ein Rückgang von 1,5 Prozent.
245 Geburten standen 1.434 Todesfälle gegenüber.
146 Menschen sind ausgewandert, aber 527 Menschen eingewandert. Das ist gar keine kleine Zahl.
Mit 372 ist die Zahl der Austritte zurückgegangen. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen, dürften die Austritte je Tausend Mitglieder sein: 2018 waren das etwa 215 (hier gab es im liberalen Landesverband Schleswig-Holstein eine Austrittswelle) und 2019 nur noch 67.
Spitzenreiter bei diesen Austritten ist (ungebrochen) Berlin. Hier bewegt sich die Anzahl von Austritten je Tausend stabil zwischen 15 und 16.
Interessant ist noch immer, dass nicht alle Menschen die umziehen (397) auch in anderen Gemeinden ankommen (382). Diese Zahl muss man jedoch über einen längeren Zeitraum verfolgen und so feststellen, wie hoch die Zahl derjenigen ist, die sich nicht wieder in einer Gemeinde angemeldet haben. Hier steckt übrigens dann Potential für erneute »Eintritte«.
2019 gab es 102 Übertritte. Mit 19 ist der Landesverband Niedersachsen (nicht der liberale) hier anscheinend der Spitzenreiter.

Werfen wir also einen Blick darauf, wie sich das Wachstum der Gemeinden entwickelt:

Entwicklung des Wachstums seit 1990

Schon 2018 wurde Berlin als größte Gemeinde des Landes »abgelöst« und München überholte die Gemeinde der Hauptstadt. Was wir von Berlin nicht wissen, ist wie sich das Wachstum der zwei Adass Jisroel Gemeinden entwickelt.
Von den größten jüdischen Gemeinden in Deutschland, schrumpft München am »langsamsten«. Für einen Vergleich wurde hier das Jahr 2010 gewählt (der »Höhepunkt« der Gemeindemitgliedschaften war 2006 mit 107.794 Personen. Mit diesem Jahr wird also die Entwicklung betrachtet. Nimmt man etwa das Jahr 1989, den der Zuwanderung, dann schreiben wir natürlich immer eine Erfolgsgeschichte, aber wir wollen ja den gegenwärtigen Zustand betrachten und vielleicht sogar einen Blick in die Zukunft werfen. Unter dieser Voraussetzung hat Berlin in 9 Jahren 14,7 Prozent (also gerundet 15) der Gemeindemitglieder verloren. Das sind 1.562 Personen, oder eine mittelgroße Gemeinde.

Für die sechs größten Gemeinden sieht man die Entwicklung in der folgenden Tabelle. Schnell sieht man, dass München – im Vergleich jedenfalls – ziemlich gut ausschaut. Hier hat man in 9 Jahren »nur« zwei Prozent der Mitglieder verloren:

Stadt20102019WachstumWachstum/Prozent
München9.4619.274-187-2,0 %
Berlin10.5999.037-1.562-14,7 %
Düsseldorf7.0806.657-423-6,0 %
Frankfurt a.M.6.8326.316-516-7,6 %
Hannover4.4894114-375-8,4 %
Köln4.4184071-347-7,9 %
Die sechs größten Jüdischen Gemeinden in Deutschland 2019 / Wachstum im Vergleich zu 2010

Auf der folgenden Karte werden die zehn größten Gemeinden dargestellt. Diese zehn Gemeinden stellen 53 Prozent der Mitglieder aller Gemeinden! Bei 104 jüdischen Gemeinden in Deutschland sagt das viel über die Verteilung. Etwa die Hälfte der Gemeinden stellen also Kleingemeinden. Es ist auch vermerkt, mit welcher Wachstumsrate die Gemeinden seit 2010 gewachsen sind, oder eben geschrumpft.

Die Entwicklung der 10 größten jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 2010.

Interessant ist es vielleicht, die letzten Synagogeneröffnungen mit den entsprechenden Entwicklungen der Mitgliederzahlen zu betrachten. Auf talmud.de gibt es seit kurzer Zeit eine chronologisch sortierte Liste der Synagogenbauten. Wir betrachten die letzten vier (für die Gemeinden Unna und Ulm gibt es keine Zahlen):

StadtJahr d. EröffnungMitglieder 2010Mitglieder 2019
Konstanz2019456331
Regensburg20191.0011.006
Rottweil2017257279
Cottbus2015342498

Es ist offensichtlich, dass sich die Zahlen hier zunächst recht positiv entwickelt haben.

Aber weitere Gemeinden sind seit 2010 gewachsen! Etwa Nürnberg. Nürnberg hatte 2010 1.883 Gemeindemitglieder. 2019 waren es dann 2271. Das wäre ein Zuwachs von 21 Prozent. Oder das »Jüdisch-Sefardisch-Bucharisches Zentrum« Hannover. Von 240 Mitgliedern 2010 zu 340 Mitgliedern 2019. Das wäre ein Zuwachs von 42 Prozent. Fürth (also in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nürnberg) um 14 Prozent, von 298 auf 341 Mitglieder. Die Minigemeinde Minden wuchs auf 90 Mitglieder an. 2010 waren es noch 82, aber zwischenzeitlich (2017) waren es auch schon 95 Menschen. Die weitere Entwicklung ist hier stark anhängig von der ungünstigen Altersverteilung und ist vielleicht eher eine verzögerte Entwicklung, als eine gegenläufige.

Zur Altersstruktur: Noch immer machen die Senioren (hier zähle ich alle Leute ab 61 Jahren dazu) den größten Teil (48 Prozent) aus:

Altersstruktur der Jüdischen Gemeinden.

Was man nicht auf den ersten Blick erkennt: Ab dem 31. Lebensjahr gibt es einen massiven Überhang von Frauen. Bedeutet: Eigentlich müsste ein Wettstreit um jüdische Männer ausgebrochen sein. OK, in der Alterskohorte 31 bis 40 sind es nur 33 Frauen mehr. Zwischen 41 und 50 sind es aber bereits 930 (!) und zwischen 50 und 60 dann 950.

Die kleinste Gemeinde des Landes war Ahrensburg-Stormarn mit 20 Mitgliedern (eine liberale Gemeinde, etwa 30 Kilometer von Hamburg entfernt).

Fazit Weiterer Rückgang

Es bleibt dramatisch, auch wenn sich zwischenzeitlich Chancen ergeben, dass sich lokal etwas ändert. Die großen Gemeinden, die ja den größten Teil der Mitglieder repräsentieren, zeigen vermutlich heute schon eine Entwicklung, die später kleinere Gemeinden einholen wird. Wie es für sie dann ausschaut, wird sich zeigen. Eines steht fest: München wird für längere Zeit die größte Gemeinde bleiben.

Die gesamte Liste kann bei der ZWST direkt heruntergeladen werden.

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Über den Verlust der Mitglieder reden

von links nach rechts: Marat Schlafstein, Chajm Guski, Laura Cazés, Anja Olejnik und Marc Grünbaum.

Der Gemeindetag des Zentralrates fand am Wochenende direkt vor Chanukkah in Berlin statt. In zahlreichen Sessions wurde viel über die große Politik und die Gemeinden diskutiert. Eine Diskussionsrunde widmete sich dem Thema »Die Gemeinde, ein Platz für alle? #claimyourspace« und stellte die Frage, wie man Gemeinden zu Orten machen könnte, an denen sich alle Generationen und Gruppen wohlfühlen. So wurde, vermutlich stellvertretend für viele Gruppen, die lgbtqi* Gruppe eingeladen bzw. der stellvertretende Vorsitzende von Keschet Deutschland Professor Leo Schapiro. Für die Gruppe der Studierenden nahm Avital Grinberg, von der Jüdischen Studierendenunion teil. Die Diskussion oszillierte zunächst zwischen der Frage, ob queere Juden in den Gemeinden willkommen wären und was Gemeinden für die jüngere Generation im Angebot hätten. Und tatsächlich gab es eine Diskussion und kein wechselseitiges Bedauern, was alles noch nicht optimal funktionieren würde. Es wurden sachlich, aber engagiert Standpunkte ausgetauscht und von guten und schlechten Erfahrungen berichtet. Die Perspektive der Gemeinden verteidigte Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Irgendwo zwischen »die Jugend kommt nur zu BBQs« und »die Jugend braucht einen Platz« wurde nach Möglichkeiten gefragt, wirklich »alle« in die Gemeinde zu holen. Wer hat die Hol- und wer die Bringschuld? Müssen die Leute auf die Gemeinde zugehen, oder die Gemeinden auf die Leute? Als Konsens ließ sich festhalten, dass die Gemeinden sich natürlich allen öffnen müssten, aber das »wie« noch ausgestaltet werden müsste.
Das hat recht viel mit der Entwicklung der Gemeinden zu tun. Wie sieht die Gemeinde in x Jahren wohl aus? Wer wird das gestalten?

Im Grunde genommen, war das indirekt Thema einer Runde unter dem Motto »Der letzte macht das Licht aus?« über die sehr ungute Entwicklung der Mitgliedszahlen. Hier diskutierten Marat Schlafstein, Jugendreferent beim Zentralrat, Anja Olejnik, Programmmangerin beim American Jewish Joint Distribution Committee in Deutschland, Marc Grünbaum, Kultur- und Jugenddezernent und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und meine Wenigkeit als »Beobachter« der Situation, der das Thema Demographie und Gemeindestatistik immer wieder aufgreift. Laura Cazés, Beraterin der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) moderierte das Thema. Die ZWST veröffentlicht jährlich tapfer die Mitgliedszahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Licht aus? Konstruktiv

Die Diskussion zeigte schnell, dass die Beobachtungen geteilt werden, aber die Schlussfolgerungen im Detail voneinander abweichen. Muss das Licht tatsächlich ausgemacht werden? Ich vertrete die Meinung, dass dies für eine Reihe von Gemeinden gelten wird. Vor allem Kleinst- und Kleingemeinden. Ich nannte das in der Diskussion den »Umzug« des Lichts, wenn Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Immerhin ist die demographische Entwicklung nicht zu ignorieren. Würde man die Gemeinden mit 10 Personen abbilden, dann wären dies 5 Senioren, 4 Erwachsene und lediglich eine Person ein Kind/Jugendlicher. Hier zeigt sich, wo der Fokus liegen muss.

Marat Schlafstein verwies darauf, dass man etwas falsch gemacht haben müsse, wenn es dazu kommen sollte. Er legte aber den Finger schnell direkt in die Wunden. Die Kommunikation der Gemeinden sei oft unpersönlich und es werde mehr verwaltet, als mit Menschen gearbeitet. Wer schon zu einer Gemeinde käme, um sich etwa anzumelden, der solle dann schon freundlich empfangen werden.
Marc Grünbaum hob den Faktor »Religion« hervor, die ihn ein wichtiger Bestandteil der Gemeindearbeit sein sollte: Eine klare jüdische Struktur. Seine Schilderung der Gemeinde Frankfurt (am Main), als eine der Gemeinden, in der vieles (oder alles?) funktioniere, wurde mir übrigens von Mitgliedern der Gemeinde nahezu begeistert bestätigt. Das, was man für die Kultussteuer erhalte, müsse dementsprechend auch kommuniziert werden. Anja Olejnik erzählte von ihren guten Erfahrungen mit ihrer Heimatgemeinde und das Bewusstsein dafür, was die Gemeinde für Menschen in schwierigen Situationen tue. Das stärke auch die Verbindung mit der Gemeinde. Mir schien, solche Geschichten müssten jedoch auch andere Gemeindemitglieder erreichen. Was sollten aber kleine oder Kleinstgemeinden kommunizieren, die keinen Kindergarten, keine Grundschule und auch sonst wenige Einrichtungen unterhalten können? Könnte das die Zahl derjenigen reduzieren, die aus den Gemeinden austreten? Weshalb machen sie diesen Schritt überhaupt? Marc Grünbaum hielt das Motiv »Geld sparen« für denkbar – es liegt sehr nahe, aber gesicherte Daten liegen dazu nicht vor. Aus meiner Sicht ist das Gemeindebarometer ein guter Schritt in Richtung »Evaluation«, also fortwährende Betrachtung der Daten und Fakten. Sowohl Vorsitzende, als auch »Opposition«, sehen die eigene Gemeinde immer aus einer Perspektive, die keinen unbefangenen Blick zulässt. Genau dafür wären Daten hilfreich.

Und richtig wurde erkannt, dass es eine massive Differenz zwischen den Menschen gibt, die aus Gemeinden wegziehen und denjenigen, die sich in anderen Gemeinden anmelden. Es gibt eine recht große Gruppe von Menschen, die sich nicht in der neuen Stadt in der Gemeinde anmelden. Was müsste diesbezüglich unternommen werden?

Die Zuhörer, die von Moderatorin Laura Cazés direkt gebeten wurden, ihr Statement abzugeben, statt dieses kompliziert in eine Frage zu verpacken, bestätigten das Bild. Eigentlich war niemand mehr der Meinung, der abnehmende Trend werde sich aufhalten lassen. Ein Mitarbeiter einer Gemeinde zeigte sich genervt davon, dass man nicht schneller zum Schritt »Aktion« übergehe und weiter darüber spreche, was gemacht werden müsste. Der konstruktive Ansatz gefiel mir gut – aber für die Strategien war am Ende zu wenig Zeit. Hier konnten die Teilnehmer nur die wichtigsten Punkte aufzählen. Einige meiner Vorschläge (die Liste kann nur unvollständig sein) habe ich bereits hier aufgeschrieben.

Bei Twitter und der Jüdischen Allgemeinen

Die Jüdische Allgemeine hat ebenfalls über die Session berichtet, hier.

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Mitgliederstatistik 2018

Entwicklung 1955 – 2018

Die Zahl der Gemeindemitglieder geht, wie erwartet, in größeren Schritten zurück. 1.596 weniger Mitglieder hatten die Gemeinde im Jahr 2018 als noch 2017. Das wäre ein Rückgang von 1,7 Prozent. In den Vorjahren lag der Rückgang rund um die »Ein-Prozent-Marke«. Eine Überraschung gibt es jedoch. Die wird erst weiter unten enthüllt.

Jahr Anzahl
2009 104.241
2010 104.024
2011 102.797
2012 102.135
2013 101.338
2014 100.437
2015 99.695
2016 98.594
2017 97.791
2018 96.195

Verlassen etwa so viele Juden das Land? Nein. 151 Mitglieder von jüdischen Gemeinden haben 2018 das Land verlassen.

Auswanderer 2009 – 2018

In der Übersicht erkennt man, dass Auswanderungen weniger ins Gewicht fallen als Austritte und Sterbefälle.

Verluste der Gemeinden 2018

Im Detail. Die Anzahl der Geburten geht weiter zurück und die Zahl der Sterbefälle steigt leider:

Geburten im Vergleich

Jahr Sterbefälle Geburten
2008 1038 171
2011 1195 212
2012 1282 199
2013 1244 250
2014 1330 241
2015 1476 277
2016 1498 265
2017 1505 251
2018 1572 227

Die größte jüdische Gemeinde in Deutschland – Überraschungen

Die Zahlen für die Stadt Düsseldorf aus dem Jahr 2017 müssen leider revidiert werden. Hier gab es wohl auch ein Problem bei der Erstellung oder der Vorlage der Zahlen. Im Jahr 2017 gewann die Gemeinde Düsseldorf, laut Statistik, massiv an Mitgliedern. Das hat sich leider als falsch erwiesen. In diesem Jahr erhalten wir korrigierte Zahlen. Dafür hat Köln massiv an Mitgliedern gewonnen (warum?). Dennoch bleibt Düsseldorf eine Top 6 Gemeinde.

Allerdings ist spannend zu sehen, welche Gemeinde die größte in Deutschland ist.

Berlin?

Nein. Seit 2018 nicht mehr. 152 Austritte und 160 Todesfälle. Aber nur insgesamt 108 Zugänge, davon nur 15 Geburten (!) und 77 Zuzüge aus dem Ausland, hinterlassen Spuren.
München hat Berlin abgelöst. München wächst zwar nicht, aber schrumpft nicht so stark wie Berlin.

In Berlin gab es 2018 1,6 Austritte pro 100 Gemeindemitglieder zu verzeichnen. In München waren es hingegen »nur« 0,3 pro 100 Gemeindemitglieder. In Berlin sind 49 Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre. In München sind es 43 Prozent. Aber dennoch: In Berlin passiert eine Menge jüdisches Leben. Zahlreiche Gruppen und Initiativen senden Impulse aus. Oft außerhalb der Gemeinden. Aus München liest oder hört man weniger von kleinen Gruppen außerhalb der Gemeinde. Es kann auch sein, dass diese nicht so sehr stark wahrgenommen werden.

Hier in der Übersicht:

2015 2016 2017 2018
München 9507 9485 9365 9316
Berlin 9865 9735 9526 9255
Düsseldorf 6800 6713 6713 6695
Frankfurt am Main 6604 6503 6464 6428
Köln 4077 4026 3970 4100
Hamburg 2445 2447 2422 2383

(In der Übersicht habe ich für das Jahr 2017 bei Düsseldorf den Wert des Vorjahres eingetragen, da er für 2017 nicht stimmte)

Rekorde?

Die (liberale) jüdische Gemeinde Pinneberg hat sich innerhalb eines Jahres halbiert. Hatte sie 2017 noch 250 Mitglieder, so hatte sie 2018 nur noch 112 Mitglieder.
Das bedeutet für den entsprechenden Landesverband, dass dieser im vergangenen Jahr 13 Prozent seiner Mitglieder verloren hat. Wir erinnern uns, dass die Gemeinde Pinneberg im vergangenen Jahr einen kleinen Skandal hatte.
Der gesamte Landesverband dieser Gemeinde lohnt einen Blick. Das ist der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Der Gegenpart zum einheitsgemeindlichen »Landesverband Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein«. Die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa lassen grüßen.
Dieser Landesverband verzeichnete nicht nur die meisten Austritte, er hat auch keine Geburten zu verzeichnen. Hier stehen 12 Zugänge 566 Abgängen gegenüber.

Seit 2011 sieht das so aus:

2011 2018
Ahrensburg-Stormarn 18 20
Bad Segeberg 216 183
Elmshorn 49 43
Kiel 133 208
Pinneberg 256 112

Altersstruktur

Altersstruktur 2017/2018

Baden-Baden fällt auf. 61 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 60 Jahre. Die Gemeinde verliert weiterhin Mitglieder. Für alle Gemeinden Deutschlands gilt übrigens, dass 48 Prozent der Gemeindemitglieder älter als 60 Jahre sind. Die Gemeinde hatte 2011 1.001 Mitglieder. 2018 waren es 999. Hier scheint es ein paar günstige Faktoren zu geben.

Im Februar 2019 wurde in Regensburg eine neue Synagoge eröffnet. Hier sind 38 Prozent aller Mitglieder über 60 Jahre.

Überlegungen zu Schlussfolgerungen habe ich bereits hier angestellt – aber man kann es nicht häufig genug wiederholen – die Infrastruktur muss auch abwärts skalierbar sein, damit die Einrichtungen auch in fünf Jahren noch betrieben werden können. Ressourcen, sowohl menschliche, als auch finanzielle, müssen für Projekte eingesetzt werden, die sich in die Gemeinden hinein richten.

In Ballungsräumen wären möglicherweise »Fusionen« ein gutes Mittel, um Kosten für Infrastrukturen zu senken. Fusionen bedeuten allerdings auch, dass sich zwei Vorstände für ihre Gemeinden einigen müssten und am Ende einer die Gemeinde leitet. Da sind Leute gefragt, deren Sorge in erster Linie der Fortbestand der Gemeinde ist.

Die Statistik der ZWST gibt es hier, auf zwst.org. An dieser Stelle einen Dank an die ZWST für die Transparenz.

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Überalterung der jüdischen Gemeinden

Der Deutschlandfunk hat einen kleinen Bericht über die Überalterung der jüdischen Gemeinden gemacht (hier abrufbar und lesbar) und auch mich als pessimistische Stimme ins Boot geholt.
Ich habe erklärt, dass die demografische Struktur vermutlich dazu führen wird, dass die eine oder andere Gemeinde vermutlich aufgeben müsste. Dieser Pessimismus ist natürlich durchaus gewollt, weil er (hoffentlich) zu fundiertem Widerspruch führt. Günter Jek von der ZWST ist etwas optimistischer und spricht von Zusammenlegungen – was auf der anderen Seite natürlich dazu führen könnte, dass eine von zwei fusionierten Gemeinden de facto verschwindet. Aber die Zeit wird zeigen, was wird. Wichtiger scheint mir zu sein, dass man darauf vorbereitet ist und einen Plan entwickelt hat, wie jüdisches Leben in den Gemeinden, die bleiben, möglichst attraktiv ist. Dieses Spannungsfeld führt vielleicht eines Tages zu einer breiten Diskussion des Themas.

Es gibt jedoch einen Punkt, den ich vollkommen anders sehe, als der Autor des Beitrags, Jens Rosbach:

Denn viele Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen als gestandene Erwachsene oder als Rentner hierher. Kein Wunder also, dass 2017 rund 1.500 Menschen in den jüdischen Gemeinden gestorben sind, aber nur rund 250 Menschen geboren wurden.

[…] die jüdischen Gemeinden vor große Integrationsprobleme gestellt. Denn viele Migranten sprachen anfangs kein Deutsch, fanden keine Arbeit und wussten außerdem wenig über die jüdische Religion.

Viele der Zuwanderer waren im »besten Alter«, als sie nach Deutschland kamen. Sie waren hervorragend ausgebildet, optimistisch und haben natürlich auch Senioren mitgebracht. Diese gut ausgebildeten Leute gehen heute auf das Rentenalter zu. Sie haben sich – in den meisten Fällen – hervorragend integriert und wäre man ihnen entgegengekommen, wie man heute Zuwanderern entgegenkommt – mit Jobhilfen, Anerkennungen, Berufsorientierungen etc. dann würde es einigen heute noch besser gehen. Aber sie haben sich oftmals durchgebissen und sich gut aufgestellt und die Chance für ihre Kinder erkannt. Diese sind heute junge Leute und haben Familien gegründet. Einige (natürlich nicht alle) aus meinem Umfeld sind heute Akademiker und tun das, was ihnen richtig erscheint: sie verlassen Deutschland wieder und ziehen der Arbeit nach. Das liegt auch daran, dass gerade ein Arbeiten im akademischen Umfeld in Deutschland nicht so einfach ist. Einige sind religiös geworden. Was tun sie? Sie ziehen nach Berlin oder ins Ausland. Dorthin, wo die Infrastruktur besser ist und man nicht ständig alles erklären muss.
Auch die Nichtakademiker sind längst in der Berufswelt angekommen und machen ihren Weg. Ich würde behaupten, sie haben sich fast in Schallgeschwindigkeit in die Gesellschaft eingegliedert.

Das sind Faktoren, die hier nicht berücksichtigt wurden, aber wichtig sind für die Entwicklung der Gemeinden. Wer gut ausgebildet ist, emanzipiert sich schnell von Strukturen, wie man sie in Gemeinden findet. Auch hierdurch haben wir einige Leute verloren. Es ist keinesfalls so, als wären hier nur schlecht integrierbare Senioren gestrandet. Sicher sollte das nicht durch den Text gesagt werden, aber man sollte auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, dass es so sein könnte.

































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Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur

Vor nur einer Woche gab es ein Gespräch mit dem WDR über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden mit einem besonderen Blick auf Nordrhein-Westfalen. Nun gab es für die Sendung »Aus der Jüdischen Welt« von Deutschlandfunk Kultur ein Gespräch über den Rückgang mit einem Blick auf die Gesamtentwicklung in Deutschland.
Gibt es Grund für Optimismus? Was könnte/sollte man jetzt tun?
Interessanterweise hat der Sender das Interview mit »Kein Grund für sinnlosen Optimismus« betitelt und das trifft es eigentlich auch ganz gut.

Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

Hier ein Link mit einem Onlineplayer (Pocket Casts).

Einen Blogbeitrag mit vielen Zahlen und den Schlussfolgerungen findet man hier »Sag zum Abschied leise Tschüß«.

































Artikel

Im Gespräch mit dem WDR: Kleinere Gemeinden werden schließen müssen.

Die Folgen des Mitgliederverlustes der Jüdischen Gemeinden werden schwerwiegend sein.
Einige Maßnahmen (die nur die Folgen mildern können, aber den Trend schwerlich aufhalten) schilderte ich hier.

In einem Interview mit dem WDR, für die Sendung »Jüdisches Leben«, habe ich die Situation für Nordrhein-Westfalen geschildert – oder besser – über die gegenwärtige Situation gesprochen:
Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

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Von nichtjüdischen Gemeindevorsitzenden

Nein, »Der gefühlte Jude« ist kein neues Buch von Maxim Biller, aber der Plot könnte von ihm sein. Ein junger Mann aus Frankfurt landet eines Tages im Knast, hat sich Geld geliehen und nie zurückgegeben. Unter anderem mit einem jüdisch klingedem Pseudonym. Im Knast entdeckt er, dass er eigentlich »Zigeuner« (nicht meine Wortwahl) ist. Er tingelt ein wenig herum, macht mal Politik, geht hier und da etwas nachlässig mit Geld um, verschwindet dann wieder und taucht plötzlich als Vorsitzender einer jüdischen Gemeinde auf. Von da an ist er gefragter Ansprechpartner einiger Medien und auch für Kirchen. Plötzlich hat er viele Freunde. Leute die ihn mögen, ja ihm sogar eine Festschrift widmen. Hinzu kommt die Geschichte einer Großmutter, die im Konzentrationslager war.

Diese Geschichte präsentierte der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe (20. Oktober 2018) – mal extrem knapp zusammengefasst. Die Autoren sind dabei der Spur nachgegangen, wer der beliebte Ansprechpartner eigentlich ist. Die beiden reiten da einen ziemlich wilden Ritt, haben offenbar tiefgehend recherchiert und in die Kirchbücher der evangelischen Gemeinde geschaut, aus der der angesprochene Vorsitzende kommt. Die Geschichte ist gut nachvollziehbar, hat aber zwei Sollbruchstellen: Der damalige verantwortliche Rabbiner hat die Person zunächst durchgewunken und wurde erst nach der eigenen Entlassung aktiv. Wer die Geschichte anzweifeln will, kann hier ansetzen. Das könnte aber auch bedeuten, dass der Geblendete sich erst mit dem notwendigen, professionellen, Abstand mit der Angelegenheit beschäftigen musste.
Die andere Sollbruchstelle ist eine Aussage im Artikel, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar oder unkritisierbar – das stimmt natürlich so nicht und deshalb kratzt man da hart an einem antisemitischen Vorurteil. Dennoch ist es schwierig, wenn Autoren das für eine nichtjüdische Öffentlichkeit formulieren und die Geschichte eines Juden einfach anlasslos hinterfragen. In der aktuellen SPIEGEL Geschichte scheint einer der Autoren zumindest jüdisch zu sein.

Mit dieser Kritik wird man rechnen müssen – vor allem von nichtjüdischer Seite. Man wird an ihm festhalten wollen, denn er hat offenbar für bestimmte Zielgruppen das geliefert, was man verlangte. Man wird auf seine Verdienste verweisen und darauf, dass die Orthodoxie nicht bestimme, wer jüdisch sei und wer nicht. Diejenigen, die mit ihm arbeiten, werden mit der Geschichte irgendwie umgehen müssen und vielleicht auf den Streit mit dem Rabbiner verweisen und so könnte (!) die Enthüllung folgenlos bleiben. Verlierer ist natürlich das Judentum insgesamt, aber wir haben wieder etwas über den Umgang der Öffentlichkeit mit den Jüdinnen und Juden gelernt, die man so gerne hätte.

Der Artikel im SPIEGEL macht den Eindruck gut recherchiert zu sein und die Geschichte wäre kein Einzelfall (der krasseste Fall wäre diese Geschichte aus der Nachkriegszeit), auch nicht im Norden Deutschlands und es wird auch nicht der letzte Fall bleiben. Der Betroffene wolle sich im Verlauf der Woche dazu äußern, hieß es am Sonntag nach Erscheinen des SPIEGEL. Man wird gespannt sein, wie sich diese Geschichte auflöst.

Man hört, dass der Mann auch in seiner kleinen Gemeinde vorgebetet hat. Auf Youtube kann man sehen, wie er »El malej Rachamim« rezitiert (hier klicken) und sich selber ein Bild machen.

Update 23. Oktober 2018:

Das Hamburger Abendblatt titelt eine Geschichte mit »Fall Seibert: Was Weggefährten jetzt sagen« und der Artikel bestätigt auf gruselige Weise, das, was ich oben schrieb: Guter Mann.
Der Vorsitzende kommt aber auch zu Wort. Nicht so entscheidend sei das alles, besser wäre eine Bewertung seiner Person nachdem, was er heute mache. Fragen dazu?

Das großartigste Zitat stammt jedoch von einem katholischen evangelischen Theologen. Der Propst von Pinneberg, Thomas Drope, lässt sich zu dem Satz hinreißen »Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Herr Seibert Jude ist.« (zitiert von hier, Hamburger Abendblatt) – Entscheidungen über halachische Fragen sind sicher nicht die Kernkompetenz evangelischer katholischer Geistlicher.

Update 2 Der NDR meldet, dass der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein die Vorwürfe gegen den Vorsitzenden juristisch prüfen lassen will. Sollte der SPIEGEL alles belegen können, dürfte das mehr Details ans Licht bringen.

Update 27. Oktober 2018:

Der NDR hat am Freitagnachmittag gemeldet, dass der Vorsitzende zurückgetreten ist (siehe hier, NDR). Etwas unklar ist die Formulierung:

»Nach Angaben des Verbandes haben sich beide Seiten einvernehmlich auf einen Rücktritt geeinigt, um Schaden von der jüdischen Gemeinde abzuwenden. Welche Rolle der 71-Jährige in Zukunft in der Gemeinde Pinneberg spielen wird, ist noch unklar. Das sollen die Mitglieder der Gemeinde entscheiden […]«

Bedeutet das nun, dass der Rücktritt nur deshalb stattfindet, weil Seibert die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von der Gemeinde nehmen will, aber nicht, weil die Vorwürfe zutreffend sind?
Sollen nun die Mitglieder über Abstimmung darüber befinden, ob ihr Vorsitzender jüdisch ist, oder nicht? Den Vorwürfen wurde bisher nichts substantielles entgegengesetzt. Nun heißt es in einer modifizierten Story, die Eltern des Vorsitzenden, bzw. die Mutter, sei auch gar nicht jüdisch gewesen. Er habe aber jüdische Pflegeeltern gehabt. Der Kniff an der Geschichte: Halachisch spielt das gar keine Rolle. Da hätte schon eine Adoption mit Übertritt stattfinden müssen.

Update 28. Oktober 2018:

Der Rechtsanwalt von Wolfgang Seibert, dem Gemeindevorsitzenden (ehemaligen), hat am Freitag eine Pressemitteilung veröffentlicht. Auf diese bezieht sich auch der NDR. Die Erklärung ist hier zu finden.

Interessant sind weiterhin die Punkte: Mitgliedschaft bei der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Hier erinnerte ich mich an einen Bericht von 2016 über einen Rechtsstreit. Ein jüdisches Ehepaar wurde damals automatisch Mitglied – mit der Anmeldung am neuen Wohnort (siehe hier, Jüdische Allgemeine). Ob das schon immer so gehandhabt wurde, kann ich natürlich nicht sagen. Warum ein Aufnahmegespräch nicht mit dem Rabbiner der Gemeinde Frankfurt stattgefunden hat, mit Dr. Sigmund Szobel, sondern mit dem Landesrabbiner (Prof.) Dr. Roth, ist vielleicht auch ein interessantes Detail. Frankfurter können sicher mehr dazu sagen.
Jüdische Vorfahren Hier wird zum einen darauf verwiesen, dass die Unterlagen möglicherweise geändert worden sein könnten, um der Verfolgung zu entgehen, zugleich aber darauf verwiesen, dass Seibert jüdische Pflegeeltern gehabt habe. Vielleicht erfährt man später mehr.

Artikel

Synagogen bauen

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge Amsterdam – für viele Minjanim dürfte diese Größe ausreichen

Kaliningrad

In Kaliningrad, der Stadt, die früher »Königsberg« hieß, wird demnächst eine neue Synagoge eröffnet (siehe hier). Diese Synagoge ist ein Nachbau der Synagoge, die es bis vor der Schoah in der Stadt gegeben hat – jedenfalls von außen. Der Innenraum wird neu gestaltet, vermutlich dann auch nach den Erfordernissen von Chabad. Die ursprüngliche Synagoge dort diente ja der liberalen Gemeinde mit Orgel und allem was dazu gehört. Die fertige Synagoge wird letztendlich 500 Plätze haben, soll aber bis zu 2.000 Menschen versorgen können. Eines liegt also auf der Hand, auch wenn von einem Wiederaufbau der Königsberger Synagoge gesprochen wird (ausdrücklich), ist es das nicht. Die heutige Gemeinde knüpft natürlich nicht an die Tradition der Königsberger Gemeinde an und erbaut auch nur die Fassade der alten Synagoge.
Ein sehr ungewöhnlicher Schritt, denn gerade Chabad hätte ich zugetraut, etwas »neues« zukunftsorientiertes zu bauen. Mit einem Blick auf eine realistische Einschätzung der Lage: Eine leicht zu unterhaltende Synagoge, zugeschnitten auf die Gemeindemitglieder. Tallinn scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Dort baute Chabad ein smartes neues Gemeindezentrum. Statistische Angaben (von 2012: Arena Atlas Religion Maps. »Ogonek«, № 34 (5243)) legen nahe, dass es im gesamten Oblast Kaliningrad gerade so 1.000 Juden gibt. »Oblast« meint das gesamte Gebiet Kaliningrad. Dieses Gebiet hat ungefähr 940.000 Einwohner, weniger als 0,1 Prozent sollen jüdische Einwohner sein. Da sind 500 Plätze mehr als optimistisch.

Aber offenbar erhöht das Akzeptanz der Synagoge und erzeugt offenbar gewisse Emotionen. So konnte man auch das notwendige Geld für den Bau aus Spenden aufbringen und den »Zirkus« der Stadt entschädigen, der auf dem Baugrund stand. Hier wird die Zukunft zeigen, ob dies wirklich das richtige Vorgehen war.

Deutschland – wohnen in der Nähe der Synagoge

Ende des vergangenen Jahres (2017) entschied das Sozialgericht Berlin, dass die Stadt keine 2.000 an Hartz 4 Empfänger für eine Wohnung in der Nähe einer Synagoge zahlen muss (siehe hier). Man dürfe am Schabbat nicht mit dem Auto in die Synagoge fahren – was ja auch stimmt, aber leider seien alle Wohnungen in der Nähe der Synagoge sehr teuer. Deshalb müsse die Miete einer solchen Wohnung vom Amt übernommen werden. Das offenbart ein ganz anderes Problem der Gemeinden in Deutschland: Sie sind zwar »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen (siehe auch den Text hier), aber dort, in der Mitte der Städte, sind die Mieten sehr hoch. Die Gemeinden werden dort gebaut, wo sie gesehen werden und die offene Demokratie demonstrieren. Sie liegen aber nicht dort, wo die Gemeindemitglieder wohnen. Das erschwert observantes Leben eher, als dass es das erleichtert.

Die Verbindung

Beide Ereignisse sind zwar geographisch voneinander getrennt, erzählen aber die gleiche Geschichte: Die Versuchung ist groß, »symbolisch« zu handeln und nicht pragmatisch. Davon hängt aber die Zukunft der Gemeinden ab. Sie sollten pragmatische Entscheidungen treffen und betrachten, wohin sich die Gemeinden entwickeln sollen. Synagogen in Innenstadtlagen sind eher etwas für Menschen, die sich das Leben dort leisten können – wobei es natürlich in Einzelfällen Innenstädte gibt, die noch eine ausgewogene Mietstruktur haben.