Artikel

Die Zukunft der europäischen Diaspora

Zwei Themen sind jüdische Dauerbrenner: »Wer ist ein Jude« und »Die Diaspora und Israel«.
Müssen sich Juden schuldig (oder noch schuldiger) fühlen, wenn sie noch in in der Galut leben?
Das jüdische an der Situation ist: Die Entwicklung in Europa ist sehr widersprüchlich in sich.
Zum einen ist das Leben für Jüdinnen und Juden unsicherer geworden und zugleich beansprucht vor allem die jüngere Generation Räume und Diskurse in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gesellschaften, in denen sie leben. Das Jüdische Museum Frankfurt widmete sich zwei Tage lang dieser Frage und beleuchtete dabei nicht nur die Rolle der jüdischen Museen.
Nein, es ging auch um die aktuelle Situation auf dem gesamten Kontinent. Das Symposium trug den Titel Transitions. So diskutierten Diane Pinto und Bernard Wasserstein gegensätzliche Einschätzungen zur aktuellen Situation in Europa.
Die Autoren Doron Rabinovici und Fania Oz-Salzberger diskutierten, inwieweit die gegenwärtige Periode jüdischen Lebens in Europa eine des Übergangs ist. (Direkter Link zur Diskussion auf YouTube) Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (und ihre Veränderungen) für jüdisches Leben in Europa (man denke an die Schechita) wurden angesprochen.

Ich hatte die Ehre, an einem der Panels über ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in der Diaspora teilzunehmen, zusammen mit Laura Cazés (von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), dem Schweizer Journalisten Yves Kugelmann (tachles.ch), mit der Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Zsófia Kata Vincze aus Budapest und dem französischen Journalisten und Romanautor Marc Weitzmann. Die gesamte Diskussion ist hier abrufbar (YouTube).

Zu meinem eigenen Wortbeitrag habe ich noch einige Notizen gemacht und daraus einen kleinen Text gebastelt. Da das Symposium in englischer Sprache war, habe ich den Inhalt in einem Blogbeitrag bei der Times of Israel veröffentlicht. Den Text findet man hier.

Artikel

Verloren

Verloren ist ein Film der Jewish Angency, Thema ist, grob gesagt, die Tatsache, dass eine recht hohe Zahl von Juden Nichtjuden heiratet. Der Spot ruft Israelis dazu auf, die Jewish Agency über junge Menschen zu verständigen, die eine bessere Bindung zum Land Israel aufbauen sollten. Halt! Hier geht es doch um die Gefahr, durch Assimilation zu verschwinden. Da müsste man doch ein Judentum und ein Umfeld fordern, in dem das nicht geschieht.

Im faz-Blog Zwischen Techno und Talmud wird berichtet, einem Rabbiner der Jewish Agency würde das nicht gefallen:

Rabbi Gilad Kariv, Leiter der Aliyah-Abteilung der Jewish Agency, rief dazu auf, die Ausstrahlung dieses Spots sofort zu verbieten: er sei für viele schädigend und beleidigend. In seinem Brief schrieb er: Das sieht so aus, als müssten sich die Juden in der Diaspora gegen Assimilation verteidigen! Mit sehr ausdrucksstarken visuellen Mitteln würden schlechte Assoziationen geweckt werden; ein Leben in der Diaspora würde als nicht legitim dargestellt werden, als ob die Juden so ihre Identität verlieren würden. von hier

Wie der Blogartikel ganz gut beschreibt, schützt ein Leben in einer jüdischen Mehrheitsgesellschaft nicht davor, sich zu assimilieren. Allerdings begünstigt natürlich ein Leben in einer Umgebung, in der das Judentum keinen besonderen Wert hat, die Gefahr, verloren zu gehen. Als Mensch und als Angehöriger von Am Jisrael. Wenn das Judentum nur als Selbstzweck angesehen wird, gibt es keinen Grund auch jüdisch zu leben bzw. aktiv jüdisch zu leben. Findet diese Reaktivierung statt? Dass es höchste Zeit ist, haben wir an der sinkenden Mitgliederzahl der deutschen Gemeinden gesehen. Die Aufgabenstellung ist also verdreht gestellt. Sie sollte lauten Wie schafft man ein angenehmes jüdisches Umfeld und sorgt auch dafür, dass sich im Zweifelsfalls Juden aus gemischten Partnerschaften nicht von der Gemeinschaft abwenden?
Das war der 1000 Artikel…