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Gelbwesten

Das Auge über den Banken und der Parasit daneben. Wer antisemitische Aussagen zu deuten weiß, ist hier direkt im Bild.
Foto von: Stefan jaouen [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das Video mit Alain Finkielkraut verbreitete sich schnell. Der Philosoph wird von demonstrierenden Gilets jaunes (Gelbwesten) in Paris erkannt, übel antisemitisch beschimpft und muss dann von der Polizei geschützt werden.
In den Tagen zuvor kursierten Fotos von Geschäften auf deren Schaufenster man »Jude« gemalt hatte.
Der Quenelle-Gruß wurde schon zuvor mehrfach gesehen. Es gab zahlreiche antisemitische Zwischenfälle (wie diesen hier) und Banner. Die Argumentationskette ist dabei häufig die gleiche: Macron ist ein Knecht der Banken und die werden von wem gesteuert? Natürlich von den Juden (alternativ auch: von den Zionisten). Im Dezember schaffte es Hervé Lalin, vom äußersten rechten Rand, den Le Monde als antisemitisch bezeichnet, auf die Titelseite von Paris Match – als Stellvertreterbild für die Proteste.

Mit Finkielkraut traf es übrigens jemanden, der nicht unmittelbar erkannte, dass sich diese Bewegung von Beginn an gegen eine unsichtbare Elite aus Verschwörungstheorien richtete – und wann immer von einer steuernden Elite die Rede ist, geht es meist um – wer mag es raten? Um Juden natürlich.

Es ist kein Zufall, dass der französische Innenminister Christophe Castaner erst kürzlich berichtete, dass es in Frankreich 2018 deutlich mehr antisemitische Vorfälle gab als in den Vorjahren. 541 Fälle. Das sind 74 Prozent mehr als 2017. Castaner sprach davon, dass sich der Antisemitismus »wie ein Gift« ausbreite. Der Zusammenhang der Ereignisse ist offensichtlich.

Verteidiger der Gelbwesten wenden dann gerne ein, das seien »Ausnahmen«. In großen Gruppen würden diese Menschen würden die Bewegung nicht repräsentieren. Auf der anderen Seite sei das eine großartige politische Bewegung, denn die »eigentlichen« Ziele sind zu unterstützen. So sei es anfänglich um die Verhinderung einer höheren Versteuerung von fossilen Brennstoffen gegangen. Dann ging es auch um Steuersenkungen, um mehr direkte Demokratie und dann natürlich auch um den Kampf gegen die Finanzwirtschaft im Allgemeinen. Und von Beginn an brannten dabei Autos, gab es Zerstörungen der öffentlichen Infrastruktur und gewalttätige Übergriffe. Bernard-Henri Lévy sprach in Le Point von »gilets bruns«, die an den Zorn der Faschisten in den 1930er Jahren erinnerten (Le Figaro).

Wieder heißt es: Das sind einige. Damit offenbart sich das Dilemma. Entweder ist es eine Bewegung der Massen mit gleichen Zielen, oder einfach nur eine Versammlung von vielen Individuen. Mit wem sollte man sich da solidarisch zeigen?
Allein die Tatsache, dass sich sowohl die extreme Rechte, als auch die Linke hinter die Bewegung stellt, sollte nachdenklich machen. Aber wenn man sich mit der Lupe eine Person aus der Menge heraussucht, wird schon jemand dabei sein, mit dem man sich solidarisieren kann. Bestimmt verlangt jemand »bezahlbare Wohnungen«, oder »eine Arbeit von der man leben kann« oder sonstige Allgemeinplätze (Luft zum Atmen, spielende Kinder, Altern in Würde, Frieden für alle). Aber dann darf man halt nicht das andere Auge zuhalten und ignorieren, woher eine solche Massenbewegung sich ihre Gründungsideen bezieht. Der schließt ohnehin jede Verständigung mit dem politischen Gegner aus. Der muss, weil er ja ein krankes System repräsentiert, vollständig verschwinden. Daniel Cohn-Bendit hat das in einem Interview mit der taz zusammengefasst: »Diese Bewegung hat mehr als nur leicht autoritäre Züge. Sie lehnt das Gespräch ab, sie will keinen Kompromiss finden.« (taz.de, hier)

Wer sich mit den Gelbwesten solidarisiert, der solidarisiert sich natürlich auch mit deren Antisemitismus. Der ist Teil des Systems und keine bloße Begleiterscheinung.

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Es beginnt mit Juden

… aber es endet nicht mit den Juden.

In Frankreich konnte man (und kann man) in den letzten Jahren beispiellos brutalen Antisemitismus beobachten. Es wurden mehrere Menschen getötet.
Nicht erst mit den Anschlägen von Paris. Schon zuvor (siehe etwa hier, Intifada in Frankreich).
Zu Beginn des Jahres wurde etwa der französisch-jüdische Lokalpolitiker Alain Ghozland ist erstochen (siehe hier), in kurzem Abstand dazu wurde ein jüdischer Lehrer in Marseille von einem Schüler mit einer Machete angegriffen. (siehe hier) Der Lehrer verdankte einem Chumasch, den er bei sich trug, sein Leben. Dieser hat wohl den Hieb mit der Machete abgemildert (siehe hier). Man hat sich daran gewöhnt, das hinzunehmen. Es ist irgendwie unangenehm, aber man duckt sich weg.
Nicht nur Rabbiner Jonathan Sacks hat darauf hingewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Akzeptanz von Antisemitismus im ersten Schritt und dann einem »Umsichgreifen« von Hass und Gewalt auch im Bezug auf andere Gruppen gibt.
Natürlich gibt es das offiziell nicht. Die europäischen Politiker haben schon vielfach von Solidarität gesprochen und natürlich von Verantwortung.
Aber was bleibt im tatsächlichen Alltag?
Religionsfreiheit?
Gibt es die hier tatsächlich? Nein.
Wenn ich eine Kippah auf der Straße nicht tragen kann, dann existiert Religionsfreiheit nur auf dem Papier. Egal, wer mich daran hindert, die zu tragen. Es spielt doch keine Rolle, ob der Staat es mir verbietet, oder ob der Staat mich nicht vor Pöbeleien schützt, wenn ich eine trage oder tragen will.
Wir sprechen hier nicht mehr von Beleidigungen und vereinzelten Rufen. Wir sprechen von körperlicher Gewalt. Nicht erst seit ein paar Tagen. Kein bundesweites Problem, aber wir kennen die Schwerpunkte.

Und Rabbiner Jonathan Sacks behielt Recht: »Es beginnt mit den Juden, aber es endet niemals mit ihnen«. Frankreich und viele andere Länder haben es erlebt. Zunächst mussten jüdische Einrichtungen sich massiv schützen, heute muss es ganz Europa tun.

Auf der anderen Seite: Passt vor denen auf, die Patentlösungen haben. Die gibt es nicht.
Wichtig ist, was Rabbiner Jonathan Sacks schreibt:

[…]Genesis 1, common to Judaism, Christianity and Islam, says that every human being, regardless of colour, class or creed, is in the image of G-d. Our shared humanity takes precedence over our religious differences. Until we are prepared to take this seriously, people will continue to kill in the name of the G-d of life and practise cruelty in the name of the God of compassion. And God himself will weep.

Das bedeutet nicht, dass wir das von der Seitenlinie auf das Spielfeld rufen. Das bedeutet, dass wir diese Werte durchsetzen und verteidigen. Das ist nicht einfach »unsere Meinung«. Das ist ein Wert, der nicht zur Disposition stehen sollte.

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Marche Du 11 Janvier

#MarcheDu11Janvier #JeSuisCharlie #MarcheRepublicaine Paris

Colonnes de la Nation

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Je suis juif, musulman, chrétien, athée, français, citoyen du monde… Je suis charlie

Viele Worte muss man nicht verlieren. Die Franzosen gedachten heute in Paris und vielen anderen Städten allen Opfern des Terrors in Paris. Das schloss das Gedenken an die jüdischen Opfer mit ein und doch war es für die Juden Frankreichs fast schon zu spät. Sechs Juden starben nun in Paris. Zwei bei Charlie Hebdo und vier bei der Geiselnahme im koscheren Supermarkt. Eine Tatsache, die in Deutschland nahezu unbeachtet blieb. Auch die Tatsache, dass es seit Jahren nun Attacken auf Juden in Frankreich gibt (siehe hier), bleibt unerwähnt – dabei hat es schon Todesopfer gegeben.
Am Abend war dann Frankreichs Präsident Hollande mit Benjamin Netanjahu bei der jüdischen Gemeinde. Die Menschen bei Charlie Hebdo waren aus Sicht der Terroristen eines Verbrechens schuldig.
Und die Juden?
Werden gehasst und getötet, weil sie Juden sind.
Bis dies in die kollektive Wahrnehmung einsickert, wird es vermutlich noch etwas dauern.

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Intifada in Frankreich

Die Juden Frankreichs kommen nicht zur Ruhe.
Eine fortwährende Intifada gegen diese (noch) recht große Gemeinde, ist an Brutalität kaum zu überbieten.

Der furchtbare Überfall von Créteil am 4. Dezember ist nur einer von vielen Fällen.
Ein junges, orthodoxes, Paar wurde in der eigenen Wohnung in Créteil überfallen, ausgeraubt und die Frau vergewaltigt. Die beiden Haupttäter hatten schon im November einen alten Mann (ebenfalls jüdisch) auf der Straße zusammengeschlagen.
In diesem Vorort von Paris leben relativ viele Juden und so hat der antisemitische Mob ein leichtes Ziel. Im Mai 2014 wurden dort zwei Brüder brutal zusammengeschlagen.
In den Vorjahren gab es ähnliche Vorfälle. Im Juli 2014, als auch in Deutschland fleißig gegen Israel und Juden im Allgemeinen, demonstriert wurde, gab es zahlreiche Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte.

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 soll sich die Anzahl derartiger Straftaten in Frankreich (im Vergleich zum Vorjahr) verdoppelt haben (siehe hier).
2009 wurde Ilan Halimi zu Tode gequält und seinen Eltern Bilder der Taten zugesandt. Mittlerweile wurden die Ereignisse in Frankreich zu einem Film verarbeitet: 24 jours.

Es hat also auch Tote gegeben (man denke da auch an das Attentat von Toulouse 2013 und 2012. Kein Wunder, dass 2013 nahezu 3000 Menschen nach Israel ausgewandert sind. 2014 dürften es bedeutend mehr sein.

Und Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist sicher eine andere.
Nicht weil es hier zivilisierter zuginge, sondern weil es in Deutschland einfach nicht so viele Juden gibt, wie in Frankreich. Das Potential für derartige Übergriffe scheint vorhanden.
Die Ereignisse im Sommer (2014) offenbarten schon eine gewisse Grundaggression . Die Politik wird es sicher verurteilen, aber macht es das Leben leichter?

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Juden und Muslime in Frankreich liefern ab

Ein Schlag ins Gesicht aller, die so gerne hätten, dass sich Muslime und Juden nicht mögen (es soll da bestimmte nichtjüdische Strömungen geben, die das herbeifantasieren). In Frankreich entstanden jetzt unabhängig voneinander zwei Projekte mit jeweils zwei Künstlern. Einem jüdischen und einem muslimischen:

Der algerische Rapper l’Algerino gemeinsam mit Tal (Benyerzi):

Der marokkanische Rapper La Fouine zeigt sich zusammen mit Patrick Bruel.
Das Video scheint so gut anzukommen, dass die GEMA es schon geschafft hat, es den deutschen Zuschauern vorzuenthalten. Wer nicht aus Deutschland kommt (oder sonst an die Clips kommt), kann also hier das entsprechende Video sehen:

Natürlich kann man einwenden: »Das sind doch nur zwei Projekte!« Aber die beteiligten Rapper sind keine Unbekannten und gehen mit gutem Beispiel voran. Eventuell werden ein paar Fans mächtig sauer sein, aber das Signal ist nicht das schlechteste.

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Zukunft für Juden in Deutschland und Europa?

Über die demographischen Probleme des Judentums in Deutschland wurde hier ja schon häufiger berichtet und fortlaufend begleitet. Dass die Anzahl der Gemeindemitglieder bereits wieder sinkt, ist dabei schon aufgefallen.
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Die Gründe dafür sind vielfältig. Gestalter jüdischen Lebens haben sich diese Probleme (hoffentlich) klar vor Augen geführt. Es gibt jedoch einen Faktor, der meiner Meinung nach, die demographischen Prozesse entscheidend beeinflussen wird: Antisemitismus. Der ist in Europa praktisch überall vorhanden und hat unterschiedliche Wurzeln. Jörg Lau liefert in seinem Blog einen Zwischenbericht:

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der klassische faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten. von hier

Wie diesem Problem begegnet wird, ist einer der Faktoren, der entscheidet, wie das geschrumpfte Judentum in Deutschland und in Europa in die Zukunft geht.

29.12.10 Aliya_0789
Französische Olim

Alleine im Jahr 2009 gingen 1.557 Juden aus Frankreich nach Israel, 12 aus Deutschland (Quelle) und schon in den Vorjahren gingen buchstäblich tausende französische Juden nach Israel. Die Ursache dafür liegt sicher nicht nur an der ausgezeichneten Öffentlichkeitsarbeit der Jewish Agency. Eine recht eingehende Analyse liefert ein Artikel (aus dem Jahr 2006) der Jerusalem Post:

… a University of Saint-Antoine medical school class was interrupted by four men shouting anti-Semitic threats and beating a Jewish student, while the class and professor looked on in silence; and a 12-year-old girl leaving a Jewish school was beaten by two men who carved a swastika into her face with a box cutter. Synagogues were torched, Jewish cemeteries were desecrated, and Jewish institutions were vandalized, damaged or destroyed. The number and virulence of these violent attacks have indeed been reflected in the number of Jews leaving France for Israel: 11,148 between 2000 and 2005, with a 35-year high of 3,300 Jewish immigrants in 2005. von hier

An anderer Stelle schlug ich vor, ungarische Juden aufzufordern, das Land zu verlassen und die Gemeinden hier zu unterstützen.
Die Fakten sind also nicht besonders aufmunternd, sprechen aber dafür, dass sich jüdisches Leben wieder auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren und es nicht mehr so viele kleine Gemeinden geben wird.