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Shtisel?

Shtisel und Shulem am Tisch

Nicht, dass ich dem Urteil von Sophie Albers Ben Chamo nicht trauen würde, aber lange Zeit hatte ich den Verdacht, »Shtisel« (läuft auf Netflix) sei für die Erfüllung eines voyeuristischen Drangs erschaffen worden. Natürlich behauptet man, man möchte etwas andere Lebensweisen und Lebenswelten lernen, tatsächlich will man Selbstbestätigung für die Wahl, die man selber getroffen hat. »Schaut, wie sie leben!«

»Shtisel« ist eine israelische Serie und erzählt von vier Generationen einer charedischen Familie die in Jerusalem (im Stadtteil Ge’ula) lebt.

Natürlich bezieht die Serie ihre Energie auch über die Herausforderungen, die es mit sich bringt, Teil der charedischen Gemeinschaft zu sein und regelmäßig an Grenzen zu stoßen. Aber es wird nicht so getan, als müssten die Hauptfiguren aus dieser Welt ausbrechen, um wirklich glücklich zu sein (wie viele der Zuschauer?). Statt dessen geht es eigentlich um die Schmerzen und Freuden des Zusammenlebens – nicht darum, dass sie auf ihre Erlösung aus ihrer Gesellschaft warten.

Die Familie, um die es geht, ist die Familie »Shtisel« (mit Samech, also eigentlich »Schtissel«. Die Serie beginnt mit dem Ende der Trauerzeit um die Mutter der Familie. Ihr Sohn, Akiwa, ist etwas, oder sehr, verträumt und steht im Alter von vierundzwanzig schon etwas unter Druck, noch nicht geheiratet zu haben. Er ist Aushilfslehrer an der Schule an, an der auch sein Vater unterrichtet, zeichnet heimlich (und gut) und verliebt sich in Elischewa, eine ältere, (zweifach) verwitwete Mutter eines seiner Schüler. Schulem, der Vater, scheint der Patriarch zu sein und wirkt gleichermaßen sympathisch wie unsympathisch. Ein sehr ambivalentes Gefühl ihm gegenüber machte sich jedenfalls in mir breit. Interessant, wie man das Gefühl bezeichnet.

Gruppenbild von Staffel 2 (Alle Rechte bei Netflix)

Schulems Mutter zieht mit Einsetzen der Handlung in Pflegeheim und in ihrem Zimmer begegnet ihr das erste Mal in ihrem Leben ein Fernseher. Ihre Faszination für das, was dort gezeigt wird, nimmt in gewisser Weise die Faszination der Serie selber vorweg und zum Ende der Staffel wird das sogar in einer kurzen Sequenz thematisiert (soll kein Spoiler sein). Mit ihr spricht Schulem stets Jiddisch. Mit seinen Kindern nur in Ausnahmefällen. Dankenswerterweise hat Netflix keine Synchronisierung über die Stimmen gepackt. Man darf die Serie im hebräischen Original mit Untertiteln schauen. Baruch haSchem möchte man sagen.

Schulems Tochter Giti ist mit Lipa verheiratet, der für einen Metzger in Argentinien arbeitet. Gleich zu Beginn der Staffel verkündet er, sowohl Giti, als auch die charedische Welt verlassen zu wollen, Er lässt Gita mit fünf Kindern allein in Jerusalem. Ruchami, seine älteste Tochter, interessiert sich für Bücher, die außerhalb des charedischen Kanons liegen und verbündet sich zu diesem Zweck mit der Leiterin der Schulbibliothek.

Der Atmosphäre der Serie kann man sich schwer entziehen – die Frage ist, warum das so ist. Die Serie scheint, natürlich nicht das Drehbuch, konventionell gemacht zu sein. Innerhalb einer einzigen Episode werden Konflikte aufgelöst. Sie sind abgeschlossen und hangeln sich nicht von Cliffhanger zu Cliffhanger. Tatsächlich scheint es auch nur so: Traumsequenzen sind geschickt eingestreut und Gespräche mit Verstorbenen. Also doch nicht so konventionell erzählt. Die Figuren sind so angelegt, dass man recht schnell eine »Beziehung« zu ihnen aufbaut und vielleicht lieber nicht wissen möchte, wie profan die Schauspieler dahinter ausschauen.
In das Magnetfeld zwischen Schulem und Akiwa gerät also schließlich auch der Zuschauer. In vielen Einstellungen sitzen sie zu zweit an ihrem Küchentisch und essen. Oder sie sitzen auf ihrem Balkon und rauchen. Schon lange wurde in keiner Serie übrigens so viel geraucht. Dafür gibt es keinen Sex und keine offene Gewalt. Gar kein voyeuristisches Element – außer vielleicht, wenn Elischewa für einen Moment ihr echtes Haar zeigt. Das ist ein interessanter Gegensatz zu den Serien, bei denen alles gezeigt wird – weil dieser Moment auch vom Zuschauer als Intimität verstanden wird.

Akiwa sagt in einer dieser Szenen am Küchentisch »Die Zeiten ändern sich, Abba« und Schulem antwortet »Für die Juden bleibt alles gleich« und so Unrecht hat er nicht.

Der Staat Israel taucht in der Serie übrigens nur als Ahnung auf. Selbst am Jom ha’atzamut. Schulem möchte sich Respekt verschaffen, indem er versucht, strenger zu wirken, als er tatsächlich ist, verbietet seinen Schülern, draußen die Flugshow zu sehen und Akiwa lässt die Schüler heimlich zusehen. Der Zuschauer erhascht nur kurz einen Blick. Im Zentrum stehen hier andere.

Also zum Beginn der dritten Staffel auch definitiv ein Sehbefehl von meiner Seite.

Trailer (Englische Untertitel, bei Vimeo)

Alle Bildrechte: Netflix

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Sehbefehl: Masel Tov Cocktail

Dima

Spielfilme über Jüdinnen und Juden in Deutschland gibt es nicht extrem viele. Meist öffentlich-rechtlich gedreht, nur wenige davon haben alle glücklich gemacht – also innerhalb der jüdischen Community. Außerhalb natürlich schon. Wann immer es etwas stereotyp wurde, wurde dem Zuschauer warm ums Herz. Ja – so sind sie, die Leute im Film. Irgendwie immer liebenswert/schlau/intelligent/witzig – man kann sich etwas aussuchen.

»Masel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Drehbuch Arkadij Khaet und Merle Kirchhoff) gehen einen anderen Weg. Laut der Filmemacher gehören in den »Masel Tov Cocktail«

Zutaten: 1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Verzehr: Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen. 100% Koscher.

Der Film konzentriert die zahlreichen Erlebnisse, die jüngere Jüdinnen und Juden über die Zeit sammeln, auf einen Tag im Leben von Dima (gespielt von Alexander Wertmann), der mit vollem Namen Dimitrij Liebermann heißt und kurz vor dem Abitur steht. Dima hat Tobi in der Schule einen kräftigen Schlag verpasst und ihm die Nase gebrochen. Dafür soll er sich nun bei Tobi entschuldigen. Was er eigentlich nicht will. Man sieht schon warum. Also zieht Dima durch seine Gegend – endlich mal das Ruhrgebiet statt immer nur Berlin – und teilt seine Gedanken. Es wird nur wenige jüdische Zuschauer geben, die nicht nicken, denn sie sind alle dabei: Die verständnisvollen Betroffenen, diejenigen, die nicht »Jude« sagen können, der Schuldirektor, der sich einen dankbaren Juden wünscht, der Typ aus der Gemeinde der fragt, wann mal wieder kommt – aber ich will nicht alles ausplaudern. Alles großartig geschnitten. Der Film nimmt richtig Tempo auf.

Zwischendurch spricht Dima direkt mit dem Zuschauer. Hier gelingt tatsächlich der Kunstgriff, dass sich sowohl Jüdinnen und Juden wiederfinden, aber auch Nichtjuden abgeholt werden. Nichtjüdischen Leuten in Dimas Alter sollte der Film unbedingt gezeigt werden. Das wird funktionieren, weil Bildsprache und Dialoge hier voll aufgehen. Sogar kurze Einspieler mit »Bonusinformationen« sind unterhaltsam in den Kontext eingebracht. Wie viele Deutsche haben wohl tatsächlich ihren jüdischen Nachbarn zur Zeit der Schoah geholfen? In der Selbstdarstellung waren es sehr viele, das wird schon der oder die andere mal gehört haben. Aber in der Realität?
Unbedingter Sehbefehl an dieser Stelle.

Wo kann ich den Film sehen? Auf dem JFBB

Der Film »wandert« schon seit einiger Zeit durch das Land, doch nun hat man über das »Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg« die Möglichkeit, sich den Kurzfilm streamen zu lassen (hier). Das sollte ab dem 7. September 2020 für 7 Tage möglich sein.

3Sat hat einen kurzen Film zum Film produziert (hier zu sehen). Der ist eine interessante Mischung aus Interview (mit Regisseur und Hauptdarsteller) und Trailer. Interessant, dass 3Sat einen jüdischen Friedhof als Ort für das Interview ausgesucht hat…

Wo kann ich den Film sehen? Update

Der Film ist (ja, für Eure »Zwangsgebühren«) nun in der ARD-Mediathek zu sehen (hier).

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Hunters

Ein paar der Jäger/Hunter | Copyright: Christopher Saunders für Amazon Studios, Prime Video

War nicht vorhersehbar, dass man in Deutschland auf eine Serie über »Jüdische Rache« mit einer Mischung aus Genugtuung, Ablehnung und Grusel reagieren würde?
Genugtuung (mal sehen, welches Feuilleton uns zuerst einen Text dazu schenkt) , weil dann die »Opfer« Gewalt einsetzen. Ablehnung, weil das das Verhältnis zum Personal des Vernichtungsapparats ja noch immer irgendwie komplex ist. Grusel: Ja, Nazis taugen halt immer als Gruselfaktor. In Dead Snow hat man das potenziert und Zombie-Nazis auf die Reise geschickt.

Ablehnung war auch aus einem anderen Grund vorhersehbar: Fiktive Geschichten aus den Konzentrationslagern. Als hätte es das zuvor nicht gegeben. »Der Junge im gestreiften Pyjama« (grenzwertiges Buch und furchtbarer Film), oder »Les Bienveillantes« (»die Wohlgesinnten« gutes Buch, schwer auszuhalten) von Jonathan Littell, »The Dance of Genghis Cohn« von Romain Gary und Georgia Hunters »We Were the Lucky Ones« sind einige literarische Beispiele.
Filme (gibt es nicht auch eine X-Men Folge mit Schoahbezug?) gibt es ebenfalls einige. 2007 hat man in Deutschland darüber diskutiert, ob Helge Schneider Hitler in »Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler« spielen darf und damit von der Tatsache abgelenkt, dass der Film nicht der allerbeste Streifen von Dani Levy war.
Besonders heraus sticht natürlich »Inglourious Basterds«. »Hunters« knüpft genau da an. Wie Tarantino, beziehen sich Serienautor David Weil und Regisseur Jordan Peele stark auf die B-Movies der 70er Jahre – in der die Serie auch spielt. Das ganze ist angefüllt mit Verweisen auf Comics, Science-Fiction und sogar Broadway-Musicals jener Zeit. Referenzen auf jüdische Popkultur sind zahllos. Wer mit diesem Stil nichts anzufangen weiß, wird natürlich mit »Hunters« nicht glücklich und sowieso mit keinem Tarantino-Film. Wenn also eine Ermittlerin in der Schublade eines Arztes herumkramt, wird sie natürlich Zähne finden und Fotografien aus dem Lager. So funktioniert der Plot nach den Konventionen jener Zeit. Wer also einen Arthouse-Film mit Diskursen über Schuld erwartet, wird keine gute Zeit haben und stattdessen mit überzogenen Dialogen und Einspielern beschenkt.

Ach so, was ist eigentlich die Handlung? 

Eine Gruppe unter der Leitung von Meyer Offerman, gespielt von Al Pacino, deckt in den USA versteckt lebende Nazis auf. Die sind gerade dabei, eine Verschwörung gegen den Staat in Gang zu bringen. Seine Gruppe besteht dabei aber nicht nur aus jüdischen Mitstreitern. Zugleich interessieren sich die Nazis für diejenigen, die da ihre Leute umbringen und die Ermittlungsbehörden wollen natürlich auch wissen, wer da sein Unwesen treibt.

Wer sich in diesem Universum zurechtfindet, wird mit »Hunters« auf eine wilde Fahrt gehen, in der nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern auch etwas über Rassismus und Antisemitismus. Diese Themen sind noch immer aktuell.

Wenig gelungen sind die Szenen, in denen tatsächlich auf die Schoah rückgeblendet wird und man sich als Zuschauer nicht sicher sein kann, ob die etwas schwache Umsetzung eine Referenz an die 70er sind, eine Form der Distanzierung, oder einfach schlechtes Filmhandwerk – was man sich eigentlich nicht vorstellen will. Hier hätten Erzählungen vielleicht ihren Job auch getan. Der Blick in ein Ghetto verrät auch architektonisch, dass wir uns noch in den USA befinden und die Szenen im Lager wirken befremdlich. 

Schließen wir mit einem typischen Zitat »Bist Du ein Jewper-Held?«

Die Serie läuft seit Februar 2020 bei amazon prime.

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The Angriest Man in Brooklyn

Filmposter: The Angriest Man in Brooklyn

Filmposter: The Angriest Man in Brooklyn

Der letzte Film mit Robin Williams in der Hauptrolle! Da überdeckt die Emotion über den Verlust des Künstlers schnell den Blick auf den Film.
Dabei oszilliert dieser Film, der eigentlich ein Remake eines israelischen Spielfilms ist, zwischen »ganz gut« und »oj«. Erzählt wird eigentlich die Tragik eines jiddischen Witzes:
»Herr Doktor, sagen sie mir die Wahrheit. Wie steht es um mich? Haben Sie die Ergebnisse?«
Der Doktor nickt. »Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht für sie. Zuerst die gute Nachricht: Sie haben noch 24 Stunden zu leben.«
»Was?! Und die schlechte Nachricht?«
»Der Bericht ist von gestern Abend.«

In unserem Film ist es Henry Altmann (Robin Williams also) der äußerst entnervt in einem Krankenhaus in Brooklyn eintrifft, wo ihn, statt seines Arztes, die junge Ärztin Sharon Gill (Mila Kunis) behandlen muss. Weiterlesen

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Noa(c)h

Ein Old School Bibelfilm? Willkommen zurück in den 60er Jahren!

Darren Aronofsky (Black Swan hat er gemacht, oder The Fountain) hatte das irgendwie nicht im Sinn, als er »Noah« drehte. Meint man jedenfalls, wenn man den gewaltigen Trailer sieht.
Die Handlung dürfte (hoffentlich) bekannt sein. Deshalb kann man sich auf die Umsetzung konzentrieren und schauen, was er aus dem Stoff gemacht hat.
Sind jüdische Elemente drin, oder ist die Geschichte platt erzählt? Im Trailer jedenfalls kann man schon eine gewisse Tendenz zur Orientierung am tatsächlichen Text erkennen. Da ist kein überdimensioniertes Boot unterwegs (wie dieser Unsinn hier), sondern tatsächlich ein Tewat Noach, ein großer Kasten. Dann regnet es nicht einfach nur stark, sondern ganz textsicher öffnen sich auch die Schleusen der Tiefe schleudern in den Himmel. Sieht toll aus. Mehr kann man noch nicht sagen und ist auf den Trailer angewiesen, oder den Cast. Es gibt eine Figur namens Samyaza. Ein Hinweis, dass man sich auch mit dem Buch Henoch befasst hat. Brian Godawa schreibt in seinem Blog hingegen (er las offenbar das Drehbuch), man solle nicht zuviel erwarten.
Anthony Hopkins hat Aronofsky eingespannt, Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson und Logan Lerman. Die bewegen sich in einer Bildwelt, die ein wenig an 300 erinnert. Dazu jede Menge Tiere, wie man im Trailer bestaunen kann. Alle computeranimiert.

Am Ende des Trailers heißt es »Written by Darren Aronofsky and Ari Handel« und der Zuschauer könnte denken »Von wem war die Geschichte gleich?l«

Der Film soll am 27. März 2014 in die Kinos kommen – dann wissen wir mehr.