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Oj-GH

Der Gerichtshof der Europäischen Union hat entschieden, dass die Herkunftsangabe »aus israelischen Siedlungen« weiterhin angebracht werden muss. Dagegen hatte ein israelischer Unternehmer geklagt und ihm wurde nicht Recht gegeben. Aus dieser Formulierung kann man erkennen, dass das bereits Praxis ist. Seit 2015 wird das nämlich langsam eingeführt und ist bereits auf Weinen zu finden. Keine gute Praxis. Aber es ist auch kein Grund für Hysterie und Populismus (»gelber Stern!«). Der Skandal ist nämlich nicht, dass die Waren gekennzeichnet werden.

Was ist nun also der Skandal?

Gut, gut. Bevor ungeduldige Leserinnen und Leser hyperventilieren: Der Skandal ist, dass es eine Reihe weiterer Länder gibt, die Waren in Gebieten herstellen, deren Status als »umstritten« gilt. Hier seien als Beispiele die »Autonome Republik Krim« oder Südmarokko genannt. Deren Waren werden derzeit nicht gekennzeichnet. Warum nicht? Vermutlich, weil es dafür keine politische Lobby gibt. Aber für die Kennzeichnung israelischer Produkte gibt es eine und das macht den Skandal ersichtlich: Doppelte Standards. Wird Israel selektiv für ein Verhalten kritisiert, das bei anderen Staaten ignoriert wird, dann ist das ein Doppelstandard und der ist ein recht guter Indikator dafür, dass ein Kritikpunkt antisemitisch sein könnte.

Also ist das Urteil antisemitisch?

Natürlich nicht. Das Urteil bestätigt eine Praxis, die sich eigentlich auf viele Länder beziehen sollte. »Andere dürfen das auch« ist hier nicht maßgeblich. Die Motivation derjenigen, die das für (oder besser »gegen«) Israel durchgesetzt haben, ist fraglich. Deshalb ist es überhaupt nicht hilfreich, den Europäischen Gerichtshof zu kritisieren.
Das Urteil ist auch kein Boykottaufruf. Den basteln erst diejenigen Gruppen, die diese Entscheidung politisch missbrauchen und direkt gegen Israel einsetzen.

Und jetzt?

Jetzt gilt es sich direkt dagegen zu wenden, dass die Kennzeichnung für Boykottaufrufe genutzt werden kann. Der »Diskriminierung« von Waren, die etwa nach Druck von antiisraelischen Organisationen, entsprechende Waren auslisten, muss entschieden, entgegengetreten werden. Das dürfte juristisch möglich sein. Die Kennzeichnung der Waren könnte man natürlich generell hinterfragen, wenn sie letztendlich nicht durchgesetzt wird. Aber das ist ein anderer politischer und juristischer Prozess.

Auf der anderen Seite: Wer die entsprechenden Firmen unterstützen will, die so oft auch Arbeitgeber für palästinensische Menschen sind und ihnen eine Perspektive geben, weiß, zu welchen Waren er greifen muss.
Also: Die »Golan Heights Winery« stellt ein paar gute Tropfen her: LeChajm.

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Mehr Juden nach Wien!

Der Stadttempel von Wien. Foto von Gryffindor (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Der Stadttempel von Wien.
Foto von Gryffindor (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Einwanderung in eine funktionierende jüdische Infrastruktur gefällig?
Wien scheint den allgemeinen Trend des Mitgliederschwunds aktiv abwenden zu wollen.
Offensichtlich gibt es ein Programm der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, mehr Gemeindemitglieder aus dem Ausland zu gewinnen. Jedenfalls kann man dies einem Interview mit Oskar Deutsch (dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde), Ronald Lauder mit dem österreichischen Heute entnehmen. Tatsächlich scheinen auch schon ein paar Juden aus Deutschland und Österreich gekommen zu sein:

“Heute”: Herr Deutsch, Sie wollten jüdische Einwanderung forcieren. Haben Sie die Pläne verworfen?
Deutsch: 2014 wanderten rund 100 Juden ein, die meisten aus Deutschland und Ungarn.
[…]
10.000 in zehn bis 15 Jahren sind nach wie vor ein Ziel. Unsere kleine Gemeinde (rund 8.000 Mitglieder, Anm,) braucht Zuzug um zu überleben. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass 1938 mehr als 200.000 Juden in Österreich gelebt haben.
von hier

Beim Wort genommen!
Ein Problem scheint zu sein, dass die Werbung für dieses Unternehmen eher im Verborgenen ablaufen muss, denn bisher konnte ich auf den Internetseiten der Gemeinde keinen Hinweis dazu finden. Wien wäre nicht die unattraktivste Stadt in Europa.

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Die große Kaschrutliste

Die Lebensmittel der großen Marken in Europa stammen häufig aus der gleiche Produktion und sind nahezu überall verfügbar. Nicht selten kann es vorkommen, dass man auch mal im Nachbarland einkauft (das hängt natürlich von der geographischen Situation ab). Deshalb ist es folgerichtig, dass es nicht mehr nur nationale Kaschrutlisten gibt, sondern eine große europäische. Die Europäische Rabbinerkonferenz hat das Projekt an den Start gebracht und eine solche Liste ins Netz gestellt (hier).
Europäische Kaschrutliste

Mann kann, nicht ganz intuitiv, die Liste sortieren oder sich Einträge für bestimmte Länder anzeigen lassen. Um das zu tun, muss man allerdings ein gewisses Verständnis für solche Anwendungen mitbringen. Wer etwa Produkte anzeigen lassen möchte, die für Deutschland relevant sind, muss dies eingrenzen: Zeige mir Einträge für Germany.
Kaschrut-Liste

Man erhält dann alle Einträge für Lebensmittel, die auch in Deutschland verfügbar sind. Das Problem an den Daten ist, dass sie offenbar aus den nationalen Listen stammen. So schleichen sich deutsche Negativeinträge in die Liste. Das Lebensmittel taucht in der Liste auf, ist aber nicht koscher. Einfach, weil der Ersteller der deutschen Liste dies eingetragen hat:

Nicht koscher

Man kann sich fragen, welchen Wert diese Information für jemanden ist, der mit dem Wort Nicht nichts anzufangen weiß. Glücklich derjenige nichtdeutsche Nutzer, der das abstrahieren kann. Es gibt da also noch reichlich Verbesserungspotential. Dass ein Datenpool existiert, ist ein riesiger Fortschritt. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, diese Daten unter eine freie Lizenz zu stellen, so dass man sich mit anderen Tools aus diesen Daten bedienen und Apps oder Onlineanwendungen bauen kann.

Die deutsche Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz findet man übrigens hier.

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Zukunft für Juden in Deutschland und Europa?

Über die demographischen Probleme des Judentums in Deutschland wurde hier ja schon häufiger berichtet und fortlaufend begleitet. Dass die Anzahl der Gemeindemitglieder bereits wieder sinkt, ist dabei schon aufgefallen.
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Die Gründe dafür sind vielfältig. Gestalter jüdischen Lebens haben sich diese Probleme (hoffentlich) klar vor Augen geführt. Es gibt jedoch einen Faktor, der meiner Meinung nach, die demographischen Prozesse entscheidend beeinflussen wird: Antisemitismus. Der ist in Europa praktisch überall vorhanden und hat unterschiedliche Wurzeln. Jörg Lau liefert in seinem Blog einen Zwischenbericht:

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der klassische faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten. von hier

Wie diesem Problem begegnet wird, ist einer der Faktoren, der entscheidet, wie das geschrumpfte Judentum in Deutschland und in Europa in die Zukunft geht.

29.12.10 Aliya_0789
Französische Olim

Alleine im Jahr 2009 gingen 1.557 Juden aus Frankreich nach Israel, 12 aus Deutschland (Quelle) und schon in den Vorjahren gingen buchstäblich tausende französische Juden nach Israel. Die Ursache dafür liegt sicher nicht nur an der ausgezeichneten Öffentlichkeitsarbeit der Jewish Agency. Eine recht eingehende Analyse liefert ein Artikel (aus dem Jahr 2006) der Jerusalem Post:

… a University of Saint-Antoine medical school class was interrupted by four men shouting anti-Semitic threats and beating a Jewish student, while the class and professor looked on in silence; and a 12-year-old girl leaving a Jewish school was beaten by two men who carved a swastika into her face with a box cutter. Synagogues were torched, Jewish cemeteries were desecrated, and Jewish institutions were vandalized, damaged or destroyed. The number and virulence of these violent attacks have indeed been reflected in the number of Jews leaving France for Israel: 11,148 between 2000 and 2005, with a 35-year high of 3,300 Jewish immigrants in 2005. von hier

An anderer Stelle schlug ich vor, ungarische Juden aufzufordern, das Land zu verlassen und die Gemeinden hier zu unterstützen.
Die Fakten sind also nicht besonders aufmunternd, sprechen aber dafür, dass sich jüdisches Leben wieder auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren und es nicht mehr so viele kleine Gemeinden geben wird.