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documenta – ein Bekenntnis

Ein Bekenntnis zur documenta. Ich war genervt von all jenen, die schon lange vor der Veranstaltung genervt waren.
N-Lange.de in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Bekenntnis! Ich bekenne mich schuldig, dass ich vor der documenta genervt war. Genervt von all jenen, die schon lange vor der documenta vor Antisemitismus warnten. Die schon ganze Szenarien durchgespielt hatten und nicht müde wurden, vor einer Entgleisung zu warnen. Genervt von denjenigen, die Künstlerbiografien darauf abklopften, ob diese oder jener schon einmal einer Person mit BDS-Bezug begegnet sei und ob es eventuell entsprechende Äußerungen gegeben hat.
Ich war genervt, weil es vollkommen klar sein musste, dass sich eine Veranstaltung, die von den Veranstaltern für hochkarätig gehalten wird, diese Veranstaltung intensiv vorbereiten würde. Es würde keine offenen Fragen geben. Gerade in unseren Zeiten, in der jede Äußerung, jede Regung und jedes Foto in den sozialen Medien landen und Anlass für maximale Aufregung sein kann.
Antisemitismus wäre – das wäre doch vollkommen klar – der größte anzunehmende Unfall und würde dem Ruf der documenta nachhaltig schaden.

Und nun gibt es einen »Antisemitismus-Skandal«. Warum? Weil anscheinend nicht einmal die grundlegendsten Prinzipien zum Schutz der eigenen Reputation beachtet wurden. Von einem eigenen Anliegen, Antisemitismus keinen Raum zu geben, ganz zu schweigen.

Eigene Schuld, darauf vertraut zu haben, dass grundlegende Dinge verstanden worden sind und so wie es aussieht, besteht daran auch kein wirkliches Interesse. Es gibt ja Jüdinnen und Juden – die sagen früh genug Bescheid. Dann sind zwar alle genervt, aber das Problem nicht mehr so sichtbar.

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Auschwitz am Strand

Documenta13
By Cindybeau (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Franco Berardi (Jahrgang 1949) hat anscheinend ein Gedicht über Europa, diejenigen die über das Mittelmeer nach Europa kommen möchten und die Gesellschaft geschrieben.
Das Thema ist tragisch und extrem komplex. Täglich sterben Menschen, weil sie versuchen, das Mittelmeer mit Schlauchbooten zu überqueren. Die Boote, von Schleppern gestellt, sind überladen — es ist schon Abfahrt klar, dass die Menschen es nicht schaffen werden und trotzdem versuchen sie es.
Ist das Mut? Verzweiflung? Wahnsinn? Rücksichtslosigkeit?
Nicht alle kommen aus Ländern in denen Krieg oder Gesetzlosigkeit herrscht, aber Verzweiflung und Armut.
Und während wir nach einer Haltung dazu suchen, ertrinken jeden Tag Menschen und wir wissen davon. Das ist tragisch und muss gesellschaftlich diskutiert werden.
Was man aber auch sagen muss: Das Mittelmeer haben die Europäer nicht gegraben und mit Salzwasser gefüllt.
Fabio Stefano Berardi und Dim Sampaio greifen die Textarbeit von Franco Berardi auf und schreiben (hier):

Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.
von hier documenta14

Kunst muss schmerzhaft sein und auf Finger, vielleicht sogar eine ganze Faust, in Wunden legen – aber Kunst darf nicht dumm sein.
Erinnern wir uns – und es ist lächerlich, dass man das überhaupt formulieren muss – wofür Auschwitz steht: Für die industrielle Vernichtung von Menschenleben von Nordafrika bis Norwegen. Für einen komplexen Prozess, der geschaffen wurde, um Menschen aus ihren Herkunftsorten und ihren Herkunftsländern zu holen. Nur um sie dann effizient zu ermorden.
Das ist das, was auf dem Mittelmeer passiert?
Auf der documenta14 scheint man genau das behaupten zu wollen.
Einfach nur für den Schockeffekt?
Sieht so aus.