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Von Nackensteaks und Tomaten

In einer fiktionalen Welt würde ein großes Interview – in einem der reichweitenstärksten Magazine des Landes – eine große Diskussion mit einem Knall beenden. Keine Fragen wären übrig. Alle Kritiker beschämt. Alle enttäuschten Fans versöhnt. Die – jetzt folgende – Wendung in diesem Text hier war erwartbar: Wir leben natürlich nicht in einer fiktionalen Welt. Weniger erwartbar war, dass Dr. Max Czollek im November dem SPIEGEL ein Interview gegeben hat und sein Interview nicht dazu genutzt hat, Kritiker und Freunde zu überraschen. Das Interview ist übrigens betitelt mit »Maxim Biller und ich sind uns so ähnlich wie ein Nackensteak und eine Fleischtomate«. Ist ein Nackensteak nicht immer vom Schwein? Aber das nur am Rande.
Wir spulen ganz kurz zurück (die gesamte Diskussion hier):
Als er in (s)einem Tweet den Inhalt eines privaten Gesprächs mit dem Autoren Maxim Biller offengelegt hat – vielleicht aus Kränkung – konnte er die folgende Entwicklung anscheinend nicht vorhersehen und die entstehende Dynamik nicht erkennen. Bei knapp 37.000 Followern bei Twitter allerdings verwunderlich, dieses Werkzeug der Massenkommunikation so zu unterschätzen. Im SPIEGEL-Interview sagt er übrigens, es folgte ein »Shitstorm«, der »durch die Printmedien und Radiostationen fegte«. Er meinte die öffentliche Diskussion, die er angestoßen hatte: »Patrilinearität« sagte plötzlich auch nichtjüdischen Kulturredakteuren etwas. Kaum ein überregionales Blatt wollte auf einen Bissen vom »Jüdische-Identität-Bagel« verzichten.

Eine Diskussion über Vaterjuden?

»Patrilinearität« war das Label, dass sich Czollek in seinem Tweet mit dem Hashtag verpasste. Nur: Das Label passte nicht zu ihm. Das war zuvor kein großes Thema, aber durch sein Aufgreifen dann doch eines und leider wurden auch hier Details veröffentlicht. Das stand am Ende der Diskussion um Patrilinearität – bei der es nicht immer um nur um Max Czollek ging – auch wurde hitzig über die Töchter und Söhne von jüdischen Vätern (ohne jüdische Mutter) diskutiert – als sei das Thema neu für die jüdische Community in Deutschland.
Dem hält Max Czollek im Interview trotzig entgegen: »Ich bin Jude«. Natürlich kann er das sagen, aber er muss dann aber auch die Definition mitliefern, wer denn nun Jüdin oder Jude ist. Eines ist der Community klar: Eine Selbstdefinition reicht nicht aus. »Ja, na klar fühle ich mich jüdisch« mag für das eigene Befinden ausreichen – im Zusammenspiel mit anderen Jüdinnen und Juden gelten dann aber Absprachen.

Die Dramaturgie des Interviews im SPIEGEL sieht das sogar vor. Der Redakteur Tobias Becker (der Czollek seit 2018 kennt) fragt nach:

Wie lautet denn Ihre Definition?

SPIEGEL online

Und Czollek antwortet:

Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat ich war, fördert die ganze Vielfalt jüdischer Realitäten, was natürlich über die Halacha hinausgeht.

SPIEGEL online

Zur Verdeutlichung: Es geht um eine Definition.
Wenn also Naturwissenschaftler A sagt: »Dieses Ergebnis entspricht der Definition« und Wissenschaftler B fragt zurück: »Wie lautet die Definition?« – dann ist die Antwort »Wissenschaftler C sieht es wie ich« keine ausreichende Begründung. Der Verweis auf das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat Czollek war und in dessen Beirat er heute sitzt, sagt eigentlich nichts.

Interviewer Tobias Becker arbeitet mit und bereitet schon über die Frage ein gewisses Setting sorgfältig vor, denn er fragt nach traditionellen jüdischen Definitionen (und nicht unbefangen nach einer jüdischen):

Nach traditioneller halachischer Definition war schon Ihr Vater kein Jude.

SPIEGEL online

Hier kommen wir zu einem Punkt, den man zunächst für ein Missverständnis halten könnte: Max Czollek geht davon aus, dass die jüdische Zivilisation (diese Definition von Mordecai Kaplans Definition des Am Jisrael ist nicht unattraktiv, man könnte auch mit Rabbiner Steinsaltz schreiben »Familie«) in eine religiöse und eine kulturelle Sphäre zerfällt. Dabei übersieht er, dass das Konzept von Religion auf das Judentum nicht uneingeschränkt anwendbar ist (und eigentlich eine christliche Kategorie ist).
Wenn man aber ihm jedoch aufmerksam zuhört, dann könnte es auch Programm sein:

Ich habe nie probiert, Teil einer Gemeinde und damit Teil des religiösen Judentums zu werden. Und plötzlich treten Leute auf und halten mir die religiöse Definition vor, als sei das die einzige jüdische Lebensrealität in Deutschland. Sie ist es nicht. Ich komme aus einer Familie, für deren jüdischen Teil der Zentralrat nie eine Rolle gespielt hat, denn der war ja in Westdeutschland.

SPIEGEL online

Die Absicht dahinter scheint zu sein, eine Art von Establishment zu konstruieren gegen das aufgestanden werden muss. Moderne (progressive, nicht im Sinne von jüdisch-liberal) Jüdinnen und Juden gegen die konservativen, ja religiösen Jüdinnen und Juden. Ganz nebenbei wird angedeutet, dass es schlecht ist, sich der Halacha verpflichtet zu fühlen.
Und warum?
Weil die Halacha, laut Czollek, ein »sehr religiöses« Gesetz ist und wer sich der Halacha verpflichtet fühlt, der scheint Homosexuelle steinigen zu wollen:

Die Halacha regelt zum Beispiel auch, welche Konsequenzen Homosexualität haben sollte. Nämlich die Todesstrafe. Die Halacha ist ein sehr religiöses, sehr konservatives Gesetz, mit dem man modern umgehen sollte.

SPIEGEL online

Der Satz demonstriert – ziemlich eindrücklich – dass Czollek entweder nicht sonderlich viel über die Halacha weiß, oder sie absichtlich falsch und verkürzt darstellt. Da könnte er eigentlich den Direktor des genannten Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk fragen, der in diesen Tagen das Vorwort für ein Buch mit dem Titel »Jüdisches Religionsgesetz heute« verfasst hat (»Religionsgesetz« ist das nichtjüdische umschreibende Wort für Halacha). Vielleicht ist die Todesstrafe für Homosexualität ja in dem Buch Thema. Mit seiner Beschreibung der Halacha als konservativem, ja anscheinend grausamen, Gesetz könnte man auch an die (immer seltener werdende) christliche Verzerrung des »jüdischen Gesetzes« denken. Nicht freundlich.

In der folgenden Diskussion wurden von den Redaktionen Vertreter aller Richtungen angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Die Wahrnehmung Czolleks ist also etwas verengt:

Wenn eine nichtjüdische deutsche Medienöffentlichkeit vor allem religiös argumentierenden Stimmen Raum bietet, dann macht sie die Anerkennung der neuen jüdischen Lebendigkeit schwerer, als es sein müsste.

SPIEGEL online

Wer die Liste mit allen Beiträgen zur Debatte aufmerksam durchgeht (hier zu finden), wird feststellen, dass diese Beobachtung nicht zutreffend ist. Sie ist eine geschickte Konstruktion, mit deren Hilfe sich Czollek zum Sprecher dieser neue jüdischen Lebendigkeit (es gibt anscheinend auch eine alte) macht. Aber diese neue Lebendigkeit definiert sich ausschließlich selber und einige (!) der Initiativen werden übrigens auch durch den Zentralrat mitfinanziert. Ebenso verhält es sich mit dem Themenkomplex Patrilinearität. Durch den Hashtag hat er die Diskussion darüber für seine Zwecke genutzt. Dabei wäre es – ganz nebenbei erwähnt – interessant, den Betroffenen zuzuhören und ihnen die Möglichkeit zu geben, sichtbar zu werden. Vielleicht sollte man das Buch »Väter unser« von Ruth Zeifert an dieser Stelle erwähnen…

Wir erleben also keinesfalls eine Emanzipation neuer jüdischer Lebendigkeit. Wir erleben die Konstruktion eines neuen Judentums für die nichtjüdische Öffentlichkeit. Ein leicht zugängliches, nicht fremdes (das erklärt vielleicht, woher Philipp Gessler vom evangelischen Zeitzeichen-Magazin seine Idee eines Judentums hat, das nicht zu fremd und nicht zu halachisch ist). Eines, das Gedächtnistheater zurückweist, aber zugleich umgänglich ist. Ein wenig Revolution und Abgrenzung, aber viel Mitmachpotential für alle. Das Spannungsfeld von »Desintegration« als Befreiungsschlag von der Umklammerung des Jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit – in der deutschen Öffentlichkeit für diese Zielgruppe ist jedenfalls recht viel Bühne.
Czolleks Autorität für diese Position bezog er aus seiner Identität – die nun von Teilen der jüdischen Community eher kritisch betrachtet wird – siehe dazu auch den Beitrag von Jana Hensel in der ZEIT.

Das tragische Ergebnis eines Tweets

Dies alles ist das tragische Ergebnis eines einzigen Tweets an zahlreiche Follower, der eigentlich nur sagen wollte: »Hey, ich habe mit Maxim Biller gesprochen.« Seiner Popularität bei seinen Anhängern wird es nicht schaden, das SPIEGEL-Interview trägt aber nicht dazu bei, andere auf seine Seite zu ziehen. Es hat nun einige Journalisten und Feuilletonisten zum Widerspruch animiert. Wenn er seiner eigenen Beschreibung des jüdischen Lebens in Deutschland »(…) weil nicht nur die Gesellschaft pluraler wird, sondern auch das Judentum« folgt, müsste er diese Pluralität anerkennen und nicht einem Teil der Community bescheinigen, dass sie eine Agenda habe, nämlich »linke und progressive Positionen«, für die er stehe »an den Rand zu drängen«. Zirkelbezug (man kennt das auch Excel): Indem man seine Nichtdefinition dessen, was jüdische Identität ist, zurückweist?


Letztendlich ist es vielleicht so, dass es weniger um Patrilinearität oder ein neues lebendiges Judentum geht, sondern etwas mehr um die Festigung der eigenen Position und Sichtbarkeit?
Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Das Interview war nicht der allerbeste Move für eine Beruhigung der Angelegenheit.

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Die ZEIT und jüdische Debatten

Die großen Debatten des jüdischen Deutschlands scheinen derzeit in der ZEIT ausgetragen zu werden. Mirna Funk begann mit »Wir lebenden Juden« (2016), einem Artikel, in dem sie Buddies von sich als jüdische Intellektuelle empfahl (und ganz nebenbei auch sich) – als Antwort auf einen Satz von Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen. Dort sagte er, er kenne (derzeit) keine jüdischen Intellektuellen in Deutschland (Artikel hier, Jüdische Allgemeine), Juni 2016. Maxim Biller legte mit »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« (2017) nach. Es folgten weitere Artikel von Biller (2018) und im Mai (2021) gab die ZEIT online Fabian Wolff Platz für »Nur in Deutschland« einem Text, der die zwei Pole des jüdischen Deutschlands deutlich gezeigt hat. Nicht durch den Text, sondern durch die Reaktionen darauf (zumindest diejenigen, die vom Text gehört haben) – natürlich getriggert durch den Text. Spätestens jetzt war Maxim Biller nicht mehr der einzige (jüdische) Autor (in Deutschland), von dem man sagen konnte, er habe keine Angst vor den Reaktionen auf seine Texte. Diese Reaktionen kannten wenig Zwischentöne. Übrigens gab es darauf eine Replik von Mirna Funk, ebenfalls in der ZEIT.

Jetzt legte Maxim Biller nach. Er sprach im Juli mit Max Czollek. Das Gespräch vermeldete Czollek aus erster Hand und direkt bei twitter – also nicht gerade in einem kleinen Kreis. Anscheinend war es kein sehr angenehmes Gespräch:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear Twitter, @rubenmcloop

Nun, am 12. August (2021) schilderte Biller das gesamte Gespräch – genau in der ZEIT und ging genau darauf ein:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. ZEIT, 12.08.2021

Es ist nicht klar, ob die beiden eine Interviewsituation teilten, oder ein privates Gespräch führten. Falls es ein privates Gespräch war, ist die Wiedergabe in einem Zeitungsartikel fragwürdig – oder es ist eine reichweitenstarke Antwort auf den Tweet. Biller teilt aus, wie es Biller stets tut (und entsprechend gnadenlos in der Beurteilung von Akteuren ist) und knöpft sich Czolleks Selbstverortung als jüdischer Intellektueller und »öffentlicher Jude in Deutschland« vor. Womit wir wieder an das Jahr 2016 anknüpfen und Billers behauptetes Alleinstellungsmerkmal »jüdischer Intellektueller in Deutschland«. Dieser Titel wird anscheinend mit harten Bandagen – wie bei einem Boxkampf – errungen. Derjenige, der als Sieger aus dem Ring steigt, erhält den Titel. Ist nur schwer für denjenigen, der nicht verstanden hat, dass der Kampf bereits läuft.

Die Thematik »wer ist von wem wann als jüdisch zu betrachten« ist nun (wieder) im Raum. Sie ist wichtig und stellt die Frage, ob eine eigene Positionierung ausreichend ist, um als jüdisch zu gelten.
Dazu gäbe es einiges zu sagen/schreiben, aber das soll zu späterer Zeit geschehen.

Fakt ist: Eine solche Debatte konnte nur Maxim Biller triggern – ob man den Text emotional hart fand, oder nicht, ob man meint, Biller verteidigt sein Revier, oder nicht. Denn offenbar verfügt er über eine entsprechende Reichweite und Wichtigkeit, denn er wird offensichtlich ja gelesen.

Aber! Warum muss das in der ZEIT passieren?

Nicht, dass die Diskussionen nicht in die Öffentlichkeit gehörten… das tun sie. Jede und jeder muss auch unangenehme Themen der jüdischen Gegenwart aushalten.

Die Antwort ist: Es gibt im deutschen Sprachraum kein Medium, in dem solche Diskussionen (man kann auch schreiben Streit) ausgetragen werden können. Es gibt kein Quartely mit (jüdischen) Themen und Texten (literarische Texte und Sachtexte), die wirklich wehtun und die man aushalten muss. In Bezug auf den Text von Fabian Wolff konnte man erkennen, dass einige Leserinnen und Leser nicht bereit waren, überhaupt zuzuhören (»zulesen« wäre das richtige Wort) – obwohl immer wieder eine jüdische Diskussionskultur beschworen wird. Es scheint mehr Texte zu geben, es gibt aber kein zentrales Medium dafür. In diesem Medium kann (gut, könnte) dann auch einmal gründlich diskutiert werden, wie der Umgang mit patrilinearen Jüdinnen und Juden (die sich selber als jüdisch bezeichnen würden, es gibt ja auch diejenigen, die daran nicht anknüpfen möchten) aussehen kann. Es werden Antworten dabei sein, die nicht allen Interessierten schmecken. Die Jüdische Allgemeine ist die einzige ernstzunehmende regelmäßige Publikation in deutscher Sprache, in der das möglich wäre. Hier dürften aber technische Aspekte Grenzen setzen. Etwa die begrenzte Zeichenzahl in Print-Publikationen und die (große) Arbeit für Redakteure, Debatten so abzubilden, dass die Leserinnen und Leser ihnen folgen können. Online wäre eine Alternative.

Solange müssen wir damit leben, dass andere Publikationen diesen Diskussionen Platz einräumen. Eine Einmischung Dritter ist aber in beiden Fällen nicht zu vermeiden.

Das Magazin »Jalta«, an dem auch Czollek mitwirkt, kann diesen Anspruch nicht einlösen. Es ist Sprachrohr einer Auffassung davon, wie Prozesse heute interpretiert werden können, aber kein Debattenformat.

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Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

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Die Zukunft der europäischen Diaspora

Zwei Themen sind jüdische Dauerbrenner: »Wer ist ein Jude« und »Die Diaspora und Israel«.
Müssen sich Juden schuldig (oder noch schuldiger) fühlen, wenn sie noch in in der Galut leben?
Das jüdische an der Situation ist: Die Entwicklung in Europa ist sehr widersprüchlich in sich.
Zum einen ist das Leben für Jüdinnen und Juden unsicherer geworden und zugleich beansprucht vor allem die jüngere Generation Räume und Diskurse in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gesellschaften, in denen sie leben. Das Jüdische Museum Frankfurt widmete sich zwei Tage lang dieser Frage und beleuchtete dabei nicht nur die Rolle der jüdischen Museen.
Nein, es ging auch um die aktuelle Situation auf dem gesamten Kontinent. Das Symposium trug den Titel Transitions. So diskutierten Diane Pinto und Bernard Wasserstein gegensätzliche Einschätzungen zur aktuellen Situation in Europa.
Die Autoren Doron Rabinovici und Fania Oz-Salzberger diskutierten, inwieweit die gegenwärtige Periode jüdischen Lebens in Europa eine des Übergangs ist. (Direkter Link zur Diskussion auf YouTube) Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (und ihre Veränderungen) für jüdisches Leben in Europa (man denke an die Schechita) wurden angesprochen.

Ich hatte die Ehre, an einem der Panels über ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in der Diaspora teilzunehmen, zusammen mit Laura Cazés (von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), dem Schweizer Journalisten Yves Kugelmann (tachles.ch), mit der Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Zsófia Kata Vincze aus Budapest und dem französischen Journalisten und Romanautor Marc Weitzmann. Die gesamte Diskussion ist hier abrufbar (YouTube).

Zu meinem eigenen Wortbeitrag habe ich noch einige Notizen gemacht und daraus einen kleinen Text gebastelt. Da das Symposium in englischer Sprache war, habe ich den Inhalt in einem Blogbeitrag bei der Times of Israel veröffentlicht. Den Text findet man hier.

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Freiheit, Urheberrecht und wir

In der letzten Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen schrieb Autor Benjamin Stein seine Meinung zur Urheberrechtsdebatte auf und zeigte erneut, dass es in der Diskussion tatsächlich nur Schwarz und Weiß gibt, oder nur Gut und Böse. Oder, um in der Sprache der Verfechter einer totalen Freiheit zu bleiben Nutzer und Verwerter. Im Steinschen Artikel haben wir noch die Wahl zwischen Freiheit (Aufgabe des GEMA-Cents) und chinesischen Netzverhältnissen.In der aktuellen Ausgabe argumentiert Doron Rabinovici übrigens dagegen.

Der Text von Stein war ein Meinungsbeitrag der ein wenig in die Richtung zu gehen scheint, in welche die Piratenpartei bei diesem Thema marschiert. Nun kann eine Meinung auch auf Basis einer unkonkreten Wunschvorstellung oder auf einem Ideal basieren. Sie muss nicht vernünftig begründet sein. So mancher meint einfach aus Prinzip einfach das Gegenteil von dem, was alle anderen meinen. Wenn man (reich und) berühmt ist, kann man mit diesem Prinzip sogar noch reicher und noch berühmter werden. Aber zurück zu Steins Meinung. Sein Beitrag zeigt, dass eine Meinung nicht unbedingt begründet sein muss.
Im Fall von Benjamin Steins Meinung ist das offenbar so.
Unter Auslassung wichtiger Fakten könnte man seine Meinung nachvollziehen, auch als digital native. So schreibt er unter anderem, dass Contentanbieter im Netz schnell, komfortabel und technisch anspruchsvoll anbieten müssten, um die Entscheidung für den legalen Erwerb (gibt einen illegalen Erwerb??) nicht zu bestrafen. Was Stein offenbar nicht sieht, ist die Tatsache, dass es kein Anrecht auf Grundversorgung mit Literatur und Musik gibt.
Eine Nichtversorgung mit Musik oder literarischen Werken rechtfertigt nicht die Aneignung von Dateien oder entsprechenden Werke.
Technische Hürden oder zu hohe Preise sind dementsprechend keine zulässige Ausrede dafür, dass man sich die Waren aneignet ohne den festgesetzten Preis dafür zu bezahlen, nach Benjamin Steins Logik wäre das wohl ein illegaler Erwerb.
Interessant, wie die Öffentlichkeit reagieren würde, wenn ich nach einem Gesetz verlange, dass es mir erlaubt, Waren aus dem Supermarkt mitzunehmen ohne zu bezahlen, weil sie technische Einschränkungen geschaffen hätten. Also beispielsweise meinen Kreditkartenanbieter nicht akzeptieren. Beim nächsten Mal mache ich also meinen Einkaufswagen voll und rolle an der Kasse vorbei. Bargeld habe ich nicht und Kreditkarten nehmen sie nicht an. Selber schuld, wenn sie technisch dem Konsumenten nicht entgegenkommen. Das wäre die Analogie zum Text von Benjamin Stein. Oder ich nehme das neue Buch von Benjamin Stein in der Buchhandlung (kann man es auch kostenlos auf der Homepage von Benjamin Stein herunterladen? Mit gutem Beispiel voran!) einfach mit.

Was haben wir damit zu tun? Neben der gesetzlichen Situation haben müssen wir schauen, was halachisch so geht, wenn wir über das Urheberrecht sprechen. Also eine jüdische Sicht einbringen und die Sachlage unter noch komplexeren Parametern sehen.
Zum einen kommt sie einer piratigen Sicht entgegen (Wiederauflage von vergriffenen Büchern oder Werken), schützt jedoch in anderer Hinsicht die Rechte des Urhebers und des Distributoren.

So haben sich die Rabbinen schon früh um den Schutz derjenigen bemüht, die Kosten und Mühen auf sich nahmen, religiöse Bücher zu drucken. So gab es einen Bann über diejenigen, die ein Werk unberechtigterweise nachdrucken. Der war zuweilen zeitlich angelegt oder geographisch. Diese Herangehensweise nahm also einiges von dem voraus, was heute allgemein üblich ist und schützte die Investition des Druckers.
Eine vollständige Ausgabe des Talmuds und der dazugehörigen Kommentare stellte man nicht mal so eben schnell zusammen.

Der Rama (Rabbiner Mosche Isserles) urteilte dementsprechend, als zwei Drucker das gleiche Werk in Italien auf den Markt brachten. Er schützte die Rechte dessen, der das Buch zuerst auf den Markt brachte. Jemandem sein Einkommen vorzuenthalten könnte als Hasogat Gevul betrachtet werden. Also dem Verbot, den Markstein eines anderen zum eigenen Vorteil zu verschieben. Die Einkünfte aus der Arbeit des Urhebers und seinem Drucker steht ihnen zu und nicht einer dritten Partei.
Ganz so einfach ist es also nicht.

Wir tun Dinge, weil wir technisch dazu in der Lage sind war nie eine jüdische Haltung. Die jüdische Haltung wäre vielleicht Pff. Schwere Frage. Warum stellst Du sie?