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Das Ende der Causa Mbembe

Neigt sich die »Causa Mbembe« etwa ihrem Ende zu?

Dann wäre ein Text von Lea Rosh mit dem Titel »Er ist unser Wächter« in der FAZ der skurrile Schlusspunkt dieser ganzer Angelegenheit. Eine solche »Verteidigung«, in der Rosh von einem »wir« spricht (von wem ist da überhaupt die Rede?) und zurückweist, bedauert und wirbt, hat diese gesamte Angelegenheit nicht verdient.

Die »Causa« hat uns mehr erzählt.

Natürlich, die Ruhrtriennale fand letztendlich nicht statt und man könnte behaupten, es eine Diskussion »L’art pour l’art« gewesen. Oder es ging allein um den guten Ruf von Achille Mbembe.

Achille Mbembe legte viel Pathos in die Diskussion. Seine Stellungnahme in der »taz« begann er mit der Versicherung, dass es ihm gut gehe. Schließlich gäbe es ja auch Grund zur Sorge. Als spräche da nicht Achille Mbembe, sondern Salman Rushdie. Natürlich – um was geht es? Den langen Arm des Weltjudentums? Wir alle kennen ja in der jüngsten Geschichte Fälle von Persönlichkeiten, die nach Antisemitismusvorwürfen ein Leben im Untergrund führen mussten. Mel Gibson, Dieudonné oder Jakob Augstein. Karrieren am Ende. Oder die Antisemiten, die es erwiesenermaßen waren: Nehmen wir mal Richard Wagner. Nachdem sein Antisemitismus bekannt wurde, wurde seine Musik in Deutschland ja bekanntlich nicht mehr gespielt und die Person geächtet.

Kant, für den Juden »Vampyre der Gesellschaft« waren – wer spricht heute noch über Kant? Ich denke, es ist klar, was gesagt werden sollte. 

Mikrovorwürfe Eine effektive Methode

Diese kleinen eingebetteten Vorwürfe, nennen wir sie »Mikrovorwürfe«, haben sich in der Diskussion und den Köpfen der Menschen festgesetzt und werden kaum noch wahrgenommen. Sie bleiben deshalb unwidersprochen: Israel ein Apartheidstaat, Israel als Kolonialstaat, Israel habe einen fanatischen Zerstörungswillen, wer Israel kritisiert, müsse sich fürchten, Israel beziehe seine Legitimation aus religiösen Ansprüchen und einige mehr.

Im Fokus der Diskussion um Achille Mbembe standen zwei Vorwürfe. Sie waren recht schnell in der Welt, als angekündigt wurde, Mbembe würde auf der Ruhrtriennale auftreten. Ein angeblicher Holocaustvergleich wurde entdeckt und der Vorwurf geäußert, der zukünftige Redner stünde »BDS« nahe. 

Diese wurden mit Sicherheit etwas zu früh geboren und es riecht danach, als habe man sich irgendetwas bei google zusammengesammelt, um Mbembe zu überführen. Aktivismus schlug hier Besonnenheit. Hätte man sich zwei Tage mehr Zeit genommen, um Mbembes Haltung anhand seiner Texte zu analysieren und sich mit Kennern der Materie ausgetauscht, wäre man zu dem Ergebnis gekommen, dass der gefeierte, ja geliebte, Historiker blumig an den Tisch der Verständigung einlädt, aber doch eigene Probleme mit Jüdinnen und Juden vielleicht nicht analysiert hat. Dass seine Haltung zu BDS bewusst ambivalent ist, hätte man vielleicht ebenfalls schon im Vorfeld erkennen können. Der mutmaßliche Holocaustvergleich war zu vernachlässigen gegenüber anderen Dingen, bei denen er sich aus dem Repertoire eines klassischen europäischen Antisemitismus bedient hat: »Pharisäer und Zeloten« sind für ihn Heuchler und das Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« bemüht er ebenfalls. In »Politik der Feindschaft« lässt sich Mbembe über das »göttliche Existenzrecht« Israels aus und der Topos von der »Exklusivität« Israels (als auserwähltes Volk) bemüht. Einem Textarbeiter, wie Mbembe einer ist, kann durchaus zugetraut werden, dass er Herkunft und Absicht der sprachlichen Mittel kennt.

Ein Beispiel  seiner bewussten Ambivalenz war in der ZEIT zu lesen (siehe Artikel dazu). In seinem Text schrieb er, er befasse sich nicht mit Israel, spricht aber dann »über Bande« natürlich doch über den Staat Israel – indem er nämlich über die Situation der Palästinenser spricht. So hält er es auch mit BDS. Äußerungen sind zum Teil etwas vage. So hat er an einer Konferenz an der Universität Stellenbosch 2018 erst dann teilgenommen, als sichergestellt war, dass Professorin Schifra Sagy von der Ben Gurion Universität nicht kommen würde (siehe dazu welt.de). In Interviews positioniert er sich aber nicht unbedingt in der BDS Bewegung.

Streiten über BDS Warum?

Darüber wurde aber viel zu wenig diskutiert. Wir haben uns rückwärts bewegt. Es wurde wieder über BDS gestritten – dabei gibt es schon einen Beschluss des Bundestages der BDS deutlich einordnet. Und nun müssen wir wieder neu beginnen? 

Wer schon gehört hat, wie Anhänger von BDS ein Zeitzeugengespräch mit einer Schoahüberlebenden niedergeschrien wird, nur weil die Dame heute israelische Staatsbürgerin ist, wird sich fragen, ob da Diskussionsanspruch angemeldet wird, oder schon Totalitarismus am Werk ist. Die Fürsprecher werfen dem Staat Israel gerne vor, er kontere jede Kritik mit der Schoah, so ist man dort ebenso schnell mit entsprechenden Vergleichen unterwegs. Wer erinnert sich noch an das verhunzte Logo von Israels Gastgeberschaft des Eurovision Song Contests mit den SS-Runen? Oder Proteste gegen Personen, nur weil sie israelische Staatsbürger sind, wie eben die Überlebende Dvora Weinstein. Verteidiger raunten über den Bundestagsbeschluss zu BDS, er »trage antisemitische Züge«.

Wenn es nach Omar Barghouti geht, einem Mitbegründer der BDS Bewegung, dann hätten Juden überhaupt keinen Platz auf dem geographischen Gebiet den es heute einnimmt. »Nicht in Palästina« ist seine Haltung. Palästina ist überall da, wo auch Israel heute ist. Und damit sind wir beim »Zionismus« angekommen. Laut BDS ist der Zionismus, der »ideologischer Pfeiler des israelischen Besatzungsregimes, Siedler-Kolonialismus und Apartheid.« Das sind Begriffe, die sich auch bei Mbembe finden. Er schrieb in seinem Vorwort zu »Apartheid Israel«, die »Besatzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit«. Schon das allein ist, wenn man Mbembe ernstnimmt, ein Skandal. Der Genozid an den Rohingya, die Massenerschießungen von Srebrenica, die Vorgänge im Süden des Sudan, der Genozid an den Jeziden durch den islamischen Staat oder der Konflikt in Darfur, bei dem, nach einigen Schätzungen, bis zu 500.000 Menschen getötet worden seien, sind nach Mbembe nichts dagegen. Das ist kein Whataboutism, sondern die Argumentation von Achille Mbembe konsequent weitergedacht.

Wenn Besatzung das gesamte Staatsgebiet meint, dann geht es somit um den Fortbestand Israels, nicht um die Kritik an einer Regierungskoalition des jüdischen Staates. Diese ist ja durchaus fortwährend angebracht. In Israel geschieht das recht schonungslos.

Wer also ernsthaft in Deutschland mit Staats- oder Landesmitteln eine solche Bewegung fördern möchte, hätte ein Problem. Das Parlament hat das verstanden und eine entsprechende Initiative unternommen. Wie ernst es dem Parlament damit ist, sollte sich an der »Causa Mbembe« zeigen.

Seine pathetische, aber letztendlich dechiffrierbare Haltung, die es ihm erlaubt, sowohl bei BDS zu punkten, als auch bei denen, die weiterhin am Weltverbesserer festhalten wollen, gilt es intellektuell zu begegnen. Man muss keinen Clubausweis von BDS besitzen, um die Ziele auch publizistisch zu unterstützen. 

Das muss offengelegt werden. Allein: die Gesellschaft ist nicht bereit dazu. Zu tief haben sich Vorbehalte gegenüber dem jüdischen Staat, der letztendlich der »Jude unter den Völkern« ist und »den Juden« festgefressen.

Jüdinnen und Juden wissen dies, jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar den öffentlichen Raum »stören«, bekommen sie das zu spüren. Es kann nicht schaden, ihnen zuzuhören. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, hat das gemacht und wurde dafür gerügt – aus dem Ausland.

Wenn etwas der Diskussion zuträglich wäre, wären das Ehrlichkeit und Empathie. Nehmen wir doch Mbembe endlich beim Wort! Denken wir seine elegant formulierten Sätze bis zum Ende – oder besser: Warum befragt ihn niemand dazu? Sieht er diese Punkte nicht in seinem Werk, oder, schlimmer, will er sie nicht sehen?

Die Anhänger von BDS werden in Deutschland nicht zum Schweigen gebracht, nur weil sie nicht gefördert werden. Sie werden nicht verfolgt, nicht niedergeschrien, nicht physisch attackiert. Sie dürfen überall sprechen, diskutieren oder demonstrieren. Aber man darf (oder soll) ihnen auch widersprechen und mit ihnen streiten. Das gilt nur noch eingeschränkt für Jüdinnen und Juden. Nicht der Staat verhindert es, aber Antisemiten greifen sich immer mehr Raum. Schräge Vergleiche, die Verwendung von Mythen und die Dämonisierung Israels betonieren das Fundament dafür.

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Schrödingers Antizionist

Die Ruhrtriennale ist für 2020 abgesagt. Der Planet hat eine Diskussion beendet, bevor sie so richtig aufkam. War der Fall 2018 sehr offensichtlich, so war es 2020 etwas komplexer gelagert. Als 2018 die schottische Band Young Fathers auftreten sollte, konnte man recht einfach argumentieren. Die Verbindung der Band mit der BDS-Bewegung war offensichtlich. Die Bewegung setzt sich für den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Boykott des Staates Israel ein. Das muss man hervorheben: Des Staates Israel. Nicht der Organe der aktuellen Regierung, es gibt also keinerlei Einschränkung. Die Bewegung stört auch in Deutschland regelmäßig Kulturveranstaltungen mit Bezug zu Israel. 2017 störte die Bewegung eine Zeitzeugen-Begegnung mit einer Schoah-Überlebenden an der Berliner Humboldt-Universität. Die deutsche Politik hat sich größtenteils gegen die Bewegung gestellt; insbesondere der Bundestag hat BDS verurteilt.

Schnell geriet 2018 die Intendantin Stefanie Carp in die Kritik und sie machte bei der ganzen Angelegenheit kein besonders gutes Bild, um hier einen Euphemismus zu verwenden. Allen Beteiligten war klar, dass Stefanie Carp das vielleicht nicht wiederholen sollte. Als Achille Mbembe eingeladen wurde, hatte man schnell Textfragmente von ihm aufgetrieben und eine Unterschrift unter einem Boykottaufruf gegen eine israelische Universität. Das ventilierte etwas und machte sich schnell selbständig. Mbembe habe die Schoah relativiert. Kann man so machen, ist aber am Ende nicht besonders hilfreich. Wäre der Vorwurf der Schoahrelativierung vom Tisch (und er war sehr dünn formuliert), wären die Vorwürfe entkräftet.

Mbembe ist ein recht beliebter und eloquenter Intellektueller mit großer Fanbase. Seine Arbeiten zum Postkolonialismus haben viele bewegt und einige Kommentatoren scheinen richtiggehend verliebt in den Mann zu sein, der an der Pariser Sorbonne promoviert hat – im Fach Geschichte übrigens.

Textschnipsel mit Bezug zu Israel oder BDS im Internet zu finden, war kein geeignetes Mittel, um Achille Mbembes Standpunkt genau zu verorten. Man müsste sich also etwas genauer mit Mbembes Texten auseinandersetzen, um seinen Standpunkt zu verstehen. Die ZEIT hat nun einen Text von ihm veröffentlicht, in dem er auf die »Kritik« reagiert und es lohnt sich, diesen Text zu lesen, denn das erspart uns einen Streifzug durch seine Publikationen.

Mbembes Kompetenzen Die Welt der Philosophen

Man merkt recht schnell, auf welchem Gebiet Mbembes Kompetenzen liegen: Er ist in der Welt der französischsprachigen Philosophen zuhause. Aber wenn man seinen Argumenten sorgfältig folgt, kommt man zu dem Schluss, dass Mbembe ein Problem mit dem Staat Israel hat und irgendwie auch mit dem Judentum. Nur, dass er das so nicht schreiben würde, sondern etwas mäandernd argumentiert. Für unaufmerksame Leser bleibt Schrödingers-Antizionismus. Er ist da und er ist nicht da. Wenn man Mbembe »entlasten« möchte, kann man durchaus Ansatzpunkte dafür finden. Aber das scheint seine Art der Argumentation zu sein. Schauen wir uns das gemeinsam an:

»Die Welt reparieren« ist der Titel des Textes. Das könnte man als Reverenz an das Prinzip des »Tikkun Olam« deuten, insbesondere weil Mbembe einleitend darüber schreibt, wie seine ideale Welt ausschaut:

»… die Hoffnung auf die Herausbildung einer wirklich universellen menschlichen Gemeinschaft, von deren Tisch niemand ausgeschlossen wird.«

(Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44)

Da muss dem empathischen Leser doch das Herz aufgehen. Achille Mbembe weiß, wie er seinen Leserinnen und Lesern das Herz erwärmt. Man könnte das auch als Gemeinplatz betrachten. Aber er hat einen weiteren cleveren Move in der Hand, um die deutsche Leserschaft hinter sich zu bringen. Die Bestätigung, »gut« geworden zu sein, kommt gut an.
Es geht um Deutschland:

»Ob in der nie endenden Arbeit des Erinnerns oder in der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Wiedergutmachung, das Land hat jeder Versuchung widerstanden, den Kampf gegen den Antisemitismus mit fremdenfeindlichen Regungen zu vermischen, und sich so mutig seiner Verantwortung gestellt.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Das ist sind interessante Worte von jemandem, der viel zu Kolonialismus geforscht hat. Man kann vieles sagen, aber nicht, dass Deutschland vorbildlich mit dem Völkermord an den Herero und Nama vorgegangen ist. Oder es ist ihm klar und er unterstreicht, dass Deutschland gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel ein besonderes Verhältnis hat.
In einem Nebensatz wird das vielleicht etwas deutlicher. Er schreibt, er befasse sich nicht mit Israel und der Soziologie seines Staates. Auch nicht mit Israels Recht auf Existenz und Sicherheit. Dann heißt es: »[…] auch nicht damit, wofür es den Holocaust in Anspruch nehmen kann.« Dennoch schließt er den Abschnitt mit »das Existenzrecht Israels ist grundlegend für das Gleichgewicht der Welt.« Ein Satz der sich schön anhört, aber eigentlich nicht viel aussagt. Die Welt ist nicht im Gleichgewicht. Nichts ist derzeit in Ordnung.
Ein beliebter »Trick« fehlt nicht:

»Was viele nicht wissen: Diese Hoffnung auf eine Aussöhnung der Menschlichkeit mit der Gesamtheit alles Lebendigen in einer nahen Zukunft, die doch kaum vorhersehbar ist, ist für mich weitgehend durch bestimmte Traditionen des jüdischen und des afrodiasporischen Denkens inspiriert.«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Welche Traditionen das genau sind, verrät er nicht. Aber er sagt irgendwie: Leute, ich beziehe mich auf jüdische Traditionen. Die »jüdischen Freunde« auf die so oft verwiesen wird, lassen grüßen:

»Vielen eiligen Lesern ist die Bedeutung gewisser jüdischer Strömungen des jüdischen Denkens für meine Arbeit nicht bewusst. Sie sehen nicht, wie weitgehend Denkrichtungen. für die Autoren wie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Ernst Bloch Emmanuel Levinas und viele andere stehen, als Grundlage für meine Beziehung zum Holocaust im Besonderen…«

Aus »Die Welt reparieren«, ZEIT Nr. 18, vom 23. April 2020, Seiten 43 und 44

Was genau, außer der Tatsache, dass die genannten das Judentum philosophisch durchleuchtet haben – mit teils unterschiedlichen »Ergebnissen« (Levinas widersprach Hermann Cohen in bestimmten Punkten), seine Grundlage für die Beziehung zum Holocaust gebildet hat, erfahren wir nicht. Aber wir können daraus eine Top-Four der jüdischen Philosophen ableiten.
Wir haben gerade von ihm gelernt, er befasse sich nicht mit Israel. In seinem Artikel wendet er sich nun aber Palästina zu:
»Palästina hingegen nimmt einen wichtigen Platz in meinem Nachdenken über die ,andere Seite der Welt’ ein, das heißt über die kolonialen Formen der Aufteilung der Erde und des Lebens.« Dann folgt ein kurzer Exkurs über die »Herrschaft« über Palästina. Als würde er damit nicht indirekt oder direkt über den Staat Israel sprechen. Palästina diene ihm dazu, über Fragen nachzudenken »was wir mit denen tun sollen, die mit uns oder neben uns leben, mit denen wir aber keine andere Beziehung als eine der Abspaltung haben wollen.« Dieser Vorwurf an die israelische Seite wird hier als Feststellung verkauft.
»Ich bin gegen jede Form von Kolonialismus« schreibt er. Er bezeichnet Israel – und das wird behandelt, als sei das Konsens – als Kolonialstaat bzw. als Kolonialmacht. Teilt man diese Prämisse nicht, hat Mbembe sowieso ein Problem. Man kann und darf sie nicht teilen, denn sie ist gefährlich und zeigt die Unkenntnis der komplexen Geschichte des Landstrichs zwischen dem Toten- und dem Mittelmeer. Juden wird vorgeworfen ihre eigene Heimat zu kolonialisieren. Was wäre die Konsequenz daraus, wenn man diese Form der Kolonialisierung auflösen möchte?
Aber auch hier wieder der Griff in die Trickkiste: Der israelische Kronzeuge. »Wenn aber die Tatsache, dass man den Kolonialismus nicht unterstützt, ein Verbrechen oder ein Beweis für Antisemitismus wäre, dann würden zweifellos viele Israelis selbst diesen Test nicht bestehen.« Es gibt Israelis, die bestimmte Formen der »Besatzung« missbilligen. Aus finanziellen oder moralischen Gründen. Da gibt es zahlreiche Misch- und Zwischenformen. Derzeit liegen mir keine Statistiken darüber vor, wie viele Israelis tatsächlich die Auflösung des Staates heute befürworten.

Gedanken- und Gewissenfreiheit Was ist das deutsche Dogma?

Im letzten Schritt des Artikel bemüht er die Gedanken- und die Gewissensfreiheit. Sie seien Gegenmittel gegen »Tyrannei und Dogmatismus«. In einer liberalen Gesellschaftsordnung habe der »Vorwurf des Abfalls vom Glauben keinen Platz.« Er erinnert an einen Brief von Kant an Moses Mendelssohn, in dem Kant schreibe, das Subjekt, welches eigenverantwortlich denke, urteile und handele, sei keinem Dogma unterworfen. Bevor wir darauf eingehen, was Mbembe als »Dogma« bezeichnet, erinnern wir daran, dass Kant tatsächlich Antisemit war. Zwar hatte er eine gewisse Form der Beziehung zu Mendelssohn, aber das Judentum verachtete Kant. Unter den Juden schien Mendelssohn für ihn eine Ausnahme zu sein. Mbembe wird das wissen.
Das Dogma scheint die Ablehnung von BDS zu sein:
»Für mich gehört die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit Personen und Institutionen, die an der kolonialen Besatzung eines Volkes durch ein anderes Volk beteiligt sind, zur Ausübung von Gewissensfreiheit.« Damit wäre eigentlich alles gesagt: Israel ist ein Kolonialstaat und der Boykott dieses Staates gerechtfertigt.

Aber er legt noch nach: »All jene, die die koloniale Besetzung kritisieren, in trivialer Weise des Antisemitismus zu bezichtigen leistet dem allgemeinen Kampf gegen den Antisemitismus hingegen einen Bärendienst.«

Da die »besetzten Gebiete« Palästinas geographisch nicht eingegrenzt werden, kann er den gesamten Staat Israel meinen, aber auch Bereiche des Westjordanlandes, oder das gesamte Westjordanland, die gesamte Stadt Jerusalem, oder nur den Osten. Da ist er wieder: Schrödingers Antizionismus.

Nehmen wir einen Satz aus »Politik der Feindschaft« hinzu: »wo das Blut das Gesetz macht, in expliziter Anwendung des alten Diktums der Vergeltung, des Aug-um-Auge […]«

Die Auseinandersetzung muss genau so geführt werden! Jemand muss Mbembe auf seinem Feld begegnen und seine Argumente schrittweise zerpflücken und die schützenden Wortwolken, mit denen er sich umgibt, auf harte Fakten reduzieren. Die Unterkomplexität der Auseinandersetzung hat uns bisher nicht weitergebracht. Vielleicht wird auch seinen Fans klar, dass er auf diesem Gebiet gewisse Defizite aufzuweisen hat.

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Zeit online: Wir lebenden Juden

Maxim Biller ist natürlich ein großartiger Autor – aber deshalb noch lange kein großer Experte für Literatur.
Ein Jude für eine Nase für aktuelle Entwicklungen, aber eher im Bezug auf das »feuilletonistische Judentum« (Jahreshauptversammlung dieser jüdischen Strömung ist »Tarbut« auf Schloss Elmau, aber vermutlich würde Maxim Biller die Leute dort nicht mögen).
Provozierend hat er behauptet, in Deutschland sei kein jüdischer Intellektueller mehr zu finden, oder so. Nein, eigentlich hat er das nicht getan. Er sagte in einem Interview:

Wo sind die anderen jüdischen Leute in Deutschland, die wie ich versuchen, den nächsten großen Roman zu schreiben? Müssen die alle wirklich Ärzte, Anwälte oder Springer-Journalisten sein? Kann da nicht einer dabei sein, der eine geniale Sinfonie komponiert, ein verrückt teures Bild malt oder ein Buch schreibt, über das sich Juden und Nichtjuden gleichzeitig aufregen? Müssen die Kinder und Enkel der seit 1945 in Deutschland lebenden Juden wirklich alle so bürgerlich, langweilig und scheinheilig sein? Müssen die wirklich jeden Freitagabend bei ihren Eltern sitzen und so tun, als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen Joint geraucht?
Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Er setzte noch hinzu:

Geld, Immobilien und Prada-Handtaschen heilen keine Wunden, wer das denkt, ist total naiv. Maxim Biller im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im April 2016

Na klar. Die Kanidatinnen und Kandidaten gibt und gab es auch. Aber der Leser hat gemerkt, hier wird offensichtlich ein Alleinstellungsmerkmal konstruiert. Einige Monate blieb das unwidersprochen. Jetzt gibt es einen Beitrag von Mirna Funk auf den Internetseiten der ZEIT dazu:
Wir lebenden Juden. Der Artikel stellt ein paar smarte Kandidaten der Generation vor, die Biller so nicht wahrgenommen hat. Vielleicht hat er das aber wahrgenommen und wollte mal schauen, wann die jüdischen Kulturschaffenden von heute ihre Joints zur Seite legen und dazu Stellung beziehen.
Kann aber auch sein, dass sie mit den Schultern gezuckt haben und einfach weiter das gemacht haben, was sie den Tag über so (in Berlin) machen. Vielleicht dachten sie: Was juckt mich schon schon jemand, der gerne als jüdischer Intellektueller wahrgenommen werden möchte?
Vielleicht waren sie einfach damit beschäftigt, ihr Ding zu machen? Ohne Biller-Benchmark. Einfach so.

Übrigens: der Artikel kommt nicht aus dem Nichts. Viele der Protagonisten, wie auch jemand vom Literaturteil der Zeit und der Autorin des Artikels, waren zuvor auf einer Veranstaltung des Maxim-Gorki-Theaters eingeladen.

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Ein unsichtbarer Rabbiner

ZEIT vom 18.03.2015

ZEIT vom 18.03.2015


Die Zeit vom 18.03.2015 brachte endlich einmal einen Beitrag aus einer kleinen Gemeinde. Das ist eine Abwechslung, denn Judentum passiert ja nicht nur in Berlin oder München.
Eine Dame aus Gelsenkirchen und ein Mädchen aus der gleichen Stadt sprechen, mutig und mit Foto, über ihre jüdische Identität und wie man damit im Alltag umgeht. Das Mädchen macht einen recht toughen Eindruck, sagt wo es in der Schule Probleme geben könnte und in welchem Ausmaß man zuhause jüdisch lebt. Beeindruckend. Die Dame die ebenfalls porträtiert wird, macht sich Sorgen um ihr Kind und denkt laut über dessen Zukunft nach. Beide Artikel sind eine gute Momentaufnahme aus einer kleinen Gemeinde. Das sind sehr persönliche Äußerungen und auch Entscheidungen. Schließlich muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie sein jüdisches Leben ausgestaltet.

Die beiden Artikel werden begleitet von einer Textbox mit der Überschrift »Mail des Rabbiners« (welcher Gemeinde wird nicht mitgeteilt), eher in einem persönlichen Ton gehalten, in dem eine Person um Verständnis darum bittet, nicht in der ZEIT erscheinen zu müssen. Er publiziere weniger als früher und trete nicht in der Öffentlichkeit auf. Seine Tochter hätte schon die Schule gewechselt und die Familie sei nicht besonders erpicht darauf, dass jemand über ihre Identität Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Der Rabbiner würde lieber unsichtbar bleiben.
Das ist zu einem Teil eine private Entscheidung, zum anderen Teil eine öffentliche, denn in Deutschland sind Rabbiner ja weit mehr als nur halachische Ratgeber. Sie sind Aufbauhelfer und im gewissen Sinne auch Rollenvorbilder für die Gemeindemitglieder. Es ist heute Teil ihres Berufs, auch ein wenig öffentlicher Repräsentant zu sein. Wenn schon der Rabbiner nicht mehr als Jude in die Öffentlichkeit gehen möchte, dann ist das ein schlechtes Signal an die Gemeinde – vielleicht sogar ein sehr fatales. In der Öffentlichkeit wäre er unsichtbar und könnte für seine Gemeinde nicht Stimme erheben. Er müsste ein unsichtbares Leben führen, ein unauffälliges, vielleicht assimiliertes Leben, zumindest aber in Unfreiheit.
Damit ist viel gesagt über den aktuellen Zustand.

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Ein besserer Artikel für Juden?

Artikel aus der Zeit

Hier in der ZEIT treten sie gegeneinander an:
Die bärtigen, unheilvoll schauenden russischen Juden aus Berlin gegen die Konvertitentruppe aus Potsdam.
Die einen sind die sinister schauenden Juden und die anderen irgendwie nicht so richtig jüdisch.
Das ist in Kurzform ein Artikel über den derzeitigen Stand der Rabbinerausbildung in Deutschland und den Markt für Rabbiner hier in Deutschland.

Scheinbar fehlt die Opfergeschichte. Bei beiden Gruppen. Die Autorin, Andrea Jeska, will vielleicht Enkel von Überlebenden (Sie sind Rabbiner ohne eigene Holocaust-Erfahrung schreibt sie) und eine Priese Ablehnung oder Zurückweisung. Immer wieder steuert ihr Artikel auf das Thema Schoah zu. Das ist ein großer Aspekt, wenn wir darüber sprechen, warum das Judentum von Punkt Null anfängt, aber über die religiöse Situation in den Gemeinden zu berichten, wäre in diesem Zusammenhang nicht uninteressant gewesen. Wie viele Rabbiner gibt es tatsächlich? Wie lange waren diese hier tätig? Wer brauchte die Synagogen? Was machen Rabbiner heute in den Gemeinden? Wie ist die derzeitige Situation der Gemeinden?

Und plötzlich brauchte man Synagogen, Glaubensbegleitung und Rabbiner. Wanderrabbiner kamen ins Land, Fly-in-fly-out-Personal aus Israel, den USA, England. Sie reisten von Gemeinde zu Gemeinde, sie taten ihr Bestes es war nicht genug. von hier

Dazwischen ist nichts außer der Stimme der Autorin. Sie bedient sich geschickterweise einer dritten Person, um den wirklich schmutzigen Müll vor die Tür zu tragen. Jedenfalls irgendwie, so halb, ein wenig. Etwa: Broder habe sehr interessante Dinge über Walter Homolka sagen, aber das dürfe sie leider nicht schreiben.
Wenn man beide vorgestellten Varianten der Rabbinerausbildung in dem Artikel gegenüberstellt und als gegenüberliegende Pole versteht, bleibt nicht mehr viel übrig. Die irgendwie zweifelhaften Rabbiner und die Rabbiner, die Lichtjahre von der säkularen und emanzipierten deutschen Gesellschaft getrennt sind, wie Jeska es formuliert und die Rabbiner aus Potsdam, die, wenn man ihre Darstellung (Judentum aus der Retorte) gelesen hat, irgendwie unauthentisch wirken. Beide Gruppen haben eine solche Darstellung nicht verdient.

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Heeb auf Deutsch?

Überraschung für die Leser der Zeit! Nachdem die Juden in Deutschland vor einiger Zeit Titelthema waren, hat nun das Zeit Magazin eine komplette Ausgabe monothematisch gestaltet – einzige Ausnahme sind die Partnerschaftsanzeigen. Typisch jüdisch? lautet der Titel dieser Ausgabe. Am Ende herausgekommen ist fast (!) eine deutschsprachige Ausgabe des Heeb Magazins. So berichtet Harald Martenstein darüber (hier), wie er damit umgeht, wenn Leser ihn für einen Juden halten. Vermutlich weil er intelligent ist und Humor hat und zuweilen auch recht frech. Dazu ein Text von Shalom Auslander über seinen Glauben an G-tt – reichlich chuzpedik und großartig, Olga Mannheimer schreibt über jüdische Identität und als Service eine Deutschlandkarte mit den meisten jüdischen Gemeinden und ihrer Größe (mit den alten Zahlen des Zentralrats von 2008). Vorweg genommen hat man allerdings, dass es natürlich typisch jüdisch sei (an den Rändern des Hefts werden alle Beiträge kommentiert oder mit einem Witz begleitet) über das Heft zu sprechen und etwas daran zu kritisieren. Das ist richtig: Den Platz den man Henryk Broder eingeräumt hat, hätte man gut gegen einen Text von Maxim Biller eintauschen können. Er lieferte für Heeb – Germany Issue einen schwarzen, schwarzen Artikel in deutscher Sprache, der auch so in Deutsch abgedruckt wurde. Auf der Homepage ist lediglich die englische Übersetzung verfügbar (hier). Im Prinzip wäre es eine gute Ergänzung zum Titelthema vor einigen Wochen geworden, so ist es einfach eine recht gelungenes Heft geworden.

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Juden in Deutschland – Bestandsaufnahme

Die Berichterstattung über Juden in Deutschland in den Medien erreicht gelegentlich große Veröffentlichungsfrequenzen, wenn neue Synagogen eröffnet werden oder sonst irgendeine Gemeinde ein besonderes Ereignis begeht. Häufig fällt die Wendung von der Renaissance des deutschen Judentums, obwohl die Realität anders ausschaut und wir heute mehr oder weniger wissen, dass von den vielen Gemeinden nicht alle eine große Perspektive haben. Julius Schoeps rechnete vor, dass es von derzeit 104 jüdischen Gemeinden in knapp 30 Jahren zwei Drittel nicht mehr geben wird. In Osnabrück wurde kürzlich eine neue Synagoge eröffnet, eine in Ulm wird folgen. So frug angesichts des Baubooms in letzter Zeit Heide Sobotka, Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen, in der ersten Ausgabe 2010, warum man nicht erst einmal jüdische Gemeinden aufbaut (hier), bevor man große Synagogen eröffnet.

Das Beth Midrasch hält nur so lange, wie seine Säulen von jüdischer Tradition und Religion getragen werden. von hier

In Deutschland hatten wir häufig die umgekehrte Entwicklung – meist unter dem Verweis, es fehle an geeigneten Räumlichkeiten. Hier wurden zunächst große Synagogen eröffnet und dann mit der Arbeit begonnen. Nur ist es für die wenigen Beter angenehmer, in einem kleinen Raum mit 14 anderen Personen zu beten, als in einem großen Synagogenraum, der für 200 Personen angelegt ist. Zudem wissen wir, dass mittlerweile die Anzahl der Gemeindemitglieder sinkt (hier). Wie auch Ron Yitzchak berichtet, bereitet die Fokussierung auf die falsche Gruppe bei der Gemeindearbeit uns heute Probleme. Die jungen Eltern und die Generation 30 plus, die mit ihren Kindern Judentum aufbauen könnte, wurde in kaum einer Gemeinde betreut.
Jörg Lau hat nun für die Zeit einen unaufgeregten Bericht bzw. eine kleine Bestandsaufnahme verfasst und dabei eben nicht auf die vermeintliche Renaissance des deutschen Judentums herbeigeschrieben, sondern geschaut, was sich tut. Natürlich stellt er auch fest, dass die Zahlen zurückgehen. Viel wichtiger ist der Punkt, dass Jörg Lau nicht nach den Funktionären schaut, sondern sich einige Vertreter herausgesucht hat, die über ihr jüdisches Leben Auskunft geben. Nebenher erfährt der nichtjüdische Leser, dass die jüngere Generation mit dem Konstrukt Zentralrat eigentlich recht wenig anfangen kann – eben weil ihre Interessen vollkommen andere sind. Oliver Polak ist einer derjenigen, über die berichtet wird:

Einer wie Oliver Polak will, wie er sagt, kein Klassensprecher für junge Juden sein. Er will auch nicht, dass in seinem Namen permanent mahnend gefaxt und gemailt wird: Wenn ich mal schlecht gelaunt oder deprimiert bin, ätzt er, dann googel ich die aktuellen Pressemitteilungen des Zentralrats der Juden. Und dann geht es mir gleich besser, weil ich sehe, dass ich im Vergleich doch gar nicht so mies drauf bin. von hier

Im Allgemeinen schneidet er alle Themen kurz an, leider aber nur das. Die Zeit hätte vielleicht für das Dossier eine runde Bestandsaufnahme machen können, mit mehr Stimmen zum Judentum in Deutschland.

In einem Punkt aber irrt Lau übrigens: die Einwanderung der Juden aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion ist nicht Helmut Kohl zu verdanken, sondern im Prinzip den letzten Tagen der DDR. Diese hatte die Regelung geschaffen und diese Regelung hat es geschafft, mit wiedervereinigt zu werden (siehe Bericht hier).

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Deutschtürken und der Holocaust

Die Zeit bringt recht überraschend ein dreiseitiges Feature über das Verhältnis der Deutschtürken zur Schoah, inklusive einer Umfrage und kommt zu dem Schluss

In Deutschland lebende Türken sehen die Beschäftigung mit dem Holocaust auch als ihre Sache an. Aber sie sympathisieren wenig mit Israel. von hier

Die vollständigen Grafiken der Umfrage kann man hier herunterladen.
Interessant wäre es gewesen, die Antworten auf die gleichen Fragen von Deutschen zu lesen, die keinen türkischen Hintergrund haben. Vermutlich mögen sie den Staat Israel ebenso wenig. Über allgemeine antisemitische Ressentiments erfahren wir sehr wenig.
Zudem lesen wir auch über Ufuk Topkara, der in verschiedenen Artikeln mal der Moslem ist, der das Judentum und die Schoah erklärt, manchmal der Deutschtürke, oder einfach der Mann mit Migrationshintergrund (siehe beispielsweise hier einen Artikel aus der FAZ und hier aus der taz über ihn, sogar hier im Blog war er bereits Thema).