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Gute Juden – schlechte Juden

Michel Friedman -Erster Redner Pro Leitkultur- eröffnet die Dabatte... Michael Friedman ist, um es vorsichtig auszudrücken, polarisierend. Eloquent, oft polemisch und mit einer guten Auffassungsgabe ausgestattet. Häufiger Gast in politischen Diskussionsrunden, eben weil er polarisiert und so zumindest smart eine andere Auffassung vertreten kann. Nach einem öffentlich dokumentierten Absturz zog er sich zurück und trat von allen Ämtern zurück. So ist er heute auch nicht mehr im Zentralrat der Juden aktiv. Auf der anderen Seite ist er offenbar jemand, der von der Öffentlichkeit nur als der Jude wahrgenommen wird und so wundert es nicht, dass hier die üblichen Stereotype bedient werden, wenn er in der Öffentlichkeit Thema ist.
Kürzlich war er wieder einmal Thema in einer evangelischen Zeitschrift, die kostenlos der ZEIT und dem Tagesspiegel (auch der Süddeutschen?) beiliegt. Da gibt es immer mal wieder wohlmeinende Artikel zum Thema Judentum, aber hier ging es nicht um den Juden Michel Friedman, sondern die Person (siehe Artikel hier). Ganz allgemein und in aller Kürze erklärt er, er glaube nicht an G-tt und würde sich auch nicht gern einengen lassen. Da könnte man einem konfessionellen Magazin gratulieren, dass es nicht nur affirmative Artikel bringt.

Einige Leser sehen das anders. Die arbeiten sich daran ab, dass Friedman moralisch gescheitert sei und natürlich der Mann ist ja Jude. Einige sind online dokumentiert, andere nur in der Printausgabe. Interessant wäre es, die gesamte Bandbreite an Zuschriften zu sehen.
Aus einem Brief (Beigelegte Printausgabe, Chrismon 09. 2011, Seite 56) geht etwa hervor, man hätte sich lieber einen guten Juden aussuchen sollen, statt Friedman:

Er war doch glücklich in der Versenkung verschwunden, warum nur mussten Sie ihn wieder hervorholen, wo es doch andere, fantastische Juden in Deutschland gibt?

der gleiche Kommentator empfand übrigens das öffentliche Bekenntnis Friedmans als penetrant.

Ein anderer Leser wundert sich über die familiäre Situation natürlich geht es ums Judentum. Er verweist darauf, dass Friedman nicht viel mit G-tt anfangen könnte und dann

stellt sich mir die Frage, warum seine [] Frau Bärbel Schäfer, wie man seinerzeit der Presse entnehmen konnte, anlässlich ihrer Hochzeit zum Judentum übertrat (musste?) und auch das gemeinsame Kind in diese Glaubensgemeinschaft aufgenommen wurde.

Das wundert auch einen anderen Leserbriefschreiber

Dies umsomehr, als (von Ihnen nicht erwähnt) seine Frau Bärbel Schäfer zum Judentum konvertierte. Darauf scheint Herr Friedman doch Wert gelegt zu haben, obwohl er “nicht nach Geboten leben will, die Menschen aufgeschrieben haben”. So hat er, weil die Mutter jetzt jüdisch ist, nach jüdischem Recht seine Kinder zu Juden machen können.
von hier

Man ahnt, dass man hier nur an der Oberfläche eines viel tiefer liegenden Gefühls kratzt.
Für andere ist er immer noch Mitglied des Zentralrats der Juden von dem man denkt, ihm werde zu viel Aufmerksamkeit in einer Publikation eingeräumt, die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland finanziell gefördert wird.
Wir lernen also, dass es gute Juden und schlechte Juden gibt. Der Jude ist allerdings so groß, dass in seinem Schatten die Person nicht mehr gesehen wird. Interessante Einblicke liefert uns die Redaktion des Chrismon da.
Es wäre interessant zu erfahren, welche Zuschriften die Redaktion noch erreicht haben.

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Den Schatz Judentum hüten?

Der Zeit wird monatlich das evangelische Magazin Chrismon beigelegt. Wenn ich das Konzept richtig verstanden habe, handelt es sich hierbei um eine light Version einer umfangreicheren Ausgabe. In der Regel blättere ich auch dieses Magazin durch und entdecke recht oft Artikel von Interesse. So schrieb Maxim Biller über eines der Asseret ha Dibrot (über die üble Nachrede ). In der aktuellen Ausgabe, die eigentlich und natürlich ihren Focus auf dem Thema Weihnachten hat, fiel mir die Kolumne des Herausgebers Hermann Gröhe auf. Hermann Gröhe ist aber auch Staatsminister im Bundeskanzleramt und Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Neuss und im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er ist also kein reiner Publizist, sondern in erster Linie Jurist und Politiker. Er beobachtet also nicht nur die politische Landschaft, sondern hat auch die Möglichkeit, diese mitzugestalten.
Meine Aufmerksamkeit erregte Gröhes Kolumne weil sie mit Jüdisches Leben schlägt wieder Wurzeln in Deutschland, die Gemeinden wachsen. Es gilt, diesen Schatz sorgsam zu hüten überschrieben war. Das lässt natürlich eine gewisse Erwartungshaltung entstehen. Man erwartet eine Betrachtung über das jüdische Leben in Deutschland und über dessen Zukunftsaussichten. Wie kann die Gesellschaft dazu beitragen, dass jüdisches Leben wächst? Ganz so ist es nicht. Die ersten zwei Drittel beschäftigen sich mit der Schoah und Antisemitismus. Im Anschluss daran kurz ein Hinweis darauf, dass heute viel passiere um die Erinnerung wach zu halten.

Vieles geschieht schon heute. Unweit der niedergebrannten Synagoge von Neuss steht heute eine Skulptur von Ulrich Rückriem. Schülerinnen und Schüler wechselnder Schulen gestalten die jährliche Gedenkfeier mit, schildern dabei ihre Versuche, sich der Geschichte zu nähern, um aus ihr lernen zu können. von hier

Im letzten Drittel erst geht es kurz und knapp um jüdisches Leben in Deutschland:

Jüdisches Leben schlägt wieder Wurzeln: Die Gemeinden wachsen, Synagogen werden eingeweiht, endlich wieder Rabbiner ordiniert. 2007 erwarb die Jüdische Gemeinde Düsseldorf einen früheren Kindergarten in Neuss, dort entsteht nun ein Gemeindezentrum. Gemeinsam konnten wir das jüdische Lichterfest feiern. Vor allem Juden aus dem Bereich der früheren Sowjetunion haben die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zur drittgrößten in Europa wachsen lassen. Ganz besonders verdankt sich dieses Wiedererstehen jüdischen Lebens in Deutschland der bewundernswerten Haltung jener Überlebenden des Holocaust, die die Größe besaßen, gegen alle Tränen und Zweifel in ihrer Heimat zu bleiben. auch von hier

Angesichts dessen, dass 2000 Zeichen für die Schilderung der Schoah verwendet wurden, ist dieser Blick auf das Judentum in Deutschland doch recht knapp geraten. Ausgedrückt werden soll wahrscheinlich, dass sich etwas tut und dass etwas passiert. Nun hätte ich erwartet, dass man mir sagt, wie man diesen Schatz hütet. Aber es geht zurück:

Ganz besonders verdankt sich dieses Wiedererstehen jüdischen Lebens in Deutschland der bewundernswerten Haltung jener Überlebenden des Holocaust, die die Größe besaßen, gegen alle Tränen und Zweifel in ihrer Heimat zu bleiben. Ihre Bereitschaft, diesem Land ein neue Chance zu geben, trug wesentlich zur Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft zivilisierter Völker bei.
Nicht aus Dank dafür oder aus Schuldgefühl sollten wir unsere Stimme gegen den Antisemitismus erheben. Wir sind es der Würde aller Menschen und damit auch uns selbst schuldig. von hier

Und damit endet die Kolumne auch. Tatsächlich ist die Charakterisierung nicht ganz richtig, denn die Gemeinden wurden ja in der Hauptsache nicht durch die Rückkehrer getragen, sondern durch die hier gestrandeten Displaced Persons und die Schlussfolgerung ist irritierend: Judentum muss in Deutschland weiter existieren, damit Deutschland beweisen kann, dass es weiterhin zu den zivilisierten Völkern gehört? Der Kampf gegen Antisemitismus ist zwar eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft (und eben nicht der davon Betroffenen), aber man fördert dadurch nicht automatisch jüdisches Leben.
Vielleicht ist das der Grund, warum man sich beim Zentralrat der Juden rückversichert, wenn es um scheinbar heikle nationale Themen geht. Dürfen wir Deutsch als Sprache für Deutschland fordern (siehe hier)?
Hat also die jüdische Religion keinen Wert an sich, sondern nur als historische Rückversicherung? Wir wären einen Schritt weiter, wenn man die Menschen dahinter entdeckt und beobachtet, dass jüdisches Leben auch ohne diese historische Mission stattfindet. Das Judentum und sein Erhalt ist kein Selbstzweck und die Existenz einer Synagoge in einer Stadt sagt nichts über jüdisches Leben dort aus. Die Infrastrukturen müssen sich observante (ganz gleich ob orthodoxe oder liberale) Juden selber aufbauen und sie tun das auch, vernetzen sich und bauen für sich etwas auf. Das kann natürlich nur in einer Gesellschaft passieren die offen ist, aber dass sie nur deshalb offen ist, um etwas herzeigen zu können, wäre ein echtes Armutszeugnis.