Artikel

Schöne Ausgabe der Tehillim/Psalmen

Die Tehillim, die Psalmen, begleiten den observanten Juden durch den Tag. Sie sind Teil der täglichen Gebete. Zitate kommen selbst im Tischgebet vor. Zudem gibt es in einigen Strömungen des Judentums die Tradition, die Tehillim im Verlauf einer Woche vollständig zu lesen oder zu sprechen.

Die 150 poetischen Texte stehen dabei für menschliche Erfahrungen und Erlebnisse mit G-tt: Es kann eine Klage sein oder ein Dank. Es können Wohltaten gepriesen werden oder es kann um Rettung oder Erlösung gebeten werden. Das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen wird abgedeckt. Aus diesem Grund auch Tehillim, die man traditionell zu verschiedenen Situationen im Leben sprechen kann. Einige Siddurim, Gebetbücher, zählen diese dementsprechend auf.
Manchmal ist es fast zu schade, dass man sie während des Gebets recht schnell spricht und sich vielleicht nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Blick in den Innenteil – die deutsche Übersetzung mit kommentierenden Anmerkungen.

Chabad, einem einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum verpflichtet, legt mit »Ohel Josef Jizchak« genau für den Zweck des wöchentlichen und monatlichen Sprechens und Lernens der Tehillim eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe vor.

Titelblatt der Tehillim

Die deutsche Ausgabe wiederum wiederum basiert auf einer Ausgabe, die mit einer englischen Übersetzung in den USA erschienen ist. Beide beziehen sich auf eine hebräische Ausgabe. Alle drei wären nebeneinander nutzbar – durch die gleichen Seitenzahlen an den gleichen Stellen. Diese »Standardisierung« erlaubt es Chabad, ungeübte Beter mit unterschiedlicher Herkunft ohne große Probleme neben- und miteinander beten zu lassen, ohne auf die Eigenschaften jeder individuellen Ausgabe eingehen zu müssen. Auf der anderen Seite bedeutet das natürlich auch, dass die Übersetzer und Herausgeber jede Entscheidung des ursprünglichen Herausgebers mitgehen müssen, auch wenn diese ein wenig »aus der Zeit« zu sein scheinen.

Der hebräische Text erscheint, wie das lange Zeit üblich war, als Blocksatz, ohne jegliche Einteilung in Absätze oder Zeilen. Hier könnte man natürlich sagen: Das wäre Interpretation.
In der Vergangenheit war es jedoch nicht üblich, die Tehillim anders darzustellen. Der Platz war knapp und irgendwann haben sich viele Beter an dieses »Layout« gewöhnt. Aber mit »Ohel Josef Jizchak« sucht man mit der zeitgemäßen Übersetzungen und Anmerkungen zu einigen Textteilen einen Kompromiss.

Der hebräische Text der Tehillim

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall (sel. A.) vollständig neu erarbeitet. Wie bei dem, kürzlich erschienenen, Gebetbuch Tehillat HaSchem blieb sie dabei recht nah am Text (zuweilen auch mit einem Seitenblick auf die Übersetzung in der Ausgabe Hebräisch-Englisch) und hat vielleicht auch Formulierungen verwendet, die weniger Nachdichtungen sind, als vielmehr Darstellungen des Textinhalts. Gewisse Zugeständnisse an das, was der Leser gewohnt ist, werden dabei durchaus gemacht. Der Name G-ttes wird mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Das Buch richtet sich also nicht nur an Insider, sondern ausdrücklich auch an Neueinsteiger. Die Anmerkungen konzentrieren sich auf Bereiche, die sich dem Leser nicht unbedingt selber erschließen. So erfährt man, was ein Maskil ist, oder dass ein »Schlauch« eine gängige Aufbewahrungsart von Wasser und Getränken war. Im Anhang findet man zudem noch ein erklärendes Glossar zu wichtigen Begriffen die mehrfach vorkommen.

Glossar der Tehillmausgabe

In der Einleitung und im Anhang (hier meist ohne Übersetzung in Jiddisch und Hebräisch) wird viel auf die speziellen Bräuche und Anforderungen von Chabad eingegangen, die Gruppe derjenigen, die von dem Buch profitieren können, dürfte aber über Chabad hinaus gehen.
Wer sich also lernend mit den Tehillim auseinandersetzen möchte, findet hier einen guten Startpunkt.

Das gesamte Vorhaben wurde offenbar ohne öffentliche Gelder finanziert – einfach weil der Bedarf vorhanden war. Dazu wurden private Spender herangezogen und so entstand ein schönes neues Buch. Ein gutes Beispiel auch für andere.

Hier im Schnelldurchlauf als Video:

Was fehlt?

Eingangs wurde es erwähnt: In einigen Siddurim gibt es Auflistungen der Tehillim für verschiedene Situationen und eine Zuordnung zu den verschiedenen Schabbatot des Jahres – aber vielleicht ist dies kein Brauch von Chabad und fehlt deshalb hier?

Wo gibt es das Buch?

Es wurde von Chabad Berlin herausgegeben. Im Zweifelsfall bitte zunächst dort erfragen. Sobald ich genauere Informationen zu Preis und Bezug habe, werde ich diese hier veröffentlichen.

Artikel

Synagogen bauen

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge Amsterdam – für viele Minjanim dürfte diese Größe ausreichen

Kaliningrad

In Kaliningrad, der Stadt, die früher »Königsberg« hieß, wird demnächst eine neue Synagoge eröffnet (siehe hier). Diese Synagoge ist ein Nachbau der Synagoge, die es bis vor der Schoah in der Stadt gegeben hat – jedenfalls von außen. Der Innenraum wird neu gestaltet, vermutlich dann auch nach den Erfordernissen von Chabad. Die ursprüngliche Synagoge dort diente ja der liberalen Gemeinde mit Orgel und allem was dazu gehört. Die fertige Synagoge wird letztendlich 500 Plätze haben, soll aber bis zu 2.000 Menschen versorgen können. Eines liegt also auf der Hand, auch wenn von einem Wiederaufbau der Königsberger Synagoge gesprochen wird (ausdrücklich), ist es das nicht. Die heutige Gemeinde knüpft natürlich nicht an die Tradition der Königsberger Gemeinde an und erbaut auch nur die Fassade der alten Synagoge.
Ein sehr ungewöhnlicher Schritt, denn gerade Chabad hätte ich zugetraut, etwas »neues« zukunftsorientiertes zu bauen. Mit einem Blick auf eine realistische Einschätzung der Lage: Eine leicht zu unterhaltende Synagoge, zugeschnitten auf die Gemeindemitglieder. Tallinn scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Dort baute Chabad ein smartes neues Gemeindezentrum. Statistische Angaben (von 2012: Arena Atlas Religion Maps. »Ogonek«, № 34 (5243)) legen nahe, dass es im gesamten Oblast Kaliningrad gerade so 1.000 Juden gibt. »Oblast« meint das gesamte Gebiet Kaliningrad. Dieses Gebiet hat ungefähr 940.000 Einwohner, weniger als 0,1 Prozent sollen jüdische Einwohner sein. Da sind 500 Plätze mehr als optimistisch.

Aber offenbar erhöht das Akzeptanz der Synagoge und erzeugt offenbar gewisse Emotionen. So konnte man auch das notwendige Geld für den Bau aus Spenden aufbringen und den »Zirkus« der Stadt entschädigen, der auf dem Baugrund stand. Hier wird die Zukunft zeigen, ob dies wirklich das richtige Vorgehen war.

Deutschland – wohnen in der Nähe der Synagoge

Ende des vergangenen Jahres (2017) entschied das Sozialgericht Berlin, dass die Stadt keine 2.000 an Hartz 4 Empfänger für eine Wohnung in der Nähe einer Synagoge zahlen muss (siehe hier). Man dürfe am Schabbat nicht mit dem Auto in die Synagoge fahren – was ja auch stimmt, aber leider seien alle Wohnungen in der Nähe der Synagoge sehr teuer. Deshalb müsse die Miete einer solchen Wohnung vom Amt übernommen werden. Das offenbart ein ganz anderes Problem der Gemeinden in Deutschland: Sie sind zwar »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen (siehe auch den Text hier), aber dort, in der Mitte der Städte, sind die Mieten sehr hoch. Die Gemeinden werden dort gebaut, wo sie gesehen werden und die offene Demokratie demonstrieren. Sie liegen aber nicht dort, wo die Gemeindemitglieder wohnen. Das erschwert observantes Leben eher, als dass es das erleichtert.

Die Verbindung

Beide Ereignisse sind zwar geographisch voneinander getrennt, erzählen aber die gleiche Geschichte: Die Versuchung ist groß, »symbolisch« zu handeln und nicht pragmatisch. Davon hängt aber die Zukunft der Gemeinden ab. Sie sollten pragmatische Entscheidungen treffen und betrachten, wohin sich die Gemeinden entwickeln sollen. Synagogen in Innenstadtlagen sind eher etwas für Menschen, die sich das Leben dort leisten können – wobei es natürlich in Einzelfällen Innenstädte gibt, die noch eine ausgewogene Mietstruktur haben.

Artikel

Chabad nearby – So geht Digitalisierung

Die App Chabad Nearby – Kathmandu

Chabad ist fast schon synonym mit »überall vorhanden« – wie andere bekannte Franchise-Unternehmen. Du weißt, dass du ein Zentrum von Chabad »irgendwo« finden wirst und wenn Du eines kennst, weißt Du, was dich erwartet. Immerhin gibt es so ungefähr 4.500 solcher Zentren weltweit. Das können ganz kleine Wohnungen eines Schaliach, Gesandten, von Chabad sein, oder wirklich große Komplexe wie in Berlin oder gar riesig in Dnepropetrovsk. Und auch diejenigen, die nicht die Philosophie von Chabad teilen, sind hier und da froh, wenn ihnen jemand mit Matzot helfen kann, oder weit weg von zuhause etwas hejmisches anbieten kann.
Natürlich ist Chabad auch an Outreach interessiert, also daran, neue Zielgruppen und Interessierte zu erschließen. Um auch hier die Hürde niedrig zu halten, gibt es nun »Chabad Nearby«. Eine App für Smartphones. Diese kann entweder über die Standortbestimmung des Telefons, oder über manuelle Eingabe, ein Chabad-Zentrum in der Nähe finden und anzeigen. Entweder auf einer Karte, oder in einer Liste. Hat man eines gefunden, kann man sich alle Details anzeigen lassen. Ansprechpartner (mit der Möglichkeit direkt Mails zu versenden), Einrichtungen oder Veranstaltungen. Veranstaltungen sind nicht für jedes Zentrum in Deutschland gepflegt, aber die großen Zentren haben zahlreiche Veranstaltungen eingetragen:

Detailansicht mit Ereignissen in der App Chabad Nearby

Einige (der größte Teil) der Zentren in Deutschland haben keine vollständige Adresse eingetragen, so dass die App in Deutschland sehr ungenau ist. Für die größeren Städte passt es, aber Chabad Essen wird auf einem Golfplatz angezeigt. Das stimmt vermutlich nicht. Für das Ausland sieht es schon besser aus. Für die leichtere Kontaktaufnahme ist nicht nur die Telefonnummer angegeben, sondern auch die Ortszeit.
Zum einen ist es erstaunlich zu sehen, wo die Bewegung überall präsent ist, zum anderen hilft die App, einen Ansprechpartner zu finden. Für Reisende jedenfalls ein sehr hilfreiches Werkzeug. Großartig wäre eines solche Anwendung für jüdische Gemeinden. Wer unterwegs ist, müsste nicht erst im Internet aufwändig recherchieren. Übrigens wäre auch hier Chance recht groß, an ein Zentrum von Chabad zu geraten – denn auch bei google sind die Zentren ganz gut platziert. Aus dem Projekt »Shulshopper«, welches leider nicht mehr online ist, hätte sich eine solche App entwickeln können. Bei »Shulshopper« konnte man Synagogen und Gemeindezentren eintragen und zugleich auch bewerten, wie gut einem der Besuch gefallen hat. Das machte es möglich, schnell zu recherchieren, welche Gemeinde es in welchem Ort gibt.

Keine Ahnung, wie viel Budget in die Entwicklung der App investiert hat, aber sie kann sich sehen lassen.

Die App gibt es für iOS und Android.

Artikel

Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – Tehillat HaSchem

Chabad ist Deutschland als Standbein wichtig. Um das herauszufinden, muss man nicht einmal mit den entsprechenden Rabbinern vor Ort sprechen. Allein schon die aufwendig publizierten Bücher zeigen, dass man in Deutschland Potential sieht. Da war zunächst eine Ausgabe des Buches »Tanja«, dann folgte »Den Himmel auf die Erde bringen« – wie die Tanja-Ausgabe ein Büchlein für bibliophile Leser.

Und nun kommt jenes Buch, welches im (jüdischen) Alltag (sofern man religiös ist) die wichtigste Rolle spielt: Der Siddur – das Gebetbuch. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Davon gibt es verschiedene gedruckte Varianten, aber die kommentierte ist besonders beliebt. Sie basiert auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Diese wiederum hat auch eine nur-hebräische, eine spanische, französische und eine russische Ausgabe als Pendant. Nun also auch eine deutsche. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und einem gleichen Layout.

Tehillat HaSchem Vergleich amerikanischer (Taschen-)Ausgabe mit deutscher Ausgabe. Gleiche Seite – gleiches Layout.



Innenansicht von Tehillat HaSchem – hier die Amidah

Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen offenbar Siddurim die noch ein wenig so gestaltet sind, wie sie sich Siddurim immer vorgestellt haben: Eine hebräische Schrift, die nicht zu modern wirkt und trotzdem soll das Buch leicht zu verwenden sein.
Der Siddur von Artscroll war der erste, der deutliche und ausführliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit der Beter nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf, damals aber eine Revolution und wegweisend für spätere Projekte. Zudem hat man nach Artscroll verstanden: Um die Ideen der eigenen Bewegung weiterzutragen, eignen sich Kommentare und Erklärungen hervorragend. Artscrolls Ideen und Einblicke geben ja eine haredische Sichtweise wieder und die wiederum hat viele geprägt, die über die Siddurim Zugang zur Welt des jüdische Gebets erhalten haben.

Was eignet sich also besser, als ein Buch, welches man sehr häufig verwendet?

»Siddur Tehillat Haschem« versucht diejenigen zu bedienen, die gerade erst einsteigen und diejenigen, die schon Profis sind und muss deshalb gestalterisch beide Gruppe berücksichtigen:

  • Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
  • Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben.
  • Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden.
  • Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Tehillat haSchem – Innenansicht – hier der Anhang mit illustrierten Erklärungen

Der Einband scheint sehr stabil zu sein, die Seiten fassen sich gut an. Ein Lesebändchen ist ebenfalls eingebunden. Erneut und großes Projekt von Chabad und das ohne staatliche Zuschüsse oder Fördermittel. Offensichtlich wurde das Projekt durch private Förderer mitfinanziert.

Eine »Rezension« des Werks und eine Minieinführung in den Brauch dem dieser Siddur folgt, ist jetzt in der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Diese kann man hier vollständig lesen.

Doch nicht genug!

Es gibt eine Ausgabe für Leser dieses Blogs!

Eine Ausgabe wurde freundlicherweise für Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellt. Was man dafür tun muss? Das Formular ausfüllen (Name und Mailadresse). Über den »Random Number Generator« von Wolfram Alpha wird dann ein »Gewinner« ermittelt. Der Name wird nur dann veröffentlicht, wenn die Person nach Kontaktaufnahme damit einverstanden ist.

Ansonsten gibt es das Buch derzeit bei Books&Bagels zu kaufen (Link hier).

Artikel

Kaschrut und Politik?

Im deutschsprachigen Raum gibt es mehrere Kaschrutlisten; also Listen in denen man ablesen kann, welche Produkte nun koscher sind und welche nicht. Gemeinden und Organisationen verstehen das als Unterstützung der »observanten« Mitglieder.
Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel hat eine erstellt, es gibt eine vom Bet Din Berlin mit Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch, die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt jährlich eine Liste (»Hamadrich«), es gibt eine Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (»Rabbi, ist das koscher?«), die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich gibt ebenfalls eine heraus.

In anderen Ländern (außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz) gibt es mehrere Organisationen die koschere Lebensmittel zertifizieren und mit einem »Stempel« versehen. Natürlich geht jede dieser Organisationen davon aus, gründlicher zu sein als alle anderen und damit auch vertrauenswürdiger. Ob nun alle Kunden allen vertrauen, ist eine andere Frage. Man soll schon von Personen gehört haben, die Produkte mit bestimmten Zertifizierungen mit spitzen Fingern zurückgelegt haben und den Ladenbesitzer angeschaut haben, als würde der Schweinskopfsülze verkaufen.
Es ist ein Gerücht, dass es Listen gibt, welcher Kaschrutaufseher vertrauenswürdig ist, also keine Koscherliste für Koscherlistenersteller.

Umso erstaunlicher ist es, dass es Leute gibt, die bei Facebook fragen: »Warum brauchen wir jetzt eine zweite Kaschrutliste?« Oder: »Was ist die Absicht dahinter?« Man ist versucht zu antworten: »Aus welcher Parallelwelt kommt diese Frage?« Wie weit weg von der Realität ist denn das?
»Warum brauchen Sie noch ein Buch, Sie haben doch schon eines?«
Wie lautet die nächste Frage? Vielleicht: Warum setzen sich nicht einfach alle Beteiligten weltweit an einen Tisch und geben eine gemeinsame Liste heraus?
Jeder, der schon einmal eine Gemeindevollversammlung besucht hat, wird genau wissen, warum diese Frage naiv ist.
Aber zurück zum Hintergrund der Frage – der ist auch für mich ein wenig demotivierend – denn vor wenigen Wochen schrieb ich einen Artikel für die Jüdische Allgemeine, in dem ich einige Listen vorstellte und eine Vision für die Zukunft entwarf (alle Herausgeber stellen Daten zur Verfügung, Profis bauen daraus eine App). Wenige Tage später präsentiert sich eine nagelneue Liste im Netz und der Artikel ist schon wieder überholt. Nachdem sich lange nichts auf dem Gebiet getan hat und die neue Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz nicht nur inhaltlich überzeugen konnte.
Jetzt gibt es eine weitere (online): Die des »Vaad haKaschrut Deutschlands«. Hier gibt es (übrigens sehr smart gelöst) Listen von Produkten die »einfach koscher« sind, Listen mit Produkten die »koscher leMehadrin« (also besonders strikt) sind und Listen mit Produkten von denen die Hersteller sagen, sie seien koscher. Darüber hinaus findet man eine Liste aller Firmen, die sich beteiligte Rabbiner angeschaut haben.

Da müsste man eigentlich »Mazal Tov! Schkojach!«

Aber ich schrieb bereits: Manche fragen sich ernsthaft ob das sein muss. Der Hintergrund ist wohl eher politisch, denn der »Vaad haKaschrut« (die Kaschrutaufsicht) ist eine Einrichtung von Chabad und das scheint einigen (jetzt aufgepasst, thematisch passender Kalauer) »nicht zu schmecken«. Wenn es darum geht, es einfacher zu machen in Deutschland koscher zu leben, sollten wir doch eigentlich zufrieden sein, wenn es mehrere Organisationen gibt, die sich damit beschäftigen. Das erhöht Transparenz, die Zertifizierungen liegen nicht in einer Hand und sind somit hoffentlich keinen politischen Spielchen unterworfen.
Also alles gut und ein Angebot mehr verfügbar.

Artikel

Den Himmel auf die Erde bringen

Der Rebbe von Lubawitsch ist ein interessantes Phänomen. Ich habe einige Schiurim von Rabbinern gehört, die Chabad eher nicht nahestehen, oder nahestanden und dennoch darüber berichteten, wie sehr die Begegnung mit dem Rebben ihr Leben beeinflusst hat. Der ehemalige Oberrabbiner Großbritanniens, Sir Jonathan Sacks hat auf einer Veranstaltung darüber berichtet (Video hier), wie der Rebbe ihn dazu brachte, Rabbiner zu werden. Aber auch andere Personen berichten spürbar begeistert von den Begegnungen. Ganz egal, wie man zu Chabad stehen mag, das muss man anerkennen. Aber es scheint über die Begegnungen hinaus zu gehen. Auch das, was er gesagt oder gelehrt hat, scheint die Leute erreicht zu haben.
Da Problem: Nicht alles, was er gelehrt hat, kann man sich einfach erschließen. Man müsste sich das Gesamtwerk anschauen und sich die Dinge betrachten, die faszinierend zu sein scheinen.
Tzvi Freeman hat sich die Arbeit gemacht und für 365 Tage das zusammengestellt, was er für die bemerkenswertesten Texte des Rebben hält. Keine, speziell, für seine Anhänger gesammelten, sondern allgemeine Aussagen zur Aufgabe des Menschen auf der Welt und zur sozialen Verantwortung etwa. Freeman nennt diese kurzen Texte »Meditationen«. Ein Begriff, mit dem ich nicht so viel anfangen kann.
Dieses Buch gibt es seit einiger Zeit in deutscher Sprache unter dem Titel »Den Himmel auf die Erde bringen«.

Der Herausgeber, genannter Tzvi Freeman, scheint nicht mit den Lehren von Chabad aufgewachsen zu sein, sondern sie sich erst später angeeignet zu haben. In seinem Vorwort schreibt er darüber, wie er sich mit Lao Tse, Alan Watts oder dem Dalai Lama beschäftigt habe und sich nach der Begegnung mit dem Rebben dem Judentum zugewandt habe. Freeman hat vielleicht gerade deshalb kein halachisches Werk erstellt, sondern eines, dass auf diejenigen zugeschnitten ist, die Spiritualität entdecken wollen. Das Wort hat in den westlichen Gesellschaften einen schalen Beigeschmack, weil Spiritualität häufig eine Weltflucht beinhaltet. Man kümmert sich um das eigene Sein – mehr Ich, weniger Gesellschaft. Heute wäre eines der Stichworte auch »Glück«. »Glück« steht den Menschen zu. Sie dürfen das einfordern und scheitern, wenn es ihnen nicht zugeteilt wird.
Aber zurück zum Buch von Freeman. Durch seine Auswahl zeigt er, dass die Auseinandersetzung mit dem »Ich« nicht bedeuten muss, dass man die Gesellschaft und Familie ausblenden muss, sondern dass das Ich sich einbringt, um für alle etwas zu erreichen. Dementsprechend heißen die Kapitel etwa »Innerer und äußerer Reichtum«, »Die Grenzen des Lichts überwinden«, »Wir sind alle eins« oder »Mikrokosmos Ehe«. Auf die Themen und ihre Auswahl muss man sich also einlassen wollen. Die Sprache bleibt dabei jedoch verständlich und selten abgehoben (doch es gibt ein oder zwei abgehobene Stellen).
Vor den Abschnitten steht jeweils eine Zahl (eins bis 365) – wir ahnen: Man könnte das Buch dazu verwenden, jeden Tag einen Satz oder Abschnitt zu lesen und ihn auf sich wirken lassen.

Blick in »Den Himmel auf die Erde bringen«

Typographisch ist das Buch meisterhaft umgesetzt. Die Schrift, gut ausgewählt, die Seiten und dem Anspruch entsprechend gestaltet. Das Buch hat eine richtigen Leineneinband und einen blauen Farbschnitt auf den Seiten. Es ist also stabil und es überlebt es durchaus, wenn man es länger mit sich herumträgt. Die letzten 365 Tage hat es jedenfalls überlebt und ist noch immer in gutem Zustand. Das war also eine Art literarischer Langzeit-Test.

Ein weiterer Blick ins Buch

Es gibt einen kleinen Kritikpunkt. Er betrifft die zitierten Quellen. Es werden recht viele Verweise auf die Torah, den Talmud, den Midrasch, die Kabbalah zitiert, leider fehlt jedoch eine Liste auf der man diese Stellen nachschlagen könnte. Für den Leser, der neugierig geworden ist, wäre das sicherlich ein hilfreiches Werkzeug.

Zum Abschluss ein Zitat von Rabbiner Schneerson:

Ich war vor dem Krieg in Deutschland, und ich sage euch:
Dasselbe, was damals dort geschah, kann jederzeit überall wieder passieren, wenn Fragen der Moral nicht an den öffentlichen Schulen behandelt werden.

Details zum Buch:
Tzvi Freeman
Den Himmel auf die Erde bringen
ISBN 978-3-9524212-1-5
172 Seiten
20,80 Euro

Artikel

Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – ein Vorabbericht

Die letzten Siddurim, die mit deutscher Übersetzung erschienen, waren der Schma Kolejnu und Teffilot lekol haSchanah. Schma Kolejnu war ein echter Meilenstein: Modernes Layout, Anweisungen, Einschübe für besondere Tage. Allerdings nicht für alle Feiertage einsetzbar. Hier fehlten ein paar Seiten. Der alte Siddur Sefat Emet war und ist zwar (ein wenig unübersichtlich und für Einsteiger nicht nutzbar), aber im Vorteil, weil man ihn häufiger nutzen kann. Teffilot lekol haSchanah war/ist ein neuer Siddur für nichtorthodoxe Gemeinden. Er ist in mehreren Bänden erschienen und nicht extrem umfangreich. Eine vollständige Transliteration mit Übersetzung braucht viel Platz. Übrigens hat auch die orthodoxe Rabbinerkonferenz einen Siddur für den Schabbat veröffentlicht – Siddur Schomer Jisrael. Hier schien der Fokus besonders auf der Transliteration gelegen zu haben und ist gestalterisch und herstellungstechnisch eine Zwischenlösung für diejenigen, die noch nicht mit einem vollständigen zwei- oder einsprachigen Siddur beten können.

Jetzt gerade erscheint eine neue Ausgabe: »Siddur Tehillat Haschem« in deutscher Sprache. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Es gibt eine hebräische Ausgabe, eine englische, eine russische und nun auch eine deutsche. Sie fußt auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und grundsätzlich mit einem ähnlichen Layout. Deutscher Text ist häufig etwas länger, deshalb kann man nicht von einem gleichen Layout sprechen.
Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen Siddurim die noch so aufgebaut sind, wie sie in der Zeit vor dem Siddur von Artscroll waren. Der Artscroll-Siddur war der erste Siddur, der deutliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit dieser nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf (langer Fließtext in Kursivschrift?!), aber wegweisend für spätere Projekte.
»Siddur Tehillat Haschem« versucht beide Gruppen zu bedienen und ist deshalb interessant. Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben. Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden. Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Die Übersetzung orientiert sich an den vorhandenen deutschen und verbindet auch an dieser Stelle die Traditionalisten mit denjenigen, die eine aktuelle Übersetzung fordern. So verwendet man das Wort »Ewiger«, um den Namen G-ttes (HaSchem) zu umschreiben – so wie es auch schon in Siddurübersetzungen anderer Herausgeber praktiziert wurde.

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Siddur Tehillat HaSchem Detailansicht der Amidah

Zum Inhalt: Auch wenn der Siddur für einen Nussach gemacht ist, der nicht in allen Gemeinden praktiziert wird, so dürfte es der vollständigste Siddur mit deutscher Übersetzung seit langer Zeit sein.

  • Gebete für Kinder
  • Das Morgengebet für Werktage
  • Segenssprüche (für Reisende, für verschiedene Mitzwot, über Speisen, Tischgebet, bei der Hochzeit etc.)
  • Minchah (das Nachmittagsgebet)
  • Ma’ariw (das Abendgebet)
  • Gebet vor dem Schlafengehen
  • Gebete für den Schabbat
    • Minchah für Freitag
    • Kerzenzünden
    • Kabbalat Schabbat
    • Abendgebet
    • Smirot
    • Kiddusch für Freitagabend
    • Morgengebet
    • Kiddusch für den Tag
    • Minchah für Schabbat mit den übersetzten Pirkej Awot
    • Dritte Mahlzeit
    • Hawdalah
  • Heiligung des Mondes (Kiddusch Lewanah)
  • Segenssprüche über den Lulaw
  • Hallel
  • Gebete für Rosch Chodesch
  • Gebete für die Festtage
    • Eruw
    • Kiddusch
    • Amidah für Festtage
    • Jiskor
    • Mussaf für die Festtage und Chol haMoed
    • Priestersegen
    • Gebet um/für Tau
    • Gebet um/für Regen
    • Gebete für den Vorabend von Rosch haSchanah
    • Gebete für den Vorabend von Jom Kippur
    • die Hoschanot
    • Hakafot für Simchat Torah
    • Chanukkah
    • Purim
  • Gebete für den Monat Nissan wie eine Haggadah für den Schabbat haGadol, Suche nach Chametz und Pessach-Opfer
  • Gebete für Fastentage, Slichot
    • Behab – hier genannt: für Montag – Donnerstag – Montag
    • für den 10. Tewet
    • für das Esther-Fasten
    • für den 17. Tammus
    • für ein erkranktes Kind (versehen mit dem Zusatz: G-tt bewahre)
    • ein langes Awinu Malkejnu
  • Segenssprüche bei Verlobung und Trauung
  • Beschneidung
  • Auslösung des Erstgeborenen
  • Mischnajot für Trauernde
  • Torahlesungen und eine Liste der Haftarot nach dem Brauch von Chabad

Im Anhang findet man noch Verse für Personennamen, ausgewählte Vorschriften und Bräuche, Regelungen für besondere Tage, Transliterationen, Abbildungen (wie man Tallit und Teffilin anlegt etc.), Trauerkaddisch, Kaddisch de’rabbanan.
Ganz hinten im Buch findet man noch eine Tabelle von Erlaubten und verbotenen Unterbrechungen im Gebet.

Die vorliegende Fassung ist noch nicht die endgültige, deshalb will ich an dieser Stelle noch nicht auf typografische und gestalterische Details eingehen. Möglicherweise werden einige Dinge noch geändert.

Artikel

Bejt Din für Nordrhein-Westfalen

Seit Januar gibt es in (und für) Nordrhein-Westfalen ein Bejt Din (ein rabbinisches Gericht). Eine entsprechende Mitteilung wurde heute (10. April 2016) veröffentlicht. Allerdings ist dieses Bejt Din kein Bejt Din von Gemeinden oder Organisationen, sondern mit Rabbinern mit verschiedenen Hintergründen besetzt sein. Einer von ihnen ist Rabbiner Chaim Barkahn, der in Düsseldorf Chabad aufgebaut hat. Derzeit dürfte er der dienstälteste Rabbiner in Düsseldorf sein. Seine Kollegen aus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf wechselten in den letzten Jahre einige Male. Wer die anderen Rabbiner sind, wird wohl nach Pessach offiziell bekannt gegeben.
Das Bejt Din hat angekündigt, sich mit allem zu beschäftigen, was ein Bejt Din so zur Aufgabe hat:
Scheidungen, Klärungen des jüdischen Status, Kaschrut-Aufsicht, monetäre Angelegenheiten sowie Konversion zum Judentum.
Die Neueröffnung eines neuen koscheren Restaurants in Düsseldorf in diesen Tagen (Rimon) steht schon unter der Aufsicht dieses Bejt Din.
Die 30.000 Juden des Bundeslandes könnten sich also nun an eine zentrale Anlaufstelle in Düsseldorf wenden und wären theoretisch nicht mehr darauf angewiesen, sich durch die Gemeinden und Gemeinderabbiner zu fragen – zumal nicht alle Gemeinden einen eigenen Rabbiner haben. Die Zusammensetzung soll wohl auch sicherstellen, dass kein Geschmäckle entsteht, wenn Gemeinderabbiner X sich mit seinem Gemeindemitglied Y beschäftigen soll, oder Jude X kein besonders gutes Verhältnis mit der Gemeinde hat, bei der Rabbiner Y angestellt ist. Das soll schon vorgekommen sein.

Ob die Gemeinden begeistert reagieren, wird sich zeigen. Jedenfalls müsste kein ad hoc Bejt Din mehr zusammengerufen oder organisiert werden – wenn Bedarf ist.
Gespannt darf man sein, welche Namen nach Pessach dann noch genannt werden und wie das die Entwicklung der Gemeinden insgesamt beeinflussen wird.

Praktische Information: Anfragen werden in deutscher, russischer, hebräischer, englischer und jiddischer Sprache entgegen genommen.
Zu erreichen wäre der Bet Din NRW Telefon 0211 – 514 4191, Fax 0211 – 514 4190 oder unter der Emailadresse bet.din.nrw@gmail.com

Artikel

The Heart and the Wellspring

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Energiegeladen und dynamisch. Mit dieser Beschreibung könnte man die Rückschau auf das Konzert von »The Heart and the Wellspring« oder eigentlich »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« (am 5. November 2015) in der Synagoge Gelsenkirchen gleich wieder beenden und hätte damit alles gesagt.
Von der ersten Minute des Auftritts an, nahmen die fünf Musiker ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch verschiedene Musiktraditionen und da passte es ganz gut, dass die Musiker auch aus verschiedenen Traditionen kommen. Das ist schon rein optisch gut erkennbar. Chilik Frank trägt Schläfenlocken (endlich hatte das Publikum einmal einen »echten« Juden bei den Klezmerwelten) und ist Breslover Chassid, Ariel Alaev trägt die Kopfbedeckung der bucharischen Juden und stellte sich in einem kurzen russischen Redebeitrag auch als bucharischer Jude vor. Er nahm dies zum Anlass, ein Lied aus Duschanbe zu spielen und katapultierte das Publikum mit Energie in eine vollkommen andere Musiktradition.

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

The Heart and the Wellspring in Gelsenkirchen

Naor Carmi, beschrieb zu Beginn des Konzerts kurz die musikalische »Vision« der Gruppe: Die Musik der verschiedenen chassidischen Gruppen zu sammeln, neu zu interpretieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Aber dennoch spielte die Band nicht nur chassidische Musik (mit recht vielen Niggunim aus der Tradition von Chabad). Auch traditionelle Stücke wie »Schalom Alejchem« waren Bestandteil der Zugabe.
Naor Carmi (am Kontrabass), der stets lächelte und bescheiden von der Musik erzählte, aber auch begeistert von den Zaddikim (»Männer ohne jedes Ego«), berichtete, scheint aber das musikalische Gehirn der Gruppe zu sein – auch wenn Chilik Frank aufgrund seiner auffälligen Erscheinung zumindest optisch im Vordergrund steht. Carmi schreibt die Arrangements und hat sich in Israel übrigens auch viel mit arabischer Musik beschäftigt. Akiva Turjeman gab den Songs mit seiner Stimme – wie soll man das nennen – einen israelischen Style.
Asaf Zamir (Perkussion) ist anscheinend ein Mizrachi-Jude und auch er ließ in eine andere Musiktradition blicken, machte aber auch ein wenig Beatboxing und trommelte mit Hilfe seines Kopfes oder auf seinem Kopf und spielte in Zusammenarbeit mit dem Publikum. Das kam natürlich gut an. Fast so gut wie das Hava Nagilah, dass die Gruppe ebenfalls präsentierte und das war einer der wenigen Augenblicke in denen man den Eindruck hatte, hier wird dem Publikum doch das gegeben, was es verlangt. Auf der anderen Seite merkt man, dass die Jungs echte Bühnenprofis sind und diese Dinge offenbar gut dosiert zum Einsatz bringen. Vielleicht präsentieren sie einem israelischen Publikum einen anderen Querschnitt aus ihrem musikalischen Werk.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Konzert zeitlich vom Klezmerworkshop abgekoppelt war. Wären die jungen Teilnehmer des Workshops im Publikum gewesen, hätten sie vermutlich bei der überbordenden guten Laune das Zentrum der Jüdischen Gemeinde vollständig zerlegt.

Für jüdische Zuschauer und Zuhörer war der Auftritt von »HaLew Wehama‘ajan הלב והמעיין« ein großes Ereignis. Für nichtjüdische Zuhörer eine weitere Erinnerung daran, dass da nicht Musik von gestern gespielt wird, sondern durchaus auch von heute – mit Pop-Qualität. Jiddisch ist übrigens auch keine Sprache von gestern. Das zeigte Chilik Frank, der als jiddischer Native-Speaker die Musik kommentierte.

Der Sound vor Ort hatte übrigens Studioqualität.

“the heart and the wellspring” in #Gelsenkirchen #hassidic #chassidic #music #eliyahu #jewish #hebrew #jüdisch

Ein von Chajm Guski (@chajmke) gepostetes Video am

Artikel

Kurzer Einblick in eine jüdische Hochzeit

In Montreal wurde jüdisch geheiratet (ja, soll häufiger vorkommen) – Levi Chayo und Mushky Krasnianski, beide aus Chabad-Familien – und das Lokalfernsehen war dabei.

Es gibt Fotos und zwei Videos – es ist nicht sehr lang. Wer also einen Blick auf/in eine jüdische Hochzeit werfen möchte, hat hier die Gelegenheit: