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Den Himmel auf die Erde bringen

Der Rebbe von Lubawitsch ist ein interessantes Phänomen. Ich habe einige Schiurim von Rabbinern gehört, die Chabad eher nicht nahestehen, oder nahestanden und dennoch darüber berichteten, wie sehr die Begegnung mit dem Rebben ihr Leben beeinflusst hat. Der ehemalige Oberrabbiner Großbritanniens, Sir Jonathan Sacks hat auf einer Veranstaltung darüber berichtet (Video hier), wie der Rebbe ihn dazu brachte, Rabbiner zu werden. Aber auch andere Personen berichten spürbar begeistert von den Begegnungen. Ganz egal, wie man zu Chabad stehen mag, das muss man anerkennen. Aber es scheint über die Begegnungen hinaus zu gehen. Auch das, was er gesagt oder gelehrt hat, scheint die Leute erreicht zu haben.
Da Problem: Nicht alles, was er gelehrt hat, kann man sich einfach erschließen. Man müsste sich das Gesamtwerk anschauen und sich die Dinge betrachten, die faszinierend zu sein scheinen.
Tzvi Freeman hat sich die Arbeit gemacht und für 365 Tage das zusammengestellt, was er für die bemerkenswertesten Texte des Rebben hält. Keine, speziell, für seine Anhänger gesammelten, sondern allgemeine Aussagen zur Aufgabe des Menschen auf der Welt und zur sozialen Verantwortung etwa. Freeman nennt diese kurzen Texte »Meditationen«. Ein Begriff, mit dem ich nicht so viel anfangen kann.
Dieses Buch gibt es seit einiger Zeit in deutscher Sprache unter dem Titel »Den Himmel auf die Erde bringen«.

Der Herausgeber, genannter Tzvi Freeman, scheint nicht mit den Lehren von Chabad aufgewachsen zu sein, sondern sie sich erst später angeeignet zu haben. In seinem Vorwort schreibt er darüber, wie er sich mit Lao Tse, Alan Watts oder dem Dalai Lama beschäftigt habe und sich nach der Begegnung mit dem Rebben dem Judentum zugewandt habe. Freeman hat vielleicht gerade deshalb kein halachisches Werk erstellt, sondern eines, dass auf diejenigen zugeschnitten ist, die Spiritualität entdecken wollen. Das Wort hat in den westlichen Gesellschaften einen schalen Beigeschmack, weil Spiritualität häufig eine Weltflucht beinhaltet. Man kümmert sich um das eigene Sein – mehr Ich, weniger Gesellschaft. Heute wäre eines der Stichworte auch »Glück«. »Glück« steht den Menschen zu. Sie dürfen das einfordern und scheitern, wenn es ihnen nicht zugeteilt wird.
Aber zurück zum Buch von Freeman. Durch seine Auswahl zeigt er, dass die Auseinandersetzung mit dem »Ich« nicht bedeuten muss, dass man die Gesellschaft und Familie ausblenden muss, sondern dass das Ich sich einbringt, um für alle etwas zu erreichen. Dementsprechend heißen die Kapitel etwa »Innerer und äußerer Reichtum«, »Die Grenzen des Lichts überwinden«, »Wir sind alle eins« oder »Mikrokosmos Ehe«. Auf die Themen und ihre Auswahl muss man sich also einlassen wollen. Die Sprache bleibt dabei jedoch verständlich und selten abgehoben (doch es gibt ein oder zwei abgehobene Stellen).
Vor den Abschnitten steht jeweils eine Zahl (eins bis 365) – wir ahnen: Man könnte das Buch dazu verwenden, jeden Tag einen Satz oder Abschnitt zu lesen und ihn auf sich wirken lassen.

Blick in »Den Himmel auf die Erde bringen«

Typographisch ist das Buch meisterhaft umgesetzt. Die Schrift, gut ausgewählt, die Seiten und dem Anspruch entsprechend gestaltet. Das Buch hat eine richtigen Leineneinband und einen blauen Farbschnitt auf den Seiten. Es ist also stabil und es überlebt es durchaus, wenn man es länger mit sich herumträgt. Die letzten 365 Tage hat es jedenfalls überlebt und ist noch immer in gutem Zustand. Das war also eine Art literarischer Langzeit-Test.

Ein weiterer Blick ins Buch

Es gibt einen kleinen Kritikpunkt. Er betrifft die zitierten Quellen. Es werden recht viele Verweise auf die Torah, den Talmud, den Midrasch, die Kabbalah zitiert, leider fehlt jedoch eine Liste auf der man diese Stellen nachschlagen könnte. Für den Leser, der neugierig geworden ist, wäre das sicherlich ein hilfreiches Werkzeug.

Zum Abschluss ein Zitat von Rabbiner Schneerson:

Ich war vor dem Krieg in Deutschland, und ich sage euch:
Dasselbe, was damals dort geschah, kann jederzeit überall wieder passieren, wenn Fragen der Moral nicht an den öffentlichen Schulen behandelt werden.

Details zum Buch:
Tzvi Freeman
Den Himmel auf die Erde bringen
ISBN 978-3-9524212-1-5
172 Seiten
20,80 Euro

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Der Leiner

Die Auseinandersetzung mit den Wochenabschnitten der Torah gehört für diejenigen, die aktiv jüdisch leben, zum jüdischen Alltag dazu. Es wird, auch wenn man das vielleicht annehmen könnte, niemals langweilig (behaupte ich jetzt mal), die Torah im Herbst wieder »erneut« zu beginnen.
Zum einen, weil der Leser des Textes sich in dem einen Jahr verändert hat. Hat man im letzten Jahr etwas beiläufig überlesen, so kann es im aktuellen Jahr die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So ging es mir jahrelang so, dass ich die nüchterne Erzählung vom Verkauf Josefs zur Kenntnis genommen habe – bis sie dann plötzlich eine Emotion auslöste:
Da hat jemand gerade ein Kind verloren. Was macht das mit dieser Person? Ist das nicht eine furchtbare Nachricht?

Zum anderen aber gibt es zahlreiche Kommentare aus allen Jahrhunderten zur Torah (Raschi ist der bekannteste Vertreter). In zahlreichen Torahausgaben sind Kommentare mit abgedruckt (der von Raschi meist). Einige bieten eine ganze Reihe von Kommentaren an. Oder Kommentare zu Kommentaren. Oder auch Kommentare zu Kommentaren die Kommentare kommentieren.
Da man nicht alle kennen und kombinieren kann, gibt es, vor allem für den hebräischen und englischen Markt zahlreiche Bücher über die Wochenabschnitte in denen vollständige Abschnitte oder einzelne Sätze aus diesen analysiert und besprochen werden. Jüdische Zeitungen bieten in der Regel ebenfalls ein paar Worte zum Wochenabschnitt an (siehe ein Beispiel auf englisch hier, ein aktuelles Beispiel in deutscher Sprache hier).
Auf dem deutschsprachigen Markt sieht es jedoch dünn aus. Sowohl bei den kommentierten Torahausgaben, als auch bei den Büchern mit ausführlichen Texten zu den Wochenabschnitten. Zu groß vielleicht auch das verlegerische Wagnis, mit einem solchen Buch an den Start zu gehen. Die Zielgruppe ist ja übersichtlich. Das ist natürlich ein Markt für diejenigen, die kleine Auflagen produzieren können – on demand. Also Bücher, die dann gedruckt werden, wenn sie bestellt werden. Für jüdische Bücher in Kleinstauflage ist das eine Chance – für die Herausgeber und die Leser. Sie müssen nicht so produziert werden, dass sie auch einem großen nichtjüdischen Publikum gefallen müssen.
Bei immer mehr Büchern dieser Art kommt es zu dem Glücksfall, dass Inhalt und Gestaltung gelungen sind.

Das trifft bei Arieh Bauers»Der Leiner« Büchern nicht zu: Diese Bücher sind nicht gelungen, sondern großartig. Der Wiener Kaufmann schreibt großartige und kurzweilige Texte zu den Wochenabschnitten. Zugleich mindert die lockere Sprache nicht den Ernst und Respekt vor den großen Kommentatoren, von denen viele zitiert werden. Von Raschi zu Ibn Esra zum Chatam Sofer in wenigen Sätzen. Zahlreiche andere Kommentatoren werden natürlich ebenfalls zitiert. Alle verwoben in einen neuen Dialog über einen Abschnitt aus der Torah.

Blick in den Innenteil

Blick in den Innenteil

Ein kurzweiliges, intelligentes Werk zum Wochenabschnitt zu dem nun der zweite Teil erschienen ist. Es ist klar, dass an dieser Stelle ein Lesebefehl erfolgen muss!
Alle Informationen gibt es auf der Seite derleiner.com

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Schutzumschlag Schmutzumschlag

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Als ich kürzlich wiederholt einen Band des Steinsaltz-Talmuds aus meinem Regal fischte, riss ein Teil des Schutzumschlags. Die Bände werden mit einem interessanten, fast durchsichtigen und bedruckten Schutzumschlag ausgeliefert. Den ziert eine farbige Abbildung eines »Dings«, welches im Inhalt Gegenstand irgendeiner Debatte ist. Bei Pessachim sind es Matzot, wie sie früher ausgesehen haben (bevor wir die Industriematzot mit den Löchern hatten), bei Megillah ist es ein Bild einer wertvollen Megillah (überraschende Auswahl). Der Riss war vielleicht noch mit Klebeband reparabel. Damit hätte der Umschlag seltsam ausgesehen. Was tun? Die Antwort ist simpel und folgt umgehend.

Kürzlich erzählte mir jemand, dass er Bücher (Hardcover) noch extra einem Umschlag aus Zeitungen oder Papier umgibt, damit der Umschlag nicht beschädigt wird. Eine andere Person schilderte, sie nähme den Schutzumschlag zuhause ab, lese das Buch unterwegs und würde dann den Umschlag zuhause wieder um das Buch legen und es dann ins Regal stellen. Einige andere verwenden den Schutzumschlag als Platzhalter für das Buch, solange es nicht im Regal steht. Anschließend legen sie den Schutzumschlag wieder an und stellen das Buch wieder ins Regal zurück.

Schutzumschläge - weg damit

Schutzumschläge – weg damit

Das ist ein interessantes Phänomen. Der Schutzumschlag ist nämlich nicht zur »Verwendung« gedacht. Er ist ein Marketinginstrument, er ist ein Plakat für das Buch, er ist ein Schutz im Geschäft und beim Transport, aber er ist nicht Bestandteil des Buches. Oder um es mit dem Gestalter Jan Tschichold zu sagen: »der Schutzumschlag ist der Regenmantel des Buches«. Die Einbände von vernünftigen Hardcovern sind meist großartig und mit Bedacht gestaltet. Sie machen schon etwas her im Regal. Die Schutzumschläge kann man also seelenruhig entsorgen und das sollte man auch tun. Weg damit. Entdeckt das, worüber sich Gestalter Gedanken gemacht haben.
Aus Bequemlichkeit habe ich viele Einbände um die Bände gelassen, vielleicht um sie zu »schonen«, aber bei regelmäßiger Benutzung (siehe die Talmud-Bände) sehen die Umschläge furchtbar aus. Spätestens dann müssten sie weg. Sie mit einem weiteren Schutz zu umgeben, oder sie besonders pfleglich zu behandeln, macht einfach keinen Sinn.
Deshalb hier der Aufruf: Werft das Zeug weg.
Erhaltet ihr im Geschäft das Buch ausgehändigt, schockiert die Verkäufer in den Läden und bittet sie, das Ding gleich zu entsorgen. Vielleicht kann man statt dessen ja eine Plastiktüte oder einen Stoffbeutel haben? Heute sind Bücher noch in Folie eingeschweißt. Bewahrt man die etwa auch auf?
Bücher sind oft intime Begleiter – auch sonst im Leben habt ihr doch auch kein Problem, solchen intimen Begleitern die Klamotten runter zu reißen?

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Mal etwas über das Judentum lesen

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bücher in der Mayerschen Buchhandlung Dortmund

Bemerkenswert: Eine große Buchhändelskette (die Mayersche) mit etwa 40 Filialen, mit einer ausgefeilten Logistik und, so kann man vermuten, mit keinem zufälligen System der Warenanordnung, hat es nicht geschafft, zumindest ein paar Büchlein zum Thema Judentum zusammenzukratzen. So wird in Dortmund ein Bändchen mit dem Titel Talmud flankiert von Koranausgaben. Wobei nicht ganz klar ist, ob die Mayersche annimmt, die Auswahl habe etwas mit Judentum zu tun. Übrigens ist der Talmud, der da angepriesen wird, eigentlich keiner. Unter dem Buchdeckel erwarten den Leser jedoch die Sprüche der Väter – die eigentlich gar keine Gemarah haben und deshalb nicht so häufig in Talmud-Ausgaben zu finden sind. Dafür lockt der Titel vermutlich.

Ganz klar ist der Mix ein totaler Fehlgriff, aber vielleicht ist das ein indirekter Hinweis darauf, dass es in Deutschland nicht DEN Bestseller zum Thema Judentum gibt. Kein Buch, welches viele Aspekte aufgreift, sie schlau und unterhaltend erklärt und dabei nahezu alle Themen streift. Also eines, welches sich die Buchhandlungen guten Gewissens in die Regale stellen könnten.
Nun, so ein Buch gab es einmal in Deutschland. Herman Wouks »Das ist mein G-tt« (hier eine Rezension des SPIEGELs von 1961). Rätselhaft, warum ein solch tiefgründiges und großartig geschriebenes Buch nicht noch immer aufgelegt wird.
Wouk mischt eigenes Erleben mit einer Einführung in die Grundbegriffe des Judentums, seine Geschichte und die großen Texte. Was ist die Torah, was ist der Talmud, wie lernt man ihn? Was ist Chassidismus? Was hat es mit dem auserwählten Volk auf sich?
Wouk ist ein Geschichtenerzähler und als solcher bringt er dem Leser das Judentum nahe. Wer das Buch noch antiquarisch kaufen kann, sollte es sich nicht entgehen lassen.

Da sollte ich der Mayerschen eigentlich dankbar sein, dass sie mich an Wouk indirekt erinnert hat.

Übrigens: der Koran im schwarzen Einband ist eine Übersetzung die auch einen arabischen Originaltext mitbringt. An der ersten Ausgabe wirkte der, als Jude geborene, Dr. Hugo Hamid Markus mit. Hier schließt sich irgendwie dann ein Kreis…