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Eine Liebesgeschichte aus Bosnien

Eine wahre und tragische Liebesgeschichte aus Tuzla in Bosnien:
Er kämpft im Widerstand gegen die Nazis und das von den Nazis installierte Regime, studiert eigentlich Jura und ist nebenher noch Musiker. Sie ist Jüdin und ebenfalls aktiv im Widerstand. Als der NDH (der »Unabhängige Staat Kroatien«) gegen diejenigen vorgehen will, die einen Aufstand gegen diesen organisiert hatten, gehören ihre Namen zu denen, die ganz oben auf der Liste der gesuchten Widerständler stehen – und das mit Anfang 20 (er wurde 1919 geboren, sie 1920).
Die beiden sind ein muslimisch-jüdisches Liebespaar. Frida Laufer und Enver Šiljak.

Der Widerstand plante, Partisanengruppen um Tuzla herum zu bilden – während Frida nach Doboj gehen sollte, um dort weiter für den Widerstand zu werben. Bevor es dann eigentlich losgehen sollte, verständigten sich die Partisanen, dass Frida und Enver sich noch einmal treffen sollten und so verbrachten sie eine gemeinsame Nacht in der Nähe von Doboj. Am Morgen darauf, am 18. Juli 1941 wurden sie in ihrem Versteck verhaftet, ins Gefängnis gebracht, gefoltert und verhört.
Der Frau, Frida Laufer wurde ihre Befreiung für Details zu den Namen der Widerstandsgruppe angeboten. Was sie ablehnte und am 18. August in das Konzentrationslager Jadovno gebracht wurde. Dort brachte sie dann ein Kind zur Welt. Von dort wiederum kam sie in das Lager Loborgrad in der Nähe Zagrebs und von dort nach Auschwitz. Dort wurden sie umgebracht. Ihr Kind scheint man in Jasenovac umgebracht zu haben. Ein Eintrag in der Liste der Opfer listet ein Kind ohne Namen dessen Vater Enver Šiljak war (hier nachlesbar). Allerdings stimmt dort das Geburtsjahr nicht.

Kind ohne Namen, Vater Enver

Kind ohne Namen, Vater Enver

Am 5. September 1941 wurde Enver in Tuzla zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dem Weg zur Erschießung soll er laut das Lied »Jel ti žao što se rastajemo – Tut es Dir leid, dass wir uns trennen« gesungen haben – für Frida. Das Lied gehört nicht zu den unbekanntesten Liedern Bosniens.

Der Bürgermeister von Tuzla Jasmin Imamović (der gerade erst in Deutschland in den Medien war) machte das Schicksal des Paares in seiner Stadt publik und später auch darüber hinaus:
In Tuzla erinnert heute, durch seine Initiative, eine Brücke (hier Bilder von der Einweihung 2010) an die beiden, die »Most narodnog heroja Envera Šiljka i Fride Laufer – Brücke der Nationalhelden Enver Šiljak und Frida Laufer« oder einfach »Liebesbrücke«.
2011 legte Fridas Nichte Frida Čaušević Blumen am Mahnmal für die Opfer der Schoah in Tuzla ab und sprach darüber, dass das Schicksal ihrer Tante nicht vollkommen klar sei. Man habe gehört, sie sei nach Auschwitz gebracht worden. Doch das Engagement von Jasmin Imamović sorgte dafür, dass Frida nicht vergessen werden würde.

Jasmin Imamović ist nämlich nicht nur Bürgermeister, sondern auch Schriftsteller. Er verarbeitete diese Geschichte zu einem Roman namens »Slana zemlja« »salziges Land«. Dazu sollte man wissen, dass sich der Städtename Tuzla vom türkischen Wort Tuz (Salz) ableitet. In Tuzla gibt es Salzvorkommen. Dies wiederum inspirierte den Sänger Halid Bešlić (der in Bosnien bekannt ist). Er hatte nach Lektüre des Romans die Idee, das Lied »Jel ti žao« neu aufzunehmen und es in den Kontext der Geschichte von Frida und Enver zu stellen. Das Video dazu ist nun auch auf YouTube verfügbar:

Auf der YouTube-Seite des Songs gibt es eine beachtliche Anzahl von Kommentaren von Menschen die aus dem Schicksal der beiden gar nichts gelernt haben.

Das Video wird jedenfalls geteilt und man spricht über die beiden, nicht nur vor Ort in Tuzla.

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Dreht mal den Wind in Bosnien!

In Zenica wurde die Sarajevo Haggadah vor der Zerstörung bewahrt. Eine muslimische Familie versteckte sie und sorgte so dafür, dass man dieses großartige Dokument heute noch anschauen kann oder könnte. Trotz aller Unkenrufe kann man nicht behaupten, dass es in Bosnien eine tradierten Antisemitismus gibt. Während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 versorgte die jüdische Gemeinde von Sarajevo auch Nichtjuden mit, auch mit der Hilfe von Nichtjuden. Religionsübergreifend gegen diejenigen, die plötzlich ethnische Kriterien ins Zentrum des Zusammenlebens stellen wollten.

Seit 1995 waren die Zeiten natürlich nicht besonders rosig, aber man folgte dem europäischen Mainstream-Antisemitismus nicht. Bis jetzt und da muss man fragen: »Was ist da passiert?«
Am 12. Juni 2015 spielte die Nationalmannschaft Israels in Zenica und offenbar hat man beschlossen, dies zum Anlass für eine Demonstration zu nehmen. Wie im übrigen Europa auch, war Palästina der Anlass:

Wie man in Wien beobachten konnte, geht es darum natürlich nicht. Dort wird gerufen:
»Ubij, ubij Židove!« (Töte, töte die Juden!)

Was ist da also passiert, dass nun auch bosnische Fußballfans den primitivsten Antisemitismus für sich entdeckt haben?

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Schlaflos in Bosnien – nun online

Im Januar berichtete ich an dieser Stelle über das Tagebuch von Saudin Bećirević, dessen Aufzeichnungen zu einem dokumentarischen Spielfilm verarbeitet worden sind.

Nun hat die Regisseurin Sabina Sidro ihren Film online gestellt:

Der Film ist OmEU (Original mit englischen Untertiteln)

Thematisch passt es doch in die Zeit nach Jom Kippur. Rabbiner Jonathan Sacks schreibt in seinem Vorwort zum Jom Kippur Machzor:

Will we train our inner ear to hear the cry of the lonely and the poor? Will we live a life that makes a difference,bringing the world-that-is a little closer to being the world-that-ought-to-be?
Aus der Einführung in den Koren Machzor für Jom Kippur

Havala!

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Der Feind ist der Krieg – Schlaflos in Bosnien

Paradajz Plakat Saudin Bećirević hat den Krieg in Bosnien beschrieben.
Wir erinnern uns: Derjenige, der vor unserer Haustür stattfand und dennoch jeder hier die Chutzpe hatte, weiterhin Nie wieder! zu mahnen.
Er beschrieb den Krieg in Tagebüchern, später in einem Blog und wie Mirella Sidro (Balkanblogger) schreibt, beschreibt er nicht den politischen Feind:

Das Feindbild in seinen Büchern ist nie der Soldat auf der anderen Seite, sondern der Krieg selbst.
von hier

Der erste Teil seiner Aufzeichnungen ist zu einem dokumentarischen Spielfilm verarbeitet worden. Paradajz, was in deutscher Sprache Tomate bedeutet (auf den verlinkten Seiten wird klar, warum), heißt der und kommt mit deutschen Untertiteln daher.

Im letzten Jahr hatte der Film schon Premiere – in Sarajevo. Nun soll der Film auch in Deutschland und Österreich gezeigt werden. Das ist allerdings abhängig von der freundlichen Unterstützung der Öffentlichkeit und deshalb hier mein bescheidener Beitrag zur Weiterreichung des Anliegens:
Die Filmtour soll nun durch Crowdfunding unterstützt werden. Hier ist die entsprechende Seite für das Anliegen. Hoffen wir, dass die eine oder andere Gelegenheit entsteht, den Film einem breiten Publikum zeigen zu können.