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Jan Böhmermann ist kein Antisemit

Um das einmal ganz deutlich zu sagen: »Jan Böhmermann ist kein Antisemit«.

Und weil jetzt ein paar Lesern schon die Halsschlagader geplatzt ist, verpassen diese leider das »aber«: Aber er hat ein »Problem« mit Juden.
Genauer formuliert: Er hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden. Damit ist er nicht alleine in Deutschland.
Verbunden mit der Hybris, politisch immer auf der richtigen Seite zu sein; über jeden Vorwurf erhaben zu sein und immer genau das richtige zu meinen, kann der Output dann seltsame Blüten treiben.
So »darf« man auch ganz ironisch (seiner Meinung nach) in der Sendung einen jüdischen Gast explizit als solchen ansagen und seine Anwesenheit als Wiedergutmachung für die Schoah verkaufen (siehe hier). Wenn es darum geht, aktiv gegen Antisemitismus einzustehen und Auge in Auge Stellung zu beziehen, kneift er und bemüht zwei Juden. Aus seiner Sicht offenbar die geborenen Experten für das Gebiet.
Er gehört anscheinend zu den Leuten, bei denen das Wort JUDE (ja auch in Großbuchstaben) im Kopf erscheint, wenn sie mit jüdischen Menschen sprechen oder mit Leuten von denen klar ist, dass sie jüdisch sind – auch wenn Jüdischsein gar nicht Thema der Konversation oder des Zusammentreffens ist. »Cohen ist Ihr Name? Meine Großeltern hatte jüdische Nachbarn. Sind irgendwie weggekommen.«
Viele Jüdinnen und Juden können Geschichten darüber erzählen, was ihnen alles erzählt wird, wenn sie einmal »geoutet« worden sind.

Showauftritt Alles nur Fake?

Oben genannte Show-Situation beschrieb ich bereits in der Rezension von Oliver Polaks »Gegen Judenhass« – verbunden mit der Frage, warum er sich dem gut gelaunt ausgesetzt hat. Polak schildert aber noch eine andere Geschichte die sich widerlich liest. Zum einen, weil er (Polak) bei einer Comedyshow von der Bühne gejagt worden sei, verbunden mit dem Spruch »Juden schinden immer Zeit, damit sie hinterher Forderungen stellen können.« Zum anderen, weil Jan Böhmermann Desinfektionsmittel bereitgestellt hätte: »Habt Ihr den angefasst?« Dann bietet er anderen Comedians an, sich die Hände zu desinfizieren. Namen wurden keine genannt. Aber die Szenen waren nicht geheim, wer so ganz grob das Böhmermannsche Gesamtwerk kennt, konnte also leicht identifizieren, um welche Show es wohl ging und wer die anderen Comedians waren. Die Szene hat ein Twitternutzer herumgreicht, hier klicken.
Böhmermann schwieg zunächst zu beiden Situationen und schob dann einen schwachen Tweet hinterher. Polaks Buch über Antisemitismus nennt er darin locker ironisch »sensible Intellektuellenbiografie«.

Später äußern sich er und Serdar Somuncu (wer Hakenkreuz trug durfte sein Stück »Mein Kampf« angeblich gratis sehen), ein anderer Akteur der Szene, die übrigens in seiner Show spielte, darüber: Beide berichten davon, dass die Szene abgesprochen war. Hier ist Böhmermanns Sichtweise geschildert, hier Somuncus aus erster Hand. Über Polaks Auftritt beim »Neo Magazin Royale« wird nicht gesprochen.
Was beiden Schilderungen gemeinsam ist: Die Hybris derjenigen, die sich da äußern. Sie können gar nicht beschuldigt werden, weil sie sauber sind:

Zunächst warum Oliver Polak […] auf die Idee kommt, Jan Böhmermann und Klaas Heufer Umlauf und mich zu beschuldigen. Jan ist noch vor wenigen Wochen auf der ,,Unteilbar-Demo“ gegen rechts mitgelaufen. (Polak übrigens nicht) Klaas engagiert sich seit Jahren für „EXIT-Deutschland“, eine Bewegung für Aussteiger aus der rechten Szene. Jeder, der meine Arbeit verfolgt weiß, wo ich stehe.

Kurzum, wer sich so engagiert, kann gar kein Antisemit sein. Ich habe übrigens wenig Antisemiten getroffen, die sich selber als solche bezeichnet haben. 90% der Antisemiten sind der Meinung, sie seien keine. Damit soll nicht angedeutet werden, dass Somuncu einer ist. Das bedeutet nur, dass diese Art der Argumentation nicht greift. Zudem kann man sich durch Selbstentlastung diesem Vorwurf nicht entziehen – wenn der Vorwurf denn berechtigt ist. Antisemiten sind nicht zwangsläufig Anhänger rechter politischer Strömungen. Selbst bei »Unteilbar« sind Antisemiten mitgelaufen.

Somuncu weiß aber, wer Antisemit ist:

Der tatsächliche Antisemitismus liegt jedoch nicht darin, dass man seinen Kollegen vorwirft, Antisemiten zu sein, obwohl man selbst daran beteiligt war die Nummer zu schreiben, sondern er liegt darin, dass man im Nachhinein das Wort Jude, obwohl es in diesen Sketch noch nicht einmal ausgesprochen wurde, so negativ konnotiert, dass erst daraus eine skandalöse Situation entsteht.

Das ist zunächst einmal »Niemand-hat-Jude-gesagt-Mimimi«. Das hätte man eleganter lösen können – indem man einfach nur die Situation beschreibt. Aber damit nicht genug. Es entsteht ein regelrechter Rant in dem diese Formulierung verwendet wird:

Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb.

Auch hier findet man also die Aussage, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar – das Judesein ist ihr Schutzschild – das stimmt nicht und deshalb kratzt Somunucu hier an einem antisemitischen Vorurteil (im SPIEGEL konnte man kürzlich ähnliches lesen). Kann natürlich nicht sein. Somuncu ist ja anscheinend über jeden Zweifel erhaben. Gerade deshalb dürfte es zunehmend schwerfallen, Dritte zu überzeugen. Warum sollten sie nicht auch davon überzeugt sein, immer das richtige zu meinen und zu tun. Eine Spur Selbstreflexion sollte eigentlich gesellschaftlicher Konsens sein.

Und jetzt? Wer hat Recht?

Wer hat also Recht? Niemand natürlich. Das macht die Sache ja so komplex. Jan Böhmermann hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Juden. Wenn er, wie er behauptet hat, »Desintegriert Euch!« von Max Czollek gelesen hat, hätte er vielleicht Empathie dafür entwickelt, dass man Juden nicht das Bild überstülpt, das man von ihnen hat. Die deutsche Gesellschaft soll jüdische Akteure nicht umklammern und diese sollen sich daraus lösen. So analysiert und schlussfolgert Czollek vollkommen zutreffend. Nur scheint die Lektüre bei Böhmermann nichts ausgelöst zu haben. Sonst wäre seine Reaktion auf den gesamten Themenkomplex vielleicht anders ausgefallen oder er hätte den Auftritt von Oliver Polak im Nachhinein anders bewertet.
Die Showsituation bei Somuncu scheint innerhalb des Diskurses stattgefunden zu haben, den er sonst auch fährt: Alle werden beleidigt, aber die Ebene auf der das stattfindet ist allen bewusst. Die Beleidigungen dienen dazu, die Armseligkeit des Beleidigenden zu demonstrieren und die Lächerlichkeit des sinnlosen Hasses. Soweit ist das ja wohl auch in Ordnung. Wenn das mit Polak abgesprochen war und keine Verabredung dazu, eine Person zu mobben, dann steht es schlecht um die Glaubwürdigkeit von Oliver Polaks Schilderungen. Damit natürlich auch um das, was Polak eigentlich mit dem Buch erreichen wollte.

Und um der Sache noch einen letzten Twist zu geben: Oliver Polak vorzuwerfen, er habe das Buch zu diesem speziellen Thema aus Geldgier Profitstreben gemacht – ein Subtext, den wir in Jan Böhmermanns Tweet und im Text von Somuncu finden, ist, sagen wir mal, schwierig bei dieser Gemengelage.
Wären sie umsichtige, stets richtig handelnden Menschen, wären sie der Sache vielleicht anders begegnet.

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Danke für Nichts, Jan Böhmermann

Welches Genie kam eigentlich auf die Idee, dass ausgerechnet Juden sich mit Kollegah über seinen Antisemitismus unterhalten sollten, nach dem Motto »Juden kümmern sich um ihren Kram«?
Und welcher Chochem war es, der ausgerechnet Kat Kaufmann und Shahak Shapira dazu nominierte?
Ach ja! Es war Jan Böhmermann. Als er seine eigene Hilfslosigkeit damit dokumentierte, diejenigen zu nennen, die ihm anscheinend am »jüdischsten« erschienen.

Diese »Zusammenkunft« fand sogar statt. Zusammenkunft erscheint in diesem Zusammenhang das einzig treffende Wort zu sein. Es war kein »Treffen« und schon gar keine »Diskussion«. Vielleicht trifft es das Wort »Audienz« eher. In dem dazugehörigen Video begrüßt Kollegah seine »Gäste«, während seine Gefolgschaft um den »Boss« und um sie herum angeordnet sind. Menschen, die große klassische Malerei gerne interpretieren, hätten ihre helle Freude daran, zu schauen, wie der »Boss«, wie Kollegah sich selber nennt, sich in Szene setzt.
Die Gäste zeigen gleich nach der offiziellen Begrüßung durch den Boss, welche Richtung das Gespräch nehmen wird. Sie versuchen, ein Stück seiner Coolness durch den Spiegeltrick (das Verhalten dessen imitieren, dem man sympathisch sein möchte) zu erhaschen. Dann folgt ein klassischer Griff in den Werkzeugkasten des Alphamännchens: So zu tun, als hätte man sich den Namen des Gegenübers gar nicht gemerkt, oder nicht richtig. So wird also »Shahak Shapiri« begrüßt und der korrigiert seinen Namen gleich »Shapira« und hat damit gleich zu Beginn des Gesprächs demonstriert, dass er nicht die Oberhand haben wird. Aber er versucht aufzutrumpfen indem er einen fragwürdigen Witz über sein Judesein macht: »Ist wie Tripper«– Kunstpause – »wird man nicht los«. In der Muppetshow schauen die Figuren nach solchen Kalauern mit offenen Mündern nickend ins Publikum. Ein Tusch fehlte.
Welche Rolle Kat Kaufmann einnahm, war nicht ganz klar. Entweder wollte sie einfach so cool wirken, dass sie keinen ganzen Satz äußern wollte, oder sie war einfach nicht in der Lage, einen vollständigen Gedanken auszuformulieren. Zu Beginn des Videos beteiligte sie sich kurz an Kritik am Zentralrat. Das erhält besonderen Drive, wenn man weiß, dass ihr Vater, Küf Kaufmann, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats war (oder sogar noch ist).

Über Antisemitismus wurde dann aber auch gesprochen. Der Boss teilte mit, dass er kein Antisemit sei.
Wenig später verlautbarte er: »die einzigen, die sich immer in eine Opferrolle setzen, seid ihr Juden.« Seine Einlassungen über jüdische Anwälte seien eigentlich als Kompliment gemeint. Einfach, weil Juden die besten Anwälte haben. Weiterlesen

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Böhmermann ist neutral – wie bitte?

Es war wie im richtigen Leben. Man findet jemanden sympathisch, entdeckt relativ viele Schnittmengen und dann *zack* sagt die Person etwas wie: »Das ist wieder typisch. Wie lange wollen die Juden uns das noch vorhalten?«. Weg sind die Schnittstellen. So ähnlich war es, als ich Jan Böhmermann in seiner Sendung vom 2.2.2017 dabei zusah, wie er scheiterte.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Jan Böhmermann über den mangelnden Rückhalt durch die Bundesregierung beklagt hat.
In seiner Sendung »Neo Magazin Royale« kam es jetzt zu einem Rollentausch im kleineren Format.
Es ging nicht um große Weltpolitik, aber in seiner Sendung, war es an ihm, eine klare Haltung gegen Loyalität zu stellen. Er entschied sich für Loyalität und gegen Haltung.
Die Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt:
Rapper »Kollegah« wird vom Zentralrat für Antisemitismus kritisiert, übrigens nicht im Zusammenhang mit einer Reise in das Westjordanland. Wenige Tage später ist er zu Gast in Böhmermanns Sendung.
Schon das kein besonders cleverer Schachzug.
Noch uncleverer war es dann aber, das Thema »Antisemitismus« überhaupt anzuschneiden.

Böhmermann, der sich sonst eindeutig politisch positioniert, jedenfalls dann, wenn ihm der politische Gegner nicht gegenübersitzt, geriet ins Trudeln.

Zunächst lässt er »Kollegah« kurz über seinen Beef mit dem Zentralrat berichten, wirft dann aber ein, er sei als Moderator und Person »neutral«.
Ganz so, als könnte es bei Antisemitismus so etwas wie Neutralität geben. Das ist eine erfrischend neue Haltung dem Phänomen gegenüber.
Statt: »Ich habe von nichts gewusst«, »ich habe nichts gesehen« oder »wie konnte das nur passieren« kann man jetzt wohl sagen:
»Da bin ich neutral!«

Aber damit nicht genug. Böhmermann geht noch einen Schritt weiter und droppt zwei jüdische Namen:
Kat Kaufman und das neue jüdische Lieblingskind des nichtjüdischen Feuilletons Shahak Shapira. Mit denen solle Kollegah mal telefonieren. Das war Totalausfall Nummer zwei.
Mit anderen Worten: Sollen doch die Juden sich selber um den Antisemitismus kümmern und sich darüber unterhalten.
Gestern sah es noch so aus, als sei Antisemitismus ein Problem der gesamten Gesellschaft. Shapira griff übrigens auf facebook nach den tiefhängen Fame-Früchten, lobte Kollegah für seine Reise und sein Engagement und bot ihm ein Gespräch an.

Totalausfall Nummer drei folgte wenige Minuten später. Es ging um eine Entscheidungsfrage:
Israel oder Palästina?
Eine Frage aus der Böhmermann-Redaktion. Während Böhmermann so tat, als sei das besonders heikel, sagte Kollegah: »Kommt drauf an, was du beruflich machen willst.« Der Verweis auf den großen »Einfluss« der jüdischen Lobby, die Karrieren verhindern kann, ist offensichtlich. Vor allem, weil Kollegah schon mehrfach über die »Rothschilds« gerappt und geschrieben hat. Böhmermann sagt nichts.

Aber hier irrte die Redaktion. Hier ging es nicht um »Israelkritik«. Es ging darum, ob Kollegah nun Antisemit ist oder nicht. Darüber könnte man mit Kollegah diskutieren.
Oder man ist einem Kollegen gegenüber loyal und tut das falsche. Eine Redaktion, die sonst komplexere Sachverhalte recherchiert, wäre jedenfalls dazu in der Lage gewesen, das Thema angemessen vorzubereiten. Wenn sie gewollt hätte.
Aber was das betrifft: Die neue Haltung heißt »wir sind neutral«.