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Dieser Samstag ist »Trag eine Kippah-Samstag«

Gibt es keinen Kommentar zum Ausnahmsweise erscheint ein Kommentar zur Äußerung von Dr. Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, in der Öffentlichkeit keine Kippah zu tragen? Doch natürlich.
Aber ausnahmsweise einmal nicht in diesem Blog, sondern im englischsprachigen Blog bei der Times of Israel – hier.

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Hurra, wir eskalieren

Die Geschichte ist lang, aber nicht überkomplex. Eigentlich sollte es wohl um Dr. Michael Blume, den »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« gehen, aber wir nähern uns hier der Geschichte von der anderen Seite. Wir schauen uns an, wie man ihn zum Thema gemacht hat.

Gerd Buurmann machte in seinem Blog den launigen Auftakt:
Unter dem Titel »Antisemitismus-Beauftragter Blume rückt Jüdin in die Nähe von Adolf Eichmann« (Link hier) behauptete er, Michael Blume stelle einen Zusammenhang zwischen einer Dame namens Malca Goldstein-Wolf und Adolf Eichmann her oder rücke sie »in die Nähe«.

Stufe 1 Ein Blogpost erscheint

Buurmann, der seine Artikel auch bei achgut.com, bei Tichys Einblick (Infos über die Seite bei wikipedia) und zuletzt auch bei Philosophia Perennis veröffentlicht (hier), nutzte Blumes langen Artikel dazu, eben jenen Zusammenhang zwischen Frau Goldstein-Wolf und Eichmann zu behaupten: »Von da aus geht es dann weiter mit Adolf Eichmann und anderen Massenmördern.« (Link).
Tatsächlich tauchen beide Namen in Blumes Text auf. Das war es jedoch schon mit den Zusammenhängen. Blumes Artikel mit dem Titel »Eichmann, Breivik, Spencer und der Terrorangriff von Christchurch – Der Ethnonationalismus als Verbindung aus Antisemitismus und Rassismus« beginnt mit einer Beschreibung der Situation, in der er sich befindet. Die einen beschimpfen ihn online als »üblen Zionisten«, die anderen werfen ihm »Scharia-Appeasement« vor. Er sei zu nachgiebig gegen »Islamofaschisten«.
Hier folgen ein paar Beispiele, eines ist ein Tweet von Frau Goldstein-Wolf – wir kommen gleich darauf zurück. Dann spricht er weiter über den Hass, dem man online ausgesetzt ist. Es folgt ein Hinweis auf sein Buch.
Dann folgt eine Zwischenüberschrift »Der Ethnonationalismus als digitaler Antisemitismus des 21. Jahrhunderts«. Blume beschreibt, dass er auf dem Weg zum SWR vom Massaker in Christchurch gehört habe. Jetzt erzählt er vom »Ethnonationalismus« und in diesem Zusammenhang geht es um Eichmann. Wenn die Nennung zweier Namen in einem Text ausreicht, um sie in die »Nähe zu rücken«, dann habe auch ich ein Problem. Denn dann werde ich in die Nähe der Rassenhygiene gerückt. Immerhin taucht mein Name im Sammelband »Sexualität und Judentum: Medizin und Judentum (Band 14)« auf. Da taucht auch irgendwo das Wort Rassenhygiene auf. Hier einen sachlichen Zusammenhang herzustellen, wäre ziemlich weit hergeholt. Übrigens hat Buurmann der Sache einen anderen Dreh gegeben, indem er aus der Frau, die sich gegen Antizionismus und Antisemitismus engagiert, explizit eine Jüdin gemacht hat. Als sei es nicht schlimm genug, irgendjemanden mit Eichmann zu vergleichen, muss man diese Tatsache extra hervorheben.

Aber nun war die Sache in der Welt.

Stufe 2 Ein Verweis erscheint

Bei achgut.com präsentiert Henryk Broder den Artikel von Buurmann als Fundstück und schreibt über Michael Blume: »Der hat zwar vom Antisemitismus keine Ahnung, ist dafür umtriebig und neigt zu unmotivierten Wutausbrüchen.« (Zitat von hier)

Stufe 3 Ein Artikel erscheint

Diesen Faden griff die Jerusalem Post auf. Der Autor Benjamin Weinthal drehte das Rad noch etwas weiter und verschärfte die Aussage: »GERMAN ANTISEMITISM OFFICIAL ‚MUST RESIGN, COMPARED JEW TO NAZI’« (Link hier). Hier wird also von einem direkten Vergleich gesprochen. Die Zwischenüberschrift verkündet: »Commissioner against antisemitism in the German state of Baden-Württemberg, Michael Blume compared German Jew to Adolf Eichmann.«. Wie gesagt. Gibt schon der Text ein »in die Nähe rücken« nicht her, so schon gar nicht einen direkten Vergleich. Bei einer Überprüfung des Artikels auf Korrektheit, wäre einem Lektor das sicherlich aufgefallen.
Auch (oder sogar) das Simon Wiesenthal Center (jene Einrichtung, die den Mord an Mireille Knoll in ihrer Top Ten Liste der schlimmsten antisemitischen Ereignisse nicht erwähnt, dafür aber die Kontoführung für eine Organisation die BDS nahesteht – siehe hier) hätte seinen Rücktritt gefordert. Ob das erst auf Nachfrage von Weinthal geschah oder aus eigenem Antrieb, wird nicht klar.
Weiter schreibt er »German Jews slammed Blume for his lack of expertise in the field of antisemitism« und nennt als Quelle für diese Behauptung Henryk Broder. Woher die Mehrzahl (Jews) kommt, wird uns nicht verraten. Witzigerweise wird Broder als jemand vorgestellt, der vor dem Bundestag über das Thema gesprochen hat: »who has testified in the Bundestag on contemporary German antisemitism«. Dass es hier um einen Auftritt vor einer Fraktion ging, wird nicht erwähnt. Bilder davon gingen übrigens durchs Netz: Henryk Broder posierte mit Abgeordneten der AfD für die Kamera (faz.net über die Geschichte).

Stufe 4 Die sozialen Netzwerke

In den sozialen Netzwerken nimmt das Thema noch etwas Fahrt auf. Die Geschichte wird geteilt. Besonders der Artikel in der Jerusalem Post ist so knackig formuliert, dass er gerne gelesen wird. Hinweise darauf, dass der Artikel sich nicht unbedingt an den Fakten orientiert, werden mit Nachfragen zu einem Verein mit dem Namen »Juma« gekontert. Als ändere das etwas an der Faktizität des Artikels. Frau Goldstein-Wolf verteilte die verschiedenen Erwähnungen, wie auf ein Blog namens »Freiheit oder Scharia« über ihr Facebook- oder Twitterprofil. Allein die Erwähnung des Artikels in der Jerusalem Post auf der Facebook-Seite der »Juden in der AfD« wurde bis zum 25.03.2019 64 Mal geteilt. Der Verein »Werteinitiative« nimmt sich des Themas an und verfasst eine Stellungnahme. Eine, die so abgefasst ist, dass sich Frau Goldstein-Wolf für den »Support« bedankt.

Berechtigte Kritik? Was nun?

OK. Anscheinend war der Vergleich mit Eichmann nicht das einzige Problem an Blumes Artikel. Stein des Anstoßes war ein Verweis auf einen Tweet von Frau Goldstein-Wolf:

Dieser Tweet wurde (mit anderen) in Bezug auf all die gehässigen Kommentare und Zuschriften genannt, die er erhält. Im zitierten Tweet wurde der Hashtag #michaelblume verwendet. Unter diesem wurden zuvor Tweets über Michael Blume von anderen Nutzern veröffentlicht. Etwa welche, in denen er etwa als »Profiflüchtlingsunterstützer« bezeichnet wurde (Link) – mit einem Link auf die Seite »Tichys Einblick«. Möglich, dass Dr. Blume hier den Tweet direkt auf seine Familie bezog – das schrieb er jedenfalls später.
Zudem wurde im Tweet der Eindruck erweckt, Blume arbeite (»gemeinsam… bekämpfen will…«) mit »Juma« zusammen. JUMA steht für »Jung, Muslimisch, Aktiv« und ist ein Verein, der offenbar gemeindeübergreifend agiert und Jugendliche zu politischer Teilhabe animiert. Die Veranstaltung mit Michael Blume war am 25. Februar 2017. Dort nahm er in anderer Funktion für das Land Baden-Württemberg teil. Zum »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« ernannt wurde er im März 2018 (Badische Zeitung berichtete).
Der Verein, der übrigens von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, steht nicht im Fokus des Verfassungsschutzes. Vermutlich hätte man Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nicht an einer Veranstaltung des Vereins teilnehmen lassen, wenn es da offene Fragen gegeben hätte. Die seltsame Verbindung, in der auch Sawsan Chebli genannt wird (die selber schon als Triggerwort für bestimmte politische Lager ausreicht) wurde bisher seriös noch nicht thematisiert. Eine Verbindung zu Blume sieht anders aus. Auf wiederholte Vorwürfe reagierte Blume entsprechend dünnhäutig.

Die Schlussfolgerungen sind für die Agierenden klar:


Und natürlich wird nachgelegt. Chaim Noll wird zitiert:


Erinnert an schlimmste Zeiten? Was wird er wohl meinen?
Ist das etwa ein Vergleich? Wollte man sich nicht dagegen abgrenzen?
Sollte man nicht mit gutem Beispiel vorangehen?

Hier bewahrheitet sich ein Allgemeinplatz, den es schon vor dem Internet gab: An demjenigen, der andere mit Dreck bewirft, bleibt natürlich auch selber etwas kleben. Dem Kampf gegen den Antisemitismus tut man mit solchen Aktionen jedenfalls keinen Gefallen. Man kann die Scherben nicht mehr einsammeln und weitermachen, als wäre all das niemals passiert.
Ist das schon eine Kampagne, oder einfach nur Unnachgiebigkeit?

Wie sieht es mit anderen Themen aus, die von den Akteuren thematisiert wurden, habe ich mich gefragt. Muss man an die geschilderten Sachverhalte ebenfalls ein kleines Fragezeichen anheften?

Vorwerfen kann man Dr. Michael Blume nicht viel, außer einer gewissen Dünnhäutigkeit denjenigen gegenüber, die stets mit den gleichen Vorwürfen um die Ecke kommen.

Minidisclaimer Ja, im Januar 2018 habe ich geschrieben, dass ich mit dem Konstrukt »Antisemitismusbeauftragter« nicht viel anfangen kann siehe hier und mir nicht sicher bin, ob es nicht eine Einrichtung ist, auf die verwiesen wird, wenn doch etwas passiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich mir nicht die konkrete Arbeit anschaue und gegen die entsprechenden Leute bin, weil ich möchte, dass sich meine Einschätzung bewahrheitet. Jede und jeder, der sich gegen Antisemitismus engagiert – weil es ihm um diesen geht und nicht um andere politische Ziele – soll und muss unterstützt werden.
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Jetzt wird richtig aufgeräumt: Der Antisemitismus-Beauftragte

In dieser Woche wurde bekannt, dass die Regierung einen offiziellen Antisemitismus-Beauftragten nominiert hat. Felix Klein wird es werden, es soll aber hier gar nicht um die Person gehen. Es geht hier eher um die Stelle, die diese Person ausfüllen wird. Auf diese Stelle wird man verweisen, wenn es wieder antisemitische Übergriffe geben wird – und es wird wieder welche geben, daran besteht kein Zweifel.

Die Lösung für die Probleme?

Der Rechtsstaat verfügt über alle Instrumente, um seine Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen zu schützen und um ihnen die Religionsfreiheit zu garantieren. Es wird keine Verschärfung von Gesetzen geben müssen, denn die vorhandenen Gesetze müssten nur konsequent angewendet werden.
Die Probleme die wir haben, betreffen die gesamte Gesellschaft. Wenn »Jude« ein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen ist, dann sind Lehrerinnen und Lehrer gefordert, entschieden zu intervenieren und das nicht erst dann, wenn tatsächlich jüdische Schüler gemobbt werden. Und selbst in konkreten Mobbingfällen sieht entschiedenes Handeln häufig anders aus, als die Bitte, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Verleiht ein Antisemitismus-Beauftragter den Verantwortlichen die Einsicht, dass es hier nicht um Lächerlichkeiten geht?

Wird ein Antisemitismus-Beauftragter dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden auf der Straße nicht mehr angespuckt werden? Dafür, dass Passanten sich einmischen und eine rote Linie ziehen?

Der Gesellschaft sollte klar sein, dass ein Teil des heutigen Antisemitismus von einer jugendlichen Subkultur ausgeht, die sich zwar am Islam orientiert, aber nicht durch ihn gespeist wird. Die entsprechenden Player dieser Subkultur sind Rapper, Musiker und andere Multiplikatoren. Und wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Sie verleiht den entsprechenden Gestalten Preise.

Wir wissen alle, dass Empörung nicht ausreicht. Auch von Solidaritätsbekundungen sind Kinder in Schulen, Beter in Synagogen oder einfach nur Menschen zuhause nicht sicherer. Daran wird auch ein Beauftragter nichts ändern. Aber er wird das Gewissen beruhigen. Man hat »etwas« unternommen. Nun kann auf jemanden gezeigt werden, wenn man sich fragt, warum es diesen oder jenen Vorfall gab.
Was ist das für ein Zeugnis, dass sich der Staat ausstellt, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht mehr durchgesetzt werden können, um es zu ermöglichen, als Jude in Deutschland zu leben?
Benötigt man erst einen Mittelsmann, der zum Handeln auffordern soll?

Es wird auch in Zukunft nicht ausreichen, alle Vorfälle einfach nur zu erfassen und daraus eine pädagogische Handreichung zu erstellen. Es wird wohl oder übel so weit kommen müssen, dass man sich aus der Komfortzone wagt und die Mittel anwendet, über die man bereits verfügt: Verfolgen von Anzeigen, anschließender Schutz der Opfer, zivilrechtliche Verfahren gegen die Eltern minderjähriger Mobber und Gewalttäter.
Es kann sicher auch nicht schaden, eine klare Haltung einzunehmen. Es reicht nicht aus, diese nicht nur zu dokumentieren, sondern auch in Taten zu verwirklichen. Dies dem Antisemitismus-Beauftragten zu überlassen, wird keines der aktuellen Probleme lösen.

Und als habe man das unterstreichen wollen, gab es gleich die folgenden Tweets:

Die CSU gratuliert zur Wahl eines Kandidaten, der mit antisemitischen Untertönen Wahlkampf betrieben hat…

… und der Innenminister, der von der gratulierenden Partei gestellt wird, stellt wenig später über twitter den Antisemitismus-Beauftragten vor. Interessant an dem Tweet ist natürlich der Inhalt, aber insbesondere die Tatsache, wie wenig Mühe man sich mit dem Bild gegeben hat:

Ja, bereits im Januar habe mich dazu geäußert, siehe hier.
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Die Pforten der Hölle und der Antisemitismusbeauftragte

Juden in der Hölle – aus dem »Hortus Deliciarum« (12. Jahrhundert)

Das Ritual ist immer gleich: Irgendwo im Westjordanland grinst ein Soldat der Zahal jemanden schief an oder irgendjemand findet Jerusalem gäbe eine tolle Hauptstadt ab. Dann skandiert die Hamas, man werde die »Tore der Hölle öffnen« oder zur vollständigen Vernichtung Israels ausholen. Die »Tore der Hölle« werden seit den 2000er Jahren fast nur außerhalb Israels geöffnet. Es werden Juden verletzt gejagt, jüdische Einrichtungen beschädigt und es wird natürlich martialisch demonstriert. Das gehört zum Ritual. Zum Ritual gehört auch die Beschwichtigung durch die Politik. Man stünde gegen Antisemitismus ein. Zeitungen zeigen Prominente unter dem Aufruf »nie wieder« – es kostet ja nahezu nichts, sich da anzuschließen. Es erfordert auch keinen besonders großen Mut, das auf eine Zeitung zu schreiben. Dennoch applaudiert man, wenn jemand, der den Staat Israel auf seinem Profilbild bei Twitter ausgelöscht hat, einen Preis bekommt. Man sichert aber gerne zu, dass Antisemitismus »uns alle« trifft, was nicht stimmt und auch noch nie Konsequenzen hatte. Weiterlesen