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Jan Böhmermann ist kein Antisemit

Um das einmal ganz deutlich zu sagen: »Jan Böhmermann ist kein Antisemit«.

Und weil jetzt ein paar Lesern schon die Halsschlagader geplatzt ist, verpassen diese leider das »aber«: Aber er hat ein »Problem« mit Juden.
Genauer formuliert: Er hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden. Damit ist er nicht alleine in Deutschland.
Verbunden mit der Hybris, politisch immer auf der richtigen Seite zu sein; über jeden Vorwurf erhaben zu sein und immer genau das richtige zu meinen, kann der Output dann seltsame Blüten treiben.
So »darf« man auch ganz ironisch (seiner Meinung nach) in der Sendung einen jüdischen Gast explizit als solchen ansagen und seine Anwesenheit als Wiedergutmachung für die Schoah verkaufen (siehe hier). Wenn es darum geht, aktiv gegen Antisemitismus einzustehen und Auge in Auge Stellung zu beziehen, kneift er und bemüht zwei Juden. Aus seiner Sicht offenbar die geborenen Experten für das Gebiet.
Er gehört anscheinend zu den Leuten, bei denen das Wort JUDE (ja auch in Großbuchstaben) im Kopf erscheint, wenn sie mit jüdischen Menschen sprechen oder mit Leuten von denen klar ist, dass sie jüdisch sind – auch wenn Jüdischsein gar nicht Thema der Konversation oder des Zusammentreffens ist. »Cohen ist Ihr Name? Meine Großeltern hatte jüdische Nachbarn. Sind irgendwie weggekommen.«
Viele Jüdinnen und Juden können Geschichten darüber erzählen, was ihnen alles erzählt wird, wenn sie einmal »geoutet« worden sind.

Showauftritt Alles nur Fake?

Oben genannte Show-Situation beschrieb ich bereits in der Rezension von Oliver Polaks »Gegen Judenhass« – verbunden mit der Frage, warum er sich dem gut gelaunt ausgesetzt hat. Polak schildert aber noch eine andere Geschichte die sich widerlich liest. Zum einen, weil er (Polak) bei einer Comedyshow von der Bühne gejagt worden sei, verbunden mit dem Spruch »Juden schinden immer Zeit, damit sie hinterher Forderungen stellen können.« Zum anderen, weil Jan Böhmermann Desinfektionsmittel bereitgestellt hätte: »Habt Ihr den angefasst?« Dann bietet er anderen Comedians an, sich die Hände zu desinfizieren. Namen wurden keine genannt. Aber die Szenen waren nicht geheim, wer so ganz grob das Böhmermannsche Gesamtwerk kennt, konnte also leicht identifizieren, um welche Show es wohl ging und wer die anderen Comedians waren. Die Szene hat ein Twitternutzer herumgreicht, hier klicken.
Böhmermann schwieg zunächst zu beiden Situationen und schob dann einen schwachen Tweet hinterher. Polaks Buch über Antisemitismus nennt er darin locker ironisch »sensible Intellektuellenbiografie«.

Später äußern sich er und Serdar Somuncu (wer Hakenkreuz trug durfte sein Stück »Mein Kampf« angeblich gratis sehen), ein anderer Akteur der Szene, die übrigens in seiner Show spielte, darüber: Beide berichten davon, dass die Szene abgesprochen war. Hier ist Böhmermanns Sichtweise geschildert, hier Somuncus aus erster Hand. Über Polaks Auftritt beim »Neo Magazin Royale« wird nicht gesprochen.
Was beiden Schilderungen gemeinsam ist: Die Hybris derjenigen, die sich da äußern. Sie können gar nicht beschuldigt werden, weil sie sauber sind:

Zunächst warum Oliver Polak […] auf die Idee kommt, Jan Böhmermann und Klaas Heufer Umlauf und mich zu beschuldigen. Jan ist noch vor wenigen Wochen auf der ,,Unteilbar-Demo“ gegen rechts mitgelaufen. (Polak übrigens nicht) Klaas engagiert sich seit Jahren für „EXIT-Deutschland“, eine Bewegung für Aussteiger aus der rechten Szene. Jeder, der meine Arbeit verfolgt weiß, wo ich stehe.

Kurzum, wer sich so engagiert, kann gar kein Antisemit sein. Ich habe übrigens wenig Antisemiten getroffen, die sich selber als solche bezeichnet haben. 90% der Antisemiten sind der Meinung, sie seien keine. Damit soll nicht angedeutet werden, dass Somuncu einer ist. Das bedeutet nur, dass diese Art der Argumentation nicht greift. Zudem kann man sich durch Selbstentlastung diesem Vorwurf nicht entziehen – wenn der Vorwurf denn berechtigt ist. Antisemiten sind nicht zwangsläufig Anhänger rechter politischer Strömungen. Selbst bei »Unteilbar« sind Antisemiten mitgelaufen.

Somuncu weiß aber, wer Antisemit ist:

Der tatsächliche Antisemitismus liegt jedoch nicht darin, dass man seinen Kollegen vorwirft, Antisemiten zu sein, obwohl man selbst daran beteiligt war die Nummer zu schreiben, sondern er liegt darin, dass man im Nachhinein das Wort Jude, obwohl es in diesen Sketch noch nicht einmal ausgesprochen wurde, so negativ konnotiert, dass erst daraus eine skandalöse Situation entsteht.

Das ist zunächst einmal »Niemand-hat-Jude-gesagt-Mimimi«. Das hätte man eleganter lösen können – indem man einfach nur die Situation beschreibt. Aber damit nicht genug. Es entsteht ein regelrechter Rant in dem diese Formulierung verwendet wird:

Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb.

Auch hier findet man also die Aussage, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar – das Judesein ist ihr Schutzschild – das stimmt nicht und deshalb kratzt Somunucu hier an einem antisemitischen Vorurteil (im SPIEGEL konnte man kürzlich ähnliches lesen). Kann natürlich nicht sein. Somuncu ist ja anscheinend über jeden Zweifel erhaben. Gerade deshalb dürfte es zunehmend schwerfallen, Dritte zu überzeugen. Warum sollten sie nicht auch davon überzeugt sein, immer das richtige zu meinen und zu tun. Eine Spur Selbstreflexion sollte eigentlich gesellschaftlicher Konsens sein.

Und jetzt? Wer hat Recht?

Wer hat also Recht? Niemand natürlich. Das macht die Sache ja so komplex. Jan Böhmermann hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Juden. Wenn er, wie er behauptet hat, »Desintegriert Euch!« von Max Czollek gelesen hat, hätte er vielleicht Empathie dafür entwickelt, dass man Juden nicht das Bild überstülpt, das man von ihnen hat. Die deutsche Gesellschaft soll jüdische Akteure nicht umklammern und diese sollen sich daraus lösen. So analysiert und schlussfolgert Czollek vollkommen zutreffend. Nur scheint die Lektüre bei Böhmermann nichts ausgelöst zu haben. Sonst wäre seine Reaktion auf den gesamten Themenkomplex vielleicht anders ausgefallen oder er hätte den Auftritt von Oliver Polak im Nachhinein anders bewertet.
Die Showsituation bei Somuncu scheint innerhalb des Diskurses stattgefunden zu haben, den er sonst auch fährt: Alle werden beleidigt, aber die Ebene auf der das stattfindet ist allen bewusst. Die Beleidigungen dienen dazu, die Armseligkeit des Beleidigenden zu demonstrieren und die Lächerlichkeit des sinnlosen Hasses. Soweit ist das ja wohl auch in Ordnung. Wenn das mit Polak abgesprochen war und keine Verabredung dazu, eine Person zu mobben, dann steht es schlecht um die Glaubwürdigkeit von Oliver Polaks Schilderungen. Damit natürlich auch um das, was Polak eigentlich mit dem Buch erreichen wollte.

Und um der Sache noch einen letzten Twist zu geben: Oliver Polak vorzuwerfen, er habe das Buch zu diesem speziellen Thema aus Geldgier Profitstreben gemacht – ein Subtext, den wir in Jan Böhmermanns Tweet und im Text von Somuncu finden, ist, sagen wir mal, schwierig bei dieser Gemengelage.
Wären sie umsichtige, stets richtig handelnden Menschen, wären sie der Sache vielleicht anders begegnet.

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Oliver Polak – Gegen Antisemitismus

Wenn jemand richtig zum Thema »Antisemitismus« abräumt, dann ja wohl Oliver Polak. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten – das ist das Kerngeschäft von Polak. So geriet eine Gedenkfeier für seinen Vater in Papenburg zum Eklat – aus Sicht der wohlmeinenden Stadtoffiziellen. Polak verwies darauf, dass sich sein Vater sicher schon zu Lebzeiten über ein wenig Wertschätzung gefreut hätte und dass er Klezmermusik gehasst hat, denn die wurde zu diesem Anlass gespielt. Nachlesen, was passiert, wenn diejenigen, die es »gut meinen« und diejenigen, die Subjekt dieser Bemühungen sind, aufeinanderprallen, kann man hier (Neue Osnabrücker Zeitung).
Oder man hört der Blauen Stunde von Serdar Somuncu zu, in der Oliver Polak zu Gast ist (hier) und auch mal erklärt, warum ein Stand-Up von Ususmango antisemitisch ist (→ warum Ususmango Olympia hasst).

Gegen Judenhass Eine Abrechnung?

Wenn diese Person dann mit dem Titel »Gegen Judenhass« an den Start geht, dann erwartet man, dass die Marke Oliver Polak auch abliefert.
Er erzählt von Ereignissen aus erster Hand und verweist punktuell auf einen größeren Rahmen. So erzählt er von einem Ereignis, welches man recht schnell als Auftritt beim »Neo Magazin Royale« verorten kann. Er erzählt darüber, dass er ausschließlich als Jude wahrgenommen wurde und dass der Gastgeber der Sendung sich davon nicht abbringen lassen wollte, weil das halt Polaks Alleinstellungsmerkmal sei. Der Rapper, der ihn ankündigte, beschrieb den Auftritt als Sühne für die Schoah. Schlimm genug. Der Jude als »glitzerndes Einhorn« (so nennt es Polak).

Man fragt sich, warum er im Buch keine Namen nennt und vielleicht für etwas Diskussion sorgt. Man kann sich aber auch fragen, warum Oliver Polak dann die Sendung dennoch mit bester Laune beendet hat und nach Wunsch des Gastgebers beendet hat. Klar besteht da eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Aber soll das so sein? Der Forderung, gegen Antisemitismus entgegenzutreten, ist das vielleicht nicht gerade förderlich, wenn man selber erst anschließend darüber spricht, obwohl man auch Akteur hätte sein können. Und wer weiß, vielleicht hätte das ja Schlagzeilen gemacht, wenn Oliver Polak den Auftritt in TV-Show XY abgebrochen hätte, weil ihm das einfach zu dämlich war?

Mit andere Personen (wir erfahren ihren Namen nicht, aber wenn man die Szene beobachtet, wird man schon wissen, um wen es geht) wird er während seiner Lesetour zusammensitzen. Eine Aufforderung zu konsequentem Handeln hätte man vielleicht anders untermauern sollen. Wir reden hier nicht über Situationen, denen man sich nicht entziehen kann, wie physische Übergriffe.

»Geschäft vor Moral oder suggerierter Moral« schlussfolgert er in einem anderen Fall, aber gilt das auch für das eigene Handeln?
Das schreibt sich natürlich leicht, aber dennoch darf man die Frage stellen?
Wenn ich das Handeln meines Gegenübers falsch finde, warum mache ich dann mit?

Die geschilderten Ereignisse gehören in die Öffentlichkeit, sie bilden einen Baustein bei der öffentlichen Wahrnehmung von Antisemitismus. Die kurzen Exkurse auf andere antisemitische Ereignisse gehören dazu. Ebenso wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht erst eingewanderte Antisemiten diese Seuche nach Deutschland gebracht haben, sondern dass es sie immer gab.

Für dieses Buch habe er extra seine Tour verschoben, so schrieb er auf Twitter. Wenn man das Buch vollständig liest, muss man sich jedoch fragen, warum er sich dafür zurückziehen musste. Das Buch hat 128 Seiten. Davon sind 34 gar nicht bedruckt und auf 34 Seiten steht jeweils ein Satz. Dieser Teil bildet die Einleitung mit kurzen Fragen zu dem, was man selber über Juden denkt. Das ist nicht ungelungen, hätte jedoch auch prima auf eine Seite gepasst.

Eine Seite aus dem Buch »Gegen Antisemitismus«

Zudem ist die Größe der Schrift doch sehr großzügig. Das gesamte Buch ist nicht länger als ein ausführlicher Essay in einer Wochenzeitung und dementsprechend knapp ist das Fazit nach einem kurzen Ausflug in das, was Oliver Polak erlebt hat. Diese Kombination von Form und Inhalt betrachtend, wirkt das Buch hektisch zusammengebaut.

Polak widmete das Buch Mireille Knoll, die in ihrer Wohnung von dem Sohn einer Nachbarin ermordet wurde. Auf den furchtbaren, antisemitischen, Mord geht er kurz ein, aber nicht, dass der Täter jemand war, der Mireille Knoll kannte und hier der Theorie den Stecker zieht, man müsse sich nur gut genug kennen, um einander nicht zu hassen. Sein Appell, für andere einzustehen, ist natürlich richtig, weil es die einzig zulässige Forderung ist, aber das hier fühlt sich nach »zu wenig« an.

Schade.Es ist das zweite Buch zum Thema Antisemitismus innerhalb von zwei Monaten (siehe hier: »Schonzeit vorbei«). Von beiden Autoren ist er derjenige mit dem größeren Bekanntheitsgrad. Natürlich wird er mehr Aufmerksamkeit generieren. Aber die Gelegenheit, die vorhandene Aufmerksamkeit zu nutzen, wurde nicht ergriffen. Oliver Polak wäre derjenige gewesen, dem man die schonungslose Abrechnung mit diesem Phänomen zugetraut hätte. Hoffen wir, dass er während seiner Lesereise dem gerecht wird.

Oliver Polak: »Gegen Judenhass« Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 128 Seiten, 8,00 €,
Link zum Verlag
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Schonzeit vorbei

Juna Grossmann von irgendwiejuedisch.com muss ich Leserinnen und Lesern dieses Blogs hier nicht gesondert vorstellen, nicht?
Juna hat jetzt in einem Buch das Thema »Antisemitismus« vollständig aufgerollt und allgemein verständlich (wie ich finde) zusammengefasst, wie sich die Situation für Jüdinnen und Juden geändert oder entwickelt hat. Fernab von abstrakten Berichten mit Zahlenkolonnen, die darüber Auskunft geben, wie viele Vorfälle es wo gab und welches Vokabular die entsprechenden Personen verwendet haben: »Es gab XY antisemitische Vorfälle.«

Es sind nicht nur die »Vorfälle«, die eine ungute Stimmung erzeugen, es sind kurze zwischenmenschliche Begegnungen. Bemerkungen des Gegenübers. Gesten.
Wenn man merkt, dass Gesprächspartner ihr Gegenüber nur noch als »Jude« betrachten und als Platzhalter für irgendein Vorurteil.
Sie berichtet dabei nicht über Zuschriften oder Ereignisse, die sie erhalten oder erlebt hat, sondern auch von Dingen die anderen passiert sind. So gibt es in Junas Buch auch einen Vorfall der mich betrifft und über den ich damals nicht berichtet habe. Auf diese Weise ergibt sich ein gutes aktuelles Stimmungsbild.

Aber dabei bleibt es nicht. Sie schildert die jüngere Entwicklung des »offenen« Antisemitismus. Die Affäre um Jürgen Möllemann etwa, der mit Israelkritik einen Wahlkampf gestalten wollte und damit punkten wollte. Oder die Gazakriege, in deren Verlauf es auch in Deutschland offen antisemitische Demonstrationen gab. Eingeflochten sind ihre ganz privaten Begegnungen und Entwicklungen und davon gibt es einige, denn sie war mit einem Job im Jüdischen Museum dort, wo nichtjüdische Deutsche auf das treffen, was sie für jüdisch halten. Auch, was in den sozialen Netzwerken passiert (insbesondere bei twitter), beschreibt sie recht anschaulich.

Differenziert Ungewöhnlich für die Öffentlichkeit

Es ist ein differenziertes Buch und Wortmeldungen dieser Art gibt es wenig: Es ist nicht nur eine spezielle Gruppe Schuld am aktuellen Antisemitismus, sondern es werden alle Faktoren betrachtet, die die Stimmung im Land negativ beeinflussen. Wie wirkt sich all das auf diejenigen aus, die sichtbar als jüdische Leute unterwegs sind? Für einige, die in der Öffentlichkeit für das Judentum sprechen (wollen), ist Antisemitismus ausschließlich deutsch und weiß. Antisemitismus mit Bezug auf den Islam gäbe es nicht (siehe auch hier). Für wieder andere öffentliche Personen, ist der deutsche Antisemitismus zu vernachlässigen und vor allem Muslime und Zuwanderer seien schuld an der aktuellen Situation. Es ist klar, dass beide Unrecht haben und es wird Zeit, dass eine Stimme in den Medien zu hören ist, die das differenziert darstellt. Und das obwohl ihr wohl bewusst ist, dass sie auch dafür angefeindet werden wird.

Ihr Fazit ist nachvollziehbar und ich unterschreibe es: Es ist nicht klar, wohin die Reise dieses Landes geht. Man spricht heute natürlich von »gepackten Koffern« und nicht davon, wie sicher oder wohlbehalten man sich fühlt.

Salomon Korns Satz zur Synagogenbauten aus den 80er Jahren »Wer ein Haus baut, will bleiben«, zeigte Optimismus, der mit der Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion noch zunahm. Zum Vertrauen in den Staat kam nun noch der demographische Aufbruch. Heute lässt sich dieser Satz ändern in »wer ein Haus baut, hofft(e), dass er bleiben kann.« Junas Ausführungen zeigen ganz gut, dass dieser Optimismus einer geänderten Wahrnehmung gewichen ist und auch die Fakten eher gegen ein Bleiben sprechen.

Vielleicht wird das ja gehört.

Juna Grossmann: »Schonzeit vorbei« Droemer HC, München 2018, 160 Seiten, 14,99 €, Link zum Verlag
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Solidarität, Schmolidarität

Ein ordentliches Land ist das doch, oder nicht? Alles ist geregelt, festgelegt und kategorisiert. Straßenschilder haben festgelegte Größen, der Abstand zwischen den Streben eines Grillrostes ist festgelegt.
Abläufe sind normiert. Ein Land, dessen »Reinheitsgebot« seit Jahrhunderten dafür sorgt, dass man sauberes Bier trinkt. Ein Land, dass für jeden deportierten Juden auch ordentlich ein Ticket dritter Klasse abgerechnet und fein säuberlich festgehalten hat.

Aber bei einigen Themen ist man ungewöhnlich flexibel und lässt jene mediterrane Lockerheit erkennen, die man im Urlaub so bewundert, jedenfalls solange der Flughafenzubringer pünktlich fährt:
Eines von ihnen ist Antisemitismus.

Hier gibt es keine Norm und keine Handlungsanweisung. Wann ist er »schlimm« oder erfordert irgendein konkretes Handeln?

Hier wird von Fall zu Fall entschieden.
Die Bandbreite reicht von »ist nicht so schlimm« bis »wir stehen hinter euch«. Die höchste Eskalationsstufe ist die Zusicherung von »Solidarität«.

Was wäre eine rote Linie für die Freunde der Ordnung?

Ist sie überschritten, wenn die Aktion von Zuwanderern ausgeht?
Wenn eine Synagoge beschädigt wird?
Wenn Grabsteine beschädigt werden?
Wenn Juden mit Hatemail bedacht werden?
Wenn jemand körperlich bedrängt wird?
Wenn jemand verletzt wird?
Wenn jemand getötet wird?

Haben wir alles schon gehabt. Deutschland sucht weiterhin die rote Linie.

Am 27. Juli 2000 explodierte am Bahnhof Düsseldorf Wehrhahn eine Rohrbombe. Unter den 10 lebensgefährlich verletzten Menschen waren sechs jüdisch. Kurze Zeit später gab es einen Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf. Dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte man den Appell vom »Aufstand der Anständigen« zurechtgelegt. Das wäre die Ausbaustufe von »Solidarität«. Der Brandanschlag wurde zügig aufgeklärt. Einer der Beschuldigten wurde sogar zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Und jetzt?

Es gab zahllose Vorfälle. In »meiner« Stadt Gelsenkirchen war die letzte Beschädigung der Synagoge in der letzten Woche. Wieder ein eingeworfenes Fenster.

Eingeworfene Fenster, Pöbeleien auf der Straße, in der Stadt gab es bereits das ganze Programm. Der Friedhof der Gemeinde ist nur noch mit einem Schlüssel zugänglich.

Dann gibt es die kleinen Geschichten und die Unsicherheiten: finden die Nachbarn dich einfach so unsympathisch, oder weil du Jude bist?

Glück gehabt – es ist normaler Rassismus. Weil du schwarze Haare hast und manchmal Russisch sprichst. »Das können sie ja bei sich im Land machen – WIR hier machen das anders«.

Wie hat die Stadtgesellschaft reagiert?
Der jüdische Leser wird es ahnen: Man spricht Solidarität aus. »Man meint ja uns alle damit« – wohl wissend, dass das nicht stimmt. Gemeint war tatsächlich nur eine Gruppe.

Die Gemeindevorsitzende verbreitet Optimismus. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Sonst kann man die Gemeinde gleich schließen. Immerhin gäbe es diese Solidarität und Leute, die sich melden.

Für die Solidarität kann man sich aber nichts kaufen. Solidarität, die »Normalität« herstellt gibt es nicht. Solidarität beschützt keine jüdischen Schüler in nichtjüdischen Schulen. Solidarität sorgt nicht dafür, dass Synagogen immer besser bewacht werden müssen. Jedenfalls nicht die Solidarität, die man hierzulande immer beschwört und die nur weitere Worte und Posten im politischen Betrieb hervorbringt und eine lange Kette von Unverbindlichkeiten.

Die SPD der Stadt hatte jedoch eine geniale Idee, wie man dem Antisemitismus begegnen kann: ein Programm gegen Rechts. Muss man noch dazu sagen, dass man nicht bekämpfen kann, was man nicht verstanden hat? Dass Antisemitismus mitnichten nur ein rechtes Phänomen ist? Dass die Israel-Boykotteure und »Juden ins Gas« Rufer (auch aus Gelsenkirchen) keine Anhänger rechter Gruppierungen sind?
Wir sprechen da über einen Querschnitt der Gesellschaft. Vielleicht sogar auch über das Mitglied des Stadtrats von Gelsenkirchen, das laut darüber nachdachte, ob vielleicht jemand, der die Herausgabe von Raubkunst fordert, diese vielleicht zu Geld machen will (Juden und Geld und so…). War natürlich alles nicht so gemeint.

Echte Verantwortung ist gefragt. Eine Träne bei Schindlers Liste abzudrücken, reicht nicht aus. Fototermin mit Vertretern einer Gemeinde. Kurz lächeln oder betroffenes Gesicht machen. Leben geht weiter. Sorry. Das ist nicht ausreichend.

Es wäre also gut, auch bei diesem Thema die innere Pickelhaube zu entdecken und das Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anzugehen. Was ist die rote Linie?
Alles andere hieße, dass man eigentlich keinen Bock auf seine »jüdischen Mitbürger« hat und sich mit der Solidarität nur Zeit verschafft.

Eines sei euch aber versichert: Selbst wenn die Synagoge eines Tages schließt, weil zu viele Juden nicht mehr in der Stadt leben (wollen): Das Klima bleibt vergiftet, die Gesellschaft bleibt beschädigt. Da nützen auch die schönsten Normen nichts mehr, wenn es niemanden gibt, der sie durchsetzen könnte.

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Zuckerberg und die Holocaustleugnung

»Warum macht eigentlich Mark Zuckerberg nix gegen Antisemitismus auf Facebook? Der ist doch selber Jude« könnte der einfältige Nutzer von Facebook sagen und damit liegt er falsch. Ja klar, Mark Zuckerberg ist Jude, aber in erster Linie ist er Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Facebook und als solcher daran interessiert, sein Unternehmen profitabel zu halten.

Das erreicht man nur, wenn die Plattform von vielen Menschen besucht wird, die viel Zeit dort verbringen. Deshalb werden sie ständig mit neuen Nachrichten gefüttert. Wer sagt, dass das immer angenehme Nachrichten sein sollen? Eine gute Nachricht lese ich, like sie und teile sie vielleicht. Andere sehen das möglicherweise. Das entscheidet ein Algorithmus.
Mehr Zeit verbrennen die Nutzer, wenn sie sich aufregen, den Post melden, sich vielleicht noch andere Beiträge der Gruppe oder des Nutzers durchlesen, den Beitrag anderen zusenden mit dem Ziel, den Beitrag ebenfalls zu melden, oder sich auch darüber aufzuregen. Das ist Aufmerksamkeitsökonomie.
Dazu kommt: Die Gruppen und Seiten, auf denen man sich mal richtig austoben und auskotzen kann, werden rege frequentiert. Warum also sollte man die entfernen?

Deshalb überrascht es wenig, dass Mark Zuckerberg nicht begeistert über die Löschung von Beiträgen ist, die den Holocaust leugnen. Jedenfalls kann man das einem Interview entnehmen, das Zuckerberg in diesen Tagen dem Technikblog recode gegeben hat.

»I’m Jewish, and there’s a set of people who deny that the Holocaust happened.
I find that deeply offensive. But at the end of the day, I don’t believe that our platform should take that down because I think there are things that different people get wrong.«

Später fügte er hinzu (weil das Feedback auf sein Interview wohl nicht nur positiv war):

»I personally find Holocaust denial deeply offensive, and I absolutely didn’t intend to defend the intent of people who deny that.«

Er fügt weiterhin hinzu:

I personally find Holocaust denial deeply offensive, and I absolutely didn’t intend to defend the intent of people who deny that.

Our goal with fake news is not to prevent anyone from saying something untrue — but to stop fake news and misinformation spreading across our services.

Er führt dann aus, dass man die Inhalte nicht löschen möchte. Sie werden anscheinend nur durch »gute« Inhalte überflügelt:

»These issues are very challenging but I believe that often the best way to fight offensive bad speech is with good speech.«

Man kann jetzt viel dazu sagen oder schreiben, aber eines sollte klar sein – auch Mark Zuckerberg, wenn er ein empathischer Mensch wäre: Die Leugnung des Holocausts ist nicht nur offensive (das Wort erscheint mir viel zu klein), sondern sie verfolgt konkrete Ziele. Zudem ist es unerheblich, ob er oder seine Mitarbeiter das für eine zulässige »Meinung« halten: In Deutschland ist die Leugnung des Holocaust strafbar – auch wenn das nicht immer so gehandhabt wird. Das gilt eigentlich für die gesamte europäische Union, aber auch für andere Länder wie Israel. Derartige Beiträge werden aktuell in Deutschland übrigens genau deshalb entfernt, aber eben nicht weltweit.

Zudem ist die Leugnung der Schoah keine »Meinung«. Die Schoah, der Holocaust, ist eine Tatsache. Dass die Addition von 1 und 1 das Ergebnis 2 hat, steht auch nicht zur Debatte. Die Leugnung dessen, ist keine historische »Debatte«, sondern verfolgt ausschließlich andere Ziele.

Zuckerbergs Einlassungen haben gezeigt, wenn man die »Meinungsfreiheit-Nebelkerzen« weglässt: Ob Facebook das nun unterstützt oder nicht, ist keine moralische Entscheidung, sondern eine rein ökonomische. Es geht darum, ob sich eine Entscheidung rechnet oder nicht.
Offenbar rechnet sich Antisemitismus aber.

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Bock auf Provokation oder Prosa?

Kajo Lang das ist ein Schriftsteller, dessen Namen einem nicht sofort etwas sagt. Dabei ist er Autor, Journalist, Drehbuchschreiber, Dichter und jemand, der Schreibworkshops anbietet.
Aber er ist dabei, das zu ändern. Nicht nur durch einen Artikel in der Wikipedia zu ihm (siehe hier), der anscheinend aus erster Hand, also von ihm selbst stammt. Das Pseudonym des Artikelerstellers lautet jedenfalls »kreatief« – was ganz gut zu seinem Workshop »kreatief & schreiben« passt – und dieses hat 2010 den Artikel angelegt (siehe hier).
Das könnte man als deutlichen Hinweis darauf werten, dass da jemand um »Sichtbarkeit« kämpft und bemüht ist, ein wenig Eigenwerbung zu machen. Was nichts verwerfliches ist. Als Künstler ist man zuweilen auf »Sichtbarkeit« angewiesen.

Auch das Buch »Die Blöße des Tschadors«, in dem jemand bei einem Scherenschnitt-Kurs eine Muslima mit »Tschador und Gesichtsschleier« kennenlernt und mit ihr auf eine sexuelle Entdeckungsreise geht, hat den großen Durchbruch noch nicht ganz gebracht – obwohl das Setting natürlich plausibel ist.

Eine vollkommen neue Followergruppe erschließt sich Kajo Lang nun mit seinem Gedicht »Wie hältst du’s mit dem Jud‘?« und das dürfte – zumindest für ihn – schon etwas vielversprechender sein. Oder es ist mehr als reine Provokation und ein Einblick ins Seelenleben des Dichters.
Da ist alles drin, was man als »Israelkritiker« benötigt:
Formulierungen wie »Schuldenstand des Holocausts«, »wie hältst du‘s aus im ewigen Schuldkäfig?« oder »bis alle Morde Israels dich freisprechen von etwas, was du nie getan?« (Zitate von hier).

Das Gedicht schließt damit ab, dass man über den »Juden«, hier aber in deutscher Tradition »Jud’« genannt, nichts sagen darf, außer zur eigenen »Schuldigkeit«.
Die Litanei, die sich offenbar als Auseinandersetzung mit »Israelkritik« versteht, die weder originell noch besonders neu ist, dürfte die Frage, wie Kajo Lang es mit »dem Jud’« hält, schnell beantworten.

Das Gedicht ist hier zu finden.

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Von Schabbat zu Schabbat mit der CDU

Irgendwie scheint ein gewisser Aktionismus ausgebrochen zu sein.

Denn jetzt ist (mal wieder) die Zeit der »Zeichen« gekommen. Solidarisierungsaktionen mit der »jüdischen Gemeinschaft« oder den »jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern« werden ausgerufen. Es ändert zwar nichts am Antisemitismus, aber man hat etwas gemacht und kann das von der Liste streichen.

Die CDU hat nun die Aktion »Von Schabbat zu Schabbat« ausgerufen:

Die CDU Deutschlands lädt ein zur Ak­tionswoche „Von Schabbat zu Schabbat“ – eine Aktionswoche für die Zugehörigkeit jüdischen Lebens in Deutschland und gegen Antisemitismus. Dabei werden Mitglieder des CDU-Bundesvorstandes Orte jüdischen Lebens besuchen. Sie werden auf jüdische Kultur in Deutschland aufmerksam machen, auf jüdische Feste und Traditionen. Von Schabbat zu Schabbat. Überall in unserem Land.
von hier

Auf der Seite der Aktion sieht eine kleine Bildergalerie dazu.
Sieben Bilder.
Ein Bild ist ein Link auf ein YouTube-Video mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie sagt, dass Antisemitismus eine starke Antwort des Staates erfordert. Ja, wäre schön.

Sie nennt die Woche, eine »Aktionswoche für die Zugehörigkeit jüdischen Lebens in Deutschland und gegen Antisemitismus«. Klingt für mich, wie die Feststellung von etwas, was eigentlich offensichtlich sein sollte. Jedenfalls ist noch keiner auf die Idee gekommen, eine Aktionswoche für das Oktoberfest zu veranstalten. Einfach, um zu unterstreichen, dass auch das zu Bayern und zu Deutschland gehört.

Drei Bilder zeigen Volker Bouffier in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und drei dokumentieren den Besuch der »Alten Synagoge Steinsfurt«, keinem Ort mit einer aktiven jüdischen Gemeinde. Das war ein Ort jüdischen Lebens. Der Besuch zeigt aber, wie jüdisches Leben in der Öffentlichkeit häufig wahrgenommen wird.

War es das? Politiker schütteln Hände?

Sind wir fair: Über die Staatsverträge wird jüdisches Leben finanziert und Sicherheitsstrukturen mitfinanziert. Sicherheitsstrukturen die man nicht bräuchte, wenn wir kein Problem mit Antisemitismus hätten.
Jüdisches Leben kann gut ausgestattet sein, wenn es aber nur in gut gesicherten Gemeindehäusern und sicheren Privatwohnungen stattfinden kann und man »draußen« nicht sicher ist, dann ist das kein gutes und offenes jüdisches Leben. Das kann man nicht kaufen. Das gibt es nur, wenn die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür stimmen.

Wenn auf der anderen Seite Jüdinnen und Juden weiterhin nur »Mit-Bürger« sind und keine Bürger, dann haben wir ein tiefgreifenderes Problem.

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Zwei Dokumentationen

Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?

Zwei Dokumentationen des WDR die zufällig kurz hintereinander veröffentlicht wurden und zufällig thematisch zusammengehören, denn das Thema des einen Videos zeigt die Auswirkungen auf das Thema des anderen.

Da wäre zunächst »Die dunkle Seite des deutschen Rap« (hier klicken, WDR). Die Doku zeigt, dass es Antisemitismus im deutschen Rap kein sehr neues Phänomen ist und weiter genährt wird – auch wenn die Protagonisten überzeugt sind (jedenfalls vor der Kamera), keine Antisemiten zu sein. Nur weil man meint, alle Juden seien reich? Nur weil man Jude für ein prima Schimpfwort hält? Umfassender hat sich bisher niemand damit auseinandergesetzt. Was nicht deutlich wird: Die Folgen auf viele jugendliche Hörer. Das sind diejenigen, die heute Schulhöfe in Höllen für jüdische Schüler verwandeln.

Womit wir bei der zweiten Doku sind:
»Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?« zeigt den Alltag von Michael Rubinstein, dem Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrhein und einiger Leute aus Düsseldorf. Die Dokumentation zeigt einen dialogbereiten Michael Rubinstein, jemanden der sich ehrlich bemüht, aber zuweilen vielleicht etwas zu optimistisch an die Geschichte herangeht. Nicht alle Probleme haben ihre Ursache darin, dass man Juden nicht kennen würde. Der Mörder von Mireille Knoll, jener Schoah-Überlebenden, die in Paris von ihrem Nachbarn getötet wurde, kannte sie seit seiner Kindheit. Aber das Bemühen ist bewundernswert. Der Dramaturgie der Doku ist vielleicht das seltsame Kippah-Experiment geschuldet, auf dass sich Rubinstein einlassen muss. Er soll mit einer Kippah durch Duisburg-Marxloh laufen und die Reaktionen der Passanten erfassen. Zum einen begleitet von der Kamera, zum anderen vom ehemaligen Vorsitzenden der örtlichen Ditib-Moschee. Es passiert – und das ist auch gut so – nichts. Niemand kann sagen oder vermuten, ob etwas ohne Kamera passiert wäre.

Zum Abschluss hier ein Track von SpongeBOZZ, jenem Rapper, der sich als jüdisch geoutet hat – nix für Leute, die etwas mit dem Wort Tzniut anfangen können. Alle anderen viel Spaß damit…

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Jetzt wird richtig aufgeräumt: Der Antisemitismus-Beauftragte

In dieser Woche wurde bekannt, dass die Regierung einen offiziellen Antisemitismus-Beauftragten nominiert hat. Felix Klein wird es werden, es soll aber hier gar nicht um die Person gehen. Es geht hier eher um die Stelle, die diese Person ausfüllen wird. Auf diese Stelle wird man verweisen, wenn es wieder antisemitische Übergriffe geben wird – und es wird wieder welche geben, daran besteht kein Zweifel.

Die Lösung für die Probleme?

Der Rechtsstaat verfügt über alle Instrumente, um seine Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen zu schützen und um ihnen die Religionsfreiheit zu garantieren. Es wird keine Verschärfung von Gesetzen geben müssen, denn die vorhandenen Gesetze müssten nur konsequent angewendet werden.
Die Probleme die wir haben, betreffen die gesamte Gesellschaft. Wenn »Jude« ein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen ist, dann sind Lehrerinnen und Lehrer gefordert, entschieden zu intervenieren und das nicht erst dann, wenn tatsächlich jüdische Schüler gemobbt werden. Und selbst in konkreten Mobbingfällen sieht entschiedenes Handeln häufig anders aus, als die Bitte, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Verleiht ein Antisemitismus-Beauftragter den Verantwortlichen die Einsicht, dass es hier nicht um Lächerlichkeiten geht?

Wird ein Antisemitismus-Beauftragter dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden auf der Straße nicht mehr angespuckt werden? Dafür, dass Passanten sich einmischen und eine rote Linie ziehen?

Der Gesellschaft sollte klar sein, dass ein Teil des heutigen Antisemitismus von einer jugendlichen Subkultur ausgeht, die sich zwar am Islam orientiert, aber nicht durch ihn gespeist wird. Die entsprechenden Player dieser Subkultur sind Rapper, Musiker und andere Multiplikatoren. Und wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Sie verleiht den entsprechenden Gestalten Preise.

Wir wissen alle, dass Empörung nicht ausreicht. Auch von Solidaritätsbekundungen sind Kinder in Schulen, Beter in Synagogen oder einfach nur Menschen zuhause nicht sicherer. Daran wird auch ein Beauftragter nichts ändern. Aber er wird das Gewissen beruhigen. Man hat »etwas« unternommen. Nun kann auf jemanden gezeigt werden, wenn man sich fragt, warum es diesen oder jenen Vorfall gab.
Was ist das für ein Zeugnis, dass sich der Staat ausstellt, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht mehr durchgesetzt werden können, um es zu ermöglichen, als Jude in Deutschland zu leben?
Benötigt man erst einen Mittelsmann, der zum Handeln auffordern soll?

Es wird auch in Zukunft nicht ausreichen, alle Vorfälle einfach nur zu erfassen und daraus eine pädagogische Handreichung zu erstellen. Es wird wohl oder übel so weit kommen müssen, dass man sich aus der Komfortzone wagt und die Mittel anwendet, über die man bereits verfügt: Verfolgen von Anzeigen, anschließender Schutz der Opfer, zivilrechtliche Verfahren gegen die Eltern minderjähriger Mobber und Gewalttäter.
Es kann sicher auch nicht schaden, eine klare Haltung einzunehmen. Es reicht nicht aus, diese nicht nur zu dokumentieren, sondern auch in Taten zu verwirklichen. Dies dem Antisemitismus-Beauftragten zu überlassen, wird keines der aktuellen Probleme lösen.

Und als habe man das unterstreichen wollen, gab es gleich die folgenden Tweets:

Die CSU gratuliert zur Wahl eines Kandidaten, der mit antisemitischen Untertönen Wahlkampf betrieben hat…

… und der Innenminister, der von der gratulierenden Partei gestellt wird, stellt wenig später über twitter den Antisemitismus-Beauftragten vor. Interessant an dem Tweet ist natürlich der Inhalt, aber insbesondere die Tatsache, wie wenig Mühe man sich mit dem Bild gegeben hat:

Ja, bereits im Januar habe mich dazu geäußert, siehe hier.