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Nachgetreten – 115 Sekunden – der SPIEGEL zu Gil Ofarim

Der SPIEGEL 115 Sekunden

Der SPIEGEL hat Ende März (hier online, Print Heft 14/2022 vom 31.03.2022) den Fall Gil Ofarim nachgezeichnet. Gil Ofarim erzählte in einem Instagram-Video davon, in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Das erzeugte eine Welle der Solidarität, aber auch offene antisemitische Kommentare in den sozialen Medien. Zu erwähnen, dass es absurd ist, auf Antisemitismus-Vorwürfe mit Antisemitismus zu reagieren, ist eigentlich überflüssig. Die SPIEGEL-Autoren Jörg Diehl, Peter Maxwill und Steffen Winter beschreiben in ihrem Artikel eben jene 115 Sekunden, in denen der Vorfall, den Gil Ofarim auf Instagram beschrieb, stattgefunden haben soll. Nach Lektüre des Artikels hält man es für denkbar, dass es sich anders abgespielt haben mag. Weniger bekannte Menschen als Gil Ofarim halten sich für wichtige Persönlichkeiten mit einem Anspruch auf Vorzug. Doch verblüffend an dem Artikel ist, dass er sich anscheinend in einem leeren Diskursraum entfaltet und das Problem Antisemitismus überhaupt nicht als solches erkennt – auch wenn er Gil Ofarim in dieser Situation wahrscheinlich nicht begegnet ist. Nicht nur Jüdinnen und Juden haben das Video geteilt, aber sie haben online von ähnlichen Situationen berichtet:
Die Situation, die Gil Ofarim in seinem Instagram-Video geschildert hat, kennen viele Jüdinnen und Juden in schwächerer Ausprägung aus Deutschland durchaus – jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar sind, sei es durch eine Kette mit Davidstern, oder durch die Kippah. Die verbale Ablehnung ist offener geworden und auch physische Angriffe sind nicht selten geworden.
Auch aus diesem Grund haben viele Leute aus der Community den Vorfall durchaus als glaubhaft betrachtet. Die einhellige Meinung war »nun hat es jemanden mit Reichweite erwischt«. Dass dieser Aspekt vollkommen ausgeblendet wurde, ist ein wesentlicher Schwachpunkt des Artikels, denn er erklärt die Dynamik nicht. Formal kann man natürlich argumentieren, es sei ausschließlich um die 115 Sekunden gegangen.
Die Einbeziehung jüdischer Ansprechpartner hätte dieser Sichtweise vielleicht etwas entgegengesetzt. Die Reaktion von Politikern (auf den mutmaßlichen Vorfall) in den sozialen Netzwerken wurde deshalb von einigen Jüdinnen und Juden auch mit gemischten wahrgenommen: Warum wird hier gesagt, man möchte nicht in einem Land leben, in dem so etwas möglich sei – aber bei anderen Vorfällen nicht. Derer gab es 2020 und 2021 ja genug.

Auseinandersetzung Mit existierendem Antisemitismus?

Hätte man das Gespräch oder die Auseinandersetzung mit dem existierenden Antisemitismus gesucht, hätte das Autorenteam vielleicht den folgenden Satz vermieden: »Wie kann es sein, dass von all den Zeugen in der Lobby niemand einen antisemitischen Ausruf bemerkt?«
Für jüdische Ohren kann das wie Hohn klingen. Denn das fragen sich Opfer von (tatsächlichem) Antisemitismus »draußen« auch häufig – in der Straßenbahn, auf der Straße oder irgendwo anders in diesem Land. Wie kann es sein, dass es so häufig toleriert oder nicht als Antisemitismus erkannt wird? Wie kann das sein, dass antisemitische Sätze im Fernsehen gesagt werden können und es erst Monate später jemandem auffällt? Oder dass jemand einen antisemitischen Artikel in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlicht und es niemand bemerkt?
Diese Frage der Autoren ist also kein Maßstab für Glaubwürdigkeit und zeigt eine erstaunliche Sorglosigkeit.
Die Recherche war (vermutlich) technisch einwandfrei, aber an Empathie für das Thema wurde leider etwas gespart.

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Florian Schroeder, Lisa Lasselsberger und das »Opferticket von Juden«

Der beliebte Kabarettist Florian Schroeder amüsierte sich am 27. Januar anscheinend über Antisemitismus-Vorwürfe gegen seine Kolleginnen Lisa Fitz und Lisa Lasselsberger. Diese Haltung ist natürlich nicht hilfreich, um gegen Antisemitismus etwa zu tun. Den gesamten Kommentar findet man in der Jüdischen Allgemeinen:

Meinung: Florian Schroeder, Lisa Eckhart und das »Opferticket von Juden«

Ist es Zufall, dass auch sein Kollege Serdar Somuncu, mit dem Florian Schroeder für den RBB einen gemeinsamen Podcast produziert, mit seltsamen Thesen zur Corona-Politik aufgefallen ist? Jener Somuncu, der 2018 über Oliver Polak schrieb: »Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb«?

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Kirche mit Kardinalproblem

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Richter am höchsten Gericht des Vatikans, hat in letzter Zeit, sagen wir mal, seltsame Ansichten in die Welt gesetzt. »Finanzkräftigen Eliten« spielten da eine Rolle. Dass dieses Problem nicht nur sein eigenes ist, habe ich für die Jüdische Allgemeine aufgeschrieben. Den Volltext gibt es hier:

Die Kirche hat ein Kardinalproblem – Jüdische Allgemeine

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Wieder Gelsenkirchen

Weniger als einen Monat nach dem kleinen Pogromversuch von Gelsenkirchen, hat es in Gelsenkirchen wieder eine Einrichtung der Gemeinde getroffen: Das Fenster der Trauerhalle des Gemeindefriedhofs wurde beschädigt. Eine übersichtliche Pressemeldung der Polizei klärte jetzt darüber auf (hier zu finden). Dabei ist der Friedhof, ja offensichtlich aus guten Gründen, nur noch mit einem Schlüssel zugänglich und liegt nicht zentral in der Stadt. Er ist also kein Ziel, an dem zufällig vorbeischlendert und im Affekt handelt.

Einer der älteren Grabsteine auf dem Friedhof der Gemeinde.

Heute ist er übrigens etwas weniger versteckt als früher. Doch der Reihe nach: Der Friedhof war lange über einen christlichen Friedhof direkt zugänglich oder über eine kleine Zufahrt. Die Zufahrt hat ein verschließbares Tor und ist recht lang. Dafür muss man nicht über den christlichen Friedhof laufen. Der Zugang von Friedhof zu Friedhof wurde dann in den letzten Jahren geschlossen und mit einem Zaun und einer Hecke ersetzt. Natürlich wäre es toll, wenn jeder Mensch sich das anschauen könnte, aber Zugänglichkeit hat ihren Preis – wie jetzt gerade bewiesen wurde. Einige Zeit schien auch jemand im überdachten Eingangsbereich der Trauerhalle zu übernachten. Klar. Abgelegenheit bedeutet auch, dass man ungestört ist. Direkte Nachbarn sind der andere Friedhof und ein Gebiet mit kleinen Autowerkstätten und Verschrottern. Flankiert wird der Friedhof von einem Bereich, der früher die Trasse der Rheinischen Eisenbahn war. Das Gebiet war dicht bewachsen. Doch heute ist die Trasse ausgebaut zu einem Spazier- und Radweg. Dieser liegt nun etwas über dem Friedhof und gestattet nun einen perfekten Blick auf das, was sich dort abspielt. Spaziergänger können sich also heute mit einer zooartiger Faszination anschauen, was dort unten passiert. So war es jedenfalls bei meinem letzten Besuch dort. Die topographische Distanz suggeriert physische Distanz und sorgt eher für ein Gaffen, statt für ein freundliches »zur Kenntnis nehmen«. Es ist also kein geschützter Bereich mehr – zumindest in Bezug auf die Privatsphäre.

Soll ich nun tatsächlich floskelhaft fragen, was wohl die Reaktionen auf die Sachbeschädigung sein werden? Das lassen wir lieber. Alle kennen die Antwort.

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Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen hat es am 12. Mai zu einer Meldung in der Presse gebracht: Mit einer antisemitischen Demonstration – die anscheinend Demonstration geblieben ist, weil die Polizei den Zug vor der Synagoge gestoppt hat.

Gelsenkirchen ist übrigens die Stadt, in der die Linkspartei 2019 eine, sehr harmlose, Erklärung gegen Antisemitismus nicht unterzeichnen wollte (siehe hier) – aber dann am Sonntag nach dem 12. Mai mit gegen Antisemitismus demonstriert hat. Bei der Demo waren übrigens Fahnen Israels nicht erwünscht.

In der letzten Woche haben sich dann der Journalist Eren Güvercin (mit dem wir im Januar eine Podcastfolge der »Dauernörgler« zur jüdisch-muslimischen Komplizenschaft aufgezeichnet haben, hier zu finden) und meine Wenigkeit über die lokalen Ereignissein einem »öffentlichem« Gespräch bei Instagram ausgetauscht: »Wir müssen reden! Eine jüdisch-muslimische Reflexion über die letzten Tage«. Das Gespräch kann man sich hier anhören (und anschauen):

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So nah – fast schon Freunde

Ach, siehe da. Antisemitismus eint die katholische und die evangelische Kirche.
Ist das nicht ein schöner, polemischer, Beginn?
Jetzt nehmen wir ein wenig Hitze raus und schreiben, um was es geht. Beide Kirchen wollen etwas gegen Antisemitismus tun. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass man nun zum Mittel des Plakats greift. Eine Kampagne soll sich insbesondere an Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen wenden und hier diejenigen abholen, die innerhalb der Gemeinden antisemitisch denken – das soll es ja auch geben.

Jüdisches und fremdes

Es steht im Allgemeinen bei Wohlmeinenden die Vermutung im Raum, dass »jüdisches« fremd ist oder einigen Leuten »fremd« vorkommt. Um dem zu begegnen, will man diesen Eindruck abbauen. Judentum soll nicht länger etwas fremdes sein.
Das ist nicht zu verwechseln mit den Initiativen , die Berührungsängste abbauen wollen und Begegnungen ermöglichen. Die (jüdische) Initiative Meet a Jew soll dabei helfen, dass auch jüngere Leute mal einen jüdischen Gesprächspartner erleben und vielleicht etwas länger überlegen, bevor sie etwas nachplappern. Andere machen kleinere Filme, bauen Instagram-Profile auf und zeigen, was Jüdinnen und Juden so machen. Diese Aktionen sind Bausteine eines größeren Konzepts. Ausschließlich darauf zu setzen, könnte in die falsche Richtung weisen. Denn wir wissen: Auch Leute, die tatsächlich Jüdinnen und Juden kennen, können Antisemiten sein. Antisemitismus ist nicht immer nur ein Mangel von Information. Nie war es übrigens einfacher als heute, sich zu informieren. Jüdinnen und Juden haben Jahrhunderte neben ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt, die deutschen Juden galten kurz vor der Schoah als »assimiliert« und dennoch war es nur ein kleiner Schritt, sie wieder auszugrenzen. Aber wir schweifen ab.

Was wäre also der nächste Move? Nehmen wir den Menschen die Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder machen wir das Fremde weniger fremd?Die Kirchen haben sich, anscheinend jedenfalls, für die letzte Option entschieden und das hat Konsequenzen. Wenn man die zu tragen bereit ist: Alles gut.

Plakatmotiv Sukkot
Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es sollen, wie man oben am Motiv zu Sukkot sehen kann, Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Der Claim lautet

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Das offensichtlichste ist: Die Feste sind nicht vergleichbar. Na klar, man kann eine Botschaft extrahieren und diese dann betonen, es bleibt aber der Eindruck hängen, Sukkot sei »das jüdische Erntedankfest«, so wie Pessach häufig als das »jüdische Ostern« beschrieben wird.

Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Um interkulturelle Kompetenz zu stärken, ist das genau der falsche Schritt. Zu »lernen« etwas in sein eigenes System von Schubladen zu quetschen, dürfte nicht sehr tragfähig sein. Letztendlich wird hier die eigene Normativität unterstrichen: Schmuel Normaljude feiert ähnliche Feste wie ich – also ist er fast wie ich oder meine Gruppe – also ist er gut.
Wäre er anders als ich, wäre er also schlecht?
Von der »Dignity of Difference« von der Rabbiner Lord Jonathan Sacks (seligen Angedenkens) so häufig schrieb und sprach, bleibt hier nichts mehr.
Es ist doch das zentrale Problem derzeit, dass »Anderssein« nicht ertragen werden kann und nicht ertragen werden will. Das zu erlernen, ist aber schmerzhaft und diesen Schmerz will niemand so recht auslösen.

Antisemitismus oder Antijudaismus?

Noch etwas: Die Kampagne zielt auf »Religion« ab und das beschreibt das Judentum nur sehr unzureichend. Judentum ist nicht nur »Religion« und Antisemitismus ist nicht nur Antijudaismus. Antisemitismus kommt sogar ohne Juden aus. Er bezieht sich auf etwas, das man für jüdisch hält und für jüdisch erklärt, wenn man Antisemit ist.

Im Augenblick könnte dies der Einstieg in einen Diskurs sein. Der polemische Auftakt zu diesem Artikel hat vielleicht gewirkt und ein oder zwei Leser weiterlesen lassen. Vielleicht eingängiger als ein rundherum freundlicher Auftakt. Vielleicht könnte man auch hier ein wenig mutiger sein und nicht nur kuschelig. Wenn alle es gut finden und nicht aneckt, wird es vielleicht keine Emotionen auslösen und deshalb niemanden so richtig berühren.

Alle Plakate kann man sich hier anschauen.
Pressemitteilungen der Kirchen zur Aktion.

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Rezension: Antisemitismus in der Sprache

Ronen Steinkes Buch kommt offenbar genau zur richtigen Zeit. Es beginnt (ja, jetzt erst) eine gewisse Sensibilisierung für den Sprachgebrauch. Das hat natürlich auch mit Debatten zu tun, die in erster Linie nichts mit dem Judentum zu tun haben. Man hat begonnen sich zu fragen, welche Begriffe man »noch verwenden darf«, jedenfalls dann, wenn die Autorin oder Autor gruppenbezogene Beleidigungen gerne vermeiden möchte.
»Draußen« herrscht dementsprechend eine regelrechte Orientierungs- oder Hilflosigkeit, wenn es um jüdische Themen geht. Darf man »Jude« schreiben? Sind es israelische, israelitische oder jüdische Kultusgemeinden? Was sagt wer zu wem? Warum ist es seltsam, wenn man jemanden ein frohes »Passahfest« wünscht?

Mit seinem Essay reicht Ronen Steinke all denen die Hand, die hilflos durch die Gegend irren. Dementsprechend begeistert reagierte die Öffentlichkeit, auch die jüdische, auf den Text. Ein Essay ist es, weil der Text nicht wirklich umfangreich ist. Der Text ist recht übersichtlich. 

Eine gute Systematisierung

Ronen Steinke ist es gelungen, den gesamten Themenkomplex »Antisemitismus in der Sprache« in überschaubare Bausteine zu unterteilen. Wortkombinationen etwa. Das Wort Jude sollte eigentlich neutral oder normal verwendbar sein, aber in der Kombination mit Mädchen, also Judenmädchen, dann haben wir schnell etwas mit einer negativen Konnotation.

Es gibt auch den Komplex »Eindeutschungen« in dem es um Wörter wie »Sabbat« oder »Passah« geht. Hier offenbart sich aber eine Schwäche von Steinkes Argumentation: Sie beleuchtet den heutigen Gebrauch und öffnet einige historische Rückblicke, aber das alles begegnet uns auf einer emotionalen Ebene und nicht immer auf einer Sachebene – die zudem auch (nicht ausschließlich) benötigt wird. Es geht also eher darum, wie einige (von vielen) etwas wahrnehmen (mit ausführlichem Namedropping, von ihm geschätzter, jüdischer Autorinnen und Autoren), als weniger darum, woher welcher Begriff stammt und wie wir damit vielleicht in Zukunft umgehen könnten. Damit kein Missverständnis entsteht: Beides zusammen macht die Geschichte rund.

Im Kapitel »Sabbat« erfahren wir zwar, dass deutsche Ortsnamen für Städte außerhalb des deutschen Sprachgebiets mitunter verwendet wurden, um einen politischen Herrschaftsanspruch zu markieren – aber das war natürlich nicht ausschließlich der Fall. Mitunter hat es einfach mit Sprachgeschichte zu tun. Da kann es sein, dass der Name der Stadt es vom Lateinischen in die jeweilige Landessprache anders geschafft hat, als im Nachbarland. Anders natürlich bei Königsberg. Natürlich hieß die Stadt früher so, aber heute heißt sie Kaliningrad. Nur wenige nennen Chemnitz heute noch Karl-Marx-Stadt. Natürlich soll darüber etwas ausgedrückt werden. Da wäre es interessant gewesen zu erfahren, warum der Schabbat in Deutschland uns häufig als Sabbat begegnet. War es vielleicht Luther, der die lateinischen oder griechischen Begriffe für seine Übersetzungen verwendet hat? Tatsächlich stammt die Übertragung aus der Septuaginta. Die hat sabbaton. Jedenfalls liegt der Ursprung in einer christlichen Übertragung der Wörter in einer zurückliegenden Zeit. Luther war übrigens, anders als man uns das heute gerne glauben lassen würde, kein besonders guter Kenner der hebräischen Sprache. Und warum ist es in Deutschland problematischer Sabbat zu verwenden, als im Englischen »Sabbath«? So steht es auf den Bänden des charedischen Artscroll-Verlages.
Hier wäre eine Differenzierung hilfreich gewesen. Es gibt vielleicht doch einen Unterschied in der Kommunikation über das Judentum zwischen Deutschland, oder dem deutschen Sprachraum und der englischsprachigen Welt? Dort gibt es natürlich die Kommunikation untereinander und die Kommunikation mit der Welt außerhalb der jüdischen Welt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Kapitel über Identitäten. Herkunft oder »Glaube«? Glaube in Anführungszeichen, weil der Begriff der Religion auf das Judentum nicht so einfach anwendbar ist, oder gar nicht anwendbar ist, denn der Begriff selber ist ein christlicher und spiegelt dementsprechend auch christliches Selbstverständnis wider. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln ist essentiell, wenn man sich für das Miteinander interessiert.

Das »Pflichtprogramm« des Buches ist für jede Person wichtig, die sich sprachliche Strukturen vor Augen führen möchte. Natürlich ist der Begriff »Altes Testament« nicht richtig, wenn man mit Jüdinnen und Juden ins Gespräch einsteigt. Auch das Thema »Auge um Auge« wird kurz gestreift. Aber der Themenkomplex »alttestamentarisch«, der immer und immer wieder auch in großen Medien bemüht wird, wird leider ausgespart. Die altbekannten Formen der Metonymie werden nur kurz angerissen, wären aber für schreibende Leserinnen und Leser eine wichtige Handreichung gewesen. Also: »Ostküsten-Kapitalisten«, oder »Hochfinanz«. Das könnte auch weniger sensiblen Leserinnen und Lesern dabei helfen, aktuelle Memes zu entschlüsseln.

Fazit

Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit! Und vielleicht die Grundlage für eine etwas ausführlichere Handreichung mit konkreten Handlungsempfehlungen für eine Sprache, die nicht ausgrenzt. Die Bestandsaufnahme haben wir jetzt vorliegen.

Ronen Steinke
Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt.
Duden Verlag 2020
55 Seiten
Preis: 8 Euro in DE, 8,30 Euro in AT

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Reaktionen auf Antisemitismus-Bingo

Der Anschlag von Halle jährte sich fast gerade und nun kam in Hamburg ein weiterer Übergriff auf einen Synagogenbesucher hinzu. Die Herausforderung für die Politik war dementsprechend groß: Wie würde man adäquat darauf reagieren? Die Herausforderung lautete: Darauf reagieren ohne die Phrasen »ein Angriff auf uns alle«, »wehret den Anfängen«, »… darf nicht toleriert werden« zu verwenden. Dieses Mal war eigentlich etwas konkretes gefordert. Leider war es dieses Mal wieder Phrasenzeit. Phrasen, die eigentlich hinlänglich bekannt sein sollten – sollte man meinen. Also Jüdinnen und Juden kennen sie. Deshalb wird es Zeit für eine vereinfachte Version von Bingo (Spielplan kann man sich unten herunterladen).

Jüdinnen und Juden können dieses Bingo spielen, indem sie die auftauchenden Phrasen markieren. Natürlich sind sie im Vorteil, sie haben das alles schon sehr oft gehört. Die Regeln sind gelockert. Wer vier Kästchen markiert, hat verloren und kann sicher sein: Hier wird konkret überhaupt nichts passieren. »Ein Angriff auf uns alle…« hat den Status »Ultraabgegriffen« und zählt doppelt.

Politikerinnen und Politiker können dieses Bingo spielen, indem sie schauen, welche Phrase in ihrer Rede auftaucht. Hat man einen Treffer, dann wird dringend empfohlen, entweder ehrlich zu sagen: »Ich weiß jetzt auch nicht weiter« oder lieber etwas konkretes zu tun. Wenn das nicht geht: Warten, bis einem etwas einfällt.

Zu Hamburg noch ein Satz

Für Hamburg wurde im Februar 2017 eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle gefordert. Die CDU forderte »Juden müssen sich hier sicher fühlen«. Dafür sollte natürlich auch ein wenig Geld in die Hand genommen werden. Wenn die Gesamtgesellschaft ihre Verantwortung ernst nimmt, dann wäre es von der Forderung nach einer solchen Meldestelle ein kurzer Weg zur Umsetzung. In Hamburg war es jedoch nicht so. Dort beriet sich der Sozialausschuss und der Plan wurde nicht zur Umsetzung angenommen. Mit den Stimmen von SPD und Grünen. Die beiden (in Hamburg) damals regierenden Parteien waren der Meinung, eine »Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« reiche aus. Dabei hat die einen anderen Fokus als der Vorschlag der CDU Hamburg (siehe Post von 2017 dazu: Gegen Antisemitismus? Ach nö Digga).

Update

Über Twitter (Danke @SexyKroellwitz) gab es noch eine Ergänzungen:
»…ist ein Weckruf…«, »…war ein Alarmzeichen…«, »… in unserer Stadt ist für Antisemitismus kein Platz…« und »…Versöhnung…«. Diese Punkte sind in Version 2 eingegangen. Die gibt es unten ebenfalls zum Download_

Bingo herunterladen? Kann man hier:

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Die Lehre aus Halle?

Was könnte die Lehre aus dem Anschlag auf die Synagoge in Halle sein?
Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff scheint da seine eigene Theorie zu haben.
Christina Feist, die während des Anschlags in der Synagoge von Halle war, hat auf Twitter vom diesjährigen Jom Kippur in der Synagoge von Halle berichtet (hier). Den »Thread« sollte man sich durchlesen, denn er ist nahezu exemplarisch für den Umgang mit lebendigem jüdischen Leben in Deutschland.
Nachdem die Delegation um den Ministerpräsidenten in das laufende Gebet geplatzt war und es deshalb unterbrochen werden musste, sagte dieser in einer kurzen Ansprache:

»Was letztes Jahr geschah, wäre nicht passiert, wenn es mehr Versöhnung gäbe.«

Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff an Jom Kippur in der Synagoge von Halle Tweet von Christina Feist

Es wäre also an der Zeit, dass Jüdinnen und Juden endlich mal mit den »Deutschen« versöhnen?
Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass anschließend (laut Tweet) ein christlicher Vertreter eine Ansprache gehalten hat und den Torahabschnitt von Jom Kippur ausgelegt hat.
Wer also erfahren möchte, dass es eventuell mit der Haltung der Mehrheitsgesellschaft ein Problem gibt, der sollte sich den Thread durchlesen hier (zusammengefasst auf einer Seite).
Man möchte fast Mitleid mit denen haben, die über den Besuch in der Synagoge berichten wollten. Das wären tolle Bilder gewesen. Jüdische Beter, festlich gekleidet, festliche Atmosphäre und in der Mitte der Landesvater, der zu den lieben jüdischen Mitbürgern spricht. Ach nein. Doch kein Mitleid. Jüdinnen und Juden sind keine Dienstleister.