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Unfassbare Bilder der Pogromnacht

In der Synagoge (Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Bei Twitter wurden zum 9. November unfassbare Bilder der Pogromnacht gepostet. Ein »Blick hinter die Kulissen« der Vorgänge um die Zerstörung der Synagoge, der Plünderung und Demütigung von jüdischen Familien in der Stadt. Es könnte die Synagoge von Fürth sein. Die Bilder stammen von einem Fotografen aus Nürnberg.

Grinsende Männer plündern eine Wohnung (in Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Elisheva Avital hat Bilder veröffentlicht, die irgendwie in den Besitz ihres Großvaters gelangten. Vieles daran ist verstörend. Ich fand das Grinsen aller Beteiligten widerwärtig. Derzeit machen die Bilder auch bei facebook die Runde.

Da möglichst viele Menschen diese Bilder sehen sollten, gebe ich hier die Tweets wieder bzw. weiter:

Die Synagoge

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Jüdischer Alltag in Deutschland – ungeschönt

Die Mahn- und Versöhnungsreden vom vergangenen Sonntag hallen noch nach, da wird das Echo durch Sergey Lagodinsky geschluckt und die hässlichen Fakten auf den Tisch gepackt.

Kanzlerin Dr. Angela Merkel betonte in ihrem Video-Podcast dass der 9. November ein Tag des Gedenkens sei, der dazu verpflichtet, die Zukunft verantwortlich zu gestalten. Bei den Synagogeneröffnungen, denen ich in der letzten Zeit beiwohnen durfte, wurde häufig betont, wie sicher Deutschland für Juden sei und was für eine Auszeichnung, dass man heute wieder jüdisches Leben in Deutschland sehen könne. Darüber, wie dieses Leben aussieht, gibt es verschiedene – häufig sehr romantisierte (siehe auch hier) – Vorstellungen und da kommt Sergey Lagodinsky ins Spiel. Er versucht zu erklären, wie die Realität aussieht.

Der deutschen Öffentlichkeit ist dieser Alltag weitgehend unbekannt, für die deutsch-jüdischen Funktionäre ist er weitgehend uninteressant und bisweilen etwas peinlich. Seit 1989 hat Deutschland sich neue Juden aus der Sowjetunion geholt und sich seitdem entspannt zurückgelehnt: Sie werden es schon selbst regeln, heißt es in der Politik, die sich auf der Garantie von Hartz IV und sozialer Grundsicherung für Zuwanderer ausruht und die Aufgaben der sozialen Integration an die jüdischen Gemeinden überträgt, die dafür weder qualifiziert noch geschaffen sind. von hier

und weiter heisst es:
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Ein Projekt zum Novemberpogrom

Kristallsplitter

Der Jüdische Kulturverein Kinor aus Gelsenkirchen macht derzeit ein Projekt bekannt, dass durch den Weltkongress russischsprachiger Juden initiiert worden ist. Es wurden etwa 10.000 Abzeichen vorbereitet, die sogenannten Kristallsplitter. Diese haben die Form eines Davidsterns und tragen die Aufschrift Nie wieder! in den Sprachen der Teilnehmerländer. Sie sollen am 9. November 2008 als Erinnerung und Mahnung getragen werden. Laut Aussage des Weltkongresses soll die Aktion in den USA, Großbritannien, Italien, Tschechien, Polen, Bulgarien, Lettland, Estland, Rumänien, Österreich und Deutschland durchgeführt werden.

Es wäre für uns eine große Ehre, wenn Sie an unserer Aktion teilnehmen würden. Es erscheint uns einer Geste von größtem symbolischen Wert, wenn gerade in Deutschland an jenem Tage soviel Menschen wie möglich diese Abzeichen für kurze Zeit tragen werden, deshalb rechnen wir mit Ihrer Unterstützung.

heißt es in einem Begleitschreiben des Kongresses.

In Deutschland übernimmt unter anderem der Jüdische Kulturverein die Verteilung der Kristallsplitter. Kontakt per Mail über Frau Gubenko.

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Zores um den 9.November

PogromnachtIn der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden 30000 jüdische Menschen inhaftiert, zwischen dem 7. und 13. November auch etwa 400 Menschen ermordet. In besagter Nacht wurden 1.406 Synagogen und Bethäuser vollständig zerstört, die Ritualgegenstände teilweise geraubt und von einigen Orten wissen wir, dass dort Torahrollen auf der Straße ausgerollt worden sind und geschändet wurden. Die Erinnerung an diese Reichspogromnacht ist heute wichtiger Teil des demokratischen Diskurses und in den Orten, in denen es heute noch oder wieder jüdische Gemeinden gibt, wird auch gemeinsam daran erinnert. Dieses Jahr allerdings vielerorten am Abend des 10. November weil am Abend des 9. November der Schabbat beginnt um man bekannterweise am Schabbat nicht trauern darf und auch nicht auf den Friedhof geht (wie es hier beispielsweise gemacht wird). In Essen allerdings stellt sich das Bild etwas anders dar, nachdem eine Angestellte der Stadt Essen eine antisemitische Hetzschrift in einer Auflage von 600 Exemplaren zusammen mit einer Integrationszeitschrift über den Verteiler der Stadt verbreitete und die Stadt Essen keine exemplarischen Maßnahmen einleitete (wie sie doch häufig von den Rednern gerade am 9. November gefordert werden). Anlass des Flugblatts war der Libanonkrieg im vergangenen Jahr zu dem die (aus dem Libanon stammende) Mitarbeiterin der Integrationsstelle Stellung beziehen wollte und unter anderem dies hier schrieb:

Cana ist der heilige Ort, wo Jesus Christus eine Seiner ersten Wunder geschaffen hat als Er das Wasser in Wein verwandelte. Genau da, in Cana, begeht Israel ihre Massaker. Ist das von den Israelis Überhaupt unerwartet? Sind sie nicht diejenigen, die Jesus Christus gekreuzigt haben??

Also kein reines antiisraelisches Pamphlet sondern tatsächlicher Antisemitismus von der mittelalterlichen Sorte. Nach einigem Hin- und Her – die Verfasserin wurde einige Male versetzt und arbeitet nun scheinbar wieder für die Integrationsstelle – passierte also nichts substantielles und das veranlasste die jüdische Gemeinde der Stadt nun, den Gedenkveranstaltungen fern zu bleiben (siehe hier). Kurz vor dem 9. November wurde dann Stephan Kramer zur Streitschlichtung eingeladen und ein Kompromiss wurde erzielt:

Der zwischen Kramer und dem OB unter vier Augen ausgehandelte Kompromiss sieht vor: Es bleibt bei den getrennten Veranstaltungen am 10. November. Doch der Oberbürgermeister wird als Gast an der Gedenkfeier der Jüdischen Kultusgemeinde in der neuen Synagoge teilnehmen, im Gegenzug besucht der Gemeindevorsitzende Jewgenij Budnizkij die städtische Veranstaltung in der Alten Synagoge. Es ist Symbolik unter Zeitdruck: Wenn um 19.30 Uhr die eine Feier endet, soll die andere eigentlich schon beginnen. Aber besser Stress als Streit. Menschen guten Willens sollten sich nicht auseinanderdividieren lassen, sagt Reiniger, und Stephan Kramer wertet das Ergebnis als ersten Schritt, die Vertrauenskrise zu beenden und den Konflikt endgültig beizulegen. von hier

Das bedeutet zunächst, man geht dem Konflikt aus dem Wege, bzw. vertagt die Lösung des echten Problems. Die Welt berichtete bereits im September letzten Jahres von der unzureichenden Lösung der Stadt:

Keiner kann die Tat verstehen. Auch RAA-Leiter Helmuth Schweitzer gerät in Erklärungsnot und betont, Khalil leiste hervorragende Integrationsarbeit. Die Fraktionen verurteilen die Schrift, halten Khalil persönlich aber für nicht gefährlich. Auch Oberbürgermeister Reiniger würdigt intern ihre Arbeit. Sie erhält eine Abmahnung, distanziert sich von ihrem Schreiben und bittet um eine neue Aufgabe. von hier

Das man prinzipiell gegen den Antisemitismus vorgehen müsse, scheint auch klar zu sein, es wird dann gleich ein aber nachgeschoben. So sagte der Oberbürgermeister der Stadt Essen im letzten Jahr auf der Gedenkveranstaltung einen solchen Ja-Aber-Satz:

In unserer Gesellschaft darf es keinen Raum für jegliche Form von Antisemitismus geben.
Das gilt für alle. Wir müssen das deshalb auch den Menschen, die als Migrantinnen oder
Migranten, zumal aus dem muslimischen Kulturkreis, zu uns gekommen sind, sehr deutlich sagen und klar machen. Aus gegebenem Anlass habe ich in diesem Jahr auch beim Fastenbrechen im Ramadan wiederholt unsere Entschlossenheit unterstrichen, jeglicher Form von Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.
Entschieden entgegenzutreten heißt zugleich: Individuelles Fehlverhalten zu ahnden. Aber, auch das ist hinzuzufügen: Die Ahndung kann nur nach sorgfältiger Abwägung der Gesamtumstände und unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erfolgen. Zitiert von hier

Das ist gar nicht ungeschickt, weil der Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft in den Bereich der Migranten verlegt wird und sich das Muster Wir und die Anderen verfestigen kann. Am Thema selbst geht das vorbei, denn das ganze spielte sich ja nicht in einer Wohnung von Familie XY ab, sondern in einem städtischen Büro und verteilt wurden die Pamphlete über den Postverteiler der Stadt. Nach einem Zeichen zum 9. November sieht das also nicht aus…