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Die Taube im Talmud

Abbildung einer Taube aus dem 17. Jahrhundert (anonymer Maler)

Nicht nur in der Geschichte von Noach spielt die Taube eine Rolle. Tatsächlich spielt sie auch im Talmud und in den späteren jüdischen Schriften eine Rolle. Allerdings ist sie nicht das Symbol, für das man sie gemeinhin hält.
Spoiler: im Judentum ist die Taube KEIN Friedenssymbol

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

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Simcha – Das Buch zur Freude

Besondere jüdische Bücher gibt es inhaltlich viele. Wenn wir dann Inhalt und Form betrachten, sind es nicht wenige. Aber wenn wir schauen, wie es diesbezüglich auf dem deutschsprachigen Markt ausschaut, dann wird die Liste schon wesentlich kürzer. Der Zeitraum vor der Schoah ist nicht inbegriffen.

Nun legt der Verlag »Books ‘n Bagels« ein spannendes und hervorragend gestaltetes Buch vor: »Simcha Das Buch zur Freude (aus der Sicht des Chassidismus)« von Rabbiner Shloma Majeski (Link zum Verlag). Rabbiner Majeski gehört zur Chabad-Bewegung.
Gestalterisch stimmt hier alles. Die Typografie ist interessant und stammt von De Jong Typografie, das Buch hervorragend gestaltet und eingebunden.

Auch der Blick auf das Buch zeigt, auf welche Details geachtet wurde.

Zum Inhalt Freude im Chassidismus

Beginnen wir einmal mit etwas, was sich die meisten Menschen anscheinend Wünschen: »Glück«. »Glück« findet im Internet überall dort statt, wo Menschen versprochen wird, es zu finden. »Gib mir Geld und ich zeige dir, wie du glücklich sein kannst.« Können wir uns vorstellen, dass in erster Linie Person glücklich wird, die am Ende einen Blick auf ihren Kontoauszug wirft? Ja. Natürlich. Spiritualität boomt.

Detailblick ins Buch


»Glück« ist aber im Judentum nie so ein Modethema gewesen, oder eine plakative Werbung um Mitglieder zu gewinnen, sondern es ist tatsächlich »nur« eine Mizwa, von der wir in der Torah lesen: »Und du sollst dich vor HaSchem, deinem G-tt, freuen« (5. Buch Moses 16,11). Hier ist es also Freude – Freude und Glück verschwimmen hier. Aber das soll man nicht allein tun, sondern »Du und Dein Sohn und Deine Tochter, Dein Knecht und Deine Magd und der Levi, der in Deinen Toren weilt, auch der Fremde und die Witwe, die in Deiner Mitte sind […]«.

Der Baal Schem Tow, der Gründer des Chassidismus (1700–1760) – da kommen wir langsam zum Thema – erzählt dazu: »Der Allmächtige hat dich in diese Welt mit einem Auftrag entsendet. Es ist sein Wille, dass Du diesen Auftrag in einem Zustand der Freude tust. Traurigkeit würde bedeuteten, dass man diesem Auftrag nur ungern tut oder nicht bereit ist dafür.«
Nur: Die Tora liefert keine »schlüsselfertige« Gebrauchsanweisung dafür, wie wir auf jeden Fall glückliche und erfüllte Menschen werden könnten. Diejenigen, die der Lehre des Baal Schem Tow folgen, hießen früher auch die »Frejlachen«, die Fröhlichen. Darauf weist auch Rabbiner Majeski hin. Denn eine Grundlage der chassidischen Idee ist, dass alles, was auf der Welt geschieht, von G-tt genau so gewollt und bestimmt ist. In jeder Sekunde, in jedem Moment. Da alles G-ttliche gut ist, muss folglich auch alles, was geschieht, gut sein. Entweder präsentiert es sich so offen, wir erkennen es sofort, oder versteckt, wir sehen erst einmal nicht den Sinn oder das Glück darin. Aber alles ist zum Guten, wie es schon verschiedene talmudische Weisen ausdrückten, also gibt es keinen Grund, traurig zu sein. Im Gegenteil. Soweit eine jüdische Antwort – die chassidische, die Rabbiner Majeski uns eingehend schildert und erklärt.

Weitere Detailsicht ins Buch

Für mich ergeben sich hier ein paar Fragen zu dieser Sichtweise – diese bespricht Rabbiner Majeski zwar, ergeben aber bei mir weitere Fragen: Ich muss natürlich an die großen Katastrophen des Judentums denken (und die nennt Rabbiner Majeski) und mir ist die Antwort »es ist gut, nur es ist uns verborgen« zu wenig. Hier hat sich also meinerseits noch Lernbedarf ergeben.
Das Buch war eine kleine Reise in eine Philosophie von der ich wusste, dass es sie gibt, aber Rabbiner Majeski hat sie anschaulich und gut zugänglich erklärt. Der Text ist so annotiert, dass er mit Verweisen auf erklärungsbedürftige Begriffe im Anhang (Glossar) verweist. Wer also hier also einen Einblick erhalten möchte, dem sei dieses Buch natürlich empfohlen.

Simcha – Das Buch zur Freude (aus der Sicht des Chassidismus)
Rabbi Shloma Majeski
ISBN(s): 978-3-9524212-4-6
Verlag: Books&Bagels
184 Seiten
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Mitgliederstatistik 2020

»Traditionell« erscheint nach Pessach die Mitgliederstatistik der ZWST für das Vorjahr. Mit Überraschungen ist eigentlich nicht mehr zu rechnen und dennoch passieren Dinge: Im Jahr 2020 waren 93.695 Menschen Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Im Jahr 2019 waren es noch 94.771 – das ist ein Rückgang von 1.076 Menschen (oder 1,1 Prozent). Der Rückgang von 2018 zu 2019 lag noch bei 1,5 Prozent.
225 Geburten stehen 1.544 Todesfällen gegenüber. Unten werden wir noch etwas zu Austritten und Übertritten lesen.
349 Menschen sind eingewandert und haben sich in Gemeinden angemeldet.
122 Menschen haben das Land verlassen.
Am Ende werden wir sehen, woher Brandenburg 435 »sonstige Zugänge« hat.

Weil das Jahr 2020 »rund« ist, können wir einen Zeitraum von 10 Jahren betrachten. 2010 hatten die Gemeinden noch 104.024 Mitglieder. Das wäre ein Rückgang von 9,9 Prozent in 10 Jahren. Am stärksten schrumpfte die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie hatte 2010 noch 10.599 Mitglieder, 2020 waren 8.702. Ein Minus von 17,9 Prozent. Das ist der höchste Wert unter den zehn größten Gemeinden (siehe die Infografik und die Tabelle unten) und der entspricht nicht der Intuition: Berlin als Magnet für jüdische Menschen aus der ganzen Welt – ja, aber sie scheinen sich nicht alle für eine Gemeindemitgliedschaft zu interessieren.
Von diesen zehn größten Gemeinden ist München am wenigsten geschrumpft (um 2,4 Prozent) und München ist damit (seit 2018) die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Auch sonst ist die Stadt an der Isar anders aufgestellt als Berlin: München hat 532 Gemeindemitglieder mehr aufzuweisen, aber viel weniger Austritte (in absoluten Zahlen) als Berlin.

StadtMitglieder 2010Mitglieder 2020WachstumWachstum/Prozent
Hamburg27792312−467–16,80%
Duisburg-MH-OB27552401−354–12,85%
Dortmund32002724−476–14,88%
Stuttgart30302725−305–10,07%
Köln44184016−402–9,10%
Hannover44894029−460–10,25%
Frankfurt68326212−620–9,07%
Düsseldorf70806575−505–7,13%
Berlin105998702−1897–17,90%
München94619233−228–2,41%
Die zehn größten Gemeinden Deutschlands aufsteigend sortiert – mit Angabe der Mitgliederverluste

Die Anzahl der Austritte ist stets etwas abstrakt. Die Zahl wird zwar ausgewiesen, aber aufgrund der unterschiedlichen Gemeindegrößen müssen sie unterschiedlich interpretiert werden. Aus diesem Grund sind hier die relevanten Landesverbände bzw. eigenständige Gemeinden mit den größten Verlusten so aufgeführt, dass man sie miteinander vergleichen kann: Austritte pro Tausend Mitglieder:

Ebenfalls interessant ist die Frage, ob die »Abgänge in andere Gemeinden« und die »Zugänge aus anderen Gemeinden« ausgewogen sind. In einer idealen Welt ist die Differenz recht klein. Ob sie das ist, kann man an dieser Stelle nicht sagen. Auf fünf Jahre verteilt, beträgt die Differenz 114 Personen. Das ist keine sehr große Zahl, aber es gibt einen kleinen Verlust. Nicht alle, die sich abmelden, kommen auch irgendwo wieder an.

Die Altersstruktur

Es ist mittlerweile bekannt, dass die Senioren klar in der Mehrzahl sind. Wenn wir die Gemeinde (also die Gemeinde aus allen Gemeinden) mit nur 10 Personen darstellen würden, wäre 1 Person ein Jugendlicher, 4 wären Erwachsene und 5 Senioren.

Um auch die Aufteilung in Geschlechter deutlich zu machen, rechnen wir hier mal auf 20 hoch: von den Senioren wären 6 Frauen und 4 Männer. Bei den Erwachsenen (8 insgesamt) und Jugendlichen/Kindern (2!) hält sich das Verhältnis ungefähr die Waage, obwohl es in einigen Alterskohorten leichte männliche Überschüsse gibt.

Altersstruktur 2020

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein Vergleich des Durchschnitts mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland (und der drittgrößten Stadt Deutschlands) , München, die auch eine sehr kleine »Schrumpfungsrate« hat (2,41 Prozent) – die Gemeinde scheint etwas jünger zu sein als der Durchschnitt:


Berlin und München

Und noch ein Vergleich: Die drei größten Städte in Deutschland sind Berlin (3,6 Millionen Einwohner), Hamburg (1,8 Millionen) und München (1,5 Millionen Einwohner), aber die Größe der Jüdischen Gemeinde spiegelt das nicht wieder. München ist die größte Gemeinde des Landes und liegt in vielen Bereichen vor Berlin. Hamburg ist erst Nummer 10 unter den zehn größten Gemeinden des Landes.
Haben 2020 in Berlin 137 Menschen die Gemeinde verlassen, waren es in München nur 27. Während sich in Berlin 47 Menschen bei der Gemeinde angemeldet haben (nach Einwanderung, Zuzug oder ähnlichem), waren es in München 73.

Klar, München scheint den besseren Lebensstandard zu bieten und ist eine sehr lebenswerte Stadt. Wohnen in München ist jedoch auch mit hohen Kosten verbunden. Vielleicht bietet Danel Feinkost noch immer die koschere Weißwurst an und die hat sich als Magnet herausgestellt?

Übertritte

Die Anzahl der Übertritte zum Judentum pendelt zwischen 60 und 100. Ganz offensichtlich sind Übertritte keine Lösung für ein demographisches Problem – München (zwei Übertritte in 2020) zeigt das übrigens.

Übertritte pro Jahr

Eine Besonderheit in Brandenburg

Zu Beginn hieß es, Brandenburg hast 435 »sonstige Zugänge« zu verzeichnen. Das ist leicht zu erklären. In diesem Jahr kommen zwei Potsdamer Gemeinden hinzu. Sie sind dem Landesverband Brandenburg wieder beigetreten oder neu gegründet worden. Die Gemeinde »Adass Israel« unter Rabbiner Reuven Konnik (Rabbinerseminar Berlin) ist neu im Spiel (47 Mitglieder) und als konstruktive Partei rund um den Synagogenbau Potsdam aufgefallen. Zur Stabilisierung Potsdams wird das sicher beitragen.

Wie immer, steht die Statistik auf der Website der ZWST zum Download zur Verfügung.

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Der Fuchs im Talmud

Drei Fuchsköpfe, von Bernard Willem Wierink

Durch die Fabeln des antiken griechischen Dichters Aesop haben viele Tiere die Eigenschaften erhalten, die wir ihnen heute zuschreiben: Der Hase ist vorsichtig, aber auch vorlaut, der Löwe mächtig und königlich, und der Fuchs ist schlau, aber durchtrieben. Fabeln mit Füchsen gibt es auch im Talmud, nicht mehr so viele, wie den Weisen des Talmud bekannt waren, aber immerhin noch ein paar. Mehr über den Fuchs im Talmud findet man hier:

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

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Potsdam

Synagoge in Potsdam, erbaut 1767

Da draußen gibt es immer noch Menschen, die trauen Jüdinnen und Juden alles zu. Wenn es nicht die Weltverschwörung ist, dann zumindest die Umvolkung. Letzteres klingt wie Umtopfung. Aber beim Umtopfen wird eine Pflanze einfach in einen größeren Topf gepflanzt — weil sie mehr Platz braucht. Im Prinzip also genau das, was die geistigen Väter derjenigen wollten, die heute eine Umvolkung befürchten. Da ging es um die Erweiterung des Lebensraums in den Osten. Es ist bekannt, dass diejenigen ausgerottet und vergessen werden sollten, denen sie alles zutrauten. Eine direkte Folge davon kann man in Potsdam besichtigen. Nämlich keine Synagoge.

Das ist die Vorgeschichte von keiner Synagoge in Potsdam – in in ihrer kürzesten Form.

Das nächste Kapitel

Im nächsten Kapitel, das können wir schon verraten, gibt es noch immer keine Synagoge. Es gibt Räume in denen gebetet wird, aber es gibt keine richtige Synagoge. Weil es in Potsdam sogar wieder Jüdinnen und Juden gibt (2018 hatte die Jüdische Gemeinde 414 Mitglieder), sollte dieser Umstand geändert werden. Im Jahr 2005 wurde beschlossen, eine Synagoge in Potsdam zu bauen. Das Land Brandenburg stiftete ein Grundstück im Herzen von Potsdam.
Und was geschah nur 16 Jahre später? Eine Eröffnung? Nicht ganz: Es wurde beschlossen, eine Synagoge zu bauen. Das ist selbst für deutsche Verhältnisse und deutsche Überplanung ein sehr langsamer Prozess. Aber Moment, wurde das nicht schon einmal beschlossen?

Das dritte Kapitel

Ein Wettbewerb sollte den besten Entwurf für die neue Synagoge ermitteln. Im Oktober 2008 ging es los und dieses Vorgehen war sehr erfolgreich! Etwa 150 Architekturbüros nahmen an der ersten Runde des Wettbewerbs teil. Von diesen wurden wiederum 30 ausgewählt und 26 Büros legten konkrete Entwürfe vor. Schon 2009 stand der Sieger fest! Der erste Preis ging an das Berliner Architekturbüro Haberland. Das Projekt nimmt plötzlich konkrete Gestalt an.

Jetzt meldet sich der Potsdamer Dirigent Ud Joffe zu Wort. Er ist mit der Architektur nicht einverstanden. Das liegt nahe, eine Auswahl aus 150 Entwürfen ist dürftig. Wenig später meldet sich Rabbiner Nachum Presman zu Wort. Der geplante Bau entspräche nicht den halachischen Vorgaben. Andere orthodoxe Rabbiner widersprechen ihm und zeigen sich verwundert. Der Berliner Rabbiner Yitzchak Ehrenberg etwa. Aber weil die Jüdische Gemeinde und die Vertreter von Land und Stadt (eine Synagoge soll zeigen, dass man es noch einmal miteinander versuchen möchte) motiviert sind, wird am 1. Oktober 2010 dann einem überarbeitetem Entwurf die Baugenehmigung erteilt. Fünf Jahre also nach dem Entschluss, die Synagoge zu bauen. Alles gut? Natürlich nicht. 2011 dann wird die Architektur wieder kritisiert (taz-Artikel).

Der geplante Bau entfesselt Energie. Die Gemeindemitglieder geraten in Streit. Es gibt es in Potsdam nun vier kleine jüdische Gemeinden und alle haben die gleiche Ausrichtung. Alle nehmen für sich in Anspruch, orthodox zu sein. Jüdinnen und Juden mag man viel zutrauen, aber wer jemals auf einer Gemeindeversammlung war, oder Potsdam verfolgt hat, wird sich fragen, wie da die Weltverschwörung organisiert werden soll. Im Grunde sind Meinungsverschiedenheiten ein Motor für Fortschritt und Erkenntnisgewinn, aber nur, wenn man genau daran interessiert ist.

2020 kam dann eine neue Gruppe hinzu. Die Gemeinde »Kehilat Israel«, gegründet von Israelis, möchte auch mitspielen und meldet sich über die Medien zu Wort. Jetzt sind es fünf Gemeinden und der Bau scheint in die Ferne zu rücken.

Eine Lösung?

Spätestens jetzt war klar, es brauchte keinen Mediator mehr – jemand mit Verantwortungsbewusstsein musste konkrete Ansagen machen. Am 18. Februar 2021 traten Manja Schüle, Kulturministerin des Landes Brandenburg, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, der Präsident der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Berliner Architekt Haberland vor die Presse und verkündeten den Beschluss, dass die Synagoge gebaut werde. Die Regie sollten die ZWST und die Landesregierung übernehmen.Die Eröffnung sei für das Jahr 2024 geplant. Das ist ungewöhnlich, aber effektiv. Die ZWST regelt alles mit der Landesregierung und bringt das Projekt voran. In den ersten drei Jahren nach Fertigstellung, so der Plan, solle die ZWST als Treuhänderin die Trägerschaft des Zentrums übernehmen. Nach dieser Übergangszeit soll der Landesverband der jüdischen Gemeinden im Land Brandenburg die Synagoge und das Gemeindezentrum übernehmen.

Als wolle man die eigene Unkonstruktivität beweisen, veröffentlichen die Köpfe dreier Gemeinden (genannter Ud Joffe ist einer von ihnen) wenige Tage später eine Erklärung die sprachlich gleich die volle Eskalation sucht: »Es ist kein freudiger Tag gewesen, es ist eine Schande für dieses Land!« Die neue Regelung wird als »das Entmachtungsgesetz der Potsdamer jüdischen Gemeinden« bezeichnet. Man hätte da Änderungsvorschläge für die Architektur der Synagoge…

Die Chancen stehen gut, dass jetzt auch gebaut wird und vielleicht finden sich dann auch unter den Mitgliedern der fünf Gemeinden Menschen, die Interesse daran haben, die Synagoge und das Gemeindezentrum zu nutzen.

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Die Zukunft der europäischen Diaspora

Zwei Themen sind jüdische Dauerbrenner: »Wer ist ein Jude« und »Die Diaspora und Israel«.
Müssen sich Juden schuldig (oder noch schuldiger) fühlen, wenn sie noch in in der Galut leben?
Das jüdische an der Situation ist: Die Entwicklung in Europa ist sehr widersprüchlich in sich.
Zum einen ist das Leben für Jüdinnen und Juden unsicherer geworden und zugleich beansprucht vor allem die jüngere Generation Räume und Diskurse in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gesellschaften, in denen sie leben. Das Jüdische Museum Frankfurt widmete sich zwei Tage lang dieser Frage und beleuchtete dabei nicht nur die Rolle der jüdischen Museen.
Nein, es ging auch um die aktuelle Situation auf dem gesamten Kontinent. Das Symposium trug den Titel Transitions. So diskutierten Diane Pinto und Bernard Wasserstein gegensätzliche Einschätzungen zur aktuellen Situation in Europa.
Die Autoren Doron Rabinovici und Fania Oz-Salzberger diskutierten, inwieweit die gegenwärtige Periode jüdischen Lebens in Europa eine des Übergangs ist. (Direkter Link zur Diskussion auf YouTube) Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (und ihre Veränderungen) für jüdisches Leben in Europa (man denke an die Schechita) wurden angesprochen.

Ich hatte die Ehre, an einem der Panels über ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in der Diaspora teilzunehmen, zusammen mit Laura Cazés (von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), dem Schweizer Journalisten Yves Kugelmann (tachles.ch), mit der Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Zsófia Kata Vincze aus Budapest und dem französischen Journalisten und Romanautor Marc Weitzmann. Die gesamte Diskussion ist hier abrufbar (YouTube).

Zu meinem eigenen Wortbeitrag habe ich noch einige Notizen gemacht und daraus einen kleinen Text gebastelt. Da das Symposium in englischer Sprache war, habe ich den Inhalt in einem Blogbeitrag bei der Times of Israel veröffentlicht. Den Text findet man hier.

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Eine mögliche Antwort auf zurückgehende Mitgliederzahlen?

Nicht nur in Deutschland geht die Zahl der angemeldeten Gemeindemitglieder zurück. Auch in der Schweiz kämpfen einige Gemeinden mit einem Rückgang der Mitgliederzahlen. Das bedeutet natürlich, ähnlich wie in Deutschland, eine Gefahr für die vorhandene Infrastruktur. Diese kann nur mit einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern aufrecht erhalten werden. 2017 schon hat hat die »Israelitische Gemeinde Basel« einen Image-Film veröffentlicht und für die Gemeinde regelrecht geworben. Das ist etwas, was wir aus Deutschland nicht kennen: Die Gemeinde kommt auf Jüdinnen und Juden zu und bemüht sich um neue Mitglieder. Basel schaute auch auf diejenigen, die noch nicht in der Stadt lebten und warb auch mit Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche.

Mit Luzern tritt nun die nächste Gemeinde der Schweiz auf den Plan und wendet sich insbesondere an Jüdinnen und Juden aus Deutschland. In der Jüdischen Allgemeinen vom 11. Februar 2021 war nämlich folgende Anzeige geschaltet:

Gesucht werden ausdrücklich observante (hier »religiöse«) Familien, die Schomer Schabbat sind oder werden wollen, eine Berufsausbildung haben und bei denen jemand eine europäische Staatsbürgerschaft hat. Dafür hilft die Gemeine bei der Arbeitsvermittlung, bei der Wohnungssuche und stellt, bei Bedarf, eine kleine finanzielle Starthilfe zur Verfügung. Da es in Luzern keine jüdischen Schulen gibt, übernimmt die Gemeinde den Bustransport nach Zürich. Und Zürich könnte hier das Zauberwort sein: Luzern ist etwa 50 Kilometer von Zürich entfernt, mit dem Zug fährt man etwa 40 Minuten. Zürich ist teurer als Luzern und so bietet sich Luzern als etwas ruhigerer und günstigerer (also für die Verhältnisse der Schweiz) an.

Die Interessenten dürfte eine »kleine« Gemeinde erwarten, die aus etwa 40 Familien besteht, sogar eine kleine Jeschiwah mit 15 Schülern betreibt, eine Mikweh und sogar koschere Ferienwohnungen. Eine ambitionierte Gemeinde also, die nun auch schaut, wie sie weitere Gemeindemitglieder gewinnt. Natürlich liegt da die Frage nahe, wann die erste Gemeinde in Deutschland nachzieht. Wäre das denkbar?

Funktioniert das? Reaktionen

Die Gemeinde berichtete mir, dass sich ein paar Interessenten tatsächlich mit Bezug auf die Anzeige gemeldet haben. Es wären aber durchaus noch Ressourcen für weitere Anfragen vorhanden. Interessant wäre es, die Entwicklung im Februar 2022 erneut zu betrachten. Wieviele observante Familien auf der Suche nach einer neuen Umgebung sind, dürfte die Schlüsselfrage sein. Momentan scheint es die meisten Familien nach Berlin zu ziehen. Natürlich steigen auch dort die Lebenshaltungskosten, weil eben viele Menschen nach Berlin wollen. Die Schweiz gilt vielen Deutschen als teuer und tatsächlich sind die Lebenshaltungskosten dort nicht gerade niedrig. Beobachten wir also die Entwicklung in Luzern nach der Anzeige und erfahren dann, ob diese Art, auf potentielle Mitglieder zuzugehen, funktioniert.

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Facebooks Beitrag zum jüdischen Leben?

Im März 2020 (siehe auch hier) zeigte sich, dass die »sozialen Netzwerke« etwas mehr als nur Polarisisierung zu bieten hatten (obwohl sie das zeitgleich natürlich auch im Angebot hatten). Tatsächlich konnten sie zwischendurch ihr Versprechen einhalten, die Menschen zu verbinden. Jüdinnen und Juden konnten sich schnell über Online-Veranstaltungen informieren und in Kontakt bleiben. Nun ist fast ein Jahr vergangen. Einige Zugänge für Zoom-Konferenzen werden nur noch auf Anfrage herausgegeben – einen Stundenplan mit den Angeboten musste ich schnell wieder aus dem Netz nehmen (siehe hier). Die Anzahl der Störungen war einfach zu groß geworden und die Auswirkungen zu belastend.

Seit März 2020 ist Rabbiner Zsolt Balla aus Leipzig dabei. Er streamt, mit Ausnahme der Chagim und der Schabbatot täglich die Gebete. Phasenweise ganz ohne Gemeinde, dann wieder mit kleinerer Gemeinde, zur Hawdalah aus seiner Wohnung. Damit war und ist Rabbiner Balla jemand, der auch diejenigen erreichen konnte, die im Social Distancing waren oder sonst Berührungsängste hatten. Vielleicht in Europa einmalig. Die Gebete waren, niederschwellig, über Zoom und Facebook erreichbar.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Facebooks Beitrag?

Rabbiner Ballas Initiative war nicht nur verdienstvoll, sie war auch ein großer Beitrag zur Gestaltung jüdischen Lebens unter erschwerten Bedingungen. 2021 wird viel über »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gesprochen und versucht, den Blick auf die Gegenwart zu lenken. »Jüdisches Leben kennenlernen«.

Die Aktion fand in Deutschland, aus den unterschiedlichsten Gründen, viel Unterstützung. Viel war von der »Sichtbarmachung» jüdischen Lebens die Rede. Zu Purim am 26. Februar 2021 meldete Rabbiner Balla etwas, von dem fragen kann, ob es der Beitrag von Facebook Deutschland zur Feier jüdischen Lebens war: Facebook sperrte die Livestreams des Rabbiners (sein Beitrag dazu hier) aus der Synagoge. Anscheinend hatte jemand beharrlich die Streams gemeldet und Facebook stufte sie als »abusive« ein.
Es reichte also entweder aus, dass ein Algorithmus so entschied, oder ein Mitarbeiter des Netzwerks so entschieden hat. Die Streams sind nun also nur noch über Zoom verfügbar. Sollte ein Mitarbeiter so entschieden haben, müsste erklärt werden, was an Live-Übertragungen aus Synagogen »abusive« sein sollte – oder der Mitarbeiter mag Synagogen nicht sonderlich. Sollte ein Algorithmus auf zahlreiche Beschwerden reagiert haben, dann ist allen klar, was das bedeutet: Jede kleine Gruppe kann jederzeit ausgeknipst werden. Das mag keine neue Erkenntnis sein, aber sie wird immer wieder bestätigt.

Da die Beschwerdewege nicht deutlich sind und vermutlich auch wieder maschinell betreut werden, dürften auch Einwände zunächst ins Leere laufen.
Jüdische Organisationen und Gruppen sollten sich besser darauf einstellen, Content nicht ausschließlich über Facebook (oder andere soziale Netzwerke) anzubieten, sondern auch über andere Kanäle. Die Gruppe derjenigen, die aktiv Meldungen von Inhalten betreibt, scheint gut organisiert zu sein und die Netzwerke haben keinen öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag. Antisemiten sitzen also am längeren Hebel – solange bis vielleicht doch jemand einschreitet.

Einstweilen bietet Rabbiner Balla die Teilnahme über Zoom an. So sollte es aber eigentlich nicht sein…

Nachtrag 1. März 2021: Facebook hat die Möglichkeit für Livestreams aus der Synagoge wieder aktiviert. Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt. Jederzeit kann jeder bewirken, dass jemandem der Stecker gezogen wird.

Die Pressestelle von Facebook Deutschland habe ich direkt nach Bekanntwerden der Angelegenheit kontaktiert, aber das war nicht anders zu erwarten – reagierte nicht.

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Purim: Antisemitismus und Antisemiten auslachen

Purim bzw. die Purim-Geschichte ist ein großartiges Ventil, um sich über Antisemitismus lustig zu machen. Behaupte ich jedenfalls im WDR:
Die Esther-Rolle enthält Beschreibungen von Antisemitismus, die später immer wieder aufgewärmt wurden und werden… wie etwa: »ein Volk, das sich absondert von anderen«. Das Gespräch mit Gerald Beyrodt vom WDR…

…kann man hier nachhören.