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Sederabende in Kirchengemeinden

Bernd das Brot wurde entfernt (verbrannt?) – an seine Stelle ist Max die Matze gerückt.

Sie sind sehr beliebt, die Sederabende in Kirchengemeinden.
Oft gefeiert am Donnerstag vor Karfreitag. In diesem Jahr überschneiden sich Pessach und Ostern einmal wieder. So wird die Karwoche, in der man sich regelmäßig an den »Christusmördern« rächte, heute als Ausdruck der Gemeinsamkeit verstanden. In Kirchengemeinden werden Matzot gegessen, es wird beseelt »Ma Nischtana« gesungen und Segenssprüche aus der Haggadah aufgesagt. In denen heißt es, dass G-tt »uns« die Mitzwot gegeben hat dieses oder jenes zu tun. Wer ist dieses »wir«, wenn nichtjüdische Feiernde das sprechen? Es ist kein Geheimnis, dass jüdische Gemeinden das heute nicht sonderlich angenehm finden, wenn der Sederabend hier mal eben für eigene Zwecke enteignet wird.

Fun Fact Sederabend

Jesus hat wohl keinen Sederabend gefeiert. Den gab es noch gar nicht. Der entwickelte sich so, wie wir ihn heute kennen, erst später. Übrigens entwickelt er sich fortwährend weiter. Pessach »authentisch« zu feiern würde bedeuten, ein Lamm zu opfern und mit Bitterkraut zu verzehren. Nur: Schächten hat gerade keine gute Lobby.

Hier einmal eine zufällige Auswahl:

Klar gibt es auch ein einfaches Interesse an dem Abend. Da die jüdischen Gemeinden nicht in der Lage sind, allen Interessierten die Türen für die eigenen Sederabende zu öffnen: Gibt es Abhilfe? Jedenfalls ist die symbolische Enteignung keine. Oder um es anders zu formulieren: »Lieber gar nicht feiern, als falsch feiern.«

Vielleicht könnte man einfach dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden ihr Judentum »draußen« zeigen können. Denn dann könnte es auch sein, dass man auch jüdischerseits einmal Nachbarn einlädt und diese das Fest authentisch erleben.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich einen kurzen Kommentar zu diesem Phänomen geschrieben – der ist in der Pessachausgabe zu finden – hier.

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Aus dem Talmud – Hexen, Alkohol und Paare

Der Talmud warnt davor, Dinge »in Paaren« zu tun und erzählt zudem eine bemerkenswerte Geschichte: Eine Frau verhext einen Stalker bzw. ihren Ex-Mann. Wie man sich vor derartigen Dingen schützt, schildert der Talmud jedoch auch.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich die Geschichte aufgeschrieben.
Den gesamten Text gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen… hier unter dem Titel »Von Wein und Hexen«.

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Jüdisches Erbe in Borken (Münsterland)

Jüdischer Friedhof Borken – Am Kuhm – Wilbecke. Dies war der alte Friedhof der Gemeinde. Die Nutzung soll bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen. In der Nähe lag eine Mühle. Durch deren Tor wurden die Toten der Gemeinde auf den Friedhof gebracht.

Rabbiner Baruch Babaev ist der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund, der größten Gemeinde im Ruhrgebiet. Hin und wieder besucht er das weitere Umfeld und setzt sich mit dem jüdischen Erbe der Region auseinander. Kürzlich besuchte er die Stadt Borken im westlichen Münsterland und dokumentierte seinen Besuch in Bildern. Es lohnt sich durchaus, sich auch mit dem jüdischen Leben außerhalb der großen Metropolen zu beschäftigen. Spuren jüdischen Lebens findet man heute noch in vielen kleinen Orten des Münsterlands.

Jüdisches Leben in Borken kann bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahr 1552 ist ein erster Hinweis Juden, die sich in Borken aufhielten.

Der erste Friedhof dieser Gemeinde lag unweit einer Mühle, an der Stadtmauer und geht wohl auch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an ihn (oben zu sehen). In die Mauer ist heute eine Gedenktafel eingelassen. Der Zustand der Tafel, die im Jahr 1992 aufgestellt wurde, ist offensichtlich nicht mehr optimal.

Jüdischer Friedhof Borken – Am Kuhn. In der Mauer des alten jüdischen Friedhofs ist heute eine Gedenktafel an die Opfer der Schoah.

1890 war der Friedhof voll belegt. Begrenzt durch den kleinen Fluß Aa und die Stadtmauer konnte er nicht erweitert werden. Deshalb wurde etwas außerhalb der Innenstadt ein weiterer Friedhof angelegt. Ihn sieht man auf den folgenden Bildern:

Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder, Schild mit einem Hinweis über die Erstnutzung

Schild am Jüdischen Friedhof Borken – Replingsfunder

Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder

Eine Synagoge existiert heute nicht mehr. An sie erinnert nur eine Tafel an einem Parkplatz.

Gemen

Gemen ist ein Stadtteil von Borken. Dieser Teil liegt etwas weiter nördlich und war früher eigenständig. Auch hier lebten Juden seit spätestens 1560 (in diesem Jahr wurden Juden aus Münster ausgewiesen). Auch in Gemen wurde die Synagoge 1938 zerstört, erbaut wurde sie erst 1912. Zuvor hat man das Haus der Familie Löwenstein auch als Betraum genutzt. Dieses Haus ist heute erhalten und mit ihm eine Mikwe erhalten ist. Sie wurde wohl im 17. Jahrhundert errichtet.

Schild an der Mikwe von Borken-Gemen

Mikwe in Borken-Gemen

Schild am Jüdischen Friedhof Borken-Gemen

Borken-Gemen – Den Friedhof gibt es wohl seit dem 18. Jahrhundert.

Borken-Gemen – Der Friedhof Landwehr von der Seite betrachtet

Mein Dank geht an Rabbiner Baruch Babaev (facebook.com/rabbiner.babaev) für die freundliche Erlaubnis, die Bilder zu verwenden. Alle Rechte an den Bildern liegen bei ihm.

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Hurra, wir eskalieren

Die Geschichte ist lang, aber nicht überkomplex. Eigentlich sollte es wohl um Dr. Michael Blume, den »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« gehen, aber wir nähern uns hier der Geschichte von der anderen Seite. Wir schauen uns an, wie man ihn zum Thema gemacht hat.

Gerd Buurmann machte in seinem Blog den launigen Auftakt:
Unter dem Titel »Antisemitismus-Beauftragter Blume rückt Jüdin in die Nähe von Adolf Eichmann« (Link hier) behauptete er, Michael Blume stelle einen Zusammenhang zwischen einer Dame namens Malca Goldstein-Wolf und Adolf Eichmann her oder rücke sie »in die Nähe«.

Stufe 1 Ein Blogpost erscheint

Buurmann, der seine Artikel auch bei achgut.com, bei Tichys Einblick (Infos über die Seite bei wikipedia) und zuletzt auch bei Philosophia Perennis veröffentlicht (hier), nutzte Blumes langen Artikel dazu, eben jenen Zusammenhang zwischen Frau Goldstein-Wolf und Eichmann zu behaupten: »Von da aus geht es dann weiter mit Adolf Eichmann und anderen Massenmördern.« (Link).
Tatsächlich tauchen beide Namen in Blumes Text auf. Das war es jedoch schon mit den Zusammenhängen. Blumes Artikel mit dem Titel »Eichmann, Breivik, Spencer und der Terrorangriff von Christchurch – Der Ethnonationalismus als Verbindung aus Antisemitismus und Rassismus« beginnt mit einer Beschreibung der Situation, in der er sich befindet. Die einen beschimpfen ihn online als »üblen Zionisten«, die anderen werfen ihm »Scharia-Appeasement« vor. Er sei zu nachgiebig gegen »Islamofaschisten«.
Hier folgen ein paar Beispiele, eines ist ein Tweet von Frau Goldstein-Wolf – wir kommen gleich darauf zurück. Dann spricht er weiter über den Hass, dem man online ausgesetzt ist. Es folgt ein Hinweis auf sein Buch.
Dann folgt eine Zwischenüberschrift »Der Ethnonationalismus als digitaler Antisemitismus des 21. Jahrhunderts«. Blume beschreibt, dass er auf dem Weg zum SWR vom Massaker in Christchurch gehört habe. Jetzt erzählt er vom »Ethnonationalismus« und in diesem Zusammenhang geht es um Eichmann. Wenn die Nennung zweier Namen in einem Text ausreicht, um sie in die »Nähe zu rücken«, dann habe auch ich ein Problem. Denn dann werde ich in die Nähe der Rassenhygiene gerückt. Immerhin taucht mein Name im Sammelband »Sexualität und Judentum: Medizin und Judentum (Band 14)« auf. Da taucht auch irgendwo das Wort Rassenhygiene auf. Hier einen sachlichen Zusammenhang herzustellen, wäre ziemlich weit hergeholt. Übrigens hat Buurmann der Sache einen anderen Dreh gegeben, indem er aus der Frau, die sich gegen Antizionismus und Antisemitismus engagiert, explizit eine Jüdin gemacht hat. Als sei es nicht schlimm genug, irgendjemanden mit Eichmann zu vergleichen, muss man diese Tatsache extra hervorheben.

Aber nun war die Sache in der Welt.

Stufe 2 Ein Verweis erscheint

Bei achgut.com präsentiert Henryk Broder den Artikel von Buurmann als Fundstück und schreibt über Michael Blume: »Der hat zwar vom Antisemitismus keine Ahnung, ist dafür umtriebig und neigt zu unmotivierten Wutausbrüchen.« (Zitat von hier)

Stufe 3 Ein Artikel erscheint

Diesen Faden griff die Jerusalem Post auf. Der Autor Benjamin Weinthal drehte das Rad noch etwas weiter und verschärfte die Aussage: »GERMAN ANTISEMITISM OFFICIAL ‘MUST RESIGN, COMPARED JEW TO NAZI’« (Link hier). Hier wird also von einem direkten Vergleich gesprochen. Die Zwischenüberschrift verkündet: »Commissioner against antisemitism in the German state of Baden-Württemberg, Michael Blume compared German Jew to Adolf Eichmann.«. Wie gesagt. Gibt schon der Text ein »in die Nähe rücken« nicht her, so schon gar nicht einen direkten Vergleich. Bei einer Überprüfung des Artikels auf Korrektheit, wäre einem Lektor das sicherlich aufgefallen.
Auch (oder sogar) das Simon Wiesenthal Center (jene Einrichtung, die den Mord an Mireille Knoll in ihrer Top Ten Liste der schlimmsten antisemitischen Ereignisse nicht erwähnt, dafür aber die Kontoführung für eine Organisation die BDS nahesteht – siehe hier) hätte seinen Rücktritt gefordert. Ob das erst auf Nachfrage von Weinthal geschah oder aus eigenem Antrieb, wird nicht klar.
Weiter schreibt er »German Jews slammed Blume for his lack of expertise in the field of antisemitism« und nennt als Quelle für diese Behauptung Henryk Broder. Woher die Mehrzahl (Jews) kommt, wird uns nicht verraten. Witzigerweise wird Broder als jemand vorgestellt, der vor dem Bundestag über das Thema gesprochen hat: »who has testified in the Bundestag on contemporary German antisemitism«. Dass es hier um einen Auftritt vor einer Fraktion ging, wird nicht erwähnt. Bilder davon gingen übrigens durchs Netz: Henryk Broder posierte mit Abgeordneten der AfD für die Kamera (faz.net über die Geschichte).

Stufe 4 Die sozialen Netzwerke

In den sozialen Netzwerken nimmt das Thema noch etwas Fahrt auf. Die Geschichte wird geteilt. Besonders der Artikel in der Jerusalem Post ist so knackig formuliert, dass er gerne gelesen wird. Hinweise darauf, dass der Artikel sich nicht unbedingt an den Fakten orientiert, werden mit Nachfragen zu einem Verein mit dem Namen »Juma« gekontert. Als ändere das etwas an der Faktizität des Artikels. Frau Goldstein-Wolf verteilte die verschiedenen Erwähnungen, wie auf ein Blog namens »Freiheit oder Scharia« über ihr Facebook- oder Twitterprofil. Allein die Erwähnung des Artikels in der Jerusalem Post auf der Facebook-Seite der »Juden in der AfD« wurde bis zum 25.03.2019 64 Mal geteilt. Der Verein »Werteinitiative« nimmt sich des Themas an und verfasst eine Stellungnahme. Eine, die so abgefasst ist, dass sich Frau Goldstein-Wolf für den »Support« bedankt.

Berechtigte Kritik? Was nun?

OK. Anscheinend war der Vergleich mit Eichmann nicht das einzige Problem an Blumes Artikel. Stein des Anstoßes war ein Verweis auf einen Tweet von Frau Goldstein-Wolf:

Dieser Tweet wurde (mit anderen) in Bezug auf all die gehässigen Kommentare und Zuschriften genannt, die er erhält. Im zitierten Tweet wurde der Hashtag #michaelblume verwendet. Unter diesem wurden zuvor Tweets über Michael Blume von anderen Nutzern veröffentlicht. Etwa welche, in denen er etwa als »Profiflüchtlingsunterstützer« bezeichnet wurde (Link) – mit einem Link auf die Seite »Tichys Einblick«. Möglich, dass Dr. Blume hier den Tweet direkt auf seine Familie bezog – das schrieb er jedenfalls später.
Zudem wurde im Tweet der Eindruck erweckt, Blume arbeite (»gemeinsam… bekämpfen will…«) mit »Juma« zusammen. JUMA steht für »Jung, Muslimisch, Aktiv« und ist ein Verein, der offenbar gemeindeübergreifend agiert und Jugendliche zu politischer Teilhabe animiert. Die Veranstaltung mit Michael Blume war am 25. Februar 2017. Dort nahm er in anderer Funktion für das Land Baden-Württemberg teil. Zum »Beauftragten der Landesregierung (Baden-Württemberg) gegen Antisemitismus« ernannt wurde er im März 2018 (Badische Zeitung berichtete).
Der Verein, der übrigens von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, steht nicht im Fokus des Verfassungsschutzes. Vermutlich hätte man Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nicht an einer Veranstaltung des Vereins teilnehmen lassen, wenn es da offene Fragen gegeben hätte. Die seltsame Verbindung, in der auch Sawsan Chebli genannt wird (die selber schon als Triggerwort für bestimmte politische Lager ausreicht) wurde bisher seriös noch nicht thematisiert. Eine Verbindung zu Blume sieht anders aus. Auf wiederholte Vorwürfe reagierte Blume entsprechend dünnhäutig.

Die Schlussfolgerungen sind für die Agierenden klar:


Und natürlich wird nachgelegt. Chaim Noll wird zitiert:


Erinnert an schlimmste Zeiten? Was wird er wohl meinen?
Ist das etwa ein Vergleich? Wollte man sich nicht dagegen abgrenzen?
Sollte man nicht mit gutem Beispiel vorangehen?

Hier bewahrheitet sich ein Allgemeinplatz, den es schon vor dem Internet gab: An demjenigen, der andere mit Dreck bewirft, bleibt natürlich auch selber etwas kleben. Dem Kampf gegen den Antisemitismus tut man mit solchen Aktionen jedenfalls keinen Gefallen. Man kann die Scherben nicht mehr einsammeln und weitermachen, als wäre all das niemals passiert.
Ist das schon eine Kampagne, oder einfach nur Unnachgiebigkeit?

Wie sieht es mit anderen Themen aus, die von den Akteuren thematisiert wurden, habe ich mich gefragt. Muss man an die geschilderten Sachverhalte ebenfalls ein kleines Fragezeichen anheften?

Vorwerfen kann man Dr. Michael Blume nicht viel, außer einer gewissen Dünnhäutigkeit denjenigen gegenüber, die stets mit den gleichen Vorwürfen um die Ecke kommen.

Minidisclaimer Ja, im Januar 2018 habe ich geschrieben, dass ich mit dem Konstrukt »Antisemitismusbeauftragter« nicht viel anfangen kann siehe hier und mir nicht sicher bin, ob es nicht eine Einrichtung ist, auf die verwiesen wird, wenn doch etwas passiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich mir nicht die konkrete Arbeit anschaue und gegen die entsprechenden Leute bin, weil ich möchte, dass sich meine Einschätzung bewahrheitet. Jede und jeder, der sich gegen Antisemitismus engagiert – weil es ihm um diesen geht und nicht um andere politische Ziele – soll und muss unterstützt werden.
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Über Opfer

Die »Opfer« im »Zelt der Begegnung« und im Tempel zu verstehen, fällt nicht leicht. Es gibt verschiedenste Ansätze sich damit zu beschäftigen.
Erklärt man es historisch?
Erklärt man es im Gegensatz zu Menschenopfern, die es im Altertum gegeben hat?
Oder betont man statt dessen, dass wir heute die Gebete an ihrer Stelle haben?
Oder macht man es sich sehr einfach und sagt: Das kann man nicht erklären?

Man nähert sich dem Thema möglicherweise am einfachsten, wenn man nicht den gesamten Komplex betrachtet, sondern sich kleine Aspekte herauslöst, vor allem jene, die man vielleicht schnell überliest: zum Beispiel, dass man alle Opfer mit Salz bestreuen muss (2,13). Da ist etwa vom »Bund des Salzes« die Rede, der uns durch die Salzung der Challot am Freitagabend noch immer präsent ist. Oder man versucht (so wie ich), die Opfer und ihre Symbole verstehen zu wollen.

Den gesamten Text gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen… hier unter dem Titel »Als Mazzot soll es gegessen werden«

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Designvorschläge von 1720

Um das Jahr 1720 herum entstand in Wien ein Siddur mit »Amsterdamer Buchstaben«. Das großartige Manuskript hat die British Library digitalisiert (hier).

Siddur 1720 Wien mit Amsterdamer Buchstaben

Das Dokument enthält interessante Illustrationen, wie etwa dieses »Schiwiti«, um sich besser auf das Gebet konzentrieren zu können:

Aber nicht nur das! Das Manuskript enthält ein paar interessante Ideen für das Layout eines modernen Siddurs (wie ich finde). Es gibt in der Keduschah für das Mussafgebet verschiedene Hinzufügungen oder Änderungen des Textes. Je nachdem, welcher Schabbat oder Feiertag gerade ist. Das haben Herausgeber durch Kästchen gelöst, oder Varianten auf speziellen Seiten, oder mit Hilfe von Auflistungen.

Hier hat man die Varianten formschön in Kugeln verpackt. Man muss sich nur die entsprechende auswählen: Chanukkah, oder Rosch Chodesch und Schabbat. Einige der Hinzufügungen sind in vielen Siddurim nicht mehr verzeichnet:

Einfügungen in die Keduschah.

Im Detail:

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Bereschit, Schabbat und Rosch Chodesch, Schabbat und Chanukkah

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Nachamu, für einen Feiertag, Schabbat Teschuwah, Chol haMoed Sukkot, für einen Schabbat zu einer Hochzeit, für einen Schabbat mit Milah.

Bei der British Library kann man im gesamten Dokument stöbern und sich inspirieren lassen. Es ist sehr gut lesbar und sehr interessant – wenn man sich für derartige Details interessiert.

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Endlich mal wieder eine Richtungsdebatte

Du bist Jüdin oder Jude und hast einen Social Media Account?
Du hast ein paar jüdische Follower oder »Freunde«?
Du willst richtig Traffic erzeugen?
Du kannst das mit zwei Dauerbrennern schaffen:

  • eine »Wer-ist-Jude-Diskussion« vom Zaun brechen
  • eine Diskussion über verschiedene Strömungen beginnen

Richtig gut wird es, wenn man beide Themen verbinden kann: Wer hat das Recht, wem zu sagen, wer jüdisch ist und wer hat das Recht, das auszulegen?
Man muss kilometerweit scrollen, um die neuesten Kommentare lesen zu können. Wie durch Zauberhand werden die Kommentare zunehmen. Menschen die sich nicht kennen, werden Argumente präsentieren.
»Präsentieren« steht hier absichtlich, denn sie werden nicht ausgetauscht. Sie werden nur präsentiert. Denn eines gilt für die Dauerbrenner mit Sicherheit: Die Diskussion ist l’art pour l’art. Sie bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Aber es besteht die Möglichkeit, sich öffentlich zu blamieren. Man muss nur leicht aus der Fassung zu bringen sein und jemanden beleidigen. Dann haben wenigstens die anderen Diskussionsteilnehmer etwas über einen gelernt. Aber bevor wir weiter abschweifen kehren wir zurück zu Fällen, bei denen das relevant sein könnte:

Relevant sind diese Themen dann, wenn sie dazu dienen sollen, Leitlinien für Organisationen zu formulieren. Dass es dann schwierig ist, dies dann zu tun, liegt daran, dass wir zuvor immer obiges Phänomen beobachten konnten.

Die JSUD Eine Richtungsentscheidung?

Die »Jüdische Studierendenunion Deutschland« (JSUD) ist ein jüdischer Verband für jüdische Studentinnen und Studenten. Sie wurde erst 2016 gegründet, aber ist durch ihre Anbindung an den Zentralrat gut vernetzt und kann die Netzwerke des Zentralrats für politische Arbeit nutzen. Vorstand und Geschäftsführung wird also zugehört. Eine Vollversammlung findet jährlich zusammen mit dem Jugendkongress der ZWST statt. Im vergangenen Jahr wurde offenbar eine »Policy« »Pluralistisches Judentum innerhalb der JSUD« eingereicht und abgestimmt. Zum größten Teil geht es in dieser Policy um Homosexualität und die Zusammenarbeit mit der LGBTQ*-Community. Aber es gibt auch einen Satz, der festhält, dass in »hierzulande dominierenden orthodoxen und einheitlichen Gemeinden die Integration patrilinearer Jüdinnen und Juden in die jüdische Gesellschaft strikt abgelehnt wird«. Weiter: »obwohl es einen bedeutenden Anteil von patrilinearen Juden gibt sowie ein Großteil der eingewanderten und einheimischen Jüdinnen und Juden hierzulande mittlerweile nicht nur in halachisch jüdischen Ehen und Familien leben.« Die Forderung ist eine stärkere Einbindung derjenigen Leute, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter.
Nun, kurz vor der nächsten Vollversammlung im März, ging eine Website namens Jüdische Zukunft an den Start und fordert mit einem offenen Brief eine stärkere Orientierung an der Ausrichtung der Gemeinden. Erstunterzeichner ist – unter anderem – der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.
Die Reaktionen in den sozialen Medien entsprach zu großen Teilen dem, was ich eingangs zu diesen geschildert habe.

Konfliktlinien

Anscheinend gibt es gewisse Konfliktlinien. So veröffentlichte das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk am Freitagmittag einen Facebook-Post (hier) mit dem Titel »Vielfaltsverteidigung«, der ohne den Kontext der Diskussion vermutlich etwas schwerer zu verstehen wäre und sich wie eine Stellungnahme lesen könnte:

»Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk setzt sich seit seiner Gründung für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein, gerade im innerjüdischen Diskurs. Zur Vielfaltsverteidigung gehört notwendig und unabdingbar die Achtung und Förderung jedes Individuums und seines/ihres Weges in der Gemeinschaft. Ein wichtiger Partner in der Stärkung der Gemeinschaft ist die JSUD – Jüdische Studierendenunion Deutschland, die sich der Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in Gegenwart und Zukunft verschrieben hat, und mit tollen Projekten und wichtigen Grundsatzentscheidungen viele entscheidende Impulse setzt!«

Gibt es also hier unterschiedliche Interessen, je nach religiöser Strömung?
Willkommen in der jüdischen Welt!

Die Konflikte, die hier und da zwischen den einzelnen Lagern innerhalb der Gemeinden aufflammen, müssen sich zwangsläufig natürlich auch in einer Organisation widerspiegeln, die den Anspruch hat, alle (möglichst viele?) zu repräsentieren. Das ist unvermeidbar. Welche Richtung soll das also sein, die beide (vermutlich gibt es sogar mehr) Lager zufriedenstellt?

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Gelbwesten

Das Auge über den Banken und der Parasit daneben. Wer antisemitische Aussagen zu deuten weiß, ist hier direkt im Bild.
Foto von: Stefan jaouen [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das Video mit Alain Finkielkraut verbreitete sich schnell. Der Philosoph wird von demonstrierenden Gilets jaunes (Gelbwesten) in Paris erkannt, übel antisemitisch beschimpft und muss dann von der Polizei geschützt werden.
In den Tagen zuvor kursierten Fotos von Geschäften auf deren Schaufenster man »Jude« gemalt hatte.
Der Quenelle-Gruß wurde schon zuvor mehrfach gesehen. Es gab zahlreiche antisemitische Zwischenfälle (wie diesen hier) und Banner. Die Argumentationskette ist dabei häufig die gleiche: Macron ist ein Knecht der Banken und die werden von wem gesteuert? Natürlich von den Juden (alternativ auch: von den Zionisten). Im Dezember schaffte es Hervé Lalin, vom äußersten rechten Rand, den Le Monde als antisemitisch bezeichnet, auf die Titelseite von Paris Match – als Stellvertreterbild für die Proteste.

Mit Finkielkraut traf es übrigens jemanden, der nicht unmittelbar erkannte, dass sich diese Bewegung von Beginn an gegen eine unsichtbare Elite aus Verschwörungstheorien richtete – und wann immer von einer steuernden Elite die Rede ist, geht es meist um – wer mag es raten? Um Juden natürlich.

Es ist kein Zufall, dass der französische Innenminister Christophe Castaner erst kürzlich berichtete, dass es in Frankreich 2018 deutlich mehr antisemitische Vorfälle gab als in den Vorjahren. 541 Fälle. Das sind 74 Prozent mehr als 2017. Castaner sprach davon, dass sich der Antisemitismus »wie ein Gift« ausbreite. Der Zusammenhang der Ereignisse ist offensichtlich.

Verteidiger der Gelbwesten wenden dann gerne ein, das seien »Ausnahmen«. In großen Gruppen würden diese Menschen würden die Bewegung nicht repräsentieren. Auf der anderen Seite sei das eine großartige politische Bewegung, denn die »eigentlichen« Ziele sind zu unterstützen. So sei es anfänglich um die Verhinderung einer höheren Versteuerung von fossilen Brennstoffen gegangen. Dann ging es auch um Steuersenkungen, um mehr direkte Demokratie und dann natürlich auch um den Kampf gegen die Finanzwirtschaft im Allgemeinen. Und von Beginn an brannten dabei Autos, gab es Zerstörungen der öffentlichen Infrastruktur und gewalttätige Übergriffe. Bernard-Henri Lévy sprach in Le Point von »gilets bruns«, die an den Zorn der Faschisten in den 1930er Jahren erinnerten (Le Figaro).

Wieder heißt es: Das sind einige. Damit offenbart sich das Dilemma. Entweder ist es eine Bewegung der Massen mit gleichen Zielen, oder einfach nur eine Versammlung von vielen Individuen. Mit wem sollte man sich da solidarisch zeigen?
Allein die Tatsache, dass sich sowohl die extreme Rechte, als auch die Linke hinter die Bewegung stellt, sollte nachdenklich machen. Aber wenn man sich mit der Lupe eine Person aus der Menge heraussucht, wird schon jemand dabei sein, mit dem man sich solidarisieren kann. Bestimmt verlangt jemand »bezahlbare Wohnungen«, oder »eine Arbeit von der man leben kann« oder sonstige Allgemeinplätze (Luft zum Atmen, spielende Kinder, Altern in Würde, Frieden für alle). Aber dann darf man halt nicht das andere Auge zuhalten und ignorieren, woher eine solche Massenbewegung sich ihre Gründungsideen bezieht. Der schließt ohnehin jede Verständigung mit dem politischen Gegner aus. Der muss, weil er ja ein krankes System repräsentiert, vollständig verschwinden. Daniel Cohn-Bendit hat das in einem Interview mit der taz zusammengefasst: »Diese Bewegung hat mehr als nur leicht autoritäre Züge. Sie lehnt das Gespräch ab, sie will keinen Kompromiss finden.« (taz.de, hier)

Wer sich mit den Gelbwesten solidarisiert, der solidarisiert sich natürlich auch mit deren Antisemitismus. Der ist Teil des Systems und keine bloße Begleiterscheinung.

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Migrationsbericht und jüdische Zuwanderung

Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion

Der aktuelle Migrationsbericht 2016/2017 brauchte einige Zeit, um dann im Januar 2019 veröffentlicht zu werden. Gerade in hysterischen Zeiten kann ein solches Dokument jedoch helfen, die Wogen etwas zu glätten. Einfach nur mit nüchternen Zahlen. Wer kam wann woher und wie sieht die Entwicklung aus?

Der Bericht enthält jedoch auch die Zahlen der jüdischen Zuwanderung.
Das ist nicht so uninteressant.
Wir erfahren, dass zwischen 1993 und 2017 207.223 jüdische Zuwanderer (einschließlich ihrer Familienangehörigen) aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Bis Ende 1992 kamen 8.535 Menschen nach Deutschland.

Als Tabelle:

Jahr Zuwanderung
1991 12583
1992 15879
1993 16597
1994 8811
1995 15184
1996 15959
1997 19437
1998 17788
1999 18205
2000 16538
2001 16711
2002 19262
2003 15442
2004 11208
2005 5968
2006 1079
2007 2502
2008 1436
2009 1088
2010 1015
2011 986
2012 458
2013 246
2014 237
2015 378
2016 688
2017 873

Im Bericht heißt es, die Zuzüge bzw. Anträge aus der Ukraine haben zugenommen. Das überrascht nicht. Das hänge mit den »politischen Entwicklungen« dort zusammen, so schreibt das BAMF.

Betrachten wir speziell die letzten zehn Jahre, denn diese Jahre sieht man auf der Darstellung des gesamten Zeitraums fast gar nicht:

Zuwanderung nach Deutschland 2007 – 2017 – gegenübergestellt die Anmeldungen in den jüdischen Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe

Die rötliche Linie zeigt die Zahlen der Anmeldungen in den Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe im gleichen Zeitraum. Natürlich kann es hier immer zu Verschiebungen zwischen den Jahren kommen. Vermutlich wird sich nicht jeder, der irgendwo neu angekommen ist, sich direkt bei der entsprechenden Gemeinde anmelden.

Es gibt sie also noch, die Zuwanderung. Aber sie reicht nicht aus, um die Abgänge auszugleichen, oder abzufedern. 2017 hat in erster Linie der Landesverband Nordrhein davon profitiert. Da in Düsseldorf die Mitgliedszahlen gestiegen sind, dürfte klar sein, dass sich viele Einwanderer Düsseldorf ausgewählt haben. Übrigens eine verständliche Wahl: Düsseldorf ist die drittgrößte Gemeinde Deutschlands und durchaus nicht unattraktiv. Die Prognose sieht hier also sehr gut aus.

Sieben große Gemeinden

Die sieben größten jüdischen Gemeinden Deutschlands sind derzeit:

Stadt Mitglieder 2010 Mitglieder 2017
Berlin 10599 9.865
München 9.461 9.507
Düsseldorf 7.080 7.087
Frankfurt am Main 6.832 6.604
Hannover 4.489 4.217
Köln 4.418 4.077
Dortmund 3.200 2.871

Hier ist bemerkenswert, dass München demnächst Berlin als Spitzenreiter ablösen könnte. Im betrachteten Zeitraum (hier 2010 bis 2017) hat Berlin 7 Prozent der Mitglieder verloren, München um 0,5 Prozent zugelegt. Frankfurt hat etwa 3 Prozent der Mitglieder verloren, Köln fast 8 Prozent und Dortmund etwa 10 Prozent.

Wo wir gerade beim Wachstum sind und den Zeitraum 2010 bis 2017 betrachten: Hier gibt es auch Gemeinden mit größeren Verlusten. Die Jüdische Gemeinde Münster hat 22 Prozent der Mitglieder verloren (von 789 auf 612) und Amberg 28 Prozent (von 146 auf 105).

Wir schauen also gespannt auf die Zahlen für das Jahr 2018.