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Die Legende von Rabbi Akiwa

Pünktlich zu Lag BaOmer ist es verfügbar!
Ein e-Book mit dem Titel »Die Legende von Rabbi Akiwa«. In diesem Büchlein (darf man ein e-Book »Büchlein« nennen?) erzählt Emil Bernhard Cohn (er war Rabbiner in Bonn, Essen, New York und später Dozent für Hebräische Literatur an der Stanford University in Palo Alto), das Leben von Rabbi Akiwa spannend nach. Von seiner »Erleuchtung«, bis zu seinem grausamen Tod durch die Römer. Cohn hangelt sich dazu an den Stellen aus Midrasch und Talmud entlang, die etwas über ihn verraten. In einem kleinen Anmerkungsteil habe ich diese Stellen identifiziert und angemerkt. So könnte der geneigte Leser im Talmud diese Stellen finden. Zusätzlich gibt es die Schilderung seines Martyriums als übersetzten Text aus dem Talmud. Da es das Buch bisher nicht (mehr) zu kaufen gab, habe ich nun diese »erweiterte« und Fassung veröffentlicht. Die Orthografie wurde stellenweise etwas aktualisiert. Ich denke derzeit nicht, dass es für eine gedruckte Version ausreichend Nachfrage gäbe.

Moment! Das e-book kostet ja Geld?! Ja. Manchmal gibt es kommerzielle Projekte. Die ermöglichen dann den Betrieb von talmud.de und dieses Blogs. Das finde ich etwas smarter, als schnöde Werbung zu schalten. Direkt nach Geld werde ich sicher nicht fragen.
Sicher wird es den Text auch auf talmud.de geben. Aber in der Aufbereitung und Bearbeitung steckte auch ein wenig Zeit.

In Kürze sollte es das Buch in allen deutschsprachigen Shops für e-Books geben.
Ihr findet es etwa hier:

Danke für Eure Aufmerksamkeit für diesen kleinen Werbeblock.

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Ein Siddur als Begleiter

Siddurim, also Gebetbücher, habe ich mehr als eines. Viele von ihnen lassen »Siddur Sefat Emet«, den Siddur, der lange nahezu der einzige im deutschsprachigen Bereich war, tatsächlich antiquiert erscheinen. Sie sind einfacher zu verwenden und zeitgemäßer gestaltet. Neuere Siddurim enthalten sogar »mehr« Text, also Kommentare und Verweise auf Quellen. In einigen sind sogar Bakaschot abgedruckt, also »persönliche« Gebete.

Diese Ausgaben verwende ich auch gerne, aber einen Siddur trage ich »immer« mit mir herum. Die Kleinausgabe des »Siddur Sefat Emet«.
Noch gedruckt auf dünnem Papier (um das Jahr 1995 herum), sehr handlich, nicht zu dick. Es passt in jede Tasche und kann deshalb überallhin mitgenommen werden.
Bei einem Besuch des Castello di Gradara (in Italien) regnete es in Strömen. In der Außentasche des Rucksacks war der Siddur. Vollständig durchnässt. Im Zimmer wurde das Büchlein dann mit einem Föhn behandelt.
Auf einer anderen Reise stopfte ich eine Flasche Sherry in meinen Rucksack. Eigentlich gut eingerollt in Zeitungen und Papieren. Das Glas der Flasche war jedoch außergewöhnlich dünn. Erst als Menschen auf meinen tropfenden Rucksack zeigten, war klar, die Flasche war zerbrochen. Der Siddur war wieder vollständig durchnässt. Aber Tefillat haDerech das Gebet für die Reise konnte man immer sagen. Das Büchlein roch noch Monate danach nach Sherry, aber verklebte nicht vollständig. Ich würde sogar sagen, dass es heute noch ein wenig danach riecht.
An den Seiten erkennt man natürlich trotzdem, dass sie einmal nass geworden sind.
Für jeden Buchfreund vermutlich der totale Albtraum – aus meiner Sicht verleiht es dem Siddur einen eigenen Charakter. Weil das Büchlein eben auch in die Jackentasche passte, ging es mit auf freudige, aber auch einige traurige Ereignisse.

Irgendwann später habe ich mir die gleiche Ausgabe erneut bestellt. Aber siehe da. Das Papier war etwas anders. Das Buch roch anders und obwohl der Inhalt und die Größe identisch sind, nehme ich doch weiterhin das Original. Man kann es halt nicht einfach so austauschen, auch wenn ansonsten gerne auch andere Ausgaben verwendet. Es ist halt nicht mehr nur eine Wiedergabe von Texten, sondern etwas persönliches. Nicht nur Gegenstand, sondern irgendwie auch Teil von einem.

Natürlich hat auch der Einband stark gelitten und musste schon mehrfach vollkommen unprofessionell geklebt werden. Auch hier gilt: Wer sich mit der Restaurierung und Konservierung von Büchern auskennt, bekommt Schnappatmung. Vielleicht muss halt doch irgendwann ein anderer Einband her – aber das wiederum verändert das Büchlein. Schwierig.

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Designvorschläge von 1720

Um das Jahr 1720 herum entstand in Wien ein Siddur mit »Amsterdamer Buchstaben«. Das großartige Manuskript hat die British Library digitalisiert (hier).

Siddur 1720 Wien mit Amsterdamer Buchstaben

Das Dokument enthält interessante Illustrationen, wie etwa dieses »Schiwiti«, um sich besser auf das Gebet konzentrieren zu können:

Aber nicht nur das! Das Manuskript enthält ein paar interessante Ideen für das Layout eines modernen Siddurs (wie ich finde). Es gibt in der Keduschah für das Mussafgebet verschiedene Hinzufügungen oder Änderungen des Textes. Je nachdem, welcher Schabbat oder Feiertag gerade ist. Das haben Herausgeber durch Kästchen gelöst, oder Varianten auf speziellen Seiten, oder mit Hilfe von Auflistungen.

Hier hat man die Varianten formschön in Kugeln verpackt. Man muss sich nur die entsprechende auswählen: Chanukkah, oder Rosch Chodesch und Schabbat. Einige der Hinzufügungen sind in vielen Siddurim nicht mehr verzeichnet:

Einfügungen in die Keduschah.

Im Detail:

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Bereschit, Schabbat und Rosch Chodesch, Schabbat und Chanukkah

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Nachamu, für einen Feiertag, Schabbat Teschuwah, Chol haMoed Sukkot, für einen Schabbat zu einer Hochzeit, für einen Schabbat mit Milah.

Bei der British Library kann man im gesamten Dokument stöbern und sich inspirieren lassen. Es ist sehr gut lesbar und sehr interessant – wenn man sich für derartige Details interessiert.

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Alles über uns – ein Kinderbuch

Woran mangelt es im jüdischen Deutschland? Ja, ok, falsche Frage. Die Antwort lautet meist: An allem außer Streit. Aber speziell? Wenn man Eltern fragt, oder Leute, die Eltern etwas schenken wollen?
Genau. An jüdischen Büchern zum Vorlesen. Zu kurzen Bilderbüchern habe ich häufig gehört, dass man diese improvisiert on the fly während des Vorlesens übersetzt. Solange die Kinder nicht lesen können, ist das auch kein Problem. Für diejenigen, die Wert auf eine religiösere Erziehung legen und Kinder im Vorschulalter haben, gibt es nun ein Buch mehr: »Alles über uns« von Dina Rosenfeld und Bildern von Patti Argoff. Das Buch zeigt verschiedene Körperteile des Menschen, etwa Füße, Ohren oder Augen und erklärt, wozu diese nützlich sind, wenn man jüdisch lebt. Mit den Füßen geht man Schabbat in die Synagoge, oder man läuft damit zu einem Freund, um ihm zu helfen. Mit den Ohren kann man die Megilla an Purim hören oder andere Mitzwot tun. Mit den Augen kann man das Licht der Hawdalahkerze betrachten und so weiter.
Das führt kleinere Kinder schon früh an bestimmte Symbole, Mitzwot und Zeiten heran, zeigt aber auch in Bildern, dass andere Familien und Kinder ebenfalls religiös (orthodox) leben. Mit anderen Worten: Normalität.

Glossar in »Alles über uns«

Für Familien, die noch nicht mit allen Begriffen etwas anfangen können, sind die Begriffe in einem Glossar erklärt. Bei Kinderbüchern eher selten. Aber hier merkt man vielleicht, dass das Buch aus dem Umfeld von Chabad stammt. Es zielt also auch auf »noch nicht« Menschen und öffnet die Tür. Insgesamt ist Chabad in letzter Zeit rege bei der Publikation deutschsprachiger Bücher.

Rückseite des Einbands

Der Umschlag ist stabil und die Seiten nicht zu dünn – was keine schlechte Eigenschaft von Vorlesebüchern ist. Insgesamt keine schlechte Ergänzung des deutschsprachigen Angebots.

Dina Rosenfeld, Patti Argoff »Alles über uns« Edition Books & Bagels, 2018, 28 Seiten, 11,70 €,
Link zu Books & Bagels
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Schöne Ausgabe der Tehillim/Psalmen

Die Tehillim, die Psalmen, begleiten den observanten Juden durch den Tag. Sie sind Teil der täglichen Gebete. Zitate kommen selbst im Tischgebet vor. Zudem gibt es in einigen Strömungen des Judentums die Tradition, die Tehillim im Verlauf einer Woche vollständig zu lesen oder zu sprechen.

Die 150 poetischen Texte stehen dabei für menschliche Erfahrungen und Erlebnisse mit G-tt: Es kann eine Klage sein oder ein Dank. Es können Wohltaten gepriesen werden oder es kann um Rettung oder Erlösung gebeten werden. Das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen wird abgedeckt. Aus diesem Grund auch Tehillim, die man traditionell zu verschiedenen Situationen im Leben sprechen kann. Einige Siddurim, Gebetbücher, zählen diese dementsprechend auf.
Manchmal ist es fast zu schade, dass man sie während des Gebets recht schnell spricht und sich vielleicht nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Blick in den Innenteil – die deutsche Übersetzung mit kommentierenden Anmerkungen.

Chabad, einem einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum verpflichtet, legt mit »Ohel Josef Jizchak« genau für den Zweck des wöchentlichen und monatlichen Sprechens und Lernens der Tehillim eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe vor.

Titelblatt der Tehillim

Die deutsche Ausgabe wiederum wiederum basiert auf einer Ausgabe, die mit einer englischen Übersetzung in den USA erschienen ist. Beide beziehen sich auf eine hebräische Ausgabe. Alle drei wären nebeneinander nutzbar – durch die gleichen Seitenzahlen an den gleichen Stellen. Diese »Standardisierung« erlaubt es Chabad, ungeübte Beter mit unterschiedlicher Herkunft ohne große Probleme neben- und miteinander beten zu lassen, ohne auf die Eigenschaften jeder individuellen Ausgabe eingehen zu müssen. Auf der anderen Seite bedeutet das natürlich auch, dass die Übersetzer und Herausgeber jede Entscheidung des ursprünglichen Herausgebers mitgehen müssen, auch wenn diese ein wenig »aus der Zeit« zu sein scheinen.

Der hebräische Text erscheint, wie das lange Zeit üblich war, als Blocksatz, ohne jegliche Einteilung in Absätze oder Zeilen. Hier könnte man natürlich sagen: Das wäre Interpretation.
In der Vergangenheit war es jedoch nicht üblich, die Tehillim anders darzustellen. Der Platz war knapp und irgendwann haben sich viele Beter an dieses »Layout« gewöhnt. Aber mit »Ohel Josef Jizchak« sucht man mit der zeitgemäßen Übersetzungen und Anmerkungen zu einigen Textteilen einen Kompromiss.

Der hebräische Text der Tehillim

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall (sel. A.) vollständig neu erarbeitet. Wie bei dem, kürzlich erschienenen, Gebetbuch Tehillat HaSchem blieb sie dabei recht nah am Text (zuweilen auch mit einem Seitenblick auf die Übersetzung in der Ausgabe Hebräisch-Englisch) und hat vielleicht auch Formulierungen verwendet, die weniger Nachdichtungen sind, als vielmehr Darstellungen des Textinhalts. Gewisse Zugeständnisse an das, was der Leser gewohnt ist, werden dabei durchaus gemacht. Der Name G-ttes wird mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Das Buch richtet sich also nicht nur an Insider, sondern ausdrücklich auch an Neueinsteiger. Die Anmerkungen konzentrieren sich auf Bereiche, die sich dem Leser nicht unbedingt selber erschließen. So erfährt man, was ein Maskil ist, oder dass ein »Schlauch« eine gängige Aufbewahrungsart von Wasser und Getränken war. Im Anhang findet man zudem noch ein erklärendes Glossar zu wichtigen Begriffen die mehrfach vorkommen.

Glossar der Tehillmausgabe

In der Einleitung und im Anhang (hier meist ohne Übersetzung in Jiddisch und Hebräisch) wird viel auf die speziellen Bräuche und Anforderungen von Chabad eingegangen, die Gruppe derjenigen, die von dem Buch profitieren können, dürfte aber über Chabad hinaus gehen.
Wer sich also lernend mit den Tehillim auseinandersetzen möchte, findet hier einen guten Startpunkt.

Das gesamte Vorhaben wurde offenbar ohne öffentliche Gelder finanziert – einfach weil der Bedarf vorhanden war. Dazu wurden private Spender herangezogen und so entstand ein schönes neues Buch. Ein gutes Beispiel auch für andere.

Hier im Schnelldurchlauf als Video:

Was fehlt?

Eingangs wurde es erwähnt: In einigen Siddurim gibt es Auflistungen der Tehillim für verschiedene Situationen und eine Zuordnung zu den verschiedenen Schabbatot des Jahres – aber vielleicht ist dies kein Brauch von Chabad und fehlt deshalb hier?

Wo gibt es das Buch?

Die Übersetzung ist auch online zu finden, bei chabad.de – hier klicken.

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Eine deutsche Übersetzung der Torah online

Torah – Innenteil – Erste Seite mit Verwendung eines historischen Vorbilds

2014 veröffentlichte ich nach vielen Jahren der Vorbereitung eine deutsche Übersetzung der Torah. Grundlage war »Zunz Übersetzung«, die aber eigentlich von den Rabbinern Heymann Arnheim und Sachs stammt. Leopold Zunz war lediglich der Herausgeber. Die Ausgabe von Zunz habe ich zunächst digitalisiert – was gar nicht so einfach war, immerhin lag die Originalausgabe nur in Fraktur vor. Dann habe ich mir die Stellen herausgesucht, über die ich bereits Artikel für die Jüdische Allgemeine geschrieben habe. Anschließend wurde die Wörter »herausgesucht« für die eine Übersetzung eigentlich gar nicht möglich ist, weil sie für ein Konzept stehen und eine Übersetzung nur auf den Holzweg führt. Tza’arat wäre so ein Beispiel. Die Übertragung mit »Aussatz« führt den Leser vielleicht auf eine falsche Fährte. Hier geht es weniger um Medizin. Dann gab es noch Gegenprüfungen zu Rabbiner Samson Raphael Hirsch und eine möglichst detaillierte Kommentierung von zahlreichen Stellen. Viele zitieren klassische Kommentatoren und wecken so vielleicht Interesse, all diese auf eigene Faust zu entdecken.
Alle Aspekte kann man im Umfang eines Buches nicht betrachten. Das Projekt hätte sonst in fünf Bänden á 460 Seiten erscheinen müssen. Hier und dort haben sich kleinere Fehler eingeschlichen, aber das war auch das Projekt einer Person – ohne einen dicken Fördermitteltopf für verschiedene Projektbeteiligte. Ich war dementsprechend beruhigt, dass auch eine geförderte (und doch kommerzielle) Digitalisierung einer Torahübersetzung sich dicke Schnitzer erlaubt hat und etwa aus einem »Hurenlohn« (ja, das Wort kommt in der Torah vor) einen »Hurensohn« gemacht hat.

Das alles kann man für einen kleinen Preis – wie ich finde – als elektronisches oder gedrucktes Buch kaufen. Der kleine Erlös fließt direkt in den Betrieb von talmud.de und die Bereitstellung dieses Blogs. Denn auch die sind nicht kostenlos und beide wollte ich nicht mehr mit Werbung – außer für eigene Projekte versehen und zukleistern.

Aber zugleich zielt talmud.de seit einiger Zeit nicht nur darauf, Wissen zum Judentum zu vermitteln, sondern auch darauf, jüdische Quellen in digitaler Form bereitzustellen – übertragen ins Deutsche und weiterverwendbar. Es liegt also nahe, DEN Quelltext des Judentums zu veröffentlichen: die Torah. Zu Beginn dieser Woche wurden die Texte freigeschaltet. So steht nun erstmalig eine deutschsprachige jüdische Übersetzung der Torah online zur Verfügung.

Zur Onlineausgabe geht es direkt hier: talmud.de/tlmd/die-torah-eine-deutsche-uebersetzung

Ja – der Text der Torah kommt ohne Kommentar daher. Dieser ist dann der Mehrwert des Buches.

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Neuer Siddur mit deutscher Übersetzung – Tehillat HaSchem

Chabad ist Deutschland als Standbein wichtig. Um das herauszufinden, muss man nicht einmal mit den entsprechenden Rabbinern vor Ort sprechen. Allein schon die aufwendig publizierten Bücher zeigen, dass man in Deutschland Potential sieht. Da war zunächst eine Ausgabe des Buches »Tanja«, dann folgte »Den Himmel auf die Erde bringen« – wie die Tanja-Ausgabe ein Büchlein für bibliophile Leser.

Und nun kommt jenes Buch, welches im (jüdischen) Alltag (sofern man religiös ist) die wichtigste Rolle spielt: Der Siddur – das Gebetbuch. »Siddur Tehillat Haschem« ist das Standard-Gebetbuch der Chabad-Bewegung. Davon gibt es verschiedene gedruckte Varianten, aber die kommentierte ist besonders beliebt. Sie basiert auf der englischen, also zweisprachigen, Ausgabe. Diese wiederum hat auch eine nur-hebräische, eine spanische, französische und eine russische Ausgabe als Pendant. Nun also auch eine deutsche. Auf diese Weise hat ein gemischtes Publikum Bücher mit den gleichen Seitenzahlen und einem gleichen Layout.

Tehillat HaSchem Vergleich amerikanischer (Taschen-)Ausgabe mit deutscher Ausgabe. Gleiche Seite – gleiches Layout.



Innenansicht von Tehillat HaSchem – hier die Amidah

Und genau dieses Layout macht die Struktur der Gebete deutlich und versucht zugleich eine Brücke zu »alten« Ausgabe des Tehillat haSchem und Siddurim im Allgemeinen zu schlagen. Zahlreiche Beter wollen offenbar Siddurim die noch ein wenig so gestaltet sind, wie sie sich Siddurim immer vorgestellt haben: Eine hebräische Schrift, die nicht zu modern wirkt und trotzdem soll das Buch leicht zu verwenden sein.
Der Siddur von Artscroll war der erste, der deutliche und ausführliche Anweisungen gab, Textkästen einführte und den Leser durch das Gebet führte und auch mal ein Gebet mehrfach abdruckte, damit der Beter nicht ständig blättern musste. Zudem fügte Artscroll einen Kommentar hinzu. Dieser Siddur war, aus heutiger Sicht nicht der allerbeste Wurf, damals aber eine Revolution und wegweisend für spätere Projekte. Zudem hat man nach Artscroll verstanden: Um die Ideen der eigenen Bewegung weiterzutragen, eignen sich Kommentare und Erklärungen hervorragend. Artscrolls Ideen und Einblicke geben ja eine haredische Sichtweise wieder und die wiederum hat viele geprägt, die über die Siddurim Zugang zur Welt des jüdische Gebets erhalten haben.

Was eignet sich also besser, als ein Buch, welches man sehr häufig verwendet?

»Siddur Tehillat Haschem« versucht diejenigen zu bedienen, die gerade erst einsteigen und diejenigen, die schon Profis sind und muss deshalb gestalterisch beide Gruppe berücksichtigen:

  • Die Wahl der hebräischen Schrift folgt ebenfalls diesem Ansatz: Es ist eine erneuerte Variante einer klassischen Siddurschrift.
  • Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben.
  • Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar kenntlich gemacht und leicht zu verwenden.
  • Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang. Der ungeübte Beter dürfte also durch das Gebet gelotst werden.

Tehillat haSchem – Innenansicht – hier der Anhang mit illustrierten Erklärungen

Der Einband scheint sehr stabil zu sein, die Seiten fassen sich gut an. Ein Lesebändchen ist ebenfalls eingebunden. Erneut und großes Projekt von Chabad und das ohne staatliche Zuschüsse oder Fördermittel. Offensichtlich wurde das Projekt durch private Förderer mitfinanziert.

Eine »Rezension« des Werks und eine Minieinführung in den Brauch dem dieser Siddur folgt, ist jetzt in der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Diese kann man hier vollständig lesen.

Doch nicht genug!

Es gibt eine Ausgabe für Leser dieses Blogs!

Eine Ausgabe wurde freundlicherweise für Leser dieses Blogs zur Verfügung gestellt. Was man dafür tun muss? Das Formular ausfüllen (Name und Mailadresse). Über den »Random Number Generator« von Wolfram Alpha wird dann ein »Gewinner« ermittelt. Der Name wird nur dann veröffentlicht, wenn die Person nach Kontaktaufnahme damit einverstanden ist.

Ansonsten gibt es das Buch derzeit bei Books&Bagels zu kaufen (Link hier).

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Ein Siddur für Amsterdam – ein gutes Vorbild

In diesem Sommer erschien ein (weiteres) Meisterwerk des Koren-Verlags: Eine Mischung aus Chumasch (also Torahausgabe) und Siddur für den Minhag (Brauch) der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam.

Uninteressant für Deutschland?

Nein. Der Siddur ist für den deutschsprachigen Bereich durchaus auch interessant. Zum einen, weil es da doch Leute gibt, die sich vielleicht für die verschiedenen Minhagim interessieren. Mit der Portugiesischen Gemeinde Amsterdam haben wir einen alten Minhag ohne kabbalistische Einflüsse. So hat man Kabbalat Schabbat zwar übernommen, aber es besteht nur aus Lechah Dodi. Die Hawdalah ist ebenfalls anders. Einige Gebete werden zudem in einer anderen Reihenfolge gesprochen.
Hinzu kommt, dass einige Texte in portugiesischer Sprache gesprochen werden (etwas das Gebet für den König), oder Ankündigungen auf Portugiesisch erfolgen. Eine Liste dieser Ankündigungen (wann ist Minchah?) befindet sich ebenfalls in diesem Siddur.

Die einzelnen Aufrufe innerhalb eines Wochenabschnitts können sich von denen unterscheiden, die wir kennen. Die sind übrigens auch innerhalb des aschkenasischen Minhags stellenweise unterschiedlich – nur trägt kaum eine Ausgabe dem noch irgendwie Rechnung. In der neuen Torahausgabe des Herder-Verlags wurde das beispielsweise nicht berücksichtigt.

Zum anderen ist das Buch interessant, weil in Deutschland viele lokale Minhagim bereits verloren gegangen sind und es immer noch Menschen gibt, die nach einem gut gestalteten »jekkischem« Siddur sind. So gibt es zwar »Siddur Tefilas Yeshurun« von Rabbiner Hofmeister aus Wien und der Siddur ist auch hervorragend recherchiert, aber ein gutes Beispiel dafür, dass man zur Umsetzung wirklich jemanden fragen sollte, der sich damit auskennt. Ähnliches gilt für den Machzor Shivchei Yeshurun – großartiger Inhalt, aber nicht gut umgesetzt. Das Auge davvenent ja bekanntlich mit.

Der Weg, den die Portugiesische Jüdische Gemeinde Amsterdam ging, hat sich als richtig erwiesen. Begonnen hat ein einzelner Beter – Dr. Efraim Rosenberg – mit aschkenasischem Hintergrund. Er wollte aus vielen Büchlein und Kopien ein leicht zu nutzendes Buch am Rechner für seinen Vater zusammenstellen. Eigentlich für Sukkot, Pessach und Schawuot. Als er begann, merkte er schnell, dass es nicht bei einem einfachen Zusammenfügen von Texten bleiben würde. Andere Beter hatten ebenfalls Hinweise oder Korrekturen und so wuchs der Umfang des Materials recht schnell.

Detailansicht des Covers

Detailansicht des Covers

Das erste Ziel war nun die Zusammenstellung eines Siddurs speziell für den Schabbat und nicht mehr für die Feiertage – ein solcher Band soll wohl folgen. Und weil auch die Aufrufe und die Torahlesung einem eigenen Minhag folgten und auch heute noch folgen, sollte auch das umgesetzt werden. Da Dr. Rosenberg kein Gestalter ist, sondern Moleklularbiologe, wandten er und seine Mitstreiter sich an den Koren-Verlag und der machte aus den Unterlagen von Dr. Rosenberg ein großartiges Buch. Bei Koren konnte man sich vollkommen auf die Unterschiede konzentrieren. Der Verlag verfügt ja mittlerweile über eine riesige Sammlung von Texten vieler Minhagim (Bräuche). Hier kamen guter Inhalt, gutes Layout und große »Benutzerfreundlichkeit« zusammen. Ein großartiges Vorbild.

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier zu finden.

Detailansicht einer Seite – mit dem Gebet für den König

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam

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Gedanken für den Weg

Chajm Zwi Hirsch Brojda war das Oberhaupt einer Jeschiwah in Kelm (Litauen), die wohl ein recht ungewöhnliches Programm hatte. Denn statt sich fast ausschließlich auf den Talmud zu beziehen, spielte der wohl nur eine untergeordnete Rolle und man wandte sich statt dessen Literatur zum Thema »Mussar« zu, also einer besonderen »moralisch-ethischen« Ausbildung. Schüler anderer Jeschiwot wurden mit Empfehlungsschreiben angenommen – es war also keine Jeschiwah für den durchschnittlichen Schüler.

Eben dieser Chajm Zwi Hirsch Brojda konnte offensichtlich großartig schreiben – er hat ein Büchlein für die Reise (mit der Eisenbahn) geschrieben. Es geht es um die Analogie der Eisenbahnreise und Lebensreise und was das Rauchverbot damit zu tun haben könnte. Ein Büchlein, dem man auch heute eine große Verbreitung wünschen würde. Denn die »Hast«, die Rabbi Brojda bei der Reise mit der Eisenbahn beklagt, hat nicht gerade abgenommen. Im Flugzeug liest sich der Text ähnlich gut. Hier hat man vielleicht auch mehr Zeit dazu. Und so beginnt Rabbiner Brojda:

Mein lieber Fahrgast, wenn Du jetzt deine Reise antrittst und behaglich im Zuge sitzest, und, als ob Du zu Hause wärest, ununterbrochen durch das Fenster schaust, staunst über die zurücgelegten Strecken des Weges und erst recht, wenn Du solche Fahrt noch nicht gewohnt bist, dann denkst Du wohl bei Dir, wer hätte wohl unseren Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten gesagt, dass die Zeit auf ihren Fittigen uns solche Neuerungen bringen würde?

[…]

Wenn wir einen allgemeinen Überblick werfen über die Neuigkeiten, die unter der Sonne entstanden sind, so müssen wir fast den Erdball und was ihn füllt als eine neue Erde bezeichnen, in ihren Bahnen auf dem Festland der Länge und Breite nach, sogar unterhalb der Erde im Luftraum bis in den Himmel hinein, in ihren neuen Schiffen im Herzen des Meeres, die ihre Wege nehmen bis in die tiefsten Wasser, alle die Einrichtungen, die geschaffen wurden mit der Kraft der Elekrizität, das Telefon, und all dergleichen, die Erforschung aller Teile des Erdballes, die Wissenschaften Physik, Heilkunde, Sternkunde und dergleichen all das hat den Gipfelpunkt erklommen, so auch die kunstvollen Fertigkeiten in Gedankenarbeit und Ausführung in wunderbarer Entwicklung, also ib die Erde sich mit Erkenntnis gefüllt und ihre Weisheit unerforschlich.

Heute kann man das Buch hier online einsehen und vollständig lesen. Ich habe keine gedruckte Variante erhalten können (ich nehme gerne eine entgegen).

Gerne hätte ich den Text digitalisiert, aber das geht aus drei Gründen nicht:

  • Ich konnte nicht herausfinden, wer der Rechtsnachfolger des Verlags Itzkowski ist bzw. welcher Verlag nun die Rechte für die Bücher übernommen hat. Dementsprechend konnte ich die Einräumung dieser Rechte nicht erfragen.
  • Der Übersetzer, Dr. Abraham Michalski, starb 1961 in Tel Aviv. Er hinterließ keine Kinder und es ist aus jetziger Sicht nicht ermittelbar, wer seine Erben sind. Dementsprechend kann man die Einräumung der Rechte ebenfalls nicht erfragen. Die Rechte an diesem Werk dürften »verwaist« sein, allerdings ist es bei solchen Werken in Deutschland nicht erlaubt, sie zu nutzen.
  • Der Autor selber hat eine Warnung an denjenigen aufgenommen, der das Buch unerlaubt weiterverbreitet: »CHAZUWA (die Anfangsbuchstaben des Autoren) lähmt die Füße der Frevler (Traktat Bezah 25) – siehe Raschi – es ist ein Kraut, dessen Wurzeln senkrecht stehen und nicht in fremdes Gebiet übergreifen, darum warne ich jeden, mich zu benachteiligen und dies zu drucken ohne meine oder meiner Nachkommen Erlaubnis uns unseren oder anderen Ländern, bekanntlich ist dies auch nach Gesetzen der Regierung und ihren Vorschriften verboten. Und die darauf hören, sind gesegnet!«

Wer Abhilfe schaffen kann: Nur zu!
Auf dem Titelblatt steht Broda – die jiddische Schreibweise wäre jedoch Brojda.

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Die Propheten des Herder Verlags

1858 hat Rabbiner Ludwig Philippson (1811–1889) ein, bis heute unübertroffenes, Mammutwerk geschaffen:
Die »Israelitische Bibel«. Philippson fertigte eine vollständige Übersetzung des Tanach an, fügte einen ausführlichen Kommentar hinzu, zahlreiche Bilder und einen hebräischen Originaltext.
2015 hat der Herder-Verlag die Übersetzung Philippson neu aufgelegt – jedenfalls zunächst einen Teil davon:
Der Teil »Tora(h)« wurde als eigener Band publiziert und die »bewährte« Übersetzung Philippsons, in leicht überarbeiteter Form, wieder zugänglich gemacht.

Es blieb nicht dabei, den Text aus der Frakurschrift »abzuschreiben.« Ein Herausgeberteam um Walter Homolka, den Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, überarbeitete zurückhaltend die Übersetzung von Philippson, die sich nicht im Austausch veralteter Begriffe und einer modernisierten Orthografie erschöpfte.
Die Arbeit an einer Neuausgabe eines klassischen Texts wird gemeinhin unterschätzt. Der Text muss zunächst sorgfältig digitalisiert werden, dann hat Philippson auch schon einmal einen Satz in der Übersetzung vergessen, es gibt Druckfehler oder Zeichendreher im Original, Wörter müssen behutsam in eine moderne Sprache gebracht werden, ohne die Gesamtwirkung zu zerstören. Eine Arbeit vieler Hände. Jedes Buch der Tora dieser Neusausgabe wurde jeweils von einem kleinen Text aus liberaler Perspektive eingeleitet. Den hebräischen Originaltext fand man auf jeder Seite.
Genau mit diesem Ansatz hat das Team nun auch die »Propheten – Newi’im« umgesetzt. Das Ergebnis sind etwa 1.300 Seiten in einer handlichen Ausgabe. In dieser Überarbeitung behält der Text Philippsons seinen alten »Klang«, aber er ist auf weiten Strecken verständlicher als der Text in der Originalausgabe.

Gestalterisch orientiert sich der deutsche Text ein wenig an der verwendeten hebräischen Schrift. Weiterlesen