Artikel

Reaktionen auf Antisemitismus-Bingo

Der Anschlag von Halle jährte sich fast gerade und nun kam in Hamburg ein weiterer Übergriff auf einen Synagogenbesucher hinzu. Die Herausforderung für die Politik war dementsprechend groß: Wie würde man adäquat darauf reagieren? Die Herausforderung lautete: Darauf reagieren ohne die Phrasen »ein Angriff auf uns alle«, »wehret den Anfängen«, »… darf nicht toleriert werden« zu verwenden. Dieses Mal war eigentlich etwas konkretes gefordert. Leider war es dieses Mal wieder Phrasenzeit. Phrasen, die eigentlich hinlänglich bekannt sein sollten – sollte man meinen. Also Jüdinnen und Juden kennen sie. Deshalb wird es Zeit für eine vereinfachte Version von Bingo (Spielplan kann man sich unten herunterladen).

Jüdinnen und Juden können dieses Bingo spielen, indem sie die auftauchenden Phrasen markieren. Natürlich sind sie im Vorteil, sie haben das alles schon sehr oft gehört. Die Regeln sind gelockert. Wer vier Kästchen markiert, hat verloren und kann sicher sein: Hier wird konkret überhaupt nichts passieren. »Ein Angriff auf uns alle…« hat den Status »Ultraabgegriffen« und zählt doppelt.

Politikerinnen und Politiker können dieses Bingo spielen, indem sie schauen, welche Phrase in ihrer Rede auftaucht. Hat man einen Treffer, dann wird dringend empfohlen, entweder ehrlich zu sagen: »Ich weiß jetzt auch nicht weiter« oder lieber etwas konkretes zu tun. Wenn das nicht geht: Warten, bis einem etwas einfällt.

Zu Hamburg noch ein Satz

Für Hamburg wurde im Februar 2017 eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle gefordert. Die CDU forderte »Juden müssen sich hier sicher fühlen«. Dafür sollte natürlich auch ein wenig Geld in die Hand genommen werden. Wenn die Gesamtgesellschaft ihre Verantwortung ernst nimmt, dann wäre es von der Forderung nach einer solchen Meldestelle ein kurzer Weg zur Umsetzung. In Hamburg war es jedoch nicht so. Dort beriet sich der Sozialausschuss und der Plan wurde nicht zur Umsetzung angenommen. Mit den Stimmen von SPD und Grünen. Die beiden (in Hamburg) damals regierenden Parteien waren der Meinung, eine »Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt« reiche aus. Dabei hat die einen anderen Fokus als der Vorschlag der CDU Hamburg (siehe Post von 2017 dazu: Gegen Antisemitismus? Ach nö Digga).

Update

Über Twitter (Danke @SexyKroellwitz) gab es noch eine Ergänzungen:
»…ist ein Weckruf…«, »…war ein Alarmzeichen…«, »… in unserer Stadt ist für Antisemitismus kein Platz…« und »…Versöhnung…«. Diese Punkte sind in Version 2 eingegangen. Die gibt es unten ebenfalls zum Download_

Bingo herunterladen? Kann man hier:

Artikel

Virtuelle Gäste zu Sukkot

Kiddusch für Sukkot (beim Ba’al haBlog)

Seitdem es einen Film namens »Uschpisin« gibt, findet man jede Menge Material darüber und immer weniger über diesen Brauch von Sukkot.

Für die Jüdische Allgemeine habe ich aufgeschrieben, dass man ihm – in Zeiten von Corona – eine neue Ebene hinzufügen kann, aber natürlich auch, woher der Brauch kommt.

Den Artikel kann man im Volltext hier lesen: Jüdische Allgemeine – Virtuelle Gäste

Artikel

Die Lehre aus Halle?

Was könnte die Lehre aus dem Anschlag auf die Synagoge in Halle sein?
Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff scheint da seine eigene Theorie zu haben.
Christina Feist, die während des Anschlags in der Synagoge von Halle war, hat auf Twitter vom diesjährigen Jom Kippur in der Synagoge von Halle berichtet (hier). Den »Thread« sollte man sich durchlesen, denn er ist nahezu exemplarisch für den Umgang mit lebendigem jüdischen Leben in Deutschland.
Nachdem die Delegation um den Ministerpräsidenten in das laufende Gebet geplatzt war und es deshalb unterbrochen werden musste, sagte dieser in einer kurzen Ansprache:

»Was letztes Jahr geschah, wäre nicht passiert, wenn es mehr Versöhnung gäbe.«

Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff an Jom Kippur in der Synagoge von Halle Tweet von Christina Feist

Es wäre also an der Zeit, dass Jüdinnen und Juden endlich mal mit den »Deutschen« versöhnen?
Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass anschließend (laut Tweet) ein christlicher Vertreter eine Ansprache gehalten hat und den Torahabschnitt von Jom Kippur ausgelegt hat.
Wer also erfahren möchte, dass es eventuell mit der Haltung der Mehrheitsgesellschaft ein Problem gibt, der sollte sich den Thread durchlesen hier (zusammengefasst auf einer Seite).
Man möchte fast Mitleid mit denen haben, die über den Besuch in der Synagoge berichten wollten. Das wären tolle Bilder gewesen. Jüdische Beter, festlich gekleidet, festliche Atmosphäre und in der Mitte der Landesvater, der zu den lieben jüdischen Mitbürgern spricht. Ach nein. Doch kein Mitleid. Jüdinnen und Juden sind keine Dienstleister.

Artikel

Nicht zwei Geschichten an zwei Tagen Rosch haSchanah

Die Torahlesung(en) von Rosch haSchanah sind Abschnitte, die aufeinander folgen. Der Abschnitt des zweiten Tages folgt in der Torah direkt auf den Abschnitt des ersten Tages (hier nachzulesen). Im Abschnitt des ersten Tages wird die Geschichte von Awraham, Hagar und Jischmael gelesen. Sie ist bekannt: Sara verlangt von ihrem Mann, Hagar und deren Sohn Jischmael, der auch der Sohn Awrahams ist, wegzuschicken. Am zweiten Tag dann die Awraham, Sarah und Jizchak. Awraham wird von G-tt aufgefordert, seinen Sohn Jizchak als Opfer zu bringen. Ein schwieriger Abschnitt. Zwei interessante Geschichten. Nein! Eine Geschichte! Beide Schilderungen nehmen sprachlich und inhaltlich aufeinander Bezug. Ineinander verwoben. Nicht einfach eine Abfolge von: »er hat das gemacht, dann das, dann jenes…«.

Den gesamten Artikel dazu kann man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen nachlesen: Hier »Familiengeschichten«.

Bild: Die Fortsendung Hagars von Moyses van Wtenbrouck, entstanden um das Jahr 1620

Artikel

Sehbefehl: Masel Tov Cocktail

Dima

Spielfilme über Jüdinnen und Juden in Deutschland gibt es nicht extrem viele. Meist öffentlich-rechtlich gedreht, nur wenige davon haben alle glücklich gemacht – also innerhalb der jüdischen Community. Außerhalb natürlich schon. Wann immer es etwas stereotyp wurde, wurde dem Zuschauer warm ums Herz. Ja – so sind sie, die Leute im Film. Irgendwie immer liebenswert/schlau/intelligent/witzig – man kann sich etwas aussuchen.

»Masel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Drehbuch Arkadij Khaet und Merle Kirchhoff) gehen einen anderen Weg. Laut der Filmemacher gehören in den »Masel Tov Cocktail«

Zutaten: 1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Verzehr: Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen. 100% Koscher.

Der Film konzentriert die zahlreichen Erlebnisse, die jüngere Jüdinnen und Juden über die Zeit sammeln, auf einen Tag im Leben von Dima (gespielt von Alexander Wertmann), der mit vollem Namen Dimitrij Liebermann heißt und kurz vor dem Abitur steht. Dima hat Tobi in der Schule einen kräftigen Schlag verpasst und ihm die Nase gebrochen. Dafür soll er sich nun bei Tobi entschuldigen. Was er eigentlich nicht will. Man sieht schon warum. Also zieht Dima durch seine Gegend – endlich mal das Ruhrgebiet statt immer nur Berlin – und teilt seine Gedanken. Es wird nur wenige jüdische Zuschauer geben, die nicht nicken, denn sie sind alle dabei: Die verständnisvollen Betroffenen, diejenigen, die nicht »Jude« sagen können, der Schuldirektor, der sich einen dankbaren Juden wünscht, der Typ aus der Gemeinde der fragt, wann mal wieder kommt – aber ich will nicht alles ausplaudern. Alles großartig geschnitten. Der Film nimmt richtig Tempo auf.

Zwischendurch spricht Dima direkt mit dem Zuschauer. Hier gelingt tatsächlich der Kunstgriff, dass sich sowohl Jüdinnen und Juden wiederfinden, aber auch Nichtjuden abgeholt werden. Nichtjüdischen Leuten in Dimas Alter sollte der Film unbedingt gezeigt werden. Das wird funktionieren, weil Bildsprache und Dialoge hier voll aufgehen. Sogar kurze Einspieler mit »Bonusinformationen« sind unterhaltsam in den Kontext eingebracht. Wie viele Deutsche haben wohl tatsächlich ihren jüdischen Nachbarn zur Zeit der Schoah geholfen? In der Selbstdarstellung waren es sehr viele, das wird schon der oder die andere mal gehört haben. Aber in der Realität?
Unbedingter Sehbefehl an dieser Stelle.

Wo kann ich den Film sehen? Auf dem JFBB

Der Film »wandert« schon seit einiger Zeit durch das Land, doch nun hat man über das »Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg« die Möglichkeit, sich den Kurzfilm streamen zu lassen (hier). Das sollte ab dem 7. September 2020 für 7 Tage möglich sein.

3Sat hat einen kurzen Film zum Film produziert (hier zu sehen). Der ist eine interessante Mischung aus Interview (mit Regisseur und Hauptdarsteller) und Trailer. Interessant, dass 3Sat einen jüdischen Friedhof als Ort für das Interview ausgesucht hat…

Wo kann ich den Film sehen? Update

Der Film ist (ja, für Eure »Zwangsgebühren«) nun in der ARD-Mediathek zu sehen (hier).

Artikel

Hamburgs liberale Gemeinde

Wenn Rabbiner Walter Rothschild eine zusätzliche Superhelden-Identität hätte – ich bin mir nicht sicher, ob er nicht vielleicht eine hat – wäre er vermutlich »Machlojkes-Man«. 
Nicht weil er streitsüchtig wäre, sondern weil er jemand ist, der alles grundsätzlich hinterfragt. Wenn ihm jemand sagt: »Das ist der Status Quo«, wird Rabbiner Rothschild antworten: »Warum?«.Das ist eine hervorragende Eigenschaft für einen Rabbiner, aber eine unangenehme für diejenigen, die es gerne gemütlich und statisch haben. Es wäre euphemistisch zu behaupten, Rabbiner Rothschild wäre damit »angeeckt« (siehe etwa den Tagesspiegel). »Angekantet« oder »angepfostet« wären bessere Begriffe dafür.
In einer rabbinergeführten Gemeinde, wie es sie zuweilen außerhalb Deutschlands gibt, könnte er sein gesamtes Potential entfalten.

Zuletzt wurde er nach Hamburg ge- oder berufen. In die »Liberale Jüdische Gemeinde«, die sich als »Nachfolgegemeinde des Neuen Israelitischen Tempelverein(s) von 1817 (5578)« betrachtet (laut Homepage). 2017 zunächst als »Assistenz-Rabbiner« seines Reform-Amtskollegen Mosche Navon. In diesem Jahr dann als »Vertretung«.
Dieser war zu diesem Zeitpunkt noch Rabbiner dieser Gemeinde und wurde (ernsthaft) krank. Er musste ins Krankenhaus und zog Rabbiner Rothschild ins Vertrauen. Das könnte man durchaus als »verantwortungsbewußt« bezeichnen.
»Machlojkes Man« sollte also den Rabbiner vertreten. Er kam dann auch, allerdings nur für kurze Zeit, denn er erhielt Hausverbot in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg.
Ist das die ganze Geschichte?
Natürlich nicht. Wie in jeder Geschichte über Superhelden, treten sie dann auf den Plan, wenn ihr eigentliches Ich eine Ungerechtigkeit aushalten musste. Hier allerdings ohne einen großen Triumph.
Rabbiner Rothschild ließ nämlich nicht locker, obwohl es nicht mehr nur um ihn ging:

Noch während Navon im Krankenhaus war, meldete der Evangelische Pressedienst am 18. Juni, dass man einen neuen Rabbiner für Hamburg gefunden hätte.

Rabbiner Daniel Alter sei der Nachfolger von Navon bzw. von Rabbiner Rothschild. Das fand schnell den Weg auf »Welt«-Online. Zu diesem Zeitpunkt war die Nachricht allerdings so nicht ganz richtig. Es war wohl geplant, dass Rabbiner Alter die Krankheitsvertretung übernimmt. Irritierend daran war, dass sowohl die Gemeindevorsitzende, als auch Dritte, die es besser hätten wissen müssen, die Meldung über die sozialen Medien weiterreichten. Und zwar in der Form: Rabbiner Alter kommt nach Hamburg. Der Pressedienst hat die Meldung später übrigens geändert und daraus eine Krankheitsvertretung gemacht.

Unbeteiligte haben spätestens jetzt gemerkt: Hier stimmt etwas nicht.

Am 3. Juli, also nur etwa zwei Wochen später, sendet die Gemeinde, besser gesagt, die Vorsitzende, eine Mail aus:

» […] unsere Gemeinde hat heute nach 5-jähriger Tätigkeit den Landesrabbiner Dr. Moshe Navon in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Rabbiner Dr. Navon hat sein Rentenalter bereits im April 2020 erreicht, somit wurde laut Vertrag sein Dienst bei der LJGH e.V beendet.«

Rundmail an Mitglieder des Freundschaftsvereins

Zu diesem Zeitpunkt war Rabbiner Navon noch krankgeschrieben.

Im NDR erfahren wir von Rechtsanwalt Felix Meschenmoser, der Rabbiner Navon mittlerweile vertritt, dass dieser eine Kündigung erhalten habe und vier Monate rückwirkend durch die Gemeinde von der Krankenversicherung abgemeldet wurde – wir erinnern uns – Rabbiner Navon lag im Krankenhaus. Sicherlich kein günstiger Spaß.
Anwalt Meschenmoser berichtet auch, dass ihm eine Zusicherung aus der Vergangenheit vorliege, in der die Gemeindevorsitzende Galina Jarkova, dem Rabbiner verspricht, ihn auch nach dem Eintritt ins Rentenalter weiter zu beschäftigen. Dazu ist es dann aber doch nicht gekommen. Der Anwalt hält das für unzulässig.

Nahezu zeitgleich meldeten sich zwei Mitglieder des Vorstands und berichteten, dass sie von den Vorstandssitzungen ausgeschlossen worden seien. Am Anfang des Jahres seien sie zuletzt bei einer solchen Sitzung anwesend gewesen. Danach seien alle Beschlüsse, inklusive des Haushaltsplans, durch die Vorsitzende und einen Schatzmeister getroffen worden.

Rabbiner Rothschild hat sich also nicht zurückgezogen, sondern machte die Sache dann publik. Der NDR hat, wie beschrieben, darüber berichtet. Die Sache beschäftigt nun ein Gericht.
Offen dürfte noch sein, ob der oder die Vorstandsvorsitzende einfach andere Mitglieder des Vorstands abberufen kann. Wenn das in der Satzung steht, wäre das wohl zulässig, aber irgendwie natürlich eine seltsame Konstruktion.

Der Vorstand hat unterdessen Kontakt zu den Mitgliedern und den »Freundschaftskreis« (der Freundschaftskreis ist offenbar eine Gruppe nichtjüdischer Unterstützer) der Gemeinde aufgenommen: Es wurde deutlich gemacht, dass nur Mails von bestimmten Absenderadressen für die Gemeinde sprechen dürften. Andere seien nicht befugt, zu kommunizieren.

Einer dieser Rundbriefe enthielt ein bemerkenswert offenes Statement und eigentlich hätte man diesen Artikel nur auf dieses Statement herunterbrechen können:

»Es ist zu beachten, dass es in unserer Gemeinde noch immer einzelne Personen gibt, die von persönlichen Interessen geleitet sind, unterschiedliche Meinungen und Aussagen zulassen und damit Spannungen im Kollektiv erzeugen.«

Zitat aus einem Rundbrief

Augenblicklich ist noch alles offen. Machlojkes-Man hat also nicht gewonnen, aber dem Vorstand hätte vermutlich klar sein müssen (siehe etwa den Bericht in der Welt), auf was er sich da einlässt. Einer Auseinandersetzung geht er nicht aus dem Weg. Offenbar geht es Machlojkes-Man nicht um den Sieg, sondern irgendwie um Gerechtigkeit. Was Rabbiner Navon betrifft: Hier ist bis zur gerichtlichen Klärung alles offen. Vielleicht erklärt sich die Gemeinde zuvor noch öffentlich. Der Schaden geht über das hinaus, was Rabbiner Navon passiert ist.

Artikel

Eine liberal-chassidische Jeschiwa in Dresden

Die Auflistung der Strömungen ist eine nie versiegende Beschäftigungsquelle. Ständig tut sich etwas. Wobei in letzter Zeit beständig »Mikroströmungen« und Gruppen entstehen. Das ist natürlich auch eine Auswirkung der voranschreitenden »Individualisierung«, die immer speziellere Interessen erlaubt. Hier verschwimmen Grenzen beständig. Das könnte ein guter Trend, es sei denn, man denkt gerne in festen Schemata oder versucht das alles irgendwie darzustellen.
Jedenfalls tauchte kürzlich eine neue Bezeichnung auf: liberal-chassidisch.
Also eine Mischung aus liberalem und chassidischen Judentum? Vermutlich soll es das sein.

Der Kopf dahinter ist Rabbi Akiva Weingarten. Wer sich über ihn informiert, merkt schnell, dass Rabbi Weingarten sich gar nicht so übel findet. Seine »Über mich« Seite zeigt ihn auf smarten Fotos in smarten Posen. So ein keckes Bild eines Rabbiners im hölzernen Sessel habe ich bisher noch nicht so häufig gesehen.
Vor einiger Zeit kam Rabbiner Akiva Weingarten aus Israel nach Deutschland. Da hatte er schon mehrere (orthodoxe) Smichot in der Tasche. Zugleich ist er ein Aussteiger, denn er wurde in die Welt der Satmarer geboren – ja- wie Deborah Feldman. Die Popularität ihres Buchs erzeugt natürlich auch eine gewisse Aufmerksamkeit für Rabbiner Weingarten. So lag es doch nahe, dass die ZEIT einen Artikel über ihn betitelte mit »Der Unorthodoxe«. In Deutschland studierte er am Abraham-Geiger-Kolleg und ging dann nach Dresden. Dort und in Basel (bei der Liberalen Jüdischen Gemeinde Migwan) ist er Rabbiner. Also liberal-chassidischer Rabbiner. Ein liberaler Rabbiner mit Schtreimel. Das wird übrigens in der Berichterstattung nicht selten hervorgehoben.

Ein Rabbiner ohne Schüler? Nicht denbkar!

Nun kommt ein weiteres Betätigungsfeld dazu. Er hat eine Jeschiwa gegründet. Folgerichtig eine »liberal-chassidische«. Die Beschreibung des Curriculums der »Besht Yeshiva Dresden« liest sich derzeit noch wie eine Mischung aus Aussteigerprogramm und religiösem Support. Also Berufsvorbereitung, Integrationsunterricht und Selbstreflexion.

Die Website der »Besht Yeshiva Dresden«.

Laut Website möchte Rabbiner Weingarten das nicht alleine angehen. Es werden wohl zwei weitere Rabbiner nach Dresden kommen und ihn unterstützen. Ein wenig ist wohl auch der Plan dahinter, etwas mehr jüdisches Leben nach Dresden zu holen (Zitat von der Website: »Dresden hat großes Potenzial für die Wiederbelebung des jüdischen Lebens«).

Das jüdische Leben in Deutschland mag zahlenmäßig seine Grenzen haben, aber langweilig ist es in den letzten Jahren nicht geworden. Eine neue Strömung und eine neue Jeschiwa! Seien wir gespannt, was wir von dort hören werden. Uncharismatisch ist Akiva Weingarten nicht. Nachdem was man hört, kann er mit Menschen umgehen. Das dürfte es ihm leichter machen, etwas zu erreichen. Ein neuer Player ist auf dem Feld!

Nicht zu vergessen: In Berlin gibt es auch eine Besht-Gruppe. Diese geht auch auf die Initiative von Rabbier Weingarten zurück.

Artikel

In der deutschen Sprache zuhause – Dr. Lia Frank

Ihre Geschichte ist außergewöhnlich und »typisch« zugleich. 
Sie kam 1990 nach Deutschland. Das könnte eine Wende im Leben sein. Migration, Neubeginn.
Tatsächlich hat Dr. Lia Frank angeknüpft und das ist das außergewöhnliche an ihrer Geschichte.
Lange bevor sie 1990 nach Deutschland kam, veröffentlichte sie in deutscher Sprache und fühlte sich der Sprache »zugehörig«.
Und das wiederum ist das »typische« an der Geschichte: Die Uneindeutigkeit.
Sie beginnt schon beim Geburtsort von Dr. Lia Frank. Sie wurde 1921 in Kowno geboren. Die Stadt, die auch Kaunas hieß, gehörte in einer Phase der Geschichte mal zu Polen und dann wieder zu Litauen. Unklare Verhältnisse. Während die politischen Rahmenbedingungen sich beständig ändernten, lebte die jüdische Bevölkerung mittendrin. Vielleicht die ersten richtigen Europäer Europas.
Im Jahr 1900 waren 37% der Einwohner der Stadt Kowno/Kaunas jüdisch. Ein Teil von ihnen sprach Polnisch, einige Jiddisch, andere wiederum nutzten Deutsch als Sprache des Bürgertums. 
Weil der Vater die polnische Staatsbürgerschaft hatte, verließ er nach Verlust seiner Arbeit (Lehrer) Kowno-Kaunas und ging zunächst mit seiner Frau und seiner Tochter nach Berlin. Verwandte brauchten dort die Hilfe der Mutter. 
In Berlin wurde »natürlich« Deutsch gesprochen. 1929/1930, als sie 9 oder 10 war, zog die Familie dann mit einem Onkel nach Lettland. Der Vater fand in der kleinen Stadt Ludza eine Anstellung als Lehrer. Lia besuchte die jiddische Schule und lernte dort auch etwas Lettisch. Es kamen also weitere Sprachen dazu. Offenbar beherrschte sie diese so gut, dass sie später das lettische Gymnasium besuchen durfte.
Die Zulassung zum Jurastudium war eine Bewährungsprobe. Abschlussprüfung und Zulassungsprüfung wurden von den Behörden zusammengelegt. Später schilderte sie, dass es offenbar nicht erwünscht war, dass jüdische Jugendliche einen Studienplatz erhielten. Den Abschluss erhielt, wer auf eine Zulassung verzichtete. 
Sie erwirkte dennoch, dass sie an der Universität angenommen wurde. Statt des Studiums erwartete sie ein Umbruch. 

Die politischen Verhältnisse wechselten erneut. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion.
Die Familie ging nach Swerdlowsk im Ural. Dort beendete sie ihr Studium und wurde tatsächlich Juristin. Russisch war hier natürlich die Sprache der Wahl. Einer ihrer beiden Söhne kam dort zur Welt. Wie sie berichtete, machte es ihr zu schaffen, dass man es am weitesten mit kleinen finanziellen Gefälligkeiten brachte. Sie kehrte ihrer Tätigkeit als Anwältin den Rücken und wandte sich der Vermittlung von Fremdsprachen zu.

Welche Sprache war ihre eigene Sprache, mag man sich hier fragen?

Nach Tadschikistan Fast ein Neubeginn

Dann wieder ein Umbruch. Raus aus dem Umfeld. In Duschanbe (in Tadschikistan) war eine neue Universität entstanden. Ein neuer Beginn ohne verkrustete Strukturen erschien denkbar. Eine neue Umgebung, aber etwas mehr zuhause.
Während sich also die äußeren Parameter ständig änderten, wandte sich Lia Frank der Dichtung zu. Ab 1963 nahezu ausschließlich in deutscher Sprache. Sie sah sich als »sowjetdeutsche« Schriftstellerin – fasste den Begriff also nicht »ethnisch« auf, sondern kulturell. 
Gut kann man das in einem Gedicht aus dem Jahr 1991 nachvollziehen (ein Ausriss aus dem Gedicht »Lebenslänglich«):

An euch gekettet
durch eure Sprache
eure Gedichte
und eure Lieder

[…] an denen ich zerre,
mich zerfleischend,
und die ich nicht lassen kann,
wie mein Leben.

Und sie war fleißig. Veröffentlichte zahlreiche ihrer Texte in der Sowjetunion. Das mag überraschen, aber deutschsprachige Publikationen gab es in der Sowjetunion. 1955 wurde die erste deutschsprachige Zeitung des Staates gegründet.  1957 folgte die Zeitung »Neues Leben« in der Lia Frank – unter anderem – veröffentlichte.

Sie wandte sich später sogar Haikus zu und veröffentlichte nach ihrer »Rückkehr« nach Deutschland, auch hierzu in deutscher Sprache. Die »deutsche Haiku Gesellschaft« veröffentlichte einen ihrer theoretischen Texte zu dieser besonderen literarischen Form. 

Nach Deutschland Ein Kreis schließt sich

1990 war dann das Jahr, in dem sich der große Kreis schloss. Duschanbe wurde im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen zu einem ziemlich heißen Pflaster für »Russen«, also für alle Bewohner, die als Nicht-Tadschiken zu identifizieren waren. Ihr jüngerer Sohn begleitete sie nach Deutschland. Der ältere Sohn ging später nach Israel. Seine Familie, also Lia Franks Schwiegertochter und ihre Enkelin sollten später folgen. Die erste Station war die kleine Stadt Zittau. Schnell ging es von dort nach Berlin (mit einem kurzen Aufenthalt in Sigmaringen). Die Enkelin folgte tatsächlich etwas später. Es sollte sich zeigen, dass Lia Franks Entscheidung, schon in Duschanbe mit ihrer Enkelin Deutsch zu sprechen, hier nun natürlich mehr als hilfreich war. So begann die Enkelin nicht vollständig neu.

Dr. Lia Frank, Porträt

Das neue Kapitel beschreibt sie selber in ihrem Gedicht »Exodus Drei«:

Exodus Drei
Bin ich Gast? 
Bin ich heimgekehrt? 
Zeit rundet sich, läuft verkehrt –
auf den Anfang zu… 

Zum Andenken zwei Kieselsteine.
Ausgetreten auch 
dieser Brand … weshalb noch weinen? 

Ins Gestern 
tauche ich ein –
in die Sprache, 
die ich vermisste, 
die so fern war, 
wie jetzt mein Heim…

Ich weiß: 
beide dürfen 
nicht beisammen sein…
Berlin im September 1990.

Die Überschrift dieses Artikels »In der deutschen Sprache zuhause« müsste also eigentlich mit einem Fragezeichen versehen werden und führt zum Thema Uneindeutigkeit zurück.

In Deutschland wirkte Dr. Frank weiter und verstarb letztendlich im April 2012 in Berlin. Gewürdigt wurde ihr Wirken immer einmal von Interessierten kleinerer Zielgruppen, wie der Deutschen Haiku-Gesellschaft (siehe hier).

Die Enkelin, Jana Frank, die heute in Berlin lebt und ebenfalls eine Künstlerin (wie ihr Vater und ihre Mutter) ist (und das offenbar recht »erfolgreich« – ihr russischsprachiger Blog hat 45.000 Abonnenten) hat Dr. Frank in ihrem letzten Lebensabschnitt weiter begleitet und berichtet, dass es offenbar noch unveröffentlichte Texte gibt. Ein Manuskript mit der autobiographischen Beschreibung der Lebensgeschichte ist der Familie verloren gegangen.

Möglicherweise findet sich jemand, der das literarische Erbe von Dr. Frank in der Ausführlichkeit würdigt, das es verdient hat. Dieser Blogeintrag ist vielleicht nur ein (sehr) kleiner Beitrag dazu, aber es ist einer.
Mehr Lesematerial gibt es in diesem kasachischen Sammelband (in deutscher Sprache natürlich).

Ich danke der Familie von Dr. Lia Frank, vertreten durch die Enkelin Jana Frank für die Erlaubnis, Texte und Bilder zu verwenden.

Artikel

Das Ende der Causa Mbembe

Neigt sich die »Causa Mbembe« etwa ihrem Ende zu?

Dann wäre ein Text von Lea Rosh mit dem Titel »Er ist unser Wächter« in der FAZ der skurrile Schlusspunkt dieser ganzer Angelegenheit. Eine solche »Verteidigung«, in der Rosh von einem »wir« spricht (von wem ist da überhaupt die Rede?) und zurückweist, bedauert und wirbt, hat diese gesamte Angelegenheit nicht verdient.

Die »Causa« hat uns mehr erzählt.

Natürlich, die Ruhrtriennale fand letztendlich nicht statt und man könnte behaupten, es eine Diskussion »L’art pour l’art« gewesen. Oder es ging allein um den guten Ruf von Achille Mbembe.

Achille Mbembe legte viel Pathos in die Diskussion. Seine Stellungnahme in der »taz« begann er mit der Versicherung, dass es ihm gut gehe. Schließlich gäbe es ja auch Grund zur Sorge. Als spräche da nicht Achille Mbembe, sondern Salman Rushdie. Natürlich – um was geht es? Den langen Arm des Weltjudentums? Wir alle kennen ja in der jüngsten Geschichte Fälle von Persönlichkeiten, die nach Antisemitismusvorwürfen ein Leben im Untergrund führen mussten. Mel Gibson, Dieudonné oder Jakob Augstein. Karrieren am Ende. Oder die Antisemiten, die es erwiesenermaßen waren: Nehmen wir mal Richard Wagner. Nachdem sein Antisemitismus bekannt wurde, wurde seine Musik in Deutschland ja bekanntlich nicht mehr gespielt und die Person geächtet.

Kant, für den Juden »Vampyre der Gesellschaft« waren – wer spricht heute noch über Kant? Ich denke, es ist klar, was gesagt werden sollte. 

Mikrovorwürfe Eine effektive Methode

Diese kleinen eingebetteten Vorwürfe, nennen wir sie »Mikrovorwürfe«, haben sich in der Diskussion und den Köpfen der Menschen festgesetzt und werden kaum noch wahrgenommen. Sie bleiben deshalb unwidersprochen: Israel ein Apartheidstaat, Israel als Kolonialstaat, Israel habe einen fanatischen Zerstörungswillen, wer Israel kritisiert, müsse sich fürchten, Israel beziehe seine Legitimation aus religiösen Ansprüchen und einige mehr.

Im Fokus der Diskussion um Achille Mbembe standen zwei Vorwürfe. Sie waren recht schnell in der Welt, als angekündigt wurde, Mbembe würde auf der Ruhrtriennale auftreten. Ein angeblicher Holocaustvergleich wurde entdeckt und der Vorwurf geäußert, der zukünftige Redner stünde »BDS« nahe. 

Diese wurden mit Sicherheit etwas zu früh geboren und es riecht danach, als habe man sich irgendetwas bei google zusammengesammelt, um Mbembe zu überführen. Aktivismus schlug hier Besonnenheit. Hätte man sich zwei Tage mehr Zeit genommen, um Mbembes Haltung anhand seiner Texte zu analysieren und sich mit Kennern der Materie ausgetauscht, wäre man zu dem Ergebnis gekommen, dass der gefeierte, ja geliebte, Historiker blumig an den Tisch der Verständigung einlädt, aber doch eigene Probleme mit Jüdinnen und Juden vielleicht nicht analysiert hat. Dass seine Haltung zu BDS bewusst ambivalent ist, hätte man vielleicht ebenfalls schon im Vorfeld erkennen können. Der mutmaßliche Holocaustvergleich war zu vernachlässigen gegenüber anderen Dingen, bei denen er sich aus dem Repertoire eines klassischen europäischen Antisemitismus bedient hat: »Pharisäer und Zeloten« sind für ihn Heuchler und das Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« bemüht er ebenfalls. In »Politik der Feindschaft« lässt sich Mbembe über das »göttliche Existenzrecht« Israels aus und der Topos von der »Exklusivität« Israels (als auserwähltes Volk) bemüht. Einem Textarbeiter, wie Mbembe einer ist, kann durchaus zugetraut werden, dass er Herkunft und Absicht der sprachlichen Mittel kennt.

Ein Beispiel  seiner bewussten Ambivalenz war in der ZEIT zu lesen (siehe Artikel dazu). In seinem Text schrieb er, er befasse sich nicht mit Israel, spricht aber dann »über Bande« natürlich doch über den Staat Israel – indem er nämlich über die Situation der Palästinenser spricht. So hält er es auch mit BDS. Äußerungen sind zum Teil etwas vage. So hat er an einer Konferenz an der Universität Stellenbosch 2018 erst dann teilgenommen, als sichergestellt war, dass Professorin Schifra Sagy von der Ben Gurion Universität nicht kommen würde (siehe dazu welt.de). In Interviews positioniert er sich aber nicht unbedingt in der BDS Bewegung.

Streiten über BDS Warum?

Darüber wurde aber viel zu wenig diskutiert. Wir haben uns rückwärts bewegt. Es wurde wieder über BDS gestritten – dabei gibt es schon einen Beschluss des Bundestages der BDS deutlich einordnet. Und nun müssen wir wieder neu beginnen? 

Wer schon gehört hat, wie Anhänger von BDS ein Zeitzeugengespräch mit einer Schoahüberlebenden niedergeschrien wird, nur weil die Dame heute israelische Staatsbürgerin ist, wird sich fragen, ob da Diskussionsanspruch angemeldet wird, oder schon Totalitarismus am Werk ist. Die Fürsprecher werfen dem Staat Israel gerne vor, er kontere jede Kritik mit der Schoah, so ist man dort ebenso schnell mit entsprechenden Vergleichen unterwegs. Wer erinnert sich noch an das verhunzte Logo von Israels Gastgeberschaft des Eurovision Song Contests mit den SS-Runen? Oder Proteste gegen Personen, nur weil sie israelische Staatsbürger sind, wie eben die Überlebende Dvora Weinstein. Verteidiger raunten über den Bundestagsbeschluss zu BDS, er »trage antisemitische Züge«.

Wenn es nach Omar Barghouti geht, einem Mitbegründer der BDS Bewegung, dann hätten Juden überhaupt keinen Platz auf dem geographischen Gebiet den es heute einnimmt. »Nicht in Palästina« ist seine Haltung. Palästina ist überall da, wo auch Israel heute ist. Und damit sind wir beim »Zionismus« angekommen. Laut BDS ist der Zionismus, der »ideologischer Pfeiler des israelischen Besatzungsregimes, Siedler-Kolonialismus und Apartheid.« Das sind Begriffe, die sich auch bei Mbembe finden. Er schrieb in seinem Vorwort zu »Apartheid Israel«, die »Besatzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit«. Schon das allein ist, wenn man Mbembe ernstnimmt, ein Skandal. Der Genozid an den Rohingya, die Massenerschießungen von Srebrenica, die Vorgänge im Süden des Sudan, der Genozid an den Jeziden durch den islamischen Staat oder der Konflikt in Darfur, bei dem, nach einigen Schätzungen, bis zu 500.000 Menschen getötet worden seien, sind nach Mbembe nichts dagegen. Das ist kein Whataboutism, sondern die Argumentation von Achille Mbembe konsequent weitergedacht.

Wenn Besatzung das gesamte Staatsgebiet meint, dann geht es somit um den Fortbestand Israels, nicht um die Kritik an einer Regierungskoalition des jüdischen Staates. Diese ist ja durchaus fortwährend angebracht. In Israel geschieht das recht schonungslos.

Wer also ernsthaft in Deutschland mit Staats- oder Landesmitteln eine solche Bewegung fördern möchte, hätte ein Problem. Das Parlament hat das verstanden und eine entsprechende Initiative unternommen. Wie ernst es dem Parlament damit ist, sollte sich an der »Causa Mbembe« zeigen.

Seine pathetische, aber letztendlich dechiffrierbare Haltung, die es ihm erlaubt, sowohl bei BDS zu punkten, als auch bei denen, die weiterhin am Weltverbesserer festhalten wollen, gilt es intellektuell zu begegnen. Man muss keinen Clubausweis von BDS besitzen, um die Ziele auch publizistisch zu unterstützen. 

Das muss offengelegt werden. Allein: die Gesellschaft ist nicht bereit dazu. Zu tief haben sich Vorbehalte gegenüber dem jüdischen Staat, der letztendlich der »Jude unter den Völkern« ist und »den Juden« festgefressen.

Jüdinnen und Juden wissen dies, jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar den öffentlichen Raum »stören«, bekommen sie das zu spüren. Es kann nicht schaden, ihnen zuzuhören. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, hat das gemacht und wurde dafür gerügt – aus dem Ausland.

Wenn etwas der Diskussion zuträglich wäre, wären das Ehrlichkeit und Empathie. Nehmen wir doch Mbembe endlich beim Wort! Denken wir seine elegant formulierten Sätze bis zum Ende – oder besser: Warum befragt ihn niemand dazu? Sieht er diese Punkte nicht in seinem Werk, oder, schlimmer, will er sie nicht sehen?

Die Anhänger von BDS werden in Deutschland nicht zum Schweigen gebracht, nur weil sie nicht gefördert werden. Sie werden nicht verfolgt, nicht niedergeschrien, nicht physisch attackiert. Sie dürfen überall sprechen, diskutieren oder demonstrieren. Aber man darf (oder soll) ihnen auch widersprechen und mit ihnen streiten. Das gilt nur noch eingeschränkt für Jüdinnen und Juden. Nicht der Staat verhindert es, aber Antisemiten greifen sich immer mehr Raum. Schräge Vergleiche, die Verwendung von Mythen und die Dämonisierung Israels betonieren das Fundament dafür.