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Endlich mal wieder eine Richtungsdebatte

Du bist Jüdin oder Jude und hast einen Social Media Account?
Du hast ein paar jüdische Follower oder »Freunde«?
Du willst richtig Traffic erzeugen?
Du kannst das mit zwei Dauerbrennern schaffen:

  • eine »Wer-ist-Jude-Diskussion« vom Zaun brechen
  • eine Diskussion über verschiedene Strömungen beginnen

Richtig gut wird es, wenn man beide Themen verbinden kann: Wer hat das Recht, wem zu sagen, wer jüdisch ist und wer hat das Recht, das auszulegen?
Man muss kilometerweit scrollen, um die neuesten Kommentare lesen zu können. Wie durch Zauberhand werden die Kommentare zunehmen. Menschen die sich nicht kennen, werden Argumente präsentieren.
»Präsentieren« steht hier absichtlich, denn sie werden nicht ausgetauscht. Sie werden nur präsentiert. Denn eines gilt für die Dauerbrenner mit Sicherheit: Die Diskussion ist l’art pour l’art. Sie bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Aber es besteht die Möglichkeit, sich öffentlich zu blamieren. Man muss nur leicht aus der Fassung zu bringen sein und jemanden beleidigen. Dann haben wenigstens die anderen Diskussionsteilnehmer etwas über einen gelernt. Aber bevor wir weiter abschweifen kehren wir zurück zu Fällen, bei denen das relevant sein könnte:

Relevant sind diese Themen dann, wenn sie dazu dienen sollen, Leitlinien für Organisationen zu formulieren. Dass es dann schwierig ist, dies dann zu tun, liegt daran, dass wir zuvor immer obiges Phänomen beobachten konnten.

Die JSUD Eine Richtungsentscheidung?

Die »Jüdische Studierendenunion Deutschland« (JSUD) ist ein jüdischer Verband für jüdische Studentinnen und Studenten. Sie wurde erst 2016 gegründet, aber ist durch ihre Anbindung an den Zentralrat gut vernetzt und kann die Netzwerke des Zentralrats für politische Arbeit nutzen. Vorstand und Geschäftsführung wird also zugehört. Eine Vollversammlung findet jährlich zusammen mit dem Jugendkongress der ZWST statt. Im vergangenen Jahr wurde offenbar eine »Policy« »Pluralistisches Judentum innerhalb der JSUD« eingereicht und abgestimmt. Zum größten Teil geht es in dieser Policy um Homosexualität und die Zusammenarbeit mit der LGBTQ*-Community. Aber es gibt auch einen Satz, der festhält, dass in »hierzulande dominierenden orthodoxen und einheitlichen Gemeinden die Integration patrilinearer Jüdinnen und Juden in die jüdische Gesellschaft strikt abgelehnt wird«. Weiter: »obwohl es einen bedeutenden Anteil von patrilinearen Juden gibt sowie ein Großteil der eingewanderten und einheimischen Jüdinnen und Juden hierzulande mittlerweile nicht nur in halachisch jüdischen Ehen und Familien leben.« Die Forderung ist eine stärkere Einbindung derjenigen Leute, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter.
Nun, kurz vor der nächsten Vollversammlung im März, ging eine Website namens Jüdische Zukunft an den Start und fordert mit einem offenen Brief eine stärkere Orientierung an der Ausrichtung der Gemeinden. Erstunterzeichner ist – unter anderem – der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.
Die Reaktionen in den sozialen Medien entsprach zu großen Teilen dem, was ich eingangs zu diesen geschildert habe.

Konfliktlinien

Anscheinend gibt es gewisse Konfliktlinien. So veröffentlichte das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk am Freitagmittag einen Facebook-Post (hier) mit dem Titel »Vielfaltsverteidigung«, der ohne den Kontext der Diskussion vermutlich etwas schwerer zu verstehen wäre und sich wie eine Stellungnahme lesen könnte:

»Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk setzt sich seit seiner Gründung für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein, gerade im innerjüdischen Diskurs. Zur Vielfaltsverteidigung gehört notwendig und unabdingbar die Achtung und Förderung jedes Individuums und seines/ihres Weges in der Gemeinschaft. Ein wichtiger Partner in der Stärkung der Gemeinschaft ist die JSUD – Jüdische Studierendenunion Deutschland, die sich der Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in Gegenwart und Zukunft verschrieben hat, und mit tollen Projekten und wichtigen Grundsatzentscheidungen viele entscheidende Impulse setzt!«

Gibt es also hier unterschiedliche Interessen, je nach religiöser Strömung?
Willkommen in der jüdischen Welt!

Die Konflikte, die hier und da zwischen den einzelnen Lagern innerhalb der Gemeinden aufflammen, müssen sich zwangsläufig natürlich auch in einer Organisation widerspiegeln, die den Anspruch hat, alle (möglichst viele?) zu repräsentieren. Das ist unvermeidbar. Welche Richtung soll das also sein, die beide (vermutlich gibt es sogar mehr) Lager zufriedenstellt?

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Gelbwesten

Das Auge über den Banken und der Parasit daneben. Wer antisemitische Aussagen zu deuten weiß, ist hier direkt im Bild.
Foto von: Stefan jaouen [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das Video mit Alain Finkielkraut verbreitete sich schnell. Der Philosoph wird von demonstrierenden Gilets jaunes (Gelbwesten) in Paris erkannt, übel antisemitisch beschimpft und muss dann von der Polizei geschützt werden.
In den Tagen zuvor kursierten Fotos von Geschäften auf deren Schaufenster man »Jude« gemalt hatte.
Der Quenelle-Gruß wurde schon zuvor mehrfach gesehen. Es gab zahlreiche antisemitische Zwischenfälle (wie diesen hier) und Banner. Die Argumentationskette ist dabei häufig die gleiche: Macron ist ein Knecht der Banken und die werden von wem gesteuert? Natürlich von den Juden (alternativ auch: von den Zionisten). Im Dezember schaffte es Hervé Lalin, vom äußersten rechten Rand, den Le Monde als antisemitisch bezeichnet, auf die Titelseite von Paris Match – als Stellvertreterbild für die Proteste.

Mit Finkielkraut traf es übrigens jemanden, der nicht unmittelbar erkannte, dass sich diese Bewegung von Beginn an gegen eine unsichtbare Elite aus Verschwörungstheorien richtete – und wann immer von einer steuernden Elite die Rede ist, geht es meist um – wer mag es raten? Um Juden natürlich.

Es ist kein Zufall, dass der französische Innenminister Christophe Castaner erst kürzlich berichtete, dass es in Frankreich 2018 deutlich mehr antisemitische Vorfälle gab als in den Vorjahren. 541 Fälle. Das sind 74 Prozent mehr als 2017. Castaner sprach davon, dass sich der Antisemitismus »wie ein Gift« ausbreite. Der Zusammenhang der Ereignisse ist offensichtlich.

Verteidiger der Gelbwesten wenden dann gerne ein, das seien »Ausnahmen«. In großen Gruppen würden diese Menschen würden die Bewegung nicht repräsentieren. Auf der anderen Seite sei das eine großartige politische Bewegung, denn die »eigentlichen« Ziele sind zu unterstützen. So sei es anfänglich um die Verhinderung einer höheren Versteuerung von fossilen Brennstoffen gegangen. Dann ging es auch um Steuersenkungen, um mehr direkte Demokratie und dann natürlich auch um den Kampf gegen die Finanzwirtschaft im Allgemeinen. Und von Beginn an brannten dabei Autos, gab es Zerstörungen der öffentlichen Infrastruktur und gewalttätige Übergriffe. Bernard-Henri Lévy sprach in Le Point von »gilets bruns«, die an den Zorn der Faschisten in den 1930er Jahren erinnerten (Le Figaro).

Wieder heißt es: Das sind einige. Damit offenbart sich das Dilemma. Entweder ist es eine Bewegung der Massen mit gleichen Zielen, oder einfach nur eine Versammlung von vielen Individuen. Mit wem sollte man sich da solidarisch zeigen?
Allein die Tatsache, dass sich sowohl die extreme Rechte, als auch die Linke hinter die Bewegung stellt, sollte nachdenklich machen. Aber wenn man sich mit der Lupe eine Person aus der Menge heraussucht, wird schon jemand dabei sein, mit dem man sich solidarisieren kann. Bestimmt verlangt jemand »bezahlbare Wohnungen«, oder »eine Arbeit von der man leben kann« oder sonstige Allgemeinplätze (Luft zum Atmen, spielende Kinder, Altern in Würde, Frieden für alle). Aber dann darf man halt nicht das andere Auge zuhalten und ignorieren, woher eine solche Massenbewegung sich ihre Gründungsideen bezieht. Der schließt ohnehin jede Verständigung mit dem politischen Gegner aus. Der muss, weil er ja ein krankes System repräsentiert, vollständig verschwinden. Daniel Cohn-Bendit hat das in einem Interview mit der taz zusammengefasst: »Diese Bewegung hat mehr als nur leicht autoritäre Züge. Sie lehnt das Gespräch ab, sie will keinen Kompromiss finden.« (taz.de, hier)

Wer sich mit den Gelbwesten solidarisiert, der solidarisiert sich natürlich auch mit deren Antisemitismus. Der ist Teil des Systems und keine bloße Begleiterscheinung.

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Migrationsbericht und jüdische Zuwanderung

Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion

Der aktuelle Migrationsbericht 2016/2017 brauchte einige Zeit, um dann im Januar 2019 veröffentlicht zu werden. Gerade in hysterischen Zeiten kann ein solches Dokument jedoch helfen, die Wogen etwas zu glätten. Einfach nur mit nüchternen Zahlen. Wer kam wann woher und wie sieht die Entwicklung aus?

Der Bericht enthält jedoch auch die Zahlen der jüdischen Zuwanderung.
Das ist nicht so uninteressant.
Wir erfahren, dass zwischen 1993 und 2017 207.223 jüdische Zuwanderer (einschließlich ihrer Familienangehörigen) aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Bis Ende 1992 kamen 8.535 Menschen nach Deutschland.

Als Tabelle:

Jahr Zuwanderung
1991 12583
1992 15879
1993 16597
1994 8811
1995 15184
1996 15959
1997 19437
1998 17788
1999 18205
2000 16538
2001 16711
2002 19262
2003 15442
2004 11208
2005 5968
2006 1079
2007 2502
2008 1436
2009 1088
2010 1015
2011 986
2012 458
2013 246
2014 237
2015 378
2016 688
2017 873

Im Bericht heißt es, die Zuzüge bzw. Anträge aus der Ukraine haben zugenommen. Das überrascht nicht. Das hänge mit den »politischen Entwicklungen« dort zusammen, so schreibt das BAMF.

Betrachten wir speziell die letzten zehn Jahre, denn diese Jahre sieht man auf der Darstellung des gesamten Zeitraums fast gar nicht:

Zuwanderung nach Deutschland 2007 – 2017 – gegenübergestellt die Anmeldungen in den jüdischen Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe

Die rötliche Linie zeigt die Zahlen der Anmeldungen in den Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe im gleichen Zeitraum. Natürlich kann es hier immer zu Verschiebungen zwischen den Jahren kommen. Vermutlich wird sich nicht jeder, der irgendwo neu angekommen ist, sich direkt bei der entsprechenden Gemeinde anmelden.

Es gibt sie also noch, die Zuwanderung. Aber sie reicht nicht aus, um die Abgänge auszugleichen, oder abzufedern. 2017 hat in erster Linie der Landesverband Nordrhein davon profitiert. Da in Düsseldorf die Mitgliedszahlen gestiegen sind, dürfte klar sein, dass sich viele Einwanderer Düsseldorf ausgewählt haben. Übrigens eine verständliche Wahl: Düsseldorf ist die drittgrößte Gemeinde Deutschlands und durchaus nicht unattraktiv. Die Prognose sieht hier also sehr gut aus.

Sieben große Gemeinden

Die sieben größten jüdischen Gemeinden Deutschlands sind derzeit:

Stadt Mitglieder 2010 Mitglieder 2017
Berlin 10599 9.865
München 9.461 9.507
Düsseldorf 7.080 7.087
Frankfurt am Main 6.832 6.604
Hannover 4.489 4.217
Köln 4.418 4.077
Dortmund 3.200 2.871

Hier ist bemerkenswert, dass München demnächst Berlin als Spitzenreiter ablösen könnte. Im betrachteten Zeitraum (hier 2010 bis 2017) hat Berlin 7 Prozent der Mitglieder verloren, München um 0,5 Prozent zugelegt. Frankfurt hat etwa 3 Prozent der Mitglieder verloren, Köln fast 8 Prozent und Dortmund etwa 10 Prozent.

Wo wir gerade beim Wachstum sind und den Zeitraum 2010 bis 2017 betrachten: Hier gibt es auch Gemeinden mit größeren Verlusten. Die Jüdische Gemeinde Münster hat 22 Prozent der Mitglieder verloren (von 789 auf 612) und Amberg 28 Prozent (von 146 auf 105).

Wir schauen also gespannt auf die Zahlen für das Jahr 2018.

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Überalterung der jüdischen Gemeinden

Der Deutschlandfunk hat einen kleinen Bericht über die Überalterung der jüdischen Gemeinden gemacht (hier abrufbar und lesbar) und auch mich als pessimistische Stimme ins Boot geholt.
Ich habe erklärt, dass die demografische Struktur vermutlich dazu führen wird, dass die eine oder andere Gemeinde vermutlich aufgeben müsste. Dieser Pessimismus ist natürlich durchaus gewollt, weil er (hoffentlich) zu fundiertem Widerspruch führt. Günter Jek von der ZWST ist etwas optimistischer und spricht von Zusammenlegungen – was auf der anderen Seite natürlich dazu führen könnte, dass eine von zwei fusionierten Gemeinden de facto verschwindet. Aber die Zeit wird zeigen, was wird. Wichtiger scheint mir zu sein, dass man darauf vorbereitet ist und einen Plan entwickelt hat, wie jüdisches Leben in den Gemeinden, die bleiben, möglichst attraktiv ist. Dieses Spannungsfeld führt vielleicht eines Tages zu einer breiten Diskussion des Themas.

Es gibt jedoch einen Punkt, den ich vollkommen anders sehe, als der Autor des Beitrags, Jens Rosbach:

Denn viele Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen als gestandene Erwachsene oder als Rentner hierher. Kein Wunder also, dass 2017 rund 1.500 Menschen in den jüdischen Gemeinden gestorben sind, aber nur rund 250 Menschen geboren wurden.

[…] die jüdischen Gemeinden vor große Integrationsprobleme gestellt. Denn viele Migranten sprachen anfangs kein Deutsch, fanden keine Arbeit und wussten außerdem wenig über die jüdische Religion.

Viele der Zuwanderer waren im »besten Alter«, als sie nach Deutschland kamen. Sie waren hervorragend ausgebildet, optimistisch und haben natürlich auch Senioren mitgebracht. Diese gut ausgebildeten Leute gehen heute auf das Rentenalter zu. Sie haben sich – in den meisten Fällen – hervorragend integriert und wäre man ihnen entgegengekommen, wie man heute Zuwanderern entgegenkommt – mit Jobhilfen, Anerkennungen, Berufsorientierungen etc. dann würde es einigen heute noch besser gehen. Aber sie haben sich oftmals durchgebissen und sich gut aufgestellt und die Chance für ihre Kinder erkannt. Diese sind heute junge Leute und haben Familien gegründet. Einige (natürlich nicht alle) aus meinem Umfeld sind heute Akademiker und tun das, was ihnen richtig erscheint: sie verlassen Deutschland wieder und ziehen der Arbeit nach. Das liegt auch daran, dass gerade ein Arbeiten im akademischen Umfeld in Deutschland nicht so einfach ist. Einige sind religiös geworden. Was tun sie? Sie ziehen nach Berlin oder ins Ausland. Dorthin, wo die Infrastruktur besser ist und man nicht ständig alles erklären muss.
Auch die Nichtakademiker sind längst in der Berufswelt angekommen und machen ihren Weg. Ich würde behaupten, sie haben sich fast in Schallgeschwindigkeit in die Gesellschaft eingegliedert.

Das sind Faktoren, die hier nicht berücksichtigt wurden, aber wichtig sind für die Entwicklung der Gemeinden. Wer gut ausgebildet ist, emanzipiert sich schnell von Strukturen, wie man sie in Gemeinden findet. Auch hierdurch haben wir einige Leute verloren. Es ist keinesfalls so, als wären hier nur schlecht integrierbare Senioren gestrandet. Sicher sollte das nicht durch den Text gesagt werden, aber man sollte auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, dass es so sein könnte.

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Deutschsprachige Jüdische Blogs — Super Projekte und schlechte Nachrichten

Beginnen wir mit Wien! Sarah Egger, die von Wien aus über jüdisches bloggt und damit die extrem übersichtliche deutschsprachige jüdische Blogosphäre (verwendet man das Wort überhaupt noch?) aus Österreich verstärkt, hat beschlossen, dass man mehr jüdischen Kitsch kaufen können darf. Aus der besten Motivation, die man sich denken kann – nein nicht Geld – sie fand selber nichts »in der Nähe«.
Damit möchte sie lokal loslegen, aber ich denke, wenn sie Unterstützung erfährt und zahlreiche Kunden findet, kann man dazu zwingen, auch ins deutschsprachige Ausland (Deutschland) zu expandieren. Wer also mehr über ihr Projekt lernen will, besuche einfach ihren Blogbeitrag dazu, oder direkt die Website schmonzelachuntinef.com – so wird der Shop nämlich heißen. Ach so: Über startnext kann man die Gründung unterstützen.

Die Siedlerin Leider war es das

Die Siedlerin, auch sie hat in deutscher Sprache gebloggt und sich kein einfaches Thema gewählt, denn sie berichtete aus dem Alltag einer Siedlerin. Erstmals konnte man also eine Person dabei begleiten, wie sie ihr Leben in einer Siedlung meistert. Erfreulicherweise hatte sie ein großes Publikum und konnte anscheinend auch damit umgehen. Es gibt ein paar Leute, die mit viel Aufmerksamkeit nicht umgehen können und abheben. Hier war das erfreulicherweise nicht der Fall. Aber an der Vergangenheitsform merkt man es schon: Sie hat ihre Blogtätigkeiten eingestellt (siehe hier) und kümmert sich um anderes.

Ein Podacast zur Mischna Für unterwegs

Igor Itkin hat die Fäden in der Hand, wenn es um die Digitalisierung der deutschen Übersetzung der Mischne Tora auf talmud.de geht. Hat die Ergebnisse redigiert und sich darum bemüht, fehlende Teile hinzuzufügen. Ein Mammutprojekt. Zusätzlich hat er in der vergangenen Woche einen Podcast gestartet, in dem er die Mischna liest und erläutert. Mischna Jomi zum mitnehmen. Das ist auch für diejenigen interessant, die in das Thema erst einsteigen. Jeden Tag ein Teil. Die Folgen findet man hier tora.podigee.io oder hier. Igor hat übrigens eine gute Radiostimme.

Link

Der Körper der Weisen

Die Weisen des Talmuds waren (zu Großteil Männer, sorry, ist einfach so). Keine älteren Herren mit langen weißen Bärten, sondern durchaus Männer im besten Alter. Offenbar wurde da auch mal über körperliches gesprochen. Natürlich hat auch das der Talmud mitprotokolliert. Bis hin zum Vergleich bestimmter Körperteile. Für die Jüdische Allgemeine habe ich einige Details beschrieben:

Talmudisches – Der Körper der Weisen

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Antisemitismus Top-Ten

In jedem Jahr veröffentlicht das Simon Wiesenthal Center eine Top-Ten Liste mit antisemitischen Personen, Vorfällen oder Einrichtungen. Jakob Augstein wird die Liste kennen. In diesem Jahr findet man auf der Liste Louis Farrakhan, Airbnb, Hakenkreuze an US-Universitäten, die British Labour Party, Roger Waters und die Bank für Sozialwirtschaft.

Die Liste wird viel zitiert, erhält extrem viel mediale Aufmerksamkeit und steht offenbar in der Tradition der Jahresrückblicke. Aber die Liste ist vor allem eines: Einfach nur eine Liste.

Irgendjemand entscheidet offenbar aus dem hohlen Bauch heraus, wer oder was auf der Liste stehen soll.
Dabei wird sie nicht einmal ihrem Titel gerecht: »Top Ten List Of Worst Global Anti Semitic Incidents«. Der Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh ist mit Sicherheit der schlimmste denkbare »Incident« 2018, Roger Waters tut und sagt seltsame Dinge und vielleicht könnte er ein Antisemit sein, aber er ist kein »Incident«, sondern eine Person und so pendelt die Liste zwischen tatsächlichen antisemitischen »Incidents« und Personen hin- und her.

Es gibt keine Kriterien, wie die »Incidents« zusammengestellt wurden, oder warum die Bank für Sozialwirtschaft ein schlimmerer »Incident« ist, als – sagen wir mal – die Attacke auf Adam Armoush in Berlin im April 2018. Wir erinnern uns: Er wurde verprügelt, weil er eine Kippah trug. Das Video ging um die Welt. Sorry, dieser »Incident« hat es leider nicht in den Recall geschafft.
Die Bank für Sozialwirtschaft führt nämlich das Konto der Minigruppe »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost«, die der BDS Bewegung nahestehen soll. Das ist – wenn man der Logik des Simon Wiesenthal Centers folgt, ja weitaus schlimmer als der Mord an Mireille Knoll im März 2018. Auch dieser »Incident« steht nicht auf der Liste.
Wo ist der Angriff auf die Synagoge von Danzig Jom Kippur?

Ernst nehmen könnte man die Liste, wenn es Kriterien gäbe: Das ist schlimm, weil es diese und jene Wirkung auf dies und das hat. Mit nachvollziehbaren Faktoren. Transparent. Eine Antisemitismus-Definition könnte den Anfang machen. So ist es einfach nur eine Aufzählung von Dingen und Personen, welche die Autoren missbilligen.
Die Liste sagt also nichts über den real existierenden Antisemitismus aus. Sie zeigt nur irgendwelche Schnipsel, macht daraus die »schlimmsten« Vorfälle, wertet damit also alle anderen ab. Die werden nicht betrachtet. Dabei gab es auch in Deutschland und anderen Ländern 2018 ausreichend Vorfälle über die man berichten kann.

Übrigens: Das sagt nichts über die Vorfälle oder Ereignisse auf der Liste aus. Hier wird die Liste kritisiert. Das sagt inhaltlich nichts über die dargestellten Tatsachen aus. Das wäre eine ganz andere Geschichte.

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Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur

Vor nur einer Woche gab es ein Gespräch mit dem WDR über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden mit einem besonderen Blick auf Nordrhein-Westfalen. Nun gab es für die Sendung »Aus der Jüdischen Welt« von Deutschlandfunk Kultur ein Gespräch über den Rückgang mit einem Blick auf die Gesamtentwicklung in Deutschland.
Gibt es Grund für Optimismus? Was könnte/sollte man jetzt tun?
Interessanterweise hat der Sender das Interview mit »Kein Grund für sinnlosen Optimismus« betitelt und das trifft es eigentlich auch ganz gut.

Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

Hier ein Link mit einem Onlineplayer (Pocket Casts).

Einen Blogbeitrag mit vielen Zahlen und den Schlussfolgerungen findet man hier »Sag zum Abschied leise Tschüß«.

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Chanukkah: Drejdel und Ratsche

Drejdel

Es gibt zu fast jedem Brauch eine Deutung, die über die Angabe der Herkunft hinausgeht. Kürzlich stolperte ich über diese Gegenüberstellung zweier Symbole von Chanukkah und Purim:

Rabbi Avraham Jitzchak Sperling, in Ta’amei HaMinhagim 859, der das Buch »Korban Ani« des HaRitza zitiert:

Aus folgendem Grund spielt man mit dem Drejdel zu Chanukkah und zu Purim mit der Ratsche:
Zu Chanukkah war der stete Gnadenstrom, der vom Himmel zur Erde und von der Erde zum Himmel fließt, unterbrochen: es stieg keine Erhebung von unten auf, alles geschah durch die Gnade von oben.
Denn die Menschen taten nicht Buße, wie es sich geziemt, doch G-tt gepriesen sei Er, blieb bei seinem Erbarmen.
Darum spielt man mit dem Drejdel, den man von oben anfasst.
Purim aber, da man Fasten anordnete, und viele Sack und Asche zu ihrem Lager machten, stieg Erhebung von unten auf.
Darum spielt man mit der Ratsche, die man unten anfasst.