Artikel

Hashtag Vorbild

»Diskussionen« in den sozialen Medien gleichen mehr Auseinandersetzungen und es kommt schon vor, dass einige Menschen hier Fassung und Kontrolle verlieren. So wurde ich Zeuge davon, dass ein Hochschulprofessor, mit zahlreichen Titeln und Funktionen, bei Facebook jemandem antwortete: »Du hast ja wohl den ****** auf.« Dass das ein schlechtes Bild auf denjenigen wirft, der da die Fassung verliert, ist ja offensichtlich. Für die Jüdische Allgemeine habe ich aufgeschrieben, was gute Leitlinien für das Verhalten in den sozialen Netzwerken sein könnten. Den Volltext findet Ihr hier: #Vorbild.

Eine große Übersicht für den Umgang mit sozialen Netzwerken (und den Umgang miteinander), gibt es übrigens in Tzipporim – Judentum und soziale Medien.

Artikel

documenta – ein Bekenntnis

Ein Bekenntnis zur documenta. Ich war genervt von all jenen, die schon lange vor der Veranstaltung genervt waren.
N-Lange.de in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Bekenntnis! Ich bekenne mich schuldig, dass ich vor der documenta genervt war. Genervt von all jenen, die schon lange vor der documenta vor Antisemitismus warnten. Die schon ganze Szenarien durchgespielt hatten und nicht müde wurden, vor einer Entgleisung zu warnen. Genervt von denjenigen, die Künstlerbiografien darauf abklopften, ob diese oder jener schon einmal einer Person mit BDS-Bezug begegnet sei und ob es eventuell entsprechende Äußerungen gegeben hat.
Ich war genervt, weil es vollkommen klar sein musste, dass sich eine Veranstaltung, die von den Veranstaltern für hochkarätig gehalten wird, diese Veranstaltung intensiv vorbereiten würde. Es würde keine offenen Fragen geben. Gerade in unseren Zeiten, in der jede Äußerung, jede Regung und jedes Foto in den sozialen Medien landen und Anlass für maximale Aufregung sein kann.
Antisemitismus wäre – das wäre doch vollkommen klar – der größte anzunehmende Unfall und würde dem Ruf der documenta nachhaltig schaden.

Und nun gibt es einen »Antisemitismus-Skandal«. Warum? Weil anscheinend nicht einmal die grundlegendsten Prinzipien zum Schutz der eigenen Reputation beachtet wurden. Von einem eigenen Anliegen, Antisemitismus keinen Raum zu geben, ganz zu schweigen.

Eigene Schuld, darauf vertraut zu haben, dass grundlegende Dinge verstanden worden sind und so wie es aussieht, besteht daran auch kein wirkliches Interesse. Es gibt ja Jüdinnen und Juden – die sagen früh genug Bescheid. Dann sind zwar alle genervt, aber das Problem nicht mehr so sichtbar.

Artikel

Detmold und die israelischen Touristen

Freistehendes Synagogengebäude Detmold – Jan Mathys, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Bild oben zeigt den furchtbaren Zustand eines Gebäudes, das im 17. Jahrhundert in Detmold (in Westfalen) als Betraum fungiert haben soll (bis 1742 Details hier). Detmold hat übrigens eine interessante jüdische Geschichte – nach der Schoah gab es hier noch eine kleine Gemeinde und ein Elternheim (hier nachzulesen). Dass das Gebäude auf dem Foto eine besondere Geschichte hat, wurde jedoch erst 2010 bekannt – als ein Abbruch bevorstand. Die Geschichte schaffte es jedoch nie aus dem Bereich »Lokales« heraus. Im Mai 2022 wurde dazu (ebenfalls lokal) gebloggt (siehe hier, zeilenabstand.net).

Der Fall gelangte dann erst im Juli 2022 durch die tageszeitung (taz) zu überregionaler Bekanntheit. Die Geschichte um einen möglichen Abriss wird durch den heutigen Besitzer des Gebäudes noch etwas dramatischer (siehe den Bericht der tageszeitung). Diese Vorgänge sind schon recht bemerkenswert, aber vielsagend ist das Ende des Artikels.

Es geht nicht ganz klar aus der Formulierung hervor, aber vermutlich geht es um ein Zitat des Pressesprechers der Stadt Detmold, Marius Roll und nicht um eine Einschätzung des Autors Philipp Lenhard (Update: Diese Einschätzung hat der Autor mittlerweile bestätigt):

Was sollen israelische Touristen denken, wenn sie in Detmold zu Besuch sind und erfahren, dass so mit dem jüdischen Kulturerbe umgegangen wird? Dass diese möglicherweise die richtigen Schlüsse ziehen könnten, dass nämlich die Spuren jüdischen Lebens in Detmold noch immer nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen, will Roll nicht akzeptieren. Die Zukunft wird zeigen, was mit dem historischen Synagogengebäude passiert – es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

taz.de – vom 09.07.2022

Das bedeutet, die Meinung westfälischer Jüdinnen und Juden ist nicht von Interesse?
Es gibt übrigens eine jüdische Gemeinde für Herford und Detmold.
Jüdinnen und Juden aus der Region werden ausgeblendet?
Jüdinnen und Juden tauchen in einigen Köpfen vorwiegend als israelische Touristen auf, also als auswärtige Menschen? Vielleicht haben wir hier ganz zufällig erkannt, warum einige Stadtgesellschaften, so wie es anscheinend auch in Detmold ist, so große Probleme mit ihrem jüdischen Kulturerbe haben?
Es wäre doch schon einiges gewonnen, wenn Stadtgesellschaften erkennen, dass jüdisches Kulturerbe eben auch genau das Erbe der Stadtgesellschaft ist und nicht das anderer Menschen von weit weg. Vielleicht hätte man auch im Landesverband Westfalen-Lippe fragen können, wie die Vorgänge dort empfunden werden? Jüdinnen und Juden gibt es auch in Westfalen. Anscheinend kaum zu glauben

Artikel

Von Rehen und Hirschen

Der talmudische Artikel dieser Woche (für die Jüdische Allgemeine) führte mich eigentlich zu einem Thema, das zunächst wenig spektakulär klingt, aber in das kulturelle Gedächtnis eingegangen ist: Rotwild. Im Machsor von Worms (aus dem 13. Jahrhundert) findet man eine Jagdszene als Illustration: Ein Jäger bläst das Horn und lässt einen Hund auf ein Reh oder eine Hirschkuh los. Ähnliche Abbildungen findet man auch in anderen jüdischen Handschriften aus jener Zeit. Heute wird angenommen, dass diese Szene eine Metapher für die Judenverfolgung und das Vorgehen gegen die Tora ist. Angelehnt an Psalm 22,17: »Mich umringen Hunde, gleich Löwen umkreist mich an Händen und Füßen eine Rotte Bösewichter.« Wie diese Zuweisung zustande kam, kann man im Artikel nachlesen.

Aber der Artikel könnte uns helfen, hilft er, weitere Bilder zu deuten – diese tauchen (aus Gründen des Platzes) nicht im Artikel auf:

Zum einen hätten wir die, recht berühmte, »Vogelkopf-Haggadah« (ein Ausschnitt unten), in der alle menschlichen Akteure als Vögel dargestellt werden. Es heißt, weil die Illustratoren sich dafür gefürchtet hätten, Menschen abzubilden. Die beiden letzten Sätze sind allerdings nicht richtig. Es tauchen sehr wohl menschliche Menschen im Manuskript auf, etwa Ägypter. Und: Einige Experten sind sich nicht so sicher, ob es sich tatsächlich um Vögel handelt. Aus welchem Grund sollte man Vögel gewählt haben? Die Figuren haben einen Schnabel. Das ist es aber auch schon. Der Rest des Kopfes könnte aber auch von einem Löwen stammen. Eine kleine Erinnterung an die Mischna Awot, die »Sprüchen der Väter«, hilft: »Jehuda ben Tema sagte: Sei mutig wie ein Leopard, behänd wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und heldenhaft wie ein Löwe, den Willen des Vaters im Himmel zu vollbringen.« Eine Charakterisierung derer, die den Willen des Vaters vollbringen. Was läge also näher, als diejenigen, auch so abzubilden?

Ausschnitt aus der Vogelkopf-Haggada (entstanden um 1300) – der ältesten erhaltenen illuminierten aschkenasischen Pessach-Haggada.

Ein weiterer, etwas unerwarteter Aspekt ist »Bambi«. Das Buch, aus dem später der berühmte Film von Disney wurde, stammt von Felix Salten. Er hat es 1922 herausgebracht. Felix Salten hieß eigentlich Siegmund Salzmann, ein Jude aus Pest, der in Wien aufwuchs und dort Journalist wurde und als Felix Salten mehr Chancen sah. Salten war niemand, der die Jagd verabscheute und deshalb vielleicht »Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde« schrieb. Salten war begeisterter Jäger. Anlässlich einer neuen englischen Übersetzung des Buches (hier als Volltext) fragte sich Donna Ferguson vom Guardian (Volltext hier, theguardian.com), ob die Geschichte vielleicht nicht eher eine Metapher für den Antisemitismus der 1920er Jahre sei. Wenn wir in unserer Rotwild-Metaphorik bleiben, dann liegt das vielleicht recht nah.

Auch Art Spiegelmann hat in seinen »Maus« Comics Tiere für die Darstellung von Menschen gewählt. Jüdinnen und Juden sind Mäuse, Nazis Katzen. Die Wahl dieser Zuweisung kann er erklären und die Leser von heute nachvollziehen. Ähnlich könnte es bei der »Reh-Metapher« gewesen sein.

Der Artikel auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen: »Von Rehen und Hirschkühen« juedische-allgemeine.de

Artikel

Schawuot – das Fest der Torah. Warum?

Schawuot steht vor der Tür. Allgemein bekannt als das Fest der Torahgebung. In der Torah ist selber ist es das aber nicht. Dort ist Schawuot Chag HaKatzir, das »Fest der Ernte« (2. Buch Mose 23,16), Chag HaSchawuot, das »Fest der Wochen« (34,22) oder Jom HaBikkurim, der »Tag der Erstlingsfrüchte« (4. Buch Mose 28,26).
Wie könnte es also dazu gekommen sein, dass es das heute ist? Ein Blick in den Talmud – den Artikel gibt es als Volltext bei der Jüdischen Allgemeinen (hier).

Artikel

Bären

Bären sind stark und der hebräische Vorname Dow scheint auf diese (gute) Stärke zu verweisen. Ein Blick in die klassischen Texte des Judentums zeigt jedoch, dass der Bär nicht immer für eine Mischung aus Kuschligkeit und Kraft steht. Eine (verstörende) Episode mit dem Propheten Elischa zeigt das recht eindrücklich.

Den gesamten Text gibt es in der Jüdischen Allgemeinen, hier online.

Artikel

Nachgetreten – 115 Sekunden – der SPIEGEL zu Gil Ofarim

Der SPIEGEL 115 Sekunden

Der SPIEGEL hat Ende März (hier online, Print Heft 14/2022 vom 31.03.2022) den Fall Gil Ofarim nachgezeichnet. Gil Ofarim erzählte in einem Instagram-Video davon, in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Das erzeugte eine Welle der Solidarität, aber auch offene antisemitische Kommentare in den sozialen Medien. Zu erwähnen, dass es absurd ist, auf Antisemitismus-Vorwürfe mit Antisemitismus zu reagieren, ist eigentlich überflüssig. Die SPIEGEL-Autoren Jörg Diehl, Peter Maxwill und Steffen Winter beschreiben in ihrem Artikel eben jene 115 Sekunden, in denen der Vorfall, den Gil Ofarim auf Instagram beschrieb, stattgefunden haben soll. Nach Lektüre des Artikels hält man es für denkbar, dass es sich anders abgespielt haben mag. Weniger bekannte Menschen als Gil Ofarim halten sich für wichtige Persönlichkeiten mit einem Anspruch auf Vorzug. Doch verblüffend an dem Artikel ist, dass er sich anscheinend in einem leeren Diskursraum entfaltet und das Problem Antisemitismus überhaupt nicht als solches erkennt – auch wenn er Gil Ofarim in dieser Situation wahrscheinlich nicht begegnet ist. Nicht nur Jüdinnen und Juden haben das Video geteilt, aber sie haben online von ähnlichen Situationen berichtet:
Die Situation, die Gil Ofarim in seinem Instagram-Video geschildert hat, kennen viele Jüdinnen und Juden in schwächerer Ausprägung aus Deutschland durchaus – jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar sind, sei es durch eine Kette mit Davidstern, oder durch die Kippah. Die verbale Ablehnung ist offener geworden und auch physische Angriffe sind nicht selten geworden.
Auch aus diesem Grund haben viele Leute aus der Community den Vorfall durchaus als glaubhaft betrachtet. Die einhellige Meinung war »nun hat es jemanden mit Reichweite erwischt«. Dass dieser Aspekt vollkommen ausgeblendet wurde, ist ein wesentlicher Schwachpunkt des Artikels, denn er erklärt die Dynamik nicht. Formal kann man natürlich argumentieren, es sei ausschließlich um die 115 Sekunden gegangen.
Die Einbeziehung jüdischer Ansprechpartner hätte dieser Sichtweise vielleicht etwas entgegengesetzt. Die Reaktion von Politikern (auf den mutmaßlichen Vorfall) in den sozialen Netzwerken wurde deshalb von einigen Jüdinnen und Juden auch mit gemischten wahrgenommen: Warum wird hier gesagt, man möchte nicht in einem Land leben, in dem so etwas möglich sei – aber bei anderen Vorfällen nicht. Derer gab es 2020 und 2021 ja genug.

Auseinandersetzung Mit existierendem Antisemitismus?

Hätte man das Gespräch oder die Auseinandersetzung mit dem existierenden Antisemitismus gesucht, hätte das Autorenteam vielleicht den folgenden Satz vermieden: »Wie kann es sein, dass von all den Zeugen in der Lobby niemand einen antisemitischen Ausruf bemerkt?«
Für jüdische Ohren kann das wie Hohn klingen. Denn das fragen sich Opfer von (tatsächlichem) Antisemitismus »draußen« auch häufig – in der Straßenbahn, auf der Straße oder irgendwo anders in diesem Land. Wie kann es sein, dass es so häufig toleriert oder nicht als Antisemitismus erkannt wird? Wie kann das sein, dass antisemitische Sätze im Fernsehen gesagt werden können und es erst Monate später jemandem auffällt? Oder dass jemand einen antisemitischen Artikel in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlicht und es niemand bemerkt?
Diese Frage der Autoren ist also kein Maßstab für Glaubwürdigkeit und zeigt eine erstaunliche Sorglosigkeit.
Die Recherche war (vermutlich) technisch einwandfrei, aber an Empathie für das Thema wurde leider etwas gespart.

Artikel

Judentum und Soziale Medien

Oft wurde ich gefragt, warum ich nicht etwas rustikaler auftrete. Sowohl im Blog, als auch bei Twitter oder in anderen sozialen Medien. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Zunächst bemühe ich mich immer so über andere zu sprechen, als seien sie dabei (das gelingt natürlich nicht immer) und als bestünde die Möglichkeit, dass wir einander begegnen. Der zweite Punkt, der mit dem ersten durchaus Verbindungen hat: Es gibt eine »jüdische Ethik« (an die sich natürlich nicht alle halten, aber was wäre das schon für eine jüdische Sache, an die sich alle halten) der Sprache und der Kommunikation. Bei dem Versuch, daraus einen Blogeintrag zu basteln, ist mir aufgefallen, dass dieser extrem umfangreich werden würde und dass es kein Standardwerk (mit Bezug zur Kommunikation im Netz) gibt, an dem ich mich orientieren könnte. Jedenfalls nicht im jüdischen Bereich. So ist das Büchlein »Tzipporim« entstanden. Dabei habe ich versucht, es für ein breites Publikum zu formulieren, also sowohl für diejenigen, die sich schon auskennen, als auch für diejenigen, die sich noch (noch) keine häufigen Leserinnen und Leser halachischer Literatur sind.
Warum das Büchlein »Tzipporim« heißt, wird natürlich im Text selber verraten und der erzählt auch, welche Werkzeuge die jüdische Tradition entwickelt und bewahrt hat, die uns heute helfen könnten, umsichtig in den sozialen Medien zu kommunizieren.
Wie gehe ich mit meinem Gegenüber um?
Welche Art der Sprache sollte ich anderen gegenüber verwenden?
Wieviel Zeit sollte ich aufwenden?
Tzipporim verknüpft eine Betrachtung der Mechanismen mit konkreten Lösungsvorschlägen aus den Quellen des Judentums. Der Anspruch ist natürlich nicht, dass das alles einfach so übernommen wird. Es ist ein bescheidener Vorschlag.
Begriffe wie Laschon haRa (wird oft genannt, zuweilen falsch verwendet), Rechilut, Niwul Peh werden eingeführt und erklärt – wie gesagt, auch für diejenigen, denen diese Begriffe (noch) nichts sagen.

Eine Übersicht über die Quelltexte (Wer ist wer?), ein Literaturverzeichnis und ein Index der jüdischen Quellen sollen es ermöglichen, noch mehr zu lernen und zu erkunden.

Das Büchlein ist sowohl gedruckt, als auch als ebook erhältlich – eigentlich überall, wo es Bücher gibt. Hier eine Auswahl an Bezugsquellen:

Das gedruckte Buch

212 Seiten
ISBN: 9783755748045

amazon logo hugendubel.de Logo geniallokal.de Logo Thalia Logo Bol Logo

Die ebook-Version:

ISBN: 9783755747703

amazon logo hugendubel.de Logo geniallokal.de Logo Thalia Logo Bol Logo