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Von nichtjüdischen Gemeindevorsitzenden

Nein, »Der gefühlte Jude« ist kein neues Buch von Maxim Biller, aber der Plot könnte von ihm sein. Ein junger Mann aus Frankfurt landet eines Tages im Knast, hat sich Geld geliehen und nie zurückgegeben. Unter anderem mit einem jüdisch klingedem Pseudonym. Im Knast entdeckt er, dass er eigentlich »Zigeuner« (nicht meine Wortwahl) ist. Er tingelt ein wenig herum, macht mal Politik, geht hier und da etwas nachlässig mit Geld um, verschwindet dann wieder und taucht plötzlich als Vorsitzender einer jüdischen Gemeinde auf. Von da an ist er gefragter Ansprechpartner einiger Medien und auch für Kirchen. Plötzlich hat er viele Freunde. Leute die ihn mögen, ja ihm sogar eine Festschrift widmen. Hinzu kommt die Geschichte einer Großmutter, die im Konzentrationslager war.

Diese Geschichte präsentierte der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe (20. Oktober 2018) – mal extrem knapp zusammengefasst. Die Autoren sind dabei der Spur nachgegangen, wer der beliebte Ansprechpartner eigentlich ist. Die beiden reiten da einen ziemlich wilden Ritt, haben offenbar tiefgehend recherchiert und in die Kirchbücher der evangelischen Gemeinde geschaut, aus der der angesprochene Vorsitzende kommt. Die Geschichte ist gut nachvollziehbar, hat aber zwei Sollbruchstellen: Der damalige verantwortliche Rabbiner hat die Person zunächst durchgewunken und wurde erst nach der eigenen Entlassung aktiv. Wer die Geschichte anzweifeln will, kann hier ansetzen. Das könnte aber auch bedeuten, dass der Geblendete sich erst mit dem notwendigen, professionellen, Abstand mit der Angelegenheit beschäftigen musste.
Die andere Sollbruchstelle ist eine Aussage im Artikel, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar oder unkritisierbar – das stimmt natürlich so nicht und deshalb kratzt man da hart an einem antisemitischen Vorurteil. Dennoch ist es schwierig, wenn Autoren das für eine nichtjüdische Öffentlichkeit formulieren und die Geschichte eines Juden einfach anlasslos hinterfragen. In der aktuellen SPIEGEL Geschichte scheint einer der Autoren zumindest jüdisch zu sein.

Mit dieser Kritik wird man rechnen müssen – vor allem von nichtjüdischer Seite. Man wird an ihm festhalten wollen, denn er hat offenbar für bestimmte Zielgruppen das geliefert, was man verlangte. Man wird auf seine Verdienste verweisen und darauf, dass die Orthodoxie nicht bestimme, wer jüdisch sei und wer nicht. Diejenigen, die mit ihm arbeiten, werden mit der Geschichte irgendwie umgehen müssen und vielleicht auf den Streit mit dem Rabbiner verweisen und so könnte (!) die Enthüllung folgenlos bleiben. Verlierer ist natürlich das Judentum insgesamt, aber wir haben wieder etwas über den Umgang der Öffentlichkeit mit den Jüdinnen und Juden gelernt, die man so gerne hätte.

Der Artikel im SPIEGEL macht den Eindruck gut recherchiert zu sein und die Geschichte wäre kein Einzelfall (der krasseste Fall wäre diese Geschichte aus der Nachkriegszeit), auch nicht im Norden Deutschlands und es wird auch nicht der letzte Fall bleiben. Der Betroffene wolle sich im Verlauf der Woche dazu äußern, hieß es am Sonntag nach Erscheinen des SPIEGEL. Man wird gespannt sein, wie sich diese Geschichte auflöst.

Man hört, dass der Mann auch in seiner kleinen Gemeinde vorgebetet hat. Auf Youtube kann man sehen, wie er »El malej Rachamim« rezitiert (hier klicken) und sich selber ein Bild machen.

Update 23. Oktober 2018:

Das Hamburger Abendblatt titelt eine Geschichte mit »Fall Seibert: Was Weggefährten jetzt sagen« und der Artikel bestätigt auf gruselige Weise, das, was ich oben schrieb: Guter Mann.
Der Vorsitzende kommt aber auch zu Wort. Nicht so entscheidend sei das alles, besser wäre eine Bewertung seiner Person nachdem, was er heute mache. Fragen dazu?

Das großartigste Zitat stammt jedoch von einem katholischen Theologen. Der Propst von Pinneberg, Thomas Drope, lässt sich zu dem Satz hinreißen »Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Herr Seibert Jude ist.« (zitiert von hier, Hamburger Abendblatt) – Entscheidungen über halachische Fragen sind sicher nicht die Kernkompetenz katholischer Geistlicher.

Update 2 Der NDR meldet, dass der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein die Vorwürfe gegen den Vorsitzenden juristisch prüfen lassen will. Sollte der SPIEGEL alles belegen können, dürfte das mehr Details ans Licht bringen.

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Oliver Polak – Gegen Antisemitismus

Wenn jemand richtig zum Thema »Antisemitismus« abräumt, dann ja wohl Oliver Polak. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten – das ist das Kerngeschäft von Polak. So geriet eine Gedenkfeier für seinen Vater in Papenburg zum Eklat – aus Sicht der wohlmeinenden Stadtoffiziellen. Polak verwies darauf, dass sich sein Vater sicher schon zu Lebzeiten über ein wenig Wertschätzung gefreut hätte und dass er Klezmermusik gehasst hat, denn die wurde zu diesem Anlass gespielt. Nachlesen, was passiert, wenn diejenigen, die es »gut meinen« und diejenigen, die Subjekt dieser Bemühungen sind, aufeinanderprallen, kann man hier (Neue Osnabrücker Zeitung).
Oder man hört der Blauen Stunde von Serdar Somuncu zu, in der Oliver Polak zu Gast ist (hier) und auch mal erklärt, warum ein Stand-Up von Ususmango antisemitisch ist (→ warum Ususmango Olympia hasst).

Gegen Judenhass Eine Abrechnung?

Wenn diese Person dann mit dem Titel »Gegen Judenhass« an den Start geht, dann erwartet man, dass die Marke Oliver Polak auch abliefert.
Er erzählt von Ereignissen aus erster Hand und verweist punktuell auf einen größeren Rahmen. So erzählt er von einem Ereignis, welches man recht schnell als Auftritt beim »Neo Magazin Royale« verorten kann. Er erzählt darüber, dass er ausschließlich als Jude wahrgenommen wurde und dass der Gastgeber der Sendung sich davon nicht abbringen lassen wollte, weil das halt Polaks Alleinstellungsmerkmal sei. Der Rapper, der ihn ankündigte, beschrieb den Auftritt als Sühne für die Schoah. Schlimm genug. Der Jude als »glitzerndes Einhorn« (so nennt es Polak).

Man fragt sich, warum er im Buch keine Namen nennt und vielleicht für etwas Diskussion sorgt. Man kann sich aber auch fragen, warum Oliver Polak dann die Sendung dennoch mit bester Laune beendet hat und nach Wunsch des Gastgebers beendet hat. Klar besteht da eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Aber soll das so sein? Der Forderung, gegen Antisemitismus entgegenzutreten, ist das vielleicht nicht gerade förderlich, wenn man selber erst anschließend darüber spricht, obwohl man auch Akteur hätte sein können. Und wer weiß, vielleicht hätte das ja Schlagzeilen gemacht, wenn Oliver Polak den Auftritt in TV-Show XY abgebrochen hätte, weil ihm das einfach zu dämlich war?

Mit andere Personen (wir erfahren ihren Namen nicht, aber wenn man die Szene beobachtet, wird man schon wissen, um wen es geht) wird er während seiner Lesetour zusammensitzen. Eine Aufforderung zu konsequentem Handeln hätte man vielleicht anders untermauern sollen. Wir reden hier nicht über Situationen, denen man sich nicht entziehen kann, wie physische Übergriffe.

»Geschäft vor Moral oder suggerierter Moral« schlussfolgert er in einem anderen Fall, aber gilt das auch für das eigene Handeln?
Das schreibt sich natürlich leicht, aber dennoch darf man die Frage stellen?
Wenn ich das Handeln meines Gegenübers falsch finde, warum mache ich dann mit?

Die geschilderten Ereignisse gehören in die Öffentlichkeit, sie bilden einen Baustein bei der öffentlichen Wahrnehmung von Antisemitismus. Die kurzen Exkurse auf andere antisemitische Ereignisse gehören dazu. Ebenso wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht erst eingewanderte Antisemiten diese Seuche nach Deutschland gebracht haben, sondern dass es sie immer gab.

Für dieses Buch habe er extra seine Tour verschoben, so schrieb er auf Twitter. Wenn man das Buch vollständig liest, muss man sich jedoch fragen, warum er sich dafür zurückziehen musste. Das Buch hat 128 Seiten. Davon sind 34 gar nicht bedruckt und auf 34 Seiten steht jeweils ein Satz. Dieser Teil bildet die Einleitung mit kurzen Fragen zu dem, was man selber über Juden denkt. Das ist nicht ungelungen, hätte jedoch auch prima auf eine Seite gepasst.

Eine Seite aus dem Buch »Gegen Antisemitismus«

Zudem ist die Größe der Schrift doch sehr großzügig. Das gesamte Buch ist nicht länger als ein ausführlicher Essay in einer Wochenzeitung und dementsprechend knapp ist das Fazit nach einem kurzen Ausflug in das, was Oliver Polak erlebt hat. Diese Kombination von Form und Inhalt betrachtend, wirkt das Buch hektisch zusammengebaut.

Polak widmete das Buch Mireille Knoll, die in ihrer Wohnung von dem Sohn einer Nachbarin ermordet wurde. Auf den furchtbaren, antisemitischen, Mord geht er kurz ein, aber nicht, dass der Täter jemand war, der Mireille Knoll kannte und hier der Theorie den Stecker zieht, man müsse sich nur gut genug kennen, um einander nicht zu hassen. Sein Appell, für andere einzustehen, ist natürlich richtig, weil es die einzig zulässige Forderung ist, aber das hier fühlt sich nach »zu wenig« an.

Schade.Es ist das zweite Buch zum Thema Antisemitismus innerhalb von zwei Monaten (siehe hier: »Schonzeit vorbei«). Von beiden Autoren ist er derjenige mit dem größeren Bekanntheitsgrad. Natürlich wird er mehr Aufmerksamkeit generieren. Aber die Gelegenheit, die vorhandene Aufmerksamkeit zu nutzen, wurde nicht ergriffen. Oliver Polak wäre derjenige gewesen, dem man die schonungslose Abrechnung mit diesem Phänomen zugetraut hätte. Hoffen wir, dass er während seiner Lesereise dem gerecht wird.

Oliver Polak: »Gegen Judenhass« Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 128 Seiten, 8,00 €,
Link zum Verlag
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Mobile Sukkah in Dortmund

Mobile Sukkah in Dortmund

Statt auf Gäste zu warten, bringt Chabad Dortmund (auch in anderen Städten) die Sukkah zu den Gästen. Rabbi Menachem Mendel Vilenkin hat eine Sukkah auf ein Pick-up gestellt und dorthin gefahren, wo jüdische Leute wohnen.
Und es funktioniert: In der Zeit, in der ich bei Rabbi Vilenkin stand, kamen zahlreiche Leute vorbei und schauten neugierig. Einige kannte er und schüttelte Hände. Aber es gingen auch Leute vorüber, von denen er annahm sie sprächen Russisch. Er lag immer richtig. Die meisten ließen sich auf eine Brachah in der Sukkah, über Lulaw und Etrog und ein Stück Kuchen (oder ein LeChajm mit Wodka) ein.
Eine gute Idee, praktisch um die Leute zu erreichen, aber auch ein Hingucker.

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Schonzeit vorbei

Juna Grossmann von irgendwiejuedisch.com muss ich Leserinnen und Lesern dieses Blogs hier nicht gesondert vorstellen, nicht?
Juna hat jetzt in einem Buch das Thema »Antisemitismus« vollständig aufgerollt und allgemein verständlich (wie ich finde) zusammengefasst, wie sich die Situation für Jüdinnen und Juden geändert oder entwickelt hat. Fernab von abstrakten Berichten mit Zahlenkolonnen, die darüber Auskunft geben, wie viele Vorfälle es wo gab und welches Vokabular die entsprechenden Personen verwendet haben: »Es gab XY antisemitische Vorfälle.«

Es sind nicht nur die »Vorfälle«, die eine ungute Stimmung erzeugen, es sind kurze zwischenmenschliche Begegnungen. Bemerkungen des Gegenübers. Gesten.
Wenn man merkt, dass Gesprächspartner ihr Gegenüber nur noch als »Jude« betrachten und als Platzhalter für irgendein Vorurteil.
Sie berichtet dabei nicht über Zuschriften oder Ereignisse, die sie erhalten oder erlebt hat, sondern auch von Dingen die anderen passiert sind. So gibt es in Junas Buch auch einen Vorfall der mich betrifft und über den ich damals nicht berichtet habe. Auf diese Weise ergibt sich ein gutes aktuelles Stimmungsbild.

Aber dabei bleibt es nicht. Sie schildert die jüngere Entwicklung des »offenen« Antisemitismus. Die Affäre um Jürgen Möllemann etwa, der mit Israelkritik einen Wahlkampf gestalten wollte und damit punkten wollte. Oder die Gazakriege, in deren Verlauf es auch in Deutschland offen antisemitische Demonstrationen gab. Eingeflochten sind ihre ganz privaten Begegnungen und Entwicklungen und davon gibt es einige, denn sie war mit einem Job im Jüdischen Museum dort, wo nichtjüdische Deutsche auf das treffen, was sie für jüdisch halten. Auch, was in den sozialen Netzwerken passiert (insbesondere bei twitter), beschreibt sie recht anschaulich.

Differenziert Ungewöhnlich für die Öffentlichkeit

Es ist ein differenziertes Buch und Wortmeldungen dieser Art gibt es wenig: Es ist nicht nur eine spezielle Gruppe Schuld am aktuellen Antisemitismus, sondern es werden alle Faktoren betrachtet, die die Stimmung im Land negativ beeinflussen. Wie wirkt sich all das auf diejenigen aus, die sichtbar als jüdische Leute unterwegs sind? Für einige, die in der Öffentlichkeit für das Judentum sprechen (wollen), ist Antisemitismus ausschließlich deutsch und weiß. Antisemitismus mit Bezug auf den Islam gäbe es nicht (siehe auch hier). Für wieder andere öffentliche Personen, ist der deutsche Antisemitismus zu vernachlässigen und vor allem Muslime und Zuwanderer seien schuld an der aktuellen Situation. Es ist klar, dass beide Unrecht haben und es wird Zeit, dass eine Stimme in den Medien zu hören ist, die das differenziert darstellt. Und das obwohl ihr wohl bewusst ist, dass sie auch dafür angefeindet werden wird.

Ihr Fazit ist nachvollziehbar und ich unterschreibe es: Es ist nicht klar, wohin die Reise dieses Landes geht. Man spricht heute natürlich von »gepackten Koffern« und nicht davon, wie sicher oder wohlbehalten man sich fühlt.

Salomon Korns Satz zur Synagogenbauten aus den 80er Jahren »Wer ein Haus baut, will bleiben«, zeigte Optimismus, der mit der Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion noch zunahm. Zum Vertrauen in den Staat kam nun noch der demographische Aufbruch. Heute lässt sich dieser Satz ändern in »wer ein Haus baut, hofft(e), dass er bleiben kann.« Junas Ausführungen zeigen ganz gut, dass dieser Optimismus einer geänderten Wahrnehmung gewichen ist und auch die Fakten eher gegen ein Bleiben sprechen.

Vielleicht wird das ja gehört.

Juna Grossmann: »Schonzeit vorbei« Droemer HC, München 2018, 160 Seiten, 14,99 €, Link zum Verlag
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Und in wessen Buch stehst Du?

»Chatima Towa« sagt sich leicht. Eine »gute Einschreibung«. Das wünscht man sich bis Jom Kippur. Schwerer ist es, jemanden um »Verzeihung« zu bitten oder sich zu entschuldigen.

Die Einschreibung ist auch das Thema von Untane Tokef:

»An Rosch haSchanah werden sie eingeschrieben und an Jom Kippur besiegelt,
wie viele dahinscheiden und wie viele geboren werden,
wer leben soll und wer sterben wird,
wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit,
wer durch Feuer und wer durch Wasser,
wer durch Schwert und wer durch Hunger,
wer durch den Sturm und wer durch Seuche,
wer Ruhe haben wird und wer Unruhe,
wer Rast findet und umherirrt,
wer frei von Sorgen bleibt und wer voller Schmerzen,
wer hoch und wer niedrig ist,
wer reich und wer arm sein soll.«

Wer bei facebook oder hier kommentiert, da gäbe es doch eine Adaption von Leonard Cohen, der muss 5 Euro an die Jüdische Phrasenkasse überweisen.

Legenden Die Entstehungsgeschichte von Untane Tokef ist bereits Legende.

Angeblich soll Rabbi Kalonymus ben Meschullam (11. Jahrhundert) den Text aufgeschrieben haben, den ein Rabbiner Amnon aus Mainz gesprochen haben soll. Rabbi Amnon aus Main sei vor die Wahl »Tod oder Taufe« gestellt worden und habe sich Bedenkzeit erbeten. Das bereute er anschließend und lehnte es ab, sich taufen zu lassen. Er wurde gefoltert. Kurz bevor er seinen tödlichen Verletzungen erlag, sprach er in der Synagoge ebendieses Gebet. Die Geschichte findet man fast in jedem Machzor mit Kommentar und ist natürlich irgendwie ergreifend und passt in ihre Zeit, ist aber offenbar historisch. Sie basiert auf den Angaben von Rabbiner Jitzchak ben Mosche aus Wien (etwa 1200–1270). Tatsächlich aber fand man den Text auch in der Geniza von Kairo und kann ihn in das 8. Jahrhundert datieren. Das war lange vor Rabbi Amnons Zeit. Aber die Geschichte schafft eine emotionale Verbindung.

Wird man also eingetragen oder nicht eingetragen in ein »Sefer Hachajim«, ein »Buch des Lebens«?
Wir kennen es aus der Tora (2. Buch Mose 32,32): »Nun, wenn du ihre Sünde vergibst, wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast.«

Doch was ist mit denen, die nicht in das Buch des Lebens eingeschrieben werden?
Die vom Weg abgewichen sind?
»Unetane Tokef« gibt eine Antwort: »Doch Rückkehr (Teschuwa), Gebet (Tefilla) und Zedaka wenden das böse Verhängnis ab.« Dies ist ein Zitat aus einem Midrasch (Bereschit Rabba 44,12).

Aber seine Aussage widerspricht unserem Wissen über die Welt!
Gute Menschen sterben, ganz gleich welchen Alters.
Unschuldige Menschen sterben bei Katastrophen wie Vulkanausbrüchen oder Erdbeben.

Das sind Ereignisse, auf die der Mensch keinen Einfluss hat. Der Talmud erklärt in Awoda Sara (54b), dass »die Natur ihren eigenen Lauf« hat, den wir nicht ändern oder beeinflussen können.
Naturkatastrophen haben natürlich eine Ursache, aber die liegt nicht im Fehlverhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe.

Unsere Lebenserfahrung scheint also dem »Unetane Tokef« Unrecht zu geben. Deswegen tun sich viele Menschen schwer mit dem Gebet.

Doch »Unetane Tokef« widerspricht dem Talmud in Wirklichkeit nicht. Denn man kann es auch als Aufzählung verstehen, die uns bewusst macht, dass es Bereiche gibt, auf die wir keinen Einfluss haben – wie eben die Wasserflut oder den Krieg. Wir Menschen können die Naturgesetze oder den freien Willen anderer Menschen nicht ändern. Rabbiner Josef Albo (1380 – circa 1444) hat in seinen »Grundprinzipien« festgestellt, dass unsere Gebete in erster Linie uns ändern sollen – und nicht G-tt.

Gebete sind also keine Zaubersprüche oder magische Formeln.

Die Kombination »Gebet, Zedaka und Teschuwa« kann niemanden vor Naturgewalten schützen, aber eine Gesellschaft fördern, in der das Leben im Vordergrund steht. Alle drei im Zusammenspiel verändern denjenigen, der es tut, und die Gesellschaft, in der er dies tut.

Die Torah wird die »Lehre des Lebens« genannt oder »Baum des Lebens«.
Wir »ändern« das Urteil, wie es in »Unetane Tokef« heißt, indem wir unsere eigene Haltung dazu ändern. Wir verstehen eine Hungersnot nicht als Bestrafung für unmoralisches Handeln, sondern als etwas, das eine andere Ursache hat.

Wenn wir der Lehre des Lebens nachfolgen, werden wir möglicherweise schon früher in die Lage versetzt, den anderen und seine Bedürfnisse zu erkennen. Am »Jom Hadin« (dem Tag des Gerichts) können wir mit uns selbst hart ins Gericht gehen und überprüfen, was wir dazu beigetragen haben, eine lebenswerte Gesellschaft zu erschaffen, und ob wir das auch anderen, nicht zuletzt unseren Kindern, ermöglichen.
Vielleicht geht es bei dem Buch des Lebens auch die Lebensgeschichte der Anderen. Mit welchem Beitrag bin ich verzeichnet im Leben der Anderen.
Habe ich etwas Gutes beigetragen?
Das wäre schön.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Einschreibung.

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Das große Jom Kippur Kochen

Wir sind uns sicher alle einig, dass das Nachfeiern eines Sederabends am Gründonnerstag – dem Tag vor Karfreitag – durch wohlmeinende Menschen, ein zivilisatorischer Fortschritt ist. Jedenfalls besser, als das lokale Ghetto auf links zu ziehen. An diese An- und Enteignung haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Irgendjemand muss ja auch all die deutschsprachigen Haggadot kaufen…

Ein ganz besonderes Sahnestückchen dieser Chuzpe ist jedoch eine Veranstaltung, die am 19. September 2018 in Parchim stattfindet:

»Biblisch Kochen am Jom Kippur – Der Tag der großen Versöhnung«

Weiter heißt es in der Einladung:

Die jüdischen Festtage waren auch die Feste Jesu. Der wichtigste dieser Feiertage ist der Jom Kippur „Tag der großen Versöhnung“. Diesem Fest wollen wir nachgehen. In Anlehnung an die jüdischen Speisegesetze werden wir mit Zutaten aus der Bibel miteinander kochen.

Egal, dass der »Tag der großen Versöhnung« ein »großer Fastentag« ist und Jüdinnen und Juden (versuchen) zu fasten. In »Anlehnung« an die jüdischen Speisegesetze an Jom Kippur zu kochen, ist also aus jüdischer Sicht entweder ein satirischer Beitrag zum Christlich‑Jüdischen Dialog, oder einer mit einer ziemlich überschaubaren intellektuellen Tiefe.

Erinnert zumindest irgendwie an die Geschichte über eine Gruppe von jüdischen Atheisten, die sich an Jom Kippur zu einem Festessen traf, um dem Ewigen eins auszuwischen.

Hier die Veranstaltung bei facebook

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Fremdgemacht und Reorientiert

Nennen wir es den »Trick der bösen Handwerker«:
Sie öffnen die Haube, oder das Gerät, schütteln den Kopf und sagen: »Das wird teuer« oder »schwierig«, oder »wer hat das denn gemacht?«.
Daran erinnerte mich das Vorwort zu »Fremdgemacht und Reorientiert«. Gleich zu Beginn wird konstatiert, das Feld »Islam und Judentum« sei vermint und schwierig.
Dabei gibt es doch zahlreiche jüdisch-muslimische Initiativen. Natürlich immer noch immer zu wenige, aber es wird besser. Das liegt übrigens nicht am Unwillen der Leute, sondern einfach daran, dass die jüdischen Gemeinden nicht besonders groß sind.

Aber spätestens seit der »Beschneidungsdebatte« ist deutlich, dass auch der Zentralrat sich hinter die muslimische Gemeinde stellt – zum Ärger von Wutbürgern und Islamhassern.

Auf diesem Feld liegen keinen Minen, aber es wird von Dritten so getan, als sei es so und das ist eines der größten Probleme des jüdisch-muslimischen Dialogs. Dies festzustellen, legt den Blick auf die eigentliche Zusammenarbeit frei, entzaubert aber diejenigen, die sich an dieser Schnittstelle als Erklärer hervortun.
Schuld daran sind hartnäckige Mythen (»Narrative«). Diese werden nicht explizit in »Fremdgemacht und Reorientiert« genannt, sondern in größere Exkurse eingebettet. Unser kleiner Exkurs in die hartnäckigsten Mythen ist auch eine Betrachtung, wie »Fremdgemacht und Reorientiert« funktioniert:

  • Es gibt muslimischen Antisemitismus. Hier muss genau auf die Wortwahl geachtet werden. Es gibt keinen »muslimischen« Antisemitismus. Ja, es gibt muslimische Antisemiten (so wie es auch muslimische Philosemiten geben wird) und es gibt Antisemiten, die sich auf den Islam beziehen. Aber aus sich heraus, ist »der« Islam (welcher und wessen Islam?) nicht antisemitisch, lediglich in einer Lesart derjenigen, die ihn antisemitisch auslegen um politische Ziele zu erreichen. Wer »den« Islam also antisemitisch liest, übernimmt die Ideologie der Fundamentalisten. Das tun islamische Fundamentalisten genauso, wie Islamfeinde.  Dieses Thema greift Patrick Brooks in seinem Artikel »Ein weder einfaches noch einseitiges Erbe« auf und spürt der Darstellung von Juden in den islamischen Quellen nach. Das ist gelungen und entkräftet das Argument des antisemitischen Islam.
  • Mit den syrischen Flüchtlingen kam mehr Antisemitismus. Das ist ein Mythos, den diejenigen erdacht haben, die eine Agenda gegen Flüchtlinge, bzw. eine Agenda der Angst haben. Ein Antisemitismus, der sich auf den Islam bezieht, ist physisch spürbar seit 2006. Die Proteste gegen bewaffnete Interventionen im Libanon und Gaza führten zu offenem Antisemitismus. Dieser Antisemitismus beruft sich auf den Islam und wird von politischen Akteuren befeuert. In »Fremdgemacht und Reorientiert« wird hingegen diese Strategie nicht behandelt. Statt dessen der Antisemitismus, der tatsächlich vorhanden ist, relativiert und teilweise auch umgedeutet in »Israelkritik« und Antizionismus. So schreibt Iman Attia, Professorin für Critical Diversity Studies in ihrem Artikel » Den Rassismus gibt es nicht«: »Denn Kritik an israelischer Regierungs- und Siedlungspolitik gilt im offiziellen Deutschland als Indiz für Antisemitismus, jenen neuen, der als muslimischer identifiziert wird und die Vertreibung von Palästinenser*innen nicht wahrhaben möchte«. Überhaupt sieht sie eine »Ausweitung von Antisemitismus auf Antisemitismus und ›Israelkritik‹« gleich zu Beginn ihres Artikels. Das ist deshalb so, weil Antizionismus Antisemitismus ist. Eine Definition von Antisemitismus wird übrigens nirgends angeboten, deshalb können die Autoren den Begriff auch recht flexibel halten. Übrigens bedeutet das natürlich nicht, dass Kritik an israelischer Politik rundherum antisemitisch sei. Sie ist es natürlich nicht, wenn es um die Kritik an Politik geht und nicht um die Zuschreibung negativer Eigenschaften die Israel anhaften.
  • Islam und Judentum stehen sich feindlich gegenüber. Diese Erfindung ist ein Coup der islamischen Fundamentalisten. Diese Geschichte ist nicht aus der Welt zu kriegen. Sie wird selbst von rechtsgerichteten Gruppierungen übernommen und als Anlass für eine vermeintliche Israelsolidarität genannt. Tatsächlich ist das eine erdachte Feindschaft. Von denen weitergetragen, denen es politisch nutzt. Das Judentum selber hat keine Agenda gegen den Islam und religiös gibt es keinerlei Vorbehalte. Armin Langer versucht in seinem Beitrag »Wie koscher ist der Islam?« genau das zu zeigen und beginnt eigentlich mit einer brauchbaren Darstellung des Islam und seiner Anhänger aus jüdischer Sicht. Gerade ein Blick auf Maimonides ist hier ja lohnenswert. Das ließe sich für konkrete Dialogarbeit tatsächlich nutzen, wenn er nicht irgendwann das Ziel aus den Augen verlieren würde und daraus schlussfolgert, dass die Hetze gegen Muslime durch Juden keinesfalls religiös motiviert sei. Es liegen mir keine Erkenntnisse darüber vor, dass die Jüdische Rundschau (die im Text von Armin Langer ausdrücklich genannt wird) ihre Agenda zum Islam religiös begründen würde. Auch andere genannte Jüdinnen und Juden, die eine islamfeindliche Agenda haben, pflegen diese nicht aus religiösen Motiven und haben dies auch nie behauptet. Genannt werden etwa Pamela Geller und David Horowitz. Ihre »Kritik« (wenn man das so bezeichnen kann) bezieht auf gesellschaftliche Konfliktfelder. Aus der Religionszugehörigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu schlussfolgern, diese Person könnte oder müsste Motive haben, die sich religiös begründen lassen, läuft dem entgegen, was die Autoren des Bandes eigentlich wortreich ablehnen: Zuschreibungen oder gruppenbezogene Verallgemeinerungen. Ist David Horowitz ein »jüdischer Aktivist«, nur weil er zufällig Jude ist und das ansonsten in seinen Aktivitäten keine Rolle spielt?
  • Die Polizeistatistik zeigt, dass die meisten Übergriffe auf das Konto »weißer Rechter« gehen. Es ist vielfach darüber diskutiert worden und die Forderung offen, hier grundlegend nachzubessern. Politisch motivierte Übergriffe auf Jüdinnen und Juden werden vielfach dem Bereich »Rechtsradikalismus« zugeordnet. Ein Großteil der Fälle, die physische Übergriffe auf Jüdinnen und Juden betreffen, haben meist Täter, die nicht diesem Bereich zuzuordnen sind. Aber auch auf diese Aussage ziehen sich die Autoren oftmals zurück.
  • Es gibt ein »christlich-jüdisches« Abendland. Auch das ist eine recht neue Erfindung zur Abgrenzung vom Islam. Ja, die modernen Staaten des Westens bedienen sich aus dem Wertekanon der hebräischen Bibel. Dass das Judentum jedoch als Partner wahrgenommen wird, ist recht neu.

Die Themen werden also behandelt, aber nicht immer so unvoreingenommen, dass es den eigenen Anspruch erfüllt. Siehe den o.g. Artikel von Armin Langer.

Jüdisch-muslimischer, oder muslimisch-jüdischer Dialog ist mehr als die Rede von Antisemitismus. Aber selbst so bedeutende Epochen in der Entwicklung des westeuropäischen Judentums, in denen begonnen wurde, im »maurischen« Stil zu bauen und man sich mit dem Islam positiv auseinandersetzte, kommen nur als Randbemerkung vor. Kein Wort darüber, dass die Wilmersdorfer Moschee auch zahlreiche Juden anzog.
Der Band »fühlt« sich an, wie eine interreligiöse Ausgabe der Zeitschrift »Jalta« in der sich sich viele Texte um das Zurückweisen von Zuschreibungen drehen und das in verschiedenen Variationen. Das Personal ist teilweise gleich. Auch hier ruft uns wieder ein »Desintegriert euch« entgegen. Und auch hier ist die Gegenwart feministisch, queer, migrantisch und so. Ebenfalls in politisch korrekter Gender-Schreibweise mit hartnäckigem Anhängen des Suffixes »innen« an (männliche) Substantive mit Sternchen.
Ergeben sich hieraus neue Debatten?
Vielleicht.
Aber es sind leider immer die gleichen, mit den gleichen Köpfen.

Der Dialog in den Gemeinden geht hingegen unbeeindruckt davon weiter. Denn es gibt vieles zu sagen und zu (er-)klären.

Ozan Zakariya Keskinkılıç | Ármin Langer (Hg.) »Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen« Verlag Yılmaz-Günay, Berlin 2018, 292 Seiten, 18,00 €
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Kommt ein Pferd in die Bar – Premiere am Akademietheater

Mavie Hörbiger und Samuel Finzi in »Kommt ein Pferd in die Bar« von David Grossmann – Copyright für das Bild: Bernd Uhlig

»Dovele G. – meine Damen und Herren, auch genannt Dov Grinstein, ist der einzige Mensch auf der Welt, der bereit ist, eine ganze Nacht mit mir zu verbringen, und zwar ohne Geld, und das ist meines Erachtens die sauberste und objektivste Messlatte für wahre Freundschaft.« Diese Selbstbeschreibung ist Teil von Dov Grinsteins Einführung in sein Abendprogramm. Dov Grinstein ist eigentlich eine Romanfigur von David Grossman und nun Mittelpunkt eines Theaterabends im Wiener Akademietheater am 5. September 2018.

Und Dov Grinstein ist kein Sympath. In dem Stück ist es Grinsteins letzter Auftritt in Netanja als »Comedian«.
Das Publikum, in dem auch einige von Grinsteins Freunde sitzen, wird zunächst einmal flächendeckend beschimpft und verärgert. Die Qualität seiner Zoten variiert zwischen unterirdisch und geistreich. Mario Barth meets Roger Willemsen (seligen Angedenkens). Witze über die Schoah und ihre Opfer, über Palästinenser, die israelische Politik setzen eine strapaziöse Performance zusammen. Für die Figur Dov, für das Publikum und für den Schauspieler Samuel Finzi, der Dov Grinstein eindrucksvoll in den Mittelpunkt stellt. Das macht er so großartig, dass es der Verweise auf Netanja und somit auf die Handlung von David Grossmans Buch gar nicht bedurft hätte. Hätte Regisseur Dušan David Pařízek diese Hürde zwischen Publikum, Stück und Grinstein noch abgerissen, wäre die Nähe der Figur vielleicht noch größer gewesen. Grinstein interagiert zwar mit dem Publikum, aber durch einige Hinweise auf die Rahmenhandlung und den eigentlichen Ort der Handlung entsteht Distanz. Distanz hat Pařízek durch die eine oder andere seltsame Regieidee eingebaut. So dreht sich Grinstein minutenlang mit einer Kamera im Kreis und erzählt von sich. Hier hätte man Finzi vielleicht einfach ungeschützt mit dem Publikum reden lassen können. Die Beschreibung seines Lebens, seiner Jugend und der Geschichte seiner Eltern ist so intensiv, dass es dieser Spielereien nicht bedurft hätte. Hier wirkt einfach der Text und die Körperlichkeit von Finzi. Der Text ist hart. Nichts für Publikum, das bisher im philosemitischen Schutzraum unterwegs war. Der empathische Zuhörer wird fassungslos sein über die Schilderungen Grinsteins. Die Schoah-Geschichte seiner Mutter, sein Verhältnis zu seinem Vater. Seinen Aufenthalt im Feriencamp aus dem er abgeholt wird weil er Waise geworden ist und nicht erfährt, welcher Elternteil verstorben ist. Die Fahrt vom Camp zum Ort der Beerdigung mit einem witzeerzählenden Fahrer. Die Verachtung der anderen Kinder für Grinstein. Eindrucksvoll.
Grinstein steht Pitz zur Seite. Zunächst Zuschauerin, wird die ehemalige Nachbarin, gespielt von Mavie Hörbiger (großartig!), Teil des Stückes. Auch sie hat keine lustige Geschichte zu erzählen.

Den Roman mit dem Stück zu vergleichen, wird zu nichts führen. Man muss das Stück gesondert betrachten und es auf sich wirken lassen. Vielleicht haben das diejenigen getan, die den Abend schon vorzeitig abgebrochen haben und das Theater verließen. Das waren nicht wenige. Bereits nach einer Stunde standen einige Leute auf und gingen. Waren sie enttäuscht? War die emotionale Herausforderung zu groß? Haben sie einen Stoff erwartet, der näher am Roman war?
Jedenfalls haben sie David Grossman verpasst, der nach den 165 Minuten ohne Pause ebenfalls auf die Bühne trat.

Fazit: Wer die Möglichkeit hat, der sollte das Stück sehen:

Das Stück läuft nun im Akademietheater Wien. Link hier.

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Alle so Yeah und dann so oooh…

Im Juli 2018 gab die Karel de Grote Hochschule in Antwerpen bekannt, dass eine (jüdisch) orthodoxe Studentin, Rezi Friedman, eine Auszeichnung für ihre besonderes Engagement und ihre guten Ergebnisse. Das wurde auch dementsprechend als Ereignis gewürdigt: »Belgian Jewish Graduate Receives Major Historic Award from Antwerp University KDG« (Video hier). Besonders wurde hervorgehoben, dass ihre Religion sich mit der weltlichen Bildung verbunden hat und die Synthese ein gutes Vorbild sei. Auch das belgische Pendant zur Jüdischen Allgemeinen, Joods Actueel, fand das gut und reichte das oben verlinkte Youtube-Video weiter.
Auch die Jewish Telegraphic Agency brachte einen euphorischen Bericht und berichtete von der Tochter eines haredischen Rabbiners, die ausgezeichnet worden sei und beleuchtete gleich, wie gut jüdische Studenten im Allgemeinen so abschneiden.

Soweit, so großartig und vorbildhaft.

Dann aber bekam die Geschichte eine interessante Wendung. Es stellte sich nämlich heraus, dass Rezi Friedman die Tochter von Mosche Arjeh Friedmann ist. Ein Mann, den Mitglieder der Jüdischen Gemeinde vielleicht noch kennen könnten. Er war dort nämlich antizionistischer Neturei-Karta-»Rabbiner«, wenngleich man sowohl in Wien, als auch in Belgien anzweifelt, dass er tatsächlich den Rabbiner-Titel trägt. Das ist auch der Mann, der schon Achmadiendschad die Hand schütteln durfte. Nach Wien ging er nach Antwerpen und klagte seine Kinder in die Jüdische Schule ein. Die Verwaltung der jüdischen Schulen lehnten nämlich eigentlich den Besuch der Schulen durch Friedmans Kinder ab.

Dass die fleißige junge Frau nun auch noch für die christlich-demokratische Partei »Christen-Democratisch en Vlaams« kandidiert, »überrascht« die jüdische Gemeinde Antwerpens und die Begeisterung ist nicht mehr ganz so groß. Vielleicht auch nicht bei der Politik. Für die Stadt Antwerpen hatte man sich um jüdische Kandidaten bemüht, um auch bei den jüdischen Wählern punkten zu können und hat nun eine Kandidatin ins Rennen geschickt, deren Familie im Allgemeinen vollständig gemieden wird. Übrigens ist Mosche Friedman rein äußerlich nicht mehr der Mosche Friedman aus Wien, in schwarzer Kleidung und großem Hut und zotteligem Bart. Er sieht heute sehr viel stylisher und moderner aus. Derzeit scheint er sich mit seiner Familie eine Kreuzfahrt durch den Mittelmeerraum zu gönnen. Irgendwie bestreitet er also seinen Lebensunterhalt. Trotz der Isolation innerhalb der Gemeinschaft.

Auf der anderen Seite: Rezi ist nicht ihr Vater. Ihre Ansichten sind bisher nicht publik geworden. Niemand weiß, ob sie die Ansichten ihres Vaters teilt – aber es ist interessant, welche Bandbreite die Reaktionen der selben Leute, auf die selbe Person haben können – abhängig vom Kontext. Kleiner Kontext – jüdisch, orthodox, weiblich: Hey! Eine von uns hat es geschafft. Strebsam und wissbegierig.
Erweiterter Kontext: jüdisch, orthodox, weiblich, Tochter eines Neturei Karta-Manns: Oh. Naja. Hoffentlich macht sie nichts kaputt.

Was sie letztendlich ausmacht, sollte man nicht von ihrem Vater abhängig machen, sondern an dem, was sie tun wird.

Artikel

Max Czollek: Desintegriert euch

Der Hanser-Literaturverlag nennt das neue Buch von Max Czollek »ein wildes Zeugnis der jüdischen Szene« und ein »Schlachtruf der neuen jüdischen Szene«.
Klar kann man da fragen, was das überhaupt ist, die »jüdische Szene«? Oder wer genau dazugehört.
Die Buzzwords reichen aus, um das Buch nach vorne zu bringen. »Neue jüdische Szene«, da geht was im jüdischen Deutschland. Junge wütende Juden. Polemik. Gegen das Establishment. Yeah! Der Jude als irgendwie sympathischer, intellektueller Miesepeter. Ist an sich schon ein deutsches Klischee und solche Leute haben in den Feuilletons ihren eigenen Platz. Meist ein Podest, oder eine Bühne, auf die sie bewundernd gehoben werden.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der aufgeweckte Max Czollek das nicht gewusst hat.

Und doch bedient er genau das und in eleganter Weise, indem er das »Gedächtnistheater« kritisiert, welches Jüdinnen und Juden in Deutschland einen festen Platz zuweist. Die lebendigen Zeugnisse dessen, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich ist. Damit ist er selber Teil des feuilltonistischen Judentums geworden. Die Pilgerstätte dieser Strömung ist übrigens der Tarbut-Kongress auf Schloss Elmau.

Max Czollek ist Mitherausgeber von »Jalta« (Rezension hier) und das scheint die Stimme der »jüdischen Szene« zu sein oder die Stimme derer, die sich für die neue jüdische Szene halten. Das hilft zumindest schon bei der Bestimmung der Gruppe, für die er sprechen will. Bereits in Jalta schrieb er:

»Und wir Juden leisten einen wesentlichen Beitrag, dieses post-nationalsozialistische, deutsche Selbstverständnis zu stabilisieren. Indem wir all die born-again Deutschen ihrer eigenen Läuterung versichern, gibt es uns heute vor allem als Juden für Deutsche.«

Jalta, Ausgabe 1, Seite 121

Der JfD, der »Jude für Deutsche« aus dem Buch, der als Entlastungsdienstleister funktioniert und auch sonst alles erfüllt, was von einem JfD verlangt wird: Auskünfte zu Antisemitismus, Schoah und Israel. Auch Migranten hätten ihre Rolle. Sie sollten Auskunftsfähig über die Unterdrückung der Frau, zum Islamismus und Demokratiefähigkeit sein. Jedenfalls, wenn er als guter Migrant gelten möchte. Das sind treffende Beobachtungen und die Erfahrungen äußerst frustrierend, allerdings scheint Czollek nicht zu erkennen (oder es ist beabsichtigt), dass er selber nun selber öffentlicher Jude in Deutschland ist (öJD) – so würde ich das mal nennen. In diese Falle sind vorher schon Leute gelaufen, Oliver Polak etwa hat sich davon emanzipiert. Andere haben sich das als Geschäftsfeld eröffnet und spielen ihre Rolle perfekt.

Czollek fordert, »sich nicht gebrauchen zu lassen« und definiert »Desintegration« als Befreiungsschlag von dieser Umklammerung des jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit. Es folgt eine Aufzählung von Dingen, die man tun muss, um sich zu befreien.
Über die Fahne Deutschlands soll man etwa wütend sein, weil die »scheiß Fahne« seit 2006 auf »jedem scheiß Produkt« zu finden sei:
»Unsere Rache sorgt dafür, dass die Tätergemeinschaft nicht zur Ruhe kommen kann. Keine Vergangenheitsbewältigung. Keine Juden für Deutsche.« So hieß es auch schon in Jalta und dennoch hat man die Kulturstiftung des Bundes »Jalta« mitfinanzieren lassen.

Genau so doppelbödig ist es hier auch. Aus der »jüdischen« Sicht ein Buch schreiben, aber sich nicht als »jüdischen« Künstler verorten lassen wollen. Das ist ein interessanter Kunstgriff. Wollte man bei diesem Game nicht mitspielen, würde man es lassen und einfach als Künstler veröffentlichen und schreiben.

Die »neue jüdische Szene« sind die Protagonisten von Jalta, dem Buch »Fremdgemacht und Reorientiert« und eben Max Czollek. Der Personenkreis ist überschaubar, aber produktiv und wirbelt Staub auf – mehr aber auch nicht. Mit einer Desintegration für die Öffentlichkeit fehlen Impulse hinein in die Gemeinden. Was soll das konkret bedeuten? Innerhalb der Community »berühmt« zu sein, bezahlt aber auch keine Miete.
Dass »Um Antisemitismus kümmern sich Juden« Jan Böhmermann das Buch gut findet, überrascht nicht. Es liefert das, was erwartet wird. Das sollte dann zum Nachdenken anregen – warum eine künstlerische Kampfansage gefeiert wird…

Max Czollek: »Desintegriert euch!« Hanser, München 2018, 208 Seiten, 18 €