Artikel

Das israelische Wahlergebnis – schlecht für die Diaspora?

Geht es um Hass, Menschenfeindlichkeit oder Vorurteile, dann sind Jüdinnen und Juden weltweit oft die erste Gruppe, die davon betroffen ist. Zugleich sind es jüdische Werte, die eine Gleichbehandlung von Menschen fordern und es sind Jüdinnen und Juden weltweit, die gegen Hass, Vorurteile und auch gegen Antisemitismus kämpfen. Nicht nur dann, wenn es die eigene Gruppe betrifft. Dieses starrsinnige Festhalten an der Idee, dass es moralische Leitlinien geben könnte, die darüber hinaus gehen, ob jemand für die Gesellschaft »nützlich« sein könnte, hat Jüdinnen und Juden jedenfalls auf der Liste der beliebtesten Menschen nicht auf die vorderen Ränge gebracht.

Wenn man sehr versöhnlich ist und einfache Antworten liebt, wird man nun, nach der Wahl (am 1. November 2022) in Israel, behaupten, es sei ein Zeichen der »Normalität«, wenn auch Israel einem globalen Trend folgt: dem Erstarken rechter Strömungen. Vermeintlich aus Protest gegen die schwierigen Umstände. Diese Strömungen, so könnte man denken, seien ein »Phänomen«, das verschwinden wird, sobald schwerwiegende Probleme gelöst worden sind. Eine Art Fieberschub. Da keine Lösungen präsentiert werden, würden die Menschen schon sehen, dass es nicht »vernünftig« sei, auf diese Akteure zu setzen.

Das Problem dabei: Israel ist weder Ungarn noch Italien oder Schweden. Die Entscheidungen dieser Länder sind eingebunden in ein großes Netzwerk. Sei es die EU oder kleinere politische (und korrigierende) Netzwerke. Aber keines dieser Länder ist fortwährend mit existentiellen Bedrohungen der äußeren und inneren Sicherheit konfrontiert. Wenige Entscheidungen reichen aus, um eine gesamte Region zu destabilisieren. Diese Länder haben keine Soldaten in Regionen, in denen sie leidenschaftlich gehasst werden, keine Menschen innerhalb und außerhalb der Grenzen, die darauf warten, Terroranschläge zu verüben und sie haben keinen Tempelberg mit internationaler Aufmerksamkeit und der Sicherheit eines Lagerfeuers in einem Sprengstofflager. »Die einzige Demokratie im Nahen Osten« hat das Problem aller westlicher Demokratien, aber unter anderen Voraussetzungen.
Dazu kommt noch eine »moralische« Funktion: Jüdinnen und Juden in aller Welt schauen nach Israel und sehen den Traum nach einem Ende des Exils verwirklicht. »Atchalta d’geula« der Beginn der Erlösung, oder für nichtreligiöse Menschen einfach die Verheißung auf ein selbstbestimmtes Leben. Ja, sicherlich ist Israel zu einem großen Teil auch ein imaginierter Ort, eine Art Ideal.

In diese Gemengelage marschiert Itamar Ben-Gvir. Radikal (siehe hier, hier und hier), anscheinend ein Bewunderer von Baruch Goldstein, der 29 Menschen tötete und 150 verletzte. Er ist kein Freund der »Araber, um es zurückhaltend zu formulieren. Er widerspricht als Person klar dem, was wir eingangs als »jüdische Werte« kennengelernt haben.
Dem kann die Diaspora sich nicht entziehen. Man müsste sehr viel kognitive Dissonanz einbringen, um das nicht zu bemerken. Der Umgang damit liegt in jüdischer Verantwortung. Darauf eine Antwort zu finden, könnte eine kommende Aufgabe außerhalb Israels sein.
Es wird nicht mehr verfangen, wenn (meist nichtjüdische) »israelsolidarische« Gruppen jede Meldung Netanajahus als Zeichen eines starken Israel feiern und dabei übersehen, dass Benjamin Netanjahu schon länger ein Freund der populistischen Sprache ist. Hier schließt sich der Kreis zu den Problemen der westlichen Demokratien.

Bedeutet das also, dass die Juden der Diaspora den Preis dafür zahlen müssen?
Nein!
Die jüdischen Menschen in der Diaspora zahlen den Preis dafür, dass Menschen antisemitisch denken und handeln. Die »Hater« werden begeistert über die neue Regierung in Israel sein – sollte sie gebildet werden können – aber sie haben schon vorher Jüdinnen und Juden nicht gemocht und es spielt keine Rolle, ob Falken oder flauschige Kätzchen in Israel an der Macht sind. Für den Hass wird sich immer eine Rechtfertigung finden und deshalb ist es gut, dass es den Staat Israel gibt.

Um es »rund« zu machen: Genau aus diesem Grund kann auch der Diaspora nicht gleichgültig sein, was im Land Israel geschieht.

Artikel

Shtisel?

Shtisel und Shulem am Tisch

Nicht, dass ich dem Urteil von Sophie Albers Ben Chamo nicht trauen würde, aber lange Zeit hatte ich den Verdacht, »Shtisel« (läuft auf Netflix) sei für die Erfüllung eines voyeuristischen Drangs erschaffen worden. Natürlich behauptet man, man möchte etwas andere Lebensweisen und Lebenswelten lernen, tatsächlich will man Selbstbestätigung für die Wahl, die man selber getroffen hat. »Schaut, wie sie leben!«

»Shtisel« ist eine israelische Serie und erzählt von vier Generationen einer charedischen Familie die in Jerusalem (im Stadtteil Ge’ula) lebt.

Natürlich bezieht die Serie ihre Energie auch über die Herausforderungen, die es mit sich bringt, Teil der charedischen Gemeinschaft zu sein und regelmäßig an Grenzen zu stoßen. Aber es wird nicht so getan, als müssten die Hauptfiguren aus dieser Welt ausbrechen, um wirklich glücklich zu sein (wie viele der Zuschauer?). Statt dessen geht es eigentlich um die Schmerzen und Freuden des Zusammenlebens – nicht darum, dass sie auf ihre Erlösung aus ihrer Gesellschaft warten.

Die Familie, um die es geht, ist die Familie »Shtisel« (mit Samech, also eigentlich »Schtissel«. Die Serie beginnt mit dem Ende der Trauerzeit um die Mutter der Familie. Ihr Sohn, Akiwa, ist etwas, oder sehr, verträumt und steht im Alter von vierundzwanzig schon etwas unter Druck, noch nicht geheiratet zu haben. Er ist Aushilfslehrer an der Schule an, an der auch sein Vater unterrichtet, zeichnet heimlich (und gut) und verliebt sich in Elischewa, eine ältere, (zweifach) verwitwete Mutter eines seiner Schüler. Schulem, der Vater, scheint der Patriarch zu sein und wirkt gleichermaßen sympathisch wie unsympathisch. Ein sehr ambivalentes Gefühl ihm gegenüber machte sich jedenfalls in mir breit. Interessant, wie man das Gefühl bezeichnet.

Gruppenbild von Staffel 2 (Alle Rechte bei Netflix)

Schulems Mutter zieht mit Einsetzen der Handlung in Pflegeheim und in ihrem Zimmer begegnet ihr das erste Mal in ihrem Leben ein Fernseher. Ihre Faszination für das, was dort gezeigt wird, nimmt in gewisser Weise die Faszination der Serie selber vorweg und zum Ende der Staffel wird das sogar in einer kurzen Sequenz thematisiert (soll kein Spoiler sein). Mit ihr spricht Schulem stets Jiddisch. Mit seinen Kindern nur in Ausnahmefällen. Dankenswerterweise hat Netflix keine Synchronisierung über die Stimmen gepackt. Man darf die Serie im hebräischen Original mit Untertiteln schauen. Baruch haSchem möchte man sagen.

Schulems Tochter Giti ist mit Lipa verheiratet, der für einen Metzger in Argentinien arbeitet. Gleich zu Beginn der Staffel verkündet er, sowohl Giti, als auch die charedische Welt verlassen zu wollen, Er lässt Gita mit fünf Kindern allein in Jerusalem. Ruchami, seine älteste Tochter, interessiert sich für Bücher, die außerhalb des charedischen Kanons liegen und verbündet sich zu diesem Zweck mit der Leiterin der Schulbibliothek.

Der Atmosphäre der Serie kann man sich schwer entziehen – die Frage ist, warum das so ist. Die Serie scheint, natürlich nicht das Drehbuch, konventionell gemacht zu sein. Innerhalb einer einzigen Episode werden Konflikte aufgelöst. Sie sind abgeschlossen und hangeln sich nicht von Cliffhanger zu Cliffhanger. Tatsächlich scheint es auch nur so: Traumsequenzen sind geschickt eingestreut und Gespräche mit Verstorbenen. Also doch nicht so konventionell erzählt. Die Figuren sind so angelegt, dass man recht schnell eine »Beziehung« zu ihnen aufbaut und vielleicht lieber nicht wissen möchte, wie profan die Schauspieler dahinter ausschauen.
In das Magnetfeld zwischen Schulem und Akiwa gerät also schließlich auch der Zuschauer. In vielen Einstellungen sitzen sie zu zweit an ihrem Küchentisch und essen. Oder sie sitzen auf ihrem Balkon und rauchen. Schon lange wurde in keiner Serie übrigens so viel geraucht. Dafür gibt es keinen Sex und keine offene Gewalt. Gar kein voyeuristisches Element – außer vielleicht, wenn Elischewa für einen Moment ihr echtes Haar zeigt. Das ist ein interessanter Gegensatz zu den Serien, bei denen alles gezeigt wird – weil dieser Moment auch vom Zuschauer als Intimität verstanden wird.

Akiwa sagt in einer dieser Szenen am Küchentisch »Die Zeiten ändern sich, Abba« und Schulem antwortet »Für die Juden bleibt alles gleich« und so Unrecht hat er nicht.

Der Staat Israel taucht in der Serie übrigens nur als Ahnung auf. Selbst am Jom ha’atzamut. Schulem möchte sich Respekt verschaffen, indem er versucht, strenger zu wirken, als er tatsächlich ist, verbietet seinen Schülern, draußen die Flugshow zu sehen und Akiwa lässt die Schüler heimlich zusehen. Der Zuschauer erhascht nur kurz einen Blick. Im Zentrum stehen hier andere.

Also zum Beginn der dritten Staffel auch definitiv ein Sehbefehl von meiner Seite.

Trailer (Englische Untertitel, bei Vimeo)

Alle Bildrechte: Netflix

Artikel

Oj-GH

Der Gerichtshof der Europäischen Union hat entschieden, dass die Herkunftsangabe »aus israelischen Siedlungen« weiterhin angebracht werden muss. Dagegen hatte ein israelischer Unternehmer geklagt und ihm wurde nicht Recht gegeben. Aus dieser Formulierung kann man erkennen, dass das bereits Praxis ist. Seit 2015 wird das nämlich langsam eingeführt und ist bereits auf Weinen zu finden. Keine gute Praxis. Aber es ist auch kein Grund für Hysterie und Populismus (»gelber Stern!«). Der Skandal ist nämlich nicht, dass die Waren gekennzeichnet werden.

Was ist nun also der Skandal?

Gut, gut. Bevor ungeduldige Leserinnen und Leser hyperventilieren: Der Skandal ist, dass es eine Reihe weiterer Länder gibt, die Waren in Gebieten herstellen, deren Status als »umstritten« gilt. Hier seien als Beispiele die »Autonome Republik Krim« oder Südmarokko genannt. Deren Waren werden derzeit nicht gekennzeichnet. Warum nicht? Vermutlich, weil es dafür keine politische Lobby gibt. Aber für die Kennzeichnung israelischer Produkte gibt es eine und das macht den Skandal ersichtlich: Doppelte Standards. Wird Israel selektiv für ein Verhalten kritisiert, das bei anderen Staaten ignoriert wird, dann ist das ein Doppelstandard und der ist ein recht guter Indikator dafür, dass ein Kritikpunkt antisemitisch sein könnte.

Also ist das Urteil antisemitisch?

Natürlich nicht. Das Urteil bestätigt eine Praxis, die sich eigentlich auf viele Länder beziehen sollte. »Andere dürfen das auch« ist hier nicht maßgeblich. Die Motivation derjenigen, die das für (oder besser »gegen«) Israel durchgesetzt haben, ist fraglich. Deshalb ist es überhaupt nicht hilfreich, den Europäischen Gerichtshof zu kritisieren.
Das Urteil ist auch kein Boykottaufruf. Den basteln erst diejenigen Gruppen, die diese Entscheidung politisch missbrauchen und direkt gegen Israel einsetzen.

Und jetzt?

Jetzt gilt es sich direkt dagegen zu wenden, dass die Kennzeichnung für Boykottaufrufe genutzt werden kann. Der »Diskriminierung« von Waren, die etwa nach Druck von antiisraelischen Organisationen, entsprechende Waren auslisten, muss entschieden, entgegengetreten werden. Das dürfte juristisch möglich sein. Die Kennzeichnung der Waren könnte man natürlich generell hinterfragen, wenn sie letztendlich nicht durchgesetzt wird. Aber das ist ein anderer politischer und juristischer Prozess.

Auf der anderen Seite: Wer die entsprechenden Firmen unterstützen will, die so oft auch Arbeitgeber für palästinensische Menschen sind und ihnen eine Perspektive geben, weiß, zu welchen Waren er greifen muss.
Also: Die »Golan Heights Winery« stellt ein paar gute Tropfen her: LeChajm.

Artikel

929.org.il

929.org.il

Jeden Tag ein Kapitel aus der Torah »lernen«, oder aus dem Tanach?
Würde man gerne.
Kommt man nicht zu.
Wo fängt man da an?

929.org.il übernimmt die Beantwortung dieser Fragen, na ja, zum Teil jedenfalls. Eine Website, die jeden Tag ein Kapitel aus dem Tanach/der Torah präsentiert, haufenweise Kommentare oder Videos, oder zusätzliche Materialien. Es gibt sowohl eine Website, als auch eine App.
Man kann sich den Originaltext (auf Hebräisch mit Kommentar von Rabbiner Adin Steinsaltz) anzeigen lassen, oder mit einem eigenen Tanach folgen. Der Charme an der Onlineversion ist, dass man sich Kommentare im Text ein- oder ausblenden kann. Über einen Knopf kann man auch zu sefaria.org »abspringen« und noch mehr Kommentare lesen.

Über den Link 929.org.il/today landet man direkt im Kapitel des Tages, kann aber auch vorherige, oder zukünftige Kapitel über eine Zeitleiste auswählen. Die Fülle des Materials wird gebändigt von einer guten Benutzeroberfläche. Die Verschiedenheit der Beiträge auf der hebräischen Website ist bemerkenswert. Man findet Beiträge der Herausgeberin Gal Gabbaj, dem früheren Oberrabbiner Jisrael Me’ir Lau (sein Neffe, Rabbiner Benjamin Lau hat die Seite mit initiiert), aber auch von Etgar Keret, Naftali Bennett und Meretz-Politikern. Einmal quer durch das Spektrum von »nicht religiös« bis »sehr orthodox« und allem, was dazwischen liegt.

Nach Tischa beAw (22. Juli 2018) wird die Seite auch in englischer Sprache an den Start gehen und sich damit noch größere Nutzerkreise erschließen. Jetzt hat jeder die Möglichkeit, ab der »ersten Stunde« mit dabei zu sein.
Ob auch lokale Studiengruppen gebildet werden, so wie es in Israel der Fall war, steht in den Sternen. Bisher war dazu nichts zu hören. Das wäre aber ein interessanter Aspekt.

Hier ein kleiner Einblick, statt vieler Bilder:

929.org.il kurz vorgestellt from Chajm Guski on Vimeo.

Die Eckpunkte: 23. Juli 2018, 929.org.il.

Artikel

Nackt

Königin Schabbat mit einer Torah im Arm von Moses Ephraim Lilien – auch sie war ein kleiner Skandal.

Ein Nacktmodel posiert auf einem Plastikstuhl.
Die Haltung auf dem Plastikstuhl sieht recht unbequem aus.
Im Hintergrund, so schräg unten, sieht man die Westmauer und den Platz davor (und einen Baukran). Man hat fast den Eindruck, als seien die Bilder auf dem Dach der Einrichtungen von Aish haTorah gemacht worden, oder natürlich einem Haus dahinter. Davon gehe ich einfach mal aus.
Das ist auch schon alles.
Dennoch wird hartnäckig versucht, das zu skandalisieren – vor allem in den sozialen Medien. Häufig begegnet mir die Formulierung: »Wenn man das mit den heiligen Stätten des Islams gemacht hätte…«. Da steckt auch ein wenig Neid dahinter: »Seht her, mit denen traut sich das niemand zu machen – aber mit uns…«. Man unterstellt also eine unentspannte Haltung, weil man selber gerne unbequem unentspannt wäre. Übrigens hat die Dame anscheinend auf einem anderen Bild auch so posiert, dass man die Al-Aksa Moschee sehen kann. Aber egal.
Letztendlich zeigen die Bilder aber nur eine nackte Frau mit Orten im Hintergrund.
Seit wann haben wir so ein unentspanntes, ja katholisches, Verhältnis zur Körperlichkeit? Niemand hat jemanden gezwungen hinzusehen. Man hat die Bilder nicht auf dem Vorplatz der Westmauer gemacht, auch nicht in einer Synagoge.
Ist es kein Sakrileg?
Ein Sakrileg wäre es, in Europa die Beschneidung verbieten zu wollen, dem Menschen kein Respekt mehr entgegen zu bringen (immerhin wurde er ja nach dem Bilde G-ttes erschaffen) oder leichtfertig Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Vielleicht wäre es sogar ein Sakrileg, sich auf dem Platz vor der Westmauer mit Plastikstühlen zu bewerfen. Aber die Westmauer im Hintergrund zu haben?

Tefillin

1982 erschien in der Literaturzeitschrift »Iton 77« das Gedicht Tefillin der Schriftstellerin Jona Wallach. Aus heutiger Sicht Expertin für Erotik und Blasphemie. Illustriert wurde der Text mit dem Foto eines Mannes, der nur Tefillin trug (und Jona Wallach), also nur und ausschließlich die. Das Gedicht hatte es aber auch in sich und der anschließende Skandal war »saftik«. Wegen der Bilder und wegens des Textes. Der erzählte aus der Sicht einer Frau, man kann es raten, wie Tefillin in sexuelle Handlungen eingebunden werden. Auch nichtreligiöse Israelis empfanden die Verwendung von Tefillin in einem sexuellen Kontext als etwas zu heftig.
Auch eine spätere Ausstellung mit den Bildern konnte nicht zustande kommen. DAS war ein Skandal. Hier ging es um die religiösen Gefühle von Menschen und es ging hitzig zur Sache. Was wäre ein solcher Skandal in Zeiten von Facebook! Aber auch hier gilt: Man muss es nicht gut finden, man wird nicht dazu gezwungen, es sich anzuschauen, oder zu lesen. Aber man wird irgendwie dazu gezwungen, Position zu beziehen. Das ist Kunst.

Auch oben gezeigte Königin Schabbat war ein kleiner Skandal, obwohl sie nur das zeigt, was ansonsten gesagt wird: Königin Schabbat, die sich mit dem Volk Israel vereinigt.

Und die Westmauer als Hintergrund für eine Nacktaufnahme? Das ist gar nichts.
Der Talmud erwähnt Geschlechtsverkehr und Torah (Jewamot 92a) in einem Satz und hier werden Halsschlagadern dick wie Gartenschläuche, wenn sich eine Frau so fotografieren lässt, dass man sie und die Westmauer im Hintergrund sieht?

Wer sich unbekleidete Damen nicht anschauen will oder darf, sollte nicht hinsehen oder auf den entsprechenden Artikel bei facebook klicken, schließlich wird er (oder sie) auch nicht dazu gezwungen.
Der Skandal ist einfach keiner.
Die Aktion war möglicherweise als Provokation gedacht, aber man darf ruhig ein wenig selbstbewusster sein und darüber hinweggehen.

Übrigens erscheint auch hier der Name des Models nicht, ist ja keine Werbeveranstaltung.

Artikel

Wütend

Israel haYom titelt mit dem Bekenntnis der Hamas: 50 der Opfer waren unsere Kämpfer.

Es muss einen empathischen Menschen doch wütend machen, dass es Leute gibt, die in einem den blanken Hass auslösen und das mit Absicht. Leute, die wollen, dass man die Kontrolle verliert und emotional reagiert. Und dass dieses Gefühl auch in mir aufkeimt, macht zumindest mich wütend.

So habe ich mehrere Tage die Situation an der Grenze zu Gaza beobachtet – wie viele andere auch.
Seien wir nicht naiv.
Dass sie entstanden ist, hat nichts mit der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem zu tun. Die Eröffnung markiert ohnehin nur eine Tatsache. Jerusalem ist schon länger als eine Woche die Hauptstadt Israels. Einer besonderen Zeremonie hätte es da gar nicht bedurft, um diese Selbstverständlichkeit zu markieren.

Aber zurück nach Gaza.
Der »große Marsch der Rückkehr« – gemeint ist die Rückkehr in die Dörfer, die man nach dem Angriff auf Israel verlassen musste – wurde schon vor längerer Zeit für den Tag der »Nakba« geplant. Vollkommen unabhängig von der Eröffnung der Botschaft.
Es wäre dumm, anzunehmen, dass die Hamas, die Regierung von Gaza, die Israel vollständig vernichten will (Charta), plötzlich ihre Friedfertigkeit demonstrieren will.

Früher war es bei Auseinandersetzungen so, dass die Kontrahenten die Opferzahlen auf eigener Seite möglichst niedrig halten wollen – und die auf der anderen Seite möglichst hoch oder »effektiv«. Hier ist es genau umgekehrt. Der Staat Israel hat es mit einer Organisation zu tun, die Opferzahlen maximieren möchte. Das dürften sogar die Menschen vor Ort wissen. Dass man das in den Medien hier nicht sehen will, wundert schon ein wenig. Darüber, dass man mehrfach am Grenzübergang Kerem Schalom Feuer gelegt hat, um die Energieversorgung zu unterbrechen und humanitäre Hilfsgüter wieder zurück nach Israel schickt, davon erfährt man hier auch wenig.

Die Berichte zeigen, dass man versucht hat, möglichst viele Menschen dazu zu motivieren, den Grenzzaun zu überwinden (New York Times, hier). Nicht um in die Heimatdörfer der Vorfahren zu marschieren, sondern um Menschen zu töten. Was für einige wenige Kämpfer der Hamas nicht möglich wäre, soll die bloße Flut der Menschen schaffen.
Auf der anderen Seite israelische Soldaten. Verstärkte Posten. Es wird Tränengas eingesetzt, es fallen Schüsse und Menschen sterben.

Jetzt kann man natürlich sagen: »Ja, darauf hat es die Hamas doch angelegt.« Und das ist nicht einmal so falsch. Oder man bedauert auch diese Toten und sieht sie als Opfer ihrer eigenen Regierung und bedauert, dass die israelischen Soldaten gezwungen waren, auf die Menschen zu schießen, die den Grenzzaun überwinden wollten, um möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber in meiner Filterblase habe ich das kaum sehen können. Es muss Zeit bleiben, um sich die Situation anzuschauen und zu bewerten. Nachzudenken. Es kann doch nicht darum gehen, als erster ein Statement dazu bei facebook oder twitter zu posten?!

Das »na und? das war so beabsichtigt« überwiegt und das sind die Auswirkungen einer solchen Auseinandersetzung in den sozialen Medien – eine gewisse Gleichgültigkeit für die Zahlen. Auch wenn wir jüngst gelernt haben, dass 50 der etwa 65 Toten Soldaten der Hamas waren, ist die Tatsache, dass es dazu überhaupt kommen musste, doch tragisch?

Tragisch, dass das Leben der eigenen Kinder so wenig wert ist, dass man es als Waffe verwendet und andere dazu zwingen will, sie zu töten.
Tragisch, dass man anderen Hass aufzwingen will, den diese Leute vielleicht gar nicht empfinden – oder empfinden wollen.

Genau dies ist auch das Ziel derjenigen, die den Hass auf Juden auch in die Diaspora tragen und dort Gemeindehäuser oder gar Menschen angreifen. Sie wollen, dass man sie hasst.
Was sonst?
Einen taktischen Vorteil wird man dadurch ja wohl kaum erringen können. Diese Agenda wird mehr Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verursachen.

Artikel

Ihre Sendung wurde antizionistisch geöffnet

Kassenzettel statt Geschenk

Es schadet nicht, rechtzeitig vor Chanukkah noch Sendungen aus Israel nach Deutschland auf den Weg zu bringen. Das dachte auch die Freundin von F. Also packte die Freundin ihr kleines Chanukkah-Geschenk ein, zusammen mit zwei Kinderbildern. Dann ging der Umschlag auf den Weg.

In Deutschland freute sich F. auf den Umschlag. Als er dann endlich eintraf, klebte auf dem Umschlag ein Aufkleber des Zolls in Frankfurt und war zudem in eine Plastikhülle eingepackt. Das kann passieren. Wer häufiger Sendungen aus dem Ausland erhält, weiß, dass der Zoll vereinzelt in Sendungen hineinschaut. Das ist in der Regel auch kein Problem. Zuweilen klebt auch ein mehrsprachiger Hinweis auf der Umverpackung. Der informiert darüber, dass die Sendung beschädigt wurde und deshalb von der Deutschen Post neu verpackt wurde. Auch dies ist meist recht freundlich von der Post.

Auf F. wartete jedoch eine ganz besondere Überraschung zu Chanukkah. In Deutschland muss jemand das eigentliche Geschenk gegen ein Mickey-Maus-Heft und drei Tankquittungen aus Norddeutschland getauscht haben. Denn diese Dinge steckten nun, zusammen mit den Kinderbildern, in dem Umschlag Alle vier Sachen mit Botschaften bekritzelt die sich offensichtlich gegen den Staat Israel richten:

»Ask Laws – Den Haag – Holland« und »§ Ask land crimes« steht etwa auf den Zetteln. Es ist also offensichtlich, dass die neue Füllung des Umschlags aus Deutschland stammt und sich inhaltlich gegen den Staat des Absenders richtet. Umso absurder erscheint es, dass die Post nach einer Mailanfrage eine Standardantwort versendet, in der es heißt, dass internationale Sendungen nicht überprüft werden könnten. Eine telefonische Anfrage von F. beim Internationalen Sendungszentrum in Frankfurt brachte ebenfalls nichts. Die Person am anderen Ende der Leitung legte einfach auf. Kurzum: Die Post möchte sich nicht darum kümmern, hat aber anscheinend ein Problem, wenn irgendwo zwischen zollamtlicher Abfertigung und Zustellung Dritte sich einfach am Inhalt von Sendungen zu schaffen machen und für besondere Chanukkah-Geschenke sorgen. Eigentlich ein kleiner Skandal.

Disclaimer: Die Deutsche Post fertigt jeden Tag unfassbare viele Sendungen ab – in der Regel auch zur Zufriedenheit der Empfänger. Das ist bekannt und steht außer Frage.

Artikel

Weltethos ohne Zionisten?

Die Arche von Noach in einem Werk aus Herat, entstanden zwischen 1405 und 1447. Sie illustriert das Werk des persischen Historikers Hafiz-e Abru.

Jüdisch-Muslimischer Dialog ist wichtig. Deshalb findet er auch zuweilen statt. Nicht im großen Ausmaß, aber immerhin gibt es hier und da Initiativen auf Augenhöhe.
Für größere Initiativen in Deutschland sind andererseits die jüdischen Gemeinden einfach zu klein.

Neben dem Austausch praktischer Dinge oder gemeinsamer Projekte könnte es passieren, dass man sich auch inhaltlich füreinander interessiert. Literatur gibt es nicht viel auf diesem Gebiet – jedenfalls nicht in deutscher Sprache – es gibt ja auch kaum einen Markt.

Recht euphorisiert war ich deshalb über die Ankündigung von Dr. Muhammad Sameer Murtaza zu seinem Buch
»Adam – Henoch – Noah – Ijob: Die frühen Gestalten der Bibel und des Qur’an aus jüdischer und muslimischer Betrachtung« (Link zum Buch bei amazon), die er per Mail und dem Abbinder der Stiftung »Weltethos« aussandte. Ein verbindendes Buch mit Betrachtungen der gemeinsamen Geschichten. Das erste Kapitel des Buches (»Adam und der Universalismus in Thora und Qur’an«) allerdings baut keine Brücken:

Aber es gibt zunehmend kritische Stimmen auf jüdischer und muslimischer Seite, die im ideologisierten Islam der HAMAS und in der Ideologie des Zionismus keine Lösung sehen.
– Seite 15

Gehen wir die Konstruktion einmal schrittweise durch. Auf der einen Seite wird die Hamas genannt. Eine Terrororganisiation mit dem erklärten Ziel, Israel zu vernichten.
Auf der anderen Seite wird der Zionismus an sich genannt. Die Ideologie eines Staats für Jüdinnen und Juden.
Und wie bezeichnet man diese Menschen, die im Zionismus »keine Lösung sehen«?
Für Dr. Murtaza sind es Hoffnungsträger:

Die Hoffnungsträger setzen die israelische Politik nicht mit dem Judentum gleich und identifizieren die Handlungen der HAMAS nicht mit dem Islam.
– Seite 15

Aber eines verstört noch: Das ist kein religiöser Konflikt. Hier stößt nicht Islam auf Judentum, hier kämpfen nicht Islam und Judentum gegeneinander. Wer das so darstellt, der nimmt den Faden derjenigen auf, die diesen Mythos gesponnen haben – letztendlich für ein politisches Ziel und um die Jagd auf Juden auch außerhalb Israels zu legitimieren. Im palästinensisch-israelischen Konflikt geht es ausschließlich um Politik. Die israelische Regierung ist keine Theokratie.

In einem Gespräch zu seinem Buch (hier, islamiq.de) sagt Dr. Murtaza:

Ich würde das Buch gerne Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens schenken, die den jeweils anderen bisher nur im Zuge des politischen Nahost-Konfliktes als Feindbild kennengelernt haben.
hier, islamiq.de

Man hat einander nicht als Feindbild kennengelernt. So selbstkritisch Dr. Murtaza zu sein scheint, so naiv scheint er anzunehmen, Juden erzögen ihre Kinder zum Hass auf den Islam oder die Palästinenser.

Natürlich habe ich Kontakt zu Dr. Murtaza aufgenommen um ihn dazu zu befragen. Das Zitat aus seinem ersten Kapitel sei eine Wiedergabe dessen, was Juden und Muslime über den Konflikt zu sagen hätten. Zudem habe er in Gesprächen mit jungen Juden »aus der Richtung des liberalen Judentums« aber auch Gesprächen mit Rabbinern die Notwendigkeit für eine Phase des Postzionismus herausgehört. Diese führe letztendlich zum Frieden.

Wir wissen nicht, welchen Postzionismus er meint. Die (stark umstrittene) innerisraelische Forderung nach einem multikulturellen, multi-konfessionellen und multi-nationalen Staat Israel, der seinen Anspruch aufgibt, ein jüdischer Staat sein zu wollen, oder jener Postzionismus , der einfach den Staat in seiner Vollständigkeit ablehnt.
Und wenn er ersteren meint, warum hat er das nicht so formuliert? Diese Frage wollte oder konnte mir Dr. Murtaza nicht beantworten. Passen Weltethos und Zionismus also nicht zusammen?

Zum Themenkomplex Juden und Islam siehe bitte auch diesen Artikel

Artikel

Gabriel, Netanjahu und der Rix-Index

Kaum zu ertragen. Unangenehm, ein wenig eklig und vielleicht auch unnötig.
Ob ich den Vorfall zwischen Außenminister Gabriel und Benjamin Netanjahu meine?
Natürlich nicht!
Ich meine die Reaktion darauf und nicht nur das übliche »was ich den Juden schon immer mal sagen wollte und jetzt haben die sogar einen ganzen Staat voller Juden«-Entlastungsgeschreibe. Das war zu erwarten.
Ein Minister, dessen Aktivitäten in Deutschland sonst niemanden interessieren, fliegt ausgerechnet nach Israel und erfährt dort nicht die Liebe, die man erwartet. Gabriel, der ansonsten als personifiziertes Versprechen der Sozialdemokraten, dass sie in nächster Zeit keinerlei Ambitionen auf das Kanzleramt haben, wahrgenommen wurde, stand und steht nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit mit seinem Wirken.
Deshalb blieb auch unbeobachtet, dass Gabriel sich selbst als Anwalt der Palästinenser ins Game eingebracht hat, als Freund von Abass und eben nicht als unbeteiligte vermittelnde Kraft. Unvergessen dürfte auch sein Auftritt sein, bei dem er Israels Präsenz in Hebron »Apartheid« nannte. Während das in Deutschland unbeobachtet blieb, hat man das in Israel sehr wohl wahrgenommen und der Besuch bei »Schowrim Schtika – das Schweigen brechen« wurde deshalb anders betrachtet, als ein spontanes Treffen mit irgendeiner zufälligen NGO. In einem Staat, in dem jedes Kind zur Armee geht, jeder bei der Armee war und dessen Armee eine bessere Lebensversicherung ist als »nie wieder« Sprüchlein aus Europa, schaut man besonders kritisch auf diejenigen, die am Fundament dieser Armee sägen und dafür von Dritten bezahlt werden. War es bei Gabriel und seinem Stab – niemand glaubt doch ernsthaft, dass Gabriel alle Reisen selber plant – besonders taktlos und eine Provokation nach der Vorgeschichte, so war es bei Benjamin Netanjahu ein Elfmeter ohne Torwart. Leicht verdiente Punkte ohne großen Nachteil. Die Halbwertszeit von Gabriel als Minister und Player auf der politischen Weltbühne ist sehr überschaubar und die tatsächliche Politik bestimmt die Kanzlerin. Weiterlesen