Artikel

Juden und Muslime in Frankreich liefern ab

Ein Schlag ins Gesicht aller, die so gerne hätten, dass sich Muslime und Juden nicht mögen (es soll da bestimmte nichtjüdische Strömungen geben, die das herbeifantasieren). In Frankreich entstanden jetzt unabhängig voneinander zwei Projekte mit jeweils zwei Künstlern. Einem jüdischen und einem muslimischen:

Der algerische Rapper l’Algerino gemeinsam mit Tal (Benyerzi):

Der marokkanische Rapper La Fouine zeigt sich zusammen mit Patrick Bruel.
Das Video scheint so gut anzukommen, dass die GEMA es schon geschafft hat, es den deutschen Zuschauern vorzuenthalten. Wer nicht aus Deutschland kommt (oder sonst an die Clips kommt), kann also hier das entsprechende Video sehen:

Natürlich kann man einwenden: »Das sind doch nur zwei Projekte!« Aber die beteiligten Rapper sind keine Unbekannten und gehen mit gutem Beispiel voran. Eventuell werden ein paar Fans mächtig sauer sein, aber das Signal ist nicht das schlechteste.

Artikel

An ihrer Stelle…

… hätte ich keine Rezension geschrieben. Es geht um die Rezensionen des Films »An ihrer Stelle« (»Fill the void – למלא את החלל«) auf Spiegel Online und ZEIT (leider erstmal nur auf Papier erschienen). Der Film spielt im charedischen Umfeld, nimmt aber keine ablehnende Haltung dieser Gruppe gegenüber ein und deshalb hat er es offenbar schwer, den deutschen Filmkritikern zu gefallen – vermutlich schon, bevor sie den Film gesehen haben.

Erzählt wird die Geschichte des 18jährige Mädchens Schirah aus einer charedischen Gruppe in Tel Aviv. Schirah steuert auf ihre Heirat zu. Mit einem Mann, der ihr von der Familie vorgeschlagen wurde. Und: Schirah freut sich darauf.

Natürlich kommt es auf tragische Weise anders. Schirahs Schwester stirbt bei der Geburt ihres Kindes. Zurück bleibt Ehemann Jochaj mit Baby und trauernder Familie. Die Familie ändert darauf hin ihre Meinung zu Schirahs kommender Hochzeit und ihr wird vorgeschlagen, Jochaj zu heiraten. Also die Stelle ihrer Schwester einzunehmen. Das ist der Grundkonflikt des Films. Es ist aunsahmsweise einmal kein Film, der den Konflikt mit der nicht-charedischen Welt zum Thema hat. Er zeigt auch die Protagonisten nicht durch eine Außensicht, sondern nimmt sie ausschließlich in ihrer Lebenswelt und in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld wahr. Der Film öffnet so ein Fenster in die charedische Welt, aber er leuchtet sie nicht komplett aus. Er erzählt die Geschichte von Schirah und bleibt bei ihr. Dies mit den ästhetischen Mitteln des modernen Films (an Weichzeichner wurde nicht gespart, die Schauspieler kommen sehr smart daher). Und genau dies wird der Regisseurin Rama Burschtein von einigen Kritikern in Deutschland angekreidet.
Kirsten Rießelmann von Spiegel Online schreibt etwa:

Was Burshtein hier macht, ist nicht ansatzweise aufklärerisch-dokumentarisch. Das ultraorthodoxe Leben wird zum bloßen Sehgenuss, es liefert nur einen Rahmen für das, was sie selbst eine „universal gültige Liebesgeschichte“ nennt.
von hier

In dieser Lesart hat ein Film offenbar die Aufgabe, aufklärerisch-dokumentarisch zu sein. Oder nur, wenn es um jüdische Themen geht?
Formen wir den Satz mal um, um die Absurdität dieser Auffassung zu demonstrieren:

Was Peter MacDonald in Rambo III macht, ist nicht ansatzweise aufklärerisch-dokumentarisch. Afghanistan wird zum bloßen Sehegnuss, es liefert nur einen Rahmen für den herumballernden Rambo.

Die Rezensentin lässt sich sogar dazu hinreissen, zu schreiben, der Film sei ein »konservativer Propagandafilm«:

Dieser Film behauptet, dass es – angedeutet auch sexuell – befriedigend ist, soziale Normen zu erfüllen. Was so eklig wie entlarvend ist.

Das verblüffende ist: Dieser Film behauptet überhaupt nichts. Er überlässt die Handlung dem Zuschauer. Er deutet nichts aus. Vielleicht ein Hauch zuviel Selbstverantwortung. Es scheint heute unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die nicht so leben wollen, wie Kirsten Rießelmann offenbar lebt und damit offenbart sie ein grundlegendes Problem des – irgendwie speziell deutschen – Liberalismus. Man toleriere alles, wird behauptet, allerdings nur so lange es nicht den eigenen Lebensauffassungen entgegenspricht. Das ist dann arachaisch, wie Rießelmanns Kollege Maximilian Probst von der ZEIT diese Strömung des Judentums empfindet. Auch er findet, in der ZEIT vom 11. Juli, dass der Film nicht genug erkläre. Womit er vielleicht meint, dass man gefälligst den Zustand der charedischen Welt zu verurteilen habe. Diese Art der Selbsterhöhung der eigenen Lebenswelt ist die, die wir auch in Beschneidungsdebatte kennengelernt haben:
Selbst wenn Du noch nicht verstanden hast, dass Du in Wirklichkeit gar nicht glücklich bist, mit deinem Leben – dann sagen wir es dir und verlangen, dass du dich unserm Weltbild unterordnest.
Das kann doch nicht sein, dass sie ihren Mann nicht beim Bachelor kennengelernt hat, wo sie sich, im Badeanzug räkelnd, angepriesen hat?

Die New York Times, die sich dem filmischen Stoff vollkommen unvoreingenommen nähern kann, sieht das ganz anders. Aber was weiß schon die New York Times…

Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich nicht kritisch mit der charedischen Lebenswelt auseinandersetzen kann. Rabbiner Jonathan Sacks hat zuletzt sehr deutlich gemacht, was er von ihrer Abschottung hält.

Trailer:

Artikel

Schomre Hadas Antwerpen

Die Israelitische Gemeinde Antwerpen Schomre Hadas ist eine von zwei großen Gemeinden Antwerpens. Zahlreiche kleine Gemeinden und Gruppen gibt es außerdem. Für irgendwie observante Juden aus dem Ruhrgebiet und Düsseldorf, war Antwerpen lange Zeit die erste Wahl, wenn man auf eine funktionierende jüdische Infrastruktur zugreifen musste. Mittlerweile gibt es jedoch auch koschere Geschäfte in Düsseldorf und Dortmund. Allerdings keine Geschäfte für jüdische Bücher, die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen und einfach mal eine jüdische Zeitung einzupacken, in die koschere Bäckerei zu gehen, oder einfach mal an einem Werktag zum Morgengebet zu gehen. Erst seit neuestem tut sich ein wenig. Aber die Infrastrukturdichte von Antwerpen wird unerreichbar sein.

Schomre Hadas hat einen kleinen filmischen Einblick angefertigt, der Behind the Scenes heißt und die Gemeinde vorstellt:

Das Video ist in flämischer Sprache. Wer kein Ohr für die Sprache hat, ist also auf die visuellen Eindrücke angewiesen und auf die Erklärungen von Rabbi Schmahl. Kleiner Störfaktor in dem Video ist die Musik.

Artikel

Oberrabbiner Jonathan Sacks zum Holocaust-Gedenktag

Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks gehört ohne Zweifel zu den eloquentesten jüdischen Figuren der Gegenwart. Das muss ich eigentlich gar nicht mehr extra hinzufügen. Zum britischen Holocaust-Gedenktag hielt Oberrabbiner Sacks nun eine Rede vor der London Assembly, einer Art erweiterter Stadtverwaltung. Bemerkenswert ist der Bogen, den er in die Gegenwart schlägt: Bosnien und Ruanda nennt er explizit.

But what puzzles me though [] is that no-one in Eishyshok said a word. There were no protests before it happened, none when it happened, and none after it happened.
And so it was in Bosnia amongst the Serbs and the Croats and the Muslims. And so it was in Rwanda amongst the Hutus and the Tutsis. Families who had been friends for a lifetime almost overnight became enemies and started killing one another. In Rwanda, 800 000 people murdered in the space of 100 days.
[] And let us never think it could not happen again.
Hier lesbar

Hier ist die gesamte Rede als Video:

Artikel

Der Feind ist der Krieg – Schlaflos in Bosnien

Paradajz Plakat Saudin Bećirević hat den Krieg in Bosnien beschrieben.
Wir erinnern uns: Derjenige, der vor unserer Haustür stattfand und dennoch jeder hier die Chutzpe hatte, weiterhin Nie wieder! zu mahnen.
Er beschrieb den Krieg in Tagebüchern, später in einem Blog und wie Mirella Sidro (Balkanblogger) schreibt, beschreibt er nicht den politischen Feind:

Das Feindbild in seinen Büchern ist nie der Soldat auf der anderen Seite, sondern der Krieg selbst.
von hier

Der erste Teil seiner Aufzeichnungen ist zu einem dokumentarischen Spielfilm verarbeitet worden. Paradajz, was in deutscher Sprache Tomate bedeutet (auf den verlinkten Seiten wird klar, warum), heißt der und kommt mit deutschen Untertiteln daher.

Im letzten Jahr hatte der Film schon Premiere – in Sarajevo. Nun soll der Film auch in Deutschland und Österreich gezeigt werden. Das ist allerdings abhängig von der freundlichen Unterstützung der Öffentlichkeit und deshalb hier mein bescheidener Beitrag zur Weiterreichung des Anliegens:
Die Filmtour soll nun durch Crowdfunding unterstützt werden. Hier ist die entsprechende Seite für das Anliegen. Hoffen wir, dass die eine oder andere Gelegenheit entsteht, den Film einem breiten Publikum zeigen zu können.

Artikel

Chanukkah Sameach!

Es gibt einen neuen Brauch zu Chanukkah: Ein neues Musikvideo muss in jedem Jahr zu Chanukkah im Internet einen Erfolg feiern. Fester Bestandteil dieses Brauchs sind die Maccabeats. Auch in diesem Jahr haben sie einen (eigenen Song mit eigener Melodie) gemacht:

Weil die Maccabeats sich aus Studenten der Yeshiva University zusammensetzen, müssen irgendwann Mitglieder die Gruppe verlassen. Aber die ehemaligen Maccabeats machen weiter – natürlich mit einem Song von/für/über Chanukkah! Die Jungs nennen sich StandFour und ihr Chanukkah Song, Eight Nights:

Aber das sind nicht die einzigen neuen Videos zu Chanukkah! Smarte Leser haben auf weitere hingewiesen. Also:
Weiterlesen

Artikel

Slichot

Seit Beginn des Monats Elul sprechen Sefardim Slichot und später stoßen auch die Aschkenasim dazu, genauer gesagt am Sonntagmorgen/Samstagnacht (09.09.2012).
Oben im Video kann man in einen sefardischen Ritus hineinhören.
Damit steuern wir immer weiter auf die Hohen Feiertage zu. Einen kleinen Erklärungstext zu den Slichot (von mir) gibt es in der Jüdischen Allgemeinen. Den Text kann man hier im Volltext lesen.

Artikel

Der Mathematiker und der Rabbiner

Professor Marcus du Sautoy ist Mathematiker, Autor und jemand, der versucht, Mathematik der breiten Öffentlichkeit näher zu bringen (siehe Rezension hier). Ach ja: Er ist auch bekennender Atheist. Er unterhielt sich auf der Jewish Book Week 2012 (London) mit dem britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks über Religion und Wissenschaft. Seit einigen Tagen ist das Gespräch als Video verfügbar:

JBW2012: Religion & Science from Jewish Book Week on Vimeo.

Wir sehen einen inhaltlichen Dialog auf hoher Ebene und einen Beweis (für mich jedenfalls), dass beide Akteure auf recht hoher Ebene unterwegs sind und ein weites Gebiet bearbeiten. Es geht um Jerusalem und Athen, um das hebräische und das griechische Alphabet, um Jonah und und und. Zwischendurch blitzt britischer Humor durch. Wer ein wenig Zeit hat, sollte sich das Video anschauen.

Artikel

Purim – die Megille hören

Wer eine Lesehilfe für Megillat-Esther benötigt, erhält sie von Rabbiner Rabbi Hillel Chajm Lavery-Yisraeli aus Jeruschalajim – der die Videos offenbar in seiner Wohnung aufzeichnet:

Hier bietet er Schulungsvideos an, um das Lesen tatsächlich nicht nur korrekt zu hören, sondern es auch vernünftig zu lernen.

Rabbiner Lavery-Yisraeli hat in orthodoxen Jeschiwot studiert, engagiert sich aber derzeit für das konservative Judentum in Israel. Er hat zwei Kanäle auf YouTube: rebhi11e1 und How Jew.