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Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

Artikel

Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen hat es am 12. Mai zu einer Meldung in der Presse gebracht: Mit einer antisemitischen Demonstration – die anscheinend Demonstration geblieben ist, weil die Polizei den Zug vor der Synagoge gestoppt hat.

Gelsenkirchen ist übrigens die Stadt, in der die Linkspartei 2019 eine, sehr harmlose, Erklärung gegen Antisemitismus nicht unterzeichnen wollte (siehe hier) – aber dann am Sonntag nach dem 12. Mai mit gegen Antisemitismus demonstriert hat. Bei der Demo waren übrigens Fahnen Israels nicht erwünscht.

In der letzten Woche haben sich dann der Journalist Eren Güvercin (mit dem wir im Januar eine Podcastfolge der »Dauernörgler« zur jüdisch-muslimischen Komplizenschaft aufgezeichnet haben, hier zu finden) und meine Wenigkeit über die lokalen Ereignissein einem »öffentlichem« Gespräch bei Instagram ausgetauscht: »Wir müssen reden! Eine jüdisch-muslimische Reflexion über die letzten Tage«. Das Gespräch kann man sich hier anhören (und anschauen):

Artikel

So nah – fast schon Freunde

Ach, siehe da. Antisemitismus eint die katholische und die evangelische Kirche.
Ist das nicht ein schöner, polemischer, Beginn?
Jetzt nehmen wir ein wenig Hitze raus und schreiben, um was es geht. Beide Kirchen wollen etwas gegen Antisemitismus tun. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass man nun zum Mittel des Plakats greift. Eine Kampagne soll sich insbesondere an Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen wenden und hier diejenigen abholen, die innerhalb der Gemeinden antisemitisch denken – das soll es ja auch geben.

Jüdisches und fremdes

Es steht im Allgemeinen bei Wohlmeinenden die Vermutung im Raum, dass »jüdisches« fremd ist oder einigen Leuten »fremd« vorkommt. Um dem zu begegnen, will man diesen Eindruck abbauen. Judentum soll nicht länger etwas fremdes sein.
Das ist nicht zu verwechseln mit den Initiativen , die Berührungsängste abbauen wollen und Begegnungen ermöglichen. Die (jüdische) Initiative Meet a Jew soll dabei helfen, dass auch jüngere Leute mal einen jüdischen Gesprächspartner erleben und vielleicht etwas länger überlegen, bevor sie etwas nachplappern. Andere machen kleinere Filme, bauen Instagram-Profile auf und zeigen, was Jüdinnen und Juden so machen. Diese Aktionen sind Bausteine eines größeren Konzepts. Ausschließlich darauf zu setzen, könnte in die falsche Richtung weisen. Denn wir wissen: Auch Leute, die tatsächlich Jüdinnen und Juden kennen, können Antisemiten sein. Antisemitismus ist nicht immer nur ein Mangel von Information. Nie war es übrigens einfacher als heute, sich zu informieren. Jüdinnen und Juden haben Jahrhunderte neben ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt, die deutschen Juden galten kurz vor der Schoah als »assimiliert« und dennoch war es nur ein kleiner Schritt, sie wieder auszugrenzen. Aber wir schweifen ab.

Was wäre also der nächste Move? Nehmen wir den Menschen die Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder machen wir das Fremde weniger fremd?Die Kirchen haben sich, anscheinend jedenfalls, für die letzte Option entschieden und das hat Konsequenzen. Wenn man die zu tragen bereit ist: Alles gut.

Plakatmotiv Sukkot
Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es sollen, wie man oben am Motiv zu Sukkot sehen kann, Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Der Claim lautet

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Das offensichtlichste ist: Die Feste sind nicht vergleichbar. Na klar, man kann eine Botschaft extrahieren und diese dann betonen, es bleibt aber der Eindruck hängen, Sukkot sei »das jüdische Erntedankfest«, so wie Pessach häufig als das »jüdische Ostern« beschrieben wird.

Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Um interkulturelle Kompetenz zu stärken, ist das genau der falsche Schritt. Zu »lernen« etwas in sein eigenes System von Schubladen zu quetschen, dürfte nicht sehr tragfähig sein. Letztendlich wird hier die eigene Normativität unterstrichen: Schmuel Normaljude feiert ähnliche Feste wie ich – also ist er fast wie ich oder meine Gruppe – also ist er gut.
Wäre er anders als ich, wäre er also schlecht?
Von der »Dignity of Difference« von der Rabbiner Lord Jonathan Sacks (seligen Angedenkens) so häufig schrieb und sprach, bleibt hier nichts mehr.
Es ist doch das zentrale Problem derzeit, dass »Anderssein« nicht ertragen werden kann und nicht ertragen werden will. Das zu erlernen, ist aber schmerzhaft und diesen Schmerz will niemand so recht auslösen.

Antisemitismus oder Antijudaismus?

Noch etwas: Die Kampagne zielt auf »Religion« ab und das beschreibt das Judentum nur sehr unzureichend. Judentum ist nicht nur »Religion« und Antisemitismus ist nicht nur Antijudaismus. Antisemitismus kommt sogar ohne Juden aus. Er bezieht sich auf etwas, das man für jüdisch hält und für jüdisch erklärt, wenn man Antisemit ist.

Im Augenblick könnte dies der Einstieg in einen Diskurs sein. Der polemische Auftakt zu diesem Artikel hat vielleicht gewirkt und ein oder zwei Leser weiterlesen lassen. Vielleicht eingängiger als ein rundherum freundlicher Auftakt. Vielleicht könnte man auch hier ein wenig mutiger sein und nicht nur kuschelig. Wenn alle es gut finden und nicht aneckt, wird es vielleicht keine Emotionen auslösen und deshalb niemanden so richtig berühren.

Alle Plakate kann man sich hier anschauen.
Pressemitteilungen der Kirchen zur Aktion.

Artikel

Das große Jom Kippur Kochen

Wir sind uns sicher alle einig, dass das Nachfeiern eines Sederabends am Gründonnerstag – dem Tag vor Karfreitag – durch wohlmeinende Menschen, ein zivilisatorischer Fortschritt ist. Jedenfalls besser, als das lokale Ghetto auf links zu ziehen. An diese An- und Enteignung haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Irgendjemand muss ja auch all die deutschsprachigen Haggadot kaufen…

Ein ganz besonderes Sahnestückchen dieser Chuzpe ist jedoch eine Veranstaltung, die am 19. September 2018 in Parchim stattfindet:

»Biblisch Kochen am Jom Kippur – Der Tag der großen Versöhnung«

Weiter heißt es in der Einladung:

Die jüdischen Festtage waren auch die Feste Jesu. Der wichtigste dieser Feiertage ist der Jom Kippur „Tag der großen Versöhnung“. Diesem Fest wollen wir nachgehen. In Anlehnung an die jüdischen Speisegesetze werden wir mit Zutaten aus der Bibel miteinander kochen.

Egal, dass der »Tag der großen Versöhnung« ein »großer Fastentag« ist und Jüdinnen und Juden (versuchen) zu fasten. In »Anlehnung« an die jüdischen Speisegesetze an Jom Kippur zu kochen, ist also aus jüdischer Sicht entweder ein satirischer Beitrag zum Christlich‑Jüdischen Dialog, oder einer mit einer ziemlich überschaubaren intellektuellen Tiefe.

Erinnert zumindest irgendwie an die Geschichte über eine Gruppe von jüdischen Atheisten, die sich an Jom Kippur zu einem Festessen traf, um dem Ewigen eins auszuwischen.

Hier die Veranstaltung bei facebook

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Fremdgemacht und Reorientiert

Nennen wir es den »Trick der bösen Handwerker«:
Sie öffnen die Haube, oder das Gerät, schütteln den Kopf und sagen: »Das wird teuer« oder »schwierig«, oder »wer hat das denn gemacht?«.
Daran erinnerte mich das Vorwort zu »Fremdgemacht und Reorientiert«. Gleich zu Beginn wird konstatiert, das Feld »Islam und Judentum« sei vermint und schwierig.
Dabei gibt es doch zahlreiche jüdisch-muslimische Initiativen. Natürlich immer noch immer zu wenige, aber es wird besser. Das liegt übrigens nicht am Unwillen der Leute, sondern einfach daran, dass die jüdischen Gemeinden nicht besonders groß sind.

Aber spätestens seit der »Beschneidungsdebatte« ist deutlich, dass auch der Zentralrat sich hinter die muslimische Gemeinde stellt – zum Ärger von Wutbürgern und Islamhassern.

Auf diesem Feld liegen keinen Minen, aber es wird von Dritten so getan, als sei es so und das ist eines der größten Probleme des jüdisch-muslimischen Dialogs. Dies festzustellen, legt den Blick auf die eigentliche Zusammenarbeit frei, entzaubert aber diejenigen, die sich an dieser Schnittstelle als Erklärer hervortun.
Schuld daran sind hartnäckige Mythen (»Narrative«). Diese werden nicht explizit in »Fremdgemacht und Reorientiert« genannt, sondern in größere Exkurse eingebettet. Unser kleiner Exkurs in die hartnäckigsten Mythen ist auch eine Betrachtung, wie »Fremdgemacht und Reorientiert« funktioniert:

  • Es gibt muslimischen Antisemitismus. Hier muss genau auf die Wortwahl geachtet werden. Es gibt keinen »muslimischen« Antisemitismus. Ja, es gibt muslimische Antisemiten (so wie es auch muslimische Philosemiten geben wird) und es gibt Antisemiten, die sich auf den Islam beziehen. Aber aus sich heraus, ist »der« Islam (welcher und wessen Islam?) nicht antisemitisch, lediglich in einer Lesart derjenigen, die ihn antisemitisch auslegen um politische Ziele zu erreichen. Wer »den« Islam also antisemitisch liest, übernimmt die Ideologie der Fundamentalisten. Das tun islamische Fundamentalisten genauso, wie Islamfeinde.  Dieses Thema greift Patrick Brooks in seinem Artikel »Ein weder einfaches noch einseitiges Erbe« auf und spürt der Darstellung von Juden in den islamischen Quellen nach. Das ist gelungen und entkräftet das Argument des antisemitischen Islam.
  • Mit den syrischen Flüchtlingen kam mehr Antisemitismus. Das ist ein Mythos, den diejenigen erdacht haben, die eine Agenda gegen Flüchtlinge, bzw. eine Agenda der Angst haben. Ein Antisemitismus, der sich auf den Islam bezieht, ist physisch spürbar seit 2006. Die Proteste gegen bewaffnete Interventionen im Libanon und Gaza führten zu offenem Antisemitismus. Dieser Antisemitismus beruft sich auf den Islam und wird von politischen Akteuren befeuert. In »Fremdgemacht und Reorientiert« wird hingegen diese Strategie nicht behandelt. Statt dessen der Antisemitismus, der tatsächlich vorhanden ist, relativiert und teilweise auch umgedeutet in »Israelkritik« und Antizionismus. So schreibt Iman Attia, Professorin für Critical Diversity Studies in ihrem Artikel » Den Rassismus gibt es nicht«: »Denn Kritik an israelischer Regierungs- und Siedlungspolitik gilt im offiziellen Deutschland als Indiz für Antisemitismus, jenen neuen, der als muslimischer identifiziert wird und die Vertreibung von Palästinenser*innen nicht wahrhaben möchte«. Überhaupt sieht sie eine »Ausweitung von Antisemitismus auf Antisemitismus und ›Israelkritik‹« gleich zu Beginn ihres Artikels. Das ist deshalb so, weil Antizionismus Antisemitismus ist. Eine Definition von Antisemitismus wird übrigens nirgends angeboten, deshalb können die Autoren den Begriff auch recht flexibel halten. Übrigens bedeutet das natürlich nicht, dass Kritik an israelischer Politik rundherum antisemitisch sei. Sie ist es natürlich nicht, wenn es um die Kritik an Politik geht und nicht um die Zuschreibung negativer Eigenschaften die Israel anhaften.
  • Islam und Judentum stehen sich feindlich gegenüber. Diese Erfindung ist ein Coup der islamischen Fundamentalisten. Diese Geschichte ist nicht aus der Welt zu kriegen. Sie wird selbst von rechtsgerichteten Gruppierungen übernommen und als Anlass für eine vermeintliche Israelsolidarität genannt. Tatsächlich ist das eine erdachte Feindschaft. Von denen weitergetragen, denen es politisch nutzt. Das Judentum selber hat keine Agenda gegen den Islam und religiös gibt es keinerlei Vorbehalte. Armin Langer versucht in seinem Beitrag »Wie koscher ist der Islam?« genau das zu zeigen und beginnt eigentlich mit einer brauchbaren Darstellung des Islam und seiner Anhänger aus jüdischer Sicht. Gerade ein Blick auf Maimonides ist hier ja lohnenswert. Das ließe sich für konkrete Dialogarbeit tatsächlich nutzen, wenn er nicht irgendwann das Ziel aus den Augen verlieren würde und daraus schlussfolgert, dass die Hetze gegen Muslime durch Juden keinesfalls religiös motiviert sei. Es liegen mir keine Erkenntnisse darüber vor, dass die Jüdische Rundschau (die im Text von Armin Langer ausdrücklich genannt wird) ihre Agenda zum Islam religiös begründen würde. Auch andere genannte Jüdinnen und Juden, die eine islamfeindliche Agenda haben, pflegen diese nicht aus religiösen Motiven und haben dies auch nie behauptet. Genannt werden etwa Pamela Geller und David Horowitz. Ihre »Kritik« (wenn man das so bezeichnen kann) bezieht auf gesellschaftliche Konfliktfelder. Aus der Religionszugehörigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu schlussfolgern, diese Person könnte oder müsste Motive haben, die sich religiös begründen lassen, läuft dem entgegen, was die Autoren des Bandes eigentlich wortreich ablehnen: Zuschreibungen oder gruppenbezogene Verallgemeinerungen. Ist David Horowitz ein »jüdischer Aktivist«, nur weil er zufällig Jude ist und das ansonsten in seinen Aktivitäten keine Rolle spielt?
  • Die Polizeistatistik zeigt, dass die meisten Übergriffe auf das Konto »weißer Rechter« gehen. Es ist vielfach darüber diskutiert worden und die Forderung offen, hier grundlegend nachzubessern. Politisch motivierte Übergriffe auf Jüdinnen und Juden werden vielfach dem Bereich »Rechtsradikalismus« zugeordnet. Ein Großteil der Fälle, die physische Übergriffe auf Jüdinnen und Juden betreffen, haben meist Täter, die nicht diesem Bereich zuzuordnen sind. Aber auch auf diese Aussage ziehen sich die Autoren oftmals zurück.
  • Es gibt ein »christlich-jüdisches« Abendland. Auch das ist eine recht neue Erfindung zur Abgrenzung vom Islam. Ja, die modernen Staaten des Westens bedienen sich aus dem Wertekanon der hebräischen Bibel. Dass das Judentum jedoch als Partner wahrgenommen wird, ist recht neu.

Die Themen werden also behandelt, aber nicht immer so unvoreingenommen, dass es den eigenen Anspruch erfüllt. Siehe den o.g. Artikel von Armin Langer.

Jüdisch-muslimischer, oder muslimisch-jüdischer Dialog ist mehr als die Rede von Antisemitismus. Aber selbst so bedeutende Epochen in der Entwicklung des westeuropäischen Judentums, in denen begonnen wurde, im »maurischen« Stil zu bauen und man sich mit dem Islam positiv auseinandersetzte, kommen nur als Randbemerkung vor. Kein Wort darüber, dass die Wilmersdorfer Moschee auch zahlreiche Juden anzog.
Der Band »fühlt« sich an, wie eine interreligiöse Ausgabe der Zeitschrift »Jalta« in der sich sich viele Texte um das Zurückweisen von Zuschreibungen drehen und das in verschiedenen Variationen. Das Personal ist teilweise gleich. Auch hier ruft uns wieder ein »Desintegriert euch« entgegen. Und auch hier ist die Gegenwart feministisch, queer, migrantisch und so. Ebenfalls in politisch korrekter Gender-Schreibweise mit hartnäckigem Anhängen des Suffixes »innen« an (männliche) Substantive mit Sternchen.
Ergeben sich hieraus neue Debatten?
Vielleicht.
Aber es sind leider immer die gleichen, mit den gleichen Köpfen.

Der Dialog in den Gemeinden geht hingegen unbeeindruckt davon weiter. Denn es gibt vieles zu sagen und zu (er-)klären.

Ozan Zakariya Keskinkılıç | Ármin Langer (Hg.) »Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen« Verlag Yılmaz-Günay, Berlin 2018, 292 Seiten, 18,00 €

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Weltethos ohne Zionisten?

Die Arche von Noach in einem Werk aus Herat, entstanden zwischen 1405 und 1447. Sie illustriert das Werk des persischen Historikers Hafiz-e Abru.

Jüdisch-Muslimischer Dialog ist wichtig. Deshalb findet er auch zuweilen statt. Nicht im großen Ausmaß, aber immerhin gibt es hier und da Initiativen auf Augenhöhe.
Für größere Initiativen in Deutschland sind andererseits die jüdischen Gemeinden einfach zu klein.

Neben dem Austausch praktischer Dinge oder gemeinsamer Projekte könnte es passieren, dass man sich auch inhaltlich füreinander interessiert. Literatur gibt es nicht viel auf diesem Gebiet – jedenfalls nicht in deutscher Sprache – es gibt ja auch kaum einen Markt.

Recht euphorisiert war ich deshalb über die Ankündigung von Dr. Muhammad Sameer Murtaza zu seinem Buch
»Adam – Henoch – Noah – Ijob: Die frühen Gestalten der Bibel und des Qur’an aus jüdischer und muslimischer Betrachtung« (Link zum Buch bei amazon), die er per Mail und dem Abbinder der Stiftung »Weltethos« aussandte. Ein verbindendes Buch mit Betrachtungen der gemeinsamen Geschichten. Das erste Kapitel des Buches (»Adam und der Universalismus in Thora und Qur’an«) allerdings baut keine Brücken:

Aber es gibt zunehmend kritische Stimmen auf jüdischer und muslimischer Seite, die im ideologisierten Islam der HAMAS und in der Ideologie des Zionismus keine Lösung sehen.
– Seite 15

Gehen wir die Konstruktion einmal schrittweise durch. Auf der einen Seite wird die Hamas genannt. Eine Terrororganisiation mit dem erklärten Ziel, Israel zu vernichten.
Auf der anderen Seite wird der Zionismus an sich genannt. Die Ideologie eines Staats für Jüdinnen und Juden.
Und wie bezeichnet man diese Menschen, die im Zionismus »keine Lösung sehen«?
Für Dr. Murtaza sind es Hoffnungsträger:

Die Hoffnungsträger setzen die israelische Politik nicht mit dem Judentum gleich und identifizieren die Handlungen der HAMAS nicht mit dem Islam.
– Seite 15

Aber eines verstört noch: Das ist kein religiöser Konflikt. Hier stößt nicht Islam auf Judentum, hier kämpfen nicht Islam und Judentum gegeneinander. Wer das so darstellt, der nimmt den Faden derjenigen auf, die diesen Mythos gesponnen haben – letztendlich für ein politisches Ziel und um die Jagd auf Juden auch außerhalb Israels zu legitimieren. Im palästinensisch-israelischen Konflikt geht es ausschließlich um Politik. Die israelische Regierung ist keine Theokratie.

In einem Gespräch zu seinem Buch (hier, islamiq.de) sagt Dr. Murtaza:

Ich würde das Buch gerne Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens schenken, die den jeweils anderen bisher nur im Zuge des politischen Nahost-Konfliktes als Feindbild kennengelernt haben.
hier, islamiq.de

Man hat einander nicht als Feindbild kennengelernt. So selbstkritisch Dr. Murtaza zu sein scheint, so naiv scheint er anzunehmen, Juden erzögen ihre Kinder zum Hass auf den Islam oder die Palästinenser.

Natürlich habe ich Kontakt zu Dr. Murtaza aufgenommen um ihn dazu zu befragen. Das Zitat aus seinem ersten Kapitel sei eine Wiedergabe dessen, was Juden und Muslime über den Konflikt zu sagen hätten. Zudem habe er in Gesprächen mit jungen Juden »aus der Richtung des liberalen Judentums« aber auch Gesprächen mit Rabbinern die Notwendigkeit für eine Phase des Postzionismus herausgehört. Diese führe letztendlich zum Frieden.

Wir wissen nicht, welchen Postzionismus er meint. Die (stark umstrittene) innerisraelische Forderung nach einem multikulturellen, multi-konfessionellen und multi-nationalen Staat Israel, der seinen Anspruch aufgibt, ein jüdischer Staat sein zu wollen, oder jener Postzionismus , der einfach den Staat in seiner Vollständigkeit ablehnt.
Und wenn er ersteren meint, warum hat er das nicht so formuliert? Diese Frage wollte oder konnte mir Dr. Murtaza nicht beantworten. Passen Weltethos und Zionismus also nicht zusammen?

Zum Themenkomplex Juden und Islam siehe bitte auch diesen Artikel

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Triff den Blogger: Vor Ort in Hessen

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Alte Synagoge in Großkrotzenburg von Lumpeseggl (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Für mich wird es eine Art Road Trip sein – eine kleine Reise durch Hessen. Beginnend in Kassel, endend in der Nähe von Frankfurt (Großkrotzenburg). Wer also dem Blogger vor Ort begegnen möchte, kann sich einen der Termine aussuchen. Was begegnet einem inhaltlich?
Es wird um einen modernen und offenen Zugang zu Texten gehen. An einigen Orten wird es die Geschichte von Jonah sein, die vielleicht eine komplexere Geschichte ist, als es die einfache, nahezu kindgerechte, Lesart, vermuten lässt. An anderen Orten wird es die Geschichte von »Jehuda und Tamar« sein. Heute würde man sagen, zwei Underdogs, die sich da über den Weg laufen. Es wird aber auch die Gelegenheit zu Austausch und Diskussion geben.

Wer in der Nähe der Stationen lebt, oder dazwischen, ist herzlich eingeladen! Vielleicht ergibt sich ja auch »mittendrin« die Gelegenheit zum Austausch.

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Ritualmord?

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Alte russische Darstellung des Jungen Gabriel

Nach 15 Jahren Wikipedia kann man sagen was man will, aber bestimmte Inhalte überleben nicht lange, auch wenn man viele andere aussichtslose Kämpfe (etwa gegen das Kreuz im Sterbedatum jüdischer Personen) austragen muss und dabei so einiges einstecken muss. Der, mitunter, seltsame Umgang mit Nischenthemen hat aber in vielen Bereichen dazu geführt, dass die Dinge einfach selber in die Hand genommen werden.

Die Orthopedia ist so ein Beispiel. Sie ist ein (großes) Wiki zum orthodoxen Christentum (einen Witz zur Bezeichnung ähnlich lautenden Fachärzte habe ich mir verkniffen – unter Schmerzen) in dem beneidenswert viel Arbeit steckt.
Die Orthopedia, zeigt aber vielleicht zugleich, welche Vorteile es haben könnte, wenn noch einmal jemand ganz unbefangen die Texte liest. So könnten Texte entstehen, die es in dieser Form in der Wikipedia vielleicht nicht gegeben hätte, denn dort finden wir (mindestens einen) Artikel der – formulieren wir es vorsichtig – an Ritualmordlegenden denken lässt:

Im Mai 1917 bekleidete er das Amt des Vorstehers der Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale (Kathedrale Basilius des Seligen) in Moskau, wo damals Teile der Heiligen Reliquien des von Juden ermordeten Heiligen Kindes Gabriel von Sluzk aufbewahrt wurden.
von hier: Orthopedia (Direktlink auf die letzte Version)

Die Rede in diesem verhängnisvollen Nebensatz ist hier vermutlich von Gabriel von Białystok. Der wurde angeblich (und klassischerweise) zum Pessachfest eingefangen.
Der Grund ist bekannt: Blut für Mazzen. Auch die russischsprachige Wikipedia ist man nicht so extrem zimperlich und fügt lediglich an, das Märtyrertum des kleinen Gabriel werde von russischen-orthodoxen Gläubigen geglaubt. Aber der russischsprachige Artikel gibt Auskunft darüber, dass die deutschen Besatzer in den 40er Jahren gerne dabei behilflich waren den Kult wieder zu reaktivieren. Das kann man in der Orthpedia.de so nicht lesen.

Was den deutschsprachigen Artikel betrifft:
Es ist erstaunlich, mit wie wenig Kritik das in einen Artikel einfließen kann, der in deutscher Sprache publiziert wird und so seit Dezember 2012 online steht. Zumindest der eingebende Mensch muss sich doch gefragt haben, was heute dazu zu sagen ist? Oder dokumentiert dies die offizielle Haltung?

Zitat

Zitat von Rabbiner Jehoschua Ahrens

Wenn wir aber jetzt einzelne Koranstellen anführen, um zu beweisen, dass »der« Islam gewalttätig sei, dann ist das nicht nur analog zu dem, wie Antisemiten die Tora zitieren. Sondern wir gehen dann genauso vor wie Islamisten, die diese Koranverse missbrauchen.

Rabbiner Jehoschua Ahrens in der Jüdischen Allgemeinen (hier)
im März 2015 – nun wieder aktuell

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Der Baal haBlog in Köln und bei einem Seminar in Dorsten

Der Baal haBlog (also ich, der Chajm) wird am 8. November 2015 in Köln sein und am 15. November 2015 im Jüdischen Museum Dorsten.

Bevor man jetzt fragt: Häh? Dorsten? Warum sollte ich dorthin fahren, der könnte weiterlesen und dann entscheiden…

Am 8. November wird es im Rahmen der Kölner Literaturtage eine Veranstaltung mit dem Titel »Ich bin der Andere – Über die Wertvorstellungen der monotheistischen Religionen« geben. Dort wird ein Vertreter einen christlichen Teil übernehmen, einer den muslimischen und einer den jüdischen (ja, man spricht hier mal mit Juden). Es diskutieren Prof.Dr. Dr. Josef Freise, Frau Dr. Jussra Schröer und meine Wenigkeit. Das mag zunächst abstrakt klingen, aber es gibt einige aktuelle Debatten bei denen man sich fragt: Wo sind die Beiträge der drei monotheistischen Religionen? Wo zeigen sie klare Kante? Themen gäbe es genug, über die man sprechen könnte.
Veranstaltungsort: Forum VHS im Kulturquartier
08.11.2015 15:00; Cäcilienstraße 29, 50667 Köln, weitere Details hier. Es wäre nett, dort auf ein paar Gesichter hinter den Klicks auf die Inhalte dieser Seite zu treffen.

Im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt des Lebens« nennen, wird getötet, im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt des Friedens« nennen, wird Krieg geführt, im Namen eines G-ttes, den wir den »G-tt der Liebe« nennen, wird gehasst und Gewalt ausgeübt. Vor diesem Hintergrund wird ein Seminar im Jüdischen Museum Dorsten stehen.
»Frieden – Salam – Schalom«
Tatsächlich wird es aber nicht nur darum gehen, dass wir uns gegenseitig erzählen, wie friedlich die eigene Religion jeweils ist. Das Seminar wird Frieden und Gewalt in den abrahamitischen Religionen thematisieren. Sehr lange wird ja darüber spekuliert, etwa von Prof. Jan Assmann, ob Monotheismus und Gewalt einander bedingen und praktisch untrennbar zueinander gehören. Da werden die Teilnehmer ins Gespräch kommen und ich hoffe auf eine bunte Gruppe.

Das Seminar wird sein am Sonntag, den 15. November 2015, von 11.00 bis 16.00 Uhr. Einen Programmflyer gibt es hier. Anmeldeschluss ist der 9. November 2015.