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Drei Jungs

Drei Schüler wurden entführt, zwei davon lernten auf der Mekor Chaim Jeschiwah, gegründet von Rabbiner Adin Steinsaltz.
Rabbiner Steinsaltz schreibt:

Die Entführung unserer Schüler ist ein schockierendes, schmerzhaftes und beängstigendes Ereignis. Zu einem Zeitpunkt und einem Ort, der uns ruhig und friedlich erschien, wurden wir in ein Ereigniss hereingezogen, das wir nicht beeinflussen können.
Vielleicht ergeht es uns heute besser als in der Vergangenheit, als wir gar nicht in der Lage waren, auch nur den Versuch von Rettung oder Befreiung zu unternehmen. Wir sind der Israelischen Verteidigungsarmee (Tzahal) dankbar für ihre Bemühungen.
von hier

Entführungen sind, zumindest für die Hamas, ein politisches Instrument geworden. Spätestens seit dem Geschäft mit Gilad Schalit, der für 1027 gefangene Anhänger von Terrororganisationen ausgetauscht wurde. Das Mittel genießt aber offenbar so großes Ansehen, dass gleich drei Terrororganisationen die Verantwortung dafür übernehmen wollten. Die israelische Regierung sieht jedoch die Hamas als verantwortliche Kraft dahinter. Vor dem Hintergrund ihrer letzten Operationen mit gefangenen Israelis dürfte das auch wahrscheinlich sein. Damit setzt die Hamas natürlich auch Mahmud Abbas unter Druck. Er kann sich weder von den Entführungen vollumfänglich distanzieren – er hat ist ja mit der Hamas eine Einheitsregierung eingegangen – noch sie öffentlich unterstützen. Das würde seine Position gegenüber der internationalen Gemeinschaft vollständig unglaubhaft machen und ihn nachhaltig schwächen.

Das ist die Stunde der Armee und tatsächlich bewegt die israelische Armee viel, um die drei Teenager zu finden. Die internationale Anteilnahme, jedenfalls unter Juden, ist beispiellos. Unter dem Hashtag #BringBackOurBoys wird getwittert. Mittlerweile wurde der Hashtag jedoch von denjenigen gekapert, die offensichtlich die Sache der Entführer unterstützen und auch mit antisemitischen Abbildungen arbeiten:

Natürlich wird wieder der Begriff »Gewaltspirale« herumgeistern. Die einzige Spirale der Gewalt die sich hier erkennen lässt ist, dass wieder Menschen Terroranschläge verüben werden – ins Gefängnis kommen – und irgendwann freigepresst werden – das Mittel war effektiv – wieder verüben Menschen Terroranschläge etc. etc. und beteiligt sind Mitglieder der Einheitsregierung. Die jetzigen Inhaftierten bereiten sich vermutlich schon auf ihre baldige Freilassung vor.

Dann gibt es aber auch Reaktionen wie diese hier von Mohammed Zoabi, der als israelischer Araber davon spricht, dass der Terror arabische wie jüdische Israelis trifft.

Die deutschsprachigen Reaktionen (facebook, twitter, Blogs) auf die Geschichte sind wenig originell:
Sie betreiben die übliche Medienanalyse und kommen zu dem Ergebnis, dass die deutschsprachigen Medien nicht ausgewogen berichten, oder gar nicht. Das wird dann auch fleißig bei facebook geteilt. Der Erkenntnisgewinn liegt knapp über der Mitteilung, dass die Erde um die Sonne kreise und nicht umgekehrt. Nur, dass bei der Verkündung des heliozentrischen Weltbilds die aggressive Empörungsbereitschaft fehlt.
Irgendjemand findet dann auch immer einen Verblendeten, der in Gaza Bonbons und Süßigkeiten anbietet, wenn in Israel eine Tragödie passiert und wieder beginnt die Beschäftigung mit Nebenaspekten.
Da wird viel Aufwand betrieben um die Versäumnisse der Medien aufzudecken. Wir (der gesamte Kreis von Menschen, die sich nicht Israelkritisch nennen) wissen das mittlerweile und diejenigen, die es nicht wissen wollen, werden weiterhin die Nachrichten konsumieren, die ihnen genehm sind. Die beständige Ventilation gegen etwas füllt viele Bildschirmseiten und Kommentarspalten. Zielführender ist es mit Sicherheit, zu einem vernünftigen Nachrichtenangebot beizutragen und sachlich zu informieren.

In Deutschland sind kurzfristig Aktionen zur Solidaritätsbekundung geplant, siehe hier.
In den Siddurim von Koren gibt es einen Mischeberach für diejenigen, die in Gefangenschaft gerieten. Online gibt es hier einen: Opensiddur.org.

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Koscheres Fleisch – Vertrauensbrüche

avv_heller

Wenn man über Kaschrut und deren Einhaltung spricht, dann spricht man immer auch von Vertrauen: Vertrauen das der Käufer dem Verkäufer entgegenbringt, oder Vertrauen, das der Gast demjenigen entgegenbringt, der ihn bewirtet.
Man kann dem mit einer Flut mit Zertifikaten begegnen (dem Hechscher), es bis auf die Spitze treiben und irgendwann nur noch bestimmten Zertifikaten vertrauen. Das ist keine sehr angenehme Geisteshaltung. Das dürfte nicht also der charmanteste Weg sein. Meint man (vernünftigerweise).

Und dann passieren Dinge, wie diese:
In Frankfurt soll ein Händler (Aviv) nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Die Jüdische Allgemeine spricht von einem Schaden von einer halben Million Euro. irgendwiejüdisch schrieb schon in der vergangenen Woche über den Bericht, hier.
Gab es einen ähnlichen Vorfall nicht auch in Wien?

Der betroffene Lebensmittelhändler belieferte nicht wenige jüdische Einrichtungen im jüdischen Deutschland. So wie es heute ausschaut, mutmaßlich, also mit nicht-koscherem Fleisch. Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (noch ist ja niemand verurteilt), dann hätte er mehrere Schäden verursacht. Zum einen das Grundmisstrauen in Kaschrut weiter geschwächt und denen Recht gegeben, die eine strengere Überwachung wollen, zum anderen hätte er die Kunden in die Irre geführt und sie finanziell geschädigt.
Das bedeutet aber auch: Der Verkäufer kann kein besonders observanter Jude sein. Ansonsten würde er vermutlich fürchten, für diese Irreführung auch irgendwann metaphysisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Innerhalb der eigenen Gemeinde würde er vermutlich kein Bein mehr auf den Boden bekommen.

Eine Frage muss man aber stellen:
Was ist, wenn es nicht stimmt? Bislang sind es nur Vorwürfe.
Die Vorwürfe ergaben sich aus einer anderen Ermittlung der Polizei, so heißt es auch in der Jüdischen Allgemeinen.
Konkret bedeutete dies: Man beobachtete den Lebensmittelhändler wohl wegen des Besitzes und Schmuggels von Drogen.
Woher der Anfangsverdacht stammt, ist derzeit nicht bekannt. Wer in Antwerpen Rosinenkuchen orderte, könnte ja schließlich auch etwas anderes meinen. Das Journal Frankfurt berichtet in diesem Zuge von ergebnislosen Hausdurchsuchungen.
Eine Art Resteverwertung dieser Ermittlungen waren offenbar die Vorwürfe des Weiterverkaufs nicht-koscheren Fleisches. Und so ging die Ermittlungsbehörde taktvoll vor und sandte den Kunden von Aviv zu diesem Thema einen Fragebogen.
Und wie wir gerade sahen, ist der Einkauf koscherer Waren eine Frage des Vertrauens. Was machen also die Kunden, die einen solchen Fragebogen erhalten, der das Ziel hat, zu ermitteln, ob der Händler nicht-koscheres Fleisch verkauft?
Richtig: Sie kaufen woanders und besorgen sich das Fleisch in München oder in Frankreich. Der Markt Aviv musste also schon schließen, bevor etwas konkretes vorlag. Und das, obwohl der Gemeinderabbiner dem Laden sein Vertrauen ausgesprochen hat. Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht? Vertrauten sie einem anderen Händler mehr?

Der Punkt ist: Mit dem Eintreffen des Schreibens bei den Kunden dürfte sich die Geschäftsgrundlage erledigt haben.

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Für Ruhrgebietler: Lesung heute

Für diejenigen, die im Ruhrgebiet (oder in Westfalen leben):
Badatz! Viel zu tiefe Einblicke in den Jüdischen Alltag! DIE Lesung im Jüdischen Museum Westfalen (Dorsten) – ich behaupte, es dürfte sich lohnen zu kommen:
Entweder weil der Autor das Publikum unterhält, oder weil man dem Autor zuschauen kann, wie er scheitert. Beides dürfte unterhaltsam sein…
Wir begegnen nichtjüdischen Besuchern in Synagogen, Super-Orthodoxen, Konvertiten, Naa-zis, Zionisten und Anti-Zionisten.
Eiskalten Frauen und freundlichen Frauen. Vielleicht wird auch das Geheimnis gelüftet, in welcher Ruhrgebietsgemeinde es den besten Kiddusch gibt!

Jüdischen Museum Westfalen am 12. Juni 2014, um 19:30 Uhr.

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Banken und Juden

Sperrvermerk

»Wozu brauchen Sie denn einen Kredit, ich dachte Sie seien Jude?« wird wohl kaum ein Bankberater sagen. Hoffentlich. Dennoch wird er wahrscheinlich demnächst wissen, welcher seiner Kunden Juden sind. Zwar wird dies wohl nicht unmittelbar für jeden Sachbearbeiter einer Bank zu erkennen sein, aber die Information ist im Haus verfügbar. Jedenfalls dann, wenn dies in der Steuerkarte vermerkt ist und Kirchensteuer bzw. Kultussteuer abgeführt werden muss.

Das betrifft aber nicht nur Banken, sondern auch Versicherer, Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften.
Diese werden ab dem 1. Januar 2015 einmal jährlich die Religionszugehörigkeit der Kunden beim Bundeszentralamt für Steuern abfragen und auch erhalten. Diese Information wird dann in die eigenen Systeme übernommen. Damit soll die Kirchen- bzw. Kultussteuer, die auf die Abgeltungsteuer entfällt, automatisch an das Finanzamt abgeführt werden können. Aber das könnte man auch selber über die Steuererklärung erledigen.

Ob es ein angenehmes Gefühl ist, dass jetzt auch Banken und Versicherungen ihre jüdischen Kunden als solche identifizieren können, muss oder kann jeder für sich selber entscheiden. Ob es paranoid ist, zu behaupten, dass wir nicht wissen, was mit den Daten in den Unternehmen angestellt wird, muss auch selber entschieden werden.
Wer ein seltsames Gefühl dabei hat, darf oder kann dagegen Widerspruch einlegen:

Bis zum 30. Juni (!) kann man dies tun. Aber nicht über die Bank oder die Versicherung, sondern direkt beim Bundeszentralamt für Steuern.

Einfach Dokumenten ID 010156 im Suchfenster des Formular-Management-Systems (FMS) der Bundesfinanzverwaltung eintragen und schon kann man einen Sperrvermerk beantragen.

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Die letzte Jüdin von Würzburg

Die-letzte-Judin-von-Wurzburg- In diesen Tagen wird Roman Rauschs Roman »Die letzte Jüdin von Würzburg« erscheinen. Ich hatte das Glück und durfte, dank des Autors, einen früheren Blick in das Buch werfen.

Der Roman (also das Buch, nicht der Autor), spielt der vor dem Hintergrund realer Ereignisse:
Ein Pogrom in Straßburg im Jahre 1349. Man geht heute davon aus, dass etwa 2.000 Juden in der Stadt getötet wurden.
Sie wurden der Brunnenvergiftung und dem Bringen der Pest beschuldigt. Interessanterweise fiel dies in eine Zeit, in der die Katholische Kirche genau diese beiden Vorwürfe scharf verurteilte. Im Juli 1348 wandte sich Papst Clemens VI. in einer Bulle gegen die Verfolgung von Juden als Verursacher der Pest, im September 1348 vlegte er nach und machte die Bulle »Quamvis perfidiam« bekannt, in der er klarstellte, dass nichts an Brunnenvergiftungen dran sei. Wer der Bulle entsprechend nicht handelte, sei von Exkommunikation bedroht. Besonders viel schien das Wort des Papstes nicht zu gelten. Im Jahr 1349 war Straßburg nicht die einzige Stadt, in der Juden getötet wurden.

Doch zurück zur Fiktion:
Ein Mädchen namens Jaelle verliert ihren Vater bei den Vorgängen in Straßburg und flüchtet aus Straßburg. In der Verkleidung eines Mannes schlägt sie sich nach Würzburg durch. Unterwegs trifft sie auf einen Mann namens Michael de Leone, der für einen Bischof arbeitet. Jaelle, die jetzt Johan heißt, erhält bei de Leone eine Stelle, mit Wissen ihrer Würzburger Ansprechpartners Rabbiner Mosche. Der verspricht sich davon wichtige Einblicke in die Vorgänge hinter den Kulissen und will vorgewarnt sein in der unruhigen Zeit.

Man kann also sagen: Ein »historischer Roman«, aber nicht in der üblichen Kostüm-Rüschen-Machart, sondern eher daran orientiert, eine Zeit und ein Thema auszuleuchten, welches nicht gerade Mainstream ist. Roman Rausch erspart den Lesern nicht die Grausamkeiten der Pogrome von 1349 und konfrontiert den Leser recht hart mit einer sehr drastischen Schilderung der Ereignisse. Im späteren Verlauf dann, wenn die Handlung in Würzburg voranschreitet, fügt er immer wieder historische Fakten ein und beschäftigt sich in einem Anhang mit dem jüdischen Leben in Würzburg. Eine Geschichte, die es so oder ähnlich in vielen anderen deutschen Städten gegeben hat.
Aber Rausch will kein Pädagoge sein und mit dem erhobenen Finger arbeiten. Er bleibt in der Sprache des Romans und versteht es ganz offensichtlich, den Leser zu unterhalten. Trotz des Seitenumfangs (512), ist es deshalb kein Mammut-Unterfangen, das Buch zu bewältigen.
Ich will mal hochstapeln und behaupten, dass Roman Rausch dem Judenweg von Ruth Weiss einen weiteren historischen Roman über Juden in Deutschland hinzugefügt hat, den man auch lesen kann.

Die Covergestaltung mit einer Seite aus der Barcelona Haggadah, die im 14. Jahrhundert entstanden sein muss, ist übrigens keine besonders schlechte Idee. Die Seiten werden später auch Trenner für die einzelnen Teile des Buches eingesetzt. Leider immer die gleiche Seite der Haggadah…

Das Buch bei amazon.

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Badatz! Update!

LexiKohn (Glossar)

LexiKohn (Glossar)

Im Oktober erschien »Badatz!« und erfreulicherweise gab es ein paar Reaktionen auf das Buch. Unter anderem hieß es im Blog des Österreichischen Jüdischen Museums, dass es vielleicht nicht so schlecht wäre, Begriffe wie Al Chet auch Nichtjuden zu erklären. Für eine Neuauflage des Buchs ist dann auch ein LexiKohn hinzugekommen, also eine Badatz-Variante eines Glossars. In diesem findet der geneigte Leser alle Begriffe, die nicht selbsterklärend sind. Auch Al Chet, Chabad oder Hawdalah.

Und um den Optimierungen noch eine hinzuzufügen: Auch dem Ruf »Support your local bookseller« wurde nachgekommen! Das Buch kann man nun über jeden Buchhändler bestellen – gegen eine Bevorratung durch Buchhändler ist natürlich auch nichts einzuwenden:
ISBN-13: 9783735722621
ISBN-10: 3735722628
Seitenzahl: 164

Deshalb gibt es das Buch nicht nur über amazon, sondern auch über buecher.de. Die e-books werden demnächst mit dem Zusatzkapitel »LexiKohn« aktualisiert.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Vormerken! Eine Lesung im Jüdischen Museum Westfalen am 12. Juni 2014.

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Torah für Kinder

Cover von Erzähl es deinen Kindern

Da wurde eine Lücke geschlossen: Bruno Landthaler und Professorin Hanna Liss legen nach langer Arbeit eine Torah-Ausgabe für Kinder (zwischen 6 und 12) vor. »Endlich« muss man sagen. Jüdische Kinderliteratur ist ja, wegen des kleinen Markts, nicht sonderlich verbreitet.

Liss und Landthaler überarbeiteten die einzelnen Wochenabschnitte kindgerecht und fassten das Ergebnis nun als Buch zusammen. »Erzähl es deinen Kindern« ist der Titel der Reihe. Reihe deshalb, weil es am Ende fünf Bücher sein werden. Also eines zu jedem Buch der Torah.

Zu jedem Wochenabschnitt gibt es eine Einleitung, die sich vermutlich an Eltern oder Vorleser richtet. Dann ein Zitat aus dem hebräischen Originaltext und dann anschließend die entsprechende Erzählung. Mitunter kann es vorkommen, dass nicht jeder Text sich für kleinere Kinder eignet. Dieser Text wurde dann kursiv gesetzt und zeigt so, dass man ihn für kleinere Hörer überspringen kann.

An den Rändern haben die Autoren Hinweise untergebracht. Etwa Erklärungen zu einzelnen Begriffen, oder Hinweise dazu, dass der Abschnitt auch zu bestimmten Gelegenheiten in der Synagoge gelesen wird.
Zwölf Bilder des israelischen Illustrators Darius Gilmont sind jeweils auf Einzelseiten untergebracht.

Die (Vor-)Lesetexte dürften Kindern keine Schwierigkeiten bereiten und sie langsam an die Torah heranführen. Erzählt wird natürlich nicht immer der gesamte Wochenabschnitt, sondern Teile davon. Wie das für, sagen wir mal, vorschriftslastige, Wochenabschnitte gelingt, davon kann man sich schon jetzt ein Bild auf kleinetora.juedische-bibel.de machen.

Im Vorwort wird auf eine weitere kindgerechte Heranführung an das Thema Torah und Tanach Bezug genommen: 1964 hat Dr. Abrascha Stutschinsky seine Bibel für Kinder erzählt im Zürcher Javne Verlag veröffentlicht, später erschien sie auch bei Scriba Verlag Köln. Die Autoren der aktuellen Ausgabe verweisen auch auf das Alter. 50 Jahre sei der Text nun alt. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Texte nicht nach Wochenabschnitten geordnet sind. Dr. Stutschinsky hangelt sich an den Erzählungen des Tanach entlang und verwendet diese als einteilende Abschnitte. Etwa Die Erschaffung der Welt, Der siebente Tag, Der Turm und so weiter. Das sollte jedoch aber nicht heißen, dass die Ausgabe von Dr. Stutschinsky überholt sei. Sie ist noch immer aktuell und folgt auch inhaltlich einer anderen Herangehensweise. Dr. Stutschinsky hat bei seiner Nacherzählung der Geschichten aus der hebräischen Bibel immer wieder Elemente aus dem Midrasch verarbeitet und öffnet kleinen Lesern und Zuhörern ganz selbstverständlich eine Tür zum Textverständnis, welches in der Tradition verankert und ihr verpflichtet ist.

Werfen wir doch einen Blick in beide Texte und stellen sie einander gegenüber. Dies veranschaulicht schon die verschiedenen Hintergründe.
Der Beginn des Wochenabschnitts Bereschit:

Die Bibel für Kinder erzählt von Dr. Abrascha Stutschinsky:

Vor vielen vielen Jahren gab es noch keinen Himmel, keine Sonne, keinen Mond und keine Sterne, keine Erde, keine Menschen und keine Tiere. Es gab nichts. Nur G-tt wohnte ganz hoch oben mit seinen vielen Engeln. Dort oben war es schön und hell von funkelnden Diamanten und Edelsteinen, und es ging sehr fröhlich zu, denn die Engel sangen wunderschön. Aber unten war es dunkel, kalt und still. Alles war mit Wasser bedeckt.
Da sagte G-tt einmal zu seinen Engeln:
»Ich will es auch unten schön machen.«
Und plötzlich hörte man eine Stimme:
»Es werde Licht!«
Das war die Stimme G-ttes.

(Die Bibel für Kinder erzählt, Seite 13)

Erzähl es deinen Kindern von Hanna Liss und Bruno Landthaler:

Ganz zu Anfang, als G’tt Himmel und Erde erschuf, war die Erde ganz leer, und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G’ttes schwebte über dem Wasser.
Da sagte G’tt: »Es soll Licht sein.« Und dann war da ein Licht.

(Erzähl es deinen Kindern, Seite 17)

Die Autoren nutzen durchgängig die Schreibung G’tt (mit Apostroph). Um denjenigen entgegen zu kommen, denen das wichtig ist, so heißt es im Vorwort. Im erklärenden Text zu dieser Schreibung wird G-tt jedoch mit ›o‹ geschrieben. Der frühere Düsseldorfer Rabbiner Michael Goldberger (seligen Angedenkens) frug übrigens einmal, warum wir G-tt immer mit einem Apostroph schreiben, und nicht mit einem Ausrufezeichen? Also: G!tt.

Im hebräischen Text wird ebenfalls auf das Tetragrammatons verzichtet. In der Regel heißt es ה’. Auf dem Cover jedoch findet man das ausgeschriebene Tetragrammaton. Der G-ttesname ist, nach Moses Mendelssohn, mit »der Ewige« übertragen. Das ist, leider, die verbreitete Übertragung des Namens und deshalb auch hier zu finden. Zumindest bringt es den Vorleser dazu, zu versuchen, die Sache mit dem Namen G-ttes zu erklären. Redaktionell ist es schwierig, einem Text gerecht zu begegnen. Vor dem Hintergrund, dass zwei Juden drei Meinungen haben, muss man zunächst die Tatsache hervorheben, dass die Autoren Mut zu redaktionellen Entscheidungen hatten und nicht unsicher alle Entscheidungen auf die Leser abladen. Lediglich bei einer Entscheidung geht der Autor dieser Zeilen nicht ganz konform mit den Autoren (in aller Bescheidenheit). So bleibt die Arche Noach hier ein Schiff. Zwar erwähnen die Autoren im Text das hebräische Original (tewah), verschweigen aber, dass es sich dabei eher um einen Kasten handelte. Denn, was bedeutet Arche? Eine Frage, die mir während des Vorlesens des Textes gestellt wurde. Kasten, antwortete ich. Noachs Kasten ist aber auch nicht sonderlich charmant.

Das Layout des Textes ist robust (ebenso wie das Papier – bei Kinderbüchern ja auch ein Thema). Bei der Schrift scheint es sich um die Atma Serif zu handeln. Wie bereits erwähnt, ist zusätzlicher Text kursiv gedruckt. Das Vorwort ist jedoch in der gleichen Schrift dargestellt. Hier muss der Leser, der mehr als eine Paraschah am Stück vorlesen möchte, sich also inhaltlich erst einmal ein wenig orientieren und schauen, wo er wieder einsetzt.
An einigen Stellen setzt das hebräische Zitat am Seitenende an und wird dann in der deutschen Übertragung erst auf der nächsten Seite fortgeführt (siehe unten auf der rechten Seite auf dem Foto). Hier wurde eine inhaltliche Einheit voneinander getrennt.

Innenansicht

Der erste Band Bereschit hat 128 Seiten und kostet 24,80 Euro und das ist ein Punkt, den man kritisieren muss. Natürlich ist die Produktion eines Kinderbuchs nicht besonders günstig und der Zentralrat hat dankenswerterweise schon Geld zugeschossen, zumal die Auflage nicht sonderlich hoch sein dürfte. Allerdings bedeuten 24,80 Euro pro Band, dass man am Ende für die gesamte Torah 124 Euro bezahlt. Das ist ein recht hoher Preis und deutet vielleicht darauf hin, dass eher jüdische Einrichtungen und Gemeinden zur hauptsächlichen Zielgruppe gehören. Wer engagiert ist und das notwendige Geld in die Hand nehmen möchte, erhält eine Torah für Kinder, die sicher auch die Eltern animieren wird, sich Gedanken über den Text zu machen.

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Wieder Neues aus Berlin

Am 27. Januar 2014 konnte über die neue Gemeinde Kahal Adass Jisroel berichtet werden. Diese ist unabhängig von der Einheitsgemeinde. Nur zwei Monate später gibt es eine weitere unabhängige Gemeinde. Die »Unabhängige Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala«, die sich ganz klar im Reformjudentum positioniert. Damit wären zwei große Pole des Judentums abgedeckt. Die Orthodoxie und das Reformjudentum.
Wenngleich es Reformangebote unter dem Dach der Einheitsgemeinde gibt, ist wohl der Kurs der Einheitsgemeinde ursächlich für die zweite Neugründung in diesem Jahr. Nun ist sogar der ehemalige Vorsitzende der Einheitsgemeinde Albert Meyer ausgetreten. Der Vorsitzende der neuen Gemeinde ist Benno Simoni.

Auf der Facebookseite der Initiative wird dies auch deutlich formuliert:

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

Facebook-Seite der Unabhängigen Synagogengemeinde

»Unabhängig von der Willkür übergeordneter Organe, Synagogengemeinde auch über den Schabbat hinaus, Berlin als Ursprung des Reformjudentums- unser Auftrag!« (siehe hier)

Die Frage ist offen, ob die neue Gemeinde dynamisch gewachsen ist, oder ob sie eine Struktur schaffen will für einen Inhalt, der erst noch hineingefüllt werden soll. Aber es ist ein starkes Symptom dafür, dass sich diejenigen, die aktiv sein wollen, nicht mit den Strukturen auseinandersetzen wollen, sondern sich andere Wege suchen. Für eine Gemeinde natürlich keine günstige Entwicklung.

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Weiter weniger Mitglieder

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden; Zahlen von der ZWST

Die jährliche Mitgliederstatistik der Jüdischen Gemeinden ist da! Leider ist diese nicht besonders vielversprechend. Der Trend ist weiter negativ. Die Anzahl der Gemeindemitglieder geht weiter zurück.

Kurz gesagt: Von 102.135 auf 101.338 sank die Anzahl der Mitglieder. Das sind 797 Mitglieder weniger. Im Vorjahr waren 662 Mitglieder weniger. Es sind also wieder mehr weniger Mitglieder – um das einmal kompliziert zu formulieren. Weiter kratzen die Mitgliederzahlen also von oben an der Grenze von 100.000 Mitgliedern.

Die harten Fakten für 2013:

  • 250 Geburten und 1244 Todesfälle
  • 70 Übertritte und 418 Austritte
  • 444 Zuwanderer und 150 Auswanderer

Einer Geburt stehen also (leider) etwa fünf Todesfälle gegenüber. Übertritte sind natürlich kein Werkzeug, um die weitere Schrumpfung aufzuhalten. Eine Maßnahme wäre vielleicht eine Verminderung der Austritte.
Helfen, ohne etwas auf die Entwicklung auszuwirken, dürfte eine Anpassung der Infrastrukturen an kleinere Gemeinden sein. Viele wurden eingerichtet mit dem Blick auf die steigenden Mitgliederzahlen zwischen 1999 und 2004. Kleine Infrastrukturen dürften einfacher in ihrem Erhalt sein.
Kleine bis mittlere Gemeinden werden das vermutlich nicht durchhalten und jüdisches Leben wird sich auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren. Weniger auf viele kleine Gemeinden.

Die Altersstruktur spricht nicht für den Umkehr des gegenwärtigen Trends:
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Der Schaden ist irreparabel

Edathy: Dazu wurde schon viel gesagt.
Unangenehm ist die Berichterstattung darüber, weil die Kollateralschäden irreparabel sind. Seitdem der ehemalige Innenminister Friedrich von seinem aktuellen Ministerposten zurücktreten musste, wurde darüber diskutiert, ob auch die SPD ein Opfer bringen sollte. Die CSU habe einen Mann verloren, also solle auch die SPD einen gehen lassen. Ob das politisch sinnhaft ist, soll hier gar nicht hinterfragt werden, vielmehr die Reaktion darauf, die antijüdische Polemik verwendet, um ihre Leser zu informieren. Das »Auge um Auge« Motiv:
Berliner Morgenpost – »Auge um Auge, Zahn um Zahn«
Cicero – Der maximale Schaden ist schon da
n-tv Auge um Auge, Rücktritt um Rücktritt?
Rp-Online – Auch Angela Merkel gerät in die Kritik
Thomas Maron von der Stuttgarter Zeitung sieht gar alttestamentarische Härte am Werk.
Frankfurter Neue Presse: »Auge um Auge, Zahn um Zahn – so sind die Rituale in der Politik und offenbar auch in der großen Koalition.«
Die Welt: Auge um Auge, Zahn um Zahn?
General Anzeiger, Bonn Hier ist direkt das Wort Rache mit eingestreut. Der Fall Edathy und die Folgen – Merkel-Dämmerung: »[…] jetzt ist Rache angesagt. Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
Ein Blogger, stellvertretend für viele: etwa hier.
Das sind stellvertretende Beispiele. Viele aus dem Radion und dem TV könnten hinzukommen. Eine wahre Inflation dieser antijüdischen Redewendung.

Politiker stehen da nicht hinten an: SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel wird mit dem Satz zitiert und von der CSU heißt es:

Rücktrittsforderungen, wie sie aus den Reihen der CSU-Landesgruppe erhoben worden waren, übernahmen Hasselfeldt und Grosse-Brömer nicht. „Unsere Linie ist nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sagte Hasselfeldt.
faz.net

Zur Erinnerung: All diese Publikationen und diejenigen, die den Satz verwenden, sagen damit aus
Im Judentum geht um Vergeltung oder das Recht des Stärkeren. Das ist archaisch, so wie das Judentum. Wir sind heute weiter.

Das hat auch jemand erkannt, der 1939 eine Rede hielt und die Phrase ins kollektive Gedächtnis schrieb.
Der Schaden, der durch diese unverantwortliche Verwendung der antijüdischen Phrase entsteht, ist nicht reparabel. Wer heute noch von »alttestamentarischen« Verhaltensweisen schreibt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er setze ein Vorurteil mit Absicht ein. 2014 sollten die meisten Menschen, die für und in der Öffentlichkeit sprechen, grundsätzlich über ein Mindestmaß politischer Bildung verfügen.