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Luach für 5782 und 5783

Luach 5782 und 5783

In eigener Sache: Es gibt (wieder) einen Luach für zwei Jahre.
Der Anspruch für den Luach war: Günstig, übersichtlich und vernünftig gestaltet. Die Reihenfolge der Begriffe ist zufällig.
Für die letzte Ausgabe gab es verwertbares Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, so dass diese aktuelle Ausgabe (hoffentlich) noch besser ist:

  • Zwei Wochen je Seite (für zwei Jahre)
  • Das weltliche Datum auf der linken Seite, das jüdische auf der rechten Seite
  • Nennung des Wochenabschnitts und besonderer Schabbatot
  • Eine Tabelle mit den Torahlesungen, auch für Feiertage
  • Tabelle der Haftarot für Aschkenasisch, Frankfurt am Main, Chabad, Sefardisch, Italienisch, Jemenitisch
  • Natürlich die Fasten- und Feiertage (und Rosch Chodesch)
  • Molad-Zeiten (soweit ich weiß, gibt es das in deutscher Sprache sonst nicht)
  • Daf Jomi in der Mitte der Seite
  • Schabbatzeiten für Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Wien
  • Daten für Birkat HaChamah
  • Wie man errechnet, ob ein jüdisches Jahr ein Schaltjahr ist
  • Ein Schema zum Anzünden der Chanukkah-Kerzen
  • Eine Hilfe zur Omerzählung (wie man sie auch in Siddurim findet) mit Angabe des Datums

Im Anschluss an den Kalenderteil findet man noch eine Liste der Daten für jüdische Fest- und Fastentage bis ins Jahr 2026 und einen kurzen Text dazu, wann eigentlich Schabbat beginnt. Nicht enthalten sind Adressen jüdischer Organisationen etc.

Der Luach kostet 6 Euro (inklusive Versand) Bezugsquellen wären (oder ein Buchladen Eurer Wahl mit der ISBN 978-3754311998):
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Der kleine Gewinn, der dabei abfällt, wird genutzt, um die Kosten für den Betrieb des Blogs und talmud.de zu decken.

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Koren-Siddur auf Deutsch

Titelbild Korensiddur

Der Markt für deutschsprachige Siddurim ist nicht extrem groß, deshalb war die Nachricht, dass der Koren Verlag den (großartigen) Koren-Siddur mit dem Kommentar von Rabbiner Jonathan Sacks in deutscher Sprache veröffentlicht hat, eine sehr gute. Jedenfalls, wenn Interesse an ästhetischen Siddurim hat. Da haben die Orthodoxe Rabbinerkonferenz (ORD) und der Verlag eine großartige Arbeit geleistet. Es verwunderte allerdings, dass die ORD die Publikation nicht offensiver kommuniziert hat. Anscheinend wurden Exemplare an die Mitglieder verteilt, aber derzeit ist mir kein Bestellformular bekannt (der Siddur kann auch direkt bestellt werden) und auch kein offizieller Hinweis auf den Siddur. Bei Koren heißt es übrigens »das« Koren-Schalem-Siddur, ich schreibe stets »der« Siddur, weil es ein Neutrum im Hebräischen nicht gibt. Vielleicht bezieht sich »das« auf Gebetbuch – ich weiß nicht, was nun tatsächlich richtig ist.

Die vollständige Rezension für die Jüdische Allgemeine kann hier als Volltext gelesen werden. Zusätzlich gibt es aber hier noch etwas »Bonus-Content« und einen genauen Blick hinein.

Blick in den Koren-Siddur
Blick in den Koren Siddur

Alles stimmt. Die Haptik des Einbandes, die Papierqualität, die Bindung scheint etwas länger zu halten – jedenfalls tut sie das in den Originalausgaben. Das muss man erwähnen, denn es gibt einen deutschsprachigen Siddur, dessen Cover sich schon nach wenigen Monaten vom Buchblock löst.

Natürlich ist die typographische Qualität hervorragend – bis auf wenige Ausrutscher, die wohl daran liegen, dass die Gestalter bestimmte Eigenschaften des deutschsprachigen Satzes nicht kennen. So macht es sensible Gemüter (wie mich) wahnsinnig, dass die Gestalter hier einem Bug in der Schriftart (gibt es auch) auf den Leim gegangen sind:

Wie man sieht, sind die einführenden und endenden Anführungszeichen unterschiedlich groß. Diesen Fehler gibt es in einigen Schriftarten. Übrigens ist auch die deutsche Ausgabe von Tehillat HaSchem in diese Falle getappt.

Zur Übersetzung steht schon einiges im Artikel in der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich hätte man hier vielleicht noch einmal eine zusätzliche Runde mit einigen Testlesern drehen können. Auch sind noch ein paar Seitenverweise nicht mit richtigen Seitenzahlen belegt (»Siehe Seite xyz« heißt es etwa).
In der Produktbeschreibung bei Koren heißt es, die »Paginierung« sei »auf das übliche Koren-Sacks-Siddur abgestimmt«. Nun, das stimmt nur für die ersten Seiten. Schnell weichen die englischsprachige und die deutschsprachige Ausgabe voneinander ab. Das sind kleine Kritikpunkte angesichts dieser großen Aufgabe, die hier bewältigt wurde. Deshalb ist diese Ausgabe eigentlich ein »Muss«.

Wer befürchtet, dass die Vielzahl unterschiedlicher Siddurim in den Gemeinden zu Missverständnissen führen könnten – bezüglich der Seitenzahlen, der kann sich hier (bei talmud.de) eine (wachsende) Liste herunterladen. Diese beinhaltet die Bestandteile der einzelnen Gebete und ihre Seitenzahl in den unterschiedlichen Siddurim mit deutscher Übersetzung.

Wo gibt es den Siddur?

Zu bestellen gibt es den Siddur bei amazon, auf der Website des Verlages direkt, oder der britischen Seite bookdepository.com, die anscheinend den besten Preis anbietet.

Bild

Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

Link

Der Esel in Torah und Talmud

Bil'am und der Esel

Es ist bemerkenswert, dass man einen erstgeborenen Esel bei einem Kohen »auszulösen« muss. Anscheinend ist er ja etwas besonderes. Schauen wir, welche besondere Rolle er in der Torah und Talmud spielt:

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

(Oben auf dem Bild – Bil’am, der Esel und ihre Begegnung mit dem Engel – Bild entstanden zwischen 1594 und 1635)

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Der Militärbundesrabbiner

Bild von Rabbiner Zsolt Balla
Rabbiner Zsolt Balla (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland)

Seit Dezember 2019 ist bekannt, dass der Zentralrat und die Bundeswehr kooperieren und 10 Rabbiner für die Bundeswehr entsenden. Diese sollen sich, unter anderem, um die jüdischen Bundeswehrsoldaten kümmern, aber auch darüber hinaus lehren und informieren. Im Zuge der Vorstellung wurde verschiedentlich die Zahl von 300 jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr in den Raum gestellt. Diese Schätzung ist grundsätzlich zu hoch (siehe eine andere Schätzung hier) – aber das ist gar nicht entscheidend! Die Quantität ist hierbei überhaupt kein wichtiger Faktor!

Zum (neuen) Selbstverständnis und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein gehört, dass man eine Unterstützung für jüdische Soldatinnen und Soldaten auch dann einfordert, wenn es nur eine jüdische Person bei der Bundeswehr gäbe oder gibt. Also selbst für eine einzige Person müsste es jemanden geben, der sich kümmert. Es ist also nur folgerichtig, dass man diese Position geschaffen hat. Gleiches gilt übrigens auch für muslimische Soldatinnen und Soldaten. Es könnte sein, dass ein Rabbiner die alltäglichen Probleme dieser Gruppe besser nachvollziehen kann, als ein christlicher Theologe dies könnte. Aber das nur am Rande.

Der erste Rabbiner für die Bundeswehr und eine Art »Rosch« aller Rabbiner bei der Bundeswehr, wird der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla sein, der am 21. Juni 2021 in sein Amt eingeführt wurde. Er wird fortan (für fünf Jahre jedenfalls) »Militärbundesrabbiner« sein. Rabbiner Balla gehört zu denjenigen, die an einem lebendigen Judentum in Deutschland bauen und war derjenige, der mit Aufkommen der Pandemie Zoomübertragungen aus seiner Synagoge an den Start gebracht hat. Er ist kein »Verwalter« einer Rabbinatsstelle und ihm traut man zu, diese neue Position aktiv auszugestalten. Von Fame war an diesem Tag übrigens nur kurz etwas spürbar. Während er in den abendlichen Nachrichten gezeigt wurde, streamte er – wie immer – das Ma’ariw-Gebet auf Zoom und Facebook.

Wegweisend wird sein, ob man ihn als Symbol benutzen möchte, eine jüdische Renaissance herbeiredet oder eine große Zahl jüdischer Menschen herbeirechnet. Die Erwartungen der nichtjüdischen Gesellschaft sind hoch: Ein Schritt soll es sein, der Dinge wieder normalisiert. Deutschland kann hier zeigen, wie gut es wieder um die Dinge bestellt ist.
Nicht in diese Falle der Erwatungshaltung zu tappen, dürfte nicht sehr leicht fallen. Denn das verspricht öffentliche Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei Rabbiner Balla sehe ich die Gefahr nicht, denn ihm geht es, soweit ich das bisher beobachten konnte, um die Sache und nicht um seine eigene Person oder öffentliche Aufmerksamkeit. Die sei ihm gegönnt, aber er machte nicht den Eindruck, er brauche das für seinen Job.

Ob dann tatsächlich zehn Rabbiner benötigt werden, wird die Zeit zeigen. Das wird ein Prozess sein, der sicherlich mit Interesse verfolgt werden wird.

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Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen hat es am 12. Mai zu einer Meldung in der Presse gebracht: Mit einer antisemitischen Demonstration – die anscheinend Demonstration geblieben ist, weil die Polizei den Zug vor der Synagoge gestoppt hat.

Gelsenkirchen ist übrigens die Stadt, in der die Linkspartei 2019 eine, sehr harmlose, Erklärung gegen Antisemitismus nicht unterzeichnen wollte (siehe hier) – aber dann am Sonntag nach dem 12. Mai mit gegen Antisemitismus demonstriert hat. Bei der Demo waren übrigens Fahnen Israels nicht erwünscht.

In der letzten Woche haben sich dann der Journalist Eren Güvercin (mit dem wir im Januar eine Podcastfolge der »Dauernörgler« zur jüdisch-muslimischen Komplizenschaft aufgezeichnet haben, hier zu finden) und meine Wenigkeit über die lokalen Ereignissein einem »öffentlichem« Gespräch bei Instagram ausgetauscht: »Wir müssen reden! Eine jüdisch-muslimische Reflexion über die letzten Tage«. Das Gespräch kann man sich hier anhören (und anschauen):

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Mitgliederstatistik 2020

»Traditionell« erscheint nach Pessach die Mitgliederstatistik der ZWST für das Vorjahr. Mit Überraschungen ist eigentlich nicht mehr zu rechnen und dennoch passieren Dinge: Im Jahr 2020 waren 93.695 Menschen Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Im Jahr 2019 waren es noch 94.771 – das ist ein Rückgang von 1.076 Menschen (oder 1,1 Prozent). Der Rückgang von 2018 zu 2019 lag noch bei 1,5 Prozent.
225 Geburten stehen 1.544 Todesfällen gegenüber. Unten werden wir noch etwas zu Austritten und Übertritten lesen.
349 Menschen sind eingewandert und haben sich in Gemeinden angemeldet.
122 Menschen haben das Land verlassen.
Am Ende werden wir sehen, woher Brandenburg 435 »sonstige Zugänge« hat.

Weil das Jahr 2020 »rund« ist, können wir einen Zeitraum von 10 Jahren betrachten. 2010 hatten die Gemeinden noch 104.024 Mitglieder. Das wäre ein Rückgang von 9,9 Prozent in 10 Jahren. Am stärksten schrumpfte die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie hatte 2010 noch 10.599 Mitglieder, 2020 waren 8.702. Ein Minus von 17,9 Prozent. Das ist der höchste Wert unter den zehn größten Gemeinden (siehe die Infografik und die Tabelle unten) und der entspricht nicht der Intuition: Berlin als Magnet für jüdische Menschen aus der ganzen Welt – ja, aber sie scheinen sich nicht alle für eine Gemeindemitgliedschaft zu interessieren.
Von diesen zehn größten Gemeinden ist München am wenigsten geschrumpft (um 2,4 Prozent) und München ist damit (seit 2018) die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Auch sonst ist die Stadt an der Isar anders aufgestellt als Berlin: München hat 532 Gemeindemitglieder mehr aufzuweisen, aber viel weniger Austritte (in absoluten Zahlen) als Berlin.

StadtMitglieder 2010Mitglieder 2020WachstumWachstum/Prozent
Hamburg27792312−467–16,80%
Duisburg-MH-OB27552401−354–12,85%
Dortmund32002724−476–14,88%
Stuttgart30302725−305–10,07%
Köln44184016−402–9,10%
Hannover44894029−460–10,25%
Frankfurt68326212−620–9,07%
Düsseldorf70806575−505–7,13%
Berlin105998702−1897–17,90%
München94619233−228–2,41%
Die zehn größten Gemeinden Deutschlands aufsteigend sortiert – mit Angabe der Mitgliederverluste

Die Anzahl der Austritte ist stets etwas abstrakt. Die Zahl wird zwar ausgewiesen, aber aufgrund der unterschiedlichen Gemeindegrößen müssen sie unterschiedlich interpretiert werden. Aus diesem Grund sind hier die relevanten Landesverbände bzw. eigenständige Gemeinden mit den größten Verlusten so aufgeführt, dass man sie miteinander vergleichen kann: Austritte pro Tausend Mitglieder:

Ebenfalls interessant ist die Frage, ob die »Abgänge in andere Gemeinden« und die »Zugänge aus anderen Gemeinden« ausgewogen sind. In einer idealen Welt ist die Differenz recht klein. Ob sie das ist, kann man an dieser Stelle nicht sagen. Auf fünf Jahre verteilt, beträgt die Differenz 114 Personen. Das ist keine sehr große Zahl, aber es gibt einen kleinen Verlust. Nicht alle, die sich abmelden, kommen auch irgendwo wieder an.

Die Altersstruktur

Es ist mittlerweile bekannt, dass die Senioren klar in der Mehrzahl sind. Wenn wir die Gemeinde (also die Gemeinde aus allen Gemeinden) mit nur 10 Personen darstellen würden, wäre 1 Person ein Jugendlicher, 4 wären Erwachsene und 5 Senioren.

Um auch die Aufteilung in Geschlechter deutlich zu machen, rechnen wir hier mal auf 20 hoch: von den Senioren wären 6 Frauen und 4 Männer. Bei den Erwachsenen (8 insgesamt) und Jugendlichen/Kindern (2!) hält sich das Verhältnis ungefähr die Waage, obwohl es in einigen Alterskohorten leichte männliche Überschüsse gibt.

Altersstruktur 2020

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein Vergleich des Durchschnitts mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland (und der drittgrößten Stadt Deutschlands) , München, die auch eine sehr kleine »Schrumpfungsrate« hat (2,41 Prozent) – die Gemeinde scheint etwas jünger zu sein als der Durchschnitt:


Berlin und München

Und noch ein Vergleich: Die drei größten Städte in Deutschland sind Berlin (3,6 Millionen Einwohner), Hamburg (1,8 Millionen) und München (1,5 Millionen Einwohner), aber die Größe der Jüdischen Gemeinde spiegelt das nicht wieder. München ist die größte Gemeinde des Landes und liegt in vielen Bereichen vor Berlin. Hamburg ist erst Nummer 10 unter den zehn größten Gemeinden des Landes.
Haben 2020 in Berlin 137 Menschen die Gemeinde verlassen, waren es in München nur 27. Während sich in Berlin 47 Menschen bei der Gemeinde angemeldet haben (nach Einwanderung, Zuzug oder ähnlichem), waren es in München 73.

Klar, München scheint den besseren Lebensstandard zu bieten und ist eine sehr lebenswerte Stadt. Wohnen in München ist jedoch auch mit hohen Kosten verbunden. Vielleicht bietet Danel Feinkost noch immer die koschere Weißwurst an und die hat sich als Magnet herausgestellt?

Übertritte

Die Anzahl der Übertritte zum Judentum pendelt zwischen 60 und 100. Ganz offensichtlich sind Übertritte keine Lösung für ein demographisches Problem – München (zwei Übertritte in 2020) zeigt das übrigens.

Übertritte pro Jahr

Eine Besonderheit in Brandenburg

Zu Beginn hieß es, Brandenburg hast 435 »sonstige Zugänge« zu verzeichnen. Das ist leicht zu erklären. In diesem Jahr kommen zwei Potsdamer Gemeinden hinzu. Sie sind dem Landesverband Brandenburg wieder beigetreten oder neu gegründet worden. Die Gemeinde »Adass Israel« unter Rabbiner Reuven Konnik (Rabbinerseminar Berlin) ist neu im Spiel (47 Mitglieder) und als konstruktive Partei rund um den Synagogenbau Potsdam aufgefallen. Zur Stabilisierung Potsdams wird das sicher beitragen.

Wie immer, steht die Statistik auf der Website der ZWST zum Download zur Verfügung.

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Potsdam

Synagoge in Potsdam, erbaut 1767

Da draußen gibt es immer noch Menschen, die trauen Jüdinnen und Juden alles zu. Wenn es nicht die Weltverschwörung ist, dann zumindest die Umvolkung. Letzteres klingt wie Umtopfung. Aber beim Umtopfen wird eine Pflanze einfach in einen größeren Topf gepflanzt — weil sie mehr Platz braucht. Im Prinzip also genau das, was die geistigen Väter derjenigen wollten, die heute eine Umvolkung befürchten. Da ging es um die Erweiterung des Lebensraums in den Osten. Es ist bekannt, dass diejenigen ausgerottet und vergessen werden sollten, denen sie alles zutrauten. Eine direkte Folge davon kann man in Potsdam besichtigen. Nämlich keine Synagoge.

Das ist die Vorgeschichte von keiner Synagoge in Potsdam – in in ihrer kürzesten Form.

Das nächste Kapitel

Im nächsten Kapitel, das können wir schon verraten, gibt es noch immer keine Synagoge. Es gibt Räume in denen gebetet wird, aber es gibt keine richtige Synagoge. Weil es in Potsdam sogar wieder Jüdinnen und Juden gibt (2018 hatte die Jüdische Gemeinde 414 Mitglieder), sollte dieser Umstand geändert werden. Im Jahr 2005 wurde beschlossen, eine Synagoge in Potsdam zu bauen. Das Land Brandenburg stiftete ein Grundstück im Herzen von Potsdam.
Und was geschah nur 16 Jahre später? Eine Eröffnung? Nicht ganz: Es wurde beschlossen, eine Synagoge zu bauen. Das ist selbst für deutsche Verhältnisse und deutsche Überplanung ein sehr langsamer Prozess. Aber Moment, wurde das nicht schon einmal beschlossen?

Das dritte Kapitel

Ein Wettbewerb sollte den besten Entwurf für die neue Synagoge ermitteln. Im Oktober 2008 ging es los und dieses Vorgehen war sehr erfolgreich! Etwa 150 Architekturbüros nahmen an der ersten Runde des Wettbewerbs teil. Von diesen wurden wiederum 30 ausgewählt und 26 Büros legten konkrete Entwürfe vor. Schon 2009 stand der Sieger fest! Der erste Preis ging an das Berliner Architekturbüro Haberland. Das Projekt nimmt plötzlich konkrete Gestalt an.

Jetzt meldet sich der Potsdamer Dirigent Ud Joffe zu Wort. Er ist mit der Architektur nicht einverstanden. Das liegt nahe, eine Auswahl aus 150 Entwürfen ist dürftig. Wenig später meldet sich Rabbiner Nachum Presman zu Wort. Der geplante Bau entspräche nicht den halachischen Vorgaben. Andere orthodoxe Rabbiner widersprechen ihm und zeigen sich verwundert. Der Berliner Rabbiner Yitzchak Ehrenberg etwa. Aber weil die Jüdische Gemeinde und die Vertreter von Land und Stadt (eine Synagoge soll zeigen, dass man es noch einmal miteinander versuchen möchte) motiviert sind, wird am 1. Oktober 2010 dann einem überarbeitetem Entwurf die Baugenehmigung erteilt. Fünf Jahre also nach dem Entschluss, die Synagoge zu bauen. Alles gut? Natürlich nicht. 2011 dann wird die Architektur wieder kritisiert (taz-Artikel).

Der geplante Bau entfesselt Energie. Die Gemeindemitglieder geraten in Streit. Es gibt es in Potsdam nun vier kleine jüdische Gemeinden und alle haben die gleiche Ausrichtung. Alle nehmen für sich in Anspruch, orthodox zu sein. Jüdinnen und Juden mag man viel zutrauen, aber wer jemals auf einer Gemeindeversammlung war, oder Potsdam verfolgt hat, wird sich fragen, wie da die Weltverschwörung organisiert werden soll. Im Grunde sind Meinungsverschiedenheiten ein Motor für Fortschritt und Erkenntnisgewinn, aber nur, wenn man genau daran interessiert ist.

2020 kam dann eine neue Gruppe hinzu. Die Gemeinde »Kehilat Israel«, gegründet von Israelis, möchte auch mitspielen und meldet sich über die Medien zu Wort. Jetzt sind es fünf Gemeinden und der Bau scheint in die Ferne zu rücken.

Eine Lösung?

Spätestens jetzt war klar, es brauchte keinen Mediator mehr – jemand mit Verantwortungsbewusstsein musste konkrete Ansagen machen. Am 18. Februar 2021 traten Manja Schüle, Kulturministerin des Landes Brandenburg, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, der Präsident der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Berliner Architekt Haberland vor die Presse und verkündeten den Beschluss, dass die Synagoge gebaut werde. Die Regie sollten die ZWST und die Landesregierung übernehmen.Die Eröffnung sei für das Jahr 2024 geplant. Das ist ungewöhnlich, aber effektiv. Die ZWST regelt alles mit der Landesregierung und bringt das Projekt voran. In den ersten drei Jahren nach Fertigstellung, so der Plan, solle die ZWST als Treuhänderin die Trägerschaft des Zentrums übernehmen. Nach dieser Übergangszeit soll der Landesverband der jüdischen Gemeinden im Land Brandenburg die Synagoge und das Gemeindezentrum übernehmen.

Als wolle man die eigene Unkonstruktivität beweisen, veröffentlichen die Köpfe dreier Gemeinden (genannter Ud Joffe ist einer von ihnen) wenige Tage später eine Erklärung die sprachlich gleich die volle Eskalation sucht: »Es ist kein freudiger Tag gewesen, es ist eine Schande für dieses Land!« Die neue Regelung wird als »das Entmachtungsgesetz der Potsdamer jüdischen Gemeinden« bezeichnet. Man hätte da Änderungsvorschläge für die Architektur der Synagoge…

Die Chancen stehen gut, dass jetzt auch gebaut wird und vielleicht finden sich dann auch unter den Mitgliedern der fünf Gemeinden Menschen, die Interesse daran haben, die Synagoge und das Gemeindezentrum zu nutzen.

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Die Zukunft der europäischen Diaspora

Zwei Themen sind jüdische Dauerbrenner: »Wer ist ein Jude« und »Die Diaspora und Israel«.
Müssen sich Juden schuldig (oder noch schuldiger) fühlen, wenn sie noch in in der Galut leben?
Das jüdische an der Situation ist: Die Entwicklung in Europa ist sehr widersprüchlich in sich.
Zum einen ist das Leben für Jüdinnen und Juden unsicherer geworden und zugleich beansprucht vor allem die jüngere Generation Räume und Diskurse in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gesellschaften, in denen sie leben. Das Jüdische Museum Frankfurt widmete sich zwei Tage lang dieser Frage und beleuchtete dabei nicht nur die Rolle der jüdischen Museen.
Nein, es ging auch um die aktuelle Situation auf dem gesamten Kontinent. Das Symposium trug den Titel Transitions. So diskutierten Diane Pinto und Bernard Wasserstein gegensätzliche Einschätzungen zur aktuellen Situation in Europa.
Die Autoren Doron Rabinovici und Fania Oz-Salzberger diskutierten, inwieweit die gegenwärtige Periode jüdischen Lebens in Europa eine des Übergangs ist. (Direkter Link zur Diskussion auf YouTube) Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (und ihre Veränderungen) für jüdisches Leben in Europa (man denke an die Schechita) wurden angesprochen.

Ich hatte die Ehre, an einem der Panels über ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in der Diaspora teilzunehmen, zusammen mit Laura Cazés (von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), dem Schweizer Journalisten Yves Kugelmann (tachles.ch), mit der Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Zsófia Kata Vincze aus Budapest und dem französischen Journalisten und Romanautor Marc Weitzmann. Die gesamte Diskussion ist hier abrufbar (YouTube).

Zu meinem eigenen Wortbeitrag habe ich noch einige Notizen gemacht und daraus einen kleinen Text gebastelt. Da das Symposium in englischer Sprache war, habe ich den Inhalt in einem Blogbeitrag bei der Times of Israel veröffentlicht. Den Text findet man hier.

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Facebooks Beitrag zum jüdischen Leben?

Im März 2020 (siehe auch hier) zeigte sich, dass die »sozialen Netzwerke« etwas mehr als nur Polarisisierung zu bieten hatten (obwohl sie das zeitgleich natürlich auch im Angebot hatten). Tatsächlich konnten sie zwischendurch ihr Versprechen einhalten, die Menschen zu verbinden. Jüdinnen und Juden konnten sich schnell über Online-Veranstaltungen informieren und in Kontakt bleiben. Nun ist fast ein Jahr vergangen. Einige Zugänge für Zoom-Konferenzen werden nur noch auf Anfrage herausgegeben – einen Stundenplan mit den Angeboten musste ich schnell wieder aus dem Netz nehmen (siehe hier). Die Anzahl der Störungen war einfach zu groß geworden und die Auswirkungen zu belastend.

Seit März 2020 ist Rabbiner Zsolt Balla aus Leipzig dabei. Er streamt, mit Ausnahme der Chagim und der Schabbatot täglich die Gebete. Phasenweise ganz ohne Gemeinde, dann wieder mit kleinerer Gemeinde, zur Hawdalah aus seiner Wohnung. Damit war und ist Rabbiner Balla jemand, der auch diejenigen erreichen konnte, die im Social Distancing waren oder sonst Berührungsängste hatten. Vielleicht in Europa einmalig. Die Gebete waren, niederschwellig, über Zoom und Facebook erreichbar.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Facebooks Beitrag?

Rabbiner Ballas Initiative war nicht nur verdienstvoll, sie war auch ein großer Beitrag zur Gestaltung jüdischen Lebens unter erschwerten Bedingungen. 2021 wird viel über »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gesprochen und versucht, den Blick auf die Gegenwart zu lenken. »Jüdisches Leben kennenlernen«.

Die Aktion fand in Deutschland, aus den unterschiedlichsten Gründen, viel Unterstützung. Viel war von der »Sichtbarmachung» jüdischen Lebens die Rede. Zu Purim am 26. Februar 2021 meldete Rabbiner Balla etwas, von dem fragen kann, ob es der Beitrag von Facebook Deutschland zur Feier jüdischen Lebens war: Facebook sperrte die Livestreams des Rabbiners (sein Beitrag dazu hier) aus der Synagoge. Anscheinend hatte jemand beharrlich die Streams gemeldet und Facebook stufte sie als »abusive« ein.
Es reichte also entweder aus, dass ein Algorithmus so entschied, oder ein Mitarbeiter des Netzwerks so entschieden hat. Die Streams sind nun also nur noch über Zoom verfügbar. Sollte ein Mitarbeiter so entschieden haben, müsste erklärt werden, was an Live-Übertragungen aus Synagogen »abusive« sein sollte – oder der Mitarbeiter mag Synagogen nicht sonderlich. Sollte ein Algorithmus auf zahlreiche Beschwerden reagiert haben, dann ist allen klar, was das bedeutet: Jede kleine Gruppe kann jederzeit ausgeknipst werden. Das mag keine neue Erkenntnis sein, aber sie wird immer wieder bestätigt.

Da die Beschwerdewege nicht deutlich sind und vermutlich auch wieder maschinell betreut werden, dürften auch Einwände zunächst ins Leere laufen.
Jüdische Organisationen und Gruppen sollten sich besser darauf einstellen, Content nicht ausschließlich über Facebook (oder andere soziale Netzwerke) anzubieten, sondern auch über andere Kanäle. Die Gruppe derjenigen, die aktiv Meldungen von Inhalten betreibt, scheint gut organisiert zu sein und die Netzwerke haben keinen öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag. Antisemiten sitzen also am längeren Hebel – solange bis vielleicht doch jemand einschreitet.

Einstweilen bietet Rabbiner Balla die Teilnahme über Zoom an. So sollte es aber eigentlich nicht sein…

Nachtrag 1. März 2021: Facebook hat die Möglichkeit für Livestreams aus der Synagoge wieder aktiviert. Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt. Jederzeit kann jeder bewirken, dass jemandem der Stecker gezogen wird.

Die Pressestelle von Facebook Deutschland habe ich direkt nach Bekanntwerden der Angelegenheit kontaktiert, aber das war nicht anders zu erwarten – reagierte nicht.