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Hashtag Patrilinear

Wer hätte gedacht, dass die Aufregung, die auf einen Tweet folgte, der einen Teil eines privaten Gesprächs abbildete, große Kreise zieht und ein nichtjüdisches Publikum über Wochen entertaint und ihnen das Versprechen gibt, dass es noch Jüdinnen und Juden gibt, die nicht so sehr fremd sind, wie andere?
Die verschiedenen Mitspieler und die verschiedenen Motive sind schwer zu identifizieren. Hier die aufgeklärten lockeren Vertreter eines kompatiblen Judentum zur nichtjüdischen deutschen Öffentlichkeit und dort, die Jüdinnen und Juden, die daran festhalten, dass das Judentum nicht die Aufgabe hat, zu gefallen. Wieder andere bringen sich ins Spiel, um wahrgenommen zu werden und einfach mal als jüdischer Akteur, als jüdische Akteurin, gesehen zu werden. Die »großen« Namen (oder die als groß gelten möchten) nutzen die Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass es keine innerjüdische Diskussion bleibt. Übrigens ist dabei alles gesagt zum Thema Vaterjuden (Patrilinearität) – jedenfalls halachisch. Offen blieben noch Diskussionen zur Zugänglichkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland. Aber auch tat sich langsam etwas. Irritierend an der Diskussion war, dass Druck auf diejenigen aufgebaut werden soll, die sich der Halachah verpflichtet fühlen – das betrifft übrigens in Deutschland alle Strömungen des Judentums: die Netten gegen die Bösen.
Diese Dokumentation der Auseinandersetzung, die sehr subjektiv kommentiert ist, soll der Leserin und dem Leser dienen, die einzelnen Stränge nachzuvollziehen und sich ein Bild von der gesamten Angelegenheit zu machen. Sicherlich werden weitere Links folgen.

Max Czollek öffnete den Vorhang für das gesamte Spiel am 20. Juli 2021 – dieses Detail sollte man bei einer Bewertung nicht übersehen, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, es handele sich bei der Angelegenheit um eine Kampagne:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear

Twitter, @rubenmcloop

Anscheinend erreichte die (gewünschte?) Aufregung schnell den angesprochenen Maxim Biller. Obwohl er Twitter nicht nutzt, schwappte die Aufregung der Leserinnen und Leser schnell über das Medium Twitter hinaus. Biller nutzte für eine Antwort (am 12.08.2021) seine Kolumne in der ZEIT, um darauf einzugehen:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt.

ZEIT, 12.08.2021

Maxim Biller legte den Finger in seinem Biller-Style (siehe auch hier) in eine offene Wunde und sicherte sich sein Alleinstellungsmerkmal jüdischer Schriftsteller in Deutschland. Zugleich wies er darauf hin: Nicht patrilinear wäre man, wenn der Vater des Vaters jüdisch war. Biller war der zehnte Mann, der die Synagoge verlässt und damit den Minjan aufhebt: Aufmerksamkeit und Rage garantiert. Plötzlich ging es um Solidarität mit Max Czollek und eine öffentliche Diskussion eines halachischen Themas. Über den Zusammenhang von Halachah und jüdischer Kultur haben Juna Grossmann und meine Wenigkeit bei »Anti und Semitisch« etwas gesagt. Hier abrufbar (Podcast, 01.09.2021). Maxim Biller hat sich danach übrigens dazu nicht mehr gemeldet.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, nutzt die Gunst der Stunde, um mit der Halachah abzurechnen. Dass das Judentum von der Mutter weitergegeben werde, sei nicht mehr zeitgemäß und überhaupt, sei Deutschland doch die Wiege des liberalen Judentums gewesen – sicher hätte dies heute diese Themen anders bewertet. ZEIT, 18.08.2021
Der Text erweckte den Eindruck, über das Prinzip der Matrilinearität zu berichten, gab aber im Grunde die Sichtweise von Meron Mendel wieder. Im Radio konnte er seine Sicht dann ebenfalls darlegen: rbb Kultur vom 14.09.2021.

Die Jüdische Allgemeine griff die Debatte Ende August auf. Dr. Josef Schuster muss viele Anfragen zu dem Thema erhalten haben, denn er veröffentlichte über die Jüdische Allgemeine einen Meinungsbeitrag: »Nach den Regeln der Religion« juedische-allgemeine.de (24.08.2021).
Die Jüdische Allgemeine befragte sechs Vertreter nach ihrer Haltung zu dem Thema: die Autorin Lena Gorelik, Rabbiner Arie Folger, die ehemalige Leiterin eines Jugendzentrums Margarita Khomenker, dem Jugendreferenten der ZWST Nachumi Rosenblatt, der Journalistin Esther Schapira und dem Rabbiner Andrew Steiman. juedische-allgemeine.de (26.08.2021). Rabbiner Steimans Haltung ist detaillierter auch bei »Anti und Semitisch« nachzuhören.

Fast zeitgleich zum Podcast veröffentliche das Deutschlandradio einen Beitrag von Ofer Waldman : »Wer gilt als Jude und wer darf als solcher reden?« deutschlandfunkkultur.de (01.09.2021) Waldman führt die Nürnberger Rassengesetze in die Diskussion ein und macht es etwas schwieriger, die Debatte sachlich zu führen. Aber Spoiler: Nicht die Gegner des Judentums definieren wer Jüdin oder Jude ist, sondern die jüdische Gemeinschaft selber. Für Antisemiten kann jede und jeder zum Juden oder zur Jüdin erklärt werden. Antisemitische Phantasien, nach denen Christian Drosten oder Angela Merkel Juden sind, existieren draußen jede Menge.

Mirna Funk nutzte Beginn September die Möglichkeit, gelesen und gesehen zu werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (faz.net 02.09.2021) schrieb sie über ein Treffen mit Maxim Biller und einem mit Max Czollek. In aller Inkonsequenz weist sie darauf hin, dass die Diskussion eigentlich eine jüdische sei, fährt dann aber dennoch fort und unterrichtet die Leserinnen und Leser darüber, dass die Halachah ein Gesetzbuch sei. Das würde bedeuten, sie sei kein lebendiger Organismus…und das verkennt den Charakter der Halachah komplett.

Halachah als Gesetzbuch

Am 5. September 2021 hatte Meron Mendel dann Gelegenheit, in einem Streitgespräch mit Dr. Josef Schuster für die ZEIT, seine Thesen teilweise zu wiederholen und Dr. Schuster konnte darauf hinweisen, dass die Diskussion eigentlich eine innerjüdische ist. ZEIT.de

In der Berliner Zeitung stellte sich Michal Bodemann an die Seite von Max Czollek. berliner-zeitung.de (02.09.2021) Er bringt ein Verfolgungsargument vor und erwähnt als einer der wenigen Autoren, die Lage der Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und ein Problem hatten: Galt dort »jüdisch« als Nationalität, so wurden Menschen zu Jüdinnen und Juden ohne halachisch jüdisch zu sein. Auch Erica Zingher geht in ihrem Artikel über das Thema auf diesen Themenkomplex ein (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«:

30 Jahre nach dem Beginn der Einwanderung von säkularen postsowjetischen Jüdinnen und Juden fokussiert man sich lieber auf Befindlichkeiten einzelner Personen, anstatt Probleme und Realitäten normaler Menschen zu thematisieren.

Erica Zingher (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«

In der taz hat sich auch Professor Micha Brumlik geäußert und – neben einer historischen Betrachtung – sich auch für eine praktische Seite ausgesprochen (taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«:

Das heißt heute praktisch, dass die liberale, die Allgemeine Rabbiner Konferenz in Deutschland Menschen, die einen jüdischen Vater haben und die von ihm auch jüdisch erzogen wurden, einen erleichterten, niedrigschwelligen Übertritt anbietet. Der Autor dieser Zeilen hält genau diese Regelung für vernünftig und richtig. Haben doch Rituale – so der Übertritt – ihren guten Sinn: Sie bekräftigen nach anerkannten symbolischen Regeln einen Status oder eine Haltung, sind also mehr als nur Ausdruck einer individuellen Entscheidung, sondern zugleich Ausdruck einer intersubjektiven Anerkennung der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft.

(taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«

Damit wendet sich Brumlik gegen Ronen Steinke, der auf twitter behauptete:

Uff, ernsthaft? Unsäglich, wie hier Josef Schuster meint, ⁦@rubenmcloop⁩ sei als Vaterjude nicht jüdisch genug. Ich finde, das entscheidet mal schön jeder selbst, ob er/sie jüdisch ist – und alle anderen respektieren‘s und sind ruhig. https://t.co/XrIbqa2INA

Ronen Steinke auf twitter, @RonenSteinke

Einer der Rabbiner der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Andreas Nachama, wurde zu der gesamten Angelegenheit für das Blog die Eule interviewt. »Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021. Er beschreibt die Problemstellung einem christlichen Gegenüber. Interessant ist übrigens die Einschätzung, der Tanach kenne nur das patrilineare Prinzip. Das ist nicht unbedingt Konsens und lässt sich auch anders darstellen:

Na ja, die Halacha ist das eine, wenn sie die Bibel aufschlagen, haben sie das andere. Da ist alles patrilinear. Das Judentum hat erst später zur matrilinearen Praxis gefunden, weil man keine Vaterschaftstests machen konnte.

Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021

Im Allgemeinen gibt er aber einen Einblick für den eingeschüchterten Beobachter.

Eine Stimme, die eine Aufweichung des matrilinearen Prinzips fordert, ist Debora Antmann. In ihrer Kolumne für das Missy Magazine (»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021) schreibt sie (unter anderem):

Diese völlige Fixierung auf religiöses und vor allem orthodoxes Judentum, es so selbstverständlich als Norm zu setzen, ist eine Folge der Ausrottung sämtlicher jüdischer Vielfalt in Europa. 

»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021

Es ist problematisch, so zu tun, als ginge es hier um den Kaschrut-Stempel eines Rabbiners einer Bewegung, dem man nicht vertraut oder den man nicht benötigt, weil man nicht observant sei (siehe/höre »Anti und Semitisch«). Jüdische Identität ist nicht ohne den Kern des Judentums denkbar, ob man sich davon abgrenzt, oder nicht. Auf der anderen Seite schreibt sie über das Judentum, das sie kennengelernt hat und das hoffentlich weitergegeben wird.

Nun kam die Zeit der konservativeren Vertreter. Jacques Schuster von der WELT titelte »Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein« (welt.de 06.09.2021). Michael Wolffsohn nutzte die Bühne der NZZ (10.09.2021): »Wird hier Judenpolizei gespielt? Nein! Es ist ganz einfach: Du sollst nicht lügen.«:

Anders als Max Czollek gab sich Wolf Biermann nie als Jude aus, und nie hat er sein Image durch Jüdeln vergoldet oder in die Welt trompetet. Das hatte Biermann auch nicht nötig. Biermann ist Biermann, und Reif ist Reif – mit und ohne Judentum.

nzz.ch 10.09.2021

Einer der angesprochenen äußerte sich ebenfalls in einer Schweizer Zeitung. Wolf Biermann schrieb für den Tachles über die Angelegenheit: »Jude oder Jude?« (Tachles, 17.09.2021)

Früher begegnete man Rafael Seligmann häufiger in den Medien. Gerne wurde er zu jüdischen Themen befragt. Nun bekam er im Cicero die Möglichkeit, die Causa zu beleuchten. »Erbarmen mit Musterjuden« cicero.de, 05.09.2021 Nicht zufällig eine Anspielung auf Seligmanns eigenes Werk.

Jemand, der auch wahrgenommen werden möchte, ist der Autor Tuvia Tenenbom. Ein Garant für saftige Sprüche und provokative Texte, aber nicht für inhaltliche Tiefe. Im gab Spiegel-Online die Möglichkeit, seine Meinung zu der Angelegenheit zu veröffentlichen. spiegel.de (13.09.2021)

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel (tagesspiegel.de 15.09.2021) sieht eine rechtskonservative Instrumentalisierung der Diskussion. Ähnlich sah es Hanno Loewy (Leiter des Jüdischen Museums Hohenems) in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur (deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021):

Diese Wut der Angriffe auf Max Czollek ist nur darüber erklärbar, dass er offenkundig mit seinen Positionen aneckt und Leute provoziert und das ist etwas, dass man eigentlich aushalten muss.

Hanno Loewy deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021

Ein offener Brief (renk, 14.09.2021) geht in eine ähnliche Richtung. Dieser ist hier nachzulesen.

Am Tag nach Jom Kippur erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein umfangreicher Text von Nele Pollatschek »Unter Gaffern«:

Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen.

sueddeutsche.de 17.09.2021

Lediglich die BUNTE scheint noch keinen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht zu haben.
Updates folgen.

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Nichtjüdische halachische Entscheidungen

Wir alle wissen vieles über »gute Absichten« und diejenigen, die in der Öffentlichkeit jüdisch unterwegs sind, können darüber vermutlich einige Geschichten erzählen. Die »guten Absichten« der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft beißen sich zuweilen mit dem Respekt (oder Nichtrespekt) vor denjenigen, die eigentlich Objekt der Absichten sind. Wenn etwa Jüdinnen und Juden geladen sind, aber es gibt keine entsprechenden Nachfragen bezüglich religiöser Anforderungen für Speisen, oder man legt Veranstaltungen auf jüdische Fest- oder Fastentage, oder man sagt halt selber, in Ermangelung einer jüdischen Gemeinde, jüdische Gebete – womöglich unter den Klängen von Klezmermusik.

Jüdischer Friedhof Borken - Replingsfunder
Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder (Foto von Rabbiner Babaev)

So entschied die SPD Borken (schon im Mai – aber es ist einfach ein schönes Beispiel) anlässlich des 76. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai 2021, ab 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof zu veranstalten. Schönheitsfehler: Der 8. Mai war ein Schabbat und der endete im Mai dort nach 21 Uhr. Offensichtlich agiert man also in Unkenntnis der jüdischen Haltung zu Schabbat, Friedhofsbesuchen und der Trauer.
Einem kundigen Bewohner der Stadt fiel das jedoch auf und dieser schrieb dazu die Lokalzeitung an und unterstrich, wie unpassend die Veranstaltung auf dem Friedhof war (siehe hier, borkenerzeitung.de).
Für mögliche Leserinnen und Leser aus der Öffentlichkeitsarbeit: Hier kann man deeskalieren und sich entschuldigen. Wir kennen das:
»… ist der Eindruck entstanden…« [diese Formulierung schützt davor, sich tatsächlich zu entschuldigen] »…wir hätten die jüdische Tradition nicht ernstgenommen. Dies war jedoch nicht unser Ziel – bla bla jüdische Tradition bla bla wichtiger Grundstein deutscher Geschichte bla bla Verantwortung etc.«
Schon ist die Geschichte vom Tisch. Nicht so in Borken. Denn bei der veranstaltenden SPD gibt es anscheinend Experten für Halachah.
Dieser verwendet zunächst ein deutsches Standardargument: Das haben wir schon immer so gemacht!

»Der Beginn ist immer um 18 Uhr. […] Seit 1982 bis 2021 war dies sechsmal ein Samstag.

borkenerzeitung.de

Dann das halachische Argument:

… im jüdischen Kalender dauert der Tag vom Vorabend des Tages bis zum Abend des Tages – nicht von 0 bis 24 Uhr. Hier gibt es aber der Einfachheit halber das „vereinfachte Zeitmaß“. Da beginnt der jüdische Tag, unabhängig vom Sonnenuntergang, um 18 Uhr am Vorabend und endet entsprechend am Abend des Tages zu dieser Zeit. Aus diesem Grunde habe ich für unsere Gedenkfeier das Tor des Friedhofs um 18.01 Uhr geöffnet, dem Vorabend des Sonntags.

borkenerzeitung.de

Die Frage ist, neben der, woher diese Weisheiten stammen und wie man voller Überzeugung das Falsche behaupten kann, warum es heute noch so schwerfällt, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen und sich im Nachhinein nicht bereit zu zeigen, ein wenig Flexibilität zu zeigen.
Ein Teilaspekt einer möglichen Antwort: Die eigene Tradition wird noch immer als normativ wahrgenommen und trotz aller Beteuerungen von Multikulturalismus oder jüdisch-christlicher Kultur, sind alle Unterschiede dann Abweichungen von der »normalen« Kultur. Unterschiede werden nicht anerkannt oder gut gefunden, sie werden ausgehalten. Im vorliegenden, exemplarischen Fall, nicht einmal das. Hier wird jüdische Tradition durch Dritte erklärt und das muss nicht immer funktionieren.

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Die ZEIT und jüdische Debatten

Die großen Debatten des jüdischen Deutschlands scheinen derzeit in der ZEIT ausgetragen zu werden. Mirna Funk begann mit »Wir lebenden Juden« (2016), einem Artikel, in dem sie Buddies von sich als jüdische Intellektuelle empfahl (und ganz nebenbei auch sich) – als Antwort auf einen Satz von Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen. Dort sagte er, er kenne (derzeit) keine jüdischen Intellektuellen in Deutschland (Artikel hier, Jüdische Allgemeine), Juni 2016. Maxim Biller legte mit »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« (2017) nach. Es folgten weitere Artikel von Biller (2018) und im Mai (2021) gab die ZEIT online Fabian Wolff Platz für »Nur in Deutschland« einem Text, der die zwei Pole des jüdischen Deutschlands deutlich gezeigt hat. Nicht durch den Text, sondern durch die Reaktionen darauf (zumindest diejenigen, die vom Text gehört haben) – natürlich getriggert durch den Text. Spätestens jetzt war Maxim Biller nicht mehr der einzige (jüdische) Autor (in Deutschland), von dem man sagen konnte, er habe keine Angst vor den Reaktionen auf seine Texte. Diese Reaktionen kannten wenig Zwischentöne. Übrigens gab es darauf eine Replik von Mirna Funk, ebenfalls in der ZEIT.

Jetzt legte Maxim Biller nach. Er sprach im Juli mit Max Czollek. Das Gespräch vermeldete Czollek aus erster Hand und direkt bei twitter – also nicht gerade in einem kleinen Kreis. Anscheinend war es kein sehr angenehmes Gespräch:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear Twitter, @rubenmcloop

Nun, am 12. August (2021) schilderte Biller das gesamte Gespräch – genau in der ZEIT und ging genau darauf ein:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. ZEIT, 12.08.2021

Es ist nicht klar, ob die beiden eine Interviewsituation teilten, oder ein privates Gespräch führten. Falls es ein privates Gespräch war, ist die Wiedergabe in einem Zeitungsartikel fragwürdig – oder es ist eine reichweitenstarke Antwort auf den Tweet. Biller teilt aus, wie es Biller stets tut (und entsprechend gnadenlos in der Beurteilung von Akteuren ist) und knöpft sich Czolleks Selbstverortung als jüdischer Intellektueller und »öffentlicher Jude in Deutschland« vor. Womit wir wieder an das Jahr 2016 anknüpfen und Billers behauptetes Alleinstellungsmerkmal »jüdischer Intellektueller in Deutschland«. Dieser Titel wird anscheinend mit harten Bandagen – wie bei einem Boxkampf – errungen. Derjenige, der als Sieger aus dem Ring steigt, erhält den Titel. Ist nur schwer für denjenigen, der nicht verstanden hat, dass der Kampf bereits läuft.

Die Thematik »wer ist von wem wann als jüdisch zu betrachten« ist nun (wieder) im Raum. Sie ist wichtig und stellt die Frage, ob eine eigene Positionierung ausreichend ist, um als jüdisch zu gelten.
Dazu gäbe es einiges zu sagen/schreiben, aber das soll zu späterer Zeit geschehen.

Fakt ist: Eine solche Debatte konnte nur Maxim Biller triggern – ob man den Text emotional hart fand, oder nicht, ob man meint, Biller verteidigt sein Revier, oder nicht. Denn offenbar verfügt er über eine entsprechende Reichweite und Wichtigkeit, denn er wird offensichtlich ja gelesen.

Aber! Warum muss das in der ZEIT passieren?

Nicht, dass die Diskussionen nicht in die Öffentlichkeit gehörten… das tun sie. Jede und jeder muss auch unangenehme Themen der jüdischen Gegenwart aushalten.

Die Antwort ist: Es gibt im deutschen Sprachraum kein Medium, in dem solche Diskussionen (man kann auch schreiben Streit) ausgetragen werden können. Es gibt kein Quartely mit (jüdischen) Themen und Texten (literarische Texte und Sachtexte), die wirklich wehtun und die man aushalten muss. In Bezug auf den Text von Fabian Wolff konnte man erkennen, dass einige Leserinnen und Leser nicht bereit waren, überhaupt zuzuhören (»zulesen« wäre das richtige Wort) – obwohl immer wieder eine jüdische Diskussionskultur beschworen wird. Es scheint mehr Texte zu geben, es gibt aber kein zentrales Medium dafür. In diesem Medium kann (gut, könnte) dann auch einmal gründlich diskutiert werden, wie der Umgang mit patrilinearen Jüdinnen und Juden (die sich selber als jüdisch bezeichnen würden, es gibt ja auch diejenigen, die daran nicht anknüpfen möchten) aussehen kann. Es werden Antworten dabei sein, die nicht allen Interessierten schmecken. Die Jüdische Allgemeine ist die einzige ernstzunehmende regelmäßige Publikation in deutscher Sprache, in der das möglich wäre. Hier dürften aber technische Aspekte Grenzen setzen. Etwa die begrenzte Zeichenzahl in Print-Publikationen und die (große) Arbeit für Redakteure, Debatten so abzubilden, dass die Leserinnen und Leser ihnen folgen können. Online wäre eine Alternative.

Solange müssen wir damit leben, dass andere Publikationen diesen Diskussionen Platz einräumen. Eine Einmischung Dritter ist aber in beiden Fällen nicht zu vermeiden.

Das Magazin »Jalta«, an dem auch Czollek mitwirkt, kann diesen Anspruch nicht einlösen. Es ist Sprachrohr einer Auffassung davon, wie Prozesse heute interpretiert werden können, aber kein Debattenformat.

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Luach für 5782 und 5783

Luach 5782 und 5783

In eigener Sache: Es gibt (wieder) einen Luach für zwei Jahre.
Der Anspruch für den Luach war: Günstig, übersichtlich und vernünftig gestaltet. Die Reihenfolge der Begriffe ist zufällig.
Für die letzte Ausgabe gab es verwertbares Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, so dass diese aktuelle Ausgabe (hoffentlich) noch besser ist:

  • Zwei Wochen je Seite (für zwei Jahre)
  • Das weltliche Datum auf der linken Seite, das jüdische auf der rechten Seite
  • Nennung des Wochenabschnitts und besonderer Schabbatot
  • Eine Tabelle mit den Torahlesungen, auch für Feiertage
  • Tabelle der Haftarot für Aschkenasisch, Frankfurt am Main, Chabad, Sefardisch, Italienisch, Jemenitisch
  • Natürlich die Fasten- und Feiertage (und Rosch Chodesch)
  • Molad-Zeiten (soweit ich weiß, gibt es das in deutscher Sprache sonst nicht)
  • Daf Jomi in der Mitte der Seite
  • Schabbatzeiten für Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Wien
  • Daten für Birkat HaChamah
  • Wie man errechnet, ob ein jüdisches Jahr ein Schaltjahr ist
  • Ein Schema zum Anzünden der Chanukkah-Kerzen
  • Eine Hilfe zur Omerzählung (wie man sie auch in Siddurim findet) mit Angabe des Datums

Im Anschluss an den Kalenderteil findet man noch eine Liste der Daten für jüdische Fest- und Fastentage bis ins Jahr 2026 und einen kurzen Text dazu, wann eigentlich Schabbat beginnt. Nicht enthalten sind Adressen jüdischer Organisationen etc.

Der Luach kostet 6 Euro (inklusive Versand) Bezugsquellen wären (oder ein Buchladen Eurer Wahl mit der ISBN 978-3754311998):
amazon logo hugendubel.de Logo geniallokal.de Logo Thalia Logo Bol Logo

Der kleine Gewinn, der dabei abfällt, wird genutzt, um die Kosten für den Betrieb des Blogs und talmud.de zu decken.

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Koren-Siddur auf Deutsch

Titelbild Korensiddur

Der Markt für deutschsprachige Siddurim ist nicht extrem groß, deshalb war die Nachricht, dass der Koren Verlag den (großartigen) Koren-Siddur mit dem Kommentar von Rabbiner Jonathan Sacks in deutscher Sprache veröffentlicht hat, eine sehr gute. Jedenfalls, wenn Interesse an ästhetischen Siddurim hat. Da haben die Orthodoxe Rabbinerkonferenz (ORD) und der Verlag eine großartige Arbeit geleistet. Es verwunderte allerdings, dass die ORD die Publikation nicht offensiver kommuniziert hat. Anscheinend wurden Exemplare an die Mitglieder verteilt, aber derzeit ist mir kein Bestellformular bekannt (der Siddur kann auch direkt bestellt werden) und auch kein offizieller Hinweis auf den Siddur. Bei Koren heißt es übrigens »das« Koren-Schalem-Siddur, ich schreibe stets »der« Siddur, weil es ein Neutrum im Hebräischen nicht gibt. Vielleicht bezieht sich »das« auf Gebetbuch – ich weiß nicht, was nun tatsächlich richtig ist.

Die vollständige Rezension für die Jüdische Allgemeine kann hier als Volltext gelesen werden. Zusätzlich gibt es aber hier noch etwas »Bonus-Content« und einen genauen Blick hinein.

Blick in den Koren-Siddur
Blick in den Koren Siddur

Alles stimmt. Die Haptik des Einbandes, die Papierqualität, die Bindung scheint etwas länger zu halten – jedenfalls tut sie das in den Originalausgaben. Das muss man erwähnen, denn es gibt einen deutschsprachigen Siddur, dessen Cover sich schon nach wenigen Monaten vom Buchblock löst.

Natürlich ist die typographische Qualität hervorragend – bis auf wenige Ausrutscher, die wohl daran liegen, dass die Gestalter bestimmte Eigenschaften des deutschsprachigen Satzes nicht kennen. So macht es sensible Gemüter (wie mich) wahnsinnig, dass die Gestalter hier einem Bug in der Schriftart (gibt es auch) auf den Leim gegangen sind:

Wie man sieht, sind die einführenden und endenden Anführungszeichen unterschiedlich groß. Diesen Fehler gibt es in einigen Schriftarten. Übrigens ist auch die deutsche Ausgabe von Tehillat HaSchem in diese Falle getappt.

Zur Übersetzung steht schon einiges im Artikel in der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich hätte man hier vielleicht noch einmal eine zusätzliche Runde mit einigen Testlesern drehen können. Auch sind noch ein paar Seitenverweise nicht mit richtigen Seitenzahlen belegt (»Siehe Seite xyz« heißt es etwa).
In der Produktbeschreibung bei Koren heißt es, die »Paginierung« sei »auf das übliche Koren-Sacks-Siddur abgestimmt«. Nun, das stimmt nur für die ersten Seiten. Schnell weichen die englischsprachige und die deutschsprachige Ausgabe voneinander ab. Das sind kleine Kritikpunkte angesichts dieser großen Aufgabe, die hier bewältigt wurde. Deshalb ist diese Ausgabe eigentlich ein »Muss«.

Wer befürchtet, dass die Vielzahl unterschiedlicher Siddurim in den Gemeinden zu Missverständnissen führen könnten – bezüglich der Seitenzahlen, der kann sich hier (bei talmud.de) eine (wachsende) Liste herunterladen. Diese beinhaltet die Bestandteile der einzelnen Gebete und ihre Seitenzahl in den unterschiedlichen Siddurim mit deutscher Übersetzung.

Wo gibt es den Siddur?

Zu bestellen gibt es den Siddur bei amazon, auf der Website des Verlages direkt, oder der britischen Seite bookdepository.com, die anscheinend den besten Preis anbietet.

Bild

Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

Link

Der Esel in Torah und Talmud

Bil'am und der Esel

Es ist bemerkenswert, dass man einen erstgeborenen Esel bei einem Kohen »auszulösen« muss. Anscheinend ist er ja etwas besonderes. Schauen wir, welche besondere Rolle er in der Torah und Talmud spielt:

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

(Oben auf dem Bild – Bil’am, der Esel und ihre Begegnung mit dem Engel – Bild entstanden zwischen 1594 und 1635)

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Der Militärbundesrabbiner

Bild von Rabbiner Zsolt Balla
Rabbiner Zsolt Balla (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland)

Seit Dezember 2019 ist bekannt, dass der Zentralrat und die Bundeswehr kooperieren und 10 Rabbiner für die Bundeswehr entsenden. Diese sollen sich, unter anderem, um die jüdischen Bundeswehrsoldaten kümmern, aber auch darüber hinaus lehren und informieren. Im Zuge der Vorstellung wurde verschiedentlich die Zahl von 300 jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr in den Raum gestellt. Diese Schätzung ist grundsätzlich zu hoch (siehe eine andere Schätzung hier) – aber das ist gar nicht entscheidend! Die Quantität ist hierbei überhaupt kein wichtiger Faktor!

Zum (neuen) Selbstverständnis und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein gehört, dass man eine Unterstützung für jüdische Soldatinnen und Soldaten auch dann einfordert, wenn es nur eine jüdische Person bei der Bundeswehr gäbe oder gibt. Also selbst für eine einzige Person müsste es jemanden geben, der sich kümmert. Es ist also nur folgerichtig, dass man diese Position geschaffen hat. Gleiches gilt übrigens auch für muslimische Soldatinnen und Soldaten. Es könnte sein, dass ein Rabbiner die alltäglichen Probleme dieser Gruppe besser nachvollziehen kann, als ein christlicher Theologe dies könnte. Aber das nur am Rande.

Der erste Rabbiner für die Bundeswehr und eine Art »Rosch« aller Rabbiner bei der Bundeswehr, wird der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla sein, der am 21. Juni 2021 in sein Amt eingeführt wurde. Er wird fortan (für fünf Jahre jedenfalls) »Militärbundesrabbiner« sein. Rabbiner Balla gehört zu denjenigen, die an einem lebendigen Judentum in Deutschland bauen und war derjenige, der mit Aufkommen der Pandemie Zoomübertragungen aus seiner Synagoge an den Start gebracht hat. Er ist kein »Verwalter« einer Rabbinatsstelle und ihm traut man zu, diese neue Position aktiv auszugestalten. Von Fame war an diesem Tag übrigens nur kurz etwas spürbar. Während er in den abendlichen Nachrichten gezeigt wurde, streamte er – wie immer – das Ma’ariw-Gebet auf Zoom und Facebook.

Wegweisend wird sein, ob man ihn als Symbol benutzen möchte, eine jüdische Renaissance herbeiredet oder eine große Zahl jüdischer Menschen herbeirechnet. Die Erwartungen der nichtjüdischen Gesellschaft sind hoch: Ein Schritt soll es sein, der Dinge wieder normalisiert. Deutschland kann hier zeigen, wie gut es wieder um die Dinge bestellt ist.
Nicht in diese Falle der Erwatungshaltung zu tappen, dürfte nicht sehr leicht fallen. Denn das verspricht öffentliche Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei Rabbiner Balla sehe ich die Gefahr nicht, denn ihm geht es, soweit ich das bisher beobachten konnte, um die Sache und nicht um seine eigene Person oder öffentliche Aufmerksamkeit. Die sei ihm gegönnt, aber er machte nicht den Eindruck, er brauche das für seinen Job.

Ob dann tatsächlich zehn Rabbiner benötigt werden, wird die Zeit zeigen. Das wird ein Prozess sein, der sicherlich mit Interesse verfolgt werden wird.

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Über Gelsenkirchen

Gelsenkirchen hat es am 12. Mai zu einer Meldung in der Presse gebracht: Mit einer antisemitischen Demonstration – die anscheinend Demonstration geblieben ist, weil die Polizei den Zug vor der Synagoge gestoppt hat.

Gelsenkirchen ist übrigens die Stadt, in der die Linkspartei 2019 eine, sehr harmlose, Erklärung gegen Antisemitismus nicht unterzeichnen wollte (siehe hier) – aber dann am Sonntag nach dem 12. Mai mit gegen Antisemitismus demonstriert hat. Bei der Demo waren übrigens Fahnen Israels nicht erwünscht.

In der letzten Woche haben sich dann der Journalist Eren Güvercin (mit dem wir im Januar eine Podcastfolge der »Dauernörgler« zur jüdisch-muslimischen Komplizenschaft aufgezeichnet haben, hier zu finden) und meine Wenigkeit über die lokalen Ereignissein einem »öffentlichem« Gespräch bei Instagram ausgetauscht: »Wir müssen reden! Eine jüdisch-muslimische Reflexion über die letzten Tage«. Das Gespräch kann man sich hier anhören (und anschauen):

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Mitgliederstatistik 2020

»Traditionell« erscheint nach Pessach die Mitgliederstatistik der ZWST für das Vorjahr. Mit Überraschungen ist eigentlich nicht mehr zu rechnen und dennoch passieren Dinge: Im Jahr 2020 waren 93.695 Menschen Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Im Jahr 2019 waren es noch 94.771 – das ist ein Rückgang von 1.076 Menschen (oder 1,1 Prozent). Der Rückgang von 2018 zu 2019 lag noch bei 1,5 Prozent.
225 Geburten stehen 1.544 Todesfällen gegenüber. Unten werden wir noch etwas zu Austritten und Übertritten lesen.
349 Menschen sind eingewandert und haben sich in Gemeinden angemeldet.
122 Menschen haben das Land verlassen.
Am Ende werden wir sehen, woher Brandenburg 435 »sonstige Zugänge« hat.

Weil das Jahr 2020 »rund« ist, können wir einen Zeitraum von 10 Jahren betrachten. 2010 hatten die Gemeinden noch 104.024 Mitglieder. Das wäre ein Rückgang von 9,9 Prozent in 10 Jahren. Am stärksten schrumpfte die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie hatte 2010 noch 10.599 Mitglieder, 2020 waren 8.702. Ein Minus von 17,9 Prozent. Das ist der höchste Wert unter den zehn größten Gemeinden (siehe die Infografik und die Tabelle unten) und der entspricht nicht der Intuition: Berlin als Magnet für jüdische Menschen aus der ganzen Welt – ja, aber sie scheinen sich nicht alle für eine Gemeindemitgliedschaft zu interessieren.
Von diesen zehn größten Gemeinden ist München am wenigsten geschrumpft (um 2,4 Prozent) und München ist damit (seit 2018) die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Auch sonst ist die Stadt an der Isar anders aufgestellt als Berlin: München hat 532 Gemeindemitglieder mehr aufzuweisen, aber viel weniger Austritte (in absoluten Zahlen) als Berlin.

StadtMitglieder 2010Mitglieder 2020WachstumWachstum/Prozent
Hamburg27792312−467–16,80%
Duisburg-MH-OB27552401−354–12,85%
Dortmund32002724−476–14,88%
Stuttgart30302725−305–10,07%
Köln44184016−402–9,10%
Hannover44894029−460–10,25%
Frankfurt68326212−620–9,07%
Düsseldorf70806575−505–7,13%
Berlin105998702−1897–17,90%
München94619233−228–2,41%
Die zehn größten Gemeinden Deutschlands aufsteigend sortiert – mit Angabe der Mitgliederverluste

Die Anzahl der Austritte ist stets etwas abstrakt. Die Zahl wird zwar ausgewiesen, aber aufgrund der unterschiedlichen Gemeindegrößen müssen sie unterschiedlich interpretiert werden. Aus diesem Grund sind hier die relevanten Landesverbände bzw. eigenständige Gemeinden mit den größten Verlusten so aufgeführt, dass man sie miteinander vergleichen kann: Austritte pro Tausend Mitglieder:

Ebenfalls interessant ist die Frage, ob die »Abgänge in andere Gemeinden« und die »Zugänge aus anderen Gemeinden« ausgewogen sind. In einer idealen Welt ist die Differenz recht klein. Ob sie das ist, kann man an dieser Stelle nicht sagen. Auf fünf Jahre verteilt, beträgt die Differenz 114 Personen. Das ist keine sehr große Zahl, aber es gibt einen kleinen Verlust. Nicht alle, die sich abmelden, kommen auch irgendwo wieder an.

Die Altersstruktur

Es ist mittlerweile bekannt, dass die Senioren klar in der Mehrzahl sind. Wenn wir die Gemeinde (also die Gemeinde aus allen Gemeinden) mit nur 10 Personen darstellen würden, wäre 1 Person ein Jugendlicher, 4 wären Erwachsene und 5 Senioren.

Um auch die Aufteilung in Geschlechter deutlich zu machen, rechnen wir hier mal auf 20 hoch: von den Senioren wären 6 Frauen und 4 Männer. Bei den Erwachsenen (8 insgesamt) und Jugendlichen/Kindern (2!) hält sich das Verhältnis ungefähr die Waage, obwohl es in einigen Alterskohorten leichte männliche Überschüsse gibt.

Altersstruktur 2020

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein Vergleich des Durchschnitts mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland (und der drittgrößten Stadt Deutschlands) , München, die auch eine sehr kleine »Schrumpfungsrate« hat (2,41 Prozent) – die Gemeinde scheint etwas jünger zu sein als der Durchschnitt:


Berlin und München

Und noch ein Vergleich: Die drei größten Städte in Deutschland sind Berlin (3,6 Millionen Einwohner), Hamburg (1,8 Millionen) und München (1,5 Millionen Einwohner), aber die Größe der Jüdischen Gemeinde spiegelt das nicht wieder. München ist die größte Gemeinde des Landes und liegt in vielen Bereichen vor Berlin. Hamburg ist erst Nummer 10 unter den zehn größten Gemeinden des Landes.
Haben 2020 in Berlin 137 Menschen die Gemeinde verlassen, waren es in München nur 27. Während sich in Berlin 47 Menschen bei der Gemeinde angemeldet haben (nach Einwanderung, Zuzug oder ähnlichem), waren es in München 73.

Klar, München scheint den besseren Lebensstandard zu bieten und ist eine sehr lebenswerte Stadt. Wohnen in München ist jedoch auch mit hohen Kosten verbunden. Vielleicht bietet Danel Feinkost noch immer die koschere Weißwurst an und die hat sich als Magnet herausgestellt?

Übertritte

Die Anzahl der Übertritte zum Judentum pendelt zwischen 60 und 100. Ganz offensichtlich sind Übertritte keine Lösung für ein demographisches Problem – München (zwei Übertritte in 2020) zeigt das übrigens.

Übertritte pro Jahr

Eine Besonderheit in Brandenburg

Zu Beginn hieß es, Brandenburg hast 435 »sonstige Zugänge« zu verzeichnen. Das ist leicht zu erklären. In diesem Jahr kommen zwei Potsdamer Gemeinden hinzu. Sie sind dem Landesverband Brandenburg wieder beigetreten oder neu gegründet worden. Die Gemeinde »Adass Israel« unter Rabbiner Reuven Konnik (Rabbinerseminar Berlin) ist neu im Spiel (47 Mitglieder) und als konstruktive Partei rund um den Synagogenbau Potsdam aufgefallen. Zur Stabilisierung Potsdams wird das sicher beitragen.

Wie immer, steht die Statistik auf der Website der ZWST zum Download zur Verfügung.