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Von nichtjüdischen Gemeindevorsitzenden

Nein, »Der gefühlte Jude« ist kein neues Buch von Maxim Biller, aber der Plot könnte von ihm sein. Ein junger Mann aus Frankfurt landet eines Tages im Knast, hat sich Geld geliehen und nie zurückgegeben. Unter anderem mit einem jüdisch klingedem Pseudonym. Im Knast entdeckt er, dass er eigentlich »Zigeuner« (nicht meine Wortwahl) ist. Er tingelt ein wenig herum, macht mal Politik, geht hier und da etwas nachlässig mit Geld um, verschwindet dann wieder und taucht plötzlich als Vorsitzender einer jüdischen Gemeinde auf. Von da an ist er gefragter Ansprechpartner einiger Medien und auch für Kirchen. Plötzlich hat er viele Freunde. Leute die ihn mögen, ja ihm sogar eine Festschrift widmen. Hinzu kommt die Geschichte einer Großmutter, die im Konzentrationslager war.

Diese Geschichte präsentierte der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe (20. Oktober 2018) – mal extrem knapp zusammengefasst. Die Autoren sind dabei der Spur nachgegangen, wer der beliebte Ansprechpartner eigentlich ist. Die beiden reiten da einen ziemlich wilden Ritt, haben offenbar tiefgehend recherchiert und in die Kirchbücher der evangelischen Gemeinde geschaut, aus der der angesprochene Vorsitzende kommt. Die Geschichte ist gut nachvollziehbar, hat aber zwei Sollbruchstellen: Der damalige verantwortliche Rabbiner hat die Person zunächst durchgewunken und wurde erst nach der eigenen Entlassung aktiv. Wer die Geschichte anzweifeln will, kann hier ansetzen. Das könnte aber auch bedeuten, dass der Geblendete sich erst mit dem notwendigen, professionellen, Abstand mit der Angelegenheit beschäftigen musste.
Die andere Sollbruchstelle ist eine Aussage im Artikel, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar oder unkritisierbar – das stimmt natürlich so nicht und deshalb kratzt man da hart an einem antisemitischen Vorurteil. Dennoch ist es schwierig, wenn Autoren das für eine nichtjüdische Öffentlichkeit formulieren und die Geschichte eines Juden einfach anlasslos hinterfragen. In der aktuellen SPIEGEL Geschichte scheint einer der Autoren zumindest jüdisch zu sein.

Mit dieser Kritik wird man rechnen müssen – vor allem von nichtjüdischer Seite. Man wird an ihm festhalten wollen, denn er hat offenbar für bestimmte Zielgruppen das geliefert, was man verlangte. Man wird auf seine Verdienste verweisen und darauf, dass die Orthodoxie nicht bestimme, wer jüdisch sei und wer nicht. Diejenigen, die mit ihm arbeiten, werden mit der Geschichte irgendwie umgehen müssen und vielleicht auf den Streit mit dem Rabbiner verweisen und so könnte (!) die Enthüllung folgenlos bleiben. Verlierer ist natürlich das Judentum insgesamt, aber wir haben wieder etwas über den Umgang der Öffentlichkeit mit den Jüdinnen und Juden gelernt, die man so gerne hätte.

Der Artikel im SPIEGEL macht den Eindruck gut recherchiert zu sein und die Geschichte wäre kein Einzelfall (der krasseste Fall wäre diese Geschichte aus der Nachkriegszeit), auch nicht im Norden Deutschlands und es wird auch nicht der letzte Fall bleiben. Der Betroffene wolle sich im Verlauf der Woche dazu äußern, hieß es am Sonntag nach Erscheinen des SPIEGEL. Man wird gespannt sein, wie sich diese Geschichte auflöst.

Man hört, dass der Mann auch in seiner kleinen Gemeinde vorgebetet hat. Auf Youtube kann man sehen, wie er »El malej Rachamim« rezitiert (hier klicken) und sich selber ein Bild machen.

Update 23. Oktober 2018:

Das Hamburger Abendblatt titelt eine Geschichte mit »Fall Seibert: Was Weggefährten jetzt sagen« und der Artikel bestätigt auf gruselige Weise, das, was ich oben schrieb: Guter Mann.
Der Vorsitzende kommt aber auch zu Wort. Nicht so entscheidend sei das alles, besser wäre eine Bewertung seiner Person nachdem, was er heute mache. Fragen dazu?

Das großartigste Zitat stammt jedoch von einem katholischen Theologen. Der Propst von Pinneberg, Thomas Drope, lässt sich zu dem Satz hinreißen »Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Herr Seibert Jude ist.« (zitiert von hier, Hamburger Abendblatt) – Entscheidungen über halachische Fragen sind sicher nicht die Kernkompetenz katholischer Geistlicher.

Update 2 Der NDR meldet, dass der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein die Vorwürfe gegen den Vorsitzenden juristisch prüfen lassen will. Sollte der SPIEGEL alles belegen können, dürfte das mehr Details ans Licht bringen.

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Oliver Polak – Gegen Antisemitismus

Wenn jemand richtig zum Thema »Antisemitismus« abräumt, dann ja wohl Oliver Polak. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten – das ist das Kerngeschäft von Polak. So geriet eine Gedenkfeier für seinen Vater in Papenburg zum Eklat – aus Sicht der wohlmeinenden Stadtoffiziellen. Polak verwies darauf, dass sich sein Vater sicher schon zu Lebzeiten über ein wenig Wertschätzung gefreut hätte und dass er Klezmermusik gehasst hat, denn die wurde zu diesem Anlass gespielt. Nachlesen, was passiert, wenn diejenigen, die es »gut meinen« und diejenigen, die Subjekt dieser Bemühungen sind, aufeinanderprallen, kann man hier (Neue Osnabrücker Zeitung).
Oder man hört der Blauen Stunde von Serdar Somuncu zu, in der Oliver Polak zu Gast ist (hier) und auch mal erklärt, warum ein Stand-Up von Ususmango antisemitisch ist (→ warum Ususmango Olympia hasst).

Gegen Judenhass Eine Abrechnung?

Wenn diese Person dann mit dem Titel »Gegen Judenhass« an den Start geht, dann erwartet man, dass die Marke Oliver Polak auch abliefert.
Er erzählt von Ereignissen aus erster Hand und verweist punktuell auf einen größeren Rahmen. So erzählt er von einem Ereignis, welches man recht schnell als Auftritt beim »Neo Magazin Royale« verorten kann. Er erzählt darüber, dass er ausschließlich als Jude wahrgenommen wurde und dass der Gastgeber der Sendung sich davon nicht abbringen lassen wollte, weil das halt Polaks Alleinstellungsmerkmal sei. Der Rapper, der ihn ankündigte, beschrieb den Auftritt als Sühne für die Schoah. Schlimm genug. Der Jude als »glitzerndes Einhorn« (so nennt es Polak).

Man fragt sich, warum er im Buch keine Namen nennt und vielleicht für etwas Diskussion sorgt. Man kann sich aber auch fragen, warum Oliver Polak dann die Sendung dennoch mit bester Laune beendet hat und nach Wunsch des Gastgebers beendet hat. Klar besteht da eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Aber soll das so sein? Der Forderung, gegen Antisemitismus entgegenzutreten, ist das vielleicht nicht gerade förderlich, wenn man selber erst anschließend darüber spricht, obwohl man auch Akteur hätte sein können. Und wer weiß, vielleicht hätte das ja Schlagzeilen gemacht, wenn Oliver Polak den Auftritt in TV-Show XY abgebrochen hätte, weil ihm das einfach zu dämlich war?

Mit andere Personen (wir erfahren ihren Namen nicht, aber wenn man die Szene beobachtet, wird man schon wissen, um wen es geht) wird er während seiner Lesetour zusammensitzen. Eine Aufforderung zu konsequentem Handeln hätte man vielleicht anders untermauern sollen. Wir reden hier nicht über Situationen, denen man sich nicht entziehen kann, wie physische Übergriffe.

»Geschäft vor Moral oder suggerierter Moral« schlussfolgert er in einem anderen Fall, aber gilt das auch für das eigene Handeln?
Das schreibt sich natürlich leicht, aber dennoch darf man die Frage stellen?
Wenn ich das Handeln meines Gegenübers falsch finde, warum mache ich dann mit?

Die geschilderten Ereignisse gehören in die Öffentlichkeit, sie bilden einen Baustein bei der öffentlichen Wahrnehmung von Antisemitismus. Die kurzen Exkurse auf andere antisemitische Ereignisse gehören dazu. Ebenso wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht erst eingewanderte Antisemiten diese Seuche nach Deutschland gebracht haben, sondern dass es sie immer gab.

Für dieses Buch habe er extra seine Tour verschoben, so schrieb er auf Twitter. Wenn man das Buch vollständig liest, muss man sich jedoch fragen, warum er sich dafür zurückziehen musste. Das Buch hat 128 Seiten. Davon sind 34 gar nicht bedruckt und auf 34 Seiten steht jeweils ein Satz. Dieser Teil bildet die Einleitung mit kurzen Fragen zu dem, was man selber über Juden denkt. Das ist nicht ungelungen, hätte jedoch auch prima auf eine Seite gepasst.

Eine Seite aus dem Buch »Gegen Antisemitismus«

Zudem ist die Größe der Schrift doch sehr großzügig. Das gesamte Buch ist nicht länger als ein ausführlicher Essay in einer Wochenzeitung und dementsprechend knapp ist das Fazit nach einem kurzen Ausflug in das, was Oliver Polak erlebt hat. Diese Kombination von Form und Inhalt betrachtend, wirkt das Buch hektisch zusammengebaut.

Polak widmete das Buch Mireille Knoll, die in ihrer Wohnung von dem Sohn einer Nachbarin ermordet wurde. Auf den furchtbaren, antisemitischen, Mord geht er kurz ein, aber nicht, dass der Täter jemand war, der Mireille Knoll kannte und hier der Theorie den Stecker zieht, man müsse sich nur gut genug kennen, um einander nicht zu hassen. Sein Appell, für andere einzustehen, ist natürlich richtig, weil es die einzig zulässige Forderung ist, aber das hier fühlt sich nach »zu wenig« an.

Schade.Es ist das zweite Buch zum Thema Antisemitismus innerhalb von zwei Monaten (siehe hier: »Schonzeit vorbei«). Von beiden Autoren ist er derjenige mit dem größeren Bekanntheitsgrad. Natürlich wird er mehr Aufmerksamkeit generieren. Aber die Gelegenheit, die vorhandene Aufmerksamkeit zu nutzen, wurde nicht ergriffen. Oliver Polak wäre derjenige gewesen, dem man die schonungslose Abrechnung mit diesem Phänomen zugetraut hätte. Hoffen wir, dass er während seiner Lesereise dem gerecht wird.

Oliver Polak: »Gegen Judenhass« Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 128 Seiten, 8,00 €,
Link zum Verlag
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Mobile Sukkah in Dortmund

Mobile Sukkah in Dortmund

Statt auf Gäste zu warten, bringt Chabad Dortmund (auch in anderen Städten) die Sukkah zu den Gästen. Rabbi Menachem Mendel Vilenkin hat eine Sukkah auf ein Pick-up gestellt und dorthin gefahren, wo jüdische Leute wohnen.
Und es funktioniert: In der Zeit, in der ich bei Rabbi Vilenkin stand, kamen zahlreiche Leute vorbei und schauten neugierig. Einige kannte er und schüttelte Hände. Aber es gingen auch Leute vorüber, von denen er annahm sie sprächen Russisch. Er lag immer richtig. Die meisten ließen sich auf eine Brachah in der Sukkah, über Lulaw und Etrog und ein Stück Kuchen (oder ein LeChajm mit Wodka) ein.
Eine gute Idee, praktisch um die Leute zu erreichen, aber auch ein Hingucker.

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Schonzeit vorbei

Juna Grossmann von irgendwiejuedisch.com muss ich Leserinnen und Lesern dieses Blogs hier nicht gesondert vorstellen, nicht?
Juna hat jetzt in einem Buch das Thema »Antisemitismus« vollständig aufgerollt und allgemein verständlich (wie ich finde) zusammengefasst, wie sich die Situation für Jüdinnen und Juden geändert oder entwickelt hat. Fernab von abstrakten Berichten mit Zahlenkolonnen, die darüber Auskunft geben, wie viele Vorfälle es wo gab und welches Vokabular die entsprechenden Personen verwendet haben: »Es gab XY antisemitische Vorfälle.«

Es sind nicht nur die »Vorfälle«, die eine ungute Stimmung erzeugen, es sind kurze zwischenmenschliche Begegnungen. Bemerkungen des Gegenübers. Gesten.
Wenn man merkt, dass Gesprächspartner ihr Gegenüber nur noch als »Jude« betrachten und als Platzhalter für irgendein Vorurteil.
Sie berichtet dabei nicht über Zuschriften oder Ereignisse, die sie erhalten oder erlebt hat, sondern auch von Dingen die anderen passiert sind. So gibt es in Junas Buch auch einen Vorfall der mich betrifft und über den ich damals nicht berichtet habe. Auf diese Weise ergibt sich ein gutes aktuelles Stimmungsbild.

Aber dabei bleibt es nicht. Sie schildert die jüngere Entwicklung des »offenen« Antisemitismus. Die Affäre um Jürgen Möllemann etwa, der mit Israelkritik einen Wahlkampf gestalten wollte und damit punkten wollte. Oder die Gazakriege, in deren Verlauf es auch in Deutschland offen antisemitische Demonstrationen gab. Eingeflochten sind ihre ganz privaten Begegnungen und Entwicklungen und davon gibt es einige, denn sie war mit einem Job im Jüdischen Museum dort, wo nichtjüdische Deutsche auf das treffen, was sie für jüdisch halten. Auch, was in den sozialen Netzwerken passiert (insbesondere bei twitter), beschreibt sie recht anschaulich.

Differenziert Ungewöhnlich für die Öffentlichkeit

Es ist ein differenziertes Buch und Wortmeldungen dieser Art gibt es wenig: Es ist nicht nur eine spezielle Gruppe Schuld am aktuellen Antisemitismus, sondern es werden alle Faktoren betrachtet, die die Stimmung im Land negativ beeinflussen. Wie wirkt sich all das auf diejenigen aus, die sichtbar als jüdische Leute unterwegs sind? Für einige, die in der Öffentlichkeit für das Judentum sprechen (wollen), ist Antisemitismus ausschließlich deutsch und weiß. Antisemitismus mit Bezug auf den Islam gäbe es nicht (siehe auch hier). Für wieder andere öffentliche Personen, ist der deutsche Antisemitismus zu vernachlässigen und vor allem Muslime und Zuwanderer seien schuld an der aktuellen Situation. Es ist klar, dass beide Unrecht haben und es wird Zeit, dass eine Stimme in den Medien zu hören ist, die das differenziert darstellt. Und das obwohl ihr wohl bewusst ist, dass sie auch dafür angefeindet werden wird.

Ihr Fazit ist nachvollziehbar und ich unterschreibe es: Es ist nicht klar, wohin die Reise dieses Landes geht. Man spricht heute natürlich von »gepackten Koffern« und nicht davon, wie sicher oder wohlbehalten man sich fühlt.

Salomon Korns Satz zur Synagogenbauten aus den 80er Jahren »Wer ein Haus baut, will bleiben«, zeigte Optimismus, der mit der Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion noch zunahm. Zum Vertrauen in den Staat kam nun noch der demographische Aufbruch. Heute lässt sich dieser Satz ändern in »wer ein Haus baut, hofft(e), dass er bleiben kann.« Junas Ausführungen zeigen ganz gut, dass dieser Optimismus einer geänderten Wahrnehmung gewichen ist und auch die Fakten eher gegen ein Bleiben sprechen.

Vielleicht wird das ja gehört.

Juna Grossmann: »Schonzeit vorbei« Droemer HC, München 2018, 160 Seiten, 14,99 €, Link zum Verlag
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Das große Jom Kippur Kochen

Wir sind uns sicher alle einig, dass das Nachfeiern eines Sederabends am Gründonnerstag – dem Tag vor Karfreitag – durch wohlmeinende Menschen, ein zivilisatorischer Fortschritt ist. Jedenfalls besser, als das lokale Ghetto auf links zu ziehen. An diese An- und Enteignung haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Irgendjemand muss ja auch all die deutschsprachigen Haggadot kaufen…

Ein ganz besonderes Sahnestückchen dieser Chuzpe ist jedoch eine Veranstaltung, die am 19. September 2018 in Parchim stattfindet:

»Biblisch Kochen am Jom Kippur – Der Tag der großen Versöhnung«

Weiter heißt es in der Einladung:

Die jüdischen Festtage waren auch die Feste Jesu. Der wichtigste dieser Feiertage ist der Jom Kippur „Tag der großen Versöhnung“. Diesem Fest wollen wir nachgehen. In Anlehnung an die jüdischen Speisegesetze werden wir mit Zutaten aus der Bibel miteinander kochen.

Egal, dass der »Tag der großen Versöhnung« ein »großer Fastentag« ist und Jüdinnen und Juden (versuchen) zu fasten. In »Anlehnung« an die jüdischen Speisegesetze an Jom Kippur zu kochen, ist also aus jüdischer Sicht entweder ein satirischer Beitrag zum Christlich‑Jüdischen Dialog, oder einer mit einer ziemlich überschaubaren intellektuellen Tiefe.

Erinnert zumindest irgendwie an die Geschichte über eine Gruppe von jüdischen Atheisten, die sich an Jom Kippur zu einem Festessen traf, um dem Ewigen eins auszuwischen.

Hier die Veranstaltung bei facebook

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Fremdgemacht und Reorientiert

Nennen wir es den »Trick der bösen Handwerker«:
Sie öffnen die Haube, oder das Gerät, schütteln den Kopf und sagen: »Das wird teuer« oder »schwierig«, oder »wer hat das denn gemacht?«.
Daran erinnerte mich das Vorwort zu »Fremdgemacht und Reorientiert«. Gleich zu Beginn wird konstatiert, das Feld »Islam und Judentum« sei vermint und schwierig.
Dabei gibt es doch zahlreiche jüdisch-muslimische Initiativen. Natürlich immer noch immer zu wenige, aber es wird besser. Das liegt übrigens nicht am Unwillen der Leute, sondern einfach daran, dass die jüdischen Gemeinden nicht besonders groß sind.

Aber spätestens seit der »Beschneidungsdebatte« ist deutlich, dass auch der Zentralrat sich hinter die muslimische Gemeinde stellt – zum Ärger von Wutbürgern und Islamhassern.

Auf diesem Feld liegen keinen Minen, aber es wird von Dritten so getan, als sei es so und das ist eines der größten Probleme des jüdisch-muslimischen Dialogs. Dies festzustellen, legt den Blick auf die eigentliche Zusammenarbeit frei, entzaubert aber diejenigen, die sich an dieser Schnittstelle als Erklärer hervortun.
Schuld daran sind hartnäckige Mythen (»Narrative«). Diese werden nicht explizit in »Fremdgemacht und Reorientiert« genannt, sondern in größere Exkurse eingebettet. Unser kleiner Exkurs in die hartnäckigsten Mythen ist auch eine Betrachtung, wie »Fremdgemacht und Reorientiert« funktioniert:

  • Es gibt muslimischen Antisemitismus. Hier muss genau auf die Wortwahl geachtet werden. Es gibt keinen »muslimischen« Antisemitismus. Ja, es gibt muslimische Antisemiten (so wie es auch muslimische Philosemiten geben wird) und es gibt Antisemiten, die sich auf den Islam beziehen. Aber aus sich heraus, ist »der« Islam (welcher und wessen Islam?) nicht antisemitisch, lediglich in einer Lesart derjenigen, die ihn antisemitisch auslegen um politische Ziele zu erreichen. Wer »den« Islam also antisemitisch liest, übernimmt die Ideologie der Fundamentalisten. Das tun islamische Fundamentalisten genauso, wie Islamfeinde.  Dieses Thema greift Patrick Brooks in seinem Artikel »Ein weder einfaches noch einseitiges Erbe« auf und spürt der Darstellung von Juden in den islamischen Quellen nach. Das ist gelungen und entkräftet das Argument des antisemitischen Islam.
  • Mit den syrischen Flüchtlingen kam mehr Antisemitismus. Das ist ein Mythos, den diejenigen erdacht haben, die eine Agenda gegen Flüchtlinge, bzw. eine Agenda der Angst haben. Ein Antisemitismus, der sich auf den Islam bezieht, ist physisch spürbar seit 2006. Die Proteste gegen bewaffnete Interventionen im Libanon und Gaza führten zu offenem Antisemitismus. Dieser Antisemitismus beruft sich auf den Islam und wird von politischen Akteuren befeuert. In »Fremdgemacht und Reorientiert« wird hingegen diese Strategie nicht behandelt. Statt dessen der Antisemitismus, der tatsächlich vorhanden ist, relativiert und teilweise auch umgedeutet in »Israelkritik« und Antizionismus. So schreibt Iman Attia, Professorin für Critical Diversity Studies in ihrem Artikel » Den Rassismus gibt es nicht«: »Denn Kritik an israelischer Regierungs- und Siedlungspolitik gilt im offiziellen Deutschland als Indiz für Antisemitismus, jenen neuen, der als muslimischer identifiziert wird und die Vertreibung von Palästinenser*innen nicht wahrhaben möchte«. Überhaupt sieht sie eine »Ausweitung von Antisemitismus auf Antisemitismus und ›Israelkritik‹« gleich zu Beginn ihres Artikels. Das ist deshalb so, weil Antizionismus Antisemitismus ist. Eine Definition von Antisemitismus wird übrigens nirgends angeboten, deshalb können die Autoren den Begriff auch recht flexibel halten. Übrigens bedeutet das natürlich nicht, dass Kritik an israelischer Politik rundherum antisemitisch sei. Sie ist es natürlich nicht, wenn es um die Kritik an Politik geht und nicht um die Zuschreibung negativer Eigenschaften die Israel anhaften.
  • Islam und Judentum stehen sich feindlich gegenüber. Diese Erfindung ist ein Coup der islamischen Fundamentalisten. Diese Geschichte ist nicht aus der Welt zu kriegen. Sie wird selbst von rechtsgerichteten Gruppierungen übernommen und als Anlass für eine vermeintliche Israelsolidarität genannt. Tatsächlich ist das eine erdachte Feindschaft. Von denen weitergetragen, denen es politisch nutzt. Das Judentum selber hat keine Agenda gegen den Islam und religiös gibt es keinerlei Vorbehalte. Armin Langer versucht in seinem Beitrag »Wie koscher ist der Islam?« genau das zu zeigen und beginnt eigentlich mit einer brauchbaren Darstellung des Islam und seiner Anhänger aus jüdischer Sicht. Gerade ein Blick auf Maimonides ist hier ja lohnenswert. Das ließe sich für konkrete Dialogarbeit tatsächlich nutzen, wenn er nicht irgendwann das Ziel aus den Augen verlieren würde und daraus schlussfolgert, dass die Hetze gegen Muslime durch Juden keinesfalls religiös motiviert sei. Es liegen mir keine Erkenntnisse darüber vor, dass die Jüdische Rundschau (die im Text von Armin Langer ausdrücklich genannt wird) ihre Agenda zum Islam religiös begründen würde. Auch andere genannte Jüdinnen und Juden, die eine islamfeindliche Agenda haben, pflegen diese nicht aus religiösen Motiven und haben dies auch nie behauptet. Genannt werden etwa Pamela Geller und David Horowitz. Ihre »Kritik« (wenn man das so bezeichnen kann) bezieht auf gesellschaftliche Konfliktfelder. Aus der Religionszugehörigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu schlussfolgern, diese Person könnte oder müsste Motive haben, die sich religiös begründen lassen, läuft dem entgegen, was die Autoren des Bandes eigentlich wortreich ablehnen: Zuschreibungen oder gruppenbezogene Verallgemeinerungen. Ist David Horowitz ein »jüdischer Aktivist«, nur weil er zufällig Jude ist und das ansonsten in seinen Aktivitäten keine Rolle spielt?
  • Die Polizeistatistik zeigt, dass die meisten Übergriffe auf das Konto »weißer Rechter« gehen. Es ist vielfach darüber diskutiert worden und die Forderung offen, hier grundlegend nachzubessern. Politisch motivierte Übergriffe auf Jüdinnen und Juden werden vielfach dem Bereich »Rechtsradikalismus« zugeordnet. Ein Großteil der Fälle, die physische Übergriffe auf Jüdinnen und Juden betreffen, haben meist Täter, die nicht diesem Bereich zuzuordnen sind. Aber auch auf diese Aussage ziehen sich die Autoren oftmals zurück.
  • Es gibt ein »christlich-jüdisches« Abendland. Auch das ist eine recht neue Erfindung zur Abgrenzung vom Islam. Ja, die modernen Staaten des Westens bedienen sich aus dem Wertekanon der hebräischen Bibel. Dass das Judentum jedoch als Partner wahrgenommen wird, ist recht neu.

Die Themen werden also behandelt, aber nicht immer so unvoreingenommen, dass es den eigenen Anspruch erfüllt. Siehe den o.g. Artikel von Armin Langer.

Jüdisch-muslimischer, oder muslimisch-jüdischer Dialog ist mehr als die Rede von Antisemitismus. Aber selbst so bedeutende Epochen in der Entwicklung des westeuropäischen Judentums, in denen begonnen wurde, im »maurischen« Stil zu bauen und man sich mit dem Islam positiv auseinandersetzte, kommen nur als Randbemerkung vor. Kein Wort darüber, dass die Wilmersdorfer Moschee auch zahlreiche Juden anzog.
Der Band »fühlt« sich an, wie eine interreligiöse Ausgabe der Zeitschrift »Jalta« in der sich sich viele Texte um das Zurückweisen von Zuschreibungen drehen und das in verschiedenen Variationen. Das Personal ist teilweise gleich. Auch hier ruft uns wieder ein »Desintegriert euch« entgegen. Und auch hier ist die Gegenwart feministisch, queer, migrantisch und so. Ebenfalls in politisch korrekter Gender-Schreibweise mit hartnäckigem Anhängen des Suffixes »innen« an (männliche) Substantive mit Sternchen.
Ergeben sich hieraus neue Debatten?
Vielleicht.
Aber es sind leider immer die gleichen, mit den gleichen Köpfen.

Der Dialog in den Gemeinden geht hingegen unbeeindruckt davon weiter. Denn es gibt vieles zu sagen und zu (er-)klären.

Ozan Zakariya Keskinkılıç | Ármin Langer (Hg.) »Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen« Verlag Yılmaz-Günay, Berlin 2018, 292 Seiten, 18,00 €
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Max Czollek: Desintegriert euch

Der Hanser-Literaturverlag nennt das neue Buch von Max Czollek »ein wildes Zeugnis der jüdischen Szene« und ein »Schlachtruf der neuen jüdischen Szene«.
Klar kann man da fragen, was das überhaupt ist, die »jüdische Szene«? Oder wer genau dazugehört.
Die Buzzwords reichen aus, um das Buch nach vorne zu bringen. »Neue jüdische Szene«, da geht was im jüdischen Deutschland. Junge wütende Juden. Polemik. Gegen das Establishment. Yeah! Der Jude als irgendwie sympathischer, intellektueller Miesepeter. Ist an sich schon ein deutsches Klischee und solche Leute haben in den Feuilletons ihren eigenen Platz. Meist ein Podest, oder eine Bühne, auf die sie bewundernd gehoben werden.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der aufgeweckte Max Czollek das nicht gewusst hat.

Und doch bedient er genau das und in eleganter Weise, indem er das »Gedächtnistheater« kritisiert, welches Jüdinnen und Juden in Deutschland einen festen Platz zuweist. Die lebendigen Zeugnisse dessen, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich ist. Damit ist er selber Teil des feuilltonistischen Judentums geworden. Die Pilgerstätte dieser Strömung ist übrigens der Tarbut-Kongress auf Schloss Elmau.

Max Czollek ist Mitherausgeber von »Jalta« (Rezension hier) und das scheint die Stimme der »jüdischen Szene« zu sein oder die Stimme derer, die sich für die neue jüdische Szene halten. Das hilft zumindest schon bei der Bestimmung der Gruppe, für die er sprechen will. Bereits in Jalta schrieb er:

»Und wir Juden leisten einen wesentlichen Beitrag, dieses post-nationalsozialistische, deutsche Selbstverständnis zu stabilisieren. Indem wir all die born-again Deutschen ihrer eigenen Läuterung versichern, gibt es uns heute vor allem als Juden für Deutsche.«

Jalta, Ausgabe 1, Seite 121

Der JfD, der »Jude für Deutsche« aus dem Buch, der als Entlastungsdienstleister funktioniert und auch sonst alles erfüllt, was von einem JfD verlangt wird: Auskünfte zu Antisemitismus, Schoah und Israel. Auch Migranten hätten ihre Rolle. Sie sollten Auskunftsfähig über die Unterdrückung der Frau, zum Islamismus und Demokratiefähigkeit sein. Jedenfalls, wenn er als guter Migrant gelten möchte. Das sind treffende Beobachtungen und die Erfahrungen äußerst frustrierend, allerdings scheint Czollek nicht zu erkennen (oder es ist beabsichtigt), dass er selber nun selber öffentlicher Jude in Deutschland ist (öJD) – so würde ich das mal nennen. In diese Falle sind vorher schon Leute gelaufen, Oliver Polak etwa hat sich davon emanzipiert. Andere haben sich das als Geschäftsfeld eröffnet und spielen ihre Rolle perfekt.

Czollek fordert, »sich nicht gebrauchen zu lassen« und definiert »Desintegration« als Befreiungsschlag von dieser Umklammerung des jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit. Es folgt eine Aufzählung von Dingen, die man tun muss, um sich zu befreien.
Über die Fahne Deutschlands soll man etwa wütend sein, weil die »scheiß Fahne« seit 2006 auf »jedem scheiß Produkt« zu finden sei:
»Unsere Rache sorgt dafür, dass die Tätergemeinschaft nicht zur Ruhe kommen kann. Keine Vergangenheitsbewältigung. Keine Juden für Deutsche.« So hieß es auch schon in Jalta und dennoch hat man die Kulturstiftung des Bundes »Jalta« mitfinanzieren lassen.

Genau so doppelbödig ist es hier auch. Aus der »jüdischen« Sicht ein Buch schreiben, aber sich nicht als »jüdischen« Künstler verorten lassen wollen. Das ist ein interessanter Kunstgriff. Wollte man bei diesem Game nicht mitspielen, würde man es lassen und einfach als Künstler veröffentlichen und schreiben.

Die »neue jüdische Szene« sind die Protagonisten von Jalta, dem Buch »Fremdgemacht und Reorientiert« und eben Max Czollek. Der Personenkreis ist überschaubar, aber produktiv und wirbelt Staub auf – mehr aber auch nicht. Mit einer Desintegration für die Öffentlichkeit fehlen Impulse hinein in die Gemeinden. Was soll das konkret bedeuten? Innerhalb der Community »berühmt« zu sein, bezahlt aber auch keine Miete.
Dass »Um Antisemitismus kümmern sich Juden« Jan Böhmermann das Buch gut findet, überrascht nicht. Es liefert das, was erwartet wird. Das sollte dann zum Nachdenken anregen – warum eine künstlerische Kampfansage gefeiert wird…

Max Czollek: »Desintegriert euch!« Hanser, München 2018, 208 Seiten, 18 €
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Die jüdische Buchhandlung Jarden in Düsseldorf – ein Besuch

Düsseldorf – hier hat sich in den letzten Jahren eine große, aktive, jüdische Gemeinde gefestigt. Und wo es aktive Jüdinnen und Juden gibt, da muss es zwangsläufig auch jüdische Buchläden geben. Buchläden für Seforim.
Jarden ist so eine Buchhandlung.
Hinein kommt man, nachdem Doniel, der Besitzer, auf einen Knopf drückt und die Tür freischaltet. Sichtkontrolle. Das wars, leider notwendig.
In der Buchhandlung sitzen zwei jüngere Männer, trinken Tee aus Pappbechern und fragen, ob man Interesse hätte, am Minchah teilzunehmen. Keine Frage! Natürlich.

Auf meine Frage, was ein Tee kostet, winkt Doniel, der übrigens selber noch weit unter 40 ist, ab. Der Tee kostet nichts. Man könnte eine Münze in das Fach neben dem Behälter mit dem heißen Wasser werfen. Das sei eine Serviceleistung für Kunden.
Neben dem Tee gibt es natürlich noch Bücher. Weiterlesen

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Solidarität, Schmolidarität

Ein ordentliches Land ist das doch, oder nicht? Alles ist geregelt, festgelegt und kategorisiert. Straßenschilder haben festgelegte Größen, der Abstand zwischen den Streben eines Grillrostes ist festgelegt.
Abläufe sind normiert. Ein Land, dessen »Reinheitsgebot« seit Jahrhunderten dafür sorgt, dass man sauberes Bier trinkt. Ein Land, dass für jeden deportierten Juden auch ordentlich ein Ticket dritter Klasse abgerechnet und fein säuberlich festgehalten hat.

Aber bei einigen Themen ist man ungewöhnlich flexibel und lässt jene mediterrane Lockerheit erkennen, die man im Urlaub so bewundert, jedenfalls solange der Flughafenzubringer pünktlich fährt:
Eines von ihnen ist Antisemitismus.

Hier gibt es keine Norm und keine Handlungsanweisung. Wann ist er »schlimm« oder erfordert irgendein konkretes Handeln?

Hier wird von Fall zu Fall entschieden.
Die Bandbreite reicht von »ist nicht so schlimm« bis »wir stehen hinter euch«. Die höchste Eskalationsstufe ist die Zusicherung von »Solidarität«.

Was wäre eine rote Linie für die Freunde der Ordnung?

Ist sie überschritten, wenn die Aktion von Zuwanderern ausgeht?
Wenn eine Synagoge beschädigt wird?
Wenn Grabsteine beschädigt werden?
Wenn Juden mit Hatemail bedacht werden?
Wenn jemand körperlich bedrängt wird?
Wenn jemand verletzt wird?
Wenn jemand getötet wird?

Haben wir alles schon gehabt. Deutschland sucht weiterhin die rote Linie.

Am 27. Juli 2000 explodierte am Bahnhof Düsseldorf Wehrhahn eine Rohrbombe. Unter den 10 lebensgefährlich verletzten Menschen waren sechs jüdisch. Kurze Zeit später gab es einen Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf. Dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte man den Appell vom »Aufstand der Anständigen« zurechtgelegt. Das wäre die Ausbaustufe von »Solidarität«. Der Brandanschlag wurde zügig aufgeklärt. Einer der Beschuldigten wurde sogar zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Und jetzt?

Es gab zahllose Vorfälle. In »meiner« Stadt Gelsenkirchen war die letzte Beschädigung der Synagoge in der letzten Woche. Wieder ein eingeworfenes Fenster.

Eingeworfene Fenster, Pöbeleien auf der Straße, in der Stadt gab es bereits das ganze Programm. Der Friedhof der Gemeinde ist nur noch mit einem Schlüssel zugänglich.

Dann gibt es die kleinen Geschichten und die Unsicherheiten: finden die Nachbarn dich einfach so unsympathisch, oder weil du Jude bist?

Glück gehabt – es ist normaler Rassismus. Weil du schwarze Haare hast und manchmal Russisch sprichst. »Das können sie ja bei sich im Land machen – WIR hier machen das anders«.

Wie hat die Stadtgesellschaft reagiert?
Der jüdische Leser wird es ahnen: Man spricht Solidarität aus. »Man meint ja uns alle damit« – wohl wissend, dass das nicht stimmt. Gemeint war tatsächlich nur eine Gruppe.

Die Gemeindevorsitzende verbreitet Optimismus. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Sonst kann man die Gemeinde gleich schließen. Immerhin gäbe es diese Solidarität und Leute, die sich melden.

Für die Solidarität kann man sich aber nichts kaufen. Solidarität, die »Normalität« herstellt gibt es nicht. Solidarität beschützt keine jüdischen Schüler in nichtjüdischen Schulen. Solidarität sorgt nicht dafür, dass Synagogen immer besser bewacht werden müssen. Jedenfalls nicht die Solidarität, die man hierzulande immer beschwört und die nur weitere Worte und Posten im politischen Betrieb hervorbringt und eine lange Kette von Unverbindlichkeiten.

Die SPD der Stadt hatte jedoch eine geniale Idee, wie man dem Antisemitismus begegnen kann: ein Programm gegen Rechts. Muss man noch dazu sagen, dass man nicht bekämpfen kann, was man nicht verstanden hat? Dass Antisemitismus mitnichten nur ein rechtes Phänomen ist? Dass die Israel-Boykotteure und »Juden ins Gas« Rufer (auch aus Gelsenkirchen) keine Anhänger rechter Gruppierungen sind?
Wir sprechen da über einen Querschnitt der Gesellschaft. Vielleicht sogar auch über das Mitglied des Stadtrats von Gelsenkirchen, das laut darüber nachdachte, ob vielleicht jemand, der die Herausgabe von Raubkunst fordert, diese vielleicht zu Geld machen will (Juden und Geld und so…). War natürlich alles nicht so gemeint.

Echte Verantwortung ist gefragt. Eine Träne bei Schindlers Liste abzudrücken, reicht nicht aus. Fototermin mit Vertretern einer Gemeinde. Kurz lächeln oder betroffenes Gesicht machen. Leben geht weiter. Sorry. Das ist nicht ausreichend.

Es wäre also gut, auch bei diesem Thema die innere Pickelhaube zu entdecken und das Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anzugehen. Was ist die rote Linie?
Alles andere hieße, dass man eigentlich keinen Bock auf seine »jüdischen Mitbürger« hat und sich mit der Solidarität nur Zeit verschafft.

Eines sei euch aber versichert: Selbst wenn die Synagoge eines Tages schließt, weil zu viele Juden nicht mehr in der Stadt leben (wollen): Das Klima bleibt vergiftet, die Gesellschaft bleibt beschädigt. Da nützen auch die schönsten Normen nichts mehr, wenn es niemanden gibt, der sie durchsetzen könnte.

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Schöne Ausgabe der Tehillim/Psalmen

Die Tehillim, die Psalmen, begleiten den observanten Juden durch den Tag. Sie sind Teil der täglichen Gebete. Zitate kommen selbst im Tischgebet vor. Zudem gibt es in einigen Strömungen des Judentums die Tradition, die Tehillim im Verlauf einer Woche vollständig zu lesen oder zu sprechen.

Die 150 poetischen Texte stehen dabei für menschliche Erfahrungen und Erlebnisse mit G-tt: Es kann eine Klage sein oder ein Dank. Es können Wohltaten gepriesen werden oder es kann um Rettung oder Erlösung gebeten werden. Das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen wird abgedeckt. Aus diesem Grund auch Tehillim, die man traditionell zu verschiedenen Situationen im Leben sprechen kann. Einige Siddurim, Gebetbücher, zählen diese dementsprechend auf.
Manchmal ist es fast zu schade, dass man sie während des Gebets recht schnell spricht und sich vielleicht nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Blick in den Innenteil – die deutsche Übersetzung mit kommentierenden Anmerkungen.

Chabad, einem einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum verpflichtet, legt mit »Ohel Josef Jizchak« genau für den Zweck des wöchentlichen und monatlichen Sprechens und Lernens der Tehillim eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe vor.

Titelblatt der Tehillim

Die deutsche Ausgabe wiederum wiederum basiert auf einer Ausgabe, die mit einer englischen Übersetzung in den USA erschienen ist. Beide beziehen sich auf eine hebräische Ausgabe. Alle drei wären nebeneinander nutzbar – durch die gleichen Seitenzahlen an den gleichen Stellen. Diese »Standardisierung« erlaubt es Chabad, ungeübte Beter mit unterschiedlicher Herkunft ohne große Probleme neben- und miteinander beten zu lassen, ohne auf die Eigenschaften jeder individuellen Ausgabe eingehen zu müssen. Auf der anderen Seite bedeutet das natürlich auch, dass die Übersetzer und Herausgeber jede Entscheidung des ursprünglichen Herausgebers mitgehen müssen, auch wenn diese ein wenig »aus der Zeit« zu sein scheinen.

Der hebräische Text erscheint, wie das lange Zeit üblich war, als Blocksatz, ohne jegliche Einteilung in Absätze oder Zeilen. Hier könnte man natürlich sagen: Das wäre Interpretation.
In der Vergangenheit war es jedoch nicht üblich, die Tehillim anders darzustellen. Der Platz war knapp und irgendwann haben sich viele Beter an dieses »Layout« gewöhnt. Aber mit »Ohel Josef Jizchak« sucht man mit der zeitgemäßen Übersetzungen und Anmerkungen zu einigen Textteilen einen Kompromiss.

Der hebräische Text der Tehillim

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall (sel. A.) vollständig neu erarbeitet. Wie bei dem, kürzlich erschienenen, Gebetbuch Tehillat HaSchem blieb sie dabei recht nah am Text (zuweilen auch mit einem Seitenblick auf die Übersetzung in der Ausgabe Hebräisch-Englisch) und hat vielleicht auch Formulierungen verwendet, die weniger Nachdichtungen sind, als vielmehr Darstellungen des Textinhalts. Gewisse Zugeständnisse an das, was der Leser gewohnt ist, werden dabei durchaus gemacht. Der Name G-ttes wird mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Das Buch richtet sich also nicht nur an Insider, sondern ausdrücklich auch an Neueinsteiger. Die Anmerkungen konzentrieren sich auf Bereiche, die sich dem Leser nicht unbedingt selber erschließen. So erfährt man, was ein Maskil ist, oder dass ein »Schlauch« eine gängige Aufbewahrungsart von Wasser und Getränken war. Im Anhang findet man zudem noch ein erklärendes Glossar zu wichtigen Begriffen die mehrfach vorkommen.

Glossar der Tehillmausgabe

In der Einleitung und im Anhang (hier meist ohne Übersetzung in Jiddisch und Hebräisch) wird viel auf die speziellen Bräuche und Anforderungen von Chabad eingegangen, die Gruppe derjenigen, die von dem Buch profitieren können, dürfte aber über Chabad hinaus gehen.
Wer sich also lernend mit den Tehillim auseinandersetzen möchte, findet hier einen guten Startpunkt.

Das gesamte Vorhaben wurde offenbar ohne öffentliche Gelder finanziert – einfach weil der Bedarf vorhanden war. Dazu wurden private Spender herangezogen und so entstand ein schönes neues Buch. Ein gutes Beispiel auch für andere.

Hier im Schnelldurchlauf als Video:

Was fehlt?

Eingangs wurde es erwähnt: In einigen Siddurim gibt es Auflistungen der Tehillim für verschiedene Situationen und eine Zuordnung zu den verschiedenen Schabbatot des Jahres – aber vielleicht ist dies kein Brauch von Chabad und fehlt deshalb hier?

Wo gibt es das Buch?