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Nachgetreten – 115 Sekunden – der SPIEGEL zu Gil Ofarim

Der SPIEGEL 115 Sekunden

Der SPIEGEL hat Ende März (hier online, Print Heft 14/2022 vom 31.03.2022) den Fall Gil Ofarim nachgezeichnet. Gil Ofarim erzählte in einem Instagram-Video davon, in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Das erzeugte eine Welle der Solidarität, aber auch offene antisemitische Kommentare in den sozialen Medien. Zu erwähnen, dass es absurd ist, auf Antisemitismus-Vorwürfe mit Antisemitismus zu reagieren, ist eigentlich überflüssig. Die SPIEGEL-Autoren Jörg Diehl, Peter Maxwill und Steffen Winter beschreiben in ihrem Artikel eben jene 115 Sekunden, in denen der Vorfall, den Gil Ofarim auf Instagram beschrieb, stattgefunden haben soll. Nach Lektüre des Artikels hält man es für denkbar, dass es sich anders abgespielt haben mag. Weniger bekannte Menschen als Gil Ofarim halten sich für wichtige Persönlichkeiten mit einem Anspruch auf Vorzug. Doch verblüffend an dem Artikel ist, dass er sich anscheinend in einem leeren Diskursraum entfaltet und das Problem Antisemitismus überhaupt nicht als solches erkennt – auch wenn er Gil Ofarim in dieser Situation wahrscheinlich nicht begegnet ist. Nicht nur Jüdinnen und Juden haben das Video geteilt, aber sie haben online von ähnlichen Situationen berichtet:
Die Situation, die Gil Ofarim in seinem Instagram-Video geschildert hat, kennen viele Jüdinnen und Juden in schwächerer Ausprägung aus Deutschland durchaus – jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar sind, sei es durch eine Kette mit Davidstern, oder durch die Kippah. Die verbale Ablehnung ist offener geworden und auch physische Angriffe sind nicht selten geworden.
Auch aus diesem Grund haben viele Leute aus der Community den Vorfall durchaus als glaubhaft betrachtet. Die einhellige Meinung war »nun hat es jemanden mit Reichweite erwischt«. Dass dieser Aspekt vollkommen ausgeblendet wurde, ist ein wesentlicher Schwachpunkt des Artikels, denn er erklärt die Dynamik nicht. Formal kann man natürlich argumentieren, es sei ausschließlich um die 115 Sekunden gegangen.
Die Einbeziehung jüdischer Ansprechpartner hätte dieser Sichtweise vielleicht etwas entgegengesetzt. Die Reaktion von Politikern (auf den mutmaßlichen Vorfall) in den sozialen Netzwerken wurde deshalb von einigen Jüdinnen und Juden auch mit gemischten wahrgenommen: Warum wird hier gesagt, man möchte nicht in einem Land leben, in dem so etwas möglich sei – aber bei anderen Vorfällen nicht. Derer gab es 2020 und 2021 ja genug.

Auseinandersetzung Mit existierendem Antisemitismus?

Hätte man das Gespräch oder die Auseinandersetzung mit dem existierenden Antisemitismus gesucht, hätte das Autorenteam vielleicht den folgenden Satz vermieden: »Wie kann es sein, dass von all den Zeugen in der Lobby niemand einen antisemitischen Ausruf bemerkt?«
Für jüdische Ohren kann das wie Hohn klingen. Denn das fragen sich Opfer von (tatsächlichem) Antisemitismus »draußen« auch häufig – in der Straßenbahn, auf der Straße oder irgendwo anders in diesem Land. Wie kann es sein, dass es so häufig toleriert oder nicht als Antisemitismus erkannt wird? Wie kann das sein, dass antisemitische Sätze im Fernsehen gesagt werden können und es erst Monate später jemandem auffällt? Oder dass jemand einen antisemitischen Artikel in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlicht und es niemand bemerkt?
Diese Frage der Autoren ist also kein Maßstab für Glaubwürdigkeit und zeigt eine erstaunliche Sorglosigkeit.
Die Recherche war (vermutlich) technisch einwandfrei, aber an Empathie für das Thema wurde leider etwas gespart.

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Was wir gelernt haben

Ukrainische Zivilisten und Soldaten schützen sich unter eine Brücke in der Nähe von Kyiv. Mvs.gov.ua, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Dieser Text wird keine Analyse des Krieges. Dieser Text ist ein Blick darauf, wie der Krieg in der Ukraine und die Menschen dort in westeuropäischen Augen betrachtet werden. Um eines direkt zu sagen: Der Befund ist nicht sonderlich aufbauend.

Was wir bisher von (vielen) »Experten« (Strategie, Verteidigung, Politik) im TV, im Radio und auf Twitter lernen konnten: Eine tiefsitzende antislawische Haltung und ein fundamentales Unverständnis davon, was in den Nachbarstaaten tatsächlich passiert. Wie bitte?!

Haltung?

Diese Haltung drückt sich unter anderem dadurch aus, dass man paternalistisch den Durchblick hat, während man es den Ukrainern nicht zutraut, die gleichen Fakten zu beurteilen:
Schon in der ersten Woche des Krieges hat man beobachten können, dass die ukrainische Armee anscheinend gut mit Informationen versorgt wird. Die Staatsführung der Ukraine ebenso.
Auf der anderen Seite lautete ein häufiger Satz »Die russische Führung hat nicht mit dem Widerstand der Ukrainer gerechnet.« Wer das noch an Tag 12 in ein Mikrofon sprach, hätte eigentlich direkt »off air« genommen werden müssen. Natürlich hat die russische Führung die Situation nicht »falsch eingeschätzt«! Das ist auch nur Ausdruck einer herablassenden Haltung. Die Menschen dort sind nicht weniger intelligent als die westlichen »Experten«. Sie sind tun aber genau das, was auch in Westeuropa in Management-Seminaren gelehrt wird: »Sei nicht dumm, schätze das Projekt bloß nicht realistisch ein! Sonst wirst Du nicht weiterkommen!« (siehe hier als gut verkauftes Beispiel, YouTube). Diese Haltung muss man dann in ein autokratisches System hochskalieren und kann sich dann vorstellen, dass »oben« nicht die Realität ankommt, sondern eine stark geschönte Situation.
Ein besonders schönes Beispiel für eine paternalistische Fremdeinschätzung der konkreten Situation wurde im Radio gesendet. Auf Deutschlandfunk Kultur durfte der Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat am 25. Februar seine »Expertise« unter Beweis stellen. Am Tag nach der Invasion sagt er, die ukrainische Armee hätte (gar) keine Chance und spinnt fleißig weiter das Märchen, es ginge Russland um die NATO. Was nicht gesagt wurde: Harald Kujat lobte das Handeln Russlands 2015 und 2016 in Syrien und war seit jeher Gegner des NATO-Beitritts der Ukraine. Anderes a.D. Personal der Bundeswehr tauchte in verschiedenen Brennpunkten im Fernsehen auf und durfte dort seine Einschätzungen mitteilen. Woher sie ihre Gewissheiten nahmen? Sie galten und gelten als »Experten«. Punkt. Auf der Welt gibt es sehr viele ausgebildete Ökonomen, viele werden als »Experten« auf ihrem Feld gesehen. Die Krise von 2008 hat nur Nassim Taleb vorhergesagt. Wie kann man auf die Idee kommen, Funktionäre des Bundeswehr – die ja in der Öffentlichkeit nicht gerade als Musterbeispiel für Effektivität und Effizienz gilt – die also Teil dieses Prozesses waren, hätten ausgerechnet auf diesem Gebiet eine großartige und prophetische Expertise?

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten, Multiplikatoren

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten oder Multiplikatoren hatten die Situation offenbar schnell »analysiert« und dabei übersehen, dass die Menschen keine Anweisungen oder Besserwisserei von Personen brauchen, die nicht einmal Russisch (oder Ukrainisch) verstehen. Die Menschen in der Ukraine brauchen stattdessen konkrete Hilfe und sie dürfen auch verbalisieren, wie diese ausschauen soll. So wies Markus Lanz (nicht nur er) in einer Sondersendung den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk für dessen Ton zurecht. In der ARD-Sendung »Wir helfen« zeigte sich, dass die ukrainische Musikerin und Komponistin Mariana Sadovska nicht ausreichend »Opfer« war und schnell für einen Auftritt von Peter Maffay Platz machen musste (hier noch einsehbar, etwa ab Minute 18). Das war ein schönes Beispiel für die Rollenverteilung: Ukrainische Menschen dürfen passive Hilfsempfänger sein, aber ihre Zukunft nicht aktiv selber gestalten wollen oder sich gar dazu äußern.
Kommen wir zu einem anderen Beispiel für Journalisten und Multiplikatoren, die auch in diesem Konflikt wahrgenommen werden wollen, aber einen anderen Arbeitsschwerpunkt haben und deshalb eigentlich keine Relevanz haben. Leute die sich für Israel interessieren kennen die »Nahost-Experten« ohne Hebräisch- und/oder Arabischkenntnisse und sind genervt von deren Einschätzungen zur Lage. Richard Schneider ist tatsächlich Nahost-Experte, aber kein Experte für Osteuropa. Aber im Moment ist das kein Brennpunktthema. Deshalb muss man Ball bleiben und leider geht es nicht ohne »Weltenbrand« (siehe hier und hier):

Man sollte sich keine Illusionen machen: Für #Kiew gibt es kaum Chancen. #Putin wird wenig Rücksicht auf “Empfindlichkeiten” dee Westens nehmen. Wer könnte ihn stoppen? Die Wahrheit: niemand. Wahrscheinlich nicht einmal der ukrainische Widerstand

@rc_schneider auf twitter am 13. März 2022

Auch Michael Wolffsohn kümmert sich um sein Stück vom Kuchen und formuliert Forderungen: »Historiker Wolffsohn plädiert für eine Bundesrepublik Ukraine« (siehe hier) und sagt: »Es gibt eindeutig das Bedürfnis der Bevölkerung oder Bevölkerungsteilen auf der Krim und im Osten der Ukraine, näher an Russland zu rücken.« Schöner könnte es die Presseabteilung des Kremls nicht formulieren. Leider scheint er die Situation vor Ort nicht zu kennen.

In einigen Medienberichten wurde auf russische Meldungen zum Fortschritt Bezug genommen. Übersehen wurde dabei, dass auch ukrainische Quellen vertrauenswürdig sein können. Jede Nachricht müsste eigentlich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

Was tun?

Deshalb muss hier der Appell lauten: Hört Leuten mit Orts- und Landeskenntnissen zu! Also nicht wie der Stern, der einfach keine Ukrainer dazu befragt, sondern Alice Schwarzer (»Warum ich Putin verstehe«), Richard David Precht, Diana Kinnert und einige andere.
Achtet auch auf die Sprache und den Blickwinkel: Bombardierte Städte sind kein »Schlachtfeld«.

Übrigens: Die Menschen bekommen durchaus mit, dass wir hier den Energiepreis der Tatsache vorziehen, dass man durch Verzicht von Gas und Öl vom Aggressor aktiv etwas tun könnte.

Und: Ja, ja, ich weiß schon, man hat natürlich keine Vorbehalte gegen Menschen aus Osteuropa…

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Rabbiner Dr. Henry Brandt

Rabbiner Dr. Henry Brandt, Bild: Ilse Paul in Hannover, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

2004 nahm Rabbiner Henry Brandt Abschied von seiner Stelle als Landesrabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. Die Synagoge von Dortmund war, jedenfalls in meiner Erinnerung, voll besetzt. In seinen Ansprache nach der Torahlesung, einer Mischung aus Draschah und Abschiedsrede, sprach er viel von Türen die sich schließen würden und in seinem Alter, damals war er 76, würden sich nicht mehr viele Türen neu öffnen und er sah zurück auf eine bewegte Zeit bis dahin:

Er wurde in München geboren. 1939 musste die Familie des elfjährigen Heinz Georg (später Henry) nach Tel Aviv emigrieren. 1947 meldete sich Hanan (vorher Heinz) zur Marine-Einheit des Palmach – genannt Palmjam – und wurde Leutnant. Später würde er sagen, er habe sich für die Marine gemeldet, weil er sein Bett bei sich haben wollte. So kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Dann ein Schnitt. 1951 ging er nach Belfast und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach seinem Abschluss ging er in die Industrie. 1957, im Alter von 30 Jahren, schlug er eine Beförderung in den Wind und entschied sich für ein Studium am Leo-Beck-College. Er erzählte einmal, dass ihm damals gar nicht bewusst war, dass das College damals vollständig neu eröffnet worden war und er zum ersten Abschlussjahr gehören würde.

Sein Weg führte ihn dann nicht nach Deutschland – warum auch? Er blieb in Großbritannien und wurde Rabbiner in Leeds. In den deutschsprachigen Raum kam er 1971. Bis 1978 war er Rabbiner in Genf und gründete anschließend »Or Chadasch« in Zürich mit. Später wechselte er nach Göteborg. 1983 wurde er Rabbiner in Hannover. Damals war das Thema »liberal« versus »orthodox« noch nicht sonderlich präsent und so gab es auch nur eine gemeinsame Rabbinerkonferenz – wenngleich es während seiner Zeit in Hannover in der dortigen Synagoge durchaus zu hitzigen Diskussionen gekommen sein soll. Das dürfte dann die Zeit des Umbruchs gewesen sein. Das Wachstum der Gemeinden sorgte auch für eine interessante Mischung in den verschiedenen Rabbinaten des Landes.
1995 kam er dann als Landesrabbiner nach Dortmund.

Dass nach der Zeit in Dortmund nur noch der Ruhestand folgen sollte, war natürlich »Understatement«, denn er wurde anschließend noch Rabbiner von Augsburg und pendelte zwischendurch zur Jüdischen Gemeinde Bielefeld. Als wir, kurz vor den Hohen Feiertagen, telefonisch miteinander sprachen, verabredeten wir uns für eine persönliche Begegnung »direkt nach der Pandemie«. Ich schlug ihm vor, ein Podcast anzugehen. Im Laufe der Zeit hatte er einen großen Vorrat an Draschot angesammelt und sicher sei es, gerade heute, interessant, (auf) seine Stimme zu hören. Eine Stimme, die sich nicht unbedingt festlegt auf (oder für) eine bestimmte jüdische Strömung. Ich wollte die Idee noch mit jemand anderem besprechen, aber wie das manchmal so ist: Die Zeit fliegt und die Idee blieb eine Idee.

Einige Einschätzungen von Ereignissen und Personen haben wir geteilt – miteinander – nicht mit Dritten. Im Hinblick auf das Judentum haben wir die Idee geteilt, dass die Auseinandersetzung mit Inhalten und deren Diskussion ein wichtiger Faktor für tatsächliches jüdisches Leben seien. Über die Ausführung waren wir vermutlich unterschiedlicher Meinung – das war aber nie ein Thema.
Unbezahlbar der Blick, als ich ihm einmal ein »Sefer Rasiel« mitbrachte.

Nun hat sich die letzte Tür tatsächlich für immer hinter ihm geschlossen.
Rabbiner Henry Brandt starb am 7. Februar 2022 im Alter von 94 Jahren.
Möge seine Erinnerung ein Segen sein.

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Florian Schroeder, Lisa Lasselsberger und das »Opferticket von Juden«

Der beliebte Kabarettist Florian Schroeder amüsierte sich am 27. Januar anscheinend über Antisemitismus-Vorwürfe gegen seine Kolleginnen Lisa Fitz und Lisa Lasselsberger. Diese Haltung ist natürlich nicht hilfreich, um gegen Antisemitismus etwa zu tun. Den gesamten Kommentar findet man in der Jüdischen Allgemeinen:

Meinung: Florian Schroeder, Lisa Eckhart und das »Opferticket von Juden«

Ist es Zufall, dass auch sein Kollege Serdar Somuncu, mit dem Florian Schroeder für den RBB einen gemeinsamen Podcast produziert, mit seltsamen Thesen zur Corona-Politik aufgefallen ist? Jener Somuncu, der 2018 über Oliver Polak schrieb: »Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb«?

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Der 27. Januar – Einschränkung der Komfortzone

In diesen Tagen nahm die Öffentlichkeit einige Minuten Anteil an dem eindrücklichen Film »Die Wannseekonferenz«. Ganz kurz war der Film auch Thema in den sozialen Medien. Dann fiel die Öffentlichkeit wieder in den Normalzustand und es wurde viel über das Dschungelcamp gesprochen. Ach ja: In Heidelberg starb eine Studentin. Menschen, die nicht möchten, dass man sie darauf hinweist, dass ihre Freiheit nicht zulasten Dritter gehen sollte, pappen sich einen gelben Stern auf die Kleidung und fühlen sich »wie damals«. Dass von denen niemand eine Ahnung hat, was »damals« war, ist damit offensichtlich. Wer es dennoch weiß, der bagatellisiert dann absichtlich. Der 27. Januar soll der »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« sein. Seit 1996 ist das so. Das Programm wird vermutlich auch in diesem Jahr pflichtschuldig absolviert. Es wird viel versprochen werden und mit Blick auf die Gegenwart, wird man sich über das »Wachsen« der Jüdischen Gemeinden freuen und sich demütig für das »Geschenk« bedanken. Aus »Erinnerung« sollte jedoch Verantwortung erwachsen. Ist das passiert? Intellektuell wurde das Konzept »Erinnern« übrigens in diesen Tagen energisch in der FAZ als »jüdisch« zurückgewiesen. Professor Dr. Wolfgang Reinhard beklagte in der FAZ vom 10. Januar 2022, dass diese »Kultur des Erinnerns« den Deutschen (und dem Rest der Welt) aufgezwungen wurde – so las sich das jedenfalls:

Vielmehr ist Er­innerung seit Jahrtausenden eine religiöse oder zumindest eine kulturelle Pflicht des Judentums. Jude sein heißt sich zu erinnern (Elie Wiesel). Aber diese uralte jüdische Erinnerungskultur hat durch die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen inzwischen die Erinnerungskultur der Welt geprägt. Dazu gehört auch ein Geschichtsverständnis, dem es weniger um die Realität von Gegenständen geht als um ihre Deutung und Wahrnehmung.

FAZ, 10.01.2022

Auch wenn die Veranstaltungen bundesweit stattfinden werden, so wird es zahlreiche Möglichkeiten geben, diesem Tag aus dem Weg zu gehen. Natürlich gibt eine Gedenkstunde des Bundestages, lokale Veranstaltungen und Kranzniederlegungen. Aber das Gedenken ist denjenigen überlassen, die eine Veranstaltung bewusst aufsuchen oder zufällig einer »begegnen«. So ist das leicht mit der historischen Verantwortung. Die Besucher können sich gegenseitig zeigen, auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist eigentlich ein bequemes Arrangement. Diejenigen, die statt »Wannseekonferenz«, »Unsere Mütter, unsere Väter« (übrigens auch im ZDF) gesehen haben, können weiter derartige Veranstaltungen meiden und einem anderen Mythos nachhängen.

Dieser Zustand sollte nun beendet werden. Die Komfortzone muss aufgegeben werden – nicht erweitert. Es ist Zeit für einen Tag, an dem sich der Staat und seine Bürger vor den Opfer der Schoah verbeugen. Zwei Minuten um das kollektive Bewusstsein anzusprechen. Vielleicht fragt ja jemand: Warum tun wir das?

Nationale Dodenherdenking auf dem Dam-Platz
Nationale Dodenherdenking auf dem Dam-Platz in Amsterdam. Alle Rechte am Bild: Nationaal Comité 4 en 5 mei, Jasper Juinen

Das wird nicht nur in Israel getan. Auch in den Niederlanden. Dort steht das gesamte öffentliche Leben für 2 Minuten am 4. Mai für das »Nationale Dodenherdenking« still. Heute sind auch die Opfer der Schoah in das Gedenken ausdrücklich eingebunden. Ist das schwer umzusetzen? Mit Sicherheit. Die Diskussion wird dem Land sicher nicht schaden.

Wo wir gerade dabei sind: Das könnte auch der 9. November sein.

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Erinnerungsarbeit in Karlsruhe

In Karlsruhe gibt es seit 2009 ein Mahnmal für die 1940 nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden. Die Initiative für die Aufstellung des Mahnmals ging von der Evange­li­schen Landes­kir­che in Baden und der Erz­di­özese Freiburg aus. Schü­le­rin­nen und Schüler der Katho­li­schen Fachschule für So­zi­al­päd­ago­gik Karlsruhe Agneshaus haben das Mahnmal mit einem Bildhauer erschaffen und am 10. November 2009 der Öffentlichkeit übergeben. Das Mahnmal legt den Fokus auf die deportierten Kinder und deshalb sieht man einen Teddybären, einen Puppen­wa­gen, Hut, Tasche und Trommel. Spielzeuge, die von den Kindern zurück­ge­las­sen wer­den mussten (siehe auch Beschreibung der Stadt Karlsruhe).

Eine Initiative aus der Gesellschaft heraus – spät genug und wichtig.

Derzeit sieht das Mahnmal jedoch so aus, wie auf dem folgenden Bild. Ist das also die Wertschätzung?

Mahnmal in der Sophienstraße Karlsruhe, Januar 2022

Müssten nicht auch diejenigen, die das Mahnmal aufgestellt haben, sich weiter darum kümmern und eine Haltung dazu entwickeln? Aufgestellt gleich abgehakt?

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Kirche mit Kardinalproblem

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Richter am höchsten Gericht des Vatikans, hat in letzter Zeit, sagen wir mal, seltsame Ansichten in die Welt gesetzt. »Finanzkräftigen Eliten« spielten da eine Rolle. Dass dieses Problem nicht nur sein eigenes ist, habe ich für die Jüdische Allgemeine aufgeschrieben. Den Volltext gibt es hier:

Die Kirche hat ein Kardinalproblem – Jüdische Allgemeine

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Ist das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben« ein Erfolg?

Der Deutschlandfunk hat gefragt, ob das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben« ein Erfolg war. Abraham Lehrer (Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) und Vizepräsident des Zentralrats), der sich im Verein von »1700 Jahre« engagiert, hat diese Frage positiv beantwortet. Ich durfte ein paar vorsichtige Gedanken beisteuern.

Die Diskussion, die am 18.12.2021 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde, kann man hier nachhören.

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Von Nackensteaks und Tomaten

In einer fiktionalen Welt würde ein großes Interview – in einem der reichweitenstärksten Magazine des Landes – eine große Diskussion mit einem Knall beenden. Keine Fragen wären übrig. Alle Kritiker beschämt. Alle enttäuschten Fans versöhnt. Die – jetzt folgende – Wendung in diesem Text hier war erwartbar: Wir leben natürlich nicht in einer fiktionalen Welt. Weniger erwartbar war, dass Dr. Max Czollek im November dem SPIEGEL ein Interview gegeben hat und sein Interview nicht dazu genutzt hat, Kritiker und Freunde zu überraschen. Das Interview ist übrigens betitelt mit »Maxim Biller und ich sind uns so ähnlich wie ein Nackensteak und eine Fleischtomate«. Ist ein Nackensteak nicht immer vom Schwein? Aber das nur am Rande.
Wir spulen ganz kurz zurück (die gesamte Diskussion hier):
Als er in (s)einem Tweet den Inhalt eines privaten Gesprächs mit dem Autoren Maxim Biller offengelegt hat – vielleicht aus Kränkung – konnte er die folgende Entwicklung anscheinend nicht vorhersehen und die entstehende Dynamik nicht erkennen. Bei knapp 37.000 Followern bei Twitter allerdings verwunderlich, dieses Werkzeug der Massenkommunikation so zu unterschätzen. Im SPIEGEL-Interview sagt er übrigens, es folgte ein »Shitstorm«, der »durch die Printmedien und Radiostationen fegte«. Er meinte die öffentliche Diskussion, die er angestoßen hatte: »Patrilinearität« sagte plötzlich auch nichtjüdischen Kulturredakteuren etwas. Kaum ein überregionales Blatt wollte auf einen Bissen vom »Jüdische-Identität-Bagel« verzichten.

Eine Diskussion über Vaterjuden?

»Patrilinearität« war das Label, dass sich Czollek in seinem Tweet mit dem Hashtag verpasste. Nur: Das Label passte nicht zu ihm. Das war zuvor kein großes Thema, aber durch sein Aufgreifen dann doch eines und leider wurden auch hier Details veröffentlicht. Das stand am Ende der Diskussion um Patrilinearität – bei der es nicht immer um nur um Max Czollek ging – auch wurde hitzig über die Töchter und Söhne von jüdischen Vätern (ohne jüdische Mutter) diskutiert – als sei das Thema neu für die jüdische Community in Deutschland.
Dem hält Max Czollek im Interview trotzig entgegen: »Ich bin Jude«. Natürlich kann er das sagen, aber er muss dann aber auch die Definition mitliefern, wer denn nun Jüdin oder Jude ist. Eines ist der Community klar: Eine Selbstdefinition reicht nicht aus. »Ja, na klar fühle ich mich jüdisch« mag für das eigene Befinden ausreichen – im Zusammenspiel mit anderen Jüdinnen und Juden gelten dann aber Absprachen.

Die Dramaturgie des Interviews im SPIEGEL sieht das sogar vor. Der Redakteur Tobias Becker (der Czollek seit 2018 kennt) fragt nach:

Wie lautet denn Ihre Definition?

SPIEGEL online

Und Czollek antwortet:

Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat ich war, fördert die ganze Vielfalt jüdischer Realitäten, was natürlich über die Halacha hinausgeht.

SPIEGEL online

Zur Verdeutlichung: Es geht um eine Definition.
Wenn also Naturwissenschaftler A sagt: »Dieses Ergebnis entspricht der Definition« und Wissenschaftler B fragt zurück: »Wie lautet die Definition?« – dann ist die Antwort »Wissenschaftler C sieht es wie ich« keine ausreichende Begründung. Der Verweis auf das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat Czollek war und in dessen Beirat er heute sitzt, sagt eigentlich nichts.

Interviewer Tobias Becker arbeitet mit und bereitet schon über die Frage ein gewisses Setting sorgfältig vor, denn er fragt nach traditionellen jüdischen Definitionen (und nicht unbefangen nach einer jüdischen):

Nach traditioneller halachischer Definition war schon Ihr Vater kein Jude.

SPIEGEL online

Hier kommen wir zu einem Punkt, den man zunächst für ein Missverständnis halten könnte: Max Czollek geht davon aus, dass die jüdische Zivilisation (diese Definition von Mordecai Kaplans Definition des Am Jisrael ist nicht unattraktiv, man könnte auch mit Rabbiner Steinsaltz schreiben »Familie«) in eine religiöse und eine kulturelle Sphäre zerfällt. Dabei übersieht er, dass das Konzept von Religion auf das Judentum nicht uneingeschränkt anwendbar ist (und eigentlich eine christliche Kategorie ist).
Wenn man aber ihm jedoch aufmerksam zuhört, dann könnte es auch Programm sein:

Ich habe nie probiert, Teil einer Gemeinde und damit Teil des religiösen Judentums zu werden. Und plötzlich treten Leute auf und halten mir die religiöse Definition vor, als sei das die einzige jüdische Lebensrealität in Deutschland. Sie ist es nicht. Ich komme aus einer Familie, für deren jüdischen Teil der Zentralrat nie eine Rolle gespielt hat, denn der war ja in Westdeutschland.

SPIEGEL online

Die Absicht dahinter scheint zu sein, eine Art von Establishment zu konstruieren gegen das aufgestanden werden muss. Moderne (progressive, nicht im Sinne von jüdisch-liberal) Jüdinnen und Juden gegen die konservativen, ja religiösen Jüdinnen und Juden. Ganz nebenbei wird angedeutet, dass es schlecht ist, sich der Halacha verpflichtet zu fühlen.
Und warum?
Weil die Halacha, laut Czollek, ein »sehr religiöses« Gesetz ist und wer sich der Halacha verpflichtet fühlt, der scheint Homosexuelle steinigen zu wollen:

Die Halacha regelt zum Beispiel auch, welche Konsequenzen Homosexualität haben sollte. Nämlich die Todesstrafe. Die Halacha ist ein sehr religiöses, sehr konservatives Gesetz, mit dem man modern umgehen sollte.

SPIEGEL online

Der Satz demonstriert – ziemlich eindrücklich – dass Czollek entweder nicht sonderlich viel über die Halacha weiß, oder sie absichtlich falsch und verkürzt darstellt. Da könnte er eigentlich den Direktor des genannten Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk fragen, der in diesen Tagen das Vorwort für ein Buch mit dem Titel »Jüdisches Religionsgesetz heute« verfasst hat (»Religionsgesetz« ist das nichtjüdische umschreibende Wort für Halacha). Vielleicht ist die Todesstrafe für Homosexualität ja in dem Buch Thema. Mit seiner Beschreibung der Halacha als konservativem, ja anscheinend grausamen, Gesetz könnte man auch an die (immer seltener werdende) christliche Verzerrung des »jüdischen Gesetzes« denken. Nicht freundlich.

In der folgenden Diskussion wurden von den Redaktionen Vertreter aller Richtungen angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Die Wahrnehmung Czolleks ist also etwas verengt:

Wenn eine nichtjüdische deutsche Medienöffentlichkeit vor allem religiös argumentierenden Stimmen Raum bietet, dann macht sie die Anerkennung der neuen jüdischen Lebendigkeit schwerer, als es sein müsste.

SPIEGEL online

Wer die Liste mit allen Beiträgen zur Debatte aufmerksam durchgeht (hier zu finden), wird feststellen, dass diese Beobachtung nicht zutreffend ist. Sie ist eine geschickte Konstruktion, mit deren Hilfe sich Czollek zum Sprecher dieser neue jüdischen Lebendigkeit (es gibt anscheinend auch eine alte) macht. Aber diese neue Lebendigkeit definiert sich ausschließlich selber und einige (!) der Initiativen werden übrigens auch durch den Zentralrat mitfinanziert. Ebenso verhält es sich mit dem Themenkomplex Patrilinearität. Durch den Hashtag hat er die Diskussion darüber für seine Zwecke genutzt. Dabei wäre es – ganz nebenbei erwähnt – interessant, den Betroffenen zuzuhören und ihnen die Möglichkeit zu geben, sichtbar zu werden. Vielleicht sollte man das Buch »Väter unser« von Ruth Zeifert an dieser Stelle erwähnen…

Wir erleben also keinesfalls eine Emanzipation neuer jüdischer Lebendigkeit. Wir erleben die Konstruktion eines neuen Judentums für die nichtjüdische Öffentlichkeit. Ein leicht zugängliches, nicht fremdes (das erklärt vielleicht, woher Philipp Gessler vom evangelischen Zeitzeichen-Magazin seine Idee eines Judentums hat, das nicht zu fremd und nicht zu halachisch ist). Eines, das Gedächtnistheater zurückweist, aber zugleich umgänglich ist. Ein wenig Revolution und Abgrenzung, aber viel Mitmachpotential für alle. Das Spannungsfeld von »Desintegration« als Befreiungsschlag von der Umklammerung des Jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit – in der deutschen Öffentlichkeit für diese Zielgruppe ist jedenfalls recht viel Bühne.
Czolleks Autorität für diese Position bezog er aus seiner Identität – die nun von Teilen der jüdischen Community eher kritisch betrachtet wird – siehe dazu auch den Beitrag von Jana Hensel in der ZEIT.

Das tragische Ergebnis eines Tweets

Dies alles ist das tragische Ergebnis eines einzigen Tweets an zahlreiche Follower, der eigentlich nur sagen wollte: »Hey, ich habe mit Maxim Biller gesprochen.« Seiner Popularität bei seinen Anhängern wird es nicht schaden, das SPIEGEL-Interview trägt aber nicht dazu bei, andere auf seine Seite zu ziehen. Es hat nun einige Journalisten und Feuilletonisten zum Widerspruch animiert. Wenn er seiner eigenen Beschreibung des jüdischen Lebens in Deutschland »(…) weil nicht nur die Gesellschaft pluraler wird, sondern auch das Judentum« folgt, müsste er diese Pluralität anerkennen und nicht einem Teil der Community bescheinigen, dass sie eine Agenda habe, nämlich »linke und progressive Positionen«, für die er stehe »an den Rand zu drängen«. Zirkelbezug (man kennt das auch Excel): Indem man seine Nichtdefinition dessen, was jüdische Identität ist, zurückweist?


Letztendlich ist es vielleicht so, dass es weniger um Patrilinearität oder ein neues lebendiges Judentum geht, sondern etwas mehr um die Festigung der eigenen Position und Sichtbarkeit?
Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Das Interview war nicht der allerbeste Move für eine Beruhigung der Angelegenheit.

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Ratschlag zurück

Lieber Phillipp, also ich denke, ich darf Philipp schreiben, immerhin hast Du den Jüdinnen und Juden in Deutschland (und dem Zentralrat der Juden in Deutschland) einen väterlichen Rat erteilt und das hat uns ja schon in eine Art Beziehung gebracht und was wäre das für eine Beziehung, wenn wir nicht auf Augenhöhe kommunizieren könnten? Du bist Redakteur des Magazins »Zeitzeichen« – des Kulturmagazins der evangelischen Kirche und es liegt doch nahe zu fragen, woher die Berufung kommt, Jüdinnen und Juden über ihre Tradition zu belehren?

Es gab einen Grund dafür, dass einige Vertreter aus der jüdischen Community gefordert haben, eine Diskussion über die Zugehörigkeit zum Judentum solle innerhalb der Community geführt werden und nicht über die Medien des Landes (Übersicht hier). Das Potential für Verletzungen und Missverständnisse ist schon innerhalb der eigenen Gemeinschaft recht groß, wenn dann noch Sprecher hinzutreten, die sich darab abarbeiten wollen, von welchem Judentum sie träumen, dann wird es unübersichtlich. Aber kommen wir zu Deinem Anliegen. Offenbar sorgst Du Dich darum, dass im Judentum die Prioritäten verschoben sind und rückst sie wieder zurecht und informierst uns darüber, warum das matrilineare Prinzip nicht mehr aktuell ist.

Es ist vormodern, schreibst Du. Jüdinnen und Juden mit Bezug zur Halachah sind nicht in der Moderne angekommen?

Das hatte in vormodernen Zeiten eine zwingende Logik, ist aber rein biologistisch und traditionell gedacht.

zeitzeichen.net

Dass es biologistisch gedacht ist, ist ein interessanter Vorwurf. Es könnte darauf hindeuten, dass Jüdinnen und Juden unterstellt wird, sie seien ausschließlich Anhänger (heute heißt das Follower) einer Religion. Das ist nicht richtig. Judentum ist auch Zugehörigkeit zum jüdischen Volk.

Es widerspricht dem heutigen Leben und einer kulturell-familiären Interpretation des Judentums, die in einer zunehmend säkularen jüdischen Gemeinschaft immer wichtiger wird.

zeitzeichen.net

Das ist ein interessant. Diese Interpretation ist gut, während eine andere schlecht ist. Welche sollte das sein, fragen wir uns. Danke, dass Du diese Frage beantwortest:

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“ öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein.

zeitzeichen.net

Lesen wir das noch einmal genau:

  1. Der Zentralrat soll (gemeint ist wohl die jüdische Gemeinschaft), Deiner Meinung nach, eine andere Definition von »Wer ist Jude« anwenden. Was soll man dazu sagen? Das ist eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft. Ich sehe aber durchscheinen, dass Du Dir ein anderes, weniger religiöses, Judentum wünschst. Vielleicht, weil es nicht so anstrengend ist? Weil es nicht so fremd ist? Was passiert, wenn Jüdinnen und Juden das nicht tun?
  2. Die »zu enge Auslegung religiöser Gesetze« unterstellt Fundamentalismus – freilich ohne das Wort zu nutzen. Es ist nur freundlich formuliert. Wer also die Interpretation von Phillipp Gessler der Halachah nicht teilt, ist ein Hardliner? Die letzten 2.000 Jahre sind Jüdinnen und Juden mit dem Ausloten der halachischen Grenzen ganz gut alleine zurechtgekommen.
  3. Info: Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist keine religiöse Einrichtung – er ist der Dachverband der Jüdischen Gemeinden Deutschlands. Er ist kein rabbinisches Gericht und klärt keine Statusfragen.

Der Versuch der Kirchen, jüdische Inhalte zu korrigieren ist, historisch betrachtet, nicht immer so richtig gut gelaufen. Allein dieser Grund hätte ausgereicht, sich die Zeilen einfach zu verkneifen. Jüdinnen und Juden leben das Judentum und füllen es mit Sinn und Inhalt. Es ist keine Projektionsfläche.

Kommen wir noch zu einem Punkt:

Auch nach dem Holocaust fragte niemand in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik so genau nach, ob nun jemand eine  jüdische Mutter oder „nur“ einen jüdischen Vater habe – die glücklich überlebte Verfolgung durch die Nazis war Ausweis des Judentums genug, und das völlig zurecht.

zeitzeichen.net

Ich verkneife mir den Hinweis darauf, WER hier mit WEM über WAS spricht und WER das bewertet.

Da Du Dir ja Gedanken um das Judentum in Deutschland machst: Vielleicht könntest Du einfach in Deinem Einflussbereich etwas tun? Ja, ich weiß, es gibt diese »Juden sind nicht fremd« Kampagne der Kirchen. Das war alles nett gemeint, aber was, wenn Jüdinnen und Juden am Ende doch ihre eigene Meinung und Haltung zu den Dingen haben?
Vielleicht hast Du es schon gehört: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. Das wird nicht so richtig ernstgenommen. Jüdinnen und Juden müssen sich damit beschäftigen, würden aber vielleicht einfach in Ruhe untereinander vollkommen banale Dinge diskutieren. Kirchenfassaden, auch die evangelischer Kirchen, zeigen noch antisemitische Abbildungen. Beginnen wir doch damit.

Und eines noch: Bitte nicht wieder.