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Eine neue Synagoge für Hamburg

Die Bornplatzsynagoge in Hamburg hatte 1.200 Sitzplätze und war mit ihrer 40 Meter hohen Kuppel vermutlich ganz gut im Stadtbild sichtbar. Die Synagoge wurde erst zwei Tage nach dem Novemberpogrom in Brand gesteckt und obwohl das Gebäude so exponiert war, gab es dafür keine Zeugen. Ist das nicht seltsam? Der Abriss begann einige Monate später, am 14. Juli 1939.

Natürlich hat das eine Lücke hinterlassen – eine sichtbare. Der Platz ist bis heute nicht wieder bebaut worden und in Joseph-Carlebach-Platz umbenannt. Eine klaffende Wunde in der Stadt und eine Erinnerung an den Abriss der Synagoge.

Synagogenmonument Joseph-Carlebach-Platz (Hamburg-Rotherbaum) von Ajepbah / Lizenz: CC BY-SA

Aber das soll nicht so bleiben. Im Februar 2020 stimmte die Hamburger Bürgerschaft, also das Stadtparlament, einstimmig für Wiederaufbau der Synagoge. Im Gespräch ist sogar ein »Wiederaufbau« der Synagoge nach historischem Vorbild. Also ein Schließen der Lücke und eine Heilung der Wunde?
Zunächst soll eine Machbarkeitsstudie ermitteln, was vor Ort überhaupt technisch möglich ist.
Es ist ohne Zweifel und Einschränkung zu begrüßen, dass lokale jüdische Gemeinden bei ihrer Entwicklung konkret unterstützt werden. Hier entwickeln Prozesse manchmal jedoch eigene Dynamiken, weil alle Beteiligten unterschiedliche Ziele verfolgen und einen eigenen Blick auf die tatsächliche Sachlage haben.

Die nichtjüdische Sichtweise Die Gemeinde wachsen!

In der Wahrnehmung der nichtjüdischen Öffentlichkeit – und da ist vielleicht der Wunsch der Vater des Gedanken – wachsen alle jüdische Gemeinden und grundsätzlich sind die meisten Gemeindemitglieder per se religiös.

Ein Beispiel für diese Überzeugung ist ein Text von Till Briegleb für die Süddeutsche Zeitung in dem es heißt: »…denn die jüdische Gemeinde in Hamburg wächst kontinuierlich, besitzt aber nur beschränkte Räumlichkeiten.«
Da sollte auch tatsächlich etwas passieren: Eine vernünftige Infrastruktur muss her. Eine, die einer Entwicklung einer lebendigen Gemeinde nicht im Wege steht. Das muss aber nicht bedeuten, dass die Mitgliederzahlen kontinuierlich steigen. In Hamburg ist nämlich genau das Gegenteil der Fall. Die Gemeinde schrumpft kontinuierlich. Hatte die Gemeinde 2006 noch 3.086 Mitglieder, sind es heute 2.383.
70% der Gemeinde sind heute Senioren. Perspektivisch muss die Gemeinde sich also darauf einstellen, weniger Mitglieder zu haben. Auch wenn das für eine Stadt wie Hamburg schwer zu glauben ist.
Dabei hat die Gemeinde offenbar vieles richtig gemacht:
Sie hat liberale Strömungen unter ihrem Dach integriert (siehe etwa hier), Chabad mit ihrem Rabbiner in die Gemeinde geholt – also keine Parallelstruktur entstehen lassen und einen recht jungen Vorstand. Etwas unverständlich, dass es daneben übrigens noch eine eigene liberale Gemeinde gibt.
Trotz der, ansonsten recht günstigen, Ausgangslage, ist der demographische Faktor ist ausschlaggebend und gegen den kann man nur wenig tun – außer Leute zu holen. Hamburg gehört nicht zu den unattraktivsten Städten des Landes.

Altersstruktur Hamburg

Die Früchte hängen tief

Die Stadt Hamburg ist bereit, der Jüdischen Gemeinde weit entgegen zu kommen und so scheint alles möglich zu sein. Interessant ist daran, wie die Gemeinde handel wird. Wird sie sich auf die Zukunft ausrichten und ein Gemeindezentrum bauen, welches 2.000 Menschen oder 800 ein Zuhause sein kann?

Oder wird man der Versuchung – und vielleicht den Erwartungen von draußen nachgeben – und eine Synagoge mit 1.200 Plätzen wiedererrichten und dann mittelfristig vor der Frage stehen, was dann passieren wird?

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Nix wert – was dann?

Du bestimmst

Wenn »Du« bestimmst, wie viel ein Mensch wert ist – was passiert, wenn »Deine« Einschätzung ist, dass der Wert nicht so hoch ist?
Das ist keine Frage, die fern liegt, denn die haben sich auf deutschem Boden schon Menschen gestellt und beschlossen, dass es durchaus wertloses Leben gibt. Dementsprechend war der Weg nicht weit, dieses Leben dann auch zu verhindern, oder Menschen das Leben zu nehmen und sie umzubringen. Für die Architekten dieses System dann letztendlich eine »rationale Entscheidung«. Nicht zufällig, ist die Würde des Menschen laut Grundgesetz unantastbar. Um das zu erkennen, muss man sich nicht einmal extrem intensiv mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen, aber man ist dazu eingeladen, sich auch historisch mit der Eingangsfrage auseinanderzusetzen. Kann man sie heute so stellen?

Es dürfte den drei Buchreligionen gemeinsam sein, dass der Wert menschlichen Lebens unverhandelbar und unermesslich ist. Der Mensch ist beTzelem Elokim erschaffen, also nach dem Abbild/Vorlage G-ttes. Dementsprechend ist menschliches Leben zu erhalten. Wer sich mit den Halachot zu den grundsätzlichen Fragen des Lebens beschäftigt (Sterben, Tod, Sexualität, Geburt) wird sehen, dass dieses Prinzip über allem steht. Es hat zudem seinen Sinn, dass die Torah davon erzählt, dass die gesamte Menschheit auf ein (!) männlich-weibliches Wesen zurückgeht. Alle Menschen sind miteinander verwandt und dementsprechend gleich.

Dementsprechend ist es doch sehr verwunderlich, dass SAT1 für die Sendung »Big Brother« (ja, der Sender, der kurz vor dem 27. Januar mit »Entscheide Du, wer einen Stern verdient«geworben hat) deutschlandweit Plakate kleben kann, auf denen steht »Du bestimmst, wie viel ein Mensch wert ist.« Das ist, soweit ich das sehen kann, passiert, ohne öffentlichen Widerspruch zu ernten. Wenn etwas an den Grundfesten unserer religiösen Überzeugungen rüttelt, sind es ja wohl kaum die »Blasphemiker«, die Karikaturen über religiöse Themen zeichnen, oder Leute, die bestimmte Autoritäten oder Hierarchien nicht anerkennen. An den Grundfesten sägen markige Sprüche wie dieser hier. Oft plakatiert, wird schon etwas davon im Gedächtnis bleiben und so setzt sich schon die Frage im Hinterkopf fest, wie viel Geld wir bereit sind, für Paliativmedizin (zum Beispiel) auszugeben, wenn das individuelle Leben sowieso bald am Ende ist.

Auf der anderen Seite: Natürlich ist der Tabubruch kalkuliert, aber dennoch darf man die Diskussion darüber nicht Leuten überlassen, die nur noch mit Buzzwords arbeiten, um möglichst große Reichweite zu erzielen. Hier ist eine eindeutige Positionierung gefragt.
Warum passiert das nicht?

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Festhalten an der Antisemitismus-Sau

Einblattdruck mit Darstellung der Wittenberger »Judensau«

Dass es noch keine andere Bezeichnung als »Judensau« für eines der öffentlichsten Zeugnisse des mittelalterlichen Antisemitismus gibt, ist ein kleinerer Skandal. Dass man immer Anführungszeichen benötigt, um die Uneigentlichkeit zu betonen, ist schon Hinweis genug auf eine Schräglage. Warum heißen diese Dinger nicht »Antisemitismus-Säue«? Denn das ist ja deren eigentlicher Zweck. Sie bilden Antisemitismus ab und sprechen über denjenigen, der die »Antisemitismus-Sau« an seinem Gebäude befestigt hat: »Wir sind Antisemiten« wird einem da architektonisch mitgeteilt.

Es verwundert darum noch ein wenig mehr, dass nur so wenige Kirchengemeinden, die meist Eigentümer der »Antisemitismus-Säue« sind, sich dazu entschlossen haben, diese zu entfernen oder irgendwie anders dem Sichtfeld zu entziehen. Eine »Kontextualisierung«, wie sie so oft vorgeschlagen wird, hat die Funktion der Anführungszeichen – sie soll die Abbildung »uneigentlich« machen – aber sie bleibt nun einmal vorhanden und hat noch immer die gleiche Aussage. Nur wissen wir jetzt: »Wurde im Mittelalter befestigt. Heute sind wir schlauer und nehmen das anders wahr.« So oder ähnlich werden die Texte lauten. Nur: Wissen ohne daraus konkrete Handlungen abzuleiten, ist hier recht sinnlos.

Das jüngste Beispiel aus Wittenberg, auf dessen Entfernung geklagt wird, ist derzeit einfach das prominenteste, aber nicht das einzige. In oder an besser besuchten Kirchen sind diese Abbildungen ebenfalls zu betrachten. Der Kölner Dom etwa bietet gleich zwei. Eine Abbildung außen und Abbildung im »Chorgestühl«, also an recht wichtiger Stelle. Hierzu gibt es übrigens nicht einmal eine Dokumentation des »Besitzers«. Weder vor Ort, noch im Internet. Wenn wir schon über Antisemitismus sprechen, dann müssen sich auch die Besitzer solcher Skulpturen verantworten und verantwortlich zeigen. In Basel hat ein Gemeindepfarrer einfach gehandelt und ein Relief kurzerhand entfernt.

Dass im Fall Wittenberg erst geklagt werden musste, ist beschämend. Als müsste man erst nachweisen, dass die »Antisemitismus-Sau« die abgebildete Gruppe herabsetzt. Die Evangelische Stadtkirchengemeinde Wittenberg scheint das übrigens tatsächlich anders zu sehen, denn die Wortwahl in deren Stellungnahme lautet:

Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg bedauert ausdrücklich, wenn Menschen sich von der antijüdischen Schmähplastik verletzt und beleidigt fühlen.

stadtkirchengemeinde-wittenberg.de

Nur um das einzuordnen: Wenn man die Formulierung »fühlt sich beleidigt« wählt, impliziert man damit, dass hier niemand tatsächlich beleidigt wird, aber eine Dritte Person das falsch wahrnimmt.
Dass die Richter keine richtige Beleidigung sahen, ist ebenfalls etwas skurril (siehe Pressemitteilung des Gerichts hier). Also irgendwie sehen sie die, aber es gäbe ja einen Kontext. Sollte man sich vielleicht merken, wenn man plant, jemanden zu beleidigen. Man benötigt vielleicht eine Erklärungstafel.

Zurück nach Wittenberg (und vielleicht auch zum Kölner Dom): Die Verantwortlichen sollten sich vielleicht nicht vor Gericht über die abstrakte Ebene des Rechts (»darf ich das qua Gesetz«) darüber auseinandersetzen müssen, sondern auch im Austausch mit der Öffentlichkeit und insbesondere mit jüdischen Vertretern – denen sie in die Augen schauen müssen und sich nicht im Floskelnebel (»historische Verantwortung«, »Gedenkkultur«, »geschichtliches Erbe«) eingehüllt – einer tatsächlichen und verbindlichen Haltung entziehen.
Erklär doch Jüdinnen und Juden – insbesondere der jüngeren Generation – mal, dass du das Recht darauf verteidigst, sie öffentlich zu schmähen. Sag ihnen, dass deine historische Verantwortung nichts anderes ist, als eine wichtige Formulierung. Du müsstest erklären, warum du dann nicht dementsprechend handelst. Dann wird vielleicht anhand der Reaktionen klar, dass man nicht auf Jüdinnen und Juden Bezug nehmen kann, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Da wartet also viel Arbeit. Wie viel Arbeit also noch ansteht, kann man der Infografik unten entnehmen. Dort sind alle erhaltenen Abbildungen erfasst. Auch diejenigen, die in jüngster Zeit tatsächlich entfernt worden sind. Die roten Punkte markieren Orte, an denen man etwas richtig gemacht hat.

Architektonische Nachweise der sog. »Judensau« Lencer [CC BY-SA]

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Mit dem Vorschlaghammer gegen den Vorschlaghammer

Der Vorschlaghammer kommt zum Einsatz gegen die »Kunst« des »ZPS«.
Foto: Enno Lenze | Bestimmte Rechte vorbehalten (Lizenz: Namensnennung-Keine Bearbeitung 2.0 Generic CC BY-ND 2.0)

Um 12 Uhr am Mittag des 5. Januar 2020 zog das »Aktionskünstler-Komitee« (kurz AKK) vor der Säule auf, die das »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS) in Sichtweite des Reichstags aufgestellt hatte. Übrigens hatte das ZPS den Betonsockel bei »Nacht und Nebel« gegossen. Es hieß, die Stele soll Asche von Schoah-Opfer enthalten haben. Die Aktion des »ZPS«, die auf die AfD zielte, erreichte diese nicht unbedingt. Statt dessen war sie ein ziemlich derber Tiefschlag in die Magengrube der Nachkommen von Schoahopfern. Oder wenn man so will: Man agierte mit dem Einfühlungsvermögen eines Vorschlaghammers.
Nicht nur jüdische Verbände verurteilten die Aktion, sondern auch zahlreiche Einzelakteure. Zwar gab es eine halbherzige Entschuldigung der Künstler, aber es folgten keine konkreten Taten – außer dem Abtragen der Asche. Ratlos, wo sie nun hin solle, wurde offenbar Kontakt zur Orthodoxen Rabbinerkonferenz aufgenommen. Die Säule, illegal auf einem öffentlichen Grundstück errichtet (so sieht es laut ZEITonline die Stadt Berlin), verblieb dort aber und man darf sich fragen, warum das so war? Warum gelingt es, dass im Zentrum der Hauptstadt ein »Kunstwerk«, das niemand will, einfach so an Ort und Stelle verbleibt? Hat sich das nicht auch das ZPS gefragt und gewundert?

Es scheint nur folgerichtig zu sein, dass das irgendwann jemand hinterfragt. Und dass sich daraus auch konkrete Überlegungen ergeben, sollte klar sein. Die öffentliche Entfernung mit dem Vorschlaghammer (na gut, und der Flex) konnte nicht metaphorischer sein. Die Schoah sei nicht geeignet »für tagespolitische Forderungen, Warnungen oder Vergleiche«, »die das Verbrechen der Schoah letztlich trivialisieren« – so hieß es in der Pressemitteilung des »AKK«.
Und das »ZPS«?
Erwartet hatte ich ein Statement, in dem man sich verwundert darüber zeigt, dass es über einen Monat gedauert hat, bis die Säule entfernt wird – steht sie doch nicht auf einem Privatgrundstück, bzw. bis der Versuch stattfindet, das Ding zu entfernen. In einer idealen Welt hätte man sich darüber verwundert gezeigt, dass andere »Künstler« einfach nicht darauf reagieren.

Was passierte statt dessen? Der Ruf nach dem Rechtsstaat!

Aber so war es nicht. Wie es hieß, stellte jemand vom »ZPS« (ist das ein Verein, eine Einzelperson mit Helfern?) Strafanzeige (laut FAZ, Zitat des Polizeisprechers). In verschiedenen Medien wurde der Satz »wir werden das auf deren Kosten wieder instand setzen« verbreitet. Sollte das zutreffen, wäre das ein guter Hinweis darauf, dass man nicht in der Lage ist, die eigene Mission zu hinterfragen oder Kritik zuzulassen. Es ginge dann anscheinend überhaupt nicht um Diskurs oder gesellschaftliche Veränderung.

Die einzige Option für das »ZPS« lautet eigentlich: Anzeige zurückziehen und die Säule abbauen.

Das »Aktionskünstler-Komitee« hingegen hat die Tradition des 31. Oktober 1985 aufgegriffen. Damals sorgte das Umfeld der Jüdischen Gemeinde Frankfurt dafür, dass das Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« nicht aufgeführt werden konnte. Es wurde kurzerhand die Bühne im Kammerspiel des Schauspielhauses besetzt. Das Stück wurde als antisemitisch bewertet und letztendlich so die Aufführung verhindert. Vielleicht eine Erinnerungshilfe für das »ZPS« und viele andere gesellschaftliche Akteure, dass Jüdinnen und Juden nicht nur eine passive Verfügungsmasse sind, die man nach Belieben instrumentalisieren kann – sondern durchaus auch aktive (und lebendige) Akteure. Aber genau damit scheint man noch Probleme zu haben.

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Über den Verlust der Mitglieder reden

von links nach rechts: Marat Schlafstein, Chajm Guski, Laura Cazés, Anja Olejnik und Marc Grünbaum.

Der Gemeindetag des Zentralrates fand am Wochenende direkt vor Chanukkah in Berlin statt. In zahlreichen Sessions wurde viel über die große Politik und die Gemeinden diskutiert. Eine Diskussionsrunde widmete sich dem Thema »Die Gemeinde, ein Platz für alle? #claimyourspace« und stellte die Frage, wie man Gemeinden zu Orten machen könnte, an denen sich alle Generationen und Gruppen wohlfühlen. So wurde, vermutlich stellvertretend für viele Gruppen, die lgbtqi* Gruppe eingeladen bzw. der stellvertretende Vorsitzende von Keschet Deutschland Professor Leo Schapiro. Für die Gruppe der Studierenden nahm Avital Grinberg, von der Jüdischen Studierendenunion teil. Die Diskussion oszillierte zunächst zwischen der Frage, ob queere Juden in den Gemeinden willkommen wären und was Gemeinden für die jüngere Generation im Angebot hätten. Und tatsächlich gab es eine Diskussion und kein wechselseitiges Bedauern, was alles noch nicht optimal funktionieren würde. Es wurden sachlich, aber engagiert Standpunkte ausgetauscht und von guten und schlechten Erfahrungen berichtet. Die Perspektive der Gemeinden verteidigte Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Irgendwo zwischen »die Jugend kommt nur zu BBQs« und »die Jugend braucht einen Platz« wurde nach Möglichkeiten gefragt, wirklich »alle« in die Gemeinde zu holen. Wer hat die Hol- und wer die Bringschuld? Müssen die Leute auf die Gemeinde zugehen, oder die Gemeinden auf die Leute? Als Konsens ließ sich festhalten, dass die Gemeinden sich natürlich allen öffnen müssten, aber das »wie« noch ausgestaltet werden müsste.
Das hat recht viel mit der Entwicklung der Gemeinden zu tun. Wie sieht die Gemeinde in x Jahren wohl aus? Wer wird das gestalten?

Im Grunde genommen, war das indirekt Thema einer Runde unter dem Motto »Der letzte macht das Licht aus?« über die sehr ungute Entwicklung der Mitgliedszahlen. Hier diskutierten Marat Schlafstein, Jugendreferent beim Zentralrat, Anja Olejnik, Programmmangerin beim American Jewish Joint Distribution Committee in Deutschland, Marc Grünbaum, Kultur- und Jugenddezernent und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und meine Wenigkeit als »Beobachter« der Situation, der das Thema Demographie und Gemeindestatistik immer wieder aufgreift. Laura Cazés, Beraterin der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) moderierte das Thema. Die ZWST veröffentlicht jährlich tapfer die Mitgliedszahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Licht aus? Konstruktiv

Die Diskussion zeigte schnell, dass die Beobachtungen geteilt werden, aber die Schlussfolgerungen im Detail voneinander abweichen. Muss das Licht tatsächlich ausgemacht werden? Ich vertrete die Meinung, dass dies für eine Reihe von Gemeinden gelten wird. Vor allem Kleinst- und Kleingemeinden. Ich nannte das in der Diskussion den »Umzug« des Lichts, wenn Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Immerhin ist die demographische Entwicklung nicht zu ignorieren. Würde man die Gemeinden mit 10 Personen abbilden, dann wären dies 5 Senioren, 4 Erwachsene und lediglich eine Person ein Kind/Jugendlicher. Hier zeigt sich, wo der Fokus liegen muss.

Marat Schlafstein verwies darauf, dass man etwas falsch gemacht haben müsse, wenn es dazu kommen sollte. Er legte aber den Finger schnell direkt in die Wunden. Die Kommunikation der Gemeinden sei oft unpersönlich und es werde mehr verwaltet, als mit Menschen gearbeitet. Wer schon zu einer Gemeinde käme, um sich etwa anzumelden, der solle dann schon freundlich empfangen werden.
Marc Grünbaum hob den Faktor »Religion« hervor, die ihn ein wichtiger Bestandteil der Gemeindearbeit sein sollte: Eine klare jüdische Struktur. Seine Schilderung der Gemeinde Frankfurt (am Main), als eine der Gemeinden, in der vieles (oder alles?) funktioniere, wurde mir übrigens von Mitgliedern der Gemeinde nahezu begeistert bestätigt. Das, was man für die Kultussteuer erhalte, müsse dementsprechend auch kommuniziert werden. Anja Olejnik erzählte von ihren guten Erfahrungen mit ihrer Heimatgemeinde und das Bewusstsein dafür, was die Gemeinde für Menschen in schwierigen Situationen tue. Das stärke auch die Verbindung mit der Gemeinde. Mir schien, solche Geschichten müssten jedoch auch andere Gemeindemitglieder erreichen. Was sollten aber kleine oder Kleinstgemeinden kommunizieren, die keinen Kindergarten, keine Grundschule und auch sonst wenige Einrichtungen unterhalten können? Könnte das die Zahl derjenigen reduzieren, die aus den Gemeinden austreten? Weshalb machen sie diesen Schritt überhaupt? Marc Grünbaum hielt das Motiv »Geld sparen« für denkbar – es liegt sehr nahe, aber gesicherte Daten liegen dazu nicht vor. Aus meiner Sicht ist das Gemeindebarometer ein guter Schritt in Richtung »Evaluation«, also fortwährende Betrachtung der Daten und Fakten. Sowohl Vorsitzende, als auch »Opposition«, sehen die eigene Gemeinde immer aus einer Perspektive, die keinen unbefangenen Blick zulässt. Genau dafür wären Daten hilfreich.

Und richtig wurde erkannt, dass es eine massive Differenz zwischen den Menschen gibt, die aus Gemeinden wegziehen und denjenigen, die sich in anderen Gemeinden anmelden. Es gibt eine recht große Gruppe von Menschen, die sich nicht in der neuen Stadt in der Gemeinde anmelden. Was müsste diesbezüglich unternommen werden?

Die Zuhörer, die von Moderatorin Laura Cazés direkt gebeten wurden, ihr Statement abzugeben, statt dieses kompliziert in eine Frage zu verpacken, bestätigten das Bild. Eigentlich war niemand mehr der Meinung, der abnehmende Trend werde sich aufhalten lassen. Ein Mitarbeiter einer Gemeinde zeigte sich genervt davon, dass man nicht schneller zum Schritt »Aktion« übergehe und weiter darüber spreche, was gemacht werden müsste. Der konstruktive Ansatz gefiel mir gut – aber für die Strategien war am Ende zu wenig Zeit. Hier konnten die Teilnehmer nur die wichtigsten Punkte aufzählen. Einige meiner Vorschläge (die Liste kann nur unvollständig sein) habe ich bereits hier aufgeschrieben.

Bei Twitter und der Jüdischen Allgemeinen

Die Jüdische Allgemeine hat ebenfalls über die Session berichtet, hier.

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Buch aktuell – oder doch nicht so neu?

Rufus Beck ist ein ziemlich genialer Vorleser. Seine eingelesenen Fassungen von »Harry Potter« oder »Der kleine Nick« sind empfehlenswert. Jetzt hat Rufus Beck die »Bibel« eingelesen, also die christliche Bibel, also »Altes« und neues Testament – in der Übersetzung von Martin Luther. Die Teile die man hören kann, sind gut eingelesen. Ganze 98 Stunden kamen da zusammen.
Natürlich wird diese Ausgabe nun auch beworben und so ist es klar, dass das Buchmagazin »Buch Aktuell«, mit welchem die Buchhandlungen auf Neuerscheinungen hinweisen (erreicht nach eigenen Angaben 750.000 Leser), natürlich dieses Mammutwerk thematisiert hat. Der Text erklärt dem Leser zunächst einmal, was die Bibel eigentlich ist, aber dann wird es interessant:

Buch Akuell, Ausgabe 4/2019, Seite 12

Die Zuhörer werden Zeugen des Wandels vom strafenden Gott im Alten hin zum barmherzigen G-tt im Neuen Testament.

Hier wird also ein ziemlich altes Motiv des Antijudaismus aufgewärmt. Hier das Judentum mit dem zornigen, strafenden G-tt – dort, das Christentum des barmherzigen G-ttes. Auf der einen Seite stehen die friedliebenden Christen und auf der anderen Seite stehen die rachedurstigen Juden. Gerade die Formel Ajin tachat Ajin ~ Auge für Auge (Schemot 21,24) wird gerne in diesem antijüdischen Diskurs missbraucht und ausgeblendet, dass die Anwendung dieses Satzes einen materiellen Schadensersatz meint (Bava Kamma 83b-84a). Man sollte durchaus annehmen, dass sich das heute herumgesprochen hat. 2019 sollte dieser Klassiker eigentlich nicht mehr veröffentlicht werden.

Eine kurze Recherche hat dann ergeben, dass der redaktionelle Text von »Buch aktuell« in groben Zügen dem Beschreibungstext von »Der Audio Verlag« entspricht. Auch hier heißt es:

Vom Sündenfall im Garten Eden, über Moses Auszug aus Ägypten, bis hin zur Auferstehung Jesu – im Hörbuch mit Rufus Beck wird die Heilige Schrift hautnah erfahrbar. Die Zuhörer werden Zeugen der Schöpfung, der Leidensgeschichte Jesu Christi, dem Wandel vom strafenden Gott im alten -, hin zum barmherzigen Gott im neuen Testament.

Eigentlich ist der Text also durch mehrere Hände gegangen – es ist also noch viel Arbeit zu tun, wenn diese alt-tradierten Antijudaismen einfach so hingenommen werden.

Update 20.11.2019 »Der Audio Verlag« hat unmittelbar reagiert und den Satz von der Website gestrichen.

Update 03.12.2019 Die Deutsche Bibelgesellschaft hat sich ebenfalls dazu geäußert und sich von dem Text distanziert, der so nicht hätte erscheinen sollen.
»Buch aktuell« hingegen, hat sich nun ebenfalls entschuldigt und versprochen, den Text auf der Website und im Blätter-PDF zu aktualisieren.

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Erste große Umfrage zum jüdischen Deutschland

Wie sehen die Gemeindemitglieder ihre Gemeinden heute?
Wie sehen potentielle Gemeindemitglieder die Gemeinden und warum kommen sie nicht in die Gemeinden?
Gibt es eine Entwicklung in irgendeine Richtung?

Dazu haben viele Menschen, verschiedene Meinungen. Hört man einigen Gemeindevorsitzenden zu, sind alle ganz glücklich und alles läuft gut. Fragt man jemanden von der »Opposition«, dann ist alles ganz furchtbar und alle sind unglücklich. Irgendwo dazwischen bewegen sich die Meinungen der Mitglieder – den Anspruch, die »Realität« abzubilden, kann man nicht mehr ernsthaft erheben wollen, wenn jemand Dinge sagt wie »er habe den Eindruck«, oder »für mich sieht es so aus«. Diese Bauchmeinungen können auch nicht dazu herangezogen werden, eine Entwicklung nachzuvollziehen. Das wäre dann von gut zu hervorragend, oder von sehr schlecht bis ganz schlecht. Abhängig davon, wen man fragt. Eines sei aber an dieser Stelle festgehalten: Wenn jemand behauptet, das Gemeindeleben sei vollständig harmonisch, dann könnte das ein Indikator für Stillstand sein. Neue Ideen entstehen zuweilen durch Reibung und die Tatsache, dass man einen Mangel erkannt hat.

Diesem Bauchwissen kann man nachvollziehbare Daten entgegensetzen. Als ich das im Rahmen dieses Blogs gemacht habe (das war 2016), war ich überrascht darüber, dass es tatsächlich Resonanz gab. Es wurde viel diskutiert und die Ergebnisse waren sehr interessant. In einem größeren Maßstab wurden bisher Gemeindemitglieder nur 2002 in Berlin befragt.

Jetzt überrascht der Zentralrat der Juden in Deutschland mit einer großen Umfrage die feststellen will, wie die allgemeine Lage ist. OK. Genau genommen geschieht das in Zusammenarbeit mit dem Jewish Joint Distribution Committe (JDC) und den Profis von infas.

Und dafür zielt man nicht nur auf die Bestandsmitglieder.
Man wirft auch einen Blick auf Leute, die keine Gemeindemitglieder sind und auf Menschen, die einen jüdischen Vater haben und keine Möglichkeit zur Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde haben. Die Fragen decken einen großen Bogen ab und sind nicht nur so gestellt, dass man seine Zufriedenheit irgendwie ausdrücken kann. Dabei gibt es eine Umfrage, die sich für jede Zielgruppe unterschiedlich gestaltet. Die Umfrage ist in deutscher, englischer, russischer und hebräischer Sprache verfügbar – sollte also die Hauptsprachen des jüdischen Deutschlands abdecken.
Ohne Untertreibung kann man behaupten, dass dies ein riesiger Meilenstein ist. Es ist der Willen und die Absicht da, sich den nackten Fakten zu stellen. Das sollten alle, die es betrifft, auch durch Rückmeldungen unterstützen.

Am Ende werden richtige und wichtige Daten vorliegen und wenn man diese irgendwann in Zukunft erneut erhebt, könnte man sogar Entwicklungen nachvollziehen. Man könnte also überprüfen, ob bestimmte Maßnahmen sinnvoll waren.

Richtig richtig richtig gespannt dürfen wir dann auf einen Einblick in die Ergebnisse sein.

Die Umfrage ist ab sofort online unter: gemeindebarometer.de

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Ratsentscheidung gegen Antisemitismus

Natürlich ist jeder irgendwie gegen Antisemitismus. Selten begegnet man jemandem, der sagt, er würde einen gepflegten Antisemitismus schon schätzen. Vielmehr würde man auf jemanden treffen, der Sachen sagt, wie »Den Antisemitismus haben die Juden erfunden um die Menschen zu kontrollieren.« Aber das ist natürlich nur hypothetisch.
Nach einigen Vorfällen in Gelsenkirchen, hat nun die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (Gelsenkirchen) eine »Erklärung zum Antisemitismus« geschrieben, die von der Stadt Gelsenkirchen unterstützt werden sollte. Das war ein Tagesordnungspunkt der Ratssitzung vom 11. Juli 2019.
Die Erklärung (hier zu finden) ist sehr allgemein gehalten und mündet in keinerlei Aktion. Deshalb wirkt es wie ein Kommentar, wenn unter der Vorlage steht: »Finanzielle Belastungen: keine«. So heißt es etwa:

Wir stellen klar: Wer Jüdinnen und Juden und jüdisches Leben in Deutschland – in welcher Form auch immer – angreift, der greift die Grundlagen unserer Gesellschaft an, der tritt die Menschenwürde und Grundrechte aller mit Füßen.

Beschlussvorlage 14-20/7492

So weit, so harmlos.

Die Ratsfraktion der Partei »DIE LINKE « in der Stadt, will das nicht so allgemein stehenlassen und den Beschluss um folgenden Satz ergänzen:

Der Rat bekräftigt zugleich, dass sachbezogene Kritik an der israelischen Regierung oder ihrer Politik weiterhin zulässig und möglich sein muss und nicht per se als antisemitisch abgestempelt werden darf.

War denjenigen, die diese kleine Vorlage formuliert haben, eigentlich klar, dass schon die Behauptung, man dürfe den Staat Israel oder seine Regierung, nicht kritisieren, schon ein winzig kleiner Antisemitismus ist?
Was sagt das über den Antragsteller, wenn man bei diesem Thema sich nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann und sofort sicherstellen will, dass man den Staat Israel weiterhin kritisieren darf, so wie man das auch regelmäßig mit Russland, Finnland oder Brasilien tut – ach so, stimmt, das macht man ja nicht. Also Gratulation! So sieht entschlossenes Handeln aus… nicht.

Ein paar Sätze aus dem vergangenen Jahr zu Gelsenkirchen findet man hier. Im Juni hat es ein Vorfall in die Lokalzeitung geschafft, weil es ein Gymnasium nicht geschafft hat, irgendeine Haltung zu antisemitischen Beleidigungen zu finden (siehe hier).

Nachtrag: Die »Entscheidung« zur Erklärung fiel einstimmig aus. Die Fraktion der Linken enthielt sich – ebenso drei Ratsmitglieder, die früher bei »Pro Deutschland« waren.