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Endlich mal wieder eine Richtungsdebatte

Du bist Jüdin oder Jude und hast einen Social Media Account?
Du hast ein paar jüdische Follower oder »Freunde«?
Du willst richtig Traffic erzeugen?
Du kannst das mit zwei Dauerbrennern schaffen:

  • eine »Wer-ist-Jude-Diskussion« vom Zaun brechen
  • eine Diskussion über verschiedene Strömungen beginnen

Richtig gut wird es, wenn man beide Themen verbinden kann: Wer hat das Recht, wem zu sagen, wer jüdisch ist und wer hat das Recht, das auszulegen?
Man muss kilometerweit scrollen, um die neuesten Kommentare lesen zu können. Wie durch Zauberhand werden die Kommentare zunehmen. Menschen die sich nicht kennen, werden Argumente präsentieren.
»Präsentieren« steht hier absichtlich, denn sie werden nicht ausgetauscht. Sie werden nur präsentiert. Denn eines gilt für die Dauerbrenner mit Sicherheit: Die Diskussion ist l’art pour l’art. Sie bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Aber es besteht die Möglichkeit, sich öffentlich zu blamieren. Man muss nur leicht aus der Fassung zu bringen sein und jemanden beleidigen. Dann haben wenigstens die anderen Diskussionsteilnehmer etwas über einen gelernt. Aber bevor wir weiter abschweifen kehren wir zurück zu Fällen, bei denen das relevant sein könnte:

Relevant sind diese Themen dann, wenn sie dazu dienen sollen, Leitlinien für Organisationen zu formulieren. Dass es dann schwierig ist, dies dann zu tun, liegt daran, dass wir zuvor immer obiges Phänomen beobachten konnten.

Die JSUD Eine Richtungsentscheidung?

Die »Jüdische Studierendenunion Deutschland« (JSUD) ist ein jüdischer Verband für jüdische Studentinnen und Studenten. Sie wurde erst 2016 gegründet, aber ist durch ihre Anbindung an den Zentralrat gut vernetzt und kann die Netzwerke des Zentralrats für politische Arbeit nutzen. Vorstand und Geschäftsführung wird also zugehört. Eine Vollversammlung findet jährlich zusammen mit dem Jugendkongress der ZWST statt. Im vergangenen Jahr wurde offenbar eine »Policy« »Pluralistisches Judentum innerhalb der JSUD« eingereicht und abgestimmt. Zum größten Teil geht es in dieser Policy um Homosexualität und die Zusammenarbeit mit der LGBTQ*-Community. Aber es gibt auch einen Satz, der festhält, dass in »hierzulande dominierenden orthodoxen und einheitlichen Gemeinden die Integration patrilinearer Jüdinnen und Juden in die jüdische Gesellschaft strikt abgelehnt wird«. Weiter: »obwohl es einen bedeutenden Anteil von patrilinearen Juden gibt sowie ein Großteil der eingewanderten und einheimischen Jüdinnen und Juden hierzulande mittlerweile nicht nur in halachisch jüdischen Ehen und Familien leben.« Die Forderung ist eine stärkere Einbindung derjenigen Leute, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter.
Nun, kurz vor der nächsten Vollversammlung im März, ging eine Website namens Jüdische Zukunft an den Start und fordert mit einem offenen Brief eine stärkere Orientierung an der Ausrichtung der Gemeinden. Erstunterzeichner ist – unter anderem – der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.
Die Reaktionen in den sozialen Medien entsprach zu großen Teilen dem, was ich eingangs zu diesen geschildert habe.

Konfliktlinien

Anscheinend gibt es gewisse Konfliktlinien. So veröffentlichte das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk am Freitagmittag einen Facebook-Post (hier) mit dem Titel »Vielfaltsverteidigung«, der ohne den Kontext der Diskussion vermutlich etwas schwerer zu verstehen wäre und sich wie eine Stellungnahme lesen könnte:

»Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk setzt sich seit seiner Gründung für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein, gerade im innerjüdischen Diskurs. Zur Vielfaltsverteidigung gehört notwendig und unabdingbar die Achtung und Förderung jedes Individuums und seines/ihres Weges in der Gemeinschaft. Ein wichtiger Partner in der Stärkung der Gemeinschaft ist die JSUD – Jüdische Studierendenunion Deutschland, die sich der Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in Gegenwart und Zukunft verschrieben hat, und mit tollen Projekten und wichtigen Grundsatzentscheidungen viele entscheidende Impulse setzt!«

Gibt es also hier unterschiedliche Interessen, je nach religiöser Strömung?
Willkommen in der jüdischen Welt!

Die Konflikte, die hier und da zwischen den einzelnen Lagern innerhalb der Gemeinden aufflammen, müssen sich zwangsläufig natürlich auch in einer Organisation widerspiegeln, die den Anspruch hat, alle (möglichst viele?) zu repräsentieren. Das ist unvermeidbar. Welche Richtung soll das also sein, die beide (vermutlich gibt es sogar mehr) Lager zufriedenstellt?

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Migrationsbericht und jüdische Zuwanderung

Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion

Der aktuelle Migrationsbericht 2016/2017 brauchte einige Zeit, um dann im Januar 2019 veröffentlicht zu werden. Gerade in hysterischen Zeiten kann ein solches Dokument jedoch helfen, die Wogen etwas zu glätten. Einfach nur mit nüchternen Zahlen. Wer kam wann woher und wie sieht die Entwicklung aus?

Der Bericht enthält jedoch auch die Zahlen der jüdischen Zuwanderung.
Das ist nicht so uninteressant.
Wir erfahren, dass zwischen 1993 und 2017 207.223 jüdische Zuwanderer (einschließlich ihrer Familienangehörigen) aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Bis Ende 1992 kamen 8.535 Menschen nach Deutschland.

Als Tabelle:

Jahr Zuwanderung
1991 12583
1992 15879
1993 16597
1994 8811
1995 15184
1996 15959
1997 19437
1998 17788
1999 18205
2000 16538
2001 16711
2002 19262
2003 15442
2004 11208
2005 5968
2006 1079
2007 2502
2008 1436
2009 1088
2010 1015
2011 986
2012 458
2013 246
2014 237
2015 378
2016 688
2017 873

Im Bericht heißt es, die Zuzüge bzw. Anträge aus der Ukraine haben zugenommen. Das überrascht nicht. Das hänge mit den »politischen Entwicklungen« dort zusammen, so schreibt das BAMF.

Betrachten wir speziell die letzten zehn Jahre, denn diese Jahre sieht man auf der Darstellung des gesamten Zeitraums fast gar nicht:

Zuwanderung nach Deutschland 2007 – 2017 – gegenübergestellt die Anmeldungen in den jüdischen Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe

Die rötliche Linie zeigt die Zahlen der Anmeldungen in den Gemeinden mit entsprechender Herkunftsangabe im gleichen Zeitraum. Natürlich kann es hier immer zu Verschiebungen zwischen den Jahren kommen. Vermutlich wird sich nicht jeder, der irgendwo neu angekommen ist, sich direkt bei der entsprechenden Gemeinde anmelden.

Es gibt sie also noch, die Zuwanderung. Aber sie reicht nicht aus, um die Abgänge auszugleichen, oder abzufedern. 2017 hat in erster Linie der Landesverband Nordrhein davon profitiert. Da in Düsseldorf die Mitgliedszahlen gestiegen sind, dürfte klar sein, dass sich viele Einwanderer Düsseldorf ausgewählt haben. Übrigens eine verständliche Wahl: Düsseldorf ist die drittgrößte Gemeinde Deutschlands und durchaus nicht unattraktiv. Die Prognose sieht hier also sehr gut aus.

Sieben große Gemeinden

Die sieben größten jüdischen Gemeinden Deutschlands sind derzeit:

Stadt Mitglieder 2010 Mitglieder 2017
Berlin 10599 9.865
München 9.461 9.507
Düsseldorf 7.080 7.087
Frankfurt am Main 6.832 6.604
Hannover 4.489 4.217
Köln 4.418 4.077
Dortmund 3.200 2.871

Hier ist bemerkenswert, dass München demnächst Berlin als Spitzenreiter ablösen könnte. Im betrachteten Zeitraum (hier 2010 bis 2017) hat Berlin 7 Prozent der Mitglieder verloren, München um 0,5 Prozent zugelegt. Frankfurt hat etwa 3 Prozent der Mitglieder verloren, Köln fast 8 Prozent und Dortmund etwa 10 Prozent.

Wo wir gerade beim Wachstum sind und den Zeitraum 2010 bis 2017 betrachten: Hier gibt es auch Gemeinden mit größeren Verlusten. Die Jüdische Gemeinde Münster hat 22 Prozent der Mitglieder verloren (von 789 auf 612) und Amberg 28 Prozent (von 146 auf 105).

Wir schauen also gespannt auf die Zahlen für das Jahr 2018.

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Überalterung der jüdischen Gemeinden

Der Deutschlandfunk hat einen kleinen Bericht über die Überalterung der jüdischen Gemeinden gemacht (hier abrufbar und lesbar) und auch mich als pessimistische Stimme ins Boot geholt.
Ich habe erklärt, dass die demografische Struktur vermutlich dazu führen wird, dass die eine oder andere Gemeinde vermutlich aufgeben müsste. Dieser Pessimismus ist natürlich durchaus gewollt, weil er (hoffentlich) zu fundiertem Widerspruch führt. Günter Jek von der ZWST ist etwas optimistischer und spricht von Zusammenlegungen – was auf der anderen Seite natürlich dazu führen könnte, dass eine von zwei fusionierten Gemeinden de facto verschwindet. Aber die Zeit wird zeigen, was wird. Wichtiger scheint mir zu sein, dass man darauf vorbereitet ist und einen Plan entwickelt hat, wie jüdisches Leben in den Gemeinden, die bleiben, möglichst attraktiv ist. Dieses Spannungsfeld führt vielleicht eines Tages zu einer breiten Diskussion des Themas.

Es gibt jedoch einen Punkt, den ich vollkommen anders sehe, als der Autor des Beitrags, Jens Rosbach:

Denn viele Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen als gestandene Erwachsene oder als Rentner hierher. Kein Wunder also, dass 2017 rund 1.500 Menschen in den jüdischen Gemeinden gestorben sind, aber nur rund 250 Menschen geboren wurden.

[…] die jüdischen Gemeinden vor große Integrationsprobleme gestellt. Denn viele Migranten sprachen anfangs kein Deutsch, fanden keine Arbeit und wussten außerdem wenig über die jüdische Religion.

Viele der Zuwanderer waren im »besten Alter«, als sie nach Deutschland kamen. Sie waren hervorragend ausgebildet, optimistisch und haben natürlich auch Senioren mitgebracht. Diese gut ausgebildeten Leute gehen heute auf das Rentenalter zu. Sie haben sich – in den meisten Fällen – hervorragend integriert und wäre man ihnen entgegengekommen, wie man heute Zuwanderern entgegenkommt – mit Jobhilfen, Anerkennungen, Berufsorientierungen etc. dann würde es einigen heute noch besser gehen. Aber sie haben sich oftmals durchgebissen und sich gut aufgestellt und die Chance für ihre Kinder erkannt. Diese sind heute junge Leute und haben Familien gegründet. Einige (natürlich nicht alle) aus meinem Umfeld sind heute Akademiker und tun das, was ihnen richtig erscheint: sie verlassen Deutschland wieder und ziehen der Arbeit nach. Das liegt auch daran, dass gerade ein Arbeiten im akademischen Umfeld in Deutschland nicht so einfach ist. Einige sind religiös geworden. Was tun sie? Sie ziehen nach Berlin oder ins Ausland. Dorthin, wo die Infrastruktur besser ist und man nicht ständig alles erklären muss.
Auch die Nichtakademiker sind längst in der Berufswelt angekommen und machen ihren Weg. Ich würde behaupten, sie haben sich fast in Schallgeschwindigkeit in die Gesellschaft eingegliedert.

Das sind Faktoren, die hier nicht berücksichtigt wurden, aber wichtig sind für die Entwicklung der Gemeinden. Wer gut ausgebildet ist, emanzipiert sich schnell von Strukturen, wie man sie in Gemeinden findet. Auch hierdurch haben wir einige Leute verloren. Es ist keinesfalls so, als wären hier nur schlecht integrierbare Senioren gestrandet. Sicher sollte das nicht durch den Text gesagt werden, aber man sollte auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, dass es so sein könnte.

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Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur

Vor nur einer Woche gab es ein Gespräch mit dem WDR über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden mit einem besonderen Blick auf Nordrhein-Westfalen. Nun gab es für die Sendung »Aus der Jüdischen Welt« von Deutschlandfunk Kultur ein Gespräch über den Rückgang mit einem Blick auf die Gesamtentwicklung in Deutschland.
Gibt es Grund für Optimismus? Was könnte/sollte man jetzt tun?
Interessanterweise hat der Sender das Interview mit »Kein Grund für sinnlosen Optimismus« betitelt und das trifft es eigentlich auch ganz gut.

Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

Hier ein Link mit einem Onlineplayer (Pocket Casts).

Einen Blogbeitrag mit vielen Zahlen und den Schlussfolgerungen findet man hier »Sag zum Abschied leise Tschüß«.

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Hunde und Antisemitismus

Die Idee kam ihnen irgendwann in der Synagoge.
Rabbi Silberzwajg hatte wieder erzählt, dass der Talmud die Hundehaltung verbietet.
Daniel meinte, genau das sei der Grund, warum ja wohl kaum eine deutsche Nichtjüdin für ihn zum Judentum übertreten würde:
»Die werden doch hier nicht auf einen Hund verzichten?
Überleg mal!?
Auf Kinder vielleicht.
Aber auf Hunde?
Dabei sind das Probleme auf vier Pfoten. Eine Erfindung der Tierarzt-Lobby, damit die Leute mit sozialen Problemen abziehen können.
Irgendwelche Impfungen, Operationen, Medikamente. Alles, weil die Viecher total überzüchtet sind.
Und warum?
Weil es den Leuten hier zu gut geht.
Juden haben hier keine Hunde – nicht weil es halachisch verboten wäre – sondern weil wir noch richtige Probleme haben. Und Kinder. Oder beides. Oder eines, weil wir das andere haben.«

Schmulik hingegen war irritiert. Wegen Rabbi Silberzwajg. Weil der Rabbi selber einen Hund hatte.
Daniel meinte, der Rabbi habe vertraglich vereinbart, dass der Hund dem Nachbarn gehörte und außerdem sei sein Name»Chatul« – also »Katze«. Es sei im Grunde also gar kein Hund und wenn er einer wäre, gehöre er immer noch den Nachbarn.

Alex schaltete sich ein: »Denkt mal an die Schmocks, die ihren Hunden gelbe Sterne aufgeklebt haben wegen des Maulkorbgesetzes. Weil es ja ›Rassismus‹ gegen Hunde gäbe.«
Während Daniel und Schmulik noch nachdenklich nickten, hatte Alex die Sache schon vollständig durchdacht.
»So bekommen wir auch das mit dem Antisemitismus in den Griff. Wir nehmen ihnen das allerwertvollste…«
Daniel: »Wir führen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn ein?«

»Red keinen Blödsinn. Wir gehen an die Hunde!«
Mit »wir« meinte Alex sich und ein paar Helfer.
So wurde die Gruppe »Kelew« im Baruch-Goldstein-Gemeindezentrum gegründet.
Natürlich war sie geheim. Aber effektiv.

In ihrer ersten Botschaft an die Öffentlichkeit hieß es, für jeden antisemitischen Vorfall, werde ein Hund in einem Wald in Rumänien ausgesetzt. Da könnte der Hund dann mit anderen Hunden spielen. Ohne die medizinische Versorgung, von der Menschen in anderen Gegenden der Welt nur träumen können. Ohne zahnfleischpflegende Leckerlies, kein Futter mit Forelle und Lachs, kein laktosefreies Hundeeis, ohne Therapiesitzung und Farbberatung. Da wären sie einfach nur Tiere in der Natur.
Das war für viele Leser der Botschaft schon schwer zu ertragen.

Im zweiten Monat sollten es dann zwei Hunde pro Vorfall und im dritten Monat dann vier und im Folgemonat acht Hunde sein.
Zunächst nahm das niemand so richtig ernst. Aber als dann an einem Tag 64 Hunde verschwanden, machte man sich dann doch Sorgen.
Natürlich gab es »Experten«, die sich in den Medien »besorgt« zeigten und meinten, es gäbe »jüdischerseits nichts gegen Hunde einzuwenden« und Homestories über ihr Leben mit Hund machen ließen.

Aber es hat funktioniert.
Bei Pöbeleien in der U-Bahn sprangen Leute auf und warfen sich dazwischen: »Denkt doch an die Hunde! Macht doch keine Dummheiten!«
Auf der Straße wurden Halbstarke von Anwohnern zur Ruhe gerufen.
»Denkt an die Hunde!« hieß es überall.
Die Anzahl der Vorfälle ging rasant zurück. Jetzt ging es um etwas!
Sprayer wurden auf Hinterhöfen von Rentnern gestellt und gezwungen ihre antisemitischen Motive umgehend zu übermalen. Denkt doch an die Hunde!
Friedhöfe mussten nicht mehr abgeschlossen werden.

Nur Hundehasser würden noch Hatemails schreiben. Und wer das war, das wussten schnell alle in der Nachbarschaft!

Schmulik war fast etwas traurig, dass das nur ein Hirngespinst von Daniel war, dem alten Hundehasser.

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Unfassbare Bilder der Pogromnacht

In der Synagoge (Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Bei Twitter wurden zum 9. November unfassbare Bilder der Pogromnacht gepostet. Ein »Blick hinter die Kulissen« der Vorgänge um die Zerstörung der Synagoge, der Plünderung und Demütigung von jüdischen Familien in der Stadt. Es könnte die Synagoge von Fürth sein. Die Bilder stammen von einem Fotografen aus Nürnberg.

Grinsende Männer plündern eine Wohnung (in Fürth?) während des Novemberpogroms. Bilder von Elisheva Avital auf Twitter

Elisheva Avital hat Bilder veröffentlicht, die irgendwie in den Besitz ihres Großvaters gelangten. Vieles daran ist verstörend. Ich fand das Grinsen aller Beteiligten widerwärtig. Derzeit machen die Bilder auch bei facebook die Runde.

Da möglichst viele Menschen diese Bilder sehen sollten, gebe ich hier die Tweets wieder bzw. weiter:

Die Synagoge

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Jan Böhmermann ist kein Antisemit

Um das einmal ganz deutlich zu sagen: »Jan Böhmermann ist kein Antisemit«.

Und weil jetzt ein paar Lesern schon die Halsschlagader geplatzt ist, verpassen diese leider das »aber«: Aber er hat ein »Problem« mit Juden.
Genauer formuliert: Er hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden. Damit ist er nicht alleine in Deutschland.
Verbunden mit der Hybris, politisch immer auf der richtigen Seite zu sein; über jeden Vorwurf erhaben zu sein und immer genau das richtige zu meinen, kann der Output dann seltsame Blüten treiben.
So »darf« man auch ganz ironisch (seiner Meinung nach) in der Sendung einen jüdischen Gast explizit als solchen ansagen und seine Anwesenheit als Wiedergutmachung für die Schoah verkaufen (siehe hier). Wenn es darum geht, aktiv gegen Antisemitismus einzustehen und Auge in Auge Stellung zu beziehen, kneift er und bemüht zwei Juden. Aus seiner Sicht offenbar die geborenen Experten für das Gebiet.
Er gehört anscheinend zu den Leuten, bei denen das Wort JUDE (ja auch in Großbuchstaben) im Kopf erscheint, wenn sie mit jüdischen Menschen sprechen oder mit Leuten von denen klar ist, dass sie jüdisch sind – auch wenn Jüdischsein gar nicht Thema der Konversation oder des Zusammentreffens ist. »Cohen ist Ihr Name? Meine Großeltern hatte jüdische Nachbarn. Sind irgendwie weggekommen.«
Viele Jüdinnen und Juden können Geschichten darüber erzählen, was ihnen alles erzählt wird, wenn sie einmal »geoutet« worden sind.

Showauftritt Alles nur Fake?

Oben genannte Show-Situation beschrieb ich bereits in der Rezension von Oliver Polaks »Gegen Judenhass« – verbunden mit der Frage, warum er sich dem gut gelaunt ausgesetzt hat. Polak schildert aber noch eine andere Geschichte die sich widerlich liest. Zum einen, weil er (Polak) bei einer Comedyshow von der Bühne gejagt worden sei, verbunden mit dem Spruch »Juden schinden immer Zeit, damit sie hinterher Forderungen stellen können.« Zum anderen, weil Jan Böhmermann Desinfektionsmittel bereitgestellt hätte: »Habt Ihr den angefasst?« Dann bietet er anderen Comedians an, sich die Hände zu desinfizieren. Namen wurden keine genannt. Aber die Szenen waren nicht geheim, wer so ganz grob das Böhmermannsche Gesamtwerk kennt, konnte also leicht identifizieren, um welche Show es wohl ging und wer die anderen Comedians waren. Die Szene hat ein Twitternutzer herumgreicht, hier klicken.
Böhmermann schwieg zunächst zu beiden Situationen und schob dann einen schwachen Tweet hinterher. Polaks Buch über Antisemitismus nennt er darin locker ironisch »sensible Intellektuellenbiografie«.

Später äußern sich er und Serdar Somuncu (wer Hakenkreuz trug durfte sein Stück »Mein Kampf« angeblich gratis sehen), ein anderer Akteur der Szene, die übrigens in seiner Show spielte, darüber: Beide berichten davon, dass die Szene abgesprochen war. Hier ist Böhmermanns Sichtweise geschildert, hier Somuncus aus erster Hand. Über Polaks Auftritt beim »Neo Magazin Royale« wird nicht gesprochen.
Was beiden Schilderungen gemeinsam ist: Die Hybris derjenigen, die sich da äußern. Sie können gar nicht beschuldigt werden, weil sie sauber sind:

Zunächst warum Oliver Polak […] auf die Idee kommt, Jan Böhmermann und Klaas Heufer Umlauf und mich zu beschuldigen. Jan ist noch vor wenigen Wochen auf der ,,Unteilbar-Demo“ gegen rechts mitgelaufen. (Polak übrigens nicht) Klaas engagiert sich seit Jahren für „EXIT-Deutschland“, eine Bewegung für Aussteiger aus der rechten Szene. Jeder, der meine Arbeit verfolgt weiß, wo ich stehe.

Kurzum, wer sich so engagiert, kann gar kein Antisemit sein. Ich habe übrigens wenig Antisemiten getroffen, die sich selber als solche bezeichnet haben. 90% der Antisemiten sind der Meinung, sie seien keine. Damit soll nicht angedeutet werden, dass Somuncu einer ist. Das bedeutet nur, dass diese Art der Argumentation nicht greift. Zudem kann man sich durch Selbstentlastung diesem Vorwurf nicht entziehen – wenn der Vorwurf denn berechtigt ist. Antisemiten sind nicht zwangsläufig Anhänger rechter politischer Strömungen. Selbst bei »Unteilbar« sind Antisemiten mitgelaufen.

Somuncu weiß aber, wer Antisemit ist:

Der tatsächliche Antisemitismus liegt jedoch nicht darin, dass man seinen Kollegen vorwirft, Antisemiten zu sein, obwohl man selbst daran beteiligt war die Nummer zu schreiben, sondern er liegt darin, dass man im Nachhinein das Wort Jude, obwohl es in diesen Sketch noch nicht einmal ausgesprochen wurde, so negativ konnotiert, dass erst daraus eine skandalöse Situation entsteht.

Das ist zunächst einmal »Niemand-hat-Jude-gesagt-Mimimi«. Das hätte man eleganter lösen können – indem man einfach nur die Situation beschreibt. Aber damit nicht genug. Es entsteht ein regelrechter Rant in dem diese Formulierung verwendet wird:

Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb.

Auch hier findet man also die Aussage, Juden seien heute in Deutschland gesellschaftlich unantastbar – das Judesein ist ihr Schutzschild – das stimmt nicht und deshalb kratzt Somunucu hier an einem antisemitischen Vorurteil (im SPIEGEL konnte man kürzlich ähnliches lesen). Kann natürlich nicht sein. Somuncu ist ja anscheinend über jeden Zweifel erhaben. Gerade deshalb dürfte es zunehmend schwerfallen, Dritte zu überzeugen. Warum sollten sie nicht auch davon überzeugt sein, immer das richtige zu meinen und zu tun. Eine Spur Selbstreflexion sollte eigentlich gesellschaftlicher Konsens sein.

Und jetzt? Wer hat Recht?

Wer hat also Recht? Niemand natürlich. Das macht die Sache ja so komplex. Jan Böhmermann hat ein Problem mit der Wahrnehmung von Juden. Wenn er, wie er behauptet hat, »Desintegriert Euch!« von Max Czollek gelesen hat, hätte er vielleicht Empathie dafür entwickelt, dass man Juden nicht das Bild überstülpt, das man von ihnen hat. Die deutsche Gesellschaft soll jüdische Akteure nicht umklammern und diese sollen sich daraus lösen. So analysiert und schlussfolgert Czollek vollkommen zutreffend. Nur scheint die Lektüre bei Böhmermann nichts ausgelöst zu haben. Sonst wäre seine Reaktion auf den gesamten Themenkomplex vielleicht anders ausgefallen oder er hätte den Auftritt von Oliver Polak im Nachhinein anders bewertet.
Die Showsituation bei Somuncu scheint innerhalb des Diskurses stattgefunden zu haben, den er sonst auch fährt: Alle werden beleidigt, aber die Ebene auf der das stattfindet ist allen bewusst. Die Beleidigungen dienen dazu, die Armseligkeit des Beleidigenden zu demonstrieren und die Lächerlichkeit des sinnlosen Hasses. Soweit ist das ja wohl auch in Ordnung. Wenn das mit Polak abgesprochen war und keine Verabredung dazu, eine Person zu mobben, dann steht es schlecht um die Glaubwürdigkeit von Oliver Polaks Schilderungen. Damit natürlich auch um das, was Polak eigentlich mit dem Buch erreichen wollte.

Und um der Sache noch einen letzten Twist zu geben: Oliver Polak vorzuwerfen, er habe das Buch zu diesem speziellen Thema aus Geldgier Profitstreben gemacht – ein Subtext, den wir in Jan Böhmermanns Tweet und im Text von Somuncu finden, ist, sagen wir mal, schwierig bei dieser Gemengelage.
Wären sie umsichtige, stets richtig handelnden Menschen, wären sie der Sache vielleicht anders begegnet.

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Alles über uns – ein Kinderbuch

Woran mangelt es im jüdischen Deutschland? Ja, ok, falsche Frage. Die Antwort lautet meist: An allem außer Streit. Aber speziell? Wenn man Eltern fragt, oder Leute, die Eltern etwas schenken wollen?
Genau. An jüdischen Büchern zum Vorlesen. Zu kurzen Bilderbüchern habe ich häufig gehört, dass man diese improvisiert on the fly während des Vorlesens übersetzt. Solange die Kinder nicht lesen können, ist das auch kein Problem. Für diejenigen, die Wert auf eine religiösere Erziehung legen und Kinder im Vorschulalter haben, gibt es nun ein Buch mehr: »Alles über uns« von Dina Rosenfeld und Bildern von Patti Argoff. Das Buch zeigt verschiedene Körperteile des Menschen, etwa Füße, Ohren oder Augen und erklärt, wozu diese nützlich sind, wenn man jüdisch lebt. Mit den Füßen geht man Schabbat in die Synagoge, oder man läuft damit zu einem Freund, um ihm zu helfen. Mit den Ohren kann man die Megilla an Purim hören oder andere Mitzwot tun. Mit den Augen kann man das Licht der Hawdalahkerze betrachten und so weiter.
Das führt kleinere Kinder schon früh an bestimmte Symbole, Mitzwot und Zeiten heran, zeigt aber auch in Bildern, dass andere Familien und Kinder ebenfalls religiös (orthodox) leben. Mit anderen Worten: Normalität.

Glossar in »Alles über uns«

Für Familien, die noch nicht mit allen Begriffen etwas anfangen können, sind die Begriffe in einem Glossar erklärt. Bei Kinderbüchern eher selten. Aber hier merkt man vielleicht, dass das Buch aus dem Umfeld von Chabad stammt. Es zielt also auch auf »noch nicht« Menschen und öffnet die Tür. Insgesamt ist Chabad in letzter Zeit rege bei der Publikation deutschsprachiger Bücher.

Rückseite des Einbands

Der Umschlag ist stabil und die Seiten nicht zu dünn – was keine schlechte Eigenschaft von Vorlesebüchern ist. Insgesamt keine schlechte Ergänzung des deutschsprachigen Angebots.

Dina Rosenfeld, Patti Argoff »Alles über uns« Edition Books & Bagels, 2018, 28 Seiten, 11,70 €,
Link zu Books & Bagels
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Marc Chagall in Münster

Picasso-Museum eröffnet Chagall-Ausstellung: Foto Jürgen Peperhowe

Aus der Dummheit des Facebook-Algorithmus zur Bewertung von Werbeanzeigen hat das Picasso-Museum Münster reines Marketinggold schürfen können:
Das Museum reichte einen Film ein, um diesen als gezielte Werbung einer Zielgruppe zeigen zu können. In besagtem Film wurde das Museum gezeigt und ein paar Bilder aus der Ausstellung. Auch einen Akt – den »Akt über Witebsk«. Übrigens ein Bild, welches man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Es ist nämlich in Privatbesitz.
Facebook möchte aber nichts nacktes zeigen, auch nicht, wenn es sich um Kunst handelt, und deshalb das Ausrollen der Anzeige verhindert. Das wurde bekannt.
Nicht nur in den sozialen Netzwerken.
Schnell berichtete sogar das Radio darüber und das Museum erreichte mehr Leute als eigentlich beabsichtigt — das ist auch gut so.

Chagall? Das ist doch Kitsch?!

Gut so? Chagall ist doch Kitsch?
Das stimmt – Chagall kratzt zuweilen hart am Kitsch vorbei. Das liegt aber vielleicht nicht an seiner Kunst, sondern an deren Wahrnehmung und der Präsentation der immer gleichen Bilder. Natürlich auch an den Phrasen, die man dazu dreschen kann – dazu gleich mehr.

Dass wir nicht auf diese Schiene gesetzt werden, dafür sorgen (aus meiner Sicht) die Bilder (meist sind es Radierungen) zum Tanach, die hier mit ihren jeweiligen Studien dargestellt werden. Jedes der Bilder erzählt eine vollständige Geschichte – der aufmerksame Betrachter merkt an Details, dass Chagall in einer Welt aufgewachsen ist, in der die Torah und der Tanach nicht ohne Raschi oder Midrasch gelesen worden sind. Eigentlich sind sie selber schon fast Midrasch. Das »Gebet des Jesaja« wurde übrigens zuvor noch nirgends gezeigt.
Sie sind eine Art Prolog zu den Bildern in der charakteristischen Farbgebung, etwa von Witebsk oder Paris.
Der »Akt über Witebsk« wurde ja bereits angesprochen. Unter den 120 Gemälden, kolorierten Zeichnungen oder Grafiken sind nicht die Bilder, die man schon so häufig auf Postkarten oder Prints gesehen hat. Der Geigenspieler fehlt also.

Zurück zu den beliebtesten Phrasen. Immer wieder hört man, wie die Betrachter, von den Symbolen auf den Bildern sprechen, oder der Traumwelt, die sie repräsentieren. Nun, die Ausstellung heißt »Der wache Träumer«. Die Ausstellungsmacher haben das also durchaus vorgesehen:

»…taucht die Ausstellung tief in Marc Chagalls phantastische Traumwelt ein und spürt zugleich seinen Inspirationsquellen in der realen Welt nach.«

Richtig interessant wird das, wenn man Chagall selber etwas dazu sagen lässt. Etwa, wenn man dem ein Zitat aus Chagalls »Selbstbiographie« im Heft »Menorah« (»Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur«):

»Es gibt in meiner Kunst weder Phantastisches noch Symbolisches. Ich habe für Wahnsinn nichts übrig – ich mache vertrauensvoll und ohne jede Lust zu Exzessen das für die Konstruktion meines Bildes Erforderliche, indem ich in eine Leere einen Körper oder – je nach meiner Laune – einen Gegenstand stelle.«

Aus: Selbstbiographie, Menorah 5. Jahrgang, Heft 1 (Januar 1927), Seiten 3-4

Was also nun Betrachter?
Die Bilder sind Kompositionen aus verschiedenen Elementen. Es scheint keine Gewichtung der Elemente zu geben. Belebtes oder unbelebtes Element – das spielt keine Rolle. Der Akt über Witebsk erscheint also nur deshalb am Himmel über der Stadt, weil dort einfach noch Platz war. Anscheinend.

Marc Chagall, Braut mit zwei Gesichtern, 1927 (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Antwort auf diese Frage kann man sich durch den Kopf gehen lassen, während man sich die Ausstellung in Münster anschaut. Etwa, oben gezeigte, »Braut mit den zwei Gesichtern«. Anschauen sollte man sich die Ausstellung auf jeden Fall. Sowieso kann man sich dabei Münster anschauen.

Die Ausstellung Der wache Träumer ist noch bis zum 20. Januar 2019 im Picasso-Museum Münster zu sehen.