Artikel

Von Nackensteaks und Tomaten

In einer fiktionalen Welt würde ein großes Interview – in einem der reichweitenstärksten Magazine des Landes – eine große Diskussion mit einem Knall beenden. Keine Fragen wären übrig. Alle Kritiker beschämt. Alle enttäuschten Fans versöhnt. Die – jetzt folgende – Wendung in diesem Text hier war erwartbar: Wir leben natürlich nicht in einer fiktionalen Welt. Weniger erwartbar war, dass Dr. Max Czollek im November dem SPIEGEL ein Interview gegeben hat und sein Interview nicht dazu genutzt hat, Kritiker und Freunde zu überraschen. Das Interview ist übrigens betitelt mit »Maxim Biller und ich sind uns so ähnlich wie ein Nackensteak und eine Fleischtomate«. Ist ein Nackensteak nicht immer vom Schwein? Aber das nur am Rande.
Wir spulen ganz kurz zurück (die gesamte Diskussion hier):
Als er in (s)einem Tweet den Inhalt eines privaten Gesprächs mit dem Autoren Maxim Biller offengelegt hat – vielleicht aus Kränkung – konnte er die folgende Entwicklung anscheinend nicht vorhersehen und die entstehende Dynamik nicht erkennen. Bei knapp 37.000 Followern bei Twitter allerdings verwunderlich, dieses Werkzeug der Massenkommunikation so zu unterschätzen. Im SPIEGEL-Interview sagt er übrigens, es folgte ein »Shitstorm«, der »durch die Printmedien und Radiostationen fegte«. Er meinte die öffentliche Diskussion, die er angestoßen hatte: »Patrilinearität« sagte plötzlich auch nichtjüdischen Kulturredakteuren etwas. Kaum ein überregionales Blatt wollte auf einen Bissen vom »Jüdische-Identität-Bagel« verzichten.

Eine Diskussion über Vaterjuden?

»Patrilinearität« war das Label, dass sich Czollek in seinem Tweet mit dem Hashtag verpasste. Nur: Das Label passte nicht zu ihm. Das war zuvor kein großes Thema, aber durch sein Aufgreifen dann doch eines und leider wurden auch hier Details veröffentlicht. Das stand am Ende der Diskussion um Patrilinearität – bei der es nicht immer um nur um Max Czollek ging – auch wurde hitzig über die Töchter und Söhne von jüdischen Vätern (ohne jüdische Mutter) diskutiert – als sei das Thema neu für die jüdische Community in Deutschland.
Dem hält Max Czollek im Interview trotzig entgegen: »Ich bin Jude«. Natürlich kann er das sagen, aber er muss dann aber auch die Definition mitliefern, wer denn nun Jüdin oder Jude ist. Eines ist der Community klar: Eine Selbstdefinition reicht nicht aus. »Ja, na klar fühle ich mich jüdisch« mag für das eigene Befinden ausreichen – im Zusammenspiel mit anderen Jüdinnen und Juden gelten dann aber Absprachen.

Die Dramaturgie des Interviews im SPIEGEL sieht das sogar vor. Der Redakteur Tobias Becker (der Czollek seit 2018 kennt) fragt nach:

Wie lautet denn Ihre Definition?

SPIEGEL online

Und Czollek antwortet:

Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat ich war, fördert die ganze Vielfalt jüdischer Realitäten, was natürlich über die Halacha hinausgeht.

SPIEGEL online

Zur Verdeutlichung: Es geht um eine Definition.
Wenn also Naturwissenschaftler A sagt: »Dieses Ergebnis entspricht der Definition« und Wissenschaftler B fragt zurück: »Wie lautet die Definition?« – dann ist die Antwort »Wissenschaftler C sieht es wie ich« keine ausreichende Begründung. Der Verweis auf das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat Czollek war und in dessen Beirat er heute sitzt, sagt eigentlich nichts.

Interviewer Tobias Becker arbeitet mit und bereitet schon über die Frage ein gewisses Setting sorgfältig vor, denn er fragt nach traditionellen jüdischen Definitionen (und nicht unbefangen nach einer jüdischen):

Nach traditioneller halachischer Definition war schon Ihr Vater kein Jude.

SPIEGEL online

Hier kommen wir zu einem Punkt, den man zunächst für ein Missverständnis halten könnte: Max Czollek geht davon aus, dass die jüdische Zivilisation (diese Definition von Mordecai Kaplans Definition des Am Jisrael ist nicht unattraktiv, man könnte auch mit Rabbiner Steinsaltz schreiben »Familie«) in eine religiöse und eine kulturelle Sphäre zerfällt. Dabei übersieht er, dass das Konzept von Religion auf das Judentum nicht uneingeschränkt anwendbar ist (und eigentlich eine christliche Kategorie ist).
Wenn man aber ihm jedoch aufmerksam zuhört, dann könnte es auch Programm sein:

Ich habe nie probiert, Teil einer Gemeinde und damit Teil des religiösen Judentums zu werden. Und plötzlich treten Leute auf und halten mir die religiöse Definition vor, als sei das die einzige jüdische Lebensrealität in Deutschland. Sie ist es nicht. Ich komme aus einer Familie, für deren jüdischen Teil der Zentralrat nie eine Rolle gespielt hat, denn der war ja in Westdeutschland.

SPIEGEL online

Die Absicht dahinter scheint zu sein, eine Art von Establishment zu konstruieren gegen das aufgestanden werden muss. Moderne (progressive, nicht im Sinne von jüdisch-liberal) Jüdinnen und Juden gegen die konservativen, ja religiösen Jüdinnen und Juden. Ganz nebenbei wird angedeutet, dass es schlecht ist, sich der Halacha verpflichtet zu fühlen.
Und warum?
Weil die Halacha, laut Czollek, ein »sehr religiöses« Gesetz ist und wer sich der Halacha verpflichtet fühlt, der scheint Homosexuelle steinigen zu wollen:

Die Halacha regelt zum Beispiel auch, welche Konsequenzen Homosexualität haben sollte. Nämlich die Todesstrafe. Die Halacha ist ein sehr religiöses, sehr konservatives Gesetz, mit dem man modern umgehen sollte.

SPIEGEL online

Der Satz demonstriert – ziemlich eindrücklich – dass Czollek entweder nicht sonderlich viel über die Halacha weiß, oder sie absichtlich falsch und verkürzt darstellt. Da könnte er eigentlich den Direktor des genannten Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk fragen, der in diesen Tagen das Vorwort für ein Buch mit dem Titel »Jüdisches Religionsgesetz heute« verfasst hat (»Religionsgesetz« ist das nichtjüdische umschreibende Wort für Halacha). Vielleicht ist die Todesstrafe für Homosexualität ja in dem Buch Thema. Mit seiner Beschreibung der Halacha als konservativem, ja anscheinend grausamen, Gesetz könnte man auch an die (immer seltener werdende) christliche Verzerrung des »jüdischen Gesetzes« denken. Nicht freundlich.

In der folgenden Diskussion wurden von den Redaktionen Vertreter aller Richtungen angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Die Wahrnehmung Czolleks ist also etwas verengt:

Wenn eine nichtjüdische deutsche Medienöffentlichkeit vor allem religiös argumentierenden Stimmen Raum bietet, dann macht sie die Anerkennung der neuen jüdischen Lebendigkeit schwerer, als es sein müsste.

SPIEGEL online

Wer die Liste mit allen Beiträgen zur Debatte aufmerksam durchgeht (hier zu finden), wird feststellen, dass diese Beobachtung nicht zutreffend ist. Sie ist eine geschickte Konstruktion, mit deren Hilfe sich Czollek zum Sprecher dieser neue jüdischen Lebendigkeit (es gibt anscheinend auch eine alte) macht. Aber diese neue Lebendigkeit definiert sich ausschließlich selber und einige (!) der Initiativen werden übrigens auch durch den Zentralrat mitfinanziert. Ebenso verhält es sich mit dem Themenkomplex Patrilinearität. Durch den Hashtag hat er die Diskussion darüber für seine Zwecke genutzt. Dabei wäre es – ganz nebenbei erwähnt – interessant, den Betroffenen zuzuhören und ihnen die Möglichkeit zu geben, sichtbar zu werden. Vielleicht sollte man das Buch »Väter unser« von Ruth Zeifert an dieser Stelle erwähnen…

Wir erleben also keinesfalls eine Emanzipation neuer jüdischer Lebendigkeit. Wir erleben die Konstruktion eines neuen Judentums für die nichtjüdische Öffentlichkeit. Ein leicht zugängliches, nicht fremdes (das erklärt vielleicht, woher Philipp Gessler vom evangelischen Zeitzeichen-Magazin seine Idee eines Judentums hat, das nicht zu fremd und nicht zu halachisch ist). Eines, das Gedächtnistheater zurückweist, aber zugleich umgänglich ist. Ein wenig Revolution und Abgrenzung, aber viel Mitmachpotential für alle. Das Spannungsfeld von »Desintegration« als Befreiungsschlag von der Umklammerung des Jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit – in der deutschen Öffentlichkeit für diese Zielgruppe ist jedenfalls recht viel Bühne.
Czolleks Autorität für diese Position bezog er aus seiner Identität – die nun von Teilen der jüdischen Community eher kritisch betrachtet wird – siehe dazu auch den Beitrag von Jana Hensel in der ZEIT.

Das tragische Ergebnis eines Tweets

Dies alles ist das tragische Ergebnis eines einzigen Tweets an zahlreiche Follower, der eigentlich nur sagen wollte: »Hey, ich habe mit Maxim Biller gesprochen.« Seiner Popularität bei seinen Anhängern wird es nicht schaden, das SPIEGEL-Interview trägt aber nicht dazu bei, andere auf seine Seite zu ziehen. Es hat nun einige Journalisten und Feuilletonisten zum Widerspruch animiert. Wenn er seiner eigenen Beschreibung des jüdischen Lebens in Deutschland »(…) weil nicht nur die Gesellschaft pluraler wird, sondern auch das Judentum« folgt, müsste er diese Pluralität anerkennen und nicht einem Teil der Community bescheinigen, dass sie eine Agenda habe, nämlich »linke und progressive Positionen«, für die er stehe »an den Rand zu drängen«. Zirkelbezug (man kennt das auch Excel): Indem man seine Nichtdefinition dessen, was jüdische Identität ist, zurückweist?


Letztendlich ist es vielleicht so, dass es weniger um Patrilinearität oder ein neues lebendiges Judentum geht, sondern etwas mehr um die Festigung der eigenen Position und Sichtbarkeit?
Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Das Interview war nicht der allerbeste Move für eine Beruhigung der Angelegenheit.

Artikel

Ratschlag zurück

Lieber Phillipp, also ich denke, ich darf Philipp schreiben, immerhin hast Du den Jüdinnen und Juden in Deutschland (und dem Zentralrat der Juden in Deutschland) einen väterlichen Rat erteilt und das hat uns ja schon in eine Art Beziehung gebracht und was wäre das für eine Beziehung, wenn wir nicht auf Augenhöhe kommunizieren könnten? Du bist Redakteur des Magazins »Zeitzeichen« – des Kulturmagazins der evangelischen Kirche und es liegt doch nahe zu fragen, woher die Berufung kommt, Jüdinnen und Juden über ihre Tradition zu belehren?

Es gab einen Grund dafür, dass einige Vertreter aus der jüdischen Community gefordert haben, eine Diskussion über die Zugehörigkeit zum Judentum solle innerhalb der Community geführt werden und nicht über die Medien des Landes (Übersicht hier). Das Potential für Verletzungen und Missverständnisse ist schon innerhalb der eigenen Gemeinschaft recht groß, wenn dann noch Sprecher hinzutreten, die sich darab abarbeiten wollen, von welchem Judentum sie träumen, dann wird es unübersichtlich. Aber kommen wir zu Deinem Anliegen. Offenbar sorgst Du Dich darum, dass im Judentum die Prioritäten verschoben sind und rückst sie wieder zurecht und informierst uns darüber, warum das matrilineare Prinzip nicht mehr aktuell ist.

Es ist vormodern, schreibst Du. Jüdinnen und Juden mit Bezug zur Halachah sind nicht in der Moderne angekommen?

Das hatte in vormodernen Zeiten eine zwingende Logik, ist aber rein biologistisch und traditionell gedacht.

zeitzeichen.net

Dass es biologistisch gedacht ist, ist ein interessanter Vorwurf. Es könnte darauf hindeuten, dass Jüdinnen und Juden unterstellt wird, sie seien ausschließlich Anhänger (heute heißt das Follower) einer Religion. Das ist nicht richtig. Judentum ist auch Zugehörigkeit zum jüdischen Volk.

Es widerspricht dem heutigen Leben und einer kulturell-familiären Interpretation des Judentums, die in einer zunehmend säkularen jüdischen Gemeinschaft immer wichtiger wird.

zeitzeichen.net

Das ist ein interessant. Diese Interpretation ist gut, während eine andere schlecht ist. Welche sollte das sein, fragen wir uns. Danke, dass Du diese Frage beantwortest:

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“ öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein.

zeitzeichen.net

Lesen wir das noch einmal genau:

  1. Der Zentralrat soll (gemeint ist wohl die jüdische Gemeinschaft), Deiner Meinung nach, eine andere Definition von »Wer ist Jude« anwenden. Was soll man dazu sagen? Das ist eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft. Ich sehe aber durchscheinen, dass Du Dir ein anderes, weniger religiöses, Judentum wünschst. Vielleicht, weil es nicht so anstrengend ist? Weil es nicht so fremd ist? Was passiert, wenn Jüdinnen und Juden das nicht tun?
  2. Die »zu enge Auslegung religiöser Gesetze« unterstellt Fundamentalismus – freilich ohne das Wort zu nutzen. Es ist nur freundlich formuliert. Wer also die Interpretation von Phillipp Gessler der Halachah nicht teilt, ist ein Hardliner? Die letzten 2.000 Jahre sind Jüdinnen und Juden mit dem Ausloten der halachischen Grenzen ganz gut alleine zurechtgekommen.
  3. Info: Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist keine religiöse Einrichtung – er ist der Dachverband der Jüdischen Gemeinden Deutschlands. Er ist kein rabbinisches Gericht und klärt keine Statusfragen.

Der Versuch der Kirchen, jüdische Inhalte zu korrigieren ist, historisch betrachtet, nicht immer so richtig gut gelaufen. Allein dieser Grund hätte ausgereicht, sich die Zeilen einfach zu verkneifen. Jüdinnen und Juden leben das Judentum und füllen es mit Sinn und Inhalt. Es ist keine Projektionsfläche.

Kommen wir noch zu einem Punkt:

Auch nach dem Holocaust fragte niemand in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik so genau nach, ob nun jemand eine  jüdische Mutter oder „nur“ einen jüdischen Vater habe – die glücklich überlebte Verfolgung durch die Nazis war Ausweis des Judentums genug, und das völlig zurecht.

zeitzeichen.net

Ich verkneife mir den Hinweis darauf, WER hier mit WEM über WAS spricht und WER das bewertet.

Da Du Dir ja Gedanken um das Judentum in Deutschland machst: Vielleicht könntest Du einfach in Deinem Einflussbereich etwas tun? Ja, ich weiß, es gibt diese »Juden sind nicht fremd« Kampagne der Kirchen. Das war alles nett gemeint, aber was, wenn Jüdinnen und Juden am Ende doch ihre eigene Meinung und Haltung zu den Dingen haben?
Vielleicht hast Du es schon gehört: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. Das wird nicht so richtig ernstgenommen. Jüdinnen und Juden müssen sich damit beschäftigen, würden aber vielleicht einfach in Ruhe untereinander vollkommen banale Dinge diskutieren. Kirchenfassaden, auch die evangelischer Kirchen, zeigen noch antisemitische Abbildungen. Beginnen wir doch damit.

Und eines noch: Bitte nicht wieder.

Artikel

Hashtag Patrilinear

Wer hätte gedacht, dass die Aufregung, die auf einen Tweet folgte, der einen Teil eines privaten Gesprächs abbildete, große Kreise zieht und ein nichtjüdisches Publikum über Wochen entertaint und ihnen das Versprechen gibt, dass es noch Jüdinnen und Juden gibt, die nicht so sehr fremd sind, wie andere?
Die verschiedenen Mitspieler und die verschiedenen Motive sind schwer zu identifizieren. Hier die aufgeklärten lockeren Vertreter eines kompatiblen Judentum zur nichtjüdischen deutschen Öffentlichkeit und dort, die Jüdinnen und Juden, die daran festhalten, dass das Judentum nicht die Aufgabe hat, zu gefallen. Wieder andere bringen sich ins Spiel, um wahrgenommen zu werden und einfach mal als jüdischer Akteur, als jüdische Akteurin, gesehen zu werden. Die »großen« Namen (oder die als groß gelten möchten) nutzen die Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass es keine innerjüdische Diskussion bleibt. Übrigens ist dabei alles gesagt zum Thema Vaterjuden (Patrilinearität) – jedenfalls halachisch. Offen blieben noch Diskussionen zur Zugänglichkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland. Aber auch tat sich langsam etwas. Irritierend an der Diskussion war, dass Druck auf diejenigen aufgebaut werden soll, die sich der Halachah verpflichtet fühlen – das betrifft übrigens in Deutschland alle Strömungen des Judentums: die Netten gegen die Bösen.
Diese Dokumentation der Auseinandersetzung, die sehr subjektiv kommentiert ist, soll der Leserin und dem Leser dienen, die einzelnen Stränge nachzuvollziehen und sich ein Bild von der gesamten Angelegenheit zu machen. Sicherlich werden weitere Links folgen.

Max Czollek öffnete den Vorhang für das gesamte Spiel am 20. Juli 2021 – dieses Detail sollte man bei einer Bewertung nicht übersehen, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, es handele sich bei der Angelegenheit um eine Kampagne:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear

Twitter, @rubenmcloop

Anscheinend erreichte die (gewünschte?) Aufregung schnell den angesprochenen Maxim Biller. Obwohl er Twitter nicht nutzt, schwappte die Aufregung der Leserinnen und Leser schnell über das Medium Twitter hinaus. Biller nutzte für eine Antwort (am 12.08.2021) seine Kolumne in der ZEIT, um darauf einzugehen:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt.

ZEIT, 12.08.2021

Maxim Biller legte den Finger in seinem Biller-Style (siehe auch hier) in eine offene Wunde und sicherte sich sein Alleinstellungsmerkmal jüdischer Schriftsteller in Deutschland. Zugleich wies er darauf hin: Nicht patrilinear wäre man, wenn der Vater des Vaters jüdisch war. Biller war der zehnte Mann, der die Synagoge verlässt und damit den Minjan aufhebt: Aufmerksamkeit und Rage garantiert. Plötzlich ging es um Solidarität mit Max Czollek und eine öffentliche Diskussion eines halachischen Themas. Über den Zusammenhang von Halachah und jüdischer Kultur haben Juna Grossmann und meine Wenigkeit bei »Anti und Semitisch« etwas gesagt. Hier abrufbar (Podcast, 01.09.2021). Maxim Biller hat sich danach übrigens dazu nicht mehr gemeldet.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, nutzt die Gunst der Stunde, um mit der Halachah abzurechnen. Dass das Judentum von der Mutter weitergegeben werde, sei nicht mehr zeitgemäß und überhaupt, sei Deutschland doch die Wiege des liberalen Judentums gewesen – sicher hätte dies heute diese Themen anders bewertet. ZEIT, 18.08.2021
Der Text erweckte den Eindruck, über das Prinzip der Matrilinearität zu berichten, gab aber im Grunde die Sichtweise von Meron Mendel wieder. Im Radio konnte er seine Sicht dann ebenfalls darlegen: rbb Kultur vom 14.09.2021.

Die Jüdische Allgemeine griff die Debatte Ende August auf. Dr. Josef Schuster muss viele Anfragen zu dem Thema erhalten haben, denn er veröffentlichte über die Jüdische Allgemeine einen Meinungsbeitrag: »Nach den Regeln der Religion« juedische-allgemeine.de (24.08.2021).
Die Jüdische Allgemeine befragte sechs Vertreter nach ihrer Haltung zu dem Thema: die Autorin Lena Gorelik, Rabbiner Arie Folger, die ehemalige Leiterin eines Jugendzentrums Margarita Khomenker, dem Jugendreferenten der ZWST Nachumi Rosenblatt, der Journalistin Esther Schapira und dem Rabbiner Andrew Steiman. juedische-allgemeine.de (26.08.2021). Rabbiner Steimans Haltung ist detaillierter auch bei »Anti und Semitisch« nachzuhören.

Fast zeitgleich zum Podcast veröffentliche das Deutschlandradio einen Beitrag von Ofer Waldman : »Wer gilt als Jude und wer darf als solcher reden?« deutschlandfunkkultur.de (01.09.2021) Waldman führt die Nürnberger Rassengesetze in die Diskussion ein und macht es etwas schwieriger, die Debatte sachlich zu führen. Aber Spoiler: Nicht die Gegner des Judentums definieren wer Jüdin oder Jude ist, sondern die jüdische Gemeinschaft selber. Für Antisemiten kann jede und jeder zum Juden oder zur Jüdin erklärt werden. Antisemitische Phantasien, nach denen Christian Drosten oder Angela Merkel Juden sind, existieren draußen jede Menge.

Mirna Funk nutzte Beginn September die Möglichkeit, gelesen und gesehen zu werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (faz.net 02.09.2021) schrieb sie über ein Treffen mit Maxim Biller und einem mit Max Czollek. In aller Inkonsequenz weist sie darauf hin, dass die Diskussion eigentlich eine jüdische sei, fährt dann aber dennoch fort und unterrichtet die Leserinnen und Leser darüber, dass die Halachah ein Gesetzbuch sei. Das würde bedeuten, sie sei kein lebendiger Organismus…und das verkennt den Charakter der Halachah komplett.

Halachah als Gesetzbuch

Am 5. September 2021 hatte Meron Mendel dann Gelegenheit, in einem Streitgespräch mit Dr. Josef Schuster für die ZEIT, seine Thesen teilweise zu wiederholen und Dr. Schuster konnte darauf hinweisen, dass die Diskussion eigentlich eine innerjüdische ist. ZEIT.de

In der Berliner Zeitung stellte sich Michal Bodemann an die Seite von Max Czollek. berliner-zeitung.de (02.09.2021) Er bringt ein Verfolgungsargument vor und erwähnt als einer der wenigen Autoren, die Lage der Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und ein Problem hatten: Galt dort »jüdisch« als Nationalität, so wurden Menschen zu Jüdinnen und Juden ohne halachisch jüdisch zu sein. Auch Erica Zingher geht in ihrem Artikel über das Thema auf diesen Themenkomplex ein (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«:

30 Jahre nach dem Beginn der Einwanderung von säkularen postsowjetischen Jüdinnen und Juden fokussiert man sich lieber auf Befindlichkeiten einzelner Personen, anstatt Probleme und Realitäten normaler Menschen zu thematisieren.

Erica Zingher (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«

In der taz hat sich auch Professor Micha Brumlik (siehe auch Update vom 30.09.2021) geäußert und – neben einer historischen Betrachtung – sich auch für eine praktische Seite ausgesprochen (taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«:

Das heißt heute praktisch, dass die liberale, die Allgemeine Rabbiner Konferenz in Deutschland Menschen, die einen jüdischen Vater haben und die von ihm auch jüdisch erzogen wurden, einen erleichterten, niedrigschwelligen Übertritt anbietet. Der Autor dieser Zeilen hält genau diese Regelung für vernünftig und richtig. Haben doch Rituale – so der Übertritt – ihren guten Sinn: Sie bekräftigen nach anerkannten symbolischen Regeln einen Status oder eine Haltung, sind also mehr als nur Ausdruck einer individuellen Entscheidung, sondern zugleich Ausdruck einer intersubjektiven Anerkennung der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft.

(taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«

Damit wendet sich Brumlik gegen Ronen Steinke, der auf twitter behauptete:

Uff, ernsthaft? Unsäglich, wie hier Josef Schuster meint, ⁦@rubenmcloop⁩ sei als Vaterjude nicht jüdisch genug. Ich finde, das entscheidet mal schön jeder selbst, ob er/sie jüdisch ist – und alle anderen respektieren‘s und sind ruhig. https://t.co/XrIbqa2INA

Ronen Steinke auf twitter, @RonenSteinke

Einer der Rabbiner der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Andreas Nachama, wurde zu der gesamten Angelegenheit für das Blog die Eule interviewt. »Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021. Er beschreibt die Problemstellung einem christlichen Gegenüber. Interessant ist übrigens die Einschätzung, der Tanach kenne nur das patrilineare Prinzip. Das ist nicht unbedingt Konsens und lässt sich auch anders darstellen:

Na ja, die Halacha ist das eine, wenn sie die Bibel aufschlagen, haben sie das andere. Da ist alles patrilinear. Das Judentum hat erst später zur matrilinearen Praxis gefunden, weil man keine Vaterschaftstests machen konnte.

Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021

Im Allgemeinen gibt er aber einen Einblick für den eingeschüchterten Beobachter.

Eine Stimme, die eine Aufweichung des matrilinearen Prinzips fordert, ist Debora Antmann. In ihrer Kolumne für das Missy Magazine (»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021) schreibt sie (unter anderem):

Diese völlige Fixierung auf religiöses und vor allem orthodoxes Judentum, es so selbstverständlich als Norm zu setzen, ist eine Folge der Ausrottung sämtlicher jüdischer Vielfalt in Europa. 

»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021

Es ist problematisch, so zu tun, als ginge es hier um den Kaschrut-Stempel eines Rabbiners einer Bewegung, dem man nicht vertraut oder den man nicht benötigt, weil man nicht observant sei (siehe/höre »Anti und Semitisch«). Jüdische Identität ist nicht ohne den Kern des Judentums denkbar, ob man sich davon abgrenzt, oder nicht. Auf der anderen Seite schreibt sie über das Judentum, das sie kennengelernt hat und das hoffentlich weitergegeben wird.

Nun kam die Zeit der konservativeren Vertreter. Jacques Schuster von der WELT titelte »Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein« (welt.de 06.09.2021). Michael Wolffsohn nutzte die Bühne der NZZ (10.09.2021): »Wird hier Judenpolizei gespielt? Nein! Es ist ganz einfach: Du sollst nicht lügen.«:

Anders als Max Czollek gab sich Wolf Biermann nie als Jude aus, und nie hat er sein Image durch Jüdeln vergoldet oder in die Welt trompetet. Das hatte Biermann auch nicht nötig. Biermann ist Biermann, und Reif ist Reif – mit und ohne Judentum.

nzz.ch 10.09.2021

Einer der angesprochenen äußerte sich ebenfalls in einer Schweizer Zeitung. Wolf Biermann schrieb für den Tachles über die Angelegenheit: »Jude oder Jude?« (Tachles, 17.09.2021)

Früher begegnete man Rafael Seligmann häufiger in den Medien. Gerne wurde er zu jüdischen Themen befragt. Nun bekam er im Cicero die Möglichkeit, die Causa zu beleuchten. »Erbarmen mit Musterjuden« cicero.de, 05.09.2021 Nicht zufällig eine Anspielung auf Seligmanns eigenes Werk.

Jemand, der auch wahrgenommen werden möchte, ist der Autor Tuvia Tenenbom. Ein Garant für saftige Sprüche und provokative Texte, aber nicht für inhaltliche Tiefe. Im gab Spiegel-Online die Möglichkeit, seine Meinung zu der Angelegenheit zu veröffentlichen. spiegel.de (13.09.2021)

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel (tagesspiegel.de 15.09.2021) sieht eine rechtskonservative Instrumentalisierung der Diskussion. Ähnlich sah es Hanno Loewy (Leiter des Jüdischen Museums Hohenems) in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur (deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021):

Diese Wut der Angriffe auf Max Czollek ist nur darüber erklärbar, dass er offenkundig mit seinen Positionen aneckt und Leute provoziert und das ist etwas, dass man eigentlich aushalten muss.

Hanno Loewy deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021

Ein offener Brief (renk, 14.09.2021) geht in eine ähnliche Richtung. Dieser ist hier nachzulesen.

Am Tag nach Jom Kippur erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein umfangreicher Text von Nele Pollatschek »Unter Gaffern«:

Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen.

sueddeutsche.de 17.09.2021

Lediglich die BUNTE scheint noch keinen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht zu haben.
Updates folgen.

Update 22.09.2021

Ein interessanter Satz fiel im Deutschlandfunk:

„Wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass Halacha heute für die meisten Juden außerhalb Israels keine Relevanz mehr hat“, sagt Sandra Anusiewicz-Baer.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Gesagt hat ihn Dr. Sandra Anusiewicz-Baer, die am Zacharias Frankel College lehrt und die konservative (Masorti) Rabbinerausbildung leitet. Aber sie fährt fort:

Wo Halacha jedoch Bedeutung beansprucht und Relevanz, ist in der Statusdefinition.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Das hinterlässt uns zunächst einmal ratlos, aber zugleich versichert man den Zuhörern, dass Statusentscheidungen weiterhin auf der Halacha basieren und Identität hingegen ein vollkommen anderes Konzept ist.

Susan Neiman, die Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, veröffentlichte ebenfalls ihren Blick auf das Zusammenspiel und hätte vielleicht eine solche Artikelzusammenstellung verwenden können um zu erkennen, dass schon einige Akteure Zusammenfassungen verfasst haben: »Wie auf Max Czollek geschossen wird, ist eine Schande« (Berliner Zeitung, 22.09.2021). Die Dramatikerin Sascha Marianna Salzmann meldete sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Artikel »Wir müssen uns gegenseitig aushalten« (faz.net, 14.09.2021):

Minderheiten sind manchmal ganz unterhaltsam. Vor allem wenn sie aufeinander losgehen. … Minderheit zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, einer von wenigen zu sein, doch es bedeutet stets, weniger Platz in der öffentlichen Meinungsarena einzunehmen. Es gibt eben nur eine überschaubare Anzahl von Mikrofonen, die Hauptrollen sind schnell aus der Mehrheitsgesellschaft besetzt.

Sascha Marianna Salzmann, faz.net, 14.09.2021

Was nicht erwähnt wird ist, dass jüdische Themen durchaus in der Öffentlichkeit verhandelt werden und dass es auch Akteure gibt, die sich damit ganz gut Präsenz verschaffen. Diese Auflistung aller Artikel und Beiträge zeigt ja, dass jüdische Themen in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Good for the Jews?

Update 23.09.2021

Deniz Yücel holt in der Welt (welt.de, 23.09.2021) zu einem großen Wurf aus und hinterfragt einen offenen Brief (siehe oben) der sich mit Max Czollek solidarisiert:

Was sonst zu jedem Brief gehört, fehlt völlig: der Empfänger. Klar scheint nur das Thema: eine Debatte. Und zwar eine, von der es heißt, sie habe mit einer Kolumne von Maxim Biller in der „Zeit“ begonnen.

welt.de, 23.09.2021

Und auch Yücel fällt auf, dass stets behauptet wird, Biller habe den Beef begonnen und weist auf den ursprünglichen Auslöser hin und beobachtet aufmerksam das Solidarisierungsspiel.

Update 24.09.2021

Valerie Wendenburg nimmt die gesamte Diskussion zum Anlass, die Thematik »Patrilinearität« für die Schweiz zu beleuchten: »Die anderen Juden« (tachles.ch, 24.09.2021)

Update 30.09.2021

Micha Brumlik publiziert mehrfach zum Thema (siehe oben schon): Auch er greift den offenen Brief ohne Adressaten auf und versucht eine »gesellschaftstheoretische Analyse«. In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 25.09.2021). Tatsächlich scheint er einen ähnlichen Ansatz gewählt zu haben, wie Deniz Yücel.

Update 04.10.2021

Die Jüdische Allgemeine greift denn Fall erneut unter dem Titel »Sehr kontrovers« auf (Jüdische Allgemeine, 04.10.2021). Zu Wort kommen Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern, Lorenz S. Beckhardt, erneut (oder schon wieder) Mirna Funk (»Die Debatte um Czollek und Biller hat innerhalb, aber auch unglücklicherweise außerhalb der jüdischen Community für viel Aufregung gesorgt« schreibt sie, als hätte sie nicht in einer Tageszeitung mit landesweiter Verbreitung ihren Teil dazu beigetragen), Rabbiner Alexander Nachama, Landesrabbiner von Thüringen (er erinnert daran, dass die Allgemeine Rabbinerkonferenz sich um patrilineare Jüdinnen und Juden kümmern könne), Rabbiner Elischa Portnoy, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und David Seldner vom Bund traditioneller Juden.

Update 06.10.2021

In der taz (»Es braucht sichere Räume«, 06.10.2021) sprechen sich Monty Ott und Ruben Gerczikow für einen »safe space« für die Debatte aus. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sähe das vor. Hier darf man gespannt sein, wann das Konzept aus dem Artikel in die (jüdische) Breite gestreut wird.

Update 10.10.2021

In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 09.10.2021) zeigt der Autor Alexander Estis, dass zum Thema eigentlich alles gesagt ist: Er beschäftigt arbeitet sich am Begriff »orthodox« ab, ist aber im Grunde etwas zu spät zur Party gekommen. Es wurde alles schon einmal geschrieben seit dem 20. Juli.

Update 20.10.2021

BR24 hat zum Thema noch etwas zu sagen. Veronika Wawatschek fasst das Thema erneut (schon wieder) zusammen und befragt Professor Meron Mendel dazu.

Update 24.10.2021

Die taz hat in ihrem Podcast »Couchreport« das Thema bereits am 11. 10. 2021 aufgegriffen. Soziologin Ruth Zeifert, die Autorin »Nicht ganz koscher – Vaterjuden in Deutschland« spricht mit taz-Redakteurin Erica Zingher darüber, wie Kinder jüdischer Väter und nicht-jüdischer Mütter Zugehörigkeit formulieren. Eigentlich geht das auch als innerjüdischer Beitrag durch.

Update 09.11.2021

Der vielleicht unangemessenste Beitrag stammt von Philipp Gessler, Redakteur der »zeitzeichen« (November 2021), einem evangelischen Magazin. Er geht mit Forderungen an den Zentralrat und die Jüdischen Gemeinden an den Start und nennt sie »Ratschläge«:

Das Prinzip „Vaterjuden“ schließt diese große Gruppe, wohl mehrere zehn­tausend Menschen, de jure aus den jüdischen Gemeinden aus, die insgesamt nur etwas mehr als 100 000 Mitglieder haben. Die veraltete Regel „nur Vaterjuden“  schwächt die sowieso nicht besonders große jüdische Gemeinschaft in Deutschland noch mehr.

zeitzeichen, Phillip Gessler

Der Artikel endet mit dem indirekten Vorwurf, der Zentralrat lege religiöse Gesetze aus. Dass dies gar nicht der Aufgabenbereich des Zentralrats ist, weiß der Autor vermutlich gar nicht:

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“  öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein.

zeitzeichen, Phillip Gessler

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Artikel gibt es hier.

Professor Alfred Bodenheimer schafft es auf Republik.ch (vom 28.10.2021), die gesamte Diskussion doch noch so aufzurollen, dass sie einen neuen Dreh erhält. Er beschreibt das Feld zwischen Halacha und Identitätspolitik.

Die Situation stellt sich paradoxer­weise so dar, dass niemandem das Recht abgesprochen werden darf, sich als jüdisch zu bezeichnen – es darf aber auch niemandem das Recht abgesprochen werden, anderen dieses Recht abzusprechen. Hochtrabende Verurteilungen in beide Richtungen verbieten sich.

Prof. Alfred Bodenheimer auf Republik.ch

Update 21.11.2021

Es wäre hilfreich gewesen, das Thema langsam auslaufen zu lassen. Der SPIEGEL jedoch veröffentlichte am 20.11.2021 ein Interview mit dem Verursacher der gesamten Diskussion, Max Czollek, einen Text, den der SPIEGEL Interview nennt und doch recht kooperativ ist. In dem Artikel gab es Gelegenheit zu behaupten, es hätte keine Kontaktaufnahme keiner der Zeitungen gegeben, die oben genannt sind. Das ist nicht richtig, das hat Max Czollek bereits bei Twitter teilweise eingeräumt.

Update 25.11.2021

Autorin Jana Hensel betrachtet in der ZEIT (24.11.2021) das gesamte Interview und schraubt es für die Leserinnen und Leser auseinander. Sie beschäftigt sich mit dem, was Czollek bei der Darstellung seiner Familiengeschichte weggelassen hat – eben die Dinge, die ihn daran gehindert hätten, eine »radikale Sprecherposition« zu konstruieren bei der das »Täter*innenkollektiv« eine wichtige Rolle spiele und es notwendig sei, »keine Brücken zu bauen«.

Deniz Yücel (die Welt, 25.11.2021) stellt, wie Jana Hensel, fest, dass Max Czollek die Reaktionen auf die laufende Debatte etwas umkonstruiert. So hieß es im SPIEGEL Interview:

SPIEGEL: »Keine der Redaktionen hat sich bei Ihnen gemeldet?«
CZOLLEK: »Für mich war das eine echte Erschütterung. Kein einziger Journalist der beteiligten Redaktionen hat bei mir nachgefragt, ob eigentlich wahr ist, was da behauptet wird. Sie waren der erste.«

DER SPIEGEL 20.11.2021

Deniz Yücel erinnert sich aber gut daran, dass er ihn befragt hat und auch Jana Hensel weiß zu berichten, dass sie Ende August ein einstündiges Telefoninterview mit Czollek geführt habe, das dieser zwei Tage später zurückgezogen hätte. Yücel hinterfragt auch die Konstruktion Czolleks, dass es sich bei den Reaktionen um Versuche handele »linke und progressive Positionen, für die ich stehe, an den Rand zu drängen«. Selbst diese Zusammenstellung hier zeigt, dass das nicht stimmt. Vertreter aller Richtungen wurden angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Yücel sieht in Czolleks Verhalten den Versuch »sich zum Opfer einer rechten Kampagne stilisieren, dadurch die eigene Reputation retten, im Idealfall sogar gestärkt aus allem hervorgehen.«

Der Autor dieses Blogs hier kommentiert Max Czolleks Wahrnehmung von Halacha.

Update 26.11.2021

Jan Küveler zitiert in der »Welt« weitere Journalisten, die Anfragen an Max Czollek gerichtet haben und nimmt erneut dessen Aussage unter die Lupe, es hätten sich keine Journalisten bei ihm gemeldet.

Update 29.11.2021

Jan Fleischhauer, der sich darin gefällt, Leute zu triggern – um dann anschließend (vermutlich) schmunzelnd bei der Entrüstung zuzusehen, hat sich der Thematik der Selbstzuschreibung ebenfalls gewidmet janfleischhauer.de »Ich fühle, was ich bin«.

Update 06.12.2021

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz hat im Dezember 2021 (kein genaues Datum vermerkt) durch Rabbiner Jonah Sievers einen längeren Artikel veröffentlicht. Er bezieht sich in dieser auch auf den Fall Czollek, hält die Stellungnahme allgemeiner. Es geht um den allgemeinen Umgang mit dieser Thematik und hinterfragt, ob ein Gijur (ein Übertritt) tatsächlich notwendig sein muss. Der Text ist anscheinend als Meinungstext zu verstehen und nicht als Handlungsanweisung.

Dr. Karen Körber beschäftigt sich in ihrem Artikel »Ausgeschlossen dazugehören« in der Zeitschrift Medaon (15, 2021) mit russischsprachigen Töchtern vaterjüdischer Familien im Prozess der Migration nach 1990 (nach Deutschland). Sie beschäftigt sich mit konkreten Beispielen und zeigt, was religiöse und kulturelle Angebote zu einem jüdischen Lebensentwurf eben dieser Personengruppe beitragen können.

.

Artikel

Nichtjüdische halachische Entscheidungen

Wir alle wissen vieles über »gute Absichten« und diejenigen, die in der Öffentlichkeit jüdisch unterwegs sind, können darüber vermutlich einige Geschichten erzählen. Die »guten Absichten« der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft beißen sich zuweilen mit dem Respekt (oder Nichtrespekt) vor denjenigen, die eigentlich Objekt der Absichten sind. Wenn etwa Jüdinnen und Juden geladen sind, aber es gibt keine entsprechenden Nachfragen bezüglich religiöser Anforderungen für Speisen, oder man legt Veranstaltungen auf jüdische Fest- oder Fastentage, oder man sagt halt selber, in Ermangelung einer jüdischen Gemeinde, jüdische Gebete – womöglich unter den Klängen von Klezmermusik.

Jüdischer Friedhof Borken - Replingsfunder
Jüdischer Friedhof Borken – Replingsfunder (Foto von Rabbiner Babaev)

So entschied die SPD Borken (schon im Mai – aber es ist einfach ein schönes Beispiel) anlässlich des 76. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai 2021, ab 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof zu veranstalten. Schönheitsfehler: Der 8. Mai war ein Schabbat und der endete im Mai dort nach 21 Uhr. Offensichtlich agiert man also in Unkenntnis der jüdischen Haltung zu Schabbat, Friedhofsbesuchen und der Trauer.
Einem kundigen Bewohner der Stadt fiel das jedoch auf und dieser schrieb dazu die Lokalzeitung an und unterstrich, wie unpassend die Veranstaltung auf dem Friedhof war (siehe hier, borkenerzeitung.de).
Für mögliche Leserinnen und Leser aus der Öffentlichkeitsarbeit: Hier kann man deeskalieren und sich entschuldigen. Wir kennen das:
»… ist der Eindruck entstanden…« [diese Formulierung schützt davor, sich tatsächlich zu entschuldigen] »…wir hätten die jüdische Tradition nicht ernstgenommen. Dies war jedoch nicht unser Ziel – bla bla jüdische Tradition bla bla wichtiger Grundstein deutscher Geschichte bla bla Verantwortung etc.«
Schon ist die Geschichte vom Tisch. Nicht so in Borken. Denn bei der veranstaltenden SPD gibt es anscheinend Experten für Halachah.
Dieser verwendet zunächst ein deutsches Standardargument: Das haben wir schon immer so gemacht!

»Der Beginn ist immer um 18 Uhr. […] Seit 1982 bis 2021 war dies sechsmal ein Samstag.

borkenerzeitung.de

Dann das halachische Argument:

… im jüdischen Kalender dauert der Tag vom Vorabend des Tages bis zum Abend des Tages – nicht von 0 bis 24 Uhr. Hier gibt es aber der Einfachheit halber das „vereinfachte Zeitmaß“. Da beginnt der jüdische Tag, unabhängig vom Sonnenuntergang, um 18 Uhr am Vorabend und endet entsprechend am Abend des Tages zu dieser Zeit. Aus diesem Grunde habe ich für unsere Gedenkfeier das Tor des Friedhofs um 18.01 Uhr geöffnet, dem Vorabend des Sonntags.

borkenerzeitung.de

Die Frage ist, neben der, woher diese Weisheiten stammen und wie man voller Überzeugung das Falsche behaupten kann, warum es heute noch so schwerfällt, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen und sich im Nachhinein nicht bereit zu zeigen, ein wenig Flexibilität zu zeigen.
Ein Teilaspekt einer möglichen Antwort: Die eigene Tradition wird noch immer als normativ wahrgenommen und trotz aller Beteuerungen von Multikulturalismus oder jüdisch-christlicher Kultur, sind alle Unterschiede dann Abweichungen von der »normalen« Kultur. Unterschiede werden nicht anerkannt oder gut gefunden, sie werden ausgehalten. Im vorliegenden, exemplarischen Fall, nicht einmal das. Hier wird jüdische Tradition durch Dritte erklärt und das muss nicht immer funktionieren.

Artikel

Die ZEIT und jüdische Debatten

Die großen Debatten des jüdischen Deutschlands scheinen derzeit in der ZEIT ausgetragen zu werden. Mirna Funk begann mit »Wir lebenden Juden« (2016), einem Artikel, in dem sie Buddies von sich als jüdische Intellektuelle empfahl (und ganz nebenbei auch sich) – als Antwort auf einen Satz von Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen. Dort sagte er, er kenne (derzeit) keine jüdischen Intellektuellen in Deutschland (Artikel hier, Jüdische Allgemeine), Juni 2016. Maxim Biller legte mit »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« (2017) nach. Es folgten weitere Artikel von Biller (2018) und im Mai (2021) gab die ZEIT online Fabian Wolff Platz für »Nur in Deutschland« einem Text, der die zwei Pole des jüdischen Deutschlands deutlich gezeigt hat. Nicht durch den Text, sondern durch die Reaktionen darauf (zumindest diejenigen, die vom Text gehört haben) – natürlich getriggert durch den Text. Spätestens jetzt war Maxim Biller nicht mehr der einzige (jüdische) Autor (in Deutschland), von dem man sagen konnte, er habe keine Angst vor den Reaktionen auf seine Texte. Diese Reaktionen kannten wenig Zwischentöne. Übrigens gab es darauf eine Replik von Mirna Funk, ebenfalls in der ZEIT.

Jetzt legte Maxim Biller nach. Er sprach im Juli mit Max Czollek. Das Gespräch vermeldete Czollek aus erster Hand und direkt bei twitter – also nicht gerade in einem kleinen Kreis. Anscheinend war es kein sehr angenehmes Gespräch:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear Twitter, @rubenmcloop

Nun, am 12. August (2021) schilderte Biller das gesamte Gespräch – genau in der ZEIT und ging genau darauf ein:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. ZEIT, 12.08.2021

Es ist nicht klar, ob die beiden eine Interviewsituation teilten, oder ein privates Gespräch führten. Falls es ein privates Gespräch war, ist die Wiedergabe in einem Zeitungsartikel fragwürdig – oder es ist eine reichweitenstarke Antwort auf den Tweet. Biller teilt aus, wie es Biller stets tut (und entsprechend gnadenlos in der Beurteilung von Akteuren ist) und knöpft sich Czolleks Selbstverortung als jüdischer Intellektueller und »öffentlicher Jude in Deutschland« vor. Womit wir wieder an das Jahr 2016 anknüpfen und Billers behauptetes Alleinstellungsmerkmal »jüdischer Intellektueller in Deutschland«. Dieser Titel wird anscheinend mit harten Bandagen – wie bei einem Boxkampf – errungen. Derjenige, der als Sieger aus dem Ring steigt, erhält den Titel. Ist nur schwer für denjenigen, der nicht verstanden hat, dass der Kampf bereits läuft.

Die Thematik »wer ist von wem wann als jüdisch zu betrachten« ist nun (wieder) im Raum. Sie ist wichtig und stellt die Frage, ob eine eigene Positionierung ausreichend ist, um als jüdisch zu gelten.
Dazu gäbe es einiges zu sagen/schreiben, aber das soll zu späterer Zeit geschehen.

Fakt ist: Eine solche Debatte konnte nur Maxim Biller triggern – ob man den Text emotional hart fand, oder nicht, ob man meint, Biller verteidigt sein Revier, oder nicht. Denn offenbar verfügt er über eine entsprechende Reichweite und Wichtigkeit, denn er wird offensichtlich ja gelesen.

Aber! Warum muss das in der ZEIT passieren?

Nicht, dass die Diskussionen nicht in die Öffentlichkeit gehörten… das tun sie. Jede und jeder muss auch unangenehme Themen der jüdischen Gegenwart aushalten.

Die Antwort ist: Es gibt im deutschen Sprachraum kein Medium, in dem solche Diskussionen (man kann auch schreiben Streit) ausgetragen werden können. Es gibt kein Quartely mit (jüdischen) Themen und Texten (literarische Texte und Sachtexte), die wirklich wehtun und die man aushalten muss. In Bezug auf den Text von Fabian Wolff konnte man erkennen, dass einige Leserinnen und Leser nicht bereit waren, überhaupt zuzuhören (»zulesen« wäre das richtige Wort) – obwohl immer wieder eine jüdische Diskussionskultur beschworen wird. Es scheint mehr Texte zu geben, es gibt aber kein zentrales Medium dafür. In diesem Medium kann (gut, könnte) dann auch einmal gründlich diskutiert werden, wie der Umgang mit patrilinearen Jüdinnen und Juden (die sich selber als jüdisch bezeichnen würden, es gibt ja auch diejenigen, die daran nicht anknüpfen möchten) aussehen kann. Es werden Antworten dabei sein, die nicht allen Interessierten schmecken. Die Jüdische Allgemeine ist die einzige ernstzunehmende regelmäßige Publikation in deutscher Sprache, in der das möglich wäre. Hier dürften aber technische Aspekte Grenzen setzen. Etwa die begrenzte Zeichenzahl in Print-Publikationen und die (große) Arbeit für Redakteure, Debatten so abzubilden, dass die Leserinnen und Leser ihnen folgen können. Online wäre eine Alternative.

Solange müssen wir damit leben, dass andere Publikationen diesen Diskussionen Platz einräumen. Eine Einmischung Dritter ist aber in beiden Fällen nicht zu vermeiden.

Das Magazin »Jalta«, an dem auch Czollek mitwirkt, kann diesen Anspruch nicht einlösen. Es ist Sprachrohr einer Auffassung davon, wie Prozesse heute interpretiert werden können, aber kein Debattenformat.

Artikel

Luach für 5782 und 5783

Luach 5782 und 5783

In eigener Sache: Es gibt (wieder) einen Luach für zwei Jahre.
Der Anspruch für den Luach war: Günstig, übersichtlich und vernünftig gestaltet. Die Reihenfolge der Begriffe ist zufällig.
Für die letzte Ausgabe gab es verwertbares Feedback von Nutzerinnen und Nutzern, so dass diese aktuelle Ausgabe (hoffentlich) noch besser ist:

  • Zwei Wochen je Seite (für zwei Jahre)
  • Das weltliche Datum auf der linken Seite, das jüdische auf der rechten Seite
  • Nennung des Wochenabschnitts und besonderer Schabbatot
  • Eine Tabelle mit den Torahlesungen, auch für Feiertage
  • Tabelle der Haftarot für Aschkenasisch, Frankfurt am Main, Chabad, Sefardisch, Italienisch, Jemenitisch
  • Natürlich die Fasten- und Feiertage (und Rosch Chodesch)
  • Molad-Zeiten (soweit ich weiß, gibt es das in deutscher Sprache sonst nicht)
  • Daf Jomi in der Mitte der Seite
  • Schabbatzeiten für Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Wien
  • Daten für Birkat HaChamah
  • Wie man errechnet, ob ein jüdisches Jahr ein Schaltjahr ist
  • Ein Schema zum Anzünden der Chanukkah-Kerzen
  • Eine Hilfe zur Omerzählung (wie man sie auch in Siddurim findet) mit Angabe des Datums

Im Anschluss an den Kalenderteil findet man noch eine Liste der Daten für jüdische Fest- und Fastentage bis ins Jahr 2026 und einen kurzen Text dazu, wann eigentlich Schabbat beginnt. Nicht enthalten sind Adressen jüdischer Organisationen etc.

Der Luach kostet 6 Euro (inklusive Versand) Bezugsquellen wären (oder ein Buchladen Eurer Wahl mit der ISBN 978-3754311998):
amazon logo hugendubel.de Logo geniallokal.de Logo Thalia Logo Bol Logo

Der kleine Gewinn, der dabei abfällt, wird genutzt, um die Kosten für den Betrieb des Blogs und talmud.de zu decken.

Artikel

Koren-Siddur auf Deutsch

Titelbild Korensiddur

Der Markt für deutschsprachige Siddurim ist nicht extrem groß, deshalb war die Nachricht, dass der Koren Verlag den (großartigen) Koren-Siddur mit dem Kommentar von Rabbiner Jonathan Sacks in deutscher Sprache veröffentlicht hat, eine sehr gute. Jedenfalls, wenn Interesse an ästhetischen Siddurim hat. Da haben die Orthodoxe Rabbinerkonferenz (ORD) und der Verlag eine großartige Arbeit geleistet. Es verwunderte allerdings, dass die ORD die Publikation nicht offensiver kommuniziert hat. Anscheinend wurden Exemplare an die Mitglieder verteilt, aber derzeit ist mir kein Bestellformular bekannt (der Siddur kann auch direkt bestellt werden) und auch kein offizieller Hinweis auf den Siddur. Bei Koren heißt es übrigens »das« Koren-Schalem-Siddur, ich schreibe stets »der« Siddur, weil es ein Neutrum im Hebräischen nicht gibt. Vielleicht bezieht sich »das« auf Gebetbuch – ich weiß nicht, was nun tatsächlich richtig ist.

Die vollständige Rezension für die Jüdische Allgemeine kann hier als Volltext gelesen werden. Zusätzlich gibt es aber hier noch etwas »Bonus-Content« und einen genauen Blick hinein.

Blick in den Koren-Siddur
Blick in den Koren Siddur

Alles stimmt. Die Haptik des Einbandes, die Papierqualität, die Bindung scheint etwas länger zu halten – jedenfalls tut sie das in den Originalausgaben. Das muss man erwähnen, denn es gibt einen deutschsprachigen Siddur, dessen Cover sich schon nach wenigen Monaten vom Buchblock löst.

Natürlich ist die typographische Qualität hervorragend – bis auf wenige Ausrutscher, die wohl daran liegen, dass die Gestalter bestimmte Eigenschaften des deutschsprachigen Satzes nicht kennen. So macht es sensible Gemüter (wie mich) wahnsinnig, dass die Gestalter hier einem Bug in der Schriftart (gibt es auch) auf den Leim gegangen sind:

Wie man sieht, sind die einführenden und endenden Anführungszeichen unterschiedlich groß. Diesen Fehler gibt es in einigen Schriftarten. Übrigens ist auch die deutsche Ausgabe von Tehillat HaSchem in diese Falle getappt.

Zur Übersetzung steht schon einiges im Artikel in der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich hätte man hier vielleicht noch einmal eine zusätzliche Runde mit einigen Testlesern drehen können. Auch sind noch ein paar Seitenverweise nicht mit richtigen Seitenzahlen belegt (»Siehe Seite xyz« heißt es etwa).
In der Produktbeschreibung bei Koren heißt es, die »Paginierung« sei »auf das übliche Koren-Sacks-Siddur abgestimmt«. Nun, das stimmt nur für die ersten Seiten. Schnell weichen die englischsprachige und die deutschsprachige Ausgabe voneinander ab. Das sind kleine Kritikpunkte angesichts dieser großen Aufgabe, die hier bewältigt wurde. Deshalb ist diese Ausgabe eigentlich ein »Muss«.

Wer befürchtet, dass die Vielzahl unterschiedlicher Siddurim in den Gemeinden zu Missverständnissen führen könnten – bezüglich der Seitenzahlen, der kann sich hier (bei talmud.de) eine (wachsende) Liste herunterladen. Diese beinhaltet die Bestandteile der einzelnen Gebete und ihre Seitenzahl in den unterschiedlichen Siddurim mit deutscher Übersetzung.

Wo gibt es den Siddur?

Zu bestellen gibt es den Siddur bei amazon, auf der Website des Verlages direkt, oder der britischen Seite bookdepository.com, die anscheinend den besten Preis anbietet.

Bild

Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

Link

Der Esel in Torah und Talmud

Bil'am und der Esel

Es ist bemerkenswert, dass man einen erstgeborenen Esel bei einem Kohen »auszulösen« muss. Anscheinend ist er ja etwas besonderes. Schauen wir, welche besondere Rolle er in der Torah und Talmud spielt:

Der Artikel für die Jüdische Allgemeine ist hier im Volltext verfügbar.

(Oben auf dem Bild – Bil’am, der Esel und ihre Begegnung mit dem Engel – Bild entstanden zwischen 1594 und 1635)

Artikel

Der Militärbundesrabbiner

Bild von Rabbiner Zsolt Balla
Rabbiner Zsolt Balla (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland)

Seit Dezember 2019 ist bekannt, dass der Zentralrat und die Bundeswehr kooperieren und 10 Rabbiner für die Bundeswehr entsenden. Diese sollen sich, unter anderem, um die jüdischen Bundeswehrsoldaten kümmern, aber auch darüber hinaus lehren und informieren. Im Zuge der Vorstellung wurde verschiedentlich die Zahl von 300 jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr in den Raum gestellt. Diese Schätzung ist grundsätzlich zu hoch (siehe eine andere Schätzung hier) – aber das ist gar nicht entscheidend! Die Quantität ist hierbei überhaupt kein wichtiger Faktor!

Zum (neuen) Selbstverständnis und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein gehört, dass man eine Unterstützung für jüdische Soldatinnen und Soldaten auch dann einfordert, wenn es nur eine jüdische Person bei der Bundeswehr gäbe oder gibt. Also selbst für eine einzige Person müsste es jemanden geben, der sich kümmert. Es ist also nur folgerichtig, dass man diese Position geschaffen hat. Gleiches gilt übrigens auch für muslimische Soldatinnen und Soldaten. Es könnte sein, dass ein Rabbiner die alltäglichen Probleme dieser Gruppe besser nachvollziehen kann, als ein christlicher Theologe dies könnte. Aber das nur am Rande.

Der erste Rabbiner für die Bundeswehr und eine Art »Rosch« aller Rabbiner bei der Bundeswehr, wird der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla sein, der am 21. Juni 2021 in sein Amt eingeführt wurde. Er wird fortan (für fünf Jahre jedenfalls) »Militärbundesrabbiner« sein. Rabbiner Balla gehört zu denjenigen, die an einem lebendigen Judentum in Deutschland bauen und war derjenige, der mit Aufkommen der Pandemie Zoomübertragungen aus seiner Synagoge an den Start gebracht hat. Er ist kein »Verwalter« einer Rabbinatsstelle und ihm traut man zu, diese neue Position aktiv auszugestalten. Von Fame war an diesem Tag übrigens nur kurz etwas spürbar. Während er in den abendlichen Nachrichten gezeigt wurde, streamte er – wie immer – das Ma’ariw-Gebet auf Zoom und Facebook.

Wegweisend wird sein, ob man ihn als Symbol benutzen möchte, eine jüdische Renaissance herbeiredet oder eine große Zahl jüdischer Menschen herbeirechnet. Die Erwartungen der nichtjüdischen Gesellschaft sind hoch: Ein Schritt soll es sein, der Dinge wieder normalisiert. Deutschland kann hier zeigen, wie gut es wieder um die Dinge bestellt ist.
Nicht in diese Falle der Erwatungshaltung zu tappen, dürfte nicht sehr leicht fallen. Denn das verspricht öffentliche Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei Rabbiner Balla sehe ich die Gefahr nicht, denn ihm geht es, soweit ich das bisher beobachten konnte, um die Sache und nicht um seine eigene Person oder öffentliche Aufmerksamkeit. Die sei ihm gegönnt, aber er machte nicht den Eindruck, er brauche das für seinen Job.

Ob dann tatsächlich zehn Rabbiner benötigt werden, wird die Zeit zeigen. Das wird ein Prozess sein, der sicherlich mit Interesse verfolgt werden wird.