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Mitgliederstatistik 2020

»Traditionell« erscheint nach Pessach die Mitgliederstatistik der ZWST für das Vorjahr. Mit Überraschungen ist eigentlich nicht mehr zu rechnen und dennoch passieren Dinge: Im Jahr 2020 waren 93.695 Menschen Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Im Jahr 2019 waren es noch 94.771 – das ist ein Rückgang von 1.076 Menschen (oder 1,1 Prozent). Der Rückgang von 2018 zu 2019 lag noch bei 1,5 Prozent.
225 Geburten stehen 1.544 Todesfällen gegenüber. Unten werden wir noch etwas zu Austritten und Übertritten lesen.
349 Menschen sind eingewandert und haben sich in Gemeinden angemeldet.
122 Menschen haben das Land verlassen.
Am Ende werden wir sehen, woher Brandenburg 435 »sonstige Zugänge« hat.

Weil das Jahr 2020 »rund« ist, können wir einen Zeitraum von 10 Jahren betrachten. 2010 hatten die Gemeinden noch 104.024 Mitglieder. Das wäre ein Rückgang von 9,9 Prozent in 10 Jahren. Am stärksten schrumpfte die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie hatte 2010 noch 10.599 Mitglieder, 2020 waren 8.702. Ein Minus von 17,9 Prozent. Das ist der höchste Wert unter den zehn größten Gemeinden (siehe die Infografik und die Tabelle unten) und der entspricht nicht der Intuition: Berlin als Magnet für jüdische Menschen aus der ganzen Welt – ja, aber sie scheinen sich nicht alle für eine Gemeindemitgliedschaft zu interessieren.
Von diesen zehn größten Gemeinden ist München am wenigsten geschrumpft (um 2,4 Prozent) und München ist damit (seit 2018) die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Auch sonst ist die Stadt an der Isar anders aufgestellt als Berlin: München hat 532 Gemeindemitglieder mehr aufzuweisen, aber viel weniger Austritte (in absoluten Zahlen) als Berlin.

StadtMitglieder 2010Mitglieder 2020WachstumWachstum/Prozent
Hamburg27792312−467–16,80%
Duisburg-MH-OB27552401−354–12,85%
Dortmund32002724−476–14,88%
Stuttgart30302725−305–10,07%
Köln44184016−402–9,10%
Hannover44894029−460–10,25%
Frankfurt68326212−620–9,07%
Düsseldorf70806575−505–7,13%
Berlin105998702−1897–17,90%
München94619233−228–2,41%
Die zehn größten Gemeinden Deutschlands aufsteigend sortiert – mit Angabe der Mitgliederverluste

Die Anzahl der Austritte ist stets etwas abstrakt. Die Zahl wird zwar ausgewiesen, aber aufgrund der unterschiedlichen Gemeindegrößen müssen sie unterschiedlich interpretiert werden. Aus diesem Grund sind hier die relevanten Landesverbände bzw. eigenständige Gemeinden mit den größten Verlusten so aufgeführt, dass man sie miteinander vergleichen kann: Austritte pro Tausend Mitglieder:

Ebenfalls interessant ist die Frage, ob die »Abgänge in andere Gemeinden« und die »Zugänge aus anderen Gemeinden« ausgewogen sind. In einer idealen Welt ist die Differenz recht klein. Ob sie das ist, kann man an dieser Stelle nicht sagen. Auf fünf Jahre verteilt, beträgt die Differenz 114 Personen. Das ist keine sehr große Zahl, aber es gibt einen kleinen Verlust. Nicht alle, die sich abmelden, kommen auch irgendwo wieder an.

Die Altersstruktur

Es ist mittlerweile bekannt, dass die Senioren klar in der Mehrzahl sind. Wenn wir die Gemeinde (also die Gemeinde aus allen Gemeinden) mit nur 10 Personen darstellen würden, wäre 1 Person ein Jugendlicher, 4 wären Erwachsene und 5 Senioren.

Um auch die Aufteilung in Geschlechter deutlich zu machen, rechnen wir hier mal auf 20 hoch: von den Senioren wären 6 Frauen und 4 Männer. Bei den Erwachsenen (8 insgesamt) und Jugendlichen/Kindern (2!) hält sich das Verhältnis ungefähr die Waage, obwohl es in einigen Alterskohorten leichte männliche Überschüsse gibt.

Altersstruktur 2020

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein Vergleich des Durchschnitts mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland (und der drittgrößten Stadt Deutschlands) , München, die auch eine sehr kleine »Schrumpfungsrate« hat (2,41 Prozent) – die Gemeinde scheint etwas jünger zu sein als der Durchschnitt:


Berlin und München

Und noch ein Vergleich: Die drei größten Städte in Deutschland sind Berlin (3,6 Millionen Einwohner), Hamburg (1,8 Millionen) und München (1,5 Millionen Einwohner), aber die Größe der Jüdischen Gemeinde spiegelt das nicht wieder. München ist die größte Gemeinde des Landes und liegt in vielen Bereichen vor Berlin. Hamburg ist erst Nummer 10 unter den zehn größten Gemeinden des Landes.
Haben 2020 in Berlin 137 Menschen die Gemeinde verlassen, waren es in München nur 27. Während sich in Berlin 47 Menschen bei der Gemeinde angemeldet haben (nach Einwanderung, Zuzug oder ähnlichem), waren es in München 73.

Klar, München scheint den besseren Lebensstandard zu bieten und ist eine sehr lebenswerte Stadt. Wohnen in München ist jedoch auch mit hohen Kosten verbunden. Vielleicht bietet Danel Feinkost noch immer die koschere Weißwurst an und die hat sich als Magnet herausgestellt?

Übertritte

Die Anzahl der Übertritte zum Judentum pendelt zwischen 60 und 100. Ganz offensichtlich sind Übertritte keine Lösung für ein demographisches Problem – München (zwei Übertritte in 2020) zeigt das übrigens.

Übertritte pro Jahr

Eine Besonderheit in Brandenburg

Zu Beginn hieß es, Brandenburg hast 435 »sonstige Zugänge« zu verzeichnen. Das ist leicht zu erklären. In diesem Jahr kommen zwei Potsdamer Gemeinden hinzu. Sie sind dem Landesverband Brandenburg wieder beigetreten oder neu gegründet worden. Die Gemeinde »Adass Israel« unter Rabbiner Reuven Konnik (Rabbinerseminar Berlin) ist neu im Spiel (47 Mitglieder) und als konstruktive Partei rund um den Synagogenbau Potsdam aufgefallen. Zur Stabilisierung Potsdams wird das sicher beitragen.

Wie immer, steht die Statistik auf der Website der ZWST zum Download zur Verfügung.

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Potsdam

Synagoge in Potsdam, erbaut 1767

Da draußen gibt es immer noch Menschen, die trauen Jüdinnen und Juden alles zu. Wenn es nicht die Weltverschwörung ist, dann zumindest die Umvolkung. Letzteres klingt wie Umtopfung. Aber beim Umtopfen wird eine Pflanze einfach in einen größeren Topf gepflanzt — weil sie mehr Platz braucht. Im Prinzip also genau das, was die geistigen Väter derjenigen wollten, die heute eine Umvolkung befürchten. Da ging es um die Erweiterung des Lebensraums in den Osten. Es ist bekannt, dass diejenigen ausgerottet und vergessen werden sollten, denen sie alles zutrauten. Eine direkte Folge davon kann man in Potsdam besichtigen. Nämlich keine Synagoge.

Das ist die Vorgeschichte von keiner Synagoge in Potsdam – in in ihrer kürzesten Form.

Das nächste Kapitel

Im nächsten Kapitel, das können wir schon verraten, gibt es noch immer keine Synagoge. Es gibt Räume in denen gebetet wird, aber es gibt keine richtige Synagoge. Weil es in Potsdam sogar wieder Jüdinnen und Juden gibt (2018 hatte die Jüdische Gemeinde 414 Mitglieder), sollte dieser Umstand geändert werden. Im Jahr 2005 wurde beschlossen, eine Synagoge in Potsdam zu bauen. Das Land Brandenburg stiftete ein Grundstück im Herzen von Potsdam.
Und was geschah nur 16 Jahre später? Eine Eröffnung? Nicht ganz: Es wurde beschlossen, eine Synagoge zu bauen. Das ist selbst für deutsche Verhältnisse und deutsche Überplanung ein sehr langsamer Prozess. Aber Moment, wurde das nicht schon einmal beschlossen?

Das dritte Kapitel

Ein Wettbewerb sollte den besten Entwurf für die neue Synagoge ermitteln. Im Oktober 2008 ging es los und dieses Vorgehen war sehr erfolgreich! Etwa 150 Architekturbüros nahmen an der ersten Runde des Wettbewerbs teil. Von diesen wurden wiederum 30 ausgewählt und 26 Büros legten konkrete Entwürfe vor. Schon 2009 stand der Sieger fest! Der erste Preis ging an das Berliner Architekturbüro Haberland. Das Projekt nimmt plötzlich konkrete Gestalt an.

Jetzt meldet sich der Potsdamer Dirigent Ud Joffe zu Wort. Er ist mit der Architektur nicht einverstanden. Das liegt nahe, eine Auswahl aus 150 Entwürfen ist dürftig. Wenig später meldet sich Rabbiner Nachum Presman zu Wort. Der geplante Bau entspräche nicht den halachischen Vorgaben. Andere orthodoxe Rabbiner widersprechen ihm und zeigen sich verwundert. Der Berliner Rabbiner Yitzchak Ehrenberg etwa. Aber weil die Jüdische Gemeinde und die Vertreter von Land und Stadt (eine Synagoge soll zeigen, dass man es noch einmal miteinander versuchen möchte) motiviert sind, wird am 1. Oktober 2010 dann einem überarbeitetem Entwurf die Baugenehmigung erteilt. Fünf Jahre also nach dem Entschluss, die Synagoge zu bauen. Alles gut? Natürlich nicht. 2011 dann wird die Architektur wieder kritisiert (taz-Artikel).

Der geplante Bau entfesselt Energie. Die Gemeindemitglieder geraten in Streit. Es gibt es in Potsdam nun vier kleine jüdische Gemeinden und alle haben die gleiche Ausrichtung. Alle nehmen für sich in Anspruch, orthodox zu sein. Jüdinnen und Juden mag man viel zutrauen, aber wer jemals auf einer Gemeindeversammlung war, oder Potsdam verfolgt hat, wird sich fragen, wie da die Weltverschwörung organisiert werden soll. Im Grunde sind Meinungsverschiedenheiten ein Motor für Fortschritt und Erkenntnisgewinn, aber nur, wenn man genau daran interessiert ist.

2020 kam dann eine neue Gruppe hinzu. Die Gemeinde »Kehilat Israel«, gegründet von Israelis, möchte auch mitspielen und meldet sich über die Medien zu Wort. Jetzt sind es fünf Gemeinden und der Bau scheint in die Ferne zu rücken.

Eine Lösung?

Spätestens jetzt war klar, es brauchte keinen Mediator mehr – jemand mit Verantwortungsbewusstsein musste konkrete Ansagen machen. Am 18. Februar 2021 traten Manja Schüle, Kulturministerin des Landes Brandenburg, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, der Präsident der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Berliner Architekt Haberland vor die Presse und verkündeten den Beschluss, dass die Synagoge gebaut werde. Die Regie sollten die ZWST und die Landesregierung übernehmen.Die Eröffnung sei für das Jahr 2024 geplant. Das ist ungewöhnlich, aber effektiv. Die ZWST regelt alles mit der Landesregierung und bringt das Projekt voran. In den ersten drei Jahren nach Fertigstellung, so der Plan, solle die ZWST als Treuhänderin die Trägerschaft des Zentrums übernehmen. Nach dieser Übergangszeit soll der Landesverband der jüdischen Gemeinden im Land Brandenburg die Synagoge und das Gemeindezentrum übernehmen.

Als wolle man die eigene Unkonstruktivität beweisen, veröffentlichen die Köpfe dreier Gemeinden (genannter Ud Joffe ist einer von ihnen) wenige Tage später eine Erklärung die sprachlich gleich die volle Eskalation sucht: »Es ist kein freudiger Tag gewesen, es ist eine Schande für dieses Land!« Die neue Regelung wird als »das Entmachtungsgesetz der Potsdamer jüdischen Gemeinden« bezeichnet. Man hätte da Änderungsvorschläge für die Architektur der Synagoge…

Die Chancen stehen gut, dass jetzt auch gebaut wird und vielleicht finden sich dann auch unter den Mitgliedern der fünf Gemeinden Menschen, die Interesse daran haben, die Synagoge und das Gemeindezentrum zu nutzen.

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Die Zukunft der europäischen Diaspora

Zwei Themen sind jüdische Dauerbrenner: »Wer ist ein Jude« und »Die Diaspora und Israel«.
Müssen sich Juden schuldig (oder noch schuldiger) fühlen, wenn sie noch in in der Galut leben?
Das jüdische an der Situation ist: Die Entwicklung in Europa ist sehr widersprüchlich in sich.
Zum einen ist das Leben für Jüdinnen und Juden unsicherer geworden und zugleich beansprucht vor allem die jüngere Generation Räume und Diskurse in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gesellschaften, in denen sie leben. Das Jüdische Museum Frankfurt widmete sich zwei Tage lang dieser Frage und beleuchtete dabei nicht nur die Rolle der jüdischen Museen.
Nein, es ging auch um die aktuelle Situation auf dem gesamten Kontinent. Das Symposium trug den Titel Transitions. So diskutierten Diane Pinto und Bernard Wasserstein gegensätzliche Einschätzungen zur aktuellen Situation in Europa.
Die Autoren Doron Rabinovici und Fania Oz-Salzberger diskutierten, inwieweit die gegenwärtige Periode jüdischen Lebens in Europa eine des Übergangs ist. (Direkter Link zur Diskussion auf YouTube) Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (und ihre Veränderungen) für jüdisches Leben in Europa (man denke an die Schechita) wurden angesprochen.

Ich hatte die Ehre, an einem der Panels über ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in der Diaspora teilzunehmen, zusammen mit Laura Cazés (von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), dem Schweizer Journalisten Yves Kugelmann (tachles.ch), mit der Wissenschaftlerin und Autorin Dr. Zsófia Kata Vincze aus Budapest und dem französischen Journalisten und Romanautor Marc Weitzmann. Die gesamte Diskussion ist hier abrufbar (YouTube).

Zu meinem eigenen Wortbeitrag habe ich noch einige Notizen gemacht und daraus einen kleinen Text gebastelt. Da das Symposium in englischer Sprache war, habe ich den Inhalt in einem Blogbeitrag bei der Times of Israel veröffentlicht. Den Text findet man hier.

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Facebooks Beitrag zum jüdischen Leben?

Im März 2020 (siehe auch hier) zeigte sich, dass die »sozialen Netzwerke« etwas mehr als nur Polarisisierung zu bieten hatten (obwohl sie das zeitgleich natürlich auch im Angebot hatten). Tatsächlich konnten sie zwischendurch ihr Versprechen einhalten, die Menschen zu verbinden. Jüdinnen und Juden konnten sich schnell über Online-Veranstaltungen informieren und in Kontakt bleiben. Nun ist fast ein Jahr vergangen. Einige Zugänge für Zoom-Konferenzen werden nur noch auf Anfrage herausgegeben – einen Stundenplan mit den Angeboten musste ich schnell wieder aus dem Netz nehmen (siehe hier). Die Anzahl der Störungen war einfach zu groß geworden und die Auswirkungen zu belastend.

Seit März 2020 ist Rabbiner Zsolt Balla aus Leipzig dabei. Er streamt, mit Ausnahme der Chagim und der Schabbatot täglich die Gebete. Phasenweise ganz ohne Gemeinde, dann wieder mit kleinerer Gemeinde, zur Hawdalah aus seiner Wohnung. Damit war und ist Rabbiner Balla jemand, der auch diejenigen erreichen konnte, die im Social Distancing waren oder sonst Berührungsängste hatten. Vielleicht in Europa einmalig. Die Gebete waren, niederschwellig, über Zoom und Facebook erreichbar.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Facebooks Beitrag?

Rabbiner Ballas Initiative war nicht nur verdienstvoll, sie war auch ein großer Beitrag zur Gestaltung jüdischen Lebens unter erschwerten Bedingungen. 2021 wird viel über »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gesprochen und versucht, den Blick auf die Gegenwart zu lenken. »Jüdisches Leben kennenlernen«.

Die Aktion fand in Deutschland, aus den unterschiedlichsten Gründen, viel Unterstützung. Viel war von der »Sichtbarmachung» jüdischen Lebens die Rede. Zu Purim am 26. Februar 2021 meldete Rabbiner Balla etwas, von dem fragen kann, ob es der Beitrag von Facebook Deutschland zur Feier jüdischen Lebens war: Facebook sperrte die Livestreams des Rabbiners (sein Beitrag dazu hier) aus der Synagoge. Anscheinend hatte jemand beharrlich die Streams gemeldet und Facebook stufte sie als »abusive« ein.
Es reichte also entweder aus, dass ein Algorithmus so entschied, oder ein Mitarbeiter des Netzwerks so entschieden hat. Die Streams sind nun also nur noch über Zoom verfügbar. Sollte ein Mitarbeiter so entschieden haben, müsste erklärt werden, was an Live-Übertragungen aus Synagogen »abusive« sein sollte – oder der Mitarbeiter mag Synagogen nicht sonderlich. Sollte ein Algorithmus auf zahlreiche Beschwerden reagiert haben, dann ist allen klar, was das bedeutet: Jede kleine Gruppe kann jederzeit ausgeknipst werden. Das mag keine neue Erkenntnis sein, aber sie wird immer wieder bestätigt.

Da die Beschwerdewege nicht deutlich sind und vermutlich auch wieder maschinell betreut werden, dürften auch Einwände zunächst ins Leere laufen.
Jüdische Organisationen und Gruppen sollten sich besser darauf einstellen, Content nicht ausschließlich über Facebook (oder andere soziale Netzwerke) anzubieten, sondern auch über andere Kanäle. Die Gruppe derjenigen, die aktiv Meldungen von Inhalten betreibt, scheint gut organisiert zu sein und die Netzwerke haben keinen öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag. Antisemiten sitzen also am längeren Hebel – solange bis vielleicht doch jemand einschreitet.

Einstweilen bietet Rabbiner Balla die Teilnahme über Zoom an. So sollte es aber eigentlich nicht sein…

Nachtrag 1. März 2021: Facebook hat die Möglichkeit für Livestreams aus der Synagoge wieder aktiviert. Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt. Jederzeit kann jeder bewirken, dass jemandem der Stecker gezogen wird.

Die Pressestelle von Facebook Deutschland habe ich direkt nach Bekanntwerden der Angelegenheit kontaktiert, aber das war nicht anders zu erwarten – reagierte nicht.

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Rückschau auf die Eröffnungsveranstaltung von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

Eine kleine Rückschau auf die Eröffnungsveranstaltung von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gab es heute meinerseits im Deutschlandfunk. Insbesondere der letzte Satz aus der Rede des Bundespräsidenten »Diese Bundesrepublik Deutschland ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden sich hier vollkommen zu Hause fühlen « hat mich beschäftigt. Hört sich smart an, aber wenn man etwas nachdenkt, stellen sich ein paar Fragen.

Die Sendung kann man hier nachhören.

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Willkommen beim Bento-Rabbinat

Rabbiner William Wolff. Wilhelm (später William) Wolff emigrierte mit seiner Familie zunächst in die Niederlande und dann nach England. Dort studierte er »Nationalökonomie« und wurde Journalist. Kein schlechter, wie man hört. 1979 dann, im Alter von 52 Jahren, entschied er sich für ein Studium am Leo-Baeck-College — er wollte Rabbiner werden. Nachvollziehen kann man das gut im Film »Rabbi Wolff«.

Rabbiner Henry Brandt. Henry Brandt wurde in München geboren. 1939 emigrierte die Familie des elfjährigen Heinz Georg (später Henry) nach Tel Aviv. 1947 meldete sich Hanan (vorher also Heinz) zur Marine-Einheit des Palmach und wurde Leutnant. Er kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg. 1951 dann ging er nach Belfast und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach seinem Abschluss ging er in die Industrie. 1957, im Alter von 30 Jahren, entschied auch er sich für ein Studium am Leo-Beck-College. Auch er wollte Rabbiner werden.

Rabbiner Bea Wyler. Frau Rabbiner möchte sie genannt werden, deshalb steht das hier so. Sie wurde 1951 in der Schweiz geboren. Sie studierte Agronomie und wurde nicht nur Wissenschaftsredakteurin, sondern leitete schließlich das Wissenschaftsressort der Basler Zeitung. Nach einem Studium am Leo-Baeck-College und am konservativen Jewish Theological Seminary wurde sie 44-jährig Rabbiner(in). Wie erwähnt, damals legte sie Wert darauf, Rabbiner genannt zu werden. 1995 nahm sie das Rabbinat der jüdischen Gemeinde in Oldenburg an. Die Emotionen schlugen damals hoch. Kein Vergleich zur Strömungsdiskussionen heute. Es wurde »emotional« und ein maximaler Störfaktor in der Beschaulichkeit (der SPIEGEL berichtete). Sie war die erste Frau in diesem Amt in der Bundesrepublik Deutschland und sorgte dafür, dass einige Steine heute nicht mehr beseitigt werden müssen.

Elisa Klapheck, geboren 1962 in Düsseldorf (Kunstfreunde kennen den Namen Klapheck) studierte Politikwissenschaft, Jura und Judaistik in Nijmegen, Hamburg und Berlin. Sie wurde später Pressesprecherin der Jüdischen Gemeinde Berlin, wirkte aber auch journalistisch für Zeitungen und andere Medien. Später kümmerte sie sich um das Gemeindemagazin »jüdisches Berlin«. Sie initiierte 1999 mit anderen Frauen »Bet Debora«. Ein Netzwerk und eine Tagung für Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrter Jüdinnen und Juden in Berlin. Mit etwa 37 Jahren begann sie ein Studium beim »Aleph Rabbinic Program« der Jewish Renewal Bewegung. 2005 wurde sie Rabbinerin in Amsterdam und wirkt(e) auch in Deutschland.

Warum stehen sie hier?

Diese vier Personen sind hier Stellvertreterïnnen für das »klassische« Rabbinat des traditionsorientierten liberalen und konservativen Judentums in Deutschland. Man muss ihre religiöse(n) Ausrichtung(en) nicht teilen — man kann Rabbiner orthodoxer Rabbinerseminare bevorzugen.
Aber: was die genannten Menschen jedoch auszeichnet — und das teilen sie mit einigen anderen — ist der Weg ins Rabbinat. Sie standen schon mitten im Leben und haben sich dann für diese Berufung entschieden. Der Gesprächspartner, das Gegenüber, wird die Lebenserfahrung zu schätzen wissen. Natürlich gibt es auch die Rabbiner aus einer »akademischen« Laufbahn, aber die sind hier nicht das Thema. Sich aus Lebenserfahrung heraus zu diesem Schritt entschlossen zu haben, ist mit Sicherheit der beste Weg für die Persönlichkeit selber und die Menschen, mit denen sie später zu tun haben wird.

Der SPIEGEL hat uns in dieser Woche einen anderen Weg präsentiert. Anscheinend weiß es die Autorin des Artikels »Wenn ich als angehende Rabbinerin nicht über Queerness im Judentum spreche, macht es niemand« besser.
Neben viel Marketingsprech und Superlativen wie »historisch«, »eine der ersten Frauen« (stimmt nicht, wie wir schon an diesem Artikel hier sehen) und »Ikone für eine neue jüdische Generation« (Feuerwerk der Superlative, aber auf welcher Grundlage?), wird hier vor allem die Jugend der angehenden Rabbinerin hervorgehoben. Dieser Schritt, das Lernpensum und die Festlegung auf das Amt kann bewundert, oder hinterfragt werden. Oder beides. Diese Mühe macht sich die Autorin des Artikels nicht.
Es wird in erster Linie ein Ego ausgebreitet und hier lauert eine Gefahr. Die Vertreterïnnen der Selfie-Generation sind heute mit viel Selbstbewusst- und Sendungsbewusstsein ausgestattet und erhalten meist schon einen großen Vorschuss an Lob und Vertrauen. Wer mit Selfies Follower sammeln konnte, wird mit seiner Personality das sicher auch mit seinem neuen Amt schaffen, ist vielleicht die Haltung. Sowohl die eigene, als auch die der wohlmeinenden Berichtenden.
Eine interessante Dynamik, die behauptete Relevanz in den Social Media Kanälen durch Berichterstattung weiter boostet und es immer schwieriger macht, die tatsächliche Relevanz zu erkennen oder zu hinterfragen. Lasst uns doch mal auf den Inhalt schauen und auf das, was dieser bewirkt und nicht auf den Eindruck, der entsteht.
Es gilt zu schauen, wieviel Substanz hinter etwas steckt. Ist mehr hinter einem Instagram-Account als ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, andere mit mir, ich, ich, ich, andere mit mir, ich, ich und ich? Wie reflektiert kann jemand, der viel Zustimmung und Likes erfährt, mit Grenzerfahrungen umgehen? Es werden die Tage kommen, an denen man auf jemanden zugehen muss, der gerade in den Abgrund geblickt hat.
Hat man sich darüber Gedanken gemacht?
Nicht alle Gespräche mit Gemeindegremien und Gemeindemitgliedern werden freundliche Nettigkeiten sein. Die Erwartungen allerseits sind hoch. Die Porträtierte wird hoffentlich nicht wegen der Tatsache, dass sie die »wahrscheinlich jüngste Frau in Deutschland, die Rabbinerin wurde« war, in die Geschichte eingehen, sondern hoffentlich, weil sie beispiellos gute Arbeit geleistet hat. Ansonsten wäre das etwas wenig.

Der SPIEGEL-Artikel zeigt schön, was passiert, wenn man versucht, das Rabbinat in popkultureller Coolness darzustellen. Es wird eine Personality-Show. Willkommen beim Bento-Rabbinat.

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Lockerungen zu Chanukka?

Zwar hat sich die Corona-Thematik in diesen Tagen noch etwas verschärft (weil die aktuellen Maßnahmen offenbar nur sehr begrenzt greifen), aber dennoch wurden Ausnahmeregeln für Weihnachten diskutiert. Die Jüdische Allgemeine hat Prof. Micha Brumlik und meine Wenigkeit gebeten, dafür oder dagegen zu sprechen. Prof. Brumlik argumentiert für gleiches Recht, ich dagegen.

Beide Meinungen sind hier zu finden (Juedische-Allgemeine.de)

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Hochmotivierte Mitglieder warten auf ihren Einsatz

Im Herbst 2019 tat der Zentralrat etwas recht bemerkenswertes: Er lud zu einer Umfrage ein (Details siehe hier). Die Zielstellung könnte man, etwas vereinfacht, vielleicht so formulieren: Wie ist die Haltung derjenigen, die wir erreichen können, zu ihrer oder den Gemeinden insgesamt?

Also weniger eine sozialwissenschaftliche Studie und mehr Einblick in das, was man von den Gemeinden eigentlich »draußen« erwartet und welche Haltung man entwickelt hat. Warum kommt man, wenn man kommt? Warum kommt man nicht? Warum ist man ausgetreten? Warum nimmt man nicht an Veranstaltungen teil?
Und tatsächlich haben 2.716 Personen teilgenommen. Überwiegend Vertreter der Generationen, die demographisch in der Minderheit sind. Also weniger Senioren – das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 48 Jahren. 45 Prozent der Teilnehmer sind in Deutschland geboren worden.

Das ist bemerkenswert. Während man in den europäischen Nachbarländern nicht einmal weiß, wie viele Gemeindemitglieder im eigenen Dachverband organisiert sind (siehe Schweiz), kennt man recht konkrete Details zur jüdischen Demographie – zumindest für die Gemeinden, die im Zentralrat organisiert sind. Nun kommen weitere Daten hinzu.

Was ist bemerkenswert? Mehrere Punkte

Gleich mehrere Punkte sind bemerkenswert.
Beginnen wir mit einem positiven Aspekt:
Zwei Drittel aller Befragten würden gerne (mehr) aktiv in einer Gemeinde mitarbeiten. Das ist ein enormes Potential.
Die Gegenfrage liegt nahe: Warum denn dann nicht?

Die Antwort gibt ein anderer Aspekt (möglicherweise): Nur 18 Prozent der befragten (derzeitigen) Gemeindemitglieder haben das Gefühl, sie hätten Einfluss auf die Entscheidungen innerhalb einer Gemeinde. Eine Mehrheit gibt an, dass ihre Stimme überhaupt kein Gehör in der Gemeinde findet.
41 Prozent der Gemeindemitglieder geben an, dass sie nicht an Veranstaltungen teilnähmen, weil sie Probleme mit anderen Personen in der Gemeinde hätten.

Partizipation in der Gemeinde, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Es lässt sich also behaupten: Die Leute wollen mitmachen! Die Leute wollen sich engagieren. Da ruht also richtig viel Potential.
Dazu passt, dass sich 47 Prozent der ehemaligen Mitglieder eigene jüdische Räume schaffen und immerhin noch 35 Prozent derjenigen, die Mitglieder sind, ebenfalls tun. Hier könnten Gemeinden vielleicht ansetzen?

Strömungen Die alte Frage

Wer ist orthodox, wenn »Ja«, wie sehr?
Die Umfrageergebnisse erlauben es, innerhalb der Strömungen zu differenzieren. »Ja, orthodox und observant« oder» Ja, traditionell und observant« oder eben »traditionell und nicht observant«. Demnach wären 15 Prozent der Gemeindemitglieder orthodox, 37 Prozent »traditionell« und 27 Prozent liberal. Dann gibt es noch die »feuilletonistischen« Jüdinnen und Juden (»kulturell«) mit etwa 16 Prozent. Bei den Nichtmitgliedern und ehemaligen Mitgliedern ist die Zusammensetzung etwas anders. Hier findet man mehr Jüdinnen und Juden, sie sich über die »Kultur« mit dem Judentum identifizieren. Interessant wäre es, Veränderungen hier nachzuverfolgen. Überraschend ist, dass die Zahlen recht nah an diejenigen herankommen, die hier im Blog 2016 erhoben wurden (siehe hier). Die Einheitsgemeinde ist also wichtiger als noch vor Jahren. Wie religiöse Konfliktfelder moderiert werden, wird also eine Aufgabe für Gemeinden bleiben. Moderation und Heimat für alle und nicht Parteinahme wäre vermutlich ein wichtiger Aspekt der Zukunft.

Wer kann erreicht werden? Wenig Schnittstellen

Vorsicht Metaphernhagel: Es liegt auf der Hand, dass nur Menschen teilnehmen konnten, die irgendwie noch im jüdischen Orbit unterwegs sind. Sie müssen nicht auf dem Planet Gemeinde wohnen, aber noch irgendwie eine Verbindung haben. Offenbar ist die Jüdische Allgemeine das Medium mit der größten Reichweite.

Genützte Medien, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Bemerkenswert ist aber, dass die Jüdische Allgemeine stärker außerhalb der Gemeinde genutzt wird. Das gilt für fast alle Medien – mit Ausnahme des Blatts »Zukunft« des Zentralrats (gibt es das außerhalb der Gemeinden überhaupt?).
Was also vielleicht noch immer fehlt, ist ein Medium, das auch diejenigen erreicht, die schon recht weit weg sind. Eines, das vielleicht Interesse weckt. Schwierig.

Erstmals wahrgenommen Vaterjüdinnen und Vaterjuden

Es ist auch nach denjenigen gefragt worden, die in Deutschland nicht Mitglieder eine jüdischen Gemeinde werden können: Denjenigen, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter. Von 622 Nichtmitgliedern waren das 29 Prozent, also etwa 180 Personen. Von ihnen haben 88 Prozent angegeben, dass sie in eine Gemeinde eintreten würden, wenn es ihnen ermöglicht werden würde – wir erinnern uns – diese Befragung wurde von Menschen ausgefüllt, die sich noch im jüdischen Orbit befinden. 72 Prozent würden übertreten, wenn der Übertritt vereinfacht werden würde und immer noch 62 Prozent würden bei einem transparenten Prozess übertreten (also schwierig, aber transparent).
Interessant wäre hier die Frage, wie groß die Gruppe eigentlich wäre?
Bei der Beantwortung dieser Frage könnte die Studie »Jews in Europe at the
turn of the Millennium« von Sergio DellaPergola (dem Großmeister der jüdischen Demographie) aus dem Oktober 2020 helfen.
Er gibt die »Core Jewish Population« (jüdische Eltern) von Deutschland mit 118.000 Personen an. Die »Jewish parent(s) population« (mindestens ein jüdischer Elternteil) beziffert er mit etwa 150.000. Wenn man von dieser Zahl die »Core Jewish Population« ab und etwa 2.000 Konvertiten, dann erhält man die beeindruckende Zahl von etwa 30.000. Hier ist offen, was mit diesen Erkenntnissen in Zukunft passieren wird.

Kurzes Fazit Jüdisches zuhause gesucht

Die Aussagen aus der Studie legen den Schluss nahe, dass viele Jüdinnen und Juden ein »jüdisches Zuhause« suchen und sich das durchaus in einer Gemeinde wünschen. Fällt dieses »Zuhause« weg, orientieren sich viele Menschen um und schaffen sich Räume dafür selber. Man kann hoffen, dass dies gehört wird und in Zukunft erneut abgefragt wird, ob es hier Schritte gegeben hat. Hoffentlich werden diese dann erfolgreich gewesen sein.
Die Auswertung wird von konkreten Hinweisen abgeschlossen. Was wäre nun zu tun? In Kürze: Zuhören, Zugehörigkeit, Beziehungen, Jüdische Bildung, Transparenz, Vernetzt denken, Zukunftsvisionen.

Und ja: Es wird Verantwortliche vor Ort geben die das vom Tisch wischen. Es wird diejenigen geben, die sich aussuchen möchten, mit wem sie in den Gemeinden etwas machen möchten, aber es wird auch viele geben, die in die richtige Richtung gehen und Zukunft gestalten und nicht in der Verwaltung und im Rückschritt verharren wollen. Hier wird sich zeigen, wer Gestalter ist und wer Strukturen nutzt, um Selbstbestätigung zu finden.

Die Studie steht hier zum Download und zur Ansicht zur Verfügung. Hier findet man alle Details gut aufbereitet.

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So nah – fast schon Freunde

Ach, siehe da. Antisemitismus eint die katholische und die evangelische Kirche.
Ist das nicht ein schöner, polemischer, Beginn?
Jetzt nehmen wir ein wenig Hitze raus und schreiben, um was es geht. Beide Kirchen wollen etwas gegen Antisemitismus tun. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass man nun zum Mittel des Plakats greift. Eine Kampagne soll sich insbesondere an Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen wenden und hier diejenigen abholen, die innerhalb der Gemeinden antisemitisch denken – das soll es ja auch geben.

Jüdisches und fremdes

Es steht im Allgemeinen bei Wohlmeinenden die Vermutung im Raum, dass »jüdisches« fremd ist oder einigen Leuten »fremd« vorkommt. Um dem zu begegnen, will man diesen Eindruck abbauen. Judentum soll nicht länger etwas fremdes sein.
Das ist nicht zu verwechseln mit den Initiativen , die Berührungsängste abbauen wollen und Begegnungen ermöglichen. Die (jüdische) Initiative Meet a Jew soll dabei helfen, dass auch jüngere Leute mal einen jüdischen Gesprächspartner erleben und vielleicht etwas länger überlegen, bevor sie etwas nachplappern. Andere machen kleinere Filme, bauen Instagram-Profile auf und zeigen, was Jüdinnen und Juden so machen. Diese Aktionen sind Bausteine eines größeren Konzepts. Ausschließlich darauf zu setzen, könnte in die falsche Richtung weisen. Denn wir wissen: Auch Leute, die tatsächlich Jüdinnen und Juden kennen, können Antisemiten sein. Antisemitismus ist nicht immer nur ein Mangel von Information. Nie war es übrigens einfacher als heute, sich zu informieren. Jüdinnen und Juden haben Jahrhunderte neben ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt, die deutschen Juden galten kurz vor der Schoah als »assimiliert« und dennoch war es nur ein kleiner Schritt, sie wieder auszugrenzen. Aber wir schweifen ab.

Was wäre also der nächste Move? Nehmen wir den Menschen die Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder machen wir das Fremde weniger fremd?Die Kirchen haben sich, anscheinend jedenfalls, für die letzte Option entschieden und das hat Konsequenzen. Wenn man die zu tragen bereit ist: Alles gut.

Plakatmotiv Sukkot
Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es sollen, wie man oben am Motiv zu Sukkot sehen kann, Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Der Claim lautet

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Das offensichtlichste ist: Die Feste sind nicht vergleichbar. Na klar, man kann eine Botschaft extrahieren und diese dann betonen, es bleibt aber der Eindruck hängen, Sukkot sei »das jüdische Erntedankfest«, so wie Pessach häufig als das »jüdische Ostern« beschrieben wird.

Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Um interkulturelle Kompetenz zu stärken, ist das genau der falsche Schritt. Zu »lernen« etwas in sein eigenes System von Schubladen zu quetschen, dürfte nicht sehr tragfähig sein. Letztendlich wird hier die eigene Normativität unterstrichen: Schmuel Normaljude feiert ähnliche Feste wie ich – also ist er fast wie ich oder meine Gruppe – also ist er gut.
Wäre er anders als ich, wäre er also schlecht?
Von der »Dignity of Difference« von der Rabbiner Lord Jonathan Sacks (seligen Angedenkens) so häufig schrieb und sprach, bleibt hier nichts mehr.
Es ist doch das zentrale Problem derzeit, dass »Anderssein« nicht ertragen werden kann und nicht ertragen werden will. Das zu erlernen, ist aber schmerzhaft und diesen Schmerz will niemand so recht auslösen.

Antisemitismus oder Antijudaismus?

Noch etwas: Die Kampagne zielt auf »Religion« ab und das beschreibt das Judentum nur sehr unzureichend. Judentum ist nicht nur »Religion« und Antisemitismus ist nicht nur Antijudaismus. Antisemitismus kommt sogar ohne Juden aus. Er bezieht sich auf etwas, das man für jüdisch hält und für jüdisch erklärt, wenn man Antisemit ist.

Im Augenblick könnte dies der Einstieg in einen Diskurs sein. Der polemische Auftakt zu diesem Artikel hat vielleicht gewirkt und ein oder zwei Leser weiterlesen lassen. Vielleicht eingängiger als ein rundherum freundlicher Auftakt. Vielleicht könnte man auch hier ein wenig mutiger sein und nicht nur kuschelig. Wenn alle es gut finden und nicht aneckt, wird es vielleicht keine Emotionen auslösen und deshalb niemanden so richtig berühren.

Alle Plakate kann man sich hier anschauen.
Pressemitteilungen der Kirchen zur Aktion.

Artikel

Wie viele Juden gibt es bei der Bundeswehr?

Irgendwann stand da diese Zahl im Raum. 300.
300 Juden und/oder Jüdinnen gäbe es bei der Bundeswehr. Meine erste Reaktion darauf war: Es für unrealistisch zu halten. Diese Zahl erschien mir recht hoch.
Aber die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium sind keine kleinen Einrichtungen. In der Regel kann man davon ausgehen, dass die Angaben valide sind.

Wie sich jetzt herausgestellt hat, weiß niemand so genau, woher die Zahl stammt. So zuletzt ein Artikel in der taz. Ist sie realistisch?

Versuchen wir uns mal an einer Beispielrechnung, die so lange valide ist, bis jemand eine andere vorlegt.

Eckdaten Wie viele Soldaten gibt es derzeit?

Grundlegend für jedes Spiel mit den Zahlen ist, dass wir ein paar Eckdaten erfassen. Also schauen wir, wie viele Soldatinnen und Soldaten es derzeit überhaupt gibt. Die Bundeswehr kann dazu eine sehr genau Aussage treffen (Stand August 2020): 184.258 Soldatinnen und Soldaten (Quelle, bundeswehr.de) – Zeitsoldaten, freiwillige Wehrdienstleistende und Berufssoldaten sind mit dieser Zahl erfasst.

Zwischenstand Vergleichen wir die Zahlen

300 von 184.258 wären 0,16 Prozent. Ein schneller Vergleich mit der Einwohnerzahl Deutschlands und der Größe der jüdischen Bevölkerung hilft uns zu schauen, ob das Verhältnis passt. In Deutschland sind 94.771 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Wenn wir davon ausgehen, dass nicht alle Jüdinnen und Juden Mitglieder einer Gemeinde sind, müssen wir noch ein paar hinzurechnen. Eine etwas zu hoch gegriffene Zahl dient erst einmal als Hilfe: 130.000 Menschen. 130.000 von 83 Millionen Einwohnern (2019) sind 0,16 Prozent. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht und mit dem Anteil an der Gesamtbevölkerung gerechnet! 0,16 Prozent passt ziemlich gut zusammen. Aber die Bundeswehr repräsentiert in ihrer Zusammensetzung gar nicht die Gesamtbevölkerung!

Die endgültige Zahl? Natürlich nicht

Also ist das nicht die »letzte Zahl«. Es wäre möglich, ein paar weiche Argumente vorzubringen: Als es die Wehrpflicht noch gab, mussten nicht alle jüdischen Jungs einrücken. Oder: Die Bundeswehr als Nachfolgeorganisation der Wehrmacht wäre kein geeigneter Ort für eine Jüdin oder einen Juden. Bevor man diese Karte zieht, gibt es noch ein paar andere Zahlen, die man beachten sollte.

Wie viele Jüdinnen und Juden könnten überhaupt Dienst an der Waffe leisten?
48% (mehr zu diesen Zahlen hier) der Jüdinnen und Juden aus den Gemeinden sind über 61 Jahre. Diese müssten wir herausrechnen. Bei den Leuten außerhalb der Gemeinden dürfte die Altersverteilung ähnlich ausschauen. Ziehen wir diese also ab: 48% von 130.000 sind 62.400.
Dann blieben noch 67.700 potentielle Kandidaten übrig. Kinder und Jugendliche müsste man auch noch abziehen. Also einigen wir uns auf 60.000. Dieses auf die Gesamtbevölkerung gerechnet, wären dann nur noch 0,07 Prozent. Das auf die Bundeswehr hochgerechnet, wären ungefähr 129. Gibt es also schätzungsweise 129 Jüdinnen und Juden bei der Bundeswehr?

Man kann behaupten, dass ein großer Anteil der Gemeindemitglieder einen »Migrationshintergrund« hat. Als Bürger mit Migrationshintergrund gilt man, per Definition, wenn noch ein Großelternteil nicht in Deutschland geboren wurde. Eine optimistische Schätzung aus dem Jahr 2016 sagt, dass 26% aller Soldatinnen und Soldaten einen Migrationshintergrund haben (Quelle, faz.net). Hinzu kommt: Nicht alle Gemeindemitglieder haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist ein Dienst bei der Bundeswehr nicht möglich (Soldatengesetz §37). Das schmilzt den Kreis weiter herunter. Als optimistische Schätzung stelle ich nun 100 in den Raum. Es könnte 100 jüdische Soldaten bei der Bundeswehr geben. Vermutlich sind es noch weniger, wenn man die Altersklassen noch weiter unterteilt. Vermutlich wären sie nicht älter als 35. Wieder würde die Zahl weiterschrumpfen.
Das ist übrigens kein Grund, keine Rabbiner bei des Bundeswehr zu haben, die sich um die Soldatinnen und Soldaten kümmern. Grundsätzlich sollte die Armee eines demokratischen Staates die Seelsorge für alle Soldatinnen und Soldaten gewährleisten können. Die Zahl der einrückenden Rabbiner (zehn) erscheint vor diesem Hintergrund jedoch etwas zu großzügig dimensioniert.
Zehn neue Rabbiner bei der Bundeswehr würde also die Zahl von Jüdinnen und Juden bei der Bundeswehr um mindestens 10% anwachsen lassen.

Die Mitteilung der Bundesregierung zum entsprechenden Staatsvertrag (hier zu finden) zeigt übrigens als Symbolbild einen Rabbiner von Chabad. Vermutlich wird aber Chabad hier nicht beteiligt.

Militärbundesrabbiner Neue Stelle

Es gibt aber eine neue Stellenbezeichnung, den »Militärbundesrabbiner« (siehe Text im Bundesgesetzblatt). Sicher eine Position und Stellenbezeichnung, die dem Inhaber die Türen zu den verschiedensten Medienterminen jetzt schon öffnen.
Die Rabbiner werden durch den Zentralrat berufen werden und keine Angestellten des Bundes sein.

Reservisten Nicht betrachtet

In den Zahlenspielen spiegeln sich die Reservisten übrigens nicht wieder. Das ist eine recht große Gruppe von Personen und anscheinend können die Militärrabbiner auch diesen Kreis betreuen. Die Zahl 300 bezieht sich aber zunächst auf die Soldatinnen und Soldaten (Quelle, bundeswehr.de) – Zeitsoldaten, freiwillige Wehrdienstleistende und Berufssoldaten.