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Solidarität, Schmolidarität

Ein ordentliches Land ist das doch, oder nicht? Alles ist geregelt, festgelegt und kategorisiert. Straßenschilder haben festgelegte Größen, der Abstand zwischen den Streben eines Grillrostes ist festgelegt.
Abläufe sind normiert. Ein Land, dessen »Reinheitsgebot« seit Jahrhunderten dafür sorgt, dass man sauberes Bier trinkt. Ein Land, dass für jeden deportierten Juden auch ordentlich ein Ticket dritter Klasse abgerechnet und fein säuberlich festgehalten hat.

Aber bei einigen Themen ist man ungewöhnlich flexibel und lässt jene mediterrane Lockerheit erkennen, die man im Urlaub so bewundert, jedenfalls solange der Flughafenzubringer pünktlich fährt:
Eines von ihnen ist Antisemitismus.

Hier gibt es keine Norm und keine Handlungsanweisung. Wann ist er »schlimm« oder erfordert irgendein konkretes Handeln?

Hier wird von Fall zu Fall entschieden.
Die Bandbreite reicht von »ist nicht so schlimm« bis »wir stehen hinter euch«. Die höchste Eskalationsstufe ist die Zusicherung von »Solidarität«.

Was wäre eine rote Linie für die Freunde der Ordnung?

Ist sie überschritten, wenn die Aktion von Zuwanderern ausgeht?
Wenn eine Synagoge beschädigt wird?
Wenn Grabsteine beschädigt werden?
Wenn Juden mit Hatemail bedacht werden?
Wenn jemand körperlich bedrängt wird?
Wenn jemand verletzt wird?
Wenn jemand getötet wird?

Haben wir alles schon gehabt. Deutschland sucht weiterhin die rote Linie.

Am 27. Juli 2000 explodierte am Bahnhof Düsseldorf Wehrhahn eine Rohrbombe. Unter den 10 lebensgefährlich verletzten Menschen waren sechs jüdisch. Kurze Zeit später gab es einen Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf. Dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte man den Appell vom »Aufstand der Anständigen« zurechtgelegt. Das wäre die Ausbaustufe von »Solidarität«. Der Brandanschlag wurde zügig aufgeklärt. Einer der Beschuldigten wurde sogar zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Und jetzt?

Es gab zahllose Vorfälle. In »meiner« Stadt Gelsenkirchen war die letzte Beschädigung der Synagoge in der letzten Woche. Wieder ein eingeworfenes Fenster.

Eingeworfene Fenster, Pöbeleien auf der Straße, in der Stadt gab es bereits das ganze Programm. Der Friedhof der Gemeinde ist nur noch mit einem Schlüssel zugänglich.

Dann gibt es die kleinen Geschichten und die Unsicherheiten: finden die Nachbarn dich einfach so unsympathisch, oder weil du Jude bist?

Glück gehabt – es ist normaler Rassismus. Weil du schwarze Haare hast und manchmal Russisch sprichst. »Das können sie ja bei sich im Land machen – WIR hier machen das anders«.

Wie hat die Stadtgesellschaft reagiert?
Der jüdische Leser wird es ahnen: Man spricht Solidarität aus. »Man meint ja uns alle damit« – wohl wissend, dass das nicht stimmt. Gemeint war tatsächlich nur eine Gruppe.

Die Gemeindevorsitzende verbreitet Optimismus. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Sonst kann man die Gemeinde gleich schließen. Immerhin gäbe es diese Solidarität und Leute, die sich melden.

Für die Solidarität kann man sich aber nichts kaufen. Solidarität, die »Normalität« herstellt gibt es nicht. Solidarität beschützt keine jüdischen Schüler in nichtjüdischen Schulen. Solidarität sorgt nicht dafür, dass Synagogen immer besser bewacht werden müssen. Jedenfalls nicht die Solidarität, die man hierzulande immer beschwört und die nur weitere Worte und Posten im politischen Betrieb hervorbringt und eine lange Kette von Unverbindlichkeiten.

Die SPD der Stadt hatte jedoch eine geniale Idee, wie man dem Antisemitismus begegnen kann: ein Programm gegen Rechts. Muss man noch dazu sagen, dass man nicht bekämpfen kann, was man nicht verstanden hat? Dass Antisemitismus mitnichten nur ein rechtes Phänomen ist? Dass die Israel-Boykotteure und »Juden ins Gas« Rufer (auch aus Gelsenkirchen) keine Anhänger rechter Gruppierungen sind?
Wir sprechen da über einen Querschnitt der Gesellschaft. Vielleicht sogar auch über das Mitglied des Stadtrats von Gelsenkirchen, das laut darüber nachdachte, ob vielleicht jemand, der die Herausgabe von Raubkunst fordert, diese vielleicht zu Geld machen will (Juden und Geld und so…). War natürlich alles nicht so gemeint.

Echte Verantwortung ist gefragt. Eine Träne bei Schindlers Liste abzudrücken, reicht nicht aus. Fototermin mit Vertretern einer Gemeinde. Kurz lächeln oder betroffenes Gesicht machen. Leben geht weiter. Sorry. Das ist nicht ausreichend.

Es wäre also gut, auch bei diesem Thema die innere Pickelhaube zu entdecken und das Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anzugehen. Was ist die rote Linie?
Alles andere hieße, dass man eigentlich keinen Bock auf seine »jüdischen Mitbürger« hat und sich mit der Solidarität nur Zeit verschafft.

Eines sei euch aber versichert: Selbst wenn die Synagoge eines Tages schließt, weil zu viele Juden nicht mehr in der Stadt leben (wollen): Das Klima bleibt vergiftet, die Gesellschaft bleibt beschädigt. Da nützen auch die schönsten Normen nichts mehr, wenn es niemanden gibt, der sie durchsetzen könnte.

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Schöne Ausgabe der Tehillim/Psalmen

Die Tehillim, die Psalmen, begleiten den observanten Juden durch den Tag. Sie sind Teil der täglichen Gebete. Zitate kommen selbst im Tischgebet vor. Zudem gibt es in einigen Strömungen des Judentums die Tradition, die Tehillim im Verlauf einer Woche vollständig zu lesen oder zu sprechen.

Die 150 poetischen Texte stehen dabei für menschliche Erfahrungen und Erlebnisse mit G-tt: Es kann eine Klage sein oder ein Dank. Es können Wohltaten gepriesen werden oder es kann um Rettung oder Erlösung gebeten werden. Das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen wird abgedeckt. Aus diesem Grund auch Tehillim, die man traditionell zu verschiedenen Situationen im Leben sprechen kann. Einige Siddurim, Gebetbücher, zählen diese dementsprechend auf.
Manchmal ist es fast zu schade, dass man sie während des Gebets recht schnell spricht und sich vielleicht nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Blick in den Innenteil – die deutsche Übersetzung mit kommentierenden Anmerkungen.

Chabad, einem einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum verpflichtet, legt mit »Ohel Josef Jizchak« genau für den Zweck des wöchentlichen und monatlichen Sprechens und Lernens der Tehillim eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe vor.

Titelblatt der Tehillim

Die deutsche Ausgabe wiederum wiederum basiert auf einer Ausgabe, die mit einer englischen Übersetzung in den USA erschienen ist. Beide beziehen sich auf eine hebräische Ausgabe. Alle drei wären nebeneinander nutzbar – durch die gleichen Seitenzahlen an den gleichen Stellen. Diese »Standardisierung« erlaubt es Chabad, ungeübte Beter mit unterschiedlicher Herkunft ohne große Probleme neben- und miteinander beten zu lassen, ohne auf die Eigenschaften jeder individuellen Ausgabe eingehen zu müssen. Auf der anderen Seite bedeutet das natürlich auch, dass die Übersetzer und Herausgeber jede Entscheidung des ursprünglichen Herausgebers mitgehen müssen, auch wenn diese ein wenig »aus der Zeit« zu sein scheinen.

Der hebräische Text erscheint, wie das lange Zeit üblich war, als Blocksatz, ohne jegliche Einteilung in Absätze oder Zeilen. Hier könnte man natürlich sagen: Das wäre Interpretation.
In der Vergangenheit war es jedoch nicht üblich, die Tehillim anders darzustellen. Der Platz war knapp und irgendwann haben sich viele Beter an dieses »Layout« gewöhnt. Aber mit »Ohel Josef Jizchak« sucht man mit der zeitgemäßen Übersetzungen und Anmerkungen zu einigen Textteilen einen Kompromiss.

Der hebräische Text der Tehillim

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall (sel. A.) vollständig neu erarbeitet. Wie bei dem, kürzlich erschienenen, Gebetbuch Tehillat HaSchem blieb sie dabei recht nah am Text (zuweilen auch mit einem Seitenblick auf die Übersetzung in der Ausgabe Hebräisch-Englisch) und hat vielleicht auch Formulierungen verwendet, die weniger Nachdichtungen sind, als vielmehr Darstellungen des Textinhalts. Gewisse Zugeständnisse an das, was der Leser gewohnt ist, werden dabei durchaus gemacht. Der Name G-ttes wird mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Das Buch richtet sich also nicht nur an Insider, sondern ausdrücklich auch an Neueinsteiger. Die Anmerkungen konzentrieren sich auf Bereiche, die sich dem Leser nicht unbedingt selber erschließen. So erfährt man, was ein Maskil ist, oder dass ein »Schlauch« eine gängige Aufbewahrungsart von Wasser und Getränken war. Im Anhang findet man zudem noch ein erklärendes Glossar zu wichtigen Begriffen die mehrfach vorkommen.

Glossar der Tehillmausgabe

In der Einleitung und im Anhang (hier meist ohne Übersetzung in Jiddisch und Hebräisch) wird viel auf die speziellen Bräuche und Anforderungen von Chabad eingegangen, die Gruppe derjenigen, die von dem Buch profitieren können, dürfte aber über Chabad hinaus gehen.
Wer sich also lernend mit den Tehillim auseinandersetzen möchte, findet hier einen guten Startpunkt.

Das gesamte Vorhaben wurde offenbar ohne öffentliche Gelder finanziert – einfach weil der Bedarf vorhanden war. Dazu wurden private Spender herangezogen und so entstand ein schönes neues Buch. Ein gutes Beispiel auch für andere.

Hier im Schnelldurchlauf als Video:

Was fehlt?

Eingangs wurde es erwähnt: In einigen Siddurim gibt es Auflistungen der Tehillim für verschiedene Situationen und eine Zuordnung zu den verschiedenen Schabbatot des Jahres – aber vielleicht ist dies kein Brauch von Chabad und fehlt deshalb hier?

Wo gibt es das Buch?

Es wurde von Chabad Berlin herausgegeben. Im Zweifelsfall bitte zunächst dort erfragen. Sobald ich genauere Informationen zu Preis und Bezug habe, werde ich diese hier veröffentlichen.

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Bock auf Provokation oder Prosa?

Kajo Lang das ist ein Schriftsteller, dessen Namen einem nicht sofort etwas sagt. Dabei ist er Autor, Journalist, Drehbuchschreiber, Dichter und jemand, der Schreibworkshops anbietet.
Aber er ist dabei, das zu ändern. Nicht nur durch einen Artikel in der Wikipedia zu ihm (siehe hier), der anscheinend aus erster Hand, also von ihm selbst stammt. Das Pseudonym des Artikelerstellers lautet jedenfalls »kreatief« – was ganz gut zu seinem Workshop »kreatief & schreiben« passt – und dieses hat 2010 den Artikel angelegt (siehe hier).
Das könnte man als deutlichen Hinweis darauf werten, dass da jemand um »Sichtbarkeit« kämpft und bemüht ist, ein wenig Eigenwerbung zu machen. Was nichts verwerfliches ist. Als Künstler ist man zuweilen auf »Sichtbarkeit« angewiesen.

Auch das Buch »Die Blöße des Tschadors«, in dem jemand bei einem Scherenschnitt-Kurs eine Muslima mit »Tschador und Gesichtsschleier« kennenlernt und mit ihr auf eine sexuelle Entdeckungsreise geht, hat den großen Durchbruch noch nicht ganz gebracht – obwohl das Setting natürlich plausibel ist.

Eine vollkommen neue Followergruppe erschließt sich Kajo Lang nun mit seinem Gedicht »Wie hältst du’s mit dem Jud‘?« und das dürfte – zumindest für ihn – schon etwas vielversprechender sein. Oder es ist mehr als reine Provokation und ein Einblick ins Seelenleben des Dichters.
Da ist alles drin, was man als »Israelkritiker« benötigt:
Formulierungen wie »Schuldenstand des Holocausts«, »wie hältst du‘s aus im ewigen Schuldkäfig?« oder »bis alle Morde Israels dich freisprechen von etwas, was du nie getan?« (Zitate von hier).

Das Gedicht schließt damit ab, dass man über den »Juden«, hier aber in deutscher Tradition »Jud’« genannt, nichts sagen darf, außer zur eigenen »Schuldigkeit«.
Die Litanei, die sich offenbar als Auseinandersetzung mit »Israelkritik« versteht, die weder originell noch besonders neu ist, dürfte die Frage, wie Kajo Lang es mit »dem Jud’« hält, schnell beantworten.

Das Gedicht ist hier zu finden.

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Von Schabbat zu Schabbat mit der CDU

Irgendwie scheint ein gewisser Aktionismus ausgebrochen zu sein.

Denn jetzt ist (mal wieder) die Zeit der »Zeichen« gekommen. Solidarisierungsaktionen mit der »jüdischen Gemeinschaft« oder den »jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern« werden ausgerufen. Es ändert zwar nichts am Antisemitismus, aber man hat etwas gemacht und kann das von der Liste streichen.

Die CDU hat nun die Aktion »Von Schabbat zu Schabbat« ausgerufen:

Die CDU Deutschlands lädt ein zur Ak­tionswoche „Von Schabbat zu Schabbat“ – eine Aktionswoche für die Zugehörigkeit jüdischen Lebens in Deutschland und gegen Antisemitismus. Dabei werden Mitglieder des CDU-Bundesvorstandes Orte jüdischen Lebens besuchen. Sie werden auf jüdische Kultur in Deutschland aufmerksam machen, auf jüdische Feste und Traditionen. Von Schabbat zu Schabbat. Überall in unserem Land.
von hier

Auf der Seite der Aktion sieht eine kleine Bildergalerie dazu.
Sieben Bilder.
Ein Bild ist ein Link auf ein YouTube-Video mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie sagt, dass Antisemitismus eine starke Antwort des Staates erfordert. Ja, wäre schön.

Sie nennt die Woche, eine »Aktionswoche für die Zugehörigkeit jüdischen Lebens in Deutschland und gegen Antisemitismus«. Klingt für mich, wie die Feststellung von etwas, was eigentlich offensichtlich sein sollte. Jedenfalls ist noch keiner auf die Idee gekommen, eine Aktionswoche für das Oktoberfest zu veranstalten. Einfach, um zu unterstreichen, dass auch das zu Bayern und zu Deutschland gehört.

Drei Bilder zeigen Volker Bouffier in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und drei dokumentieren den Besuch der »Alten Synagoge Steinsfurt«, keinem Ort mit einer aktiven jüdischen Gemeinde. Das war ein Ort jüdischen Lebens. Der Besuch zeigt aber, wie jüdisches Leben in der Öffentlichkeit häufig wahrgenommen wird.

War es das? Politiker schütteln Hände?

Sind wir fair: Über die Staatsverträge wird jüdisches Leben finanziert und Sicherheitsstrukturen mitfinanziert. Sicherheitsstrukturen die man nicht bräuchte, wenn wir kein Problem mit Antisemitismus hätten.
Jüdisches Leben kann gut ausgestattet sein, wenn es aber nur in gut gesicherten Gemeindehäusern und sicheren Privatwohnungen stattfinden kann und man »draußen« nicht sicher ist, dann ist das kein gutes und offenes jüdisches Leben. Das kann man nicht kaufen. Das gibt es nur, wenn die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür stimmen.

Wenn auf der anderen Seite Jüdinnen und Juden weiterhin nur »Mit-Bürger« sind und keine Bürger, dann haben wir ein tiefgreifenderes Problem.

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Synagogen bauen

Wintersynagoge der Portugiesischen Synagoge Amsterdam – für viele Minjanim dürfte diese Größe ausreichen

Kaliningrad

In Kaliningrad, der Stadt, die früher »Königsberg« hieß, wird demnächst eine neue Synagoge eröffnet (siehe hier). Diese Synagoge ist ein Nachbau der Synagoge, die es bis vor der Schoah in der Stadt gegeben hat – jedenfalls von außen. Der Innenraum wird neu gestaltet, vermutlich dann auch nach den Erfordernissen von Chabad. Die ursprüngliche Synagoge dort diente ja der liberalen Gemeinde mit Orgel und allem was dazu gehört. Die fertige Synagoge wird letztendlich 500 Plätze haben, soll aber bis zu 2.000 Menschen versorgen können. Eines liegt also auf der Hand, auch wenn von einem Wiederaufbau der Königsberger Synagoge gesprochen wird (ausdrücklich), ist es das nicht. Die heutige Gemeinde knüpft natürlich nicht an die Tradition der Königsberger Gemeinde an und erbaut auch nur die Fassade der alten Synagoge.
Ein sehr ungewöhnlicher Schritt, denn gerade Chabad hätte ich zugetraut, etwas »neues« zukunftsorientiertes zu bauen. Mit einem Blick auf eine realistische Einschätzung der Lage: Eine leicht zu unterhaltende Synagoge, zugeschnitten auf die Gemeindemitglieder. Tallinn scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Dort baute Chabad ein smartes neues Gemeindezentrum. Statistische Angaben (von 2012: Arena Atlas Religion Maps. »Ogonek«, № 34 (5243)) legen nahe, dass es im gesamten Oblast Kaliningrad gerade so 1.000 Juden gibt. »Oblast« meint das gesamte Gebiet Kaliningrad. Dieses Gebiet hat ungefähr 940.000 Einwohner, weniger als 0,1 Prozent sollen jüdische Einwohner sein. Da sind 500 Plätze mehr als optimistisch.

Aber offenbar erhöht das Akzeptanz der Synagoge und erzeugt offenbar gewisse Emotionen. So konnte man auch das notwendige Geld für den Bau aus Spenden aufbringen und den »Zirkus« der Stadt entschädigen, der auf dem Baugrund stand. Hier wird die Zukunft zeigen, ob dies wirklich das richtige Vorgehen war.

Deutschland – wohnen in der Nähe der Synagoge

Ende des vergangenen Jahres (2017) entschied das Sozialgericht Berlin, dass die Stadt keine 2.000 an Hartz 4 Empfänger für eine Wohnung in der Nähe einer Synagoge zahlen muss (siehe hier). Man dürfe am Schabbat nicht mit dem Auto in die Synagoge fahren – was ja auch stimmt, aber leider seien alle Wohnungen in der Nähe der Synagoge sehr teuer. Deshalb müsse die Miete einer solchen Wohnung vom Amt übernommen werden. Das offenbart ein ganz anderes Problem der Gemeinden in Deutschland: Sie sind zwar »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen (siehe auch den Text hier), aber dort, in der Mitte der Städte, sind die Mieten sehr hoch. Die Gemeinden werden dort gebaut, wo sie gesehen werden und die offene Demokratie demonstrieren. Sie liegen aber nicht dort, wo die Gemeindemitglieder wohnen. Das erschwert observantes Leben eher, als dass es das erleichtert.

Die Verbindung

Beide Ereignisse sind zwar geographisch voneinander getrennt, erzählen aber die gleiche Geschichte: Die Versuchung ist groß, »symbolisch« zu handeln und nicht pragmatisch. Davon hängt aber die Zukunft der Gemeinden ab. Sie sollten pragmatische Entscheidungen treffen und betrachten, wohin sich die Gemeinden entwickeln sollen. Synagogen in Innenstadtlagen sind eher etwas für Menschen, die sich das Leben dort leisten können – wobei es natürlich in Einzelfällen Innenstädte gibt, die noch eine ausgewogene Mietstruktur haben.

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Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne

Diese Rezension musste etwas reifen, denn das Buch, um das es hier geht ist ungewöhnlich.
Spannend zu lesen und zugleich auch anstrengend, auf beunruhigende Weise intelligent und dennoch möchte man nicht jeden Gedanken mitgehen. Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es die Beschreibung einer Reise? Ist es eine Zusammenstellung von Texten zu Jerusalem oder Israel?
Doch lasst uns vorher einen Schritt zurückgehen. Zum Thema des Buches »Jerusalem – Stadt der untergehenden Sonne«.
Jerusalem – diese Stadt besteht zu drei Vierteln aus Text und was wir in sie hineinprojizieren und zu einem Viertel aus der tatsächlichen Stadt. Die Stadt des Tempels, der Könige und der Propheten. Die Stadt, die im Gebet zur Hoffnung aller Juden im Exil geworden ist, ganz gleich, wie weit sie entfernt waren. Wir können uns vorstellen, dass kein irdischer Ort mit dieser Idealvorstellung mithalten kann. Zehn Maß Schönheit gäbe es in der Welt und neun habe Jerusalem erhalten (Kidduschin 49b). Und dann? Pizza Schemesch statt goldener Sonnenuntergang, Beter vor der Westmauer, Bar Mitzwah Fotos und laut rufende Menschen statt stiller Einkehr. Beständig Streit um die paar Quadratmeter vor der Westmauer. Diese Stadt beschreibt Alexander Ilitschewski aus vielen Perspektiven. Er schildert Menschen, kurze Ausrisse aus Gesprächen von der Straße, Stimmungen oder kurze Momente. Das tut er besser, als es ein Foto könnte:

»An Jom Kippur ist die Stadt gespenstisch still. Eine Stille, die man nicht einfach genießt, sondern in die man gebannt hineinhorcht. Die Fenster sind geöffnet, du lauschst der Stille, lauschst, wie die Stadt schweigt, hörst Gesprächsfetzen vorübergehender Menschen […] Diese Stille erzeugt die Stadt selbst: Es ist kein Schweigen, sondern eine geheime, kaum hörbare Melodie.« (Seite 49)

Dann widmet er sich ausführlich der Topographie der Stadt, vergleicht sie, analysiert sie und schildert die Eindrücke, die der Betrachter an einem bestimmten Ort dadurch gewinnt. Immer wieder geht er auf die Perspektiven ein. Er beschäftigt sich mit der »Durchsichtigkeit« von Jerusalem, die neue Blicke auf andere historische und topographische Schichten freigibt und die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmelzen. Das spiegelt sich auch in der Anordnung der Texte. Einige von ihnen sind eingestreute Gedichte. Das Buch ist also zugleich Reisebericht, als auch Gedichtsammlung. Reisebericht und Einführung in die Geschichte des Ortes. So lässt der Autor den Leser zwar auch an seiner Anreise mit dem Flugzeug teilhaben, oder an seinen Ausflügen ans Tote Meer, nach Haifa oder Tel Aviv. Aber währenddessen gelingt es Ilitschewski auch über das jüdische Volk, das Judentum, über Islamismus und den jüdischen Staat, über jüdische Erfinder und über Psychoanalyse zu schreiben.

Blick ins Buch

Vielleicht konnte dieses Buch nur jemand wie Ilitschewski schreiben, jemand der den »Außenblick« hat. Ilitschewski wurde 1970 geboren, als seine Heimat Aserbaidschan noch Teil eines anderen Staates war – als Jude also in der Sowejtunion.
Er studierte in Moskau dann Physik, lebte aber auch in Kalifornien und heute in Israel. Überall also niemand, der ein »Insider« ist.

Ilitschewskis Studien haben sich nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt. Nicht viele andere Bücher machen derart viele Anspielungen auf andere Texte. Es wird wirklich wenige Leser geben, die wirklich mit jeder Anspielung etwas anzufangen wissen. Das ist sehr belesen und weise von Ilitschewski , aber wirkt zuweilen wie ein literarischer Schwanzvergleich. Und »ja«, er kennt einfach mehr Texte als der Leser.

Ob das in der russischen Originalausgabe auch der Fall ist, kann ich nicht sagen. In der vorliegenden Ausgabe hat sich der Verlag »Matthes und Seitz« jedenfalls Mühe gegeben und einen Anhang mit Anmerkungen erstellen lassen. Darin hat man sich bemüht, nahezu alle genannten Personen und Dinge zu erklären. Das ist lobenswert, leider sind einige biographische Angaben jedoch falsch, aber für ein Buch, das in diesem Ausmaß intertextuell arbeitet, ist das schon sehr mühsam und nimmt dem Leser vielleicht etwas zu viel Arbeit ab. Zitate werden dann in einem weiteren Anhang mit Fußnotenzahlen ausgewiesen. Niemand hat die vielen intertextuellen Stellen in Michel Houellebecqs »Unterwerfung« je erklärt, dabei geben diese dem Buch noch eine ganz andere Perspektive.
Dann wäre da noch der Sch(m)utzumschlag. Da dieser bekanntermaßen in den Müll gehört, verliert man damit auch wichtige Informationen zu den letzten Umschlagklappen.

Für jemanden, der sich aufrichtig für Israel und Jerusalem interessiert und zugleich Sprache zu schätzen weiß, ist »Jerusalem« genau das richtige Buch. Dem Verlag sei an dieser Stelle für das Heben dieses literarischen Schatzes ausdrücklich gedankt.

Infos zum Buch
Alexander Ilitschewski
Jerusalem
Stadt der untergehenden Sonne
224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Gorod Zakata (Russisch)
Übersetzung: Jennie Seitz
Erschienen: Ende 2017
ISBN: 978-3-95757-465-7

Leseprobe

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Zwei Dokumentationen

Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?

Zwei Dokumentationen des WDR die zufällig kurz hintereinander veröffentlicht wurden und zufällig thematisch zusammengehören, denn das Thema des einen Videos zeigt die Auswirkungen auf das Thema des anderen.

Da wäre zunächst »Die dunkle Seite des deutschen Rap« (hier klicken, WDR). Die Doku zeigt, dass es Antisemitismus im deutschen Rap kein sehr neues Phänomen ist und weiter genährt wird – auch wenn die Protagonisten überzeugt sind (jedenfalls vor der Kamera), keine Antisemiten zu sein. Nur weil man meint, alle Juden seien reich? Nur weil man Jude für ein prima Schimpfwort hält? Umfassender hat sich bisher niemand damit auseinandergesetzt. Was nicht deutlich wird: Die Folgen auf viele jugendliche Hörer. Das sind diejenigen, die heute Schulhöfe in Höllen für jüdische Schüler verwandeln.

Womit wir bei der zweiten Doku sind:
»Jüdisches Leben: Zwischen Alltag und Angst?« zeigt den Alltag von Michael Rubinstein, dem Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrhein und einiger Leute aus Düsseldorf. Die Dokumentation zeigt einen dialogbereiten Michael Rubinstein, jemanden der sich ehrlich bemüht, aber zuweilen vielleicht etwas zu optimistisch an die Geschichte herangeht. Nicht alle Probleme haben ihre Ursache darin, dass man Juden nicht kennen würde. Der Mörder von Mireille Knoll, jener Schoah-Überlebenden, die in Paris von ihrem Nachbarn getötet wurde, kannte sie seit seiner Kindheit. Aber das Bemühen ist bewundernswert. Der Dramaturgie der Doku ist vielleicht das seltsame Kippah-Experiment geschuldet, auf dass sich Rubinstein einlassen muss. Er soll mit einer Kippah durch Duisburg-Marxloh laufen und die Reaktionen der Passanten erfassen. Zum einen begleitet von der Kamera, zum anderen vom ehemaligen Vorsitzenden der örtlichen Ditib-Moschee. Es passiert – und das ist auch gut so – nichts. Niemand kann sagen oder vermuten, ob etwas ohne Kamera passiert wäre.

Zum Abschluss hier ein Track von SpongeBOZZ, jenem Rapper, der sich als jüdisch geoutet hat – nix für Leute, die etwas mit dem Wort Tzniut anfangen können. Alle anderen viel Spaß damit…

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Jetzt wird richtig aufgeräumt: Der Antisemitismus-Beauftragte

In dieser Woche wurde bekannt, dass die Regierung einen offiziellen Antisemitismus-Beauftragten nominiert hat. Felix Klein wird es werden, es soll aber hier gar nicht um die Person gehen. Es geht hier eher um die Stelle, die diese Person ausfüllen wird. Auf diese Stelle wird man verweisen, wenn es wieder antisemitische Übergriffe geben wird – und es wird wieder welche geben, daran besteht kein Zweifel.

Die Lösung für die Probleme?

Der Rechtsstaat verfügt über alle Instrumente, um seine Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen zu schützen und um ihnen die Religionsfreiheit zu garantieren. Es wird keine Verschärfung von Gesetzen geben müssen, denn die vorhandenen Gesetze müssten nur konsequent angewendet werden.
Die Probleme die wir haben, betreffen die gesamte Gesellschaft. Wenn »Jude« ein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen ist, dann sind Lehrerinnen und Lehrer gefordert, entschieden zu intervenieren und das nicht erst dann, wenn tatsächlich jüdische Schüler gemobbt werden. Und selbst in konkreten Mobbingfällen sieht entschiedenes Handeln häufig anders aus, als die Bitte, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Verleiht ein Antisemitismus-Beauftragter den Verantwortlichen die Einsicht, dass es hier nicht um Lächerlichkeiten geht?

Wird ein Antisemitismus-Beauftragter dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden auf der Straße nicht mehr angespuckt werden? Dafür, dass Passanten sich einmischen und eine rote Linie ziehen?

Der Gesellschaft sollte klar sein, dass ein Teil des heutigen Antisemitismus von einer jugendlichen Subkultur ausgeht, die sich zwar am Islam orientiert, aber nicht durch ihn gespeist wird. Die entsprechenden Player dieser Subkultur sind Rapper, Musiker und andere Multiplikatoren. Und wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Sie verleiht den entsprechenden Gestalten Preise.

Wir wissen alle, dass Empörung nicht ausreicht. Auch von Solidaritätsbekundungen sind Kinder in Schulen, Beter in Synagogen oder einfach nur Menschen zuhause nicht sicherer. Daran wird auch ein Beauftragter nichts ändern. Aber er wird das Gewissen beruhigen. Man hat »etwas« unternommen. Nun kann auf jemanden gezeigt werden, wenn man sich fragt, warum es diesen oder jenen Vorfall gab.
Was ist das für ein Zeugnis, dass sich der Staat ausstellt, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht mehr durchgesetzt werden können, um es zu ermöglichen, als Jude in Deutschland zu leben?
Benötigt man erst einen Mittelsmann, der zum Handeln auffordern soll?

Es wird auch in Zukunft nicht ausreichen, alle Vorfälle einfach nur zu erfassen und daraus eine pädagogische Handreichung zu erstellen. Es wird wohl oder übel so weit kommen müssen, dass man sich aus der Komfortzone wagt und die Mittel anwendet, über die man bereits verfügt: Verfolgen von Anzeigen, anschließender Schutz der Opfer, zivilrechtliche Verfahren gegen die Eltern minderjähriger Mobber und Gewalttäter.
Es kann sicher auch nicht schaden, eine klare Haltung einzunehmen. Es reicht nicht aus, diese nicht nur zu dokumentieren, sondern auch in Taten zu verwirklichen. Dies dem Antisemitismus-Beauftragten zu überlassen, wird keines der aktuellen Probleme lösen.

Und als habe man das unterstreichen wollen, gab es gleich die folgenden Tweets:

Die CSU gratuliert zur Wahl eines Kandidaten, der mit antisemitischen Untertönen Wahlkampf betrieben hat…

… und der Innenminister, der von der gratulierenden Partei gestellt wird, stellt wenig später über twitter den Antisemitismus-Beauftragten vor. Interessant an dem Tweet ist natürlich der Inhalt, aber insbesondere die Tatsache, wie wenig Mühe man sich mit dem Bild gegeben hat:

Ja, bereits im Januar habe mich dazu geäußert, siehe hier.
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Gemeindemitglieder 2017: interessante Zahlen

Entwicklung der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland

Die Anzahl der Gemeindemitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland sinkt kontinuierlich. Das habe ich kürzlich erst in Essen vorgestellt und auch skizziert, was nun zu unternehmen wäre (siehe hier). Nun hat die ZWST auch die Zahlen für das Jahr 2017 veröffentlicht. Weiterlesen

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Jüdische Medizinethik in Gelsenkirchen

Rabbiner Soussan in Gelsenkirchen

Rabbiner Julian Chaim Soussan ist einer der besten Redner zu jüdischen Themen, den wir derzeit in Deutschland haben. Das kann man einfach mal so festhalten. Er ist eloquent, setzt Humor an den richtigen Stellen ein und reagiert smart auf Rückfragen. Der Zuhörer merkt schnell, dass hier jemand gerne über das erzählt, was ihm wichtig ist. Eloquenztechnisch und vielleicht auch ein wenig äußerlich bewegt sich Rabbiner Soussan Richtung (Sir) Jonathan Sacks. Das verraten wir ihm aber nicht, sonst beeinflusst ihn das…

Obwohl das Wort »Ethik« in Zusammenhang mit dem gelebten Judentum schwierig ist, weil sie ja untrennbarer Bestandteil des jüdischen Lebens ist, stand ein Vortrag in der Synagoge Gelsenkirchen mit Rabbiner Soussan unter der Überschrift »Jüdische Medizinethik«. In knapp zwei Stunden gab er einen knappen Überblick über die aktuell wichtigsten Themen:
Wann beginnt das Leben?
Was ist mit Präimplantationsdiagnostik?
Wie schaut es mit In-vitro-Fertilisation aus?
Wann endet das Leben?
Darf man lebensverlängernde oder lebenserhaltende Systeme abschalten oder deren Nutzung nicht in Anspruch nehmen?
Wie sieht es mit Schmerzen aus?
Was ist mit Organspenden – darf man oder darf man nicht? Sollte man vielleicht gar Organe spenden?

Natürlich konnten viele der Themen nur angeschnitten und nicht ausführlich ausdiskutiert werden. Während des Vortrags wurde deutlich, dass sich das, leider recht kleine, Publikum (vielleicht 15 Personen) zum größten Teil aus nichtjüdischen Zuhörern zusammensetzte. Diese haben eine andere Auffassung von Halachah als Juden und haben mehrfach danach gefragt, wie Rabbinatsgerichte Verstöße gegen die Halachah ahnden und so ging leider wertvolle Zeit verloren. Im Umgang mit solchen Zwischenfragen wurde deutlich, dass Rabbiner Soussan reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hat und diese Zielgruppe gerne mitnimmt, vielleicht sogar etwas zu gerne. Aber es ist für Rabbiner häufig erfrischend, sagte man mir zumindest, ausnahmsweise vor einem Publikum aufzutreten, das ihm gebannt an den Lippen klebt.
Es ist schade, dass nicht mehr Juden aus dem Ruhrgebiet die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich ein wenig Hintergrundwissen zu diesem wichtigen Themenkomplex zu beschaffen. Es besteht aber zweifellos Bedarf danach, sich auch mit den fundamentalen Fragen des Lebens zu befassen. Die medizinischen Möglichkeiten werden immer vielfältiger und die Gesellschaft immer im Zusammenhang mit Fragen zu Tod und Leben immer pragmatischer und kostenorientierter. Die totale (eigene) Freiheit, alles tun zu können und zu dürfen, gilt als grenzenlos und bildet nicht selten die oberste Maxime des Handelns. Dem kann man nachlaufen , oder klare Prinzipien formulieren – wie es das Judentum tut. Das wäre eigentlich bei vielen ethischen Fragen eine interessante Stimme in den allgemeinen Diskussionen – etwa zum Thema Sterbehilfe. Dementsprechend wichtig wäre es also, die Themen auch in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Wort zur Präsentation durch die einleitende Person der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: Es wirkt souveräner, wenn man den Namen des einzigen Gastes nicht vom Zettel ablesen muss und auch den Rest der fünf Sätze weniger als Frage formuliert, als vielmehr als Vorstellung des Gastes. Man sollte biographische Angaben vielleicht beim Gast einfordern und nicht einen Wikipediaeintrag vorlesen.