Artikel

Neuer Machsor von Chabad Berlin

Für die Feiertagsausgabe der Jüdischen Allgemeinen durfte ich einen neuen Machsor, oder ein Machsor-Set, genauer betrachten, das erst kurz vor Rosch haSchanah erschienen ist: Es besteht aus einem Machsor für Rosch haSchanah und einem für Jom Kippur. Hier wurde der Machsor von Chabad allerdings nicht nur ins Deutsche übertragen, sondern auch eine Transliteration hinzugefügt. Die Gewichtung der Transliteration wird jede befragte Person anders einschätzen. Sie reicht von »Sehr wichtig! Mitmachen ist sehr entscheidend!« über »Wichtig wäre eine Übersetzung, einige Stellen sollten transliteriert sein« bis hin zu »Niemand braucht Transliterationen! Macht die Leute nicht faul.«

Das Herausgeber-Team um Joshua Frank (Berlin) hat hier eine Entscheidung getroffen: Es wurde der gesamte Text übersetzt und es wurde der gesamte Text transliteriert. Allerdings wurde der transliterierte Text dem hebräischen Text gegenübergestellt. Die Übersetzung liest man, wenn man das Buch von links nach rechts öffnet. Die Seitenzahl stimmen mit dem hebräischen Teil überein.

Hier einige Details:

Ein Blick auf den hebräischen Teil. Die Idee dahinter wird klar.
Al Chet im Detail. Das Schriftbild ist klar und gut lesbar.

Der Artikel in der Jüdischen Allgemeinen kann hier gelesen werden – im Artikel findet man auch noch etwas zum Minhag von Chabad, denn der passt nicht zu jeder Gemeinde, hat aber den Charme, dass nur das gebetet wird, was im Machsor steht.

Vielleicht eine Aufgabe, oder ein Auftrag für lokale Machsorim? Die aktuelle Technik macht es immer einfacher.

Je ein Band kostet 25 Euro und kann über die Website des Verlages juedisches.org bestellt werden.

(Schanah Towah übrigens!)

Artikel

Die Statistik für 2021

Die Betrachtung der Anzahl der Gemeindemitglieder hat in diesem Jahr lange auf sich warten lassen. Das liegt auch zum Teil daran, dass bereits eine Betrachtung an anderer Stelle erschienen ist: Für und bei der ZWST direkt! In der zweiten Ausgabe der »ZWST informiert« von 2022 (hier herunterladen). Dennoch werden wir an dieser Stelle die wichtigsten Eckpunkte betrachten und schauen, welche Entwicklungen besonders interessant sein könnten.

Dass auch 2021 die Mitgliedszahlen sanken, ist keine Überraschung. Jedenfalls nicht für diejenigen, die die Entwicklungen der Vorjahre kennen. Wer hingegen die Zahlen mit denen von 1989 vergleicht, wird überall Wachstum sehen. Entscheidend ist jedoch, dass man die Entwicklung erkennen kann – auch um daraus etwas abzuleiten.

Mitglieder der Jüdischen Gemeinden und Jahr 1946 bis 2021
Mitglieder und Jahr bis 2021

Die Gemeinden werden insgesamt älter und kleiner.

Die Anzahl der Menschen über 80 Jahren ist von 13 auf 15 Prozent gestiegen. Die Anzahl der Geburten ist weiter zurückgegangen.

Betrachten wir die Altersverteilung in absoluten Zahlen:

Altersverteilung in absoluten Zahlen

Noch ein Blick auf die Geburten und die Sterbefälle:

Geburten und Sterbefälle in der Entwicklung
Geburten und Sterbefälle in der Entwicklung

Bei einem detaillierten Blick zeigt sich jedoch, dass dieser Schrumpfungsprozess nicht gleich verteilt ist.

Einige Gemeinden schrumpfen schneller als andere. Das prominenteste Beispiel ist die Jüdische Gemeinde Berlin. Sie war lange Zeit die größte Gemeinde Deutschlands. Seit 2018 hat die Israelitische Kultusgemeinde diese Position mit 9316 Mitgliedern übernommen. Heute hat München 9177 Mitglieder und Berlin 8378. Und dennoch hat München seit 2010 drei Prozent der Mitglieder verloren. Bei der Jüdischen Gemeinde Berlin waren es im gleichen Zeitraum etwa 20 Prozent. Die Gemeinde ist damit nicht allein. Auch Bremen und Gelsenkirchen haben ähnliche Einbußen zu verzeichnen. Münster und Dessau kommen auf 37 und 34 Prozent.

Wachstum der größten Gemeinden Deutschlands im Vergleich zum Jahr 2010 - eine Karte
Wachstum der größten Gemeinden Deutschlands im Vergleich zum Jahr 2010

Übertritte

Wenngleich 2022 die Berliner Kantorin Avitall Gerstetter behauptete (auf WELT-Online vom 10.08.2022 hier), die Synagogen seien voll mit Menschen, die keine jüdische Sozialisation haben (diese Zusammenfassung hier ist natürlich etwas dramatisiert), so wird bei Betrachtung der konkreten Zahlen klar, dass es seit 2008 genau 985 Menschen waren. Mit eingerechnet sind Konversionen zur Klärung von Statusfragen (Patrilinearität etwa). Die Wahrnehmung von Avitall Gestetter scheint sich auf ihr Umfeld progressive Synagogen zu beziehen, von denen einige auch nicht im Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert sind und deshalb keine Zahlen liefern – aber über welches Bejt Din? Aus dem Ausland? Die Diskussion über diesen Artikel wird die Community vielleicht noch begleiten, aber hier betrachten wir die reinen Zahlen:
Im Jahr 2021 traten 43 Personen zum Judentum über.

Übertritte zum Judentum pro Jahr. Von 2008 bis 2021

Austritte

»Groß« ist weiterhin die Gruppe der Ausgetretenen. In diesem Jahr waren es 337 – die Zahl wirkt klein im Gegensatz zur Zahl der Todesfälle in Höhe von 1759, aber sie ist größer als die Zahl der 203 Geburten. Wenn wir die Zahl der Austritte seit 2010 summieren, wären das immerhin 5144 Personen. Das entspräche einer größeren Gemeinde. Die Leute sind nicht weg, sie wären vielleicht noch erreichbar.

Menschen aus der Ukraine

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine kommen auch Menschen aus der Ukraine nach Deutschland. Einige von ihnen sind jüdisch. Chabad Düsseldorf hat beispielsweise eine Gruppe von 30 jugendlichen Jeschiwa-Studenten aus Dnipro nach Düsseldorf gebracht, die dort/hier weiter Unterricht erhalten.
Wie hoch könnte die Zahl der jüdischen Personen sein, die nach Deutschland kommen? Der Versuch einer Schätzung: 0,13 Prozent der Menschen in der Ukraine sind jüdisch. Wenn wir diese Zahl auf die Flüchtenden hochrechnen, wären das etwa 1000 Menschen bisher im Jahr 2022.
Aber diese Menschen benötigen zunächst unsere Hilfe und werden sich in erster Linie nicht für eine Gemeindemitgliedschaft interessieren. Einige Gemeinden haben aber gezeigt, dass sie mit der Infrastruktur, die sie haben, den Menschen helfen konnten. Unabhängig davon, ob sie jüdisch sind oder nicht.
Übrigens kommen die Personen, die aus großen Städten kommen, somit auch aus Städten mit einer guten jüdischen Infrastruktur.

Die Zahlen, mit Berücksichtigung des Gemeindebarometers des Zentralrats, könnten dabei behilflich sein, Maßnahmen zu treffen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Sie sind keine Demotivation und keine Schwarzmalerei.

Die Statistik des Vorjahres (2020) findet man hier.

Artikel

Hashtag Vorbild

»Diskussionen« in den sozialen Medien gleichen mehr Auseinandersetzungen und es kommt schon vor, dass einige Menschen hier Fassung und Kontrolle verlieren. So wurde ich Zeuge davon, dass ein Hochschulprofessor, mit zahlreichen Titeln und Funktionen, bei Facebook jemandem antwortete: »Du hast ja wohl den ****** auf.« Dass das ein schlechtes Bild auf denjenigen wirft, der da die Fassung verliert, ist ja offensichtlich. Für die Jüdische Allgemeine habe ich aufgeschrieben, was gute Leitlinien für das Verhalten in den sozialen Netzwerken sein könnten. Den Volltext findet Ihr hier: #Vorbild.

Eine große Übersicht für den Umgang mit sozialen Netzwerken (und den Umgang miteinander), gibt es übrigens in Tzipporim – Judentum und soziale Medien.

Artikel

documenta – ein Bekenntnis

Ein Bekenntnis zur documenta. Ich war genervt von all jenen, die schon lange vor der Veranstaltung genervt waren.
N-Lange.de in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Bekenntnis! Ich bekenne mich schuldig, dass ich vor der documenta genervt war. Genervt von all jenen, die schon lange vor der documenta vor Antisemitismus warnten. Die schon ganze Szenarien durchgespielt hatten und nicht müde wurden, vor einer Entgleisung zu warnen. Genervt von denjenigen, die Künstlerbiografien darauf abklopften, ob diese oder jener schon einmal einer Person mit BDS-Bezug begegnet sei und ob es eventuell entsprechende Äußerungen gegeben hat.
Ich war genervt, weil es vollkommen klar sein musste, dass sich eine Veranstaltung, die von den Veranstaltern für hochkarätig gehalten wird, diese Veranstaltung intensiv vorbereiten würde. Es würde keine offenen Fragen geben. Gerade in unseren Zeiten, in der jede Äußerung, jede Regung und jedes Foto in den sozialen Medien landen und Anlass für maximale Aufregung sein kann.
Antisemitismus wäre – das wäre doch vollkommen klar – der größte anzunehmende Unfall und würde dem Ruf der documenta nachhaltig schaden.

Und nun gibt es einen »Antisemitismus-Skandal«. Warum? Weil anscheinend nicht einmal die grundlegendsten Prinzipien zum Schutz der eigenen Reputation beachtet wurden. Von einem eigenen Anliegen, Antisemitismus keinen Raum zu geben, ganz zu schweigen.

Eigene Schuld, darauf vertraut zu haben, dass grundlegende Dinge verstanden worden sind und so wie es aussieht, besteht daran auch kein wirkliches Interesse. Es gibt ja Jüdinnen und Juden – die sagen früh genug Bescheid. Dann sind zwar alle genervt, aber das Problem nicht mehr so sichtbar.

Artikel

Detmold und die israelischen Touristen

Freistehendes Synagogengebäude Detmold – Jan Mathys, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Bild oben zeigt den furchtbaren Zustand eines Gebäudes, das im 17. Jahrhundert in Detmold (in Westfalen) als Betraum fungiert haben soll (bis 1742 Details hier). Detmold hat übrigens eine interessante jüdische Geschichte – nach der Schoah gab es hier noch eine kleine Gemeinde und ein Elternheim (hier nachzulesen). Dass das Gebäude auf dem Foto eine besondere Geschichte hat, wurde jedoch erst 2010 bekannt – als ein Abbruch bevorstand. Die Geschichte schaffte es jedoch nie aus dem Bereich »Lokales« heraus. Im Mai 2022 wurde dazu (ebenfalls lokal) gebloggt (siehe hier, zeilenabstand.net).

Der Fall gelangte dann erst im Juli 2022 durch die tageszeitung (taz) zu überregionaler Bekanntheit. Die Geschichte um einen möglichen Abriss wird durch den heutigen Besitzer des Gebäudes noch etwas dramatischer (siehe den Bericht der tageszeitung). Diese Vorgänge sind schon recht bemerkenswert, aber vielsagend ist das Ende des Artikels.

Es geht nicht ganz klar aus der Formulierung hervor, aber vermutlich geht es um ein Zitat des Pressesprechers der Stadt Detmold, Marius Roll und nicht um eine Einschätzung des Autors Philipp Lenhard (Update: Diese Einschätzung hat der Autor mittlerweile bestätigt):

Was sollen israelische Touristen denken, wenn sie in Detmold zu Besuch sind und erfahren, dass so mit dem jüdischen Kulturerbe umgegangen wird? Dass diese möglicherweise die richtigen Schlüsse ziehen könnten, dass nämlich die Spuren jüdischen Lebens in Detmold noch immer nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen, will Roll nicht akzeptieren. Die Zukunft wird zeigen, was mit dem historischen Synagogengebäude passiert – es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

taz.de – vom 09.07.2022

Das bedeutet, die Meinung westfälischer Jüdinnen und Juden ist nicht von Interesse?
Es gibt übrigens eine jüdische Gemeinde für Herford und Detmold.
Jüdinnen und Juden aus der Region werden ausgeblendet?
Jüdinnen und Juden tauchen in einigen Köpfen vorwiegend als israelische Touristen auf, also als auswärtige Menschen? Vielleicht haben wir hier ganz zufällig erkannt, warum einige Stadtgesellschaften, so wie es anscheinend auch in Detmold ist, so große Probleme mit ihrem jüdischen Kulturerbe haben?
Es wäre doch schon einiges gewonnen, wenn Stadtgesellschaften erkennen, dass jüdisches Kulturerbe eben auch genau das Erbe der Stadtgesellschaft ist und nicht das anderer Menschen von weit weg. Vielleicht hätte man auch im Landesverband Westfalen-Lippe fragen können, wie die Vorgänge dort empfunden werden? Jüdinnen und Juden gibt es auch in Westfalen. Anscheinend kaum zu glauben

Artikel

Von Rehen und Hirschen

Der talmudische Artikel dieser Woche (für die Jüdische Allgemeine) führte mich eigentlich zu einem Thema, das zunächst wenig spektakulär klingt, aber in das kulturelle Gedächtnis eingegangen ist: Rotwild. Im Machsor von Worms (aus dem 13. Jahrhundert) findet man eine Jagdszene als Illustration: Ein Jäger bläst das Horn und lässt einen Hund auf ein Reh oder eine Hirschkuh los. Ähnliche Abbildungen findet man auch in anderen jüdischen Handschriften aus jener Zeit. Heute wird angenommen, dass diese Szene eine Metapher für die Judenverfolgung und das Vorgehen gegen die Tora ist. Angelehnt an Psalm 22,17: »Mich umringen Hunde, gleich Löwen umkreist mich an Händen und Füßen eine Rotte Bösewichter.« Wie diese Zuweisung zustande kam, kann man im Artikel nachlesen.

Aber der Artikel könnte uns helfen, hilft er, weitere Bilder zu deuten – diese tauchen (aus Gründen des Platzes) nicht im Artikel auf:

Zum einen hätten wir die, recht berühmte, »Vogelkopf-Haggadah« (ein Ausschnitt unten), in der alle menschlichen Akteure als Vögel dargestellt werden. Es heißt, weil die Illustratoren sich dafür gefürchtet hätten, Menschen abzubilden. Die beiden letzten Sätze sind allerdings nicht richtig. Es tauchen sehr wohl menschliche Menschen im Manuskript auf, etwa Ägypter. Und: Einige Experten sind sich nicht so sicher, ob es sich tatsächlich um Vögel handelt. Aus welchem Grund sollte man Vögel gewählt haben? Die Figuren haben einen Schnabel. Das ist es aber auch schon. Der Rest des Kopfes könnte aber auch von einem Löwen stammen. Eine kleine Erinnterung an die Mischna Awot, die »Sprüchen der Väter«, hilft: »Jehuda ben Tema sagte: Sei mutig wie ein Leopard, behänd wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und heldenhaft wie ein Löwe, den Willen des Vaters im Himmel zu vollbringen.« Eine Charakterisierung derer, die den Willen des Vaters vollbringen. Was läge also näher, als diejenigen, auch so abzubilden?

Ausschnitt aus der Vogelkopf-Haggada (entstanden um 1300) – der ältesten erhaltenen illuminierten aschkenasischen Pessach-Haggada.

Ein weiterer, etwas unerwarteter Aspekt ist »Bambi«. Das Buch, aus dem später der berühmte Film von Disney wurde, stammt von Felix Salten. Er hat es 1922 herausgebracht. Felix Salten hieß eigentlich Siegmund Salzmann, ein Jude aus Pest, der in Wien aufwuchs und dort Journalist wurde und als Felix Salten mehr Chancen sah. Salten war niemand, der die Jagd verabscheute und deshalb vielleicht »Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde« schrieb. Salten war begeisterter Jäger. Anlässlich einer neuen englischen Übersetzung des Buches (hier als Volltext) fragte sich Donna Ferguson vom Guardian (Volltext hier, theguardian.com), ob die Geschichte vielleicht nicht eher eine Metapher für den Antisemitismus der 1920er Jahre sei. Wenn wir in unserer Rotwild-Metaphorik bleiben, dann liegt das vielleicht recht nah.

Auch Art Spiegelmann hat in seinen »Maus« Comics Tiere für die Darstellung von Menschen gewählt. Jüdinnen und Juden sind Mäuse, Nazis Katzen. Die Wahl dieser Zuweisung kann er erklären und die Leser von heute nachvollziehen. Ähnlich könnte es bei der »Reh-Metapher« gewesen sein.

Der Artikel auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen: »Von Rehen und Hirschkühen« juedische-allgemeine.de

Artikel

Nachgetreten – 115 Sekunden – der SPIEGEL zu Gil Ofarim

Der SPIEGEL 115 Sekunden

Der SPIEGEL hat Ende März (hier online, Print Heft 14/2022 vom 31.03.2022) den Fall Gil Ofarim nachgezeichnet. Gil Ofarim erzählte in einem Instagram-Video davon, in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Das erzeugte eine Welle der Solidarität, aber auch offene antisemitische Kommentare in den sozialen Medien. Zu erwähnen, dass es absurd ist, auf Antisemitismus-Vorwürfe mit Antisemitismus zu reagieren, ist eigentlich überflüssig. Die SPIEGEL-Autoren Jörg Diehl, Peter Maxwill und Steffen Winter beschreiben in ihrem Artikel eben jene 115 Sekunden, in denen der Vorfall, den Gil Ofarim auf Instagram beschrieb, stattgefunden haben soll. Nach Lektüre des Artikels hält man es für denkbar, dass es sich anders abgespielt haben mag. Weniger bekannte Menschen als Gil Ofarim halten sich für wichtige Persönlichkeiten mit einem Anspruch auf Vorzug. Doch verblüffend an dem Artikel ist, dass er sich anscheinend in einem leeren Diskursraum entfaltet und das Problem Antisemitismus überhaupt nicht als solches erkennt – auch wenn er Gil Ofarim in dieser Situation wahrscheinlich nicht begegnet ist. Nicht nur Jüdinnen und Juden haben das Video geteilt, aber sie haben online von ähnlichen Situationen berichtet:
Die Situation, die Gil Ofarim in seinem Instagram-Video geschildert hat, kennen viele Jüdinnen und Juden in schwächerer Ausprägung aus Deutschland durchaus – jedenfalls dann, wenn sie als solche erkennbar sind, sei es durch eine Kette mit Davidstern, oder durch die Kippah. Die verbale Ablehnung ist offener geworden und auch physische Angriffe sind nicht selten geworden.
Auch aus diesem Grund haben viele Leute aus der Community den Vorfall durchaus als glaubhaft betrachtet. Die einhellige Meinung war »nun hat es jemanden mit Reichweite erwischt«. Dass dieser Aspekt vollkommen ausgeblendet wurde, ist ein wesentlicher Schwachpunkt des Artikels, denn er erklärt die Dynamik nicht. Formal kann man natürlich argumentieren, es sei ausschließlich um die 115 Sekunden gegangen.
Die Einbeziehung jüdischer Ansprechpartner hätte dieser Sichtweise vielleicht etwas entgegengesetzt. Die Reaktion von Politikern (auf den mutmaßlichen Vorfall) in den sozialen Netzwerken wurde deshalb von einigen Jüdinnen und Juden auch mit gemischten wahrgenommen: Warum wird hier gesagt, man möchte nicht in einem Land leben, in dem so etwas möglich sei – aber bei anderen Vorfällen nicht. Derer gab es 2020 und 2021 ja genug.

Auseinandersetzung Mit existierendem Antisemitismus?

Hätte man das Gespräch oder die Auseinandersetzung mit dem existierenden Antisemitismus gesucht, hätte das Autorenteam vielleicht den folgenden Satz vermieden: »Wie kann es sein, dass von all den Zeugen in der Lobby niemand einen antisemitischen Ausruf bemerkt?«
Für jüdische Ohren kann das wie Hohn klingen. Denn das fragen sich Opfer von (tatsächlichem) Antisemitismus »draußen« auch häufig – in der Straßenbahn, auf der Straße oder irgendwo anders in diesem Land. Wie kann es sein, dass es so häufig toleriert oder nicht als Antisemitismus erkannt wird? Wie kann das sein, dass antisemitische Sätze im Fernsehen gesagt werden können und es erst Monate später jemandem auffällt? Oder dass jemand einen antisemitischen Artikel in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlicht und es niemand bemerkt?
Diese Frage der Autoren ist also kein Maßstab für Glaubwürdigkeit und zeigt eine erstaunliche Sorglosigkeit.
Die Recherche war (vermutlich) technisch einwandfrei, aber an Empathie für das Thema wurde leider etwas gespart.

Artikel

Was wir gelernt haben

Ukrainische Zivilisten und Soldaten schützen sich unter eine Brücke in der Nähe von Kyiv. Mvs.gov.ua, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Dieser Text wird keine Analyse des Krieges. Dieser Text ist ein Blick darauf, wie der Krieg in der Ukraine und die Menschen dort in westeuropäischen Augen betrachtet werden. Um eines direkt zu sagen: Der Befund ist nicht sonderlich aufbauend.

Was wir bisher von (vielen) »Experten« (Strategie, Verteidigung, Politik) im TV, im Radio und auf Twitter lernen konnten: Eine tiefsitzende antislawische Haltung und ein fundamentales Unverständnis davon, was in den Nachbarstaaten tatsächlich passiert. Wie bitte?!

Haltung?

Diese Haltung drückt sich unter anderem dadurch aus, dass man paternalistisch den Durchblick hat, während man es den Ukrainern nicht zutraut, die gleichen Fakten zu beurteilen:
Schon in der ersten Woche des Krieges hat man beobachten können, dass die ukrainische Armee anscheinend gut mit Informationen versorgt wird. Die Staatsführung der Ukraine ebenso.
Auf der anderen Seite lautete ein häufiger Satz »Die russische Führung hat nicht mit dem Widerstand der Ukrainer gerechnet.« Wer das noch an Tag 12 in ein Mikrofon sprach, hätte eigentlich direkt »off air« genommen werden müssen. Natürlich hat die russische Führung die Situation nicht »falsch eingeschätzt«! Das ist auch nur Ausdruck einer herablassenden Haltung. Die Menschen dort sind nicht weniger intelligent als die westlichen »Experten«. Sie sind tun aber genau das, was auch in Westeuropa in Management-Seminaren gelehrt wird: »Sei nicht dumm, schätze das Projekt bloß nicht realistisch ein! Sonst wirst Du nicht weiterkommen!« (siehe hier als gut verkauftes Beispiel, YouTube). Diese Haltung muss man dann in ein autokratisches System hochskalieren und kann sich dann vorstellen, dass »oben« nicht die Realität ankommt, sondern eine stark geschönte Situation.
Ein besonders schönes Beispiel für eine paternalistische Fremdeinschätzung der konkreten Situation wurde im Radio gesendet. Auf Deutschlandfunk Kultur durfte der Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat am 25. Februar seine »Expertise« unter Beweis stellen. Am Tag nach der Invasion sagt er, die ukrainische Armee hätte (gar) keine Chance und spinnt fleißig weiter das Märchen, es ginge Russland um die NATO. Was nicht gesagt wurde: Harald Kujat lobte das Handeln Russlands 2015 und 2016 in Syrien und war seit jeher Gegner des NATO-Beitritts der Ukraine. Anderes a.D. Personal der Bundeswehr tauchte in verschiedenen Brennpunkten im Fernsehen auf und durfte dort seine Einschätzungen mitteilen. Woher sie ihre Gewissheiten nahmen? Sie galten und gelten als »Experten«. Punkt. Auf der Welt gibt es sehr viele ausgebildete Ökonomen, viele werden als »Experten« auf ihrem Feld gesehen. Die Krise von 2008 hat nur Nassim Taleb vorhergesagt. Wie kann man auf die Idee kommen, Funktionäre des Bundeswehr – die ja in der Öffentlichkeit nicht gerade als Musterbeispiel für Effektivität und Effizienz gilt – die also Teil dieses Prozesses waren, hätten ausgerechnet auf diesem Gebiet eine großartige und prophetische Expertise?

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten, Multiplikatoren

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten oder Multiplikatoren hatten die Situation offenbar schnell »analysiert« und dabei übersehen, dass die Menschen keine Anweisungen oder Besserwisserei von Personen brauchen, die nicht einmal Russisch (oder Ukrainisch) verstehen. Die Menschen in der Ukraine brauchen stattdessen konkrete Hilfe und sie dürfen auch verbalisieren, wie diese ausschauen soll. So wies Markus Lanz (nicht nur er) in einer Sondersendung den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk für dessen Ton zurecht. In der ARD-Sendung »Wir helfen« zeigte sich, dass die ukrainische Musikerin und Komponistin Mariana Sadovska nicht ausreichend »Opfer« war und schnell für einen Auftritt von Peter Maffay Platz machen musste (hier noch einsehbar, etwa ab Minute 18). Das war ein schönes Beispiel für die Rollenverteilung: Ukrainische Menschen dürfen passive Hilfsempfänger sein, aber ihre Zukunft nicht aktiv selber gestalten wollen oder sich gar dazu äußern.
Kommen wir zu einem anderen Beispiel für Journalisten und Multiplikatoren, die auch in diesem Konflikt wahrgenommen werden wollen, aber einen anderen Arbeitsschwerpunkt haben und deshalb eigentlich keine Relevanz haben. Leute die sich für Israel interessieren kennen die »Nahost-Experten« ohne Hebräisch- und/oder Arabischkenntnisse und sind genervt von deren Einschätzungen zur Lage. Richard Schneider ist tatsächlich Nahost-Experte, aber kein Experte für Osteuropa. Aber im Moment ist das kein Brennpunktthema. Deshalb muss man Ball bleiben und leider geht es nicht ohne »Weltenbrand« (siehe hier und hier):

Man sollte sich keine Illusionen machen: Für #Kiew gibt es kaum Chancen. #Putin wird wenig Rücksicht auf “Empfindlichkeiten” dee Westens nehmen. Wer könnte ihn stoppen? Die Wahrheit: niemand. Wahrscheinlich nicht einmal der ukrainische Widerstand

@rc_schneider auf twitter am 13. März 2022

Auch Michael Wolffsohn kümmert sich um sein Stück vom Kuchen und formuliert Forderungen: »Historiker Wolffsohn plädiert für eine Bundesrepublik Ukraine« (siehe hier) und sagt: »Es gibt eindeutig das Bedürfnis der Bevölkerung oder Bevölkerungsteilen auf der Krim und im Osten der Ukraine, näher an Russland zu rücken.« Schöner könnte es die Presseabteilung des Kremls nicht formulieren. Leider scheint er die Situation vor Ort nicht zu kennen.

In einigen Medienberichten wurde auf russische Meldungen zum Fortschritt Bezug genommen. Übersehen wurde dabei, dass auch ukrainische Quellen vertrauenswürdig sein können. Jede Nachricht müsste eigentlich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

Was tun?

Deshalb muss hier der Appell lauten: Hört Leuten mit Orts- und Landeskenntnissen zu! Also nicht wie der Stern, der einfach keine Ukrainer dazu befragt, sondern Alice Schwarzer (»Warum ich Putin verstehe«), Richard David Precht, Diana Kinnert und einige andere.
Achtet auch auf die Sprache und den Blickwinkel: Bombardierte Städte sind kein »Schlachtfeld«.

Übrigens: Die Menschen bekommen durchaus mit, dass wir hier den Energiepreis der Tatsache vorziehen, dass man durch Verzicht von Gas und Öl vom Aggressor aktiv etwas tun könnte.

Und: Ja, ja, ich weiß schon, man hat natürlich keine Vorbehalte gegen Menschen aus Osteuropa…

Artikel

Rabbiner Dr. Henry Brandt

Rabbiner Dr. Henry Brandt, Bild: Ilse Paul in Hannover, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

2004 nahm Rabbiner Henry Brandt Abschied von seiner Stelle als Landesrabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. Die Synagoge von Dortmund war, jedenfalls in meiner Erinnerung, voll besetzt. In seinen Ansprache nach der Torahlesung, einer Mischung aus Draschah und Abschiedsrede, sprach er viel von Türen die sich schließen würden und in seinem Alter, damals war er 76, würden sich nicht mehr viele Türen neu öffnen und er sah zurück auf eine bewegte Zeit bis dahin:

Er wurde in München geboren. 1939 musste die Familie des elfjährigen Heinz Georg (später Henry) nach Tel Aviv emigrieren. 1947 meldete sich Hanan (vorher Heinz) zur Marine-Einheit des Palmach – genannt Palmjam – und wurde Leutnant. Später würde er sagen, er habe sich für die Marine gemeldet, weil er sein Bett bei sich haben wollte. So kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Dann ein Schnitt. 1951 ging er nach Belfast und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach seinem Abschluss ging er in die Industrie. 1957, im Alter von 30 Jahren, schlug er eine Beförderung in den Wind und entschied sich für ein Studium am Leo-Beck-College. Er erzählte einmal, dass ihm damals gar nicht bewusst war, dass das College damals vollständig neu eröffnet worden war und er zum ersten Abschlussjahr gehören würde.

Sein Weg führte ihn dann nicht nach Deutschland – warum auch? Er blieb in Großbritannien und wurde Rabbiner in Leeds. In den deutschsprachigen Raum kam er 1971. Bis 1978 war er Rabbiner in Genf und gründete anschließend »Or Chadasch« in Zürich mit. Später wechselte er nach Göteborg. 1983 wurde er Rabbiner in Hannover. Damals war das Thema »liberal« versus »orthodox« noch nicht sonderlich präsent und so gab es auch nur eine gemeinsame Rabbinerkonferenz – wenngleich es während seiner Zeit in Hannover in der dortigen Synagoge durchaus zu hitzigen Diskussionen gekommen sein soll. Das dürfte dann die Zeit des Umbruchs gewesen sein. Das Wachstum der Gemeinden sorgte auch für eine interessante Mischung in den verschiedenen Rabbinaten des Landes.
1995 kam er dann als Landesrabbiner nach Dortmund.

Dass nach der Zeit in Dortmund nur noch der Ruhestand folgen sollte, war natürlich »Understatement«, denn er wurde anschließend noch Rabbiner von Augsburg und pendelte zwischendurch zur Jüdischen Gemeinde Bielefeld. Als wir, kurz vor den Hohen Feiertagen, telefonisch miteinander sprachen, verabredeten wir uns für eine persönliche Begegnung »direkt nach der Pandemie«. Ich schlug ihm vor, ein Podcast anzugehen. Im Laufe der Zeit hatte er einen großen Vorrat an Draschot angesammelt und sicher sei es, gerade heute, interessant, (auf) seine Stimme zu hören. Eine Stimme, die sich nicht unbedingt festlegt auf (oder für) eine bestimmte jüdische Strömung. Ich wollte die Idee noch mit jemand anderem besprechen, aber wie das manchmal so ist: Die Zeit fliegt und die Idee blieb eine Idee.

Einige Einschätzungen von Ereignissen und Personen haben wir geteilt – miteinander – nicht mit Dritten. Im Hinblick auf das Judentum haben wir die Idee geteilt, dass die Auseinandersetzung mit Inhalten und deren Diskussion ein wichtiger Faktor für tatsächliches jüdisches Leben seien. Über die Ausführung waren wir vermutlich unterschiedlicher Meinung – das war aber nie ein Thema.
Unbezahlbar der Blick, als ich ihm einmal ein »Sefer Rasiel« mitbrachte.

Nun hat sich die letzte Tür tatsächlich für immer hinter ihm geschlossen.
Rabbiner Henry Brandt starb am 7. Februar 2022 im Alter von 94 Jahren.
Möge seine Erinnerung ein Segen sein.

Link

Florian Schroeder, Lisa Lasselsberger und das »Opferticket von Juden«

Der beliebte Kabarettist Florian Schroeder amüsierte sich am 27. Januar anscheinend über Antisemitismus-Vorwürfe gegen seine Kolleginnen Lisa Fitz und Lisa Lasselsberger. Diese Haltung ist natürlich nicht hilfreich, um gegen Antisemitismus etwa zu tun. Den gesamten Kommentar findet man in der Jüdischen Allgemeinen:

Meinung: Florian Schroeder, Lisa Eckhart und das »Opferticket von Juden«

Ist es Zufall, dass auch sein Kollege Serdar Somuncu, mit dem Florian Schroeder für den RBB einen gemeinsamen Podcast produziert, mit seltsamen Thesen zur Corona-Politik aufgefallen ist? Jener Somuncu, der 2018 über Oliver Polak schrieb: »Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb«?