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Reckless? – ja das ist es

reckless kann man auch mit unbekümmert übersetzen und ja, so geht das neue Buch von Cornelia Funke mit den Märchen der westlichen Welt um, die da als Inventar für ihre (als Mehrteiler geplante) Geschichte namens Reckless dienen. Viel unbekümmerter ist jedoch die Darstellung der Zwerge. Die Zwerge sind sehr geschäftige, ja geschäftstüchtige, geldgierige Gesellen, die auch mal gerne den Mächtigen als Berater zur Seite stehen. Und damit der Wink mit dem Zaunpfahl auch verstanden wird, sind sie natürlich schwarz gekleidet. Ist das nun reckless?
Kommentator Yoram hat in seinem Kommentar auf die Zwerge bei Tolkien hingewiesen und dass auch dort die Zwerge jüdisch angelegte Figuren seien:

I do think of the ‚Dwarves‘ like Jews: at once native and alien in their habitations, speaking the languages of the country, but with an accent due to their own private tongue

und

The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.

J. R. R. Tolkien
Sein ganzer Kommentar (4) weiter unten (oder hier klicken).

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Judentum und Christentum

Der Jüdisch-Christliche Dialog hebt heute (aus gutem Grunde) in der Regel Gemeinsamkeiten hervor und vielfach wollen Christen ihre eigene Religion über das Judentum erschließen. Diesem Bedürfnis wurde in jüngster Zeit vielfach Rechnung getragen, so wurde etwa die christliche Bibel durch jüdische Autoren ausgelegt und die eigentlich jüdischen Lehren darin herausgearbeitet. Das führte häufig auch dazu, dass man schrieb, was die Leser gerne lasen und diskutierte Themen, die eher gefälligerer Natur waren. Titel wie Er predigte in ihren Synagogen oder Der Jude Jesus bedienten ein christliches Publikum. Letztendlich führt das zuweilen zu einer sehr schiefen Wahrnehmung, wenn man die gleichen Begriffe verwendet, aber sie unterschiedliche Bedeutungen haben. Gesetzesreligion? Synagoge und Kirche? Versöhnung und Erlösung?
Dabei gibt es grundlegende Unterschiede der beiden Religionen die man sich verdeutlichen muss, wenn man in den Dialog tritt. Rabbiner Max Dienemann, hat diesen Unterschied in seinem 1919 erschienenen Buch »Judentum und Christentum« herausgearbeitet. Er sieht den Hauptunterschied im Menschenbild der jeweiligen Religion.
Als Verteter eines traditionsorientierten, gegen die Assimilation gewandten, Judentums, erklärte er ganz klar, wo die Grenzen zwischen den Religionen liegen und wie viel eigener Wert im Judentum liegt.
Rabbiner Dienemanns Werk hat heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt und ist eigentlich Grundlage für jüdisch-christlichen Dialog.
Da dieses Buch nur noch antiquarisch erhältlich ist, habe ich eine Ausgabe verfügbar gemacht:
Eine Kaufmöglichkeit gibt es hier, bei amazon.de und im Buchhandel.

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Neuer Reformsiddur aus GB

British Forms of prayer

Hat die Siddurausgabe von ArtScroll nun einen progressiven Gegenpart gefunden?
Lesbar, gut organisiert, kommentiert und mit Quellenhinweisen versehen?
Das könnte sein. In diesem Jahr erschien eine grundlegend überarbeitete Version des Forms of prayer – Seder haTeffilot der britischen Bewegung für Reformjudentum. Dieses erschien erstmals 1977 und wurde 2001 von der Jüdischen Verlagsanstalt Berlin als Seder haTeffilot in einer deutsch-hebräischen Ausgabe verlegt. Nur sieben Jahre später ist die Ausgabe überholt, wie wir sehen werden und könnte ergänzt werden durch ein liberales Siddur, welches sich am liberalen Einheitsgebetbuch orientiert (wie auch der EtzAmi Siddur); aber versprochen wird das schon seit langer langer Zeit.
Dem neuen Forms of prayer – Seder haTeffilot ist abzulesen, dass das Bedürfnis der Beter zurückgeht zur Tradition.
Die etwas zusammengewürfelte Zusammenstellung von Elementen der Gebete hat eine Ende und es gibt beispielsweise wieder eine klare Trennung zwischen den Birkot haSchachar und den Psuke deSimra und Texte sind wieder an ihren Ort zurückgekehrt. Jeder Baustein des täglichen oder Schabbatgebets wird von einer kurzen Einleitung und Erklärungen eingeführt. So etwa vor den genannten Birkot haSchachar oder vor dem Schma oder der Amidah. Lange englische Meditationstexte zwischen den Gebeten sind vermieden worden und in einen nachgeordneten Teil verschoben worden; jedoch finden sich an passender Stelle Verweise auf die entsprechende Seitenzahl im hinteren Bereich. Dieser Bereich ist übrigens zu einer wahren Anthologie zu jedem denkbaren Ereignis des Lebens oder auch einfach nur zu den täglichen Gebeten geworden. Die Gebete werden zugleich durch study texts in diesem Bereich um wissenswertes ergänzt. Es enthält die Gebete für Wochentags (Maariv, Schacharit, Minchah, das Nachtgebet), für Schabbat (also Kabbalat Schabbat, Maariv, Schacharit mit zwei Varianten des Mussaf, gekürzt und traditionell, Minchah, Hawdalah). Weiterlesen

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Die Geschichte der Sarajevo Haggadah

Sarajevo Haggadah
Die Geschichte der Haggadah von Sarajevo an sich ist schon höchst faszinierend und für mich schon seit langer Zeit der Inbegriff dessen, was vielleicht nur in Bosnien möglich war. Ein jüdisches Buch, eine herrlich bebilderte Haggadah, wird von Muslimen vor den Nazis, dann vor serbischem Artilleriefeuer gerettet und taucht dann kurz nach dem Krieg zu Pessach wieder in der jüdischen Gemeinde Sarajevo auf. Sie trägt sichtbare Spuren ihrer Benutzung am Sederabend und zahlreiche Hinweise darauf, was mit ihr passiert sein könnte. Sie wurde um 1350 in Spanien geschrieben (entweder in Saragossa oder Barcelona) und gelangte mit sefardische Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 über Umwege auf den Balkan.
2007 machte Geraldine Brooks aus der faszinierenden Geschichte (hier detailliert nachzulesen) einen Roman namens People of the book, der nun unter dem Titel Die Hochzeitsgabe erschienen ist und die fehlenden Puzzlestücke in der Geschichte der Haggadah in einer fiktiven Rahmenhandlung erzählt. Immer jedoch in Anlehnung an die wahre Geschichte des Buches. Ich hatte das Vergnügen, die deutsche Ausgabe vor Erscheinen lesen zu dürfen. Zum einen wird die Geschichte der Buchrestauratorin und Wissenschaftlerin Hanna erzählt, die sich der Geschichte des Buches über Hinweise nähert, zum anderen in Episoden die Geschichte der Haggadah. In diesen Episoden begleitet der Leser Personen die mit der Haggadah zu tun hatten bzw. Teil ihrer Geschichte gewesen sein könnten. Das erzählt, völlig nebenher auch kleine Fetzen europäisch-jüdischer Geschichte (und auch über diesen geographischen Raum hinaus). In diesem Zusammenhang betrachtet, erscheint es dem Leser als viel größeres Wunder, dass die Haggadah die letzten 600 Jahre unbeschadet überstand. Die Ausweisung der Juden aus Spanien, die Inquisition, die Weltkriege und den Balkankrieg. Der Titel der deutschen Übersetzung führt etwas auf den Holzweg, den es geht eigentlich weniger um eine Hochzeit (wohingegen eine im Verlauf der Handlung vorkommt), sondern eigentlich ausschließlich um die Haggadah und diejenigen, die mit ihr zu tun hatten. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht eine Kette von Happy Ends ist und teilweise geht Brooks bis an die Schmerzgrenze. Vielleicht ist das der Lesestoff für den herannahenden Winterabend.
Die Hochzeitsgabe bei amazon. In der aktuellen Ausgabe derZeitschrift der Jüdischen Gemeinden Kroatiens findet sich die Geschichte übrigens ausführlich in kroatischer Sprache KNJIGA O EGZODUSU.

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Schulchan Aruch Ausgabe

ArtScroll Schulchan
Der aufmerksame und langjährige Leser dieses Blogs weiß mittlerweile, dass mich die Ausstattung und Sorgfalt, mit der ArtScroll seine Bücher (eigentlich besser Seforim) veröffentlicht, richtig begeistern. Vergleichbare Projekte gibt es wenige, lasse aber auch nicht unerwähnt, dass ArtScroll natürlich seine Perspektive auf das Judentum mit verkauft. Natürlich lässt sich schlecht messen, welchen Anteil an Kiruv die Herstellung smarter Siddurim hat. Der ArtScroll-Siddur jedenfalls ist einigen Menschen die ich kenne, eine echte Hilfe gewesen. Könnte man übrigens nicht aus dem Sefat Emet (der ja alles enthält) nicht ein ähnlich annotiertes Werk zusammenstellen und entsprechend gut layouten?
Jedenfalls hat ArtScroll für Mitte September die Veröffentlichung eines wesentlichen Werks angekündigt: Der (Kitzur) Schulchan Aruch wird am 15. September diesen Jahres in der gewohnten Form erscheinen: Hebräischer Originaltext, Übersetzung mit Verständnishilfen und einem ausführlichen Kommentar in (sehr ausführlichen) Fußnoten. Weiterlesen