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Hashtag Patrilinear

Wer hätte gedacht, dass die Aufregung, die auf einen Tweet folgte, der einen Teil eines privaten Gesprächs abbildete, große Kreise zieht und ein nichtjüdisches Publikum über Wochen entertaint und ihnen das Versprechen gibt, dass es noch Jüdinnen und Juden gibt, die nicht so sehr fremd sind, wie andere?
Die verschiedenen Mitspieler und die verschiedenen Motive sind schwer zu identifizieren. Hier die aufgeklärten lockeren Vertreter eines kompatiblen Judentum zur nichtjüdischen deutschen Öffentlichkeit und dort, die Jüdinnen und Juden, die daran festhalten, dass das Judentum nicht die Aufgabe hat, zu gefallen. Wieder andere bringen sich ins Spiel, um wahrgenommen zu werden und einfach mal als jüdischer Akteur, als jüdische Akteurin, gesehen zu werden. Die »großen« Namen (oder die als groß gelten möchten) nutzen die Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass es keine innerjüdische Diskussion bleibt. Übrigens ist dabei alles gesagt zum Thema Vaterjuden (Patrilinearität) – jedenfalls halachisch. Offen blieben noch Diskussionen zur Zugänglichkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland. Aber auch tat sich langsam etwas. Irritierend an der Diskussion war, dass Druck auf diejenigen aufgebaut werden soll, die sich der Halachah verpflichtet fühlen – das betrifft übrigens in Deutschland alle Strömungen des Judentums: die Netten gegen die Bösen.
Diese Dokumentation der Auseinandersetzung, die sehr subjektiv kommentiert ist, soll der Leserin und dem Leser dienen, die einzelnen Stränge nachzuvollziehen und sich ein Bild von der gesamten Angelegenheit zu machen. Sicherlich werden weitere Links folgen.

Max Czollek öffnete den Vorhang für das gesamte Spiel am 20. Juli 2021 – dieses Detail sollte man bei einer Bewertung nicht übersehen, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, es handele sich bei der Angelegenheit um eine Kampagne:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear

Twitter, @rubenmcloop

Anscheinend erreichte die (gewünschte?) Aufregung schnell den angesprochenen Maxim Biller. Obwohl er Twitter nicht nutzt, schwappte die Aufregung der Leserinnen und Leser schnell über das Medium Twitter hinaus. Biller nutzte für eine Antwort (am 12.08.2021) seine Kolumne in der ZEIT, um darauf einzugehen:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt.

ZEIT, 12.08.2021

Maxim Biller legte den Finger in seinem Biller-Style (siehe auch hier) in eine offene Wunde und sicherte sich sein Alleinstellungsmerkmal jüdischer Schriftsteller in Deutschland. Zugleich wies er darauf hin: Nicht patrilinear wäre man, wenn der Vater des Vaters jüdisch war. Biller war der zehnte Mann, der die Synagoge verlässt und damit den Minjan aufhebt: Aufmerksamkeit und Rage garantiert. Plötzlich ging es um Solidarität mit Max Czollek und eine öffentliche Diskussion eines halachischen Themas. Über den Zusammenhang von Halachah und jüdischer Kultur haben Juna Grossmann und meine Wenigkeit bei »Anti und Semitisch« etwas gesagt. Hier abrufbar (Podcast, 01.09.2021). Maxim Biller hat sich danach übrigens dazu nicht mehr gemeldet.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, nutzt die Gunst der Stunde, um mit der Halachah abzurechnen. Dass das Judentum von der Mutter weitergegeben werde, sei nicht mehr zeitgemäß und überhaupt, sei Deutschland doch die Wiege des liberalen Judentums gewesen – sicher hätte dies heute diese Themen anders bewertet. ZEIT, 18.08.2021
Der Text erweckte den Eindruck, über das Prinzip der Matrilinearität zu berichten, gab aber im Grunde die Sichtweise von Meron Mendel wieder. Im Radio konnte er seine Sicht dann ebenfalls darlegen: rbb Kultur vom 14.09.2021.

Die Jüdische Allgemeine griff die Debatte Ende August auf. Dr. Josef Schuster muss viele Anfragen zu dem Thema erhalten haben, denn er veröffentlichte über die Jüdische Allgemeine einen Meinungsbeitrag: »Nach den Regeln der Religion« juedische-allgemeine.de (24.08.2021).
Die Jüdische Allgemeine befragte sechs Vertreter nach ihrer Haltung zu dem Thema: die Autorin Lena Gorelik, Rabbiner Arie Folger, die ehemalige Leiterin eines Jugendzentrums Margarita Khomenker, dem Jugendreferenten der ZWST Nachumi Rosenblatt, der Journalistin Esther Schapira und dem Rabbiner Andrew Steiman. juedische-allgemeine.de (26.08.2021). Rabbiner Steimans Haltung ist detaillierter auch bei »Anti und Semitisch« nachzuhören.

Fast zeitgleich zum Podcast veröffentliche das Deutschlandradio einen Beitrag von Ofer Waldman : »Wer gilt als Jude und wer darf als solcher reden?« deutschlandfunkkultur.de (01.09.2021) Waldman führt die Nürnberger Rassengesetze in die Diskussion ein und macht es etwas schwieriger, die Debatte sachlich zu führen. Aber Spoiler: Nicht die Gegner des Judentums definieren wer Jüdin oder Jude ist, sondern die jüdische Gemeinschaft selber. Für Antisemiten kann jede und jeder zum Juden oder zur Jüdin erklärt werden. Antisemitische Phantasien, nach denen Christian Drosten oder Angela Merkel Juden sind, existieren draußen jede Menge.

Mirna Funk nutzte Beginn September die Möglichkeit, gelesen und gesehen zu werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (faz.net 02.09.2021) schrieb sie über ein Treffen mit Maxim Biller und einem mit Max Czollek. In aller Inkonsequenz weist sie darauf hin, dass die Diskussion eigentlich eine jüdische sei, fährt dann aber dennoch fort und unterrichtet die Leserinnen und Leser darüber, dass die Halachah ein Gesetzbuch sei. Das würde bedeuten, sie sei kein lebendiger Organismus…und das verkennt den Charakter der Halachah komplett.

Halachah als Gesetzbuch

Am 5. September 2021 hatte Meron Mendel dann Gelegenheit, in einem Streitgespräch mit Dr. Josef Schuster für die ZEIT, seine Thesen teilweise zu wiederholen und Dr. Schuster konnte darauf hinweisen, dass die Diskussion eigentlich eine innerjüdische ist. ZEIT.de

In der Berliner Zeitung stellte sich Michal Bodemann an die Seite von Max Czollek. berliner-zeitung.de (02.09.2021) Er bringt ein Verfolgungsargument vor und erwähnt als einer der wenigen Autoren, die Lage der Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und ein Problem hatten: Galt dort »jüdisch« als Nationalität, so wurden Menschen zu Jüdinnen und Juden ohne halachisch jüdisch zu sein. Auch Erica Zingher geht in ihrem Artikel über das Thema auf diesen Themenkomplex ein (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«:

30 Jahre nach dem Beginn der Einwanderung von säkularen postsowjetischen Jüdinnen und Juden fokussiert man sich lieber auf Befindlichkeiten einzelner Personen, anstatt Probleme und Realitäten normaler Menschen zu thematisieren.

Erica Zingher (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«

In der taz hat sich auch Professor Micha Brumlik (siehe auch Update vom 30.09.2021) geäußert und – neben einer historischen Betrachtung – sich auch für eine praktische Seite ausgesprochen (taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«:

Das heißt heute praktisch, dass die liberale, die Allgemeine Rabbiner Konferenz in Deutschland Menschen, die einen jüdischen Vater haben und die von ihm auch jüdisch erzogen wurden, einen erleichterten, niedrigschwelligen Übertritt anbietet. Der Autor dieser Zeilen hält genau diese Regelung für vernünftig und richtig. Haben doch Rituale – so der Übertritt – ihren guten Sinn: Sie bekräftigen nach anerkannten symbolischen Regeln einen Status oder eine Haltung, sind also mehr als nur Ausdruck einer individuellen Entscheidung, sondern zugleich Ausdruck einer intersubjektiven Anerkennung der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft.

(taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«

Damit wendet sich Brumlik gegen Ronen Steinke, der auf twitter behauptete:

Uff, ernsthaft? Unsäglich, wie hier Josef Schuster meint, ⁦@rubenmcloop⁩ sei als Vaterjude nicht jüdisch genug. Ich finde, das entscheidet mal schön jeder selbst, ob er/sie jüdisch ist – und alle anderen respektieren‘s und sind ruhig. https://t.co/XrIbqa2INA

Ronen Steinke auf twitter, @RonenSteinke

Einer der Rabbiner der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Andreas Nachama, wurde zu der gesamten Angelegenheit für das Blog die Eule interviewt. »Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021. Er beschreibt die Problemstellung einem christlichen Gegenüber. Interessant ist übrigens die Einschätzung, der Tanach kenne nur das patrilineare Prinzip. Das ist nicht unbedingt Konsens und lässt sich auch anders darstellen:

Na ja, die Halacha ist das eine, wenn sie die Bibel aufschlagen, haben sie das andere. Da ist alles patrilinear. Das Judentum hat erst später zur matrilinearen Praxis gefunden, weil man keine Vaterschaftstests machen konnte.

Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021

Im Allgemeinen gibt er aber einen Einblick für den eingeschüchterten Beobachter.

Eine Stimme, die eine Aufweichung des matrilinearen Prinzips fordert, ist Debora Antmann. In ihrer Kolumne für das Missy Magazine (»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021) schreibt sie (unter anderem):

Diese völlige Fixierung auf religiöses und vor allem orthodoxes Judentum, es so selbstverständlich als Norm zu setzen, ist eine Folge der Ausrottung sämtlicher jüdischer Vielfalt in Europa. 

»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021

Es ist problematisch, so zu tun, als ginge es hier um den Kaschrut-Stempel eines Rabbiners einer Bewegung, dem man nicht vertraut oder den man nicht benötigt, weil man nicht observant sei (siehe/höre »Anti und Semitisch«). Jüdische Identität ist nicht ohne den Kern des Judentums denkbar, ob man sich davon abgrenzt, oder nicht. Auf der anderen Seite schreibt sie über das Judentum, das sie kennengelernt hat und das hoffentlich weitergegeben wird.

Nun kam die Zeit der konservativeren Vertreter. Jacques Schuster von der WELT titelte »Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein« (welt.de 06.09.2021). Michael Wolffsohn nutzte die Bühne der NZZ (10.09.2021): »Wird hier Judenpolizei gespielt? Nein! Es ist ganz einfach: Du sollst nicht lügen.«:

Anders als Max Czollek gab sich Wolf Biermann nie als Jude aus, und nie hat er sein Image durch Jüdeln vergoldet oder in die Welt trompetet. Das hatte Biermann auch nicht nötig. Biermann ist Biermann, und Reif ist Reif – mit und ohne Judentum.

nzz.ch 10.09.2021

Einer der angesprochenen äußerte sich ebenfalls in einer Schweizer Zeitung. Wolf Biermann schrieb für den Tachles über die Angelegenheit: »Jude oder Jude?« (Tachles, 17.09.2021)

Früher begegnete man Rafael Seligmann häufiger in den Medien. Gerne wurde er zu jüdischen Themen befragt. Nun bekam er im Cicero die Möglichkeit, die Causa zu beleuchten. »Erbarmen mit Musterjuden« cicero.de, 05.09.2021 Nicht zufällig eine Anspielung auf Seligmanns eigenes Werk.

Jemand, der auch wahrgenommen werden möchte, ist der Autor Tuvia Tenenbom. Ein Garant für saftige Sprüche und provokative Texte, aber nicht für inhaltliche Tiefe. Im gab Spiegel-Online die Möglichkeit, seine Meinung zu der Angelegenheit zu veröffentlichen. spiegel.de (13.09.2021)

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel (tagesspiegel.de 15.09.2021) sieht eine rechtskonservative Instrumentalisierung der Diskussion. Ähnlich sah es Hanno Loewy (Leiter des Jüdischen Museums Hohenems) in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur (deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021):

Diese Wut der Angriffe auf Max Czollek ist nur darüber erklärbar, dass er offenkundig mit seinen Positionen aneckt und Leute provoziert und das ist etwas, dass man eigentlich aushalten muss.

Hanno Loewy deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021

Ein offener Brief (renk, 14.09.2021) geht in eine ähnliche Richtung. Dieser ist hier nachzulesen.

Am Tag nach Jom Kippur erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein umfangreicher Text von Nele Pollatschek »Unter Gaffern«:

Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen.

sueddeutsche.de 17.09.2021

Lediglich die BUNTE scheint noch keinen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht zu haben.
Updates folgen.

Update 22.09.2021

Ein interessanter Satz fiel im Deutschlandfunk:

„Wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass Halacha heute für die meisten Juden außerhalb Israels keine Relevanz mehr hat“, sagt Sandra Anusiewicz-Baer.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Gesagt hat ihn Dr. Sandra Anusiewicz-Baer, die am Zacharias Frankel College lehrt und die konservative (Masorti) Rabbinerausbildung leitet. Aber sie fährt fort:

Wo Halacha jedoch Bedeutung beansprucht und Relevanz, ist in der Statusdefinition.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Das hinterlässt uns zunächst einmal ratlos, aber zugleich versichert man den Zuhörern, dass Statusentscheidungen weiterhin auf der Halacha basieren und Identität hingegen ein vollkommen anderes Konzept ist.

Susan Neiman, die Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, veröffentlichte ebenfalls ihren Blick auf das Zusammenspiel und hätte vielleicht eine solche Artikelzusammenstellung verwenden können um zu erkennen, dass schon einige Akteure Zusammenfassungen verfasst haben: »Wie auf Max Czollek geschossen wird, ist eine Schande« (Berliner Zeitung, 22.09.2021). Die Dramatikerin Sascha Marianna Salzmann meldete sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Artikel »Wir müssen uns gegenseitig aushalten« (faz.net, 14.09.2021):

Minderheiten sind manchmal ganz unterhaltsam. Vor allem wenn sie aufeinander losgehen. … Minderheit zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, einer von wenigen zu sein, doch es bedeutet stets, weniger Platz in der öffentlichen Meinungsarena einzunehmen. Es gibt eben nur eine überschaubare Anzahl von Mikrofonen, die Hauptrollen sind schnell aus der Mehrheitsgesellschaft besetzt.

Sascha Marianna Salzmann, faz.net, 14.09.2021

Was nicht erwähnt wird ist, dass jüdische Themen durchaus in der Öffentlichkeit verhandelt werden und dass es auch Akteure gibt, die sich damit ganz gut Präsenz verschaffen. Diese Auflistung aller Artikel und Beiträge zeigt ja, dass jüdische Themen in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Good for the Jews?

Update 23.09.2021

Deniz Yücel holt in der Welt (welt.de, 23.09.2021) zu einem großen Wurf aus und hinterfragt einen offenen Brief (siehe oben) der sich mit Max Czollek solidarisiert:

Was sonst zu jedem Brief gehört, fehlt völlig: der Empfänger. Klar scheint nur das Thema: eine Debatte. Und zwar eine, von der es heißt, sie habe mit einer Kolumne von Maxim Biller in der „Zeit“ begonnen.

welt.de, 23.09.2021

Und auch Yücel fällt auf, dass stets behauptet wird, Biller habe den Beef begonnen und weist auf den ursprünglichen Auslöser hin und beobachtet aufmerksam das Solidarisierungsspiel.

Update 24.09.2021

Valerie Wendenburg nimmt die gesamte Diskussion zum Anlass, die Thematik »Patrilinearität« für die Schweiz zu beleuchten: »Die anderen Juden« (tachles.ch, 24.09.2021)

Update 30.09.2021

Micha Brumlik publiziert mehrfach zum Thema (siehe oben schon): Auch er greift den offenen Brief ohne Adressaten auf und versucht eine »gesellschaftstheoretische Analyse«. In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 25.09.2021). Tatsächlich scheint er einen ähnlichen Ansatz gewählt zu haben, wie Deniz Yücel.

Update 04.10.2021

Die Jüdische Allgemeine greift denn Fall erneut unter dem Titel »Sehr kontrovers« auf (Jüdische Allgemeine, 04.10.2021). Zu Wort kommen Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern, Lorenz S. Beckhardt, erneut (oder schon wieder) Mirna Funk (»Die Debatte um Czollek und Biller hat innerhalb, aber auch unglücklicherweise außerhalb der jüdischen Community für viel Aufregung gesorgt« schreibt sie, als hätte sie nicht in einer Tageszeitung mit landesweiter Verbreitung ihren Teil dazu beigetragen), Rabbiner Alexander Nachama, Landesrabbiner von Thüringen (er erinnert daran, dass die Allgemeine Rabbinerkonferenz sich um patrilineare Jüdinnen und Juden kümmern könne), Rabbiner Elischa Portnoy, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und David Seldner vom Bund traditioneller Juden.

Update 06.10.2021

In der taz (»Es braucht sichere Räume«, 06.10.2021) sprechen sich Monty Ott und Ruben Gerczikow für einen »safe space« für die Debatte aus. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sähe das vor. Hier darf man gespannt sein, wann das Konzept aus dem Artikel in die (jüdische) Breite gestreut wird.

Update 10.10.2021

In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 09.10.2021) zeigt der Autor Alexander Estis, dass zum Thema eigentlich alles gesagt ist: Er beschäftigt arbeitet sich am Begriff »orthodox« ab, ist aber im Grunde etwas zu spät zur Party gekommen. Es wurde alles schon einmal geschrieben seit dem 20. Juli.

Update 20.10.2021

BR24 hat zum Thema noch etwas zu sagen. Veronika Wawatschek fasst das Thema erneut (schon wieder) zusammen und befragt Professor Meron Mendel dazu.

Bild

Glaube in Zeiten von Corona

Ein interaktives Online-Gespräch der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bertelsmann-Stiftung: Meine Wenigkeit wird kurz berichten, wie sich die Krise auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt hat und dann generell, wie sie den Umgang mit Werten beeinflusst hat. Meine These wird sein, dass es allgemein mehr »Ich« als »Wir« gegeben hat und dass Religion nicht nur »Spiritualität« ist. Ein kurzer Teaser (Bewegtbild) hier ☞ Video

Update
Eine Nachlese hat das Domradio Köln verfasst. Hier zu finden.

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Der Read-On Skandal

Gibt es eigentlich den Begriff »Blogosphäre« noch?

Wenn es ihn noch gäbe, dann könnte ich prima schreiben »Ein Geist geht um in der deutschsprachigen jüdischen Blogosphäre und sogar in der gesamten deutschsprachigen«. DER SPIEGEL hat einen Beitrag über die Bloggerin, die über »Read on my dear, read on« bloggte, veröffentlicht.
Um es ganz kurz zu machen: Die Angaben über ihren jüdischen Familienhintergrund seien falsch. Geschichten über Verwandte etwa, die sich über die Schoah austauschten, einfach nur ausgedacht. Es gäbe überhaupt keine jüdische Identität, außer eine »behauptete«. Im Laufe der Zeit habe die Bloggerin sogar falsche Opfer an Yad Vashem gemeldet – um ihre eigene Geschichte zu untermauern. Damit wurde natürlich die Grenze des Erträglichen überschritten.
Für den normalen Mitleser relativierte diese Enthüllung auch die kleinen Schnipsel, wie das so ist, wenn man mit einer jüdischen Identität nahezu allein irgendwo lebt.

Zur »Enthüllung« kam es offenbar, als historische Fakten nicht ganz sauber dargestellt wurden und Leser darauf aufmerksam und skeptisch wurden. Letztlich scheint dann jemand aus der Blogleserschaft den SPIEGEL darauf aufmerksam gemacht zu haben. Übers Wochenende war dann die deutschsprachige jüdische Blogwelt um einen Blog ärmer – dabei gibt ohnehin kaum jüdische Blogs. Über Schabbat passierte einiges auf twitter, der Hashtag #readonmyfake zog Kreise. Nahezu jede und jeder, so fühlte es sich an, fühlte sich berufen, den Fall zu kommentieren.
Meine Lieblingskommentare begannen mit »Habe ich nicht gelesen, aber…«. Die üblichen Namen wurden gedroppt: Da gäbe es ja auch den Fall »Binjamin Wilkomirski« und »Misha Defonseca« und und… Aber auch der »Fall« Wolfgang Seibert wurde genannt. Nicht ganz uninteressant in diesem Zusammenhang. Denn wenn es stimmt, was wir zu Seibert gelesen haben, dann verwundert es mich, warum dieser Fall im Vergleich zur Causa »Read On« so wenig Aufmerksamkeit erzeugt und nur zu einem halbherzigen Rückzug vom Vorstandsamt gereicht hat.

Aber zurück zu »Read on«.
Ein wichtiger Aspekt wurde mir in einem Gespräch mit einem Journalisten klar. In diesem Gespräch habe ich gelernt: 
Der Betrüger spiegelt oft auch das, was die Betrogenen sich wünschen.
Ja, gibt es einen »Markt« für den sanften Schauder, wenn auf die Familiengeschichte zurückgeblickt wird. Es gibt auch einen »Markt« für diejenigen, die ohne Schranke an dem teilhaben wollen, was sie für jüdisches Leben halten. Die Projektion wird angenommen und genau das geliefert, was man sich wünscht.
Vielleicht kann man enttäuschte Erwartungshaltung auch in einem Text von Caroline Fetscher vom Tagesspiegel wahrnehmen. Der Text zur »Read On« Geschichte zeigt recht eindrucksvoll, mit welchen Konstrukten im Kopf die Leserinnen und Leser etwas »jüdisches« lesen. Aus den Zeilen scheint viel Enttäuschung zu sprechen. Statt zu thematisieren, dass es vielleicht um das süße Nektar »Aufmerksamkeit« geht, worum es natürlich immer geht, wenn man einmal davon gekostet hat und Blogger nun einmal Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie sind, wird das ganze theoretisiert und künstlich aufgeladen.

Dabei geht es eigentlich um das unbelastete Thema »Brot«. Die Read-On Autorin hat nämlich auch ein Buch mit dem Titel »Kunstgeschichte als Brotbelag« herausgebracht. Mit Fotos von Instagram und twitter. Nutzer bauten mit ihren Butterbroten berühmte Bilder nach. Das ist unverdächtig. Nicht, wenn es um Juden im weitesten Sinne geht. Fetscher schreibt über das Vorwort des Buches:

 „Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung“ heißt es im Vorwort. Juden und Deutschland, das wird oft als die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung bezeichnet, und ohne dass der Vergleich hier gezogen wird, kann er sich aufdrängen.

tagesspiegel.de

Dieser Vergleich drängt sich überhaupt nicht auf – bis jemand zwischen dem Satz »Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung« und der Schoah einen künstlichen Zusammenhang herstellt. Es dürfte doch bekannt sein, dass es in Deutschland die meisten Brotsorten überhaupt gibt? Der Verlag GU titelt etwa: »Die Deutschen und ihr Brot – Ein unschlagbares Team«.

Wir erfahren also durch solche Sätze ein wenig über die Autorin und verstehen auf diese Weise vielleicht ihre grenzenlose Empörung.
Dabei ist Empörung eine Emotion, die man hier nur kurzfristig walten lassen darf. Langfristig sollte man sich fragen, was man selber beigetragen hat. Welche Erwartungen hat man da spiegeln lassen?
Weiter heißt es:

Auf alle Fälle lässt das groteske Spiel der Verzerrung und Vergröberung der sich plump und absichtlich als Fälschung zeigenden Brotbilder Rückschlüsse auf den Spieltrieb zu, mit dem Hingst ihrer Groteske konstruierte, indem sie künstliche Geschichten als Broterwerb betrieb.

tagesspiegel.de

Das ist natürlich eine groteske Konstruktion. Dabei irrt Fetscher schon in der einleitenden Überschrift: »Bloggende Hochstaplerin Marie Sophie Hingst«. Hier bloggt keine Hochstaplerin. Der Blog war oder ist die Hochstapelei. Semantisches Mimimi vielleicht, aber es gibt diese Hochstapelei ja nur wegen des Blogs und es ist keineswegs nur eine Begleitung einer Hochstapelei irgendwo im Real Life.


Eines kann man sich für die Zukunft merken: Wenn das Geschriebene geiler ist als die eigene Realität, dann ist es – sehr wahrscheinlich jedenfalls – nicht die Realität, sondern eine sehr dringlich herbeigesehnte Fiktion. Das beginnt im ganz kleinen, etwa in den zahllosen »Stolz-auf-mein-Kind-Tweets« – hier ein fiktives Beispiel – (erzählt mir nicht, dass alle diese Tweets wahr sind)

»Die kleine Joeline (2. Jahre) hat einen Obdachlosen gesehen und zu mir gesagt: Mama, wenn Leute wie Carsten Maschmeyer mehr Steuern zahlen würden, dann müsste der Mann nicht draußen schlafen. Ich bin soooo stolz.«

geht weiter bei modifizierten Darstellungen der Realität. Selbst im Abschlussbericht zum »Fall Relotius« wird klar, dass »Verdichtung« zur Verbesserung einer Reportage durchaus gehören durfte.
Das hört bei den großen Geschichten auf. Wenn dir jemand ständig Geschichten über seine spannenden Begegnungen erzählt, die er hat, wenn er mit Kippah durch die Gegend reist. Voller ungeahnter Wendungen und Zufälle. Dann könntest Du ahnen, dass sie vielleicht ein wenig ausgeschmückt sind. Es soll auch Menschen geben, bei denen einfach gar nichts passiert, oder nicht immer auf belesene, eloquente Menschen treffen.

Der Read-On Skandal erzählt viel darüber, wie draußen jüdisches gesehen wird, er erzählt vieles über das Verhältnis von Bloggern die es weit bringen wollen, zu ihren Lesern.
Er erzählt aber keine Geschichte darüber, wie ausschließlich ein Mensch alleiniger »Täter« war und alle anderen die arglosen Opfer.

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Deutschsprachige Jüdische Blogs — Super Projekte und schlechte Nachrichten

Beginnen wir mit Wien! Sarah Egger, die von Wien aus über jüdisches bloggt und damit die extrem übersichtliche deutschsprachige jüdische Blogosphäre (verwendet man das Wort überhaupt noch?) aus Österreich verstärkt, hat beschlossen, dass man mehr jüdischen Kitsch kaufen können darf. Aus der besten Motivation, die man sich denken kann – nein nicht Geld – sie fand selber nichts »in der Nähe«.
Damit möchte sie lokal loslegen, aber ich denke, wenn sie Unterstützung erfährt und zahlreiche Kunden findet, kann man dazu zwingen, auch ins deutschsprachige Ausland (Deutschland) zu expandieren. Wer also mehr über ihr Projekt lernen will, besuche einfach ihren Blogbeitrag dazu, oder direkt die Website schmonzelachuntinef.com – so wird der Shop nämlich heißen. Ach so: Über startnext kann man die Gründung unterstützen.

Die Siedlerin Leider war es das

Die Siedlerin, auch sie hat in deutscher Sprache gebloggt und sich kein einfaches Thema gewählt, denn sie berichtete aus dem Alltag einer Siedlerin. Erstmals konnte man also eine Person dabei begleiten, wie sie ihr Leben in einer Siedlung meistert. Erfreulicherweise hatte sie ein großes Publikum und konnte anscheinend auch damit umgehen. Es gibt ein paar Leute, die mit viel Aufmerksamkeit nicht umgehen können und abheben. Hier war das erfreulicherweise nicht der Fall. Aber an der Vergangenheitsform merkt man es schon: Sie hat ihre Blogtätigkeiten eingestellt (siehe hier) und kümmert sich um anderes.

Ein Podacast zur Mischna Für unterwegs

Igor Itkin hat die Fäden in der Hand, wenn es um die Digitalisierung der deutschen Übersetzung der Mischne Tora auf talmud.de geht. Hat die Ergebnisse redigiert und sich darum bemüht, fehlende Teile hinzuzufügen. Ein Mammutprojekt. Zusätzlich hat er in der vergangenen Woche einen Podcast gestartet, in dem er die Mischna liest und erläutert. Mischna Jomi zum mitnehmen. Das ist auch für diejenigen interessant, die in das Thema erst einsteigen. Jeden Tag ein Teil. Die Folgen findet man hier tora.podigee.io oder hier. Igor hat übrigens eine gute Radiostimme.

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Hunde und Antisemitismus

Die Idee kam ihnen irgendwann in der Synagoge.
Rabbi Silberzwajg hatte wieder erzählt, dass der Talmud die Hundehaltung verbietet.
Daniel meinte, genau das sei der Grund, warum ja wohl kaum eine deutsche Nichtjüdin für ihn zum Judentum übertreten würde:
»Die werden doch hier nicht auf einen Hund verzichten?
Überleg mal!?
Auf Kinder vielleicht.
Aber auf Hunde?
Dabei sind das Probleme auf vier Pfoten. Eine Erfindung der Tierarzt-Lobby, damit die Leute mit sozialen Problemen abziehen können.
Irgendwelche Impfungen, Operationen, Medikamente. Alles, weil die Viecher total überzüchtet sind.
Und warum?
Weil es den Leuten hier zu gut geht.
Juden haben hier keine Hunde – nicht weil es halachisch verboten wäre – sondern weil wir noch richtige Probleme haben. Und Kinder. Oder beides. Oder eines, weil wir das andere haben.«

Schmulik hingegen war irritiert. Wegen Rabbi Silberzwajg. Weil der Rabbi selber einen Hund hatte.
Daniel meinte, der Rabbi habe vertraglich vereinbart, dass der Hund dem Nachbarn gehörte und außerdem sei sein Name»Chatul« – also »Katze«. Es sei im Grunde also gar kein Hund und wenn er einer wäre, gehöre er immer noch den Nachbarn.

Alex schaltete sich ein: »Denkt mal an die Schmocks, die ihren Hunden gelbe Sterne aufgeklebt haben wegen des Maulkorbgesetzes. Weil es ja ›Rassismus‹ gegen Hunde gäbe.«
Während Daniel und Schmulik noch nachdenklich nickten, hatte Alex die Sache schon vollständig durchdacht.
»So bekommen wir auch das mit dem Antisemitismus in den Griff. Wir nehmen ihnen das allerwertvollste…«
Daniel: »Wir führen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn ein?«

»Red keinen Blödsinn. Wir gehen an die Hunde!«
Mit »wir« meinte Alex sich und ein paar Helfer.
So wurde die Gruppe »Kelew« im Baruch-Goldstein-Gemeindezentrum gegründet.
Natürlich war sie geheim. Aber effektiv.

In ihrer ersten Botschaft an die Öffentlichkeit hieß es, für jeden antisemitischen Vorfall, werde ein Hund in einem Wald in Rumänien ausgesetzt. Da könnte der Hund dann mit anderen Hunden spielen. Ohne die medizinische Versorgung, von der Menschen in anderen Gegenden der Welt nur träumen können. Ohne zahnfleischpflegende Leckerlies, kein Futter mit Forelle und Lachs, kein laktosefreies Hundeeis, ohne Therapiesitzung und Farbberatung. Da wären sie einfach nur Tiere in der Natur.
Das war für viele Leser der Botschaft schon schwer zu ertragen.

Im zweiten Monat sollten es dann zwei Hunde pro Vorfall und im dritten Monat dann vier und im Folgemonat acht Hunde sein.
Zunächst nahm das niemand so richtig ernst. Aber als dann an einem Tag 64 Hunde verschwanden, machte man sich dann doch Sorgen.
Natürlich gab es »Experten«, die sich in den Medien »besorgt« zeigten und meinten, es gäbe »jüdischerseits nichts gegen Hunde einzuwenden« und Homestories über ihr Leben mit Hund machen ließen.

Aber es hat funktioniert.
Bei Pöbeleien in der U-Bahn sprangen Leute auf und warfen sich dazwischen: »Denkt doch an die Hunde! Macht doch keine Dummheiten!«
Auf der Straße wurden Halbstarke von Anwohnern zur Ruhe gerufen.
»Denkt an die Hunde!« hieß es überall.
Die Anzahl der Vorfälle ging rasant zurück. Jetzt ging es um etwas!
Sprayer wurden auf Hinterhöfen von Rentnern gestellt und gezwungen ihre antisemitischen Motive umgehend zu übermalen. Denkt doch an die Hunde!
Friedhöfe mussten nicht mehr abgeschlossen werden.

Nur Hundehasser würden noch Hatemails schreiben. Und wer das war, das wussten schnell alle in der Nachbarschaft!

Schmulik war fast etwas traurig, dass das nur ein Hirngespinst von Daniel war, dem alten Hundehasser.

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Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk

Über was bloggen jüdische Blogger?
Antisemitismus, Schoah und Israel?
Natürlich nicht nur. Aber es gibt die Erwartungshaltung natürlich.

Der Deutschlandfunk hat mich dazu in einem Livegespräch am letzten Freitagmorgen (26. Oktober 2018) befragt.
Der Antwort entsprechend, wurde die schriftliche Fassung des Interviews übertitel mit »Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber jüdischen Personen, die in der Öffentlichkeit auftreten«.
Das Interview könnt Ihr hier nachlesen und nachhörendeutschlandfunk.de.

Zum mp3 beim Deutschlandfunk geht es hier direkt (anscheinend verfügbar bis Mai 2019).

































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Ordnung, Märchen und Afrin

Hänsel und Gretel

Für die Deutschen muss immer alles geordnet sein. Ist es nicht so, wird entweder eine Ordnung unterstellt, oder man ordnet sich die Welt unter. Die erste Wahl ist zwar auch nicht die smarteste, aber besser als die zweite. Der Weg hat sich als unpraktikabel erwiesen.
Ordnung muss es auch im politischen Weltbild geben.
Gut gegen Böse, Klein gegen Groß. Man kennt das.

Manifestiert hat sich die German Ordnung offenbar in Märchen. Im Märchen funktioniert das nämlich ganz gut.
Die Stiefmutter ist böse.
Dann gibt es den Underdog. Der Underdog ist oft zufällig auch schöner als der Bösewicht (»Spieglein Spieglein an der Wand«), ist herzensgut und trumpft deshalb am Ende auf. Dass die Welt dann ebenfalls in solche Kategorien eingeteilt wird, ist erstmal kein Problem für denjenigen, der die Welt in die gleichen Kategorien verpackt. Jemand ist der Böse und jemand ist der Gute.
Israel böse, Palästinenser gut.
Türkei böse, Kurden gut.
USA Trump böse, Europa gut.

Schwierig ist es dann, wenn diese persönliche Kategorisierung plötzlich für andere Maßstab sein soll. Dann wird daraus plötzlich die öffentliche Meinung. Und die verwendet dann die gleichen Kategorien.
Nehmen wir mal Afrin.
Hier scheinen die Rollen festgelegt zu sein. Die Kurden sind der kleinere Player. Die Türkei ist der größere. Also wird hier wieder unser Schema angewendet. Türkei böse. Kurden gut. Außer, sie demonstrieren in Deutschland. Dann gilt: »Macht das bei euch aus.«
Natürlich ist es nicht so einfach.
Die Propagandamaschine beider Seiten läuft auch Hochtouren. Die Türkei behauptet, die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) seien ein Ableger der verbotenen PKK. Und siehe da: Das ist auch der Fall. Und die geht weiterhin gegen die Türkei vor. Man denke an die Anschläge von Diyarbakir und Istanbul im letzten und vorletzten Jahr. Aber die YPG ist nicht der einzige Akteur in Afrin. Da gibt es auch die PYD und die YPJ und einige andere kurdische Gruppen. Sogar islamistische Gruppen gibt es. Nicht alle haben die gleichen Ziele. Aber die Propaganda hat es geschafft, dass die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) den Kampf »aller« Kurden führen. Das lässt das Vorgehen der türkischen Armee in Syrien hinterfragen – gegen wen soll da gekämpft werden? Es rechtfertigt schon gar keine Kriegsbegeisterung in der türkischen Diaspora, oder Hetze gegen »alle« Kurden per se. Oder gegen alle »Türken«. Die innenpolitische Motive der Türkei für einen Krieg auf syrischem Boden sind ebenfalls schwer zu verstehen und kaum bis gar nicht nachvollziehbar.
Beide Seiten sind im Unrecht. Es gibt hier keine gute und keine böse Seite. Wer Waffen oder Panzer an beide Seiten verkauft hat, ist vielleicht zynisch. Aber darum gleich böse? Immerhin geht es da um uns.
Wer sich also »solidarisch mit Afrin« zeigt, mit wem macht er sich solidarisch? Wer sich »solidarisch mit der Türkei« zeigt, wessen Agenda unterstützt er dann?

Die heutigen Konflikte sind keine Fußballspiele bei denen wir mit jemandem mitfiebern können – sie haben auch kein Vorbild im Märchen. Die heutigen Konflikte sind in eine komplexe Welt eingebunden und dementsprechend auch, überraschenderweise, komplex. Wer das Gegenteil behauptet, hat entweder keine Ahnung oder führt etwas im Schilde. Wenn das jemand gar nicht verstanden hat, aber es für »einfach« hält, wird er mit ziemlicher Sicherheit regelmäßig als »Nahostexperte« irgendwo sprechen und die Ordnung wieder herbeireden. Dass das auch für Israel gilt, muss nicht extra gesagt werden.

Noch einmal zum Märchen. Am Ende von Hänsel und Gretel kommt übrigens heraus, dass die Geschichte immer nur aus der Perspektive der beiden Kinder geschildert wurde. Die beiden sind nichts anderes als Diebe. Sie haben die Hexe vorsätzlich verbrannt um sich ihr knuspriges Haus und ihr Gold unter den Nagel zu reißen. Am Ende haben sie sich für den Vater eine schöne Legende dazu ausgedacht. Diese miesen Kinder. Kein Wunder, dass ihre Stiefmutter sie aussetzen wollte.

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Jetzt ist Fynn dran – warum diese Generation verloren ist

Schmuliks Cousine hatte die kleine Nurit bei ihm gelassen. Nur für ein paar Tage. Deshalb war der Spielplatz neben der Synagoge sein neuer Wirkungsraum. Immerhin gab es dort wlan. Irgendeiner der Nachbarn hatte das Netz FRITZBOX-Kellerwohnung nicht abgesichert.

Und dort auf dem Spielplatz reifte auch eine Erkenntnis in Schmulik. Nicht die, dass Kinder anstrengend sind, sondern die, warum Deutschland so ist, wie es ist. Alle wissen, die Grundlagen für Muster aus der Erwachsenenwelt, werden in der Kindheit gelegt.
Warum, das war schnell zu beobachten. Auf dem Spielplatz war immer viel los.
Es gab ein Gerüst, eine Wippe – und es wunderte Schmulik, dass man in Deutschland nicht dazu gezwungen wurde, mit Helm auf die Wippe zu steigen – ein riesiges Klettergerüst mit Seilen, Hängebrücken und einem kleinen Häuschen für pubertierende Jugendliche die an den Abenden im fahlen Licht der Handydisplays hockten und ungelenkt aneinander herumschraubten. Weiterlesen