Wird Elif Eralp für Berlin das, was Zohran Mamdani für New York ist? Wäre sie vermutlich gerne und zwei Grundbausteine sind schon einmal vorhanden: Ein spannungsgeladenes Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft der Stadt. Und: die Linke, also ihre Partei, hat die Wahl gewonnen. Jener Landesverband der Partei, der sich von antizionistischen Hetzern am Nasenring durch die politische Arena ziehen lässt. Diese Typen, immer laut, immer präsent, immer mit demselben dreisten Sendungsbewusstsein, haben das öffentliche Bild der Partei mitgeprägt. Und die? Die zittert. Oder sie nickt. Oder sie schaut weg. Oder sie widerspricht nahezu ungehört. Antisemitismus als legitimes Meinungsbild, das man höflich ausdiskutieren muss. Abgrenzung von Antisemitismus? Ja. Ein »aber« muss dann zwingend folgen: aber auch vom Hass auf XY und Z.
Ich muss an dieser Stelle die Ereignisse nicht erneut auflisten. Es gab einige.
Kurz vor und besonders nach der Wahl wurden wir dann Zeugen eines bemerkenswertes Schauspiels. Sorge um Jüdinnen und Juden! Fast, aber auch nur fast, hätte man daran glauben wollen. Wenn nicht Friedrich Merz die Gelegenheit genutzt und Antisemitismus die perfideste Form des Ausländerhasses genannt hätte. Manchmal öffnet sich ein kleines Fenster in die eigentliche Gedankenwelt von Menschen. Nach seiner großen Rede in der Synagoge Reichenbachstraße war das ein echter Schlag in die Magengrube. Auch die »jüdischen Mitbürger« waren wieder da. Hat der Kanzler andere Redenschreiber als der CDU-Vorsitzende?
Monatelang wurden in Berlin übrigens Gelder für den Kampf gegen Antisemitismus gesperrt und erst im Mai 2026 freigegeben. Vielleicht hätten die Initiativen etwas erreicht, also im Vorfeld? Gab es da nicht Diskussionen um die Rolle der CDU bei der Vergabe von eben jenen Fördermitteln? Fördermittel wurden auch auf Bundesebene gekürzt.
Aber schon die Prämisse war falsch: die Annahme, der Nachweis von Antisemitismus schade einer öffentlichen Person oder Partei.
Die Zeiten haben sich geändert. Gerade in Berlin. Sich an Jüdinnen und Juden zu erinnern, wenn es gerade passt, hilft hier auch überhaupt nicht mehr. Die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2022 zeigte, dass der Aussage »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß« immerhin 21,6 Prozent der Befragten nicht ablehnend gegenüberstehen, ungefähr 7 Prozent stimmen zu. Über Parteigrenzen hinweg.
Das entlastet die Linke nicht. Sollte es auch gar nicht. Die Partei hat in Berlin nicht gewonnen, weil sie (ganz ohne jeden Zweifel) ein Antisemitismusproblem hat. Sie hat gewonnen, weil sie viele Menschen mit ihren Themen erreicht hat. Und die Wähler sehen ohne Probleme darüber hinweg, dass einige Akteure nicht gerade das verkörperte Sicherheitsversprechen für Jüdinnen und Juden in Berlin sind. Das spricht für meinen Punkt: Antisemitismus schadet dem Ansehen einer öffentlichen Person nicht unbedingt.
Was bleibt, ist ein Verdacht, den ich so schnell nicht loswerde: dass die Sorge, wann immer sie geäußert wird, eine Funktion hat, aber kein Gewicht. Man zieht sie hervor wie ein Kostüm, das man für besondere Anlässe im Schrank hängen hat. Für die Synagoge, für den Wahlabend oder das Interview danach. Und dann hängt man das Kostüm wieder zurück.
Elif Eralp wird das kaum stören. Sie muss nur die Aufregung abwarten. Danach ist es kein Thema mehr. Wie immer.
