Die Übersetzung der Torah von Lazarus Goldschmidt
1921 veröffentliche Lazarus Goldschmidt, den viele als »den« Übersetzer des (babylonischen) Talmuds kennen, eine Übersetzung der Torah. Diese blieb einem sehr kleinen Kreis von wohlhabenden Lesern vorbehalten. Nicht, weil sie so speziell war, sondern weil Goldschmidt sie mit sehr viel Aufwand in außergewöhnlicher Ausstattung publizierte – also teuer. Ganze 300 Exemplare wurden davon gedruckt. Aber nicht nur von der Torah, sondern auch von den Newi’im, den Prophetenbüchern.
Diese Art der Nichtverbreitung kann dazu beigetragen haben, dass die Übertragung nicht den Stellenwert erreicht hat, der ihr zugestanden haben könnte. Statt dessen wurde sie fast vergessen.
Ein zeitgenössisches Urteil über die Qualität der Übersetzung stammt von Rabbiner Samuel Grünberg, der ab 1920 Dozent für Bibelexegese und Hebräisch am Berliner Rabbinerseminar war.
In »Jeschurun«1 schrieb er:
Gerade in letzterer Zeit mehren sich die Übersetzungen der Bibel in allen Kultursprachen, mit oder ohne Kommentare. Im Suchen nach Wiedergabe von Sinn, Stil, Rhythmus und das Gelingen hierin, unterscheiden sie sich von einander. Betreffs ihrer Güte gehen natürlich die Meinungen auseinander. Vor mir liegen nun drei Foliobände der auf vier Bände berechneten neuesten Goldschmidt’schen Bibelübertragung. Eine »Monumentalausgabe, auf feinstem Büttenpapier, mit antiken gothischen großen Typen, entzückenden künstlerischen farbenprächtigen Majuskeln gedruckt.«2 Eine Luxusausgabe für Liebhaber und Mäzene. Weshalb wohl bis jetzt, trotzdem der erste Band bereits 1923 erschienen ist, in der Presse so gut wie gar nicht von dieser Uebersetzung gesprochen wurde. Und doch — dies soll gleich gesagt werden — ist diese Bibelübersetzung, bis auf gewisse Mängel, von denen einige später erwähnt werden sollen, m. E. größtenteils, besonders der Pentateuch, als durchaus gelungen zu bezeichnen. Lazarus Goldschmidt, der gewandte Übersetzer des Talmuds hat ein besonderes Verständnis für Sprachfeinheiten, ist ein großer Kenner der biblisch-exegetischen Literatur aller Zeiten, und wußte vieler Schwierigkeiten auch dadurch Herr zu werden, daß er beim Pentateuch die Subtilitäten der rabbinischen Exegese, die leider meistens unterschätzt wird, verwendete. Nicht verdeutschen wollte er die Bibel. Eine solche Tendenz bedingt nolens volens eine Alterierung der Übersetzung. Auch keine Nachschöpfung, die noch keinem gelungen und keinem gelingen wird, wollte G. bieten. Vielmehr, eine gedanklich treue Übersetzung, unter besonderer Berücksichtigung der biblischen Ausdrucksweise, der Haupt- und Nebenbedeutungen der hebräischen Vokabeln, der hebräischen Syntax, wie sie nur ein wissenschaftlich geschulter, dabei aber mit der gesamten nachbiblischen, talmudischen und rabbinischen Literatur engvertrauter Übersetzer zu erfassen imstande ist. G. wählte nicht die darstellende, sondern die erzählende Form, und indem er sich nicht nur vom Zauber der Rhythmik leiten ließ, gelang es ihm, Wort- und Satzinhalt sinngemäß zu übersetzen. Man lese nur die überaus genaue und dabei anmutige Wiedergabe der Erzählung vom Segen Isaaks an Jakob und Esaw oder die herrliche Übersetzung des Segens Jakobs, die vortreffliche Übersetzung der Rechtssatzungen (Ex. 21 ff.) die eine volle Würdigung erst bei Beachtung der rabbinischen Exegese finden kann. Die Beibringung einzelner Hinweise und Textproben würde zu weit führen.
R. Grünberg ging sogar soweit, dass er eine »Volksausgabe« der Torah sah:
Sollten bei einer eventuellen Volksausgabe diese Mängel behoben werden, würden wir nicht anstehen, jedem Bibelstudierenden deutscher Zunge diese Übersetzung als eine der vortrefflichsten zu empfehlen.
Mangel? Ja. Auch darüber schrieb er:
Zuerst die Transkription des Tetragramms (Jod, He, Waw, He) nach der üblichen Punktation wirkt tief verletzend. Und gerade beim Lesen des deutschen Textes fällt es einem schwer, eine Umschreibung statt der Transkription zu gebrauchen. Ob unsere Leseart des Tetragramms die absolut richtige ist, mag dahingestellt sein. Wir haben nun diese Punktationsüberlieferung und wir sollen ihre Aussprache vermeiden.
Nun. Diese »Volksausgabe« gibt es nun. Unter talmud.de/torah steht die Übersetzung von Lazarus Goldschmidt nun ebenfalls zur Verfügung. Mit der geforderten Änderung von R. Grünberg: Der Name G-ttes wird nun mit »HaSchem« umschrieben. Das verändert den Charakter von Goldschmidts Übersetzung keinesfalls.
Dass es diese Ausgabe nun gibt, ist vor allem einer günstigen Fügung zu verdanken: Es gibt ein »Set« von Goldschmidts Übersetzung in der Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main und die Mitarbeiter haben diese es sorgfältig gescannt und die Scans in Netz gestellt. Einen großen Dank übrigens an dieser Stelle!
Die Seiten haben sich jedoch geradezu gegen die Erschließung gewehrt. Goldschmidt selbst hat die Fraktur-Schrift nach seinen Anforderungen gießen lassen. Sie waren also sehr speziell. Hinzu kommt, dass einige Buchstaben mit einem Strich über ihnen »verdoppelt« wurden: Jākob statt Jaakob. Oder einzelne Buchstaben der folgenden Zeile ans Ende der aktuellen Zeile geschrieben wurden.

Detail aus der Originalausgabe von Lazarus Goldschmidt
Wenngleich hochwertig ausgestattet, so doch schwierig zu lesen für OCR Systeme. Anschließend musste das Dokument noch in eine strukturierte Form gebracht werden, denn wahrscheinlich (oder hoffentlich) wird der Text auch Bestandteil von Sefaria und der App »Safran«. Dementsprechend zog sich die Arbeit über Monate. Das Ergebnis kann nun betrachtet werden. Ein Text, der, nach meiner bescheidenen Meinung, sehr viel lesbarer ist, als es die Buber-Rosenzweig-Übersetzung ist und sich dennoch nah am Original bewegt.
Mängel sah Rabbiner Grünberg auch in der Übertragung der Prophetenbücher und er war zuversichtlich, dass auch diese behoben werden könnten. Schauen wir mal, ob dieses Projekt vielleicht folgt.
Jeschurun, Ausgabe 15 (1928), Mai, S. 367–368. ↩︎
Auf der letzten Seite heißt es: Übertragen aus dem Urtexte unter besonderer Berücksichtigung der rabbinischen Exegese. Einmalige Monumentalausgabe in dreihundert Exemplaren, hergestellt im Auftrage des Verlages Erich Reiss in Berlin bei Rosenthal & Co. — Herstellung des Papiers, Schriftguß, Satzordnung sowie die gesamte Ausstattung nach Angaben und unter Leitung des Übersetzers. ↩︎
