Im 19. Jahrhundert machte sich ein Mann namens Jean de Pauly daran, Teile des Sohar ins Französische zu übersetzen. Einen Teil des Schulchan Aruch hatte er bereits in Deutsche übertragen. Ein ambitioniertes Vorhaben für einen christlichen Gelehrten, zumal einen mit einer derart bewegten Lebensgeschichte. Zumindest, wenn man ihm glaubt. Nach seinen eigenen Angaben sah dieses Leben so aus:
Geboren am 23. Juni 1860 in Antivari, dem heutigen Bar in Montenegro, gestorben am 20. Dezember 1903 in Lyon. Ein Übersetzer, der seine Werke gelegentlich mit dem Kürzel Pavly signierte. Er stammte, so erzählte er es, aus einer adeligen Familie, Sohn von Jean Pierre Théodore de Pauly und Antonia Maria, Baronin von Vanutelli, standesgemäß in Scutari getauft. Später studierte er an der Universität Palermo Literatur und Orientalistik, an der er auch promovierte. Der Weg führte ihn weiter nach Basel, dann nach Lyon, wo er als Professor am Collège Le Sacré Coeur unterrichtet haben will, ehe Lehrtätigkeiten in Rom, Orléans und Turin folgten.
In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Jean de Pauly der Übersetzung des Sohar. Ein Projekt, das ihm der einflussreiche katholische Buchhändler und Verleger Émile Lafuma-Giraud (1864–1935) vorgeschlagen hatte. Zur Seite stand ihm dabei, so heißt es, ein rumänischer Rabbiner. Die Übersetzung erschien erst nach seinem Tod, zwischen 1906 und 1911. Begeistert war davon nicht jeder: Gershom Scholem1 sah in ihr eine Verfälschung dessen, was der Text eigentlich sagen wollte.
Die Eckpunkte dieses Lebens sind im Sterberegister der Stadt Lyon verzeichnet:
Le vingt décembre mil neuf cent trois à neuf heures du matin, devant nous, Conseiller municipal de Lyon, spécialement délégué aux fonctions d’officier de l’État civil du dixième arrondissement soussigné, sont comparus: Davin, François, Anacleti, âgé ans, employé 19 ans, Worand, Pierre Jacques, trente huit ans, employé, 13 rue Morand, pour nous déclarer que de Pavly, Jean Professeur de langues, 51 cours Morand, né à Antivari (Monténégro), le vingt trois juin mil huit cent soixante-quatorze, fils de feu Jean-Pierre et de feue Baronne de Vanutelli, Autriche; Épouse Émilie Wullschleger, est décédé au domicile conjugal susdit ce matin, à minuit et demi. Le décès constaté, l’officier a fait les déclarations et a signé avec nous. (Versuch einer Übertragung des handschriftlichen Textes aus dem Register)
Am zwanzigsten Dezember neunzehnhundertdrei um neun Uhr morgens erschienen vor uns, dem besonders beauftragten Ratsherrn der Stadt Lyon für die Aufgaben eines Standesbeamten des zehnten Arrondissements, Unterzeichnete, Davin, François, Anacleti, 19 Jahre alt, Angestellter, Worand, Pierre Jacques, 38 Jahre alt, Angestellter, wohnhaft 13 Rue Morand, um uns zu erklären, dass de Pavly, Jean, Sprachlehrer, 51 Jahre alt, wohnhaft Cours Morand, geboren in Antivari (Montenegro) am dreiundzwanzigsten Juni achzehnhundertvierundsiebzig, Sohn des verstorbenen Jean-Pierre und der verstorbenen Baronin de Vanutelli, Österreich, Ehemann von Émilie Wullschleger, gestern Nacht um Mitternacht und dreißig in der gemeinsamen Wohnung verstorben ist. Der Standesbeamte hat diese Erklärung aufgenommen und unterzeichnet mit uns. (Versuch einer vernünftigen Übersetzung)

Für die Abbildung: Ville de Lyon, archives municipales, cote
Sein Leben endete in Lyon.
Nur: Davon stimmt kaum etwas. Gestorben ist er tatsächlich in Lyon und verheiratet war er wohl auch. Das lässt sich mit einiger Sicherheit sagen. Alles andere ist Erfindung. Denn Jean war nicht die Person, für die er sich ausgab.
Der Reihe nach. Das Geburtsdatum mag noch stimmen: Jean will am 23. Juni 1860 in Antivari zur Welt gekommen sein, ein Ort, der für die Zeit angenehm exotisch klang und weit genug entfernt war, um nicht überprüft zu werden.
Hier hat die Geschichte bereits ein Problem. Antivari gehörte 1860 noch zum Osmanischen Reich und wurde ausschließlich von einer muslimischen Bevölkerung bewohnt, kaum der Ort, den sich eine europäische Adelsfamilie als Residenz oder Feriensitz ausgesucht hätte. Als Ort der Taufe gibt er Scutari an, also Shkodra in Albanien. Dort scheint es erst nach 1860 eine katholische Kirche gegeben zu haben. Eine Antonia Maria, Baronin von Vanutelli, hat es nie gegeben, und auch Jean Pierre Théodore de Pauly lässt sich nirgends finden. Wohl aber gab es einen Théodore de Pauly, der in Russland bekannt war: Er lebte von 1817 bis 1867 und verfasste ein umfangreiches Werk über die Völker Russlands, die Description ethnographique des peuples de la Russie. Er schuf zudem ein bekanntes Porträt von Avraham Samuilovich Firkovich, jenem Mann, der die Biblia Hebraica Leningradensia in seine Sammlung aufnahm und der seinerseits, nebenbei bemerkt, ein Aufschneider war. In der Schweiz taucht später ein rumänischer Adeliger namens Ion (Jean) Pavly auf. Wir halten fest: der Name scheint nicht vollständig aus der Luft gegriffen zu sein.
Das Collège Le Sacré Coeur de Lyon hat mir bestätigt, dass er dort, soweit sich das heute noch rekonstruieren lässt, nie beschäftigt war.
Was wir sonst noch über ihn wissen, verdanken wir einem erhaltenen Briefwechsel2 mit dem Verleger Émile Lafuma-Giraud. Schon hier wird deutlich, dass Jean zwischendurch die Übersicht über seine eigene Geschichte verlor: In einem Brief vom 31. Januar 1903 schreibt er, er benötige Geld, weil seine Frau gestorben sei. Am 1. März hingegen benötigt er Geld, um gemeinsam mit eben dieser Frau an der Bestattung von Lafumas Ehefrau teilzunehmen.
Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite behauptete in der Zeitschrift »The Occult Review«3, ein gewisser Dr. Marc Haven (alias Dr. Lalande) habe etwas über das frühe Leben von Jean de Pauly herausgefunden. Offenbar fragten sich manche Leser, welche Geschichte wirklich hinter Jean steckte. Man servierte ihnen die Variante, die wir eingangs gelesen haben. Waite merkt allerdings an, dass ein anderer Herausgeber des Sohar, Paul Vulliaud, festgestellt habe, Jean müsse einen jüdischen Hintergrund oder zumindest eine jüdische Erziehung gehabt haben.
Unter dem Namen Dr. Johannes von Pavly gab er bei Stephan Marugg in Basel einen Teil des Schulchan Aruch in deutscher Übersetzung heraus, laut einem zeitgenössischen Werbedruck unter Mithilfe von Rabbiner Nachmann Levy aus Ștefănești. Es überrascht kaum, dass es auch diesen Rabbiner nie gegeben hat. In derselben Werbung wird Jean zudem als Privatgelehrter der Königin von Rumänien präsentiert. Es muss nicht speziell erwähnt werden, dass auch das nicht stimmt. Eine gewisse Affinität zu Osteuropa lässt sich aber erkennen. Vielleicht, weil es geographisch nah genug war, um plausibel zu klingen, und zugleich fern genug, um für den westeuropäischen Bürger schwer überprüfbar zu bleiben. Oder Jean hatte Wurzeln dort und kannte sich etwas aus.
Ein Band der deutschen Übersetzung erschien 1888 in Basel, weitere waren geplant. Doch ein zeitgenössischer Artikel in der Jüdischen Presse4 berichtet, der Übersetzer habe sich beim Herausgeber schlicht nicht mehr gemeldet. Marugg hatte mit der Ausgabe des ersten Bandes fleißig zahlende Subskribenten geworben, die für das Erscheinen der folgenden Bände aufkommen sollten. Das Geld war mit der Einstellung der Lieferung verloren. Die Jüdische Presse legte sich damals fest: Hinter dem Übersetzer stecke in Wahrheit der »Hetzer Briemann-Justus«, ebenfalls 1860 geboren, mit bürgerlichem »Namen Aron Israel Brimann«, ein getaufter Jude, der falsche Behauptungen über das Judentum verbreitete. Nach Lektüre des Wikipedia-Artikels zu Brimann (so wird es wohl geschrieben) hätte man diesen Faden nicht weiterverfolgen müssen. Der Artikel gibt größtenteils die Forschung der Theologin Hannelore Noack wieder. Brimann stammte aus Rumänien und verdiente ein wenig Geld mit gefälschten Übersetzungen und Lügen über das Judentum; laut Noack verstarb er 1934 in Berlin unter dem Namen »Aron Gerechter«.
Aber zunächst zurück zu Pavly: Statt bei Marugg erschien 1893 der Teil »Choschen mischpat« des Schulchan Aruch bei einem Verleger im Elsass.
Welche weiteren Fakten bleiben also nach Sichtung aller verfügbaren Artikel? Er wurde am 21. Dezember um 15 Uhr beigesetzt, das kann man der Zeitung »Le Progress« vom 21. Dezember 1903 entnehmen. Seine Frau, Émilie Wullschleger, könnte aus Lyon stammen. Als Jean in Lyon lebte, gab es dort weitere Wullschlegers. In San Francisco taucht 1890 eine Émilie Wullschleger auf und 1895 eingebürgert wird. 1896 bringt sie einen Sohn zur Welt, John George. Das passt zeitlich eigentlich nicht.5
Aus der Polemik der Zeitgenossen lässt sich herauslesen, dass viele annahmen, die Person sei in Wirklichkeit jüdisch und bediene sich eines Pseudonyms. So wird es gewesen sein: jemand, dem seine Kenntnis der jüdischen Quellen als Werkzeug diente, um sich eine Biografie zu bauen, die er bis zuletzt aufrechterhielt, so überzeugend, dass sogar die Standesbeamten sie unhinterfragt festschrieben. Woher kam Jean? Ein Jude aus der Schweiz? Aus Rumänien? 1897 veröffentlichte er übrigens die Übersetzung eines Textes aus dem Sanskrit »Çâçwatasyâ ʿDarmasya, ou la justice éternelle«. Damit sprengt er den Rahmen dessen, was wir zu wissen glaubten. Hatte er diese Sprache wirklich gelernt?
Spielt der behauptete Geburtsort eine Rolle? Dieser liegt nur wenige Kilometer von Ulcinj entfernt, dem Ort, an dem Schabbtaj Tzwi starb.
Wie Die jüdische Presse haben sich immer wieder Menschen gefragt, wer hinter »de Pauly« steckte (jetzt mal mit Ausnahme der Wikipedia, die einfach nur eine Quelle zitiert). Ein Problem bei der Auflösung: Die Zahl der getauften Grenzgänger zwischen Judentum und Christentum war nicht klein und mindestens zwei von ihnen haben ihre Spuren gut verwischt. Heute wäre die Situation vielleicht umgekehrt. Heute gäbe es mehr Leute, die sich eine jüdische Biografie zu ihrem Vorteil zusammenbauen, keine katholische.
Da wäre zunächst Paulus Meyer, der angeblich unter dem Pseudonym »Pawly« auftrat und mit bürgerlichem Namen wohl Eliezer Baruch Aschkenasi Kremenetzki hieß, geboren zwei Jahre nach Jean in Russland. Sein Weg führte von der protestantischen Judenmission bis zur Ritualmord-Agitation um einen Joseph Deckert, 1893 endete er in einem Verleumdungsprozess. Die Namensnähe ist interessant, führt jedoch in die Irre. Meyer bewegte sich in einem anderen Milieu als Jean. Vor allem aber sind beide Identitäten zur gleichen Zeit auf unterschiedlichen Feldern unterwegs. Meyer wurde 1892 und 1893 in Preußen und Sachsen als Betrüger entlarvt, ausgewiesen und in Wien öffentlich vor Gericht gestellt. Jean ließ 1893 den Band »Choschen mischpat« im Elsass erscheinen. Zwei Männer, ein ähnliches Pseudonym, aber verschiedene Orte, Konfessionen (evangelisch und katholisch) und Rollen. Dass es sich um dieselbe Person handelte, ist ausgeschlossen. Von Paulus Meyer gibt es nach seiner Haftentlassung keinerlei Aufzeichnungen mehr. Diese Leerstelle wurde möglicherweise mit der Identität von Jean de Pauly aufgefüllt, nur eben von Dritten.
Eine zweite, bislang unerforschte Spur passt zeitlich nicht, aber stellt Fragen zu den übersetzten Werken: Comtesse Calomira de Cimara, angeblich eine rumänische Adelige (erneut Rumänien!), die sich mit hebräischen Texten befasst haben will. 1913 veröffentlichte sie in Paris bei Henri et Hector Durville, einem einschlägigen Verlag für Okkultismus, das Sepher Ietzirah. 1923 erschien bei der Tipografia Lumina Moldovei in Iași eine Übersetzung der Tehillim, Psaltirea lui David tălmăcită după textul biblic. Auch diese Comtesse dürfte es nie gegeben haben, aber wer immer sich hinter ihr verbarg, konnte Hebräisch und lieferte, ganz wie Jean, genau das, wonach zur jeweiligen Zeit gesucht wurde. Es sieht fast so aus, als hätte sich die Marktlücke, die Jean mit seinem Tod 1903 nicht mehr füllen konnte, nur ein Jahrzehnt später neu gefüllt.
Hier könnte die Reise beendet sein, wenn wir Dr. Noack 6 (die erwähnte Theologin) vertraut hätten. Sie hat die Taufe von Bri(e)mann im Kirchenbuch der St. Nilolaikirche, Berlin (Seite 151, lfd. Nr. 187) im Jahre 1881, gefunden: »Brimann, Aaron Israel, geb. 15.06.1859 in Doline, Krs. Costenesti, Provinz Botoschau in Rumänien«. Gemeint sind Costinești und Dolina in der Gemeinde Leorda im Kreis Botoșani. Sehr sehr kleine Dörfer im Osten Rumäniens. Offenbar war die Schrift unleserlich Frau Noack hat aus Botoschani (Botoșani) Botoschau gemacht. Dann aber wertet sie die Sterbeurkunde von Aron Gerechter aus. Warum Aron Gerechter? Weil Brimann das Pseudonym »Justus« wählte, fand Noack das naheliegend als neue Identität. Denn Brimann war nach seiner letzten Verurteilung 1885 (in Wien) zu Landesverweisung »verschwunden«.
Nur: Bei Aron Gerechter handelte es sich um eine andere Person. In der Sterbeurkunde (Standesamt Berlin XIII A) steht: »Aron Gerechter, gestorben am 7. März 1934 in Berlin (Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde), 63 Jahre alt, wohnhaft Berlin, geboren in Jarotschin, Polen (also Jarocin).« 1934 minus 63? 1871. Das ist definitiv das falsche Geburtsjahr (auch wenn Brimann vielleicht kreativ mit diesen Angaben umging). Aron Gerechter ist nicht Aron Israel Briman gewesen. Bei den Standesämtern Berlins sind zudem auch Urkunden für die Frau von Gerechter auffindbar. Viel früher schon gab es ihn als Person. Gerechter schrieb übrigens ein Buch zur Einführung ins Judentum: »Hannah – Versuche zur Einführung in das jüdische Leben«. Die Nennung des Buches unter dem Stichwort »Aron Israel Brimann« wird dem Werk natürlich in gar keiner Weise gerecht. Man sollte ihn rehabilitieren.

Sterbeurkunde von Aron Gerechter
Die Aktivitäten von Jean beginnen, nachdem Brimann von der Bildfläche verschwand. Möglicherweise ging er von Österreich in die Schweiz und erfand sich neu. Vielleicht hat er dazu einen Adelsnamen verwendet, den er bereits kannte. Brimans Geburtsdorf und das Gut, das seit den 1860er Jahren dem Adeligen Ion Pavly gehörte, liegen praktisch im selben ländlichen Grenzgebiet zwischen den Kreisen Iași und Botoșani, beide am Prut (in dessen unmittelbarer Nähe jedenfalls). Für jemanden aus dieser Gegend war der Name »Pavly«, Besitzer eines der größeren Güter der Gegend, bekannt. Ein interessanter Zufall, dass beide später mit der Schweiz zu tun hatten. Würde man von dem einen Ort zum anderen fahren, käme man durch Ștefănești. Jenem Ort, aus dem der imaginäre Rabbiner stammt, der de Pavly geholfen haben soll.
Die Teile des Puzzles passen nun zusammen. Die Ortsnamen, die Herkunft und die Kenntnisse.
Was seine Lebensgeschichte bis zu dem Punkt betrifft, an dem als neue Person aufsteht, lassen wir einfach die »Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung« vom 25. März 1885 zu Wort kommen.
Vorige Woche wurde ein gefährlicher Schwindler namens Aron Briemann, der sich den Namen Dr. Brimanus beilegte und als Dr. Justus durch Brochüren antisemitischen Charakters von sich sprechen machte, verhaftet. Die Nachricht von dieser Verhaftung dürfte in Deutschland in zahlreichen Kreisen keine besondere Überraschung, wohl aber das Gefühl der Genugtuung darüber hervorrufen, dass Briemanns gemeingefährlicher Tätigkeit endlich ein Ende gemacht wurde. In der Maske eines gelehrten und frommen Mannes trat er auf, um diejenigen, die ihm in die Falle gingen, leichter betrügen zu können. Wir entnehmen einem uns zur Verfügung gestellten Briefe, welchen ein Gelehrter in Wien am 6. Jänner d. Z. von Rabbiner Dr. Hildesheim in Berlin erhalten hat. Folgendes: Vor fünf Jahren kam der galizische Jude Aron Briemann nach den Haag. Dort wußte er sich durch verstellte Frömmigkeit insbesondere bei zwei frommen Familien so beliebt zu machen, dass diese ihn wie einen Heiligen verehrten. Diese Verehrung ging so weit, dass die Mitglieder dieser Familien, welche bei ihm Unterricht im Talmud nahmen, bei der jedesmaligen Nennung seines Namens sich erhoben. Vor vier Jahren gab Briemann ein hebräisches Reallexikon heraus, dessen Kosten seine Schüler bestritten, welche übrigens ihn und seine in Galizien lebende Familie unterstützten. Vor drei Jahren kam Briemann zu mir und wurde, da ich so viel Schönes von ihm gehört, mit den höchsten Ehren empfangen. Er erzählte, dass er von Wien komme, wo er einen Posten als Rabbiner erhalten sollte, und wieder nach den Haag zurückreise. Dabei lieh er sich 25 Mark, welche ihm angeblich zum Reisegelde fehlten, aus. Diese Erzählung war jedoch erlogen. Er war vielmehr in Berlin gewesen und zum Protestantismus übergetreten. Neun Monate später erhielt ich von seinem Schwiegervater einen erschütternden Brief, in welchem dieser Herr ersuchte, ihm Auskunft über seinen »Schwiegersohn, den Rabbiner«, zu geben, von welchem Weib und Kinder schon so lange Zeit ohne jede Nachricht seien. Als der Schwiegervater erfuhr, dass Briemann sich habe taufen lassen, drang er aus die Scheidung desselben von seiner Tochter. Briemann war aber verschwunden. Es wurden Recherchen nach ihm bei Paulus Cassel, beim protestantischen Oberprediger Bauer und beim protestantischen Prediger de la Roy, der Übertritt Briemanns vermittelt und zum Abschlüsse gebracht hatte, angestellt. Der Letztere erzählte, dass Briemann zur Fortsetzung seiner Studien zu einem Pfarrer im Sächsischen dirigiert worden sei. Das war jedoch nicht der Fall. Inzwischen wurde bekannt, dass Dr. Briemann mit Dr. Justus identisch sei. Wir haben ihn bis heute nicht gefunden. Das ist nicht zu verwundern; denn Briemann verschwand bald von dem Schauplatz seiner protestantischen Tätigkeit und trat zum Katholizismus über. Er verfaßte unter dem Pseudonym Dr. Justus den berüchtigten Judenspiegel, eine Zusammenstellung angeblich christenfeindlicher Stellen im Talmud. Interessant für die Brauchbarkeit Briemanns ist folgende Tatsache: Eine preußische Zeitung war wegen des Abdruckes von Stellen aus dem Judenspiegel von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religions-Genossenschaft in Anklagezustand versetzt worden. Bei dem Prozesse, welcher dem Blatte gemacht wurde, fungierte der Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Münster als Sachverständiger. Nachträglich verfaßte er eine objective Beleuchtung des Judeuspiegels. An dieser objectiven Beleuchtung eines von ihm selbst verfaßten Werkes hat nun Briemann selbst mitgearbeitet. Wir haben schon erzählt, dass er in Österreich zu einigen hohen, kirchlichen Funktionären in intimere Beziehungen trat. Er hatte sich hoher Protektion zu erfreuen; so sollte in Innsbruck eine von ihm zu verfassende Übersetzung des Talmud unter hoher Ägide erscheinen. Dazu kommt es nun nicht. Wohl hat er aber seine Anwesenheit in Innsbruck dazu benützt, sich dort zu verloben. Von Wien aus richtete er jedoch an seine Innsbrucker Braut ein Schreiben des Inhalts, dass er ihr die Freiheit gebe, da er sich die Sache inzwischen überlegt und eine Andere heiraten wolle. Er hat auch einige andere sehr schmutzige Schwindeleien verübt, über die sich vorläufig noch nicht berichten läßt. Es ist jedoch in Anbetracht seiner interessanten Vergangenheit nicht zu zweifeln, dass man bald mehr von seinen Taten hören wird.
Die Zeitung nannte ihn zwar einen galizischen Juden, möglicherweise, weil seine Frau und seine Kinder (sofern auch das ansatzweise stimmte) in Buczacz lebten. Adolf Rothenbücher berichtete 1895, dass Bri(e)mann Frau und Kind in Rumänien zurückließ. 7
Tatsächlich hörte man danach von Bri(e)mann, wenn man nun die Aktivitäten des Jean de Pavly hinzurechnet. Zwischen den Zeilen lernen wir, dass Aron Israel, alias Jean charismatisch war. Er verstand es durchaus, die Menschen für sich zu begeistern. Das scheint offenbar auch für Frauen gegolten zu haben. Ein Betrüger, ganz klar. Die Kollegen von der »Jüdischen Presse« hatten also Recht. Nun wird fast ein gesamtes Leben daraus. Wir wissen nur leider (noch?) nichts über sein Leben vor seinem Auftauchen in Deutschland. Fraglich ist sogar der Name »Brimann«, denn der scheint nirgendwo anders verwendet zu werden. Bermann vielleicht? Die Suche geht weiter.
Scholem, Gershom. Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Suhrkamp, 1980. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 330. Seite 419 ↩︎
Etudes et correspondance de Jean de Pauly relatives au Sepher ha-Zohar, Paris 1933 ↩︎
Waite, Arthur Edward. The Secret Book. The Occult Review, Bd. 53, März 1931, S. 189–92. ↩︎
Die jüdische Presse, Jahrgang 21, Ausgabe 28 vom 10.7.1890, Seite 337 ↩︎
Als Geburtsort des Vaters vermerkt der Standesbeamte »Switzerland«, als dessen Sprache »German«. Sie selbst stammt jedoch nicht aus der Schweiz, sondern, wie es in ihren Unterlagen heißt, aus Frankreich. ↩︎
Hannelore Noack: Unbelehrbar? Antijüdische Agitation mit entstellten Talmudzitaten: antisemitische Aufwiegelung durch Verteufelung der Juden. University Press Paderborn, Paderborn 2001 ↩︎
Sohar, Talmud und Antisemiten, Adolf Rothenbücher, Berlin, 1895, Seite 55 ↩︎
