In der vergangenen Woche schrieb ich an dieser Stelle über die großen Fails (so nennt man das wohl im Allgemeinen) der »performativen Israelsolidarität«. Der »Fall« Sophie von der Tann wurde exemplarisch genannt. Die extrem personenorientierte Medienkritik löste eine breite Solidarisierung (also mit Sophie von der Tann) aus.

Am 30. Januar 2026 erschien dann das neueste Heft der »Blätter für deutsche und internationale Politik« (gutes neues Layout übrigens). Der Politikwissenschaftler Dr. Wolfgang Kraushaar breitet hier eine andere Theorie aus (»Exempel an Sophie von der Tann – Wie die Israel-Berichterstattung von innen und außen attackiert wird« siehe Artikel hier online). Die zentrale These des Artikel lautet, Sophie von der Tann sei das Opfer eines »orchestrierten Angriffs«.

Gehen wir einen Schritt zurück und schauen, was »orchestrierter Angriff« im Leser auslöst. Richtig. Es geht um einen zentral gesteuerten Angriff mit verschiedenen Mitteln. Alle Mittel, bei einem Angriff ja wohl eher »Waffen«, unterstehen zentraler Kontrolle. Ein solcher Vorwurf muss genauestens belegt werden. Insbesondere wenn wir über den jüdischen Kontext sprechen, denn sonst rutschen wir schnell in Mutmaßungen über den Topos des »Strippenziehers«. Hier kann man ausrufen: »Wow, mach mal langsam. Heftiger Vorwurf.« Und das mit Recht. Deshalb unterlassen wir das hier. Aber so ähnlich funktioniert der Text von Dr. Kraushaar. Er führt den Text mit einer Betrachtung von Kritik am »Staatsfunk« ein, die besonders diejenigen äußern, die mit dem Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk (ÖRR) nichts anfangen können, weil er die Demokratie stärkt. Die Kritik an der Nahost-Berichterstattung wird hier also schon initial in ein seltsames Licht gerückt. Dabei ist doch gerade der Austausch über die Inhalte des ÖRR ein Bestandteil des demokratischen Diskurses.

Kraushaar schreibt, es gäbe eine »Reihe von Indizien« für einen »orchestrierten Angriff« und nennt eine kleine Anzahl von Akteuren, die sich an Sophie von der Tann abgearbeitet haben. Begonnen bei Israels Botschafter Ron Prosor, über Arye Shalicar bis hin zu Volker Beck. Verstehen wir uns nicht falsch! Alle diese Wortmeldungen hat es gegeben, letztendlich unterstützt das jedoch meine These von einer Situation, in der sich verschiedene Mitspieler mit besseren Takes überbieten wollen.

Bei Wolfgang Kraushaar wird das etwas dramatischer geschildert. Das funktioniert dann mit einer solchen Formulierung: »… weil Shalicar offenbar über einen direkten Kontakt verfügt, der mitten ins Machtzentrum der Regierung Netanjahu führt.« Tatsächlich ist Shalicar für den türkischsprachigen 𝕏-Account der Tzahal im Einsatz und war kurz nach dem 7. Oktober für die Betreuung der deutschsprachigen Presse verantwortlich. Auf seinem eigenen 𝕏-Account hatte er kein besonders gutes Händchen, sein Auftreten war/ist alles andere als diplomatisch und eher nicht dazu geeignet, neue Herzen für die Bewohner Israels zu öffnen. Er scheint gerne das letzte Wort haben zu wollen. So kann man das wohl freundlich formulieren.

Kritik von Prosor, hätte die WELT aufgegriffen und auch die »Jüdische Allgemeine«, bei der (eine Kraushaar-Formulierung) »der Zentralrat der Juden in Deutschland … die führende Rolle spielt.«. Fakt ist: Die JA gehört zum Zentralrat. Vielleicht sollte man das einfach so schreiben. Deren Chefredakteur, Philip Engel, führt Kraushaar mit den Worten ein: der »es fertiggebracht hat, das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen als ›fürsorglich‹ zu deklarieren«. Dafür gibt er jedoch keine Quellenangabe an. Dann sei auch Esther Schapira in der FAZ in die Geschichte eingestiegen.

Ein weiterer Kronzeuge für ihn ist der Artikel »German Journalists Covering Gaza and Israel Decry Embassy’s ‘Atmosphere of Intimidation‘« von David Issacharoff auf haaretz.com. Der Artikel listet ebenfalls eine Reihe von Personen auf, die sich gegen von der Tann stellten, weist aber keine »Befehlskette« nach. Kraushaar hingegen sieht in dem Artikel den Nachweis dafür, »dass die Kampagne vom israelischen Außenministerium in Jerusalem initiiert und von der israelischen Botschaft in Berlin umgesetzt worden sei«. Die Berichterstatterin der ARD wäre also ziemlich wichtig. Das ist interessant, weil Kraushaar ein paar Zeilen zuvor schreibt, Esther Schapiras Behauptung, eine mangelhafte Berichterstattung trage zu einem vergifteten Klima (meine Formulierung) für Deutschlands Jüdinnen und Juden bei »spricht wohl eher für eine gewaltige Überbewertung des Einflusses des ÖRR« (Kraushaars Formulierung). Also was nun? So wichtig, dass sich das Außenministerium darum kümmert oder überbewertet?

Aber damit nicht genug. Kraushaar bläst die Geschichte von Haaretz noch etwas weiter auf. Aus diesem Satz:

»Ambassador Prosor’s name rarely appears alone in the conversations with Haaretz for this story. It is always followed by a mention of Shalicar, who is seen by many as Prosor’s more outspoken lieutenant.
Der Name von Botschafter Prosor taucht in den Gesprächen mit Haaretz zu diesem Thema selten allein auf. Immer folgt darauf eine Erwähnung von Shalicar, der von vielen als Prosors eher offenherziger Stellvertreter angesehen wird.« von hier haaretz.com

macht Kraushaar das hier:

»… hat viele Gesprächspartner des ›Haaretz‹-Autors dazu veranlasst, in Shalicar ›eine Art loyales Megafon für den Botschafter‹ zu sehen.«

Das Wort »loyal« taucht im Haaretz-Artikel nicht einmal auf. Warum wird es dann als Zitat markiert?

Zu Volker Beck schreibt Kraushaar: »… der seit langem als einer der getreuesten Gefolgsleute der Regierung Netanjahu gilt«. Bei wem und wo das konkret nachzulesen ist, erfahren wir erneut nicht. Er legt uns also keine Belege vor.

David Issacharoff von Haaretz schreibt, ein deutscher Korrespondent in Israel habe ihm gesagt, er betrachte das Vorgehen gegen Sophie von der Tann mit Sorge, weil es ja in der Öffentlichkeit Vorbehalte gegen den ÖRR gäbe:

»›They understand how easy it is because of distrust with public broadcasting in Germany,‹ one correspondent says. This trend is both troubling and ironic, he adds, because it effectively sees Israel join far-right forces like the Alternative for Deutschland (AfD) who are waging these campaigns for their own reasons.«

Die beste Übersetzung dieses Satzes ist:

»›Sie verstehen, wie einfach das ist, weil es in Deutschland Misstrauen gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt‹, sagt ein Korrespondent. Dieser Trend sei sowohl beunruhigend als auch ironisch, fügt er hinzu, da Israel sich damit faktisch rechtsextremen Kräften wie der Alternative für Deutschland (AfD) anschlösse, die diese Kampagnen aus ihren eigenen Gründen führen.«

Was macht Dr. Wolfgang Kraushaar daraus?

»… wie leicht es wegen des in Deutschland grassierenden Misstrauens gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen sei, über eine ihrer Repräsentantinnen den Stab zu brechen. Ironischerweise pflege der israelische Staat unter Premier Benjamin Netanjahu besonders enge Beziehungen zu rechtsextremen Kreisen, insbesondere der AfD. Damit ziehen die beiden gegenwärtigen Hauptkritiker des ÖRR faktisch an einem Strang.«

Der Bericht von David Issacharoff wird also hier (bewusst?) falsch paraphrasiert. Aus dem »join far-right forces« (Kontext beachten) macht er eine bestehende Beziehung.

Warum macht Kraushaar das? Warum wird hier eine »orchestrierte Attacke« konstruiert?

Die Antwort auf die Frage ist reine Spekulation. Vielleicht: Weil er vielleicht meint, Kritik an Sophie von der Tann sei so weit hergeholt, dass sie nur eine Quelle haben könne. Damit schlösse er sich der »das ist eine Kampagne« Verteidigung an, die fest die Augen vor der Tatsache verschließt, dass man tatsächlich (eventuell auch mal empirisch) betrachten sollte, wie ausgewogen die Berichterstattung tatsächlich ist. Die Pointe ist meist, dass pro-palästinensische und pro-israelische Zuschauer oftmals den gleichen Vorwurf gegen die gleichen Medien erheben.

Wir könnten aus der Betrachtung der Causa viel über die Bedeutung sozialer Medien und Gruppendynamik lernen. Was passiert, wenn sich Akteure versuchen, gegenseitig zu übertreffen und wieder Applaus abzuholen?

Wenn die Debatte um Sophie von der Tann eine orchestrierte Aktion gewesen sein sollte, dann würde ich als Kopf der Aktion mein investiertes Geld zurückwollen. Denn bewirkt hat sie ja genau das Gegenteil.

Der Text von Dr. Wolfgang Kraushaar ist also keinesfalls hilfreich und die »Blätter für deutsche und internationale Politik« täten vielleicht gut daran, ihn einer Prüfung zu unterziehen. Und Dr. Kraushaar täte vielleicht gut daran, uns über seine Motivation für die Konstruktion aufzuklären.

Zusatz: Kritik an der Berichterstattung des ÖRR ist nicht neu. Ich habe darüber seinerzeit schon mit Alexander von Sobeck diskutiert, der bis 2003 in Tel Aviv Korrespondent war. Damals gab es eine Erhebung zum Thema ausgewogene Berichterstattung, die allerdings nur die Frequenz der gezeigten Bilder auswertete – nicht der gesprochenen Begleittexte.1


  1. Am 09. und 10. Dezember 2002 lud die Bundeszentrale für politische Bildung zu einer Tagung mit dem Titel »Lernt den Bildern zu misstrauen…Die Fernsehberichterstattung über den Nahost-Konflikt.« Im Rahmen der Tagung (diese wandte sich vor allem an Multiplikatoren) wurde eine Studie des Instituts für empirische Medienforschung GmbH mit dem Titel »Die Nahostberichterstattung in den Hauptnachrichten des deutschen Fernsehens« vorgestellt. Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung sollte das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1 betrachten. Sie sollte eine systematische Inhaltsanalyse leisten, um die langfristige Entwicklung der aktuellen Fernsehberichterstattung über den Nahen Osten quantitativ, strukturell und inhaltlich zu beschreiben. Entsprechende Daten lieferte die Studie jedoch nicht, genauso genommen wertet sie lediglich aus, welche Bilder wann, wie oft, in welcher Länge gezeigt wurden. Die wirklich meinungsbildenden Kommentare vor den Bildern und nach den Bildern wurden nicht ausgewertet. So erscheinen in der Studie die gezeigten Bilder ausgewogen zu sein, der Kontext wurde jedoch ausgeblendet und so kam die Studie zu keinem wirklich verwertbaren Ergebnis. Alexander von Sobeck berichtete mir, welchen Fortschritt er gemacht habe. Er sage seit einiger Zeit statt »Juden« »Israelis«. ↩︎