Zwei einfache Sachlagen. Die einfache Präsentation der Fakten sollte es nachvollziehbar machen, welche Problemlage entstanden ist.

In Düsseldorf fand im Januar eine Veranstaltung mit der Künstlerin Basma Al—Sharif statt. Ihr Instagram-Account lässt erahnen, dass sie den Staat Israel vollständig ablehnt, immerhin nennt sie ihn »das zionistische Gebilde«. Oder sie hantiert mit dem »roten Dreieck« herum, mit dem Feinde der Hamas markiert werden. Eher niemand, der in einer öffentlichen Einrichtung auftreten sollte. Wir wissen, die Veranstaltung fand statt.

Sophie von der Tann berichtete so aus Israel, dass man auf die hätte kommen können, sie sei voreingenommen. Sie erhielt den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für ihre Berichterstattung und ist für den Grimme-Preis nominiert.

Zwei einfache Fälle. Aber in beiden Fällen haben diejenigen, die auf die Probleme gezeigt haben, als Katalysatoren für Solidarität gewirkt. Warum?

Beide Ereignisse sind ein Beispiel für das wirkungslose, ja eigentlich kontraproduktive, Agieren der »performativen Israelsolidariät«, die letztlich nur für eigene Bubble agiert (und Beifall aus dieser) und das eigentliche Ziel längst aus den Augen verloren hat. Empathie für Israel zu wecken. In den beiden genannten Fällen haben die »Performativen« das Gegenteil erreicht. Breite Solidarität mit den Zielen der jeweiligen Aktionen.

Am Ende blieb der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf nur die Demonstration gegen das, was in der Kunstakademie vor sich ging. Kein großer Gestaltungsspielraum und obendrein noch die Demütigung durch Studentinnen und Studenten, die sich über die Demonstration lustig gemacht haben.

Was lief alles schief?

Der Zeitpunkt. Die Veranstaltung war schon lange geplant, aber der Widerspruch regte sich erst wenige Wochen vor der Veranstaltung.

Die Sachlage. Die Veranstaltung fand im Rahmen einer Reihe statt, die Studentinnen und Studenten der Kunstakademie in eigener Regie organisieren. SPARTA heißt der offene Raum dazu. Im vergangenen Jahr ging es dort übrigens auch um Antisemitismus. Die Kunstakademie ist also tatsächlich nicht die Organisatorin der Reihe. Die Verantwortung tragen jene Studentinnen und Studenten, die den Kampf gegen Israel als modische Erscheinung dieser Tage mittragen (siehe auch hier).

Die Ansprechpartner. Das Organisationsteam wäre der erste Ansprechpartner gewesen. Leicht, die Doppelmoral aufzudecken. Es lag auf der Hand, dass entweder die Studentinnen und Studenten oder die Akademie die Kunst- oder die Redefreiheit ins Feld führen würden.

Dementsprechend wäre eine Konfrontation mit einer ähnlichen Aktion in »umgekehrte« Richtung interessant gewesen. Eine kleine Ausstellung zum Terror der Hamas im Bereich der Akademie. Die Studentinnen und Studenten haben etwas dagegen? Wie sieht es mit der Kunstfreiheit aus? Können wir noch einmal über Al-Sharif sprechen? Zudem stand fest, dass die Leitung der Akademie sich auf das Organisationsteam zurückziehen würde. Jeder Ruf nach hierarchischer Regulierung wäre natürlich mit einer Solidaritätsbekundung gegen »Zensur« verbunden. Das hätte allen schon klar sein müssen. Auf der anderen Seite haben sich die Organisatoren hinter der Leitung der Akademie versteckt. Übernehmen sie also Verantwortung oder nicht? Offensichtlich reicht dafür der Mut nicht aus. So versteckt man sich hinter einem Erwachsenen. Politisch mündig? Amüsant, das im Vorfeld aufzudecken und zu demaskieren.

Die Kommunikation. Die Ruhrbarone, einst einmal ein interessanter Blog zum Ruhrgebiet, und das »Jüdische Forum in der CDU NRW« legten es nicht einmal darauf an, Verständnis zu wecken und ließen die Muskeln spielen. Ein offener Brief, der versuchen wollte, die Leiterin der Kunstakademie in die Ecke zu drängen, bewirkte – korrekt – genau das Gegenteil. Trotz. Vielleicht sogar Solidarisierung.

Wer waren die Organisatoren? Wäre es nicht nachvollziehbar für alle gewesen, von den Bemühungen zu erfahren, die im Vorfeld stattfanden, um das SPARTA-Team von der negativen Wirkung ihrer geplanten Einladung zu überzeugen? Wie haben sie reagiert? Hohn? Unverständnis? Rückzug auf die Leiterin der Akademie?

Das Problem: Das k(l)ickt nicht. Es erfordert Geduld, unnachgiebige Akteure mit diplomatischem Geschick. Viele der Schritte sind nicht immer für die Öffentlichkeit geeignet. Wesentlich leichter ist es, markig aufzutreten und etwas in die Öffentlichkeit zu schreiben.

Der Fall SvdT

Eines steht fest: Sophie von der Tann wurde durch die Personalisierung der Debatte noch bekannter – und die Kritik an ihrer Berichterstattung führte zu einer Solidarisierungswelle innerhalb der Medienlandschaft.

Die Debatte um den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für von der Tann lenkte von der strukturellen Voreingenommenheit der Berichterstattung ab und machte sie zur Symbolfigur.

Statt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen (etwa einseitiges Framing, Ausblenden der Hamas) zu führen, solidarisierten sich viele Journalisten mit ihr – etwa durch einen offenen Unterstützungsbrief, unterzeichnet von Kollegen mit ähnlicher Berichterstattungslinie (z. B. aus SZ, Spiegel). Das passte gut, denn weil die Kritik so sehr persönlich war, konnte eine inhaltliche Auseinandersetzung umgangen werden. Kritik daran gibt es übrigens schon sehr lange.

Die Kritik (u. a. von Esther Schapira, Lorenz S. Beckhardt) wurde als »ideologisch« oder »kampagnenartig« abgetan, was die Abwehrhaltung weiter verstärkte.

Die Kritiker wollten auf institutionelle Verzerrungen hinweisen (im besten Falle, im schlechtesten ging es um einen schnellen Gewinn auf dem Social Media Spielfeld der eigenen Bubble) – erreichten aber durch die Fokussierung auf von der Tann das Gegenteil: eine Stärkung ihrer Position und eine Polarisierung, die die inhaltliche Debatte überlagerte.1 Gleiches passierte in Düsseldorf.

Wollen wir noch weiter zurückgehen? Stichwort »Ruhrtriennale«, und Achille Mbembe. Das Vorgehen war so unterkomplex und so performativ, dass es genau so scheiterte, wie das Vorgehen gegen Al-Sharif und von der Tann. Immer das gleiche Schema abspielen und immer ein anderes Ergebnis erwarten…

Was ist zu tun?

Die umsichtigen Akteure, denen es nicht um persönliche Reichweite, sondern um das Thema geht, sollten sich suchen und besser vernetzen. Sie benötigen breite Schultern – und vor allem: einen Plan, der über empörte Tweets und offene Briefe hinausgeht. Doch wer würde in dieser Blase schon zugeben, dass die eigene Strategie seit Jahren versagt?

Vielleicht ist das ja gerade der Punkt: Manche Debatten sind nicht dazu da, gewonnen zu werden – sondern nur, um die eigene Moral zu bestätigen.

Übrigens: Der offene Brief des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender (NJH) argumentierte etwas nüchterner und nachvollziehbarer. Leider mit weniger Aufmerksamkeit.


  1. Für eine ausführliche Behandlung dieses Themas, siehe Daniel Rotstein auf perlentaucher.de ↩︎